Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In einer Welt, in der die Macht der Menschen vergangen ist, bestimmen Drachen den Lauf des Schicksals. Die Anhänger zweier verfeindeter Brüder bereiten sich auf den Krieg vor, der darüber entscheidet, ob die Menschheit weiter besteht oder untergeht. In diese Welt hinein wird Jakob geboren - ein geflügeltes Menschenkind, dazu ausersehen, die Herrscher des Himmels und das Volk der Erde wieder zu vereinen. Doch der Pfad seiner Bestimmung führt Jakob durch das Feuer und die Dunkelheit und immer weiter fort von jenen, die ihn lieben.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 625
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Michael Alexander Barysch, geboren 1985, studierte nach dem Abitur Wirtschaftspsychologie und Wirtschaftswissenschaften und arbeitet hauptberuflich als Personalentwickler in Köln.
Bereits während des Studiums begann er zu schreiben. Nach anfänglichen Gedichten, Liedern und Kurzgeschichten unterschiedlichster Richtungen stellt "Der Erbe Des Feuers" seinen ersten veröffentlichten Roman dar.
Mit seiner Frau sowie den beiden Söhnen lebt er in seiner Heimatstadt Bergisch Gladbach.
für Nicole & unsere Jungs
Prolog
Teil I
Kapitel 1 – Die schwarze Horde
Kapitel 2 – Nacht
Kapitel 3 – Sorgen
Kapitel 4 – Jagd
Kapitel 5 – Das Südgebirge
Kapitel 6 – Nach Norden
Kapitel 7 – Vergangenheit
Kapitel 8 – Gesellschaft
Kapitel 9 – Strand
Kapitel 10 – Flucht
Kapitel 11 – Gewölbe
Kapitel 12 – Höhle
Teil II
Kapitel 1 – Die schwarze Horde
Kapitel 2 – Hoffnung
Kapitel 3 – Neue Heimat
Kapitel 4 – Besucher
Kapitel 5 – Erste Begegnung
Kapitel 6 – Entdeckt
Kapitel 7 – Untersuchung
Kapitel 8 – Drachentöter
Kapitel 9 – Fremder
Kapitel 10 – Durch den Wald
Kapitel 11 – Ungekannte Gefühle
Kapitel 12 – Rückkehr
Kapitel 13 – Schatten
Teil III
Kapitel 1 – Der schwarze Drache
Kapitel 2 – Neue Gefährten
Kapitel 3 – Der Stein des Lichts
Kapitel 4 – Wut und Hass
Kapitel 5 – Auftritt
Kapitel 6 – Nächtliche Zusammenkunft
Kapitel 7 – Führung
Kapitel 8 – Suche
Kapitel 9 – Vergeltung
Kapitel 10 – Verräter
Kapitel 11 – Tiefer Fall
Kapitel 12 – Freunde und Väter
Kapitel 13 – Ankunft
Kapitel 14 – Gebrochene Bande
Kapitel 15 – Verlust
Teil IV
Kapitel 1 – Folter
Kapitel 2 – Unterhaltung
Kapitel 3 – Enttäuschung
Kapitel 4 – Gänge
Kapitel 5 – Insel
Kapitel 6 – Schuld
Kapitel 7 – Öffnung
Teil V
Kapitel 1 – Die schwarze Horde
Kapitel 2 – Familien
Kapitel 3 – Der Eiserne See
Kapitel 4 – Kriegsgerät
Kapitel 5 – Demonstration
Kapitel 6 – Einberufung
Kapitel 7 – Seelenlose
Kapitel 8 – Vorkehrungen
Teil VI
Kapitel 1 – Die Siedlung im Stein
Kapitel 2 – Vereint
Kapitel 3 – Gegen das Vergessen
Kapitel 4 – Väter
Kapitel 5 – Enge
Kapitel 6 – Stärkung
Kapitel 7 – Kindertage
Kapitel 8 – Rat
Kapitel 9 – Rost
Teil VII
Kapitel 1 – Die schwarze Horde
Kapitel 2 – Vertraute
Kapitel 3 – Brüder
Kapitel 4 – Auftrag
Kapitel 5 – Suche
Kapitel 6 – Zaghafte Begegnung
Kapitel 7 – Öffnung
Kapitel 8 – Kunde
Kapitel 9 – Wiedersehen
Kapitel 10 – Nahende Gefahr
Kapitel 11 – Beisammensein
Kapitel 12 – Angriff
Kapitel 13 – Gemeinsamer Feind
Kapitel 14 – Verbindung
Epilog
Lea rannte durch den zugewucherten Wald und zwang sich, nicht nach hinten zu blicken. Sie wusste nicht, wie weit sie sich schon vom Dorf entfernt hatte, aber ihre Beine fühlten sich schwach an und lange würde sie nicht mehr durchhalten können. Hinter sich hörte sie das dumpfe, bedrohliche Schlagen der Flügel. Sie wusste, dass ihr, solange sie sich im Wald bewegte, nichts passieren würde. Sie wusste aber auch, dass sie nicht ewig rennen konnte und ihre Chancen zu entkommen verschwindend gering waren.
Trotzdem rannte sie immer weiter. Wenn sie Glück hatte, würde sie es vielleicht bis zum großen Strom schaffen. Auch, wenn er sie stark mit sich reißen würde, war es wahrscheinlicher, dass sie im Wasser überlebte. Also lief sie weiter. Das Schlagen hinter ihr wurde immer lauter und Lea hörte die Vögel, die sich panisch zwitschernd aus den Bäumen erhoben um der Gefahr zu entgehen.
Sie sah einen Schwarm Schwalben in ihrer Richtung hoch über sie davon fliegen. Flügel, dachte Lea. Man müsste Flügel haben und davon fliegen. Ein paar steile, überraschende Kurven fliegen und das schwerfällige Ungetüm hinter sich lassen. Aber noch als sie das dachte, verfinsterte sich der Wald, und dort, wo sie vorher viele kleine schwarze Punkte sah, tauchte plötzlich das Ungeheuer auf und glitt majestätisch über den Baumkronen entlang.
Lea strauchelte. Auch, wenn sie diesen Anblick erwartet hatte, hätte sie nie mit einem so großen Tier gerechnet. Ihr Fuß verfing sich in einer Wurzel und sie fiel. Mit dem Gesicht schlug sie auf einen flachen Stein auf. Als sie aufstand, wankte sie und hielt sich ihren Kopf. Unter ihrer Hand rann das Blut langsam ihre Stirn herunter. Sie schaute verängstigt zu den Baumwipfeln hinauf, aber das Ungetüm war fort.
Sie hörte auch nicht mehr das Schlagen der gewaltigen Flügel. Langsam drehte sie sich, um die Orientierung wieder zu erlangen, und ging unsicher einen kleinen, laubbedeckten Hügel hinauf, um weiter sehen zu können. In der Ferne zwischen den Bäumen erkannte sie ein leichtes Schimmern und spürte wieder Hoffnung und damit auch wieder ein wenig mehr Kraft. Lea zwang sich, einen klaren Kopf zu bekommen und begann etwas schneller zu laufen. Nach ein paar Schritten hatte sie sich wieder gefangen und rannte zu dem Wasser, das sie zwischen den Bäumen ausgemacht hatte.
Der Rand des Waldes näherte sich und Lea merkte, wie ihre Beine wieder schwächer wurden. Sie zwang sich zum Durchhalten. Der Fluss war schon sehr nah und sie konnte das plätschern des Wassers hören.
Plötzlich erkannte sie hinter der letzten Baumreihe eine große schwarze Silhouette und ihre Hoffnung verflog sofort. Der Drache hatte ihren Plan durchschaut, sich das Wasser zum Fluchtweg zu machen, und ihr den Weg verstellt. Lea hatte ihn zu spät bemerkt und noch nicht abgebremst. Aus dieser Entfernung war es kein Problem mehr, sie zu fangen. Er würde die vereinzelten Bäume mit seinem massigen Körper zur Seite knicken und hätte sie in drei Schritten eingeholt. Sie musste es anders versuchen.
Vielleicht würde es sogar funktionieren. Sie dachte sich, dass der Drache eher damit rechnen würde, dass sie zurück in den Wald lief. Stattdessen rannte sie weiter auf ihn zu. Tatsächlich erkannte sie in dem immer näher kommenden bedrohlichen Gesicht einen kleinen Anflug von Erstaunen, der sich jedoch schneller als sie dachte in ein fieses Lächeln verwandelte.
Es war zu spät, um umzukehren. Sie rannte weiter und erkannte langsam die wirklichen Ausmaße ihres ungleichen Gegners. Er war noch größer, als es ihr erschien, als er über sie hinweg gezogen war. Sein riesiger gepanzerter Körper verband die Kopfspitze mit dem gehörnten Schwanz über eine Länge von mindestens zwölf Schritten. Oberhalb der Ohren ragten auf jeder Seite zwei endlos lange Hörner schräg nach hinten. Er maß in der Höhe mindestens sechs Schritte und in der Breite stolze drei. Seine Flügel waren angelegt, aber als Lea ihm immer näher kam, breitete er sie aus und verdunkelte die Sonne mit einer Spannweite, die seine Körperlänge noch um fast das doppelte übertraf. Die Haut an den Flügeln war ledrig und ein wenig durchsichtig. Die Knochen lagen dunkel unter der dünnen Oberfläche. An den Flügelspitzen und an den vorderen Gelenken traten die Knochen spitz und bedrohlich aus der Haut hervor und bildeten lange Krallen. Sein Bauch war ebenfalls mit gewaltigen Panzerplatten übersäht und an seinen vierzehigen Füßen klafften lange, glänzende Krallen.
Als Lea an dem letzten Baum angekommen war, hob der Drache seine Vorderbeine und brüllte so laut, dass sie fast nach hinten gefallen wäre. Aber sie erkannte ihre Chance zwischen den Hinterbeinen des Drachen und lief gerade unter seinem schweren Bauch hindurch. Krachend ließ er sich wieder auf die Beine fallen. Lea tat einen schnellen Schritt zur Seite und fand sich hinter ihm wieder. Sie nahm Anlauf und schwang die Arme nach hinten, um Schwung für ihren Sprung zu holen.
Aber der Drache war schneller. Als sie sich in der Luft befand und sich schon mit verschlossenen Augen auf das Eintauchen in das Wasser konzentrierte, spürte sie einen heftigen Schmerz unterhalb ihrer Brust und danach einen schweren Schlag an ihrem Kopf. Er hatte sie in der Luft mit seinem stacheligen Schwanz wieder in Richtung Ufer geschleudert und sie gegen einen großen, abgebrochenen Baum katapultiert.
Lea lag reglos im Ufergras.
Kranak betrachtete zufrieden seine Beute. Er hatte fast eine Stunde gebraucht, um sein junges Opfer zu wittern. Sie war schneller, als er erwartet hatte. Und sie hatte ein besseres Gehör, als er erwartet hatte. Sie musste seine Schritte schon sehr früh gehört haben, als er sich langsam an sie heranpirschte. Es könnten aber auch die Vögel gewesen sein, die er aufgeschreckt hatte.
Auf jeden Fall wusste sie, was sie zu tun hatte und war losgerannt. Geradewegs in den Wald, in den er ihr nicht ohne weiteres hatte folgen können. Aber er wusste, dass sie sich nicht auf ewig in dem Wald aufhalten würde und den Weg zum Fluss suchen würde, wie es die meisten Menschen taten, die sich auf der Flucht vor seinesgleichen befanden. Also tat er das einzig logische und flog auf geradem Weg Richtung Flussufer.
Und da lag sie jetzt. In ihren verschwitzten Lumpen. Das Leder ihrer Kleidung sah abgenutzt und ausgebleicht aus. Die Sandalen hatte sie scheinbar schon früh verloren und ihre Füße waren mit Schürfungen übersäht. Ihre Knie waren bei dem Sturz, den er sah, als er sich über ihr befand, aufgeschrammt. Die Wunde an ihrem Kopf war kaum größer als zwei Daumenbreiten, hatte aber ihr blondes, lockiges Haar gerötet und verklebt. Durch Kranaks Attacke war das lumpige Kleid unterhalb der Brust aufgerissen und die Dornen an seinem Schwanz hatten eine stark blutende Wunde hinterlassen. Sie war schon halbtot. Er hörte schwach ihren Herzschlag, der immer langsamer und dumpfer wurde. Mit einem hämischen Grinsen im Gesicht und glänzenden Augen näherte er sich mit langsamen Schritten dem Mädchen.
Plötzlich erstarrte Kranak. Konnte das sein? War er tatsächlich so gierig auf dieses Stück Fleisch, das vor ihm lag, dass seine Wahrnehmung das Kommen seines eigenen Bruders nicht mehr hatte aufnehmen können? Es schien so, denn als er seinen Blick in Richtung der hohen Baumwipfel warf, sah er gerade noch, wie Tarok im Sturzflug auf ihn zukam. Er wollte einen Schritt zur Seite machen, aber Tarok erwischte ihn mit seiner Vorderpranke am Hals und schleuderte ihn auf die Seite.
Kranak raffte sich wieder auf. Tarok hatte sich am Ufer des Flusses postiert. Er war ein gutes Stück größer als Kranak und seine Haut war fast durchgehend weiß, mit mehreren silbern glänzenden Stellen. Er blickte grimmig auf seinen Bruder herab und begann langsam im Halbkreis um Kranak, der jede seiner Bewegung genau beobachtete, herumzugehen.
„Wie lange folgst du mir schon?“, fragte Kranak mit seiner tiefen, kraftvollen Stimme.
„Seit das Mädchen in den Wald gelaufen ist. Deine Sinne betrügen dich scheinbar schon, sobald du Menschenfleisch riechst.“ Taroks Stimme klang mächtig und überlegt.
„Eine kurze Übermacht der Triebe, denen ich mich oft nicht zu entziehen vermag. Du solltest es auch mal versuchen!“ Er machte eine kurze Pause und wartete auf eine Antwort seines Gegners, die jedoch ausblieb. Taroks Blick blieb standhaft und unberührt.
„Es ist lange her, dass wir uns begegnet sind. Scheinbar bist du zu beschäftigt mit den anderen“, fuhr Kranak fort.
„Du bist nicht mehr so oft auf der Jagd wie früher. Lässt du deine Schergen für dich die Drecksarbeit verrichten? Das würde erklären, warum ich dir, ohne dass du es merkst, folgen konnte.“
„Ja, es ist wahr. In letzter Zeit fehlt mir die Lust, selber hinter meiner Nahrung her zu hetzen. Aber scheinbar bist du unablässig hinter denen von uns her, die sich nicht deiner Meinung anschließen wollen, oder sehe ich das falsch?!“
Tarok knurrte kurz aber deutlich in Kranaks Richtung, der sich mittlerweile gegenüber postiert hatte und sich auf einen bevorstehenden Angriff konzentrierte.
„Was ihr tut, ist falsch!“, fuhr Tarok Kranak an. „Unsere Vergangenheit verbietet es uns, die Menschen als Beute zu betrachten. Das weißt du und ich werde nicht akzeptieren, dass du durch deine egoistische Lebensweise unser aller Existenz aufs Spiel setzt. Du greifst in unser Schicksal ein.“
„Schicksal, pah!“, spuckte Kranak aus. „Es sind Märchen, Mythen an die du glaubst, Tarok! Geschichten alter Drachen, die auf sich aufmerksam machen und Anerkennung erlangen wollen. Ich weigere mich, dies alles auch zu glauben! Das einzige, das ich akzeptiere, ist das Gefühl der Befriedigung, wenn ich menschliches Fleisch zwischen meinen Zähnen schmecke. Sie sind genauso eine niedere Rasse wie die Kühe und Schafe auf ihren Wiesen. Je schneller du das verstehst, umso wahrscheinlicher ist es, dass du nicht als Einzelgänger einsam stirbst oder eines Tages von denen, die du so leidenschaftlich verfolgst, vernichtet wirst – oder gar von denen, die du so aufopferungsvoll beschützt.“
„Unser Stamm ist Teil der Geschichte dieses Landes und seiner Völker. Unsere Familie und damit auch du und ich sind ein Teil von ihr. Die Sage ist wahr und es liegt in unserer Hand, alles dafür zu tun, dass der Weg zur Erfüllung der Prophezeiung beschritten werden kann! Wann wirst du endlich einsichtig? Wir brauchen die Menschen als unsere Verbündeten, sonst sind wir alle verloren.“
„Du warst schon immer ein Träumer! Du sahst und siehst die Dinge, wie du sie sehen möchtest und verschließt die Augen vor dem, was wirklich offenbar ist! Sieh endlich ein, dass es unser Schicksal ist, diese Welt zu beherrschen, und nicht, sie zu teilen!“
„Ihr werdet sie zerstören, diese Welt. Und ich werde das niemals zulassen. Das weißt du. Eher werde ich jeden von deinen Anhängern jagen und vernichten. Und der einzige Weg, den du einschlagen kannst, um das aufzuhalten, ist mich zu töten!“
Kranak richtete seinen Hals auf und blickte Tarok finster und entschlossen an. Tarok verlagerte sein Gewicht auf seine Hinterbeine und erwartete Kranaks Attacke.
„Du lässt mir keine andere Wahl“. Während er das mit leiser und ruhiger Stimme sagte, breitete Kranak seine Flügel aus und holte tief Luft, um dann mit lauter Stimme seinen Satz fortzusetzen: „Bruder!“
Er stürmte auf Tarok zu, der grimmig auf der Stelle stehen geblieben war.
In Kranaks Augen wuchs der Zorn und er setzte seinen Angriff fort. Als er kurz vor Tarok war, hob dieser die rechte Pranke und holte zu einem schnellen, harten Schlag gegen Kranaks Kopf aus. Dieser wankte kurz und Tarok setzte sich in Bewegung. Kranak richtete sich auf und schlang beide Vorderbeine um den Hals seines Bruders. Mit den Flügeln umschlossen sich die beiden mächtig Körper, sie stießen sich zur Seite und fielen. Tarok lag unten und Kranak krallte sich mit seiner Pranke in Taroks Brust. Tarok stemmte seine mächtigen Hinterbeine gegen Kranaks Bauch und stieß ihn mit einem lauten Brüllen von sich runter.
Kranak flog nach hinten über und Tarok schwang sich mit einem schnellen Dreher wieder auf die Beine. Er blickte hinter sich und sah seinen Gegner wieder auf sich zu kommen. Taroks langer, dorniger Schwanz bewegte sich zur Seite und erwischte Kranak am rechten vorderen Bein. Er strauchelte zur Seite und schlug mit seinem Kopf auf den Boden, den Tarok sofort mit seinen Beinen fixierte. Als Kranak sich zu wehren versuchte, drückte Tarok ihn fester auf den Boden.
„Gib auf, Kranak!“ Taroks Stimme klang eher flehend als fordernd.
Kranak begann zu lächeln und Tarok erkannte erst jetzt, dass sein Bruder den Schwanz direkt an die Kehle des Mädchens hielt, das immer noch an derselben Stelle lag und sich nicht rührte.
„Lass mich sofort los! Oder ist dir das Leben eines Menschen für viele Wert, die du durch meinen Tod retten würdest?“ Kranaks Stimme war kraftvoll und von Zufriedenheit unterlegt.
Tarok knurrte und lies von seinem Bruder ab, der sich aufraffte und seine Flügel ausbreitete. Sein rechtes vorderes Bein konnte er nicht belasten und er stand unsicher auf den anderen dreien.
Tarok blickte ihn finster und vorwurfsvoll an. „Ich werde dich finden, Kranak! Und alle, die dir folgen. Und wenn ich Jahrzehnte dafür brauche!“
„Leb wohl, Bruder!“ Mit diesen Worten holte Kranak mit den Flügeln aus und erhob sich in die Luft, um in Richtung des Flusses davon zu fliegen.
Tarok schaute seinem Bruder kurz hinterher, richtete seinen Blick dann aber auf das bewusstlose Mädchen, das sich am Boden leicht regte. Behutsam drehte er sie mit seinem Vorderfuß auf den Rücken und zog den Schnitt in ihrem Lederkleid auseinander.
Langsam hielt er seinen Kopf über die Wunde, presste aus seiner Kehle einen kleinen Tropfen schwarzer Flüssigkeit auf seine Zunge und ließ ihn aus seinem Maul in die klaffende Wunde fallen.
Er trat einen Schritt zurück und beobachtete, wie die Wunde sich pechschwarz färbte und sich langsam schloss. Als sie wieder verschwunden war, war nur noch einen schwarzen Schimmer auf der Stelle zu sehen. Tarok riss ein großes Blatt von einem Farn und streifte damit über den Bauch des Mädchens, bis dieser wieder trocken und sauber war. Dann holte er mit den Flügeln aus um das Mädchen alleine aufwachen zu lassen.
Mit traurigem und unsicherem Ausdruck blickte er ein letztes Mal auf das Mädchen herab.
„Es tut mir leid.“ Seine Stimme versagte fast und er schloss langsam seine feuchten Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er, dass das Mädchen sich leicht bewegte. Er holte aus und erhob sich in die Luft.
Als Lea die Augen öffnete, war er schon längst außer Sichtweite über den Baumwipfeln verschwunden.
Neun Monate später
Die Schreie, die aus der kleinen, strohbedeckten Steinhütte auf den Dorfplatz drangen, waren nervenzerreißend. Die Dorfbewohner hatten sich in ihre Hütten zurückgezogen, um nicht mit in die Angelegenheit hinein gezogen zu werden. Leise, aber deutlich war in den stillen Pausen das Flüstern aus den Fenstern zu hören.
Eine Schande! Unglaublich! Unmöglich!
Eine Ungebundene, die ein Kind bekam. Das hatte es noch nicht gegeben. Aber es konnte nicht richtig sein und deswegen musste etwas unternommen werden.
Die Alten saßen vor der Hütte des Hauptmanns und grübelten darüber, wie mit dem Kind und der Mutter vorgegangen werden musste. Es war deutlich zu merken, dass sich alle darüber einig waren, dass die Schande nicht auf dem Dorf würde liegen bleiben dürfen.
Verbannung war der erste Gedanke, der allen kam. Aber die Menschen hatte von Dörfern gehört, in denen die Verbannten des Nachts wieder kamen und grausame Dinge mit ihren Richtern vollzogen. Und sie hatten Angst, dass sich unter den Verbannten Gemeinschaften bildeten, die wiederum ganze Dörfer zerstören oder ausrauben konnten.
„Nein, sie muss sterben“, sagte einer der Alten, während er mit seinem Kopf schüttelte und seine langen weißen Haare hin und her schwangen. „So verlieren wir nicht unser Ansehen und riskieren nicht, dass sie wiederkommt und schlimmeres mit sich bringt als eine Geburt ohne Vater. Sie muss sterben!“
„Er hat recht“, bestätigte ihn ein anderer. „Wir dürfen nicht Gefahr laufen, dass sie dafür sorgt, dass wir Probleme mit einem der anderen Dörfer bekommen. Wer auch immer der Vater ist, er muss aus einem anderen Dorf kommen. Alles andere hätten wir bemerkt. Sie muss sterben!“
„Aber wie?“, meldete sich jetzt der Hauptmann zu Wort. Er thronte auf einem großen flachen Stein und sah fragend in die Runde. „Noch nie wurde ein Mensch aus unserem Dorf hingerichtet. Auf welche Art soll sie sterben?“
Nala lauschte schon seit Beginn der Besprechung aus dem sicheren Blickfeld hinter einem Fenster in der Hütte vor der die fünf Männer saßen. Sie konnte nicht glauben, dass ihr eigener Mann, der Häuptling, den sie bis jetzt immer für klug und weise gehalten hatte, genauso wie sie die anderen Alten für klug und weise gehalten hatte, als erster die Frage nach dem „wie“ stellte.
Sie hatte damit gerechnet, dass die Männer sie zum Tode verurteilen würden, aber dass sie sich in der Sache so schnell einig würden, daran hätte auch sie nicht gedacht.
Schnell zog sie sich aus ihrem Versteck zurück und verließ die Hütte durch ein Fenster nach hinten, um zu Lea zu laufen und ihr Beistand zu leisten. Zuvor hatte der Häuptling verkündet, dass es niemandem gestattet sei, sich der Frau zu nähern oder ihr gar in irgendeiner Weise zu helfen. Aber Nala ignorierte von jetzt an alles, was ihr Mann irgendwann einmal befohlen oder angeordnet hatte und schlich sich hinter ein paar Haufen Stroh von hinten an Leas Hütte heran.
Die Schreie wurden lauter, als sie durch ein Fenster kletterte. Sie eilte an Leas Bett und hielt ihre Hand. Sie war überrascht darüber, wie gut Leas Verfassung war, dafür, dass sie die Wehen schon fast einen ganzen Nachmittag aushielt.
Irgendwie hatte sie es geschafft, die Schwangerschaft all die Monate, in denen der Bauch wuchs unter ihren Lumpen versteckt zu halten. Vor einiger Zeit war sie dann an Nala herangetreten, um ihr von ihrer Verwirrung über das Kind und darüber, dass es keinen Vater geben konnte zu erzählen. Nala kannte Lea schon, als diese noch ein kleines Mädchen war, da sie und ihre Mutter gute Freundinnen gewesen waren, bis einer der Drachen sie geholt hatte.
Sie hatte ihr geglaubt und glaubte auch zu wissen, woher das Ungeborene kommen mochte. Aber die Legende, auf der ihr Glaube beruhte, war schon so alt, wie das Dorf und nur noch wenige der Alten kannten sie und so gut wie niemand schenkte ihr Glauben.
Lea schrie wieder auf. Nala ließ ihre Hand los und ging an das Fußende des mit Stroh und einer grauen, löchrigen Decke belegten Bettes.
Jakob kam zur Welt.
Die Alten hatten sich geeinigt. Der Wasserfall war zu weit weg und der Weg dort hin zurzeit zu gefährlich. Es war bereits Nacht und die Augen der Ungeheuer könnten überall sein. Sie konnte also nicht die Klippen hinunter gestürzt werden, wie einer vorgeschlagen hatte. Es musste im Dorf geschehen.
Die Blicke der Alten richteten sich fast gleichzeitig auf die große Feuerstelle in der Mitte des Dorfplatzes. Sie standen auf und riefen einen kräftigen, jungen Mann zu sich, dem sie die Aufgabe zuteilten, Holz zu schlagen und daraus einen Haufen auf der Feuerstelle zu bilden.
Er begab sich sofort an die Arbeit.
Nala hörte die dumpfen Schläge vom Waldrand herüber klingen. Es blieb nicht mehr viel Zeit. Sie sah vom Fenster weg zurück auf Lea, die behutsam ihren kleinen Sohn im Arm hielt und ihn sanft hin und her wog.
Der Gedanke, der sich in Nalas Kopf entwickelte, war schwer zu akzeptieren. Sie wusste aber, dass sich Lea der Situation bewusst und bereit für das Kommende war.
Allein, dass Jakob, wie Lea ihn nannte, keinen Vater hatte, war nicht mehr das Problem. Die Legende war wahr. Nala hatte ihren Augen selbst nicht mehr getraut, doch als sie genauer darüber und über den Vorfall am Fluss vor neun Monaten, von dem Lea ihr erzählt hatte, nachdachte, leuchtete ihr alles ein.
Sie ging schnellen Schrittes zu dem Stuhl, in den sich Lea niedergelassen hatte. Sie lächelte und Tränen rannen vor Glück ihre Wangen hinunter.
Nala weinte auch. Aber sie weinte aus Gewissheit, dass mindestens einer von ihnen diese Nacht nicht mehr erleben würde.
Lea sah auf und lächelte Nala an. Die Alte versuchte zurück zu lächeln, scheiterte aber und drehte sich weg, um eine dicke Decke zu holen. Sie nahm Lea sanft das Kind aus den Armen und wickelte es in die Decke.
Draußen fing es an zu dämmern. Sie mussten sich beeilen. Schnell half sie Lea aus dem Stuhl und ließ sie noch ein letztes Mal ihren Jungen streicheln und küssen. Dann umarmte sie sie fest und lange und bewegte sich zum Fenster. Die Frage, ob Lea die Flucht gelingen würde hatte sich von selbst beantwortet, als sie völlig erschöpft in den Stuhl gefallen und fast ohnmächtig geworden war.
Also hatten sie sich darauf verständigt, dass Nala das Kind an einen hoffentlich sicheren Ort brachte. Lea wusste schon vor der Geburt, dass sie sich, damit Jakob leben konnte, würde opfern müssen und hatte schon mit dem Gedanken abgeschlossen.
Sie wusste, dass sie ihn eines Tages wieder sehen würde.
So waren, als das Ende kam, auch keine Worte mehr nötig. Lea wirkte standhaft und machte Nala mit einem unentwegten Lächeln klar, dass sie auf den Tod vorbereitet war. Nala hingegen war mit der Situation alles andere als glücklich, aber auch sie wusste, dass es keine andere Möglichkeit gab. So würde wenigstens Jakob leben, für den sich die Alten noch keinen Tod überlegt hatten.
Also bewegte sich Nala von der Hütte weg in die Abenddämmerung in Richtung der Hügel, bei denen sie glaubte, Antworten und Rettung für den Jungen zu finden.
Im gleichen Moment betraten die vier Alten, der Hauptmann und der kräftige, der auch zum Holzfällen geholt worden war, die Hütte und Lea bewegte sich langsam mit feuchten Augen zur Tür. Sie ging an den Männern vorbei auf den mittlerweile düsteren Dorfplatz. Die Feuerstelle war mit Fackeln umstellt und auf die Mitte des großen Stapels an Holz war ein dicker Baumstamm gelegt worden.
Lea begann zu zittern.
Tarok lag geduckt auf einem Hügel und beobachtete das Treiben auf dem Dorfplatz von weitem. Die Leute kamen aus ihren Hütten heraus und liefen zur Feuerstelle. Frauen, Männer, Kinder. Seine Augen wurden feucht und er hatte das Gefühl, irgendetwas gegen das Unrecht und die Barbarei, die dort unten vor sich ging, tun zu müssen. Außerdem wusste er nicht, was mit dem Kind geschehen war.
Als er sah, wie ein kräftiger Mann Lea nahm und an den dicksten, oben aufliegenden Baumstamm fesselte, setzte er seinen massigen, im Abendlicht orange schimmernden Körper langsam in Bewegung und wollte gerade aufstehen als er etwas weiter links vom Dorf eine Gestalt erblickte, die ein Bündel in den Armen hielt und scheinbar nach etwas oder jemandem suchte.
Er blinzelte, um die Feuchtigkeit aus seinen Augen zu vertreiben und besser sehen zu können. Als er erkannte, was da zwischen den Tüchern herausragte, fing sein Herz heftig an zu pochen und er begriff, dass diese Gestalt, eine ältere Frau, auf der Suche nach ihm war. Aber er konnte noch nicht zu ihr. Doch die Dorfbewohner würden ihn sofort sehen mit seiner glänzenden, die letzten Sonnenstrahlen reflektierenden Haut. Er musste warten, bis die Frau auf dem Hügel angekommen war.
Sie lief jetzt schneller. Weit war sie nicht mehr von ihm entfernt. Er wich ein paar Schritte zurück, bis er nur noch gerade die Hüttendächer über der Hügelkuppe sah.
Er konnte ihren schweren Atem hören.
Nala blickte nicht zurück. Sie wollte nicht sehen, wie Lea verbrannt wurde. Das würde die Vorwürfe, die sie sich selber machte, nur noch verstärken. Also lief sie weiter. So schnell sie konnte, ohne, dass sie das Gefühl hatte, den kleinen Jakob zu wecken.
Sie hob den Kopf und sah, dass sie die Kuppel des Hügels bald erreicht hatte. Sie flehte leise, wonach sie suchte auch zu finden.
Noch ein paar Schritte und sie hatte Gewissheit.
Da stand er. Majestätisch aber auf irgendeine Weise schwach und gebrochen. Schöner, als sie sich je einen weißen Drachen hätte vorstellen können. Voller Anmut und Weisheit.
Sie schaute ihm tief in die traurigen Augen.
„Seid ihr gekommen, um euren Jungen zu holen, Herr?“ fragte sie langsam und etwas schüchtern, fast schon unterwürfig. Dabei senkte sie den Kopf, um ihre Hochachtung zum Ausdruck zu bringen.
Sie erschrak, als eine große Pranke langsam auf sie zukam und eine Kralle ruhig und sanft ihr Kinn nach oben drückte.
„Sieh mich an!“ sprach Tarok in leisem Ton. „Ich bin nicht dein Herr. Ich habe deine Achtung nicht verdient. Ich bin für den Tod dieses Mädchens verantwortlich. Du kennst die alten Legenden. Sonst wärst du heute Abend nicht hier. Du wusstest, dass du mich finden würdest.“
„Ich habe nie richtig an die Legenden geglaubt, die meine Urahnen seit vielen Generationen weitergegeben haben. Niemand tat es. Aber als Lea mir von dem Vorfall an dem Fluss damals erzählte und dann auch schwanger wurde, wurde mein Glaube geweckt.“
Sie wog Jakob in ihrem Arm langsam hin und her.
Tarok blickte ihn an und ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, aber es verflog direkt wieder, als er einen Blick in das Dorf warf. Ein Mann stand vor dem Holzhaufen, eine Fackel in der Hand und zu den Dorfbewohnern sprechend.
Nala erkannte die Gedanken in seinen Gesichtszügen. „Sie ist bereit. Sie weiß, dass ihr Kind in Sicherheit ist. Nur darauf kommt es ihr an.“
Tarok nickte kaum merkbar. „Ich werde nie vergessen, was ich diesem Mädchen angetan habe. Ich hoffe, ihr Junge verzeiht mir eines Tages.“
Darauf wusste Nala nichts zu sagen. Aber sie wusste jetzt, dass sie richtig gehandelt hatte. Der Drache würde Jakob an sich nehmen und ihn großziehen. Ihre Mutter hatte ihr in den vielen Geschichten immer wieder versichert, dass eines Tages irgendwo in der Welt so etwas Magisches geschehen würde. Nun war sie selbst Teil dieser Verheißung geworden und blickte auf den schlafenden kleinen Körper in ihren Armen.
„Herr, nehmt ihn an euch! Jakob ist sein Name. Im Dorf ist er nicht sicher. Und auch sonst müsst ihr ihn beschützen! Er wird ein Leben lang gejagt werden. Nicht nur von den wilden Drachen, sondern auch von den Menschen. Sie werden es nicht verstehen, ehe die Zeit gekommen ist. Versprecht mir, dass ihm nichts geschieht und dass er in Sicherheit ist!“
Sie legte das kleine Bündel zu Taroks Füßen auf den Boden, wobei ein Teil der Decken zur Seite auf den Boden fiel, als sich Jakob zur Seite rollte.
Taroks Herz schlug wieder schneller. Ganz deutlich sah er, was er zuvor von weitem durch die Tücher geglaubt hatte zu erkennen. In Höhe der Schulterblätter des Kindes traten an beiden Seiten der Wirbelsäule kleine, dünne Knochen hervor. Die unmittelbar am Rücken hängenden Knöchelchen ragten zum Kopf und hörten etwa am oberen Halswirbel auf. Von da aus gingen vier Knochen wieder nach unten, drei sehr dünne, fast durchsichtige und ein dickerer, der an der Spitze aus der Haut ragte und eine Art Kralle formte. Alle Knochen waren von einer dünnen Hautschicht umgeben, die in den Zwischenräumen locker hin und her schwang, als sich Jakob bewegte.
Das Kind, das vor Taroks Augen in Decken eingehüllt im Gras lag, hatte Flügel.
Nachdem er den Dorfbewohnern von Leas Vergehen und der daraus resultierenden Konsequenz berichtet hatte, drehte sich der Hauptmann von den Leuten weg und bewegte die Fackel betont langsam in die Nähe des Holzhaufens. Zwischen den größeren und kleineren Stämmen lagen Reisig und viele kleine Äste, die ein Paar Kinder noch gesammelt hatten.
Lea richtete ihren Blick in Richtung der Hügel, sah aber nichts. Sie zitterte immer noch am ganzen Körper.
Der Hauptmann steckte die Fackel an einer Stelle, an der besonders viel Reisig hervorschaute, in den Holzhaufen und trat zwei Schritte zurück.
Nala kniete sich zu Jakob und wickelte ihn wieder in die Decken ein. Dann nahm sie ihn hoch, drückte ihn sanft an ihre Brust und küsste ihn dann auf die Stirn. Kurz darauf reichte sie ihn zu Tarok herauf, der sich auf seine Flügel stützte, um den Jungen mit seinen Armen greifen zu können. Jakob war nicht mal so groß wie einer von Taroks Zehen.
Als er ihn mit dem linken Arm und seiner Brust sicher umschlossen hatte, stellte er den rechten Arm wieder auf den Boden und beugte sich zu Nala herunter.
„Du bist eine tapfere Frau. Wie ist dein Name?“ Er lächelte leicht.
„Mein Name ist Nala. Darf ich euch nach dem Euren fragen?“ Sie senkte erneut ihren Blick, hob aber sofort wieder den Kopf.
„Ich bin Tarok.“
Nala streckte beide Arme nach Taroks Kopf aus, zog ihn an sich und gab dem weißen Drachen einen Kuss auf die Seite seiner Schnauze.
„Ich danke euch, großer Tarok.“
„Und ich danke euch! Ich hoffe, wir sehen uns noch einmal wieder.“
Mit diesen Worten holte Tarok mit seinen Flügeln aus und flog davon.
Lea spürte, wie ihr immer heißer wurde. Unentwegt blickte sie zu den Hügeln.
Dort! Im letzten Licht der Sonne sah sie, wie sich ein großer, dunkelrot schimmernder Körper kraftvoll in die Luft erhob, kurz auf der Stelle schwebte und sich in Richtung des Dorfes drehte. Sie glaubte, zu erkennen, dass er einen seiner Arme an seinen Körper gepresst hatte und den anderen erhob, als würde er ihr zuwinken.
Sie zitterte jetzt nicht mehr, schloss die Augen und dachte an Nala und Jakob und dass sie das Richtige getan hatte. Ihr Sohn lebte und war in Sicherheit.
Sie lächelte.
Dann verlor sie das Bewusstsein.
Menschen schrien und rannten ziellos durch das Dorf. Mütter versuchten, sich schützend über ihre Kinder zu werfen oder sie in die Hütten zu zerren, von denen die Hälfte schon brannte. Einige Väter bemühten sich vergebens mit dem bisschen Wasser, das noch aus dem mittlerweile eingestürzten Brunnen hatte geholt werden können, den Kampf gegen die Flammen weiter zu führen.
Andere fochten einen noch aussichtloseren Kampf, indem sie mit verrosteten Mistgabeln und Hackebeilen auf die schwarzen Ungetüme losgingen, die dabei waren, das Dorf in Schutt und Asche zu legen.
Etwa fünfzehn Drachen hatten sich in der Abenddämmerung vom See her genähert und mit ihrem Angriff gewartet, bis auch der letzte Bauer die Hütte des Brauers verlassen hatte. Es war eines der größeren Dörfer in der Gegend, mit Hütten, die teilweise aus Lehm bestanden, die des Hauptmanns gar aus Stein – deswegen der große Aufmarsch. Ein Dorf der üblichen Größe mit Hütten aus Holz hätten sie zu fünft innerhalb kürzester Zeit dem Erdboden gleich gemacht.
Doch auch hier zeichnete sich schnell ab, dass es keine so große Gruppe hätte sein müssen. Die Häuser fingen schneller Feuer, als sie erwartet hatten und durch die Nähe zum See war ein perfekter Angriffsweg gegeben. Sie hatten sich das Wasser zu Nutze gemacht. Mit ihren riesigen Schwingen waren sie unter Wasser schneller als an Land und sogar am Tage geradezu unsichtbar.
Nachdem sich die mächtigen Körper aus dem flach daliegenden See erhoben und um das Dorf herum verteilt hatten, war das Schicksal des Dorfes und der darin lebenden Menschen schon besiegelt gewesen.
Jetzt galt es nur noch, dafür zu sorgen, dass keiner das Dorf lebend verließ.
Da die Menschen sich früher oder später aus den brennenden Hütten wagen mussten, um Schutz im Wald oder anderen Hütten zu suchen, war das einzig wichtige, die Türen im Auge zu behalten. Kam jemand heraus, wurde er schnell mit einem Prankenhieb oder einem Schwung mit dem Schwanz außer Gefecht gesetzt und meist direkt getötet. Etwaige Verteidiger wurden auf dieselbe Weise beseitigt. Um einen ausgewachsenen Drachen zu besiegen, bedurfte es mehr als ein paar rostige Mistgabeln und von der Arbeit geschwächte Bauern.
Keiner der Angreifer fühlte sich zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich bedroht. Gegen die dicken Schuppenplatten der Drachen konnten die Menschen nicht an. Das Metall brach nicht, fand aber auch keinen Weg hindurch und rutschte ab. Da die tapferen Verteidiger dadurch für einen Augenblick ihr Gleichgewicht und ihre Aufmerksamkeit verloren, war der erste Stoß gegen einen Drachenkörper auch meist mit dem letzten Atemzug verbunden.
Zwei der Bestien hatten sich schon zu Beginn der Attacke an den Waldrand begeben, um Flüchtigen den Weg abzuschneiden. Er stand schon bald in lodernden Flammen und die Luft im Dorf wurde durch den stechenden Qualm brennender Blätter zu einer weiteren Waffe der Angreifer.
Es war noch nicht einmal Mitternacht, als Bosrak dem letzten noch atmenden Menschen die Kralle an seinem rechten Flügel in die Brust stieß. Insgesamt konnten sie von etwa zweihundert Leibern ausgehen. Verluste waren hinzunehmen, da sich einige Menschen noch in den einstürzenden Hütten befunden hatten oder dem Feuer übermütig gewordener Jungdrachen zum Opfer fielen. Das wollte eigentlich jeder vermeiden, da verbranntes Fleisch nicht den Geschmacksvorstellungen eines Drachens entsprach. In diesem Fall war es unwichtig, sich darüber Gedanken zu machen, da das Dorf groß genug war, um Bosraks Auftrag ohne große Probleme als erfüllt dastehen zu lassen.
Er rief einen seiner Späher zu sich und befahl ihm, Kranak unverzüglich Bericht zu erstatten, der im südlichen Gebirge auf Mitteilung wartete. Einen anderen schickte er, im Umkreis nach eventuellen Überlebenden zu suchen, obwohl er nicht damit rechnete, dass welche gefunden werden würden.
Die Effizienz der Angriffe hatte sich in den letzten Monaten rapide gesteigert. Kranak war davon besessen, etwas oder jemanden zu finden oder zu sich zu locken, schwieg sich aber über die tatsächlichen Beweggründe stur aus. Er sprach mit niemandem über seine Gedanken, außer er befahl seinen Hordenführern das Auslöschen weiteren nutzlosen Lebens.
Heute sollte er zufrieden sein. Die Beute war groß und die Angreiferschar begann schon, sich ihren Teil einzuverleiben. Die anderen würden bald ankommen, aber je früher sie satt waren, desto früher konnte der Heimweg in die Höhlen angetreten werden.
Die letzte Hütte war zu glühender Asche verfallen, als Kranaks breiter Flügelschlag den dichten Rauch, der noch über dem stillen See hing, teilte und den Blick auf eine hundertköpfige Horde Drachen freigab. Unter ihnen schlugen kleine Wellen durch den Luftzug der Flügel und vereinzelte Fischschwärme suchten Schutz im tieferen Gewässer.
Fast lautlos setzten Kranaks Pranken auf dem feuchten Ufergras auf. Einige der folgenden Tiere landeten direkt hinter ihm, andere flogen ein wenig weiter um sich im und um das Dorf herum zu verteilen. Der Anführer selber schritt gezielt auf den schnarchenden Körper Bosraks zu und stieß ihm mit dem linken Vorderbein heftig in die Seite. Bosrak schreckte auf, blinzelte leicht verschlafen in Kranaks starre Augen und wuchtete sich noch im selben Augenblick auf.
„Meister!“ Bosrak senkte den Kopf bis fast auf den Boden und blickte unsicher zu Kranak herauf. „Wir haben gute Beute gemacht. Etwa zweihundert Menschen wurden erschlagen. Meine Männer sind bereit, die Beute in die Höhlen zu schaffen.“
„Nichts Auffälliges?“ Kranak schaute sich suchend um.
„Nein, Herr, nichts. Wir haben wie befohlen die verkohlten Leichen aus den Aschehaufen geholt und uns alle genau angeschaut. Nichts, was auf Ungewöhnlichkeiten schließen ließe.“
Kranak brummte kurz aber hörbar und setzte sich in Bewegung. Bosrak hob seinen Kopf und trottete ihm hinterher. Er war nicht viel kleiner als Kranak, wirkte aber weniger majestätisch, da er sich durch ständiges Zeigen seiner Unterwürfigkeit eine verschränkte Haltung angeeignet hatte. Doch diese legte er ab, sobald er sich vor den Truppen, die er zu lenken hatte, oder auf einem Schlachtfeld wieder fand. Bosrak mochte einer der untergebensten Anhänger Kranaks sein, aber in Fragen der Kriegsführung und Angriffsstrategie war er sogar seinem Herren überlegen.
„Deine Männer sollen so viele wie sie können mitnehmen, in die Höhlen bringen und sobald sie da sind, die Anführer der Stämme zusammenrufen. Wir kommen nach, so schnell es geht.“ Kranak winkte mit seinem rechten Flügel einige seiner Begleiter herbei, während sich Bosrak kopfnickend in Richtung der Leichen begab. „Holt die Jungen zu mir!“
Ein Dutzend Jungdrachen, allesamt etwa halb so groß wie die ausgewachsenen, wurde von einer Seite des Dorfes zu Kranak geleitet.
„Hier seht ihr, was eure Aufgabe in Zukunft sein wird. Der Mensch ist eine aussterbende Rasse und es ist an uns, dieses Aussterben voran zu treiben! Wenn wir die Vorherrschaft in diesen Landen nicht verlieren wollen, müssen wir den einzigen möglichen Gegnern entgegen treten! Die Menschen sind die einzigen, die es erreichen können, sich zu einer Gemeinschaft zusammen zu schließen, um die Existenz aller Drachen zu gefährden.“ Kranaks Worte trieben den Jungdrachen Wut in die Augen. Sie blickten mit zusammen gekniffenen Augen auf die Leichenberge keine fünfzehn Schritte weit weg von ihnen.
Einer der jungen Drachen senkte den Kopf. Kranak erblickte ihn und schritt an den anderen vorbei auf ihn zu.
„Komm mit mir, Junge!“ Der Jungdrache erzitterte, als er erkannte, dass die Aufforderung ihm galt. Er trat zögernd einen Schritt zurück.
„Folge mir!“ Kranaks Stimme wurde lauter und fordernder und veranlasste die anderen jungen Drachen, ein Stück Abstand von ihrem verängstigten Artgenossen zu nehmen.
Der Jungdrache hob ängstlich den Kopf und schritt vor. Kranak führte ihn zu dem Körper eines kleinen Jungens, der leblos und mit blutüberströmtem Kopf im Schlamm an dem eingestürzten Brunnen lag. Ein Zittern durchfuhr den jungen Drachen und er blickte betrübt zu Boden.
„‚Warum?’ fragst du dich, nicht wahr?!“ Kranak hatte seine Stimme gesenkt und blickte von oben auf den Jungdrachen, der schüchtern den Blick erwiderte und leicht nickte, herab. „Nun, es ist tatsächlich eine Art von Barbarei, einen kleinen Jungen zu töten. Aber wir könnten es uns nicht erlauben, ihn und seine gleichaltrigen Artgenossen heranwachsen zu lassen. In ein paar Jahren schon würde er stark genug sein, um die Waffen gegen uns zu richten. Schwache Waffen, aber trotzdem ginge von ihm eine zukünftige Gefahr aus.“
Mittlerweile hatten sich fast alle Drachen in einem großen Kreis um das Geschehen versammelt und Kranak sprach so, dass es alle verstehen konnten. Die großen postierten die jüngeren vor sich, damit diese die gesamte Szene im Blickfeld hatten.
„Die Menschen machen sich ihre Brut schon sehr früh zu Eigen, um unsereins zu verfolgen, zu jagen und, wenn möglich, komplett auszurotten. Wir müssen dem zuvor kommen! Es ist nicht unser Schicksal, von ihnen vernichtet zu werden! Wir müssen alles dafür tun, die Vorherrschaft über die Erde in unseren Händen zu behalten und sei es mit noch so barbarischen Mitteln, wie dem Töten eines Kindes.“
Kranak wusste, dass der Jungdrache sich nicht durch ein paar Worte würde umstimmen lassen. Es gab immer ein paar, die seine Ansicht nicht teilten. Manchmal bedurfte es nur ein paar gut klingender Sätze, bei anderen half nichts als Furcht und Geduld.
Er winkte einen anderen Jungdrachen, der grimmig auf den anderen blickte, zu sich.
„So lange die Menschheit existiert, gibt es für sie nur eine Verwendung!“ Kranak rief diese Worte in die Runde seiner Horde und schwenkte den Blick erst zu dem verängstigten Jungdrachen und dann zu dem anderen, der jetzt direkt bei ihnen stand.
Dieser setzte ein fieses Grinsen auf und machte sich über den Körper des Kindes her.
Die Horde johlte. Alle hatten Gefallen an dem Schauspiel gefunden, bis auf das eine junge Tier, das zitternd auf der Stelle stehen geblieben war. Kranak drehte sich weg und verdeutlichte seinem Gefolge, dass es Zeit war zu verschwinden.
Einer nach dem anderen griff sich eine oder zwei Leichen und erhob sich in die Lüfte um in Richtung des Sees davon zu fliegen.
Kranak stand schließlich nur noch mit den beiden Jungdrachen auf dem Dorfplatz.
„Es ist unsere Bestimmung“, ließ er sie deutlich hören. „Ich bin mir sicher, ihr werdet schnell lernen, das zu verstehen.“
Er breitete seine Schwingen aus und zeigte ihnen mit seinem Blick, ihm zu folgen.
Bald war auch von dem letzten Flügelschlagen nichts mehr zu hören.
Kranaks schwarze Horde flog südwärts über den See, in dem ein Fluss endete. Sie folgten dem Fluss, bis dieser eine scharfe Kurve nach Westen machte. Dann überflogen sie eine weite, grüne, von leichten Hügeln besetzte Graslandschaft. Zwischen den Hügeln verfing sich noch Nebel, aber bald war der Morgen schon so weit fortgeschritten, dass er sich schnell auflöste. Die Hügel wurden höher und der Baumbewuchs nahm zu. Immer wieder überquerten sie große Wälder und hier und da bahnte sich ein Flusslauf den Weg durch die Landschaft. Einige Zeit später zeichneten sich die Spitzen der Berge am Horizont ab.
Die Drachen, die sich wie Vertraute um Kranak versammelt hatten, hatten in dem südlichen Gebirge ein großes Gebiet mit von Höhlen durchlöcherten Berghängen ausgemacht. Schon vor Jahren hatten sie sich dort niedergelassen. Teils von ihren eigenen Stämmen verstoßen, teils freiwillig, um Teil der großen, mächtigen Gemeinschaft zu sein.
Es gab viele Drachen, die Taroks Vorstellungen, sich die Menschen zu Freunden zu machen, nicht akzeptierten. Der größte Teil von ihnen lebte in verstreuten Stämmen irgendwo in den vielen Gebirgen, die das Land durchzogen. Diese kleinen Stämme beherbergten nie mehr als zwanzig Tiere und es war mehr ein familiäres Miteinander, als eine Gemeinschaft. Die männlichen Drachen jagten gerade so viele Menschen und Tiere, dass es zum Überleben reichte, die weiblichen hielten sich in den Bergen bei den Kindern und Älteren auf, um das Terrain zu sichern.
Diese Gruppen suchte Kranak sehr oft auf, um sich zu versichern, dass er die Unterstützung von ihnen nicht verlor. Früh merkte er, dass vor allem die jüngeren Drachen sehr für seine Sache zu begeistern waren. Er scharrte willige Artgenossen um sich und entwickelte mit Bosrak und einem weiteren Vertrauten eine Hierarchie, an dessen oberste Stelle er sich selber stellte. Bosrak war für das Training und die Organisation von der Jagd und Überfällen geradezu geboren und gehorchte Kranak ohne Kompromisse.
Dadurch, dass die Meinungen, wie mit dem Menschengeschlecht umzugehen sei, die Drachen in zwei verfeindete Gruppen teilte, kam es zwischen den vielen kleinen Stämmen oft zu Fehden. Meistens endeten diese mit dem Weiterziehen eines der Stämme, aber sobald sich die schwarze Horde auf die eine Seite schlug, wurden ganze Familien ausgerottet. Männliche Drachen wurden meist im Kampf getötet, die Söhne unter die Obhut Bosraks gestellt und die weiblichen in die Höhlen gebracht, wo die wenigsten von ihnen länger als drei Tage verbrachten, bevor sie vor Erschöpfung starben oder in den Freitod getrieben wurden.
Tatsächlich waren es diese kleineren Fehden, und nicht die Angriffe und die Zerstörung ganzer Menschendörfer, die der schwarzen Horde einen beängstigenden Ruf einbrachten. Zum einen führte dies dazu, dass sich immer mehr junge Drachen und verängstigte Familien unter die Führung Kranaks stellten, zum anderen aber auch dazu, dass sich viele den Rat und den Beistand Taroks einholten, der seinerseits eine große Scharr um sich versammelte.
Das machte Kranak wütend und er beschloss, die Angriffe auf Drachenstämme zur Seltenheit werden zu lassen. Stattdessen bediente er sich der Verführung junger Drachen durch Versprechen wie Ruhm und Abenteuer. Stämme, die wussten, dass ihre Nachkommen in Kranaks direktem Umfeld verweilten, hielten sich bedeckt. Kranak war bekannt dafür, kein Leben über das seine und über seine Ideale zu stellen. Wer ihn sich einmal zum Feind gemacht hatte, war schon so gut wie tot.
Aber Kranak sorgte durch die Versorgung mit Menschenfleisch auch dafür, dass ihn viele als Gönner betrachteten. Tatsächlich war es allerdings so, dass die Horde ihre Beute ungern teilte. So blieb der Löwenanteil der menschlichen Leichen in den südlichen Gebirgshöhlen.
Kein Drache musste je Hunger leiden. Das Land bot genug Leben um die Familien ausreichend zu ernähren, dennoch wurde die Gelegenheiten auf Menschenfleisch ausgiebig genutzt, da es als etwas Besonderes galt – für die Stämme. Kranaks Horde jagte schon längst über den Hunger hinaus, getrieben von Kranaks Zorn gegen die zweibeinige Intelligenz.
Als Kranak in der größten Öffnung zu den Höhlen landete, bellte Bosrak gerade einige Drachen an, die es sich nach einem ausgiebigen Schmaus zu gemütlich gemacht hatten. Als er Kranak erblickte, wurde er noch lauter und schritt dann gesengten Kopfes auf seinen Herrn zu.
„Meister, die Leichen sind schon an die Führer verteilt. Sie warten in der großen Höhle auf euch. Larko ist in seinem Lager, es geht ihm nicht besonders gut.“
Kranak senkte den Kopf und schüttelte ihn langsam hin und her. Larko war neben Bosrak der Dritte in Kranaks Führerschaft und mehr wie ein Vater als wie ein Freund zu ihm. Um Larko war es gesundheitlich nie besonders gut bestellt, aber in letzter Zeit wurde ihm alles zu viel und er zog sich öfter zurück als sonst. Er war sich selber aber sicher, dass ihn ein wenig Ruhe bald wieder auf die Beine bringen würde. Tot zu kriegen war er nicht.
Kranak fing an nachzudenken und schritt in das Dunkel der Höhle hinab. Er hatte keinen wirklichen Grund, trübsinnig zu sein, doch trotz des erfolgreichen Überfalls fehlte doch nach wie vor jede Spur von dem, den sie suchten.
Und so musste er heute den Anführern wieder mitteilen, dass sie sich gedulden und mit ihren Anteilen wieder zu ihren Stämmen fliegen müssten. Und wieder würden sie fragen stellen, warum er sich so sicher war, dass dieser jemand, den er suchte, überhaupt existierte, wo doch niemand jemals etwas von ihm gesehen hatte.
Es war zum verzweifeln. Würde sich nicht bald etwas ergeben, würde er Bosrak wieder durch die Lande ziehen und Drohungen aussprechen lassen müssen und das konnte unerwünschte Effekte nach sich ziehen.
Er hob seinen Kopf, sobald er in die von Feuer beleuchtete Höhle trat, in der die Anführer auf ihn warteten.
Der neunjährige Jakob schritt aus einem der langen Tunnel in die äußere Höhle. Er hatte wieder einmal schlecht geschlafen und sich durch die Höhlen geschlichen. Nun stand er an der Kante und schaute ins Tal. Von fern drang der Ruf einer Grille zu ihm hoch, sonst hatte die Finsternis, in die er blickte, nichts preiszugeben. Der Mond war wolkenverhangen und das Tal lag still da wie jede Nacht.
Er setzte sich an den Rand des Felsvorsprungs und ließ die Beine baumeln. So mochte er es am liebsten. Die kurze Einsamkeit genießen. Den Duft der Wiesen und Wälder, der vom Wind aus dem Norden dem Gebirge entgegen getragen wurde und sich in den Tälern verfing.
Angestrengt starrte er in die Nacht.
Das Tal unter dem Höhleneingang war groß und die gegenüberliegenden Felswände nur schwach unter dem schwarzen Firmament auszumachen. Der Blick nach Norden verriet jedoch, dass das Tal in eine endlos weite Ebene überging. Im späten Herbst nutzte ein Fluss das Tal als Becken, um gemächlich in Richtung Ebene zu fließen und sich dort nach ein paar Meilen dem größeren Strom anzuschließen und schließlich scheinbar Ewigkeiten entfernt in das Meer zu münden.
Zu dieser Jahreszeit suchte sich nur ein kleines Rinnsal seinen Weg durch die mit Moos bewachsenen Felsböden.
Die westlichen Gebirge galten als die schönsten und friedlichsten. Die Felsen waren meist von den ehemals herrschenden Wassermassen abgerundet und an vielen Stellen entsprangen kleine Quellen, die dafür Sorge trugen, dass die nördlichen und südlichen Ebenen mit üppigem Grün und die Wälder mit den größten Bäumen des Landes gesegnet waren.
Von alledem sah Jakob so gut wie nichts. Er legte sich zurück und starrte auf die dunklen Wolken, die von Zeit zu Zeit einen kurzen Blick auf die Abermillionen von Sterne erlaubten und sich wieder davor schoben, um sich an anderer Stelle wieder kurz zurückzuziehen. Der Mond blieb verhangen. Da er schon nahe an den Gebirgsgipfeln im Westen stehen musste, würde Jakob ihn von dieser Stelle ohnehin nicht sehen können.
Die Nacht war dunkel, aber nicht kalt. Die Steine waren von der Sonne den Tag über aufgewärmt worden und der warme Nordwind trug seinen Teil dazu bei, dass Jakob die Einsamkeit wie ein angenehmer Traum vorkam.
Angenehme Träume hatte er selten. Zu oft schreckte er aus dem Schlaf auf, schweißgebadet und fassungslos über die Grausamkeit seiner Gedanken, die ihn auch diese Nacht wieder aufwachen und die Einsamkeit suchen ließen.
Ein Fall. Nein, ein Sturzflug. Aus schier unendlicher Höhe. Durch die Wolkendecke. Weiter. Abwärts. Auf den graubraunen Erdboden zu. Unheimlich schnell. Unkontrolliert. Doch nur ein Fall. Dunkle Schatten über dem Erdboden. Lange Körper, graziöse Bewegungen. Immer noch in unendlicher Ferne. Unter ihnen kleine Punkte. Flimmern, nein, sich bewegende Punkte. Staub. Mehr dunkle Schatten. Qualm. Feuer. Noch mehr dunkle Schatten. Sie bewegen sich aufeinander zu. Wie schwarze Wassermassen. Unaufhaltsam. Das Feuer bewegt sich. Den Wassermassen voran.
Der Fall wird schneller.
Die schwarzen Schatten formen sich zu etwas. Flügel, Schwanz, Körper. Drachen. Tausende. Zehntausende. Unter ihnen Menschenmassen. Scheinbar panikerfüllt. Nein, geordnete Bewegungen. Der einen Armee Drachen folgend. Der anderen entgegen. Die Sonne spiegelt sich in metallenen Gegenständen.
Metall. In seiner Hand. Seine Faust umklammert den Griff einer langen Klinge. So fest, dass die Knöchel sich weiß färben. Nicht ablassen! Kontrolle!
Kontrolle über den Fall. Doch ein Sturzflug. Unablässig dem Erdboden entgegen. Der Erdboden ist nicht mehr auszumachen. Die Drachenarmeen schlagen gegeneinander. Getöse. Mehr Staub. Mehr Flammen. Die Menschenmassen verschwinden fast komplett unter den kämpfenden Drachen.
Weiter Richtung Erde.
Schreie. Männer, Frauen, Kinder. Brüllen. Unerträgliche Laute. Noch mehr Schreie. Nein, ein Schrei. Er fällt mit. Sein Schrei. Kein Angstschrei. Ein Angriffsschrei.
Auf in den Kampf! Gegen wen? Für wen? Für was? Den Sturzflug abbremsen? Zurück nach oben?
Zu spät.
Die schwarze Masse verschmilzt zu zwei gewaltigen Körpern. Sie steigen nach oben. Ihm entgegen. Einer wird weiß, silbrig, einer bleibt schwarz wie die Nacht. Ihm entgegen. Wetteifernd.
Wohin?
Wer seid ihr?
Zu leise. Sein Schrei ist verstummt. Keine Laute mehr. Von nirgendwo.
Die Armeen sind verschwunden. Körper liegen am Boden. Menschliche Körper. Blut. Menschliches Blut. Der Erdboden ist rot.
Die beiden Drachen starren ihn an. Unaufhaltsam.
Wer seid ihr?
Keine Antwort. Zu leise? Nein, sie haben es gehört. Keine Antwort. Keine in Worten.
Der weiße Drache. Traurig. Bedrückt. Gequälte Kraft. Freundlich. Sein Vater! Tarok!
Erkenntnis.
Nein. Der andere. „Wer bist du?“ Keine Antwort. Keine in Worten.
Grimmig. Lächelnd. Kraftstrotzend. Mächtig. Die Vorderpranken ausbreitend. Begrüßend.
Tarok, wer ist das?
Keine Antwort.
Zusammenprall. Augen zu.
Nein, Augen auf!
Wo sind sie?
Freier Fall. Kein Sturzflug. Keine Kontrolle. Dem roten Meer auf dem Boden entgegen. Leichen. Verstümmelte Männer, Frauen, Kinder. Verbrannte Männer, Frauen, Kinder.
Das Blut steigt. Es quillt zwischen den Körpern durch. Verdeckt sie.
Unaufhaltsam kommt es näher.
Dann weicht es zurück.
Keine Leichen.
Fels.
Aufschlag.
Jakob setzt sich wieder auf. Die Einsamkeit genoss er, aber ablenken tat sie ihn nicht. Immer wieder rief er sich den eben vergangenen Traum vor Augen. Nie wirklich gleich, ähnelten sich die Träume, die ihm den Schlaf raubten, auf beängstigende Weise. Aber woher sie kamen oder was sie zu bedeuten hatten, wusste er nicht.
Natürlich erinnerte er sich an die vielen Geschichten aus der alten Zeit, die die alten Drachen in immer wieder neuen Weisen erzählten und die die Jungdrachen so oft zur Anregung ihrer Fantasie nutzten, meist als Vorwand um ungestraft aufeinander loszugehen.
Jakob konnte sich das nicht erklären.
Als er sich umdrehte, um wieder in die Höhle zu schleichen, bewegte sich Taroks mächtiger Körper langsam auf ihn zu.
„Ein Kind sollte wissen, dass man sich des Nachts nicht aus der Höhle davon schleicht.“ Er sprach leise, aber die Worte durchdrangen die Dunkelheit zwischen ihnen ungehindert.
„Ich habe mich nicht davongeschlichen“, protestierte Jakob, von leichten Zweifeln umgeben.
„Wieder einer dieser Träume?“ Tarok stand jetzt direkt vor ihm.
Jakob nickte nur und blickte mit verschlafenen Augen zu Tarok hinauf, der sich langsam auf den Boden des Vorsprungs niederließ und Jakob mit seiner Vorderpranke sanft an seine Brust schob.
„Was bedeutet das?“ fragte Jakob, während er sich an Tarok kuschelte.
„Was meinst du?“ Tarok blickte ihm tief in die Augen.
„Warum träume ich diese Träume? Warum kann ich nicht wie die anderen auch von anderen von uns träumen? Von Mutter oder Tarak? Oder meinetwegen Sanrak? Oder nur von dir?“
„Willst du wirklich von Sanrak träumen?“ Tarok lächelte ihn an.
Jakob lächelte zurück. „Nein, eigentlich nicht.“
„Weißt du“, Tarok blickte in die Nacht „Unsere Träume sind tief in uns verwurzelt. Wir sind die einzigen, die sie träumen. Sie sind nur für uns bestimmt. Und darum sind wir auch die einzigen, die sie zu deuten vermögen.“
Er blickte wieder auf Jakob.
„Aber um einen Traum deuten zu können, müssen wir erfahren, was es heißt, in Wachheit zu leben. Alle Wesen auf Erden müssen als erstes ihr Äußeres kennen lernen. Danach kommt das Verhalten gegenüber andern. Und ganz spät erst, sind wir in der Lage, in uns selbst zu blicken und uns richtig kennen zu lernen. Ohne Erfahrung weißt du nicht, wie du gehen kannst. Ohne Erfahrung weißt du nicht, wie du mit anderen sprichst. Und ohne Erfahrung weißt du nicht, wie du es erreichst, mit deinem Innersten zu sprechen.“
„Ich will jetzt schon Erfahrung haben!“ Jakob verschränkte die Arme und schmollte.
Tarok lachte leise. „Mein Sohn, du hast doch schon viele Erfahrungen gesammelt. Wertvolle Erfahrungen. Du musst dich noch gedulden. Eines Tages wird dein Geist soweit sein, die richtigen Erfahrungen zu machen, die dir auf deinem Weg zu dir selbst helfen. Vertrau mir! Der eigene Geist irrt sich nie. Und er wird sich auch nicht im Zeitpunkt irren, wenn es darum geht, deine Träume zu erklären.“
„Habe ich andere Träume als die anderen, weil ich anders aussehe?“
„Das vermag keiner zu sagen. Aber unsere Träume suchen sich nicht den Weg zu uns, weil wir besonders groß, klein, hell oder dunkel sind. Sie suchen den Weg, weil unser Geist sie ruft. Und der Geist entwickelt sich unabhängig von unserem Körper. Der Körper ist nur die Hülle. Wie bei einer Frucht. Der eigentliche Kern ist im Innern verschlossen. Aber er erlaubt uns zu reifen, im Innern, wie im Äußeren. Die Hülle trägt den Kern, sie schützt ihn. Das eine kann nicht ohne das andere.“
„Das verstehe ich!“ Jakob schaute selbstzufrieden in die großen, feuchten Augen Taroks.
„Selbstverständlich verstehst du das! Das erwarte ich aber auch von einem Neunjährigen! Aber genau so erwarte ich von einem Neunjährigen, dass er sich nachts nicht aus dem Bett schleicht, sondern friedlich in seinem Lager bleibt, damit sein Vater auf ihn achten kann!“
Er löste langsam seine Pranke von Jakob, dessen Augen sehr klein geworden waren. Jakob rieb sie sich und trottete langsam ohne noch etwas zu sagen in Richtung Höhle. Immerhin würde er jetzt schnell einschlafen können.
Tarok sah ihm hinterher. Er tat schon einen Schritt Richtung Höhle, wich dann aber zurück, senkte den Blick und drehte sich zum Tal.
Er erkannte natürlich mehr als Jakob. Drachen sahen in der Nacht fast so gut wie am Tage. Und er fühlte auch mehr über seine anderen Sinne. Er roch noch das Salz in der Luft, herangetrieben vom Meer durch den Nordwind. Er hörte das Rauschen der Flüsse, das Rascheln der Wälder, Geräusche von Tieren aus allen Himmelsrichtungen bis hin zu den Insekten, die sich in den Spalten der Felsen bewegten.
Er drehte den Kopf nach hinten und sah den Mond an, der kurz von Wolken befreit wurde. Dann sah er wieder in die Höhle und kniff die Augen zusammen. Er würde heute Nacht nicht mehr schlafen können, da er in Jakobs Träumen selbstverständlich mehr erkannte, als der Junge selbst.
Es war Tag. Tarok blickte auf die Berge auf der anderen Seite des Tals, hinter denen gerade die Sonne aufging. Er war die Nacht über auf dem Vorsprung geblieben um nachzudenken. Das tat er immer, wenn er nicht schlafen konnte. Und seitdem Jakob immer öfter Albträume bekam, traf er ihn hier mittlerweile fast jede Nacht und fast jede Nacht erzählte er ihm die gleichen Geschichten über den inneren Geist, an die er selbst nicht glaubte.
Er konnte ihm aber nicht die Wahrheit sagen – noch nicht. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als seinen Zögling Nacht für Nacht mit beruhigenden Worten wieder zurück in die Höhle zu schicken.
Auf der anderen Seite regte sich etwas in einem Höhleneingang und Tarok erkannte, wie zwei kleine Drachenkinder ihre Köpfe langsam aus der Höhle streckten, dicht gefolgt von ihrer Mutter. Die Kleinen waren die Jüngsten in der Gruppe, die in direkter Nachbarschaft zu Tarok und Laiwa, seiner Frau, hauste. Daher waren Sie natürlich die Attraktion für alle Jungdrachen.
Drachen bekamen nicht oft Nachwuchs. Wenn ein Paar mehr als zwei Junge hatte, galt das schon als etwas Besonderes. Ein Wurf, bei dem direkt zwei Junge geboren wurden, war die Ausnahme.
Tarok und Laiwa selbst waren mit einem echten Sohn gesegnet, Tarak, der zu ihrer Zufriedenheit Jakobs bester Freund geworden war. Die beiden waren unzertrennlich.
Das besondere an Tarak war, dass er genauso weiß war, wie sein Vater. Weiße Drachen waren selten, die wenigsten hatten jemals einen anderen außer Tarok gesehen, weswegen er auch von vielen als heilig angesehen wurde. Er selbst wies diese Heiligkeit unablässig von sich. Er war sich darüber bewusst, dass er nicht nur Gutes in seinem Leben vollbracht hatte und wollte nicht mehr sein als jemand, der seinesgleichen auf ihre Vergangenheit aufmerksam macht. Dass er dadurch zu einem Anführer wurde, war ihm auch nicht recht, aber das war der Preis für sein Ziel.
Tarak hingegen hatte wenig von einem Anführer. Er unterschied sich von seinen Spielkameraden nicht nur in der Farbe sondern auch in der Größe – er war nicht gerade schmächtig, aber für sein Alter recht klein. So wurde er oft zum Gespött der anderen, bewies aber immer wieder Rückgrat und Selbstbewusstsein, das von seinen Eltern gefördert wurde.
Durch seine Probleme mit den anderen Jungdrachen und dadurch, dass die beiden zusammen aufwuchsen – Tarak war zwei Jahre vor Jakob zur Welt gekommen – kamen Jakob und er so gut miteinander aus. Jakob merkte natürlich, dass er anders war und die anderen Drachen verwirrte, aber in Taraks Augen gehörte er zur Familie. Die Unterschiede wurden einfach ignoriert.
Während Tarok lächelnd beobachtete, wie immer mehr Drachen aus den Höhlen um ihn herum traten, hörte er, wie sich schnelle, leise Schritte von hinten näherten. Er drehte sich um.
