Der Erinnerungssammler - Robin Zwirner - E-Book

Der Erinnerungssammler E-Book

Robin Zwirner

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Beschreibung

Kommissar René Wolfmund kehrt nach langer Zeit, eher widerwillig, in seine alte Heimatstadt in Südwestdeutschland zurück. Aus dem Plan, die zwangsverordnete Ruhezeit einfach abzusitzen, wird nichts: Rätselhafte Ereignisse häufen sich und auf den Feldern vor der Stadt wird eine Tote gefunden. Die Lösung des Falls scheint in der Vergangenheit zu liegen und ist eng mit Wolfmunds Familie verstrickt. Und was verbirgt Wolfmunds neuer Vorgesetzter, der geheimnisvolle Hauptkommissar Sterntal? Wer ist der Erinnerungssammler?

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Robin Zwirner

Der Erinnerungssammler

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Erinnerungssammler

Erster Teil

Heimkehr

Das Herrenhaus

René Wolfmund stellt sich vor

Das Abendessen

Madeleines Abenteuer

Die Tote auf den Feldern

Kopfschmerzen

Die Ermittler tauschen sich aus

Die Familiensammlung

Staatsanwalt Steiner

Wolfmund lauscht

Zweiter Teil

Sein allererster Fall

Bei Winterkinds

Die Beschattung

Pfarrer Süßkind

Kirjana will nichts erzählen

Eine schlimme Nacht beginnt

Die Hütte

Ein Fahndungserfolg

Das Verhör

Genug für heute

Der Verdächtige bekommt Besuch

Eine ungehörte Warnung

Du kannst es dir schon denken

Sterntal entschuldigt sich

Eine seltsame Predigt

Sterntals Enthüllungen

Dritter Teil

Der Pakt

Madeleine ermittelt

Sterntals Plan

Ein glücklicher Zufall

Sterntal macht ein Geschenk

Sterntals Zweifel

Der Plan erfüllt sich

Abschied

Ein Blick zurück

Epilog

Impressum neobooks

Der Erinnerungssammler

von Robin Zwirner

Erster Teil

Heimkehr.

Heimkehr

In der Mauer, die den Park, der das Anwesen umgab, umschlang, war an einer Stelle ein Loch, und wenn man dort hindurch schlüpfte, kam man auf einen schmalen Feldweg, der sich schnurstracks durch die Streuobstwiesen zog, und wenn man dem Pfad lange genug folgte, gelangte man zu einer großen Kastanie, die sich hoch über die knorrigen Apfelbäume erhob. Dort hatten sie früher immer gespielt, als Kinder, er und Annemarie, seine kleine Schwester. Im Herbst war es herrlich dort, der Boden unter den Ästen war von riesigen Kastanien bedeckt und der Wind ließ die braunen, tellergroßen Blätter durch die Luft wirbeln. Einmal an einem solchen Tag waren sie bis zur Krone des Baumes hinaufgeklettert. Von dort konnten sie das ganze Tal in seiner gold-roten Pracht überblicken, bis zum Horizont. Ihre Mutter tobte, als sie die Beiden erwischte und sah, wie hoch sie geklettert waren. Eigentlich hatte sie ihnen verboten, allein so weit von zu Hause fortzugehen. Ihr Vater hatte sich nie in irgendeiner Form um sie gesorgt, denn er hatte immer nur das Geld gekannt und das war das Einzige auf der Welt gewesen, das ihm etwas bedeutete.

Es fühlte sich seltsam an, jetzt wieder an diesen Ort zurückzukehren, den er eigentlich nie hatte wiedersehen wollen. Er dachte daran, wie er damals fortgegangen war und alles vergessen wollte. Wie er sogar die Erinnerung an seinen Namen auslöschen wollte. Reinhardt Wolfmund. Wer nannte sein Kind Reinhardt? Sein Vater hatte ihm diesen Namen gegeben. Das französische Kindermädchen hatte ihn René genannt, da sie seinen richtigen Namen nicht aussprechen konnte. Das gefiel ihm. René Wolfmund. So hatte ihn auch seine Schwester genannt und diesen Namen hatte er angenommen, nachdem er sein Zuhause verlassen hatte.

Dann waren die Eltern krank geworden und Annemarie hatte sie gepflegt. Sie hatte ihm ein paar Mal geschrieben, aber er hatte nie geantwortet, obwohl er es wollte. Sie hatte ihm geschrieben, dass Vater und Mutter gestorben seien und dass sie geheiratet habe. Das war vor vier Jahren. Seither hatte er nichts mehr von ihr gehört. Manchmal tat ihm das leid. Er war jetzt Sechsunddreißig. Achtzehn Jahre hatten sie sich nicht mehr gesehen.

„Ist hier noch ein Platz frei?“

Die Frage riss ihn aus seinen Gedanken.

„Ja, natürlich.“

Er nahm seine Tasche von den Sitzen und wuchtete sie auf die Gepäckablage über sich. Die Frau setzte sich in das Abteil und begutachtete ihn erst etwas argwöhnisch, dann interessiert. Er blickte wieder zum Fenster hinaus. Die vorbeiziehende Landschaft. Der letzte größere Bahnhof lag jetzt hinter ihnen. Nur noch die Haltestellen in den Dörfern. Bei den meisten hielt der Schnellzug nicht einmal. Er schaute abwechselnd nach draußen und zu der Frau, die sich ihm gegenüber gesetzt hatte. Manchmal trafen sich ihre Blicke.

„Ich finde die Landschaft auf dieser Strecke immer wunderschön“, sagte die Frau nach einer Weile. „Was meinen Sie?“.

„Wunderschön? Ja. Ja, das kann man wohl sagen.“

„Wo kommen Sie her?“

Sie nickte in Richtung seiner Reisetasche.

„Berlin. Aber es fühlt sich seltsam an, das so zu sagen. Eigentlich komme ich von Nirgendwo her.“

„Jeder kommt von Irgendwo her.“

„Ich beschäftige mich eher damit, wo ich hingehe.“

„Und wo gehen Sie hin?“

„Jetzt gerade? Zurück.“

Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihren schmalen Mund.

„Sind Sie hier aufgewachsen?“

„Ja. Aber ich war seit meiner Jugend nicht mehr hier.“

„Ich lebe auch schon lange nicht mehr auf dem Land. Manchmal besuche ich noch meine Mutter. So wie heute. Dann fahre ich übers Wochenende her.“

„Wie alt ist sie?“

„Siebzig. Aber sie war nicht von hier. Ist das nicht seltsam? Sie ist damals wegen meinem Vater hierher gezogen. Als ich jung war, wollte ich nichts als weg von hier.“

„Ich glaube, so ist man einfach in diesem Alter.“

„Meinen Sie?“

„Ja. War bei mir nicht anders. Und am Ende bereut man es.“

„Ist das bei Ihnen so?“

„Ein wenig. Aber nicht wirklich. Was vorbei ist, ist vorbei.“

„Da haben Sie recht.“

„Besuchen Sie Ihre Mutter regelmäßig?“

„Ja. Schon. Und Sie?“

„Ich bin nicht auf dem Weg, jemanden zu besuchen.“

„Ich meine, wie lange wollen Sie bleiben? Da, wo Sie hin zurück gehen?“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Ich muss hier aussteigen. Ich meine, falls Sie sich mal unterhalten wollen. Hier ist meine Karte. Da steht auch meine Mobilnummer drauf.“

„Sie sind Managerin?“

„Nur in Frankfurt. Tschüs.“

Ein seltsames Bedauern lag in Ihrer Stimme. Sie winkte ihm vom Bahnsteig nach, er sah zu, wie sie langsam immer kleiner wurde. Noch zwei Stationen. Der Zug fuhr jetzt ins Tal hinab. Weite Wiesen zu beiden Seiten. Seine Gedanken schweiften wieder ab. Er dachte daran, wie er als Kind von einer der Nachbarswiesen Äpfel genommen hatte. Es war eine Mutprobe mit seinen Freunden gewesen. Als der Bauer sie erwischte, jagte er sie mit seinem Hund über die Felder. Lange hatte er dann Angst gehabt, wenn er den Weg an der Wiese vorbei ging. Und er hatte Annemarie eingebläut, dass sie die Wiese nicht betreten dürfe, damit es ihr nicht genauso erginge wie ihm.

Was sie wohl gerade tat? Er versuchte, sich ihr Leben vorzustellen und erkannte, dass er eigentlich nichts von ihr wusste. Dann dachte er an den Grund für seine Rückkehr. Er hatte jemanden umbringen müssen, das hatte es gebraucht, damit sie sich wiedersähen. Aber würden sie sich überhaupt wiedersehen? Sie wusste nicht, dass er kommen würde. Und vielleicht lebte sie gar nicht mehr hier. Sie hatte hier geheiratet, das wusste er, aber vielleicht war sie dann fortgegangen und hatte ihn vergessen. Am Ende könnte er es ihr nicht einmal übelnehmen.

Er dachte an den Mann, den er getötet hatte, und ob es gerecht gewesen war, sein Leben zu nehmen. Die Frage, die er sich, seitdem es geschehen war, fast jeden Tag stellte. Das Gesetz hatte ihn freigesprochen. Und das Gesetz war gerecht. So einfach war das. Aber ein letzter Zweifel blieb immer. Vielleicht hätte es eine andere Möglichkeit gegeben. Er war schon tausendmal alle Denkbaren durchgegangen und hatte keine andere gefunden und auch jetzt fand er keine. Er hatte, beachtete man alle Gesetze, Protokolle und moralische Grundsätze, die es gab, richtig gehandelt. Er hätte in der gegebenen Situation gar nicht anders handeln können. Aber da war noch etwas anderes, das ihn beschäftigte. Selbst wenn es das Richtige gewesen war, was er getan hatte, war er sich nicht sicher, ob er es nicht vielleicht, im tiefsten Innern, gerne getan hatte. Ob er nicht diesen Mann, der so viel Leid über so viele unschuldige Menschen gebracht hatte, gerne getötet hatte. Ob er es nicht hatte tun wollen. Und er fragte sich, ob es dadurch weniger richtig wurde.

Dunkelberg. Endstation. Alles aussteigen.

Vielleicht war es noch dieselbe Durchsagerstimme wie früher, aber er war sich nicht sicher. Langsam rollte der Zug in den Bahnhof ein. Inzwischen war es dunkel geworden. Über der Altstadt die beleuchteten Doppelspitzen des Kirchturms und dahinter die letzten blutroten Strahlen der untergegangenen Sonne. Er warf sich den Mantel über und packte seine Sachen zusammen. Er wartete an der Tür, bis der Zug zum Stillstand kam. Dann stieg er aus. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, dachte er. Endstation.

Hauptkommissar Amos Sterntal und seine Assistentin und Vertraute Kirjana Nikitja machten an diesem Tag nach Dienstschluss einen Spaziergang über die Felder. Sie taten das immer, wenn sie etwas zu besprechen hatten. Es war ihr Lieblingsweg. Der Pfad führte zuerst an den Stoppelfeldern vor der Stadt vorbei und schlängelte sich dann in krummen Bahnen durch die Apfelwiesen, wo die Bäume jetzt unter der Last der prallen Früchte fast nicht mehr gerade stehen konnten. Sie gingen langsam, denn Sterntal war schlecht zu Fuß und ging am Stock, die Folge einer alten Verletzung, aufgrund derer er sich inzwischen weitgehend aus dem Außendienst zurückgezogen hatte. Kirjana war wie immer jugendhaft und voller quirligem Temperament, ganz so, wie es ihre pechschwarzen, unzähmbaren Haare vermuten ließen.

„Am Montag kommt der Mann aus Berlin“, fing Sterntal an.

„Wie heißt er?“

„Reinhardt Wolfmund.“

„Reinhardt.“ Sie kicherte. „Wie alt ist er denn?“

„Sechsunddreißig.“

„Nicht so alt, wie sein Name vermuten ließe. Schade. Er hätte zu dir gepasst.“

„So weit ist es auch noch nicht.“

„Das sagst du.“

Er hielt inne und stützte sich auf seinen Stock. Vielleicht hatte sie ein bisschen Recht, aber das würde er sich nie eingestehen. Er blickte über die Felder zur Stadt. Die Doppelspitzen des Kirchturms in der Abendsonne.

„Schön, nicht?“, sagte sie. Sie langte nach einem Apfel, der an einem der Äste über den Weg baumelte, wischte ihn kurz mit dem Ärmel ihres Pullovers ab und biss hinein.

„Aber auch ein bisschen öde.“

„Du musst Geduld haben. Die anderen auf dem Revier mögen zwar denken, wir sind nur hier, weil ich noch ein paar ruhige Jahre bis zum Ruhestand verbringen will, aber so ist es ja nicht.“

„Das weiß ich doch. Aber das Warten langweilt mich“, sagte sie mit vollem Mund. „Aber an die Äpfel könnte ich mich gewöhnen.“

Sie machten sich wieder auf den Weg. Bald würde die Sonne untergegangen sein. Ihre Schatten zeichneten sich vor ihnen auf dem Boden ab, so langgezogen, dass ihre Enden im Ungefähren lagen. Kirjana schmatzte vor sich hin.

„Wolfmund?“, sagte sie nachdenklich. „Ich glaube, ich habe diesen Namen schonmal gehört.“

„Ich hatte mich schon gefragt, wann du darauf kommen würdest. Sein Großvater taucht am Rande auch bei unserem Fall auf.“

„Könnte dieser Reinhardt also etwas über die Sache wissen?“

„Das glaube ich nicht. Es passt zeitlich nicht.“

„Er kommt also nicht deshalb hierher?“

„Niemand weiß, dass wir in diesem Fall ermitteln.“

Sie schien mit der Antwort nicht vollkommen zufrieden zu sein. Eine gute Eigenschaft für eine Polizistin. Sterntal konnte mit ihr zufrieden sein.

„Aber warum denn dann?“, fragte sie.

„Anweisung von oberster Stelle aus Berlin.“

„Also das hat nichts mit uns zu tun?“

„Sicher nicht. Er hat in Berlin einen führenden Kriminellen erschossen, als sich der seiner Festnahme widersetzt hat. Jedenfalls hat es die Unterwelt dort jetzt auf ihn abgesehen.“

„Logisch. Wenn er einen ihrer Kumpels abknallt.“

„Er hat schon einen Mordanschlag überstanden. Deshalb mussten sie ihn wegschaffen, bis sich die Lage etwas beruhigt hat.“

„Also zurück in seine alte Heimat? In dieses Kaff?“

„Eben weil es ein Kaff ist. Außerdem ist die Dienststelle hier personell unterbesetzt. Ich habe seine Akte gesehen. Den entsprechenden Vermerk, dass er hier aufgewachsen ist, haben sie natürlich geschwärzt. Dennoch konnte ich in Erfahrung bringen, dass er hier geboren wurde und als Kind gelebt hat. Wie du weißt, habe ich ja meine Kontakte.“

„Hoffentlich hat die die Unterwelt von Berlin nicht.“

„Ausgeschlossen. Er war schon ewig nicht mehr hier. Er ist nach seinem achtzehnten Geburtstag fortgegangen und nicht mehr wiedergekommen. Niemand wird diese Verbindung herstellen können.“

„Hast du die ganze Akte gelesen?“

„Natürlich. Er scheint ein sehr gewissenhafter Ermittler zu sein, mit einem starken Gerechtigkeitssinn.“

„Also kein Problem für uns?“

„Oder gerade deshalb. Ich weiß es nicht. Keiner von uns kann in die Zukunft sehen.“

Ein schon halb gelbliches Blatt schwebte von einem der Bäume herab. Sterntal streckte seine Hand aus. Für einen Moment sah es so aus, als würde das Blatt über seiner Hand schweben, bevor es langsam zu Boden trudelte. „Ja, das müsste man noch lernen“, sagte Kirjana nachdenklich und schleuderte den Apfelbutzen weit hinaus auf die Felder.

„Was meinst du? Könnten wir ihn einweihen? Irgendwann?“, fragte sie dann vorsichtig. „Wir könnten noch einen Dritten für unsere Sache brauchen.“

„Wir müssen vorsichtig sein. Das weißt du. Du weißt, wie manche Menschen denken, über Dinge, die sie nicht verstehen.“

„Ich weiß.“

„Wir müssen abwarten.“

„Dachte ich mir schon. Wir warten ja nur ab, die ganze Zeit.“

Sie verschränkte die Arme und blickte in den sich verdunkelnden Himmel hinauf.

„Hab Geduld. Es wird bald etwas passieren. Ich bin mir sicher.“

„Wie immer.“

„Ich habe dich nie zu irgendetwas gezwungen. Oder irgendetwas von dir verlangt. Wenn du gehen willst, kannst du schon morgen gehen.“

„Das weiß ich doch. Gehen wir zum Auto zurück.“

Den Rest des Weges gingen sie schweigend. Sie hakte sich bei ihm unter, sodass man meinen könnte, sie wären Vater und Tochter und vielleicht wäre das gar nicht so falsch. Ob sie überhaupt das Richtige täten, fragte sie noch. Er beschwichtigte sie, betonte die Wichtigkeit ihrer Sache. Noch einmal so jung sein und überhaupt an Richtig oder Falsch glauben.

Über dem Eingang zum Hotel hing noch immer dieselbe Hirschfigur aus Messing wie früher. Wolfmund konnte sie schon von weitem sehen. Früher hatte ihn sein Schulweg an der Straße vorbeigeführt. Es hatte sich manches verändert, die Straße war erneuert, der Gehweg etwas breiter als damals. Vieles war aber auch gleich geblieben. Im Haus vor dem Hotel immer noch der gleiche Bäcker, wo er als Kind sein Taschengeld für Süßigkeiten ausgegeben hatte. Er hatte schon geschlossen, sonst wäre er vielleicht hineingegangen. Weniger aus Sentimentalität, wie er sich vormachte, sondern mehr aus einer spontanen Laune heraus. Am Eingang des Hotels hing ein Schild, Restaurant geöffnet, und von drinnen klangen leise die Geräusche der Gäste, Geschirr, Lachen, gedämpfte Gespräche. Er lauschte einen Moment an der Tür, dann ging er hinein.

Drinnen, in der Hotellobby, roch es etwas muffig. Der Teppichboden sah schon in die Jahre gekommen aus. An den Wänden hingen ausgestopfte Jagdtrophäen. Er ging zur Rezeption und stutzte erst, als er sah, wie klein der Portier war, dann bemerkte er, dass er im Rollstuhl saß.

„Guten Abend. Wolfmund. Ich habe vorab reserviert.“

„Haben Sie die Buchungsunterlagen dabei?“

Er nahm die säuberlich zusammengefalteten Unterlagen aus seiner Manteltasche. Der Portier studierte sie kurz, dann sagte er:

„Willkommen im Hotel Zum Hirsch, Herr Wolfmund. Ihre Zimmernummer ist die 32. Hier ist der Schlüssel.“

Als er den Schlüssel übergab, berührten sich kurz ihre Hände. Wolfmund hatte für einen Augenblick das Gefühl, dass der Portier den Schlüssel mit aller Macht festhielt, als wolle er ihn gar nicht hergeben, doch dann lockerte sich sein Griff und das Gefühl verflog.

„Ich weiß noch nicht, wie lange ich hier wohnen werde. Meine Anreise war aus verschiedenen Gründen überstürzt. Eigentlich will ich nach einer festen Wohnung suchen. Aber bis dahin bleibe ich wahrscheinlich erstmal hier. Ist das ein Problem?“

„Wir sind selten ausgebucht“, sagte der Portier nur.

„Gut. Ich nehme an, man kann im Restaurant noch etwas zu essen bekommen?“

„Natürlich. Bis neun Uhr. Ich kann Ihnen das Rehgulasch empfehlen. Regional und schmeckt ausgezeichnet.“

„Danke. Ich bringe erst mein Gepäck aufs Zimmer.“

Er wollte sich schon auf den Weg machen, doch der Portier hielt ihn mit einem Griff an die Schulter zurück.

„Vergessen Sie nicht die Karte, die ihnen aus der Tasche gefallen ist.“

Wolfmund bückte sich. Auf dem Boden lag die Visitenkarte seiner Zugbekanntschaft. Sie musste ihm aus der Tasche gefallen sein, als er die Unterlagen herausgeholt hatte. Er stutze. Die Karte lag ganz nah am Rezeptionstresen, der Portier konnte sie aus seinem Blickwinkel also gar nicht gesehen haben. Vielleicht hatte er bemerkt, wie sie ihm aus der Tasche gefallen war. Er hob die Karte auf und steckte sie diesmal ordentlich in die Brusttasche.

„Immerhin wollen Sie morgen bei ihr anrufen, spätestens am Sonntag. Wäre doch schade.“

Wolfmund runzelte die Stirn. Eigentlich hatte er das gar nicht vorgehabt. Hatte er überhaupt irgendetwas von der Begegnung mit der Frau erwähnt? Der Portier zwinkerte ihm zu.

„Morgen hat sie keine Zeit, aber nächste Woche.“

„Äh, ja, natürlich“, sagte Wolfmund nur, dann packte er seine Tasche und machte sich auf den Weg zu seinem Zimmer.

Er dachte nicht weiter darüber nach. Nachdem er sein Gepäck aufgeräumt und das Zimmer inspiziert hatte, aß er im Restaurant zu Abend. Er nahm das Rehgulasch, das wirklich ausgezeichnet schmeckte. Er fragte sich, wann er zum letzten Mal so gut gegessen hatte, und kam zu dem Schluss, dass das schon eine ganze Weile her war. Er ließ sich das Essen auf seine Zimmernummer aufschreiben. Das BKA, das ja nicht ganz unschuldig an seinem plötzlichen Ortswechsel war, würde die Hotelrechnung bezahlen. Man hatte ihm jegliche mögliche Unterstützung zugesagt. Das durfte ja wohl auch ein gutes Essen beinhalten.

Er dachte daran, wie er von der Versetzung erfahren hatte. Laszlo Meyer, sein Chef, hatte ihn auf 6:30 Uhr, was außergewöhnlich früh war, zu sich ins Büro beordert. Halb hatte er schon mit der Suspendierung gerechnet, obwohl die internen Ermittlungen schon zu seinen Gunsten abgeschlossen waren. Voller Stolz hatte Laszlo ihm seinen Plan präsentiert.

„Ich habe eine Stelle für dich in Dunkelberg organisiert. Sieh es als eine Auszeit in der Heimat, bis wir die Sache hier geregelt haben“, sagte er.

„Darum habe ich nicht gebeten“, sagte Wolfmund.

„Es gibt keine Widerrede. Es ist zu deinem eigenen Schutz. Wir stehen kurz davor, den Clan zu zerschlagen.“

„Wobei ich euch noch helfen könnte.“

Laszlo schüttelte den Kopf.

„Nein, diesmal nicht. Du hattest Glück, dass wir deine Post durchleuchtet und die Briefbombe entdeckt haben. Beim nächsten Versuch werden sie es bestimmt nicht so diskret versuchen.“

Er hielt einen Moment inne, rückte seine Brille gerade und schluckte.

„Wir stehen von allen möglichen Seiten unter Druck. Es muss jetzt alles nach Plan laufen.“

„Und ich bin nicht mehr Teil dieses Plans?“

„Ich fürchte, ich kann das nicht verantworten, egal, wie sehr ich es auch wollte. In deinem Zustand, und das musst du dir ehrlich eingestehen, kannst du ein Problem darstellen, für den Fall und deine Kollegen.“

„In meinem Zustand? Was soll das für ein Zustand sein?“

Laszlo schüttelte nur den Kopf.

„Es ist vorbei, René, ich kann dich nicht mehr decken. Bitte nimm das Angebot an. Verschwinde aus Berlin, nur für ein paar Monate, bis sich alles beruhigt hat.“

„Es ist nicht meine Art, klein beizugeben und einfach abzuhauen, wenn es brenzlig wird.“

„Das weiß ich. Aber das ist keine Sache der Feigheit oder des Muts, sondern der Vernunft.“

Wolfmund schnaubte unwirsch. Laszlo setzte zu einem neuen Überredungsversuch an.

„Ich versteh dich ja. Du willst das, was passiert ist, am liebsten vergessen. Und du hoffst, du kannst das, wenn du dich noch mehr als sonst in die Arbeit stürzt. Aber man kann das nicht vergessen. Nicht wirklich.“

Er blickte auf den Schreibtisch hinab, auf die Handrücken seiner ineinandergelegten Hände, und spielte gedankenverloren an seinem Ehering herum.

„Du bist eigentlich nicht dienstfähig. Man kann diese Arbeit nicht machen, wenn einem egal ist, wie alles ausgeht.“

„Das ist nicht wahr. Es ist alles in Ordnung. Ich will einfach nur zu Ende bringen, was wir zusammen begonnen haben“

„Mach mir nichts vor. Ich sehe, dass es dich beschäftigt. Glaub mir, ich habe das alles schon selbst erlebt. Ich kenne dieses Gefühl. Bei mir war es nicht anders. Aber das Schlimmste, was du tun kannst, ist, es zu verdrängen. Ich rate dir, etwas Zeit mit dir selbst zu verbringen, darüber nachzudenken. Vielleicht mal die Familie wiederzutreffen.“

„Vorausgesetzt, die will mich treffen.“

Für einen Moment schienen Laszlo die Worte zu fehlen. Dann sagte er nüchtern, wobei er Wolfmund direkt ansah:

„Du bist ein seltsamer Mensch, René. Ich meine, wir kennen uns jetzt schon bald zehn Jahre, aber ich weiß immer noch nichts wirklich über dich. Und das hat mich nie interessiert oder gestört. Aber ich weiß, dass ich dich gerne habe. Und ich bitte dich, diesmal auf mich zu hören. Um deiner selbst willen. Und für mich. Nimm dir eine Auszeit, bis sich die Dinge hier beruhigt haben. Und klär das mit dir und deiner Vergangenheit und allem.“

Wolfmund wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er war ein bisschen gerührt. Es war alles gesagt.

„Ich habe es schon mit den Zuständigen beim BKA abgeklärt. In diesem Umschlag sind deine Zugtickets. Abfahrt morgen. Und jetzt will ich dich hier nicht mehr sehen.“

Vielleicht hatte Laszlo Recht, und es war wirklich das Beste, wenn er Berlin eine Weile fernblieb, dachte er nach dem Gespräch. Laszlo war einer der wenigen Menschen, die er als Freund bezeichnet hätte, vielleicht der einzige. Jedenfalls war es offensichtlich beschlossene Sache und damit sinnlos, sich weiter dagegen zu sträuben. Und vielleicht würde ihm eine Auszeit in seiner alten Heimat ja wirklich guttun.

Er saß am Abend, nach dem Essen, noch lange im Restaurant, bis die letzten Gäste gegangen waren. Er aß einen Nachtisch und trank sogar ein Glas Wein, obwohl er Alkohol sonst meistens vermied, denn er hatte durch seinen Beruf schon mehrere Male erlebt, wozu Alkoholmissbrauch führen konnte. Er beobachtete die anderen Gäste, lauschte ihren Gesprächen. Er fürchtete die Einsamkeit seines Zimmers, aber das würde er sich nicht eingestehen. Stattessen redete er sich ein, dass er aus bloßer Langeweile menschliche Gesellschaft suchte. Als sich das Restaurant gegen 11:00 Uhr geleert hatte, ging er dann doch auf sein Zimmer.

Er wusste, dass er noch nicht schlafen konnte. Er hatte ohnehin noch nie viel Schlaf gebraucht, aber seit jenem Tag, seit den Ereignissen in dem Neonröhrengang, die ihn in seinen Träumen heimsuchten, fiel es ihm noch schwerer einzuschlafen, und manchmal wälzte er sich stundenlang im Bett, allein mit seinen Gedanken. Er nahm erst eine lange Dusche und versuchte, dabei an nichts zu denken, was ihm einigermaßen gelang, dann legte er sich in Unterwäsche aufs Bett. Es war unsinnig, aber aus irgendeinem Grund kam, als er so dalag, um ihn herum die allumfassende nächtliche Stille, ohne die vertrauten Geräusche der Stadt, die es so nur auf dem Land gab und in der man glauben konnte, man wäre der letzte Mensch auf der Welt, eine furchtbare Angst über ihn. Eine Angst um sein Leben, wie er sie eigentlich nicht kannte. Er stand auf und holte seine Dienstwaffe hervor, die bis dahin ganz zuunterst in seiner Reisetasche gelegen hatte. Er legte sie auf den Nachttisch, direkt neben sich. Die Waffe gab ihm eine gewisse Sicherheit, wühlte aber wieder andere Gedanken in ihm auf. Er schaltete den Fernseher ein und fand ein Programm, in dem ein alter Western lief. Er beruhigte sich etwas. Er dachte darüber nach, wie einfach alles im Film war. Er fragte sich, was es wohl für einen Film gäbe, wenn er Teil einer Geschichte wäre. Ob die Leute sich den Film gern anschauen würden. Aber er fand keine zufriedenstellende Antwort.

Das Herrenhaus

Als er am nächsten Morgen nach einer fast schlaflosen Nacht erwachte, kam es ihm albern vor, dass er die Waffe gebraucht hatte, um sich sicher zu fühlen. Niemand wusste, wo er war. Es gab nichts zu befürchten. Er nahm die Pistole und schloss sie in den Zimmersafe ein. Dann zog er sich an und machte sich auf den Weg zum Frühstückssaal.

Es waren nur wenig Gäste im Hotel, das, so vermutete er, wahrscheinlich vor allem von Geschäftsreisenden lebte, die jetzt am Samstag schon alle abgereist waren oder kurz vor der Abreise standen. Er musterte die Gäste und sah seine Vermutung darin bestätigt, dass keine einzige Familie unter ihnen war. In gewisser Weise war er ja auch selbst ein Geschäftsreisender.

Er aß zwei Scheiben Toast mit Marmelade. Er war noch nie ein wirklicher Frühstücksmensch gewesen. Er fragte sich, was er mit dem Tag anfangen sollte. Montag sollte er sich an der örtlichen Dienststelle vorstellen. Irgendwie würde er also das Wochenende herumbringen müssen. Er fühlte sich nutzlos. Er wäre am liebsten erst sonntags gefahren, aber Laszlo hatte ihn so schnell wie möglich aus der Schusslinie schaffen wollen. Er überprüfte sein Handy. Keine neuen Nachrichten. Am Ende ging er auf sein Zimmer zurück.

Er setzte sich aufs Bett, schaltete den Fernseher ein und zappte durch die Programme. Er dachte an den Vorabend zurück. An die plötzliche Angst. Hatte er vielleicht wirklich ein Problem? Er dachte lange darüber nach und kam zu dem Schluss, dass es eine ganz normale Reaktion war, in seiner Situation. Irgendwann, damit hatte er gerechnet, würde die Angst kommen. Es war nur natürlich, dass sie jetzt zum Vorschein trat. In Berlin hatte er immer sehr unter Stress gestanden, sodass er überhaupt keine Zeit gehabt hatte, Angst zu haben. Jetzt hatte er Zeit, würde er viel zu viel Zeit haben. Er dachte an die Leere, die vor ihm lag und sich langsam mit quälenden Gedanken füllte. Einer führte zum anderen, es gab kein Entrinnen. Er stand auf, blickte zum Fenster hinaus. Der Morgen neblig, grau und lichtlos. Eine einsame Katze querte die Straße. Dann kam eine Idee, ein plötzliches Bedürfnis über ihn, das ihn selbst verwunderte. Er wehrte sich zuerst dagegen, beschloss dann aber doch, ihm nachzukommen.

Er ging zu Fuß zum Bahnhof und fuhr dann von dort mit dem Bus weiter. Nach drei Haltestellen stieg er aus und stutzte, da er zuerst dachte, er wäre an der falschen Station ausgestiegen. Dort, wo früher der Ortsrand an die Felder gegrenzt hatte, lag jetzt eine weitreichende Wohngegend, in der sich Einfamilienhaus an Einfamilienhaus reihte. Ein nochmaliger Blick auf die Haltestellentafel räumte seinen Zweifel aber aus.

Das Straßennetz glich in keiner Weise dem, was er noch in Erinnerung hatte, aber er hatte noch die ungefähre Richtung im Kopf. Es waren kaum andere Menschen unterwegs und insgesamt war es sehr still. Ganz anders als in einer Großstadt wie Berlin, wie er es inzwischen gewohnt war. Manchmal traf er auf einen Familienvater, der die morgendlichen Einkäufe in Form einer Bäckertüte nach Hause brachte, oder solche, die auf dem Weg zum Einkaufen waren. Manche grüßten ihn und er grüßte zurück.

Er verirrte sich ein paarmal fast in dem verwinkelten Straßennetz, irgendwann kam er dann aber doch am Ortsrand an, wo die Wohngegend abrupt in eine aus Feldern und Wiesen bestehende Kulturlandschaft überging. Er konnte die Landstraße hören, hatte sich aber offensichtlich verschätzt, da er sie näher vermutet hätte. Er ging die letzten Meter querfeldein über die Felder, um so vielleicht etwas Weg gut zu machen, doch als er schließlich an der Landstraße ankam, musste er feststellen, dass er sich wieder verschätzt hatte und noch ein ganzes Stück an der Straße zurücklaufen musste. Er erreichte schließlich die Abzweigung, die er gesucht hatte, und war verwundert, dass sie jetzt so nah am Ortsrand lag. Er überquerte die Landstraße und folgte dann dem Weg, der die Felder hinauf führte und schließlich in einer langen Birkenallee mündete, an deren Ende der Ort lag, der sein Ziel war.

Als er endlich am alten Herrenhaus ankam, war der Himmel aufgerissen und der Nebel hatte sich gelichtet. Die Spätsommersonne spendete wohlige Wärme, und tauchte mit ihren Strahlen alles in goldenes Licht, sodass die Landschaft, der Weg, die Birken, die Felder und die Apfelbäume in der Ferne aussahen wie ein Aquarellgemälde mit einer begrenzten Farbpalette. Es würde wohl doch noch ein schöner Tag werden.

Das Erste, was er sah, war, dass das Eingangstor mit einer dicken Stahlkette und einem Vorhängeschloss gesichert war. Daran war ein weißes Schild mit einer roten Aufschrift befestigt. Privatbesitz. Unbefugten Zutritt verboten, stand darauf. Schild und Kette sahen so aus, als hätte schon lange niemand mehr nach ihnen gesehen. Trotzdem erwiesen sie sich als robust, als er an dem Tor rüttelte. Er sah sich kurz das Schloss an und überlegte sich, ob er es aufbrechen sollte, schließlich war er ja wohl als Mitglied der Familie befugt dazu, doch er entschied sich dagegen. Wenn seine Erinnerung ihn nicht trügte, und da war er sich sicher, gab es einen leichteren Weg.

Er folgte der Mauer um das Grundstück herum und kam zu dem alten Streuobstwiesenpfad, der jetzt ein befestigter Spazierweg war. Er hielt einen Moment inne und blickte den Weg hinab, in der Richtung, die gegen die Stadt führte. In die Richtung, in der der Platz mit der Kastanie lag, wagte er noch nicht zu schauen. Er stutzte. Etwas hatte seine Aufmerksamkeit geweckt, oder vielmehr etwas, was nicht mehr da war. Früher war vielleicht einen halben Kilometer vom Herrenhaus ein kleines Gehöft gewesen, das noch zu den Ländereien der Familie gehört hatte, und in dem manchmal Gäste untergebracht worden waren. Doch die Gebäude schienen inzwischen abgebrannt oder abgerissen zu sein, denn es waren von seinem Standpunkt aus nur ein paar vereinzelte, schwarze Balken zu sehen, die über die Apfelbäume und das Heidegebüsch hinausragten. Er dachte kurz daran, ob er nachsehen sollte, was es damit auf sich hätte, aber er entschied sich dagegen. Schließlich war er wegen etwas anderem gekommen. Tatsächlich fand er bald auch die Stelle, wo früher das Loch in der Mauer gewesen war, musste aber feststellen, dass inzwischen die Mauer über dem Loch zusammengebrochen war. Aber das machte nichts, denn es war ein leichtes, über die Trümmer hinüberzuklettern.

Der Park war nicht mehr so gepflegt wie früher, fast schon verwildert. Das Gras stand kniehoch, die Eschen und Birken, die zu seiner Zeit noch eine passable Höhe gehabt hatten, waren zu enormer Größe angewachsen. Er fand das, was früher der Weg zum Haus gewesen war, und folgte ihm, bis er das Haus erreichte. Er spazierte über den geschotterten Vorplatz und trat die Treppen vor der kunstvollen Fassade aus weißem Stuck zur Eingangstür hinauf. Das Herrenhaus hatte eine weitreichende Geschichte, die bis ins 17. Jahrhundert zurückging, als hier eine alte Adelsfamilie residiert hatte. Im Laufe der Jahrhunderte hatte das Anwesen mehrmals den Besitzer gewechselt und war zwischen eloquenten Familien hin und hergereicht worden. Sein Großvater hatte alles nach dem zweiten Weltkrieg gekauft, mit dem Vermögen, das er sich mit dem Handel von Raubkunst verdient hatte.

Er untersuchte das Schloss. Es war immer noch das alte Schloss von damals. Wahrscheinlich wurde das auch seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr erneuert, dachte er sich im Spaß. Er zog sein Dietrichset, das er immer dabeihatte und ihm stets gute Dienste leistete, aus seiner Manteltasche und machte sich an die Arbeit. Es würde ein Leichtes sein, das Schloss zu knacken. Er brauchte nicht einmal eine Minute dazu. Ächzend schwang die Eingangstür auf und er ging hinein.

Er wusste nicht einmal wirklich, warum er hergekommen war, geschweige denn, was er jetzt tun sollte. Er war wohl einfach neugierig, wie das Haus nach all den Jahren aussah, ob es sich mit seiner Erinnerung deckte. Zum größten Teil tat es das. Er ging durch die Räume, in denen sich der Staub in den Ecken sammelte. Es waren sogar noch viele Möbel da, die er wiedererkannte, obwohl die meisten mit weißen Laken zugedeckt waren. Es hingen natürlich keine Bilder mehr im Haus, nur noch die charakteristischen, rechteckigen Verfärbungen an den Wänden deuteten auf den alten Reichtum der Sammlung hin. Wenn er es noch richtig wusste, hatte Annemarie geschrieben, dass sie den Großteil der Bilder an Museen spenden wollte. Das einzig Richtige, was man tun konnte. Er fragte sich, wann zuletzt jemand hier gewesen war, und kam zu dem Schluss, dass das wahrscheinlich kurz nach dem Tod seiner Mutter gewesen sein musste, vor vier Jahren. Hatte Annemarie etwas dazu geschrieben, was sie mit dem Haus vorhatte? Er wusste es nicht mehr und vermutete, dass sie es nicht erwähnt hatte. Er dachte über sein Leben nach, darüber, wie es dazu gekommen war, dass er fortgegangen war.

Er stieg die Treppe hinauf in den ersten Stock und trat in sein altes Zimmer. Es war vollkommen leergeräumt. Nur noch dunkle Verfärbungen auf dem Parkettboden deuteten auf seine alten Möbel hin. Er ging in das Nebenzimmer, das von seiner Schwester. Auch dieser Raum war vollkommen leer. Er dachte an Annemarie. Er war sich jetzt fast sicher, dass sie nicht mehr an ihn dachte. Nachdem er sein Versprechen gebrochen hatte. Die Türen zu den anderen Zimmern öffnete er nicht.

Zum Schluss ging er noch in den Keller hinab. Er bereute es sofort, als er am Fuß der Treppe stand und feststellte, dass das Licht nicht funktionierte. Nur durch die schmutzbelegten Fenster im Boden der Terrasse fiel etwas spärliches Sonnenlicht in das ausladende Gewölbe. Er schrak unwillkürlich zusammen, denn er glaubte, einer der Schatten hätte sich bewegt, und es war ihm, als könnte er die Stimme seines Vaters wieder durch den Keller hallen hören, wie in jener Nacht, die alles verändert hatte.

„Steh auf und geh auf dein Zimmer zurück.“

Er fasste sich mit der Hand ans linke Knie. Die Erinnerung an den Schmerz war immer noch da, selbst nach all den Jahren. Er machte kehrt und ging wieder die Treppe hinauf. Er ertappte sich dabei, wie er ein bisschen humpelte. Oben, im lichtdurchfluteten Eingangssaal, hatte er sich wieder beruhigt. Er ging wieder nach draußen. Er hatte genug gesehen. Er war sich nicht sicher, ob es überhaupt eine gute Idee gewesen war, herzukommen. Aber es gab noch einen Ort, den er besuchen wollte, bevor er sich wieder ins Hotel aufmachen würde. Den er einfach sehen musste. Die Kastanie, ihr alter Lieblingsplatz.

Der Spazierweg führte wie früher, als er noch ein unbefestigter Feldweg gewesen war, an weitläufigen Apfelwiesen vorbei, nur, dass es jetzt vor allem junge Bäumchen waren, die nur wenige Früchte trugen, anders als die alten, weit ausladenden Bäume, an die er sich erinnerte. Die Sonne blendete ihn und er musste sich die Hand über die Augen halten. Wie früher konnte man die Kastanie schon von weitem sehen. Sein Herz machte einen Sprung vor Erleichterung, als er sie erblickte. Er wusste noch gut, welche Pläne sein Vater gehabt hatte. Der Ort war nicht mehr ganz so prächtig, wie er es früher gewesen war, und zeigte deutliche Anzeichen von Verfall. Ein paar Äste des gewaltigen Baumes waren abgestorben, die Blätter nicht mehr so grün und die mächtige Laubkrone etwas lichter, als er es in Erinnerung hatte.

Unter der Kastanie stand eine kleine Bank, die relativ neu aussah und früher noch nicht da gewesen war. Er setzte sich und blieb eine Weile sitzen. Er dachte an überhaupt nichts. Er genoss die Strahlen der Herbstsonne auf seinem Gesicht, das leise Säuseln des Windes in dem Laubdach über ihm. Er hatte erwartet, dass der Ort, der ihm in seiner Erinnerung so viel bedeutete, mehr in ihm auslösen würde. Er wusste nicht, ob er etwas in ihm auslöste. Ein Blatt trieb hinab und er folgte ihm mit seinem Blick, folgte ihm bis ins Tal hinab, so weit, bis er es nicht mehr sehen konnte. Es waren eindeutig mehr Häuser als früher und auch mehr Industriegebäude. Alles kam ihm nicht mehr so schön vor wie in seiner Erinnerung, auch wenn die Aussicht immer noch großartig war. Für einen Moment schien es ihm, als sähe er im Tal sein ganzes Leben vor sich ausgebreitet, und jeder Baum, jedes Haus, jeder Strauch waren eine Erinnerung, die zusammen ein großes Ganzes formten, aber der Eindruck war so kurz und flüchtig, dass er ihn kaum richtig wahrnahm, geschweige denn verstand oder zu Ende denken konnte. Ein älterer Spaziergänger mit einem Hund kam vorbei und grüßte. „Guten Tag“, erwiderte er murmelnd, so leise, dass er sich nicht sicher war, ob der Mann ihn gehört hatte. Der Hund tobte durch das Laub und Unterholz am Boden und schien seine größte Freude daran zu haben, bis sein Herrchen, das schon weitergegangen war, nach ihm rief. Er sah dem Mann und dem Hund nach und dachte, dass manche Menschen den Anschein erweckten, als gäbe es keine Sorgen in ihrem Leben, und dann dachte er, dass das wahrscheinlich nur nach außen so schien.

In diesem Moment musste er natürlich an Annemarie denken und er fragte sich, was für Sorgen es in ihrem Leben gäbe. Aber er wollte nicht darüber nachdenken. Er hatte sie damals alleingelassen, als er gegangen war, und sich seither nicht um sie gekümmert, warum sollte er es jetzt tun? Er hoffte nur, dass er bald wieder nach Berlin zurückkehren könnte. Er hatte vollstes Vertrauen in Laszlo. Er würde den Clan zerschlagen und dann wäre es wieder sicher für ihn. Wie lange würde das dauern? Drei Monate? Ein halbes Jahr?

Er wollte auf seinem Handy nachsehen, ob Laszlo ihm möglicherweise schon eine Nachricht zum Stand der Ermittlungen hinterlassen hatte, und griff in die Brusttasche seines Mantels, wo er es üblicherweise aufbewahrte. Mit dem Handy zog er auch die Visitenkarte seiner Bahnbekanntschaft hervor. Er hatte sie und das seltsame Gespräch mit dem Portier schon fast vergessen.

Madeleine Winterkind

Management

Hannenwald Bank AG

Telefonnummern standen auch dabei, sowohl fürs Büro als auch eine Mobilnummer. Er wusste eigentlich nicht, warum er es tat, es war eher eine beiläufige, intuitive Handlung, jedenfalls nahm er das Handy, klappte es auf und wählte, nachdem er festgestellt hatte, dass es keine neuen Nachrichten gab, die Mobilnummer von der Karte. Das Freizeichen schellte dreimal, dann nahm sie ab.

„Madeleine Winterkind, guten Tag.“

„Hallo, Wolfmund hier, René Wolfmund. Sie.. Du hast mir deine Karte gegeben, gestern in der Bahn.“

„Achso. Du bist der Typ, der auf dem Weg zurück war.“

„Ja, genau.“

„Ich hatte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass du anrufen würdest. Und schon gar nicht so bald. Aber es ist ja wahrscheinlich so, dass man entweder sofort anruft oder gar nicht.“

„Ja, wahrscheinlich schon. Jedenfalls wollte ich fragen, ob du heute Abend mit mir essen willst? Ich wohne im Hotel Hirsch, wir könnten uns im Restaurant treffen, kennst du das?“

„Ja, das kenne ich. Aber heute geht es leider nicht. Und morgen muss ich wieder zurückfahren. Wir müssen das auf nächste Woche verschieben. Ich muss meiner Mutter bei einem Gemeindeflohmarkt helfen.“

„Wo ist das? Vielleicht komme ich vorbei.“

„Oh, bitte nicht. Wir wohnen in Schwarzbach, das ist einer von den Dunkelberger Vororten. Aber komm bitte nicht vorbei.“

„Ja, ich glaube, das kenne ich. Aber warum soll ich nicht kommen?“

Sie lachte. „Weil das nur etwas für alte Frauen und ihre Töchter ist, darum. Und meine Mutter meint, dass Fremde im Dorf immer seltsam beäugt werden. Vor allem jetzt…“

Sie brach mitten im Satz ab.

„Alles in Ordnung?“

„Ja, alles gut. Ich musste gerade nur an etwas denken. Aber das ist Unsinn. Lass uns also nächsten Samstag vereinbaren, in Ordnung?“

„Alles klar. Und es ist kein Problem, dass du so schnell wieder hierher musst?“

„Nein. Ich habe sonst sowieso nichts zu tun an den Wochenenden. Und meine Mutter freut sich immer, wenn ich da bin.“

Sie verabredeten noch eine Uhrzeit, dann verabschiedeten sie sich voneinander. Als Wolfmund des Handy wieder einsteckte, musste er an die Vorhersage des Portiers denken, und daran, dass sie sich bis ins letzte Detail erfüllt hatte. Dann kam ihm eine schreckliche Idee, die er zuerst als absurd abtat, sich aber schnell immer mehr zu einem konkreten Gedanken formte. Was, wenn die zufällige Begegnung in der Bahn nicht so zufällig gewesen war, wie es den Anschein erweckt hatte? Und wenn die Bemerkung des Portiers nur ein psychologischer Trick gewesen war, dass er sich auch wirklich mit Madeleine verabredete? Er fragte sich, ob er auch ohne das Gespräch an der Rezeption bei ihr angerufen hätte, und er war sich nicht sicher. Vielleicht war alles ein abgekartetes Spiel, das ihn dazu bringen sollte, Vertrauen zu einem Menschen aufzubauen, den er nicht kannte, ohne dass er misstrauisch wurde, weil er daran glaubte, dass die Kontaktaufnahme von ihm ausgegangen war. Obwohl tatsächlich alles ganz genau geplant war. Seinen Feinden in Berlin traute er alles zu, da war die Infiltration seines Lebens mit einer Spionin eigentlich eher harmlos. Das Ganze war ihm schon von Anfang an komisch vorgekommen. Aber was hätte der Clan davon, ihn auszuspionieren, dessen einziges Ziel es ja nur war, ihn tot zu sehen? Mit all der Effizienz, die das organisierte Verbrechen zu bieten hatte? Da passte es nicht, erst noch eine komplizierte Beziehung zu ihm aufzubauen. Außerdem konnten sie ja unmöglich wissen, wo er war. Nur Laszlo wusste genau, wohin er gereist war und ihm vertraute er mehr als jedem anderen Menschen auf der Welt. Vielleicht war die Idee doch absurd. Aber ganz sicher ausschließen, dass etwas nicht stimmte, konnte er nicht, und er beschloss, dass er vorsichtig sein musste.

René Wolfmund stellt sich vor

Am Montagmorgen meldete er sich, wie geplant, um 9:00 Uhr an der Dienststelle. Das Polizeipräsidium von Dunkelberg war ein modernes Gebäude in der Innenstadt mit einer dreistöckigen Glasfassade. Die Dame am Empfang delegierte ihn in den obersten Stock, wo die Räumlichkeiten der Kriminalpolizei verortet waren und wo er sich im Büro von seinem neuen Vorgesetzten, Hauptkommissar Amos Sterntal, melden sollte. Er fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben.

Wie angekündigt, traf er Sterntal in dessen Büro an. Obwohl es eigentlich ein schöner Tag war und draußen die Sonne schien, oder gerade deshalb, waren die Jalousien im Zimmer zugezogen, sodass Sterntals Gesicht im Schatten lag. Nur seine Augen funkelten aus dem Halbdunkel heraus. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse schätzte Wolfmund ihn auf Ende Fünfzig. Er war hager und hochgewachsen und für einen Polizeibeamten überaus elegant gekleidet, denn er trug einen schwarzen Anzug mit Weste und Krawatte, alles wahrscheinlich maßgeschneidert, denn es passte wie angegossen. Wolfmund schämte sich fast ein bisschen für den einfachen Pullover und die gewöhnliche Jeans, die er anhatte.

Sterntal wies ihm mit einer Handgeste, sich auf einen der Stühle ihm gegenüber zu setzen. Er nahm Platz und wartete, dass Sterntal etwas sagen würde. Dieser musterte ihn erst einmal ausgiebig. Wolfmund hatte das Verlangen, seinen Blicken auszuweichen, hielt aber stand. Dann lächelte Sterntal und streckte seine Hand über den Schreibtisch aus.

„Guten Morgen, Reinhardt“, sagte er und Wolfmund zuckte zusammen, als er mit seinem wirklichen Namen angesprochen wurde. Damit hatte er nicht gerechnet, obwohl es natürlich zu erwarten gewesen war. „Es freut mich sehr, dass Sie da sind.“

Wolfmund nahm die ihm angebotene Hand und erwiderte Sterntals Händedruck, der fest und kräftig war.

„Bitte, nennen Sie mich René, ich mag meinen wirklichen Namen nicht besonders, und so wurde ich seit meiner Kindheit genannt.“

Sterntal nickte verständnisvoll.

„Natürlich. René, das würde mir auch besser gefallen.“

Er klappte die Akte zu, die vor ihm auf dem Schreibtisch gelegen hatte, und sortierte sie mit einer raschen, kontrollierten Bewegung in seine Ablage ein.

„Ich wurde natürlich über die Gründe ihrer raschen Versetzung bereits informiert. Auch wenn Sie ja nicht unbedingt deswegen hier sind, ist es trotzdem so, dass wir hier durchaus eine personelle Verstärkung gebrauchen können. Wenn ich mir ihren Lebenslauf so ansehe, habe ich nicht den Eindruck, Sie haben vor, ihre Zeit hier nur abzusitzen?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Die Fälle, mit denen Sie sich hier beschäftigen werden, sind natürlich nicht vom gleichen Format wie die, mit denen Sie sonst zu tun haben. Gerade haben wir mit einer Serie von Einbrüchen zu kämpfen, auf die ich Sie gerne fürs Erste ansetzen würde.“

„Kein Problem. Ich denke, dass mir das gerade guttun wird.“

„Das habe ich mir auch gedacht. Ich selbst habe mich auch erst vor Kurzem hierher versetzen lassen, um noch ein paar ruhige Jahre vor dem Ruhestand zu haben. Davor habe ich wie Sie für das BKA gearbeitet.“

„Komisch, dass wir uns noch nie begegnet sind.“

„Ich war in einer Sonderabteilung“, sagte Sterntal knapp. Dann stand er auf und griff nach seinem Gehstock, der bis dahin am Schreibtisch gelehnt hatte. „Eine alte Schussverletzung“, beantwortete er Wolfmunds fragenden Blick. „Sie ist nie richtig verheilt. Aber kommen Sie, ich will Ihnen noch die Kollegen vorstellen.“

Sie gingen hinaus in den Gang und Wolfmund folgte Sterntal zu einer Tür, auf der mit weißen Buchstaben „Cyber-Kriminalität“ geschrieben stand. Sterntal öffnete und sie traten hinein. Das Büro war, anders als Sterntals, vom morgendlichen Sonnenlicht regelrecht durchflutet, sodass Wolfmund erst einmal blinzeln und sich an die Helligkeit gewöhnen musste. Überall standen Computer, Bildschirme und anderen elektronische Geräte herum und der Raum erweckte deshalb ein bisschen den Eindruck von einem schlecht sortierten Elektronikfachgeschäft. Am Schreibtisch saß eine junge Frau mit struppigem, pechschwarzem Haar, die nicht älter als Fünfundzwanzig sein konnte. Ihr gegenüber, auf einem der Besucherstühle, saß ein uniformierter Polizist, der sich jetzt umwandte, um zu sehen, wer hereingekommen war.

„Guten Morgen“, sagte Sterntal. „Ich möchte euch unseren neuen Kollegen vorstellen. René Wolfmund.“

„René…“

Die Frau mit dem ungezähmten schwarzen Haar wiederholte seinen Vornamen nachdenklich und etwas überrascht, als hätte sie etwas anderes erwartet. Dann reichte sie ihm über den Schreibtisch die Hand.

„Hallo. Ich bin Kirjana. Kirjana Nikitja. Freut mich sehr.“

Sie hatte einen sehr leichten Akzent, der für Wolfmund nach einem Land aus Osteuropa klang, wozu ja auch ihr Name passte.

„Kirjana kommt frisch von der Polizeischule und hat sich vor allem auf die Verfolgung von Kriminellen im Netz und mit den neuen Medien spezialisiert“, erläuterte Sterntal. „Ich kenne sie schon seit Beginn ihrer Ausbildung“, fügte er noch hinzu. Dann wandte er sich dem Uniformierten zu. „Und das ist…“

„Ich bin Sebastian. Sebastian Widmann“, kam ihm der Uniformierte zuvor, wobei er aufstand und Wolfmund überschwänglich die Hand reichte.

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen, René. Ich bin ein echtes Original, könnte man sagen. Ich lebe schon seit meiner Kindheit hier. Mein Vater war schon Polizist.“

„Schön Sie beide kennenzulernen“, sagte Wolfmund.

Für einen Moment stellte sich Schweigen ein. Wolfmund begutachtete seine neuen Kollegen. Auf den ersten Eindruck wirkten sie auf ihn engagiert, aber auch unerfahren. In Kirjanas Blick lag jedoch eine Tiefe, die für ihn nicht zu ihrer jugendlichen Erscheinung passen mochte. Sebastian Widmann wirkte genau so, wie er sich immer einen Polizisten vom Land vorgestellt hatte.

„Dann wollen wir euch nicht weiter stören“, sagte Sterntal in die Runde. Dann, zu Wolfmund: „Kommen Sie, ich zeige Ihnen noch ihr Büro.“

Sterntal führte ihn zu einem kleinen Büro am Ende des Ganges. Als sie eintraten, fiel Wolfmund sofort der viele Staub auf, der im zarten Licht, das durch das Fenster fiel, durch die Luft schwebte. Bis auf den Schreibtisch war der Raum leer. Sterntal klopfte mit seinem Stock auf die Ordner, die darauf neben dem Telefon aufgestapelt waren.

„Ich habe ihnen die betreffenden Akten schon herausgesucht, damit sie sich einarbeiten können“, sagte er. Und, als Wolfmund ihn fragend anblickte:

„Zu der Einbruchserie, von der ich ihnen erzählt habe.“

„Natürlich“, antwortete Wolfmund etwas abwesend. Er war noch damit beschäftigt, sich an den leeren Raum zu gewöhnen, und von dem vielen freien Platz etwas überwältigt. In Berlin hatte er sich mit zwei Kollegen ein Büro geteilt.

„Dann lasse ich sie mal allein. Falls Sie etwas brauchen, wissen Sie ja, wo sie mich finden können.“

Mit diesen Worten ging Sterntal und schloss die Tür hinter sich. Wolfmund lauschte dem Geräusch seines Stocks auf dem Parkettboden, das, dumpf durch die geschlossene Tür, sich langsam im Gang entfernte. Als er es nicht mehr hören konnte, setzte er sich an den Schreibtisch.

Er holte seine Dienstwaffe hervor, die er, wie immer, im Brustholster getragen hatte, und wog sie einen kurzen Moment in der Hand. Manchmal hatte er das Gefühl, dass die Pistole seit jenem Tag schwerer geworden war, aber das war sicherlich nur Einbildung. Er wusste nicht, was er mit der Waffe tun sollte. Zum einen fühlte er sich, auch nach der Erfahrung von vorgestern Nacht, noch nicht bereit, wieder täglich eine Schusswaffe mit sich zu führen. Auf der anderen Seite wusste er natürlich, dass es zur Selbstverteidigung und auch für die Sicherheit seiner Kollegen wichtig war, die Waffe bei Einsätzen mitzunehmen, denn man kam schneller in brenzlige Situationen, als man es vielleicht erwartete. Aber was sollte hier schon passieren? Er glaubte nicht, dass es in Dunkelberg zu vielen Auseinandersetzungen mit Verbrechern käme, die den Gebrauch einer Waffe erforderlich machen würden. Am Ende schloss er die Pistole in seinem Schreibtisch, in der untersten Schublade, ein. Den Schlüssel klebte er mit einem Stück Tesafilm an die Unterseite der Tischplatte.

Er dachte über Sterntal nach. Er wusste nicht, was er von ihm halten sollte. Er schien nach außen hin eigentlich alle Eigenschaften zu haben, die auch andere gute Polizisten, die er schätzte, mit sich brachten. Aber er hatte auch eine abweisende, fast schon misstrauische Haltung bei ihm gespürt, die ihn etwas beunruhigte und aus der er nicht schlau wurde. Vielleicht war er einer jener Polizisten, die hinter jedem Eintrag in der Dienstakte gleich Polizeigewalt witterten. Aber das passte nicht zu seiner Laufbahn. Wenn er wirklich beim BKA gearbeitet hatte, war er sicherlich mit derlei Situationen vertraut. Wahrscheinlich nahm er sich einfach jeden neuen Mitarbeiter erst einmal prüfend vor. Wolfmund beschloss, der ihm entgegengebrachten Erwartung nachzukommen und sich als fähiger Polizist zu präsentieren, der sich nicht vor der Arbeit drückte, was ja auch der Wirklichkeit entsprach, und so begann er damit, die für ihn vorbereiteten Akten durchzuarbeiten.

Er hatte die Akten ungefähr zur Hälfte durchgesehen, als Sebastian Widmann in sein Büro kam und ihm von einem Anruf berichtete, den er soeben erhalten hätte. Es handelte sich wohl, wenn Wolfmund richtig verstand, um einen Fall von Wilderei. „Jedenfalls kam mir die Sache seltsam vor“, sagte Widmann, wobei er auf der Stelle von einem Bein auf das andere wippte, „und ich dachte, ich sehe es mir mal an. Ich dachte, vielleicht wollen Sie, nur wenn Sie möchten, mitkommen, das ist bestimmt interessanter als das, was Sie gerade machen.“

Er machte eine beiläufige Geste Richtung der Akten.

„Sonst hätte ich Sie natürlich nicht gefragt. Es ist nicht so, dass ich so etwas nicht auch allein regeln könnte. Aber so könnten Sie vielleicht ein bisschen die Umgebung kennenlernen.“

Wolfmund klappte den Ordner zu, in dem er bis dahin angestrengt gelesen hatte. „Sie haben recht, es klingt tatsächlich interessanter als meine aktuelle Tätigkeit. Ich komme mit.“

„Wie gesagt, es ist keine große Sache, und ich würde es auch alleine machen. Sonst ist aber gerade niemand da.“

Wolfmund nickte nur abwesend und zog sich seinen Mantel an.

„Sie haben schon recht. Vielleicht ist es wirklich ganz gut, wenn ich mich ein bisschen mit meiner neuen Umgebung vertraut mache“, sagte er.

„Oh ja, gewiss!“

An einer Seite grenzte die Stadt Dunkelberg an die Ausläufer eines großen Waldgebietes. Man konnte den Dunkelberger Wald aber nicht als sehr alt oder gar wild bezeichnen, denn alles war forstwirtschaftlich gut erschlossen und zahlreiche Wege zogen sich durch die Bäume, auf denen man tagsüber vielen Spaziergängern begegnen konnte, die das luftige, angenehme Klima unter den Baumkronen zu schätzen wussten. Vor dem Wald, zwischen den ersten Bäumen und den letzten Häusern Dunkelbergs, lag ein vielleicht ein halber Kilometer breiter Streifen grüner Wiesen, auf denen vereinzelt ein paar Schafe weideten. Zu einer dieser Schafsweiden fuhren sie jetzt, wie Widmann sagte, denn der Schäfer, der die Wiese bewirtschaftete, habe am Morgen eines seiner Schafe getötet vorgefunden und er glaube nicht, dass es ein Tier gewesen sei.

Interessanter wird es hier wohl nicht, dachte Wolfmund vor sich hin, sagte aber nichts. Widmann schien seine eigentlich unbegründete Unsicherheit damit zu überspielen wollen, indem er viel redete. Er erzählte Wolfmund von Dunkelbergs Geschichte, aber Wolfmund hörte nur mit halbem Ohr hin. Das meiste wusste er sowieso schon, dennoch tat er immer ganz überrascht, wenn Widmann eine besonders ausgefalle Anekdote zum Besten gab. Er konnte ja nicht wissen, dass er ebenfalls hier aufgewachsen war. Eigentlich war Wolfmund ganz froh, dass er es nicht wusste, vor allem als Widmann aufgeregt von einem angeblich verbrecherischen Kunsthändler hier aus der Gegend berichtete, der aber nie überführt werden konnte. Zu Wolfmunds Glück konnte er sich aber nicht mehr an den Namen erinnern und bevor er darüber nachgrübeln konnte, wechselte Wolfmund das Thema.

„Haben Sie Familie?“

„Ich bin verheiratet. Letztes Jahr haben wir eine kleine Tochter bekommen.“

„Das ist schön. Ich gratuliere.“

„Danke. Ja, es hat mich gut getroffen. Und Sie?“

„Ich bin nicht verheiratet“, sagte Wolfmund, vielleicht eine Spur zu abweisend, denn Widmann fügte schnell nach:

„Entschuldigen Sie, ich wollte nicht indiskret sein.“

„Ich habe ja davon angefangen. Als Polizist ist es einfach schwer, solche Dinge mit dem Job zu vereinbaren. Man kann Sie nur beglückwünschen.“

„Ja, schätze schon. Waren Sie schonmal im Wald, seit Sie hier sind?“

„Nein. Ich bin ja erst vor zwei Tagen angereist.“

„Sie sind erst seit zwei Tagen hier? Aber gibt es nicht so viele Dinge, um die man sich kümmern muss, wenn man umzieht?“

„Ich habe nicht viel.“

„Ich bin im Jagdverein, deshalb kenne ich mich ganz gut aus. Der Wald ist ziemlich groß, müssen Sie wissen, man unterschätzt das gerne und man kann sich sogar dort verlaufen, wenn man sich nicht auskennt.“

„Wenn Sie es sagen.“

Widmann lachte. „Wissen Sie, eigentlich ist es albern, aber manchmal komme ich abends von der Jagd nach Hause und wenn ich dann im Bett liege, ist es mir richtig unheimlich, zu wissen, dass so ein großes, weitgehend menschenleeres Gebiet ganz nah ist.“

Wolfmund dachte sich, dass es auf der Welt einige Orte gäbe, die sicher noch viel menschenleerer waren, aber er ging nicht weiter darauf ein.

„Als ich noch allein gelebt habe“, fuhr Widmann fort, „hatte ich nachts manchmal das Gefühl, ich wäre der letzte Mensch auf der Welt. Kennen Sie das?“

„Nein.“

Den Rest des Weges fuhren sie schweigend.