Der erste Kuss - Bernhard Bucher - E-Book

Der erste Kuss E-Book

Bernhard Bucher

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Beschreibung

Erinnern Sie sich auch gelegentlich an Ihre Schulzeit zurück? Oder an die Art, wie Sie erzogen wurden? Oder an Ihre erste Liebe? Wie denken Sie über die Position der Kirche in der Gesellschaft? Oder über Populismus? Wie würden Sie den Deutsch- und Kunstunterricht, den Sie hatten, aus heutiger Sicht beurteilen? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum die Gegenwart so ist, wie sie ist? Und welche Rolle die Vergangenheit dabei spielt? Und welche Rolle könnte nun der erste Kuss bei diesen Überlegungen spielen? Geprägt von einem Auf und Ab der Emotionen stützt sich Alexander Braun auf die Antworten dieser Fragen, die sich fast jeder früher oder später schon mal gestellt hat. Gehen Sie mit ihm auf eine Lebensreise und erfahren Sie, was vor Ihnen gewesen sein könnte und nach Ihnen vielleicht kommen wird!

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Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Bernhard Bucher

Der erste Kuss

Wie die Seele zu lieben lehrt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I

Das Mädchen am Sandhaufen

Rückblick

Deutsch

Bildende Kunst

Klasse 5 c

Die schulische Entwicklung

Literarische Kunst

Der Aufsatz

Gefühle

Freizeitgestaltung

Zeit der Sehnsucht

Nachtrag als letztes Kapitel

Jana und Anke

II

Ein Wiedersehen mit Anke

Abschied von der Schule

Der Friede sei mit euch

Vorbereitende Überlegungen

Strategien

Der Konjunktiv

Ausblick

III

Tag „X“

Ein ganz normaler Tag

Der Traum

Die Kontaktaufnahme

Das Date am Donnerstag

Am nächsten Tag

Eine Woche später

Die Zeit im Wandel

Herbst

Leben, Liebe und Sehnsucht

Epilog

Nachtrag

Impressum neobooks

I

Eine Seele,

die mit den Augen sprechen kann,

kann auch mit einem Blick küssen.

Gustavo Adolfo Bécquer

(Gustavo Adolfo Bécquer: Geboren: 17. Febr. 1836, gestorben: 22. Dez. 1870, Bécquer war einer der bekanntesten Autoren der spanischen Romantik)

Das Mädchen am Sandhaufen

Mein Name ist Alexander Braun, für Freunde und Bekannte auch Alex. Aufgewachsen bin ich auf dem Land, irgendwo in Süddeutschland. Ich bin jetzt einundfünfzig. Viele der Erfahrungen, die ich in meinem bisherigen Leben gesammelt habe, konnte ich in den letzten Monaten auswerten und dabei hat sich eine Erkenntnis herauskristallisiert, von der ich bislang weder von der Kirche noch von Wissenschaftlern oder sonstigen Schriftgelehrten je gehört habe. Ich bin auf einen unglaublichen Zusammenhang zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, zwischen Leben und Tod, zwischen Körper und Geist und zwischen Gott und der Welt gestoßen. Und davon möchte ich …, nein, ich muss Ihnen jetzt davon berichten! Zunächst aber von ganz vorne:

In meinen Gedanken existieren Bilder, in denen ich als Kind mit einem etwa gleichalten Mädchen zusammen bin und an einem Sandhaufen spiele. In dieser Erinnerung blickt sie mich an, wie ich das so seither nicht mehr erlebt habe, außer bei meiner Frau. Ihr Blick war lieb, durchdringend und hypnotisierend gleichzeitig, voller Freude und Erwartung und noch viel, viel mehr, was sich nicht oder nur sehr schwer beschreiben lässt. Wer dieses Mädchen war und wann und wo diese Bilder entstanden sind, das kann ich nicht sagen, genauso wenig, wie oft und wie lange wir uns überhaupt gesehen haben, oder ob wir uns gegebenenfalls auch zu anderen Gelegenheiten getroffen haben als nur zum Spielen am Sandhaufen. Ich kann mich nur noch an dieses eine Bild erinnern und natürlich an den Blick dieses Mädchens.

Ich frage mich nun, wer war sie? Möglicherweise bin ich ihr sogar in meinem späteren Leben wieder begegnet, vielleicht unbewusst, das jedenfalls entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht trägt sie sogar in gleicher Weise Bilder in sich, die sie auch an mich erinnern. Sie trug übrigens ein dunkelrotes Kleidchen, das mit bunten Blümchen geschmückt war. Und sie stand einfach nur da, auf dem Sandhaufen, und hat mich angesehen. Dieses Bild existiert einfach, klar und deutlich, in meiner Erinnerung – und das schon seit einer Ewigkeit.

Ob ich sie geküsst habe? Vermutlich war ich im Spielkind-Alter; und als ein im Sand spielendes Kind habe ich wohl eher auf andere Dinge Wert gelegt. Aber, vielleicht habe ich dieses Mädchen ja gemocht, und vielleicht bestand diese Zuneigung sogar gegenseitig. Mit Sicherheit aber gingen keine tieferen Sehnsüchte, Gedanken und Gefühle einher, wenn es tatsächlich eine Zuneigung gegeben haben sollte. Vielleicht entwickelte sich ja später eine intensivere Verbindung, bei der wir uns vielleicht auch geküsst haben. Hierzu fehlt mir aber jegliche Erinnerung und Kenntnis zu möglichen Zusammenhängen.

Übrigens: Wer küsst zeigt dem Anderen seine Zuneigung. Das bekommt man auch in jungen Jahren schon mit. Und wenn man sehr viel Zuneigung zeigt, kann Liebe dahinter stecken. Und Liebe ist etwas Schönes. Das kapieren auch Kinder. Wer liebt, lebt gesünder, ist zufriedener und vielleicht sogar erfolgreicher, also insgesamt besser. Liebe ist also erstrebenswert. Wer küsst, ist demzufolge auf dem richtigen Weg.

Heute – möchte ich behaupten – küsse ich viel bewusster als noch vor einigen Monaten, bevor ich mit dem Schreiben meines Buchs begann. Und wie sieht das bei Ihnen aus, heute? Wie küssen Sie Ihren Partner? Wann und wie oft? Was steckt gegebenenfalls hinter dem Kuss, den Sie mit Ihrem Partner tauschen? Haben Sie darüber schon mal nachgedacht? Ist es Leidenschaft, Gewohnheit, Freundschaft, Liebe, ein Friedenszeichen, Freude oder gar Verrat? Überlegen Sie sich die Art des Kusses, bevor Sie küssen? Wahrscheinlich überlegen Sie nicht, das geht nämlich von alleine und ist immer schön, hoffentlich!

Ich kann mich nicht daran erinnern, dieses vorhin beschriebene Mädchen in den ganzen Jahren noch einmal wiedergesehen zu haben. Vielleicht bin ich ihr inzwischen im erwachsenen Alter ja wieder begegnet, ohne es zu bemerken. Dies entzieht sich jedenfalls gänzlich meiner Erkenntnis! Nur die Bilder von damals sind noch in meinem Gedächtnis vorhanden: Das Mädchen mit diesem unbeschreiblichen Blick im dunkelroten Kleidchen auf dem Sandhaufen.

Ich frage mich nur: Wo war das, wann war das, wer war sie damals, lebt sie noch und falls ja, wer ist sie heute und kenne ich sie sogar?

Rückblick

Das muss ich jetzt aufschreiben. Jetzt bin ich soweit, dass ich die richtigen Formulierungen finde und mich ordentlich ausdrücken kann. Ob es nun ein Buch wird für die breite Öffentlichkeit oder nur ein Werk für meine persönlichen Erinnerungen und als Nachlass für meine Familie, das weiß ich jetzt noch nicht.

Diese Geschichte jedenfalls beschäftigt mich ungemein. Die Gefühle, die ich entwickelte, waren nicht nur in meiner frühen Jugend so intensiv, sondern seltsamerweise neuerdings wieder, obwohl inzwischen etwa vierzig Jahre vergangen sind. Ich frage mich, warum mich nach dieser wirklich langen Zeit nun immer noch oder wieder ein und dieselben Gefühle einnehmen, wie ich sie früher schon hatte. Was ist passiert, das versucht, mich erneut so sehr zu beeinflussen? Vielleicht bekomme ich hierauf ja noch eine Antwort.

Damit man den Umgang mit einem Sachverhalt leichter begreift und lernt, damit umzugehen, so heißt es, soll man ihn sich aufschreiben. Und das werde ich nun tun. Ich setze mich also an meinen Schreibtisch, starte den Computer und das Schreibprogramm und beginne, diese Geschichte niederzuschreiben. Dass es weit mehr als hundert Seiten werden, ist mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Ich werde jedenfalls mit meiner Erzählung an der Stelle beginnen, als ich vor zwei Wochen zu meinem Elternhaus gefahren bin und nach dem Rechten gesehen habe:

Etwas traurig und mit Wehmut betrachte ich die der Straße zugewandte Seite meines elterlichen Hauses, in dem auch ich früher täglich ein- und ausgegangen bin. Es war immer schon ein ruhiger Fleck in dieser Welt, genauso wie auch heute. Die Morgensonne strahlt auf das Haus und legt es in ein anmutiges Anwesen mit gepflegtem Garten ringsum. Hier hat Mutter früher immer jede Blume beinahe gestreichelt und ihr gut zugeredet. Ihr Blumengarten war ihr ein und alles. Als sie dann selbst aus gesundheitlichen Gründen nichts mehr daran richten konnte, sollte ich das alles machen: Blumenbeete und Sträucher pflegen, Rasen mähen und so weiter. Soweit ich konnte, habe ich mich auch rangehalten. Der große Gemüsegarten wurde allerdings zum Rasen, über den ich in den letzten Jahren nur mit dem Rasenmäher gefahren bin. Wir haben uns für die große Rasenfläche einen Aufsitzmäher angeschafft, weil wir ansonsten nicht mehr mit mähen fertig geworden wären.

„Wie früher“, geht mir durch den Kopf, „als Mutter noch der Chef hier war und alles selbst gemacht und vieles gemanagt und überwacht hat“. Ja, sie hat auch selbst kräftig daran mitgearbeitet, damit der Garten dann tatsächlich so aussah, wie sie sich das vorgestellt hatte.

Ich ärgere mich über mich selbst: Bin ich etwa nachtragend? Aus dem eben getätigten Gedanken klingt der Vorwurf heraus, dass sie es wohl prächtig verstand, ihren Dickkopf durchzusetzen. In anderen Worten: Alles musste immer nach ihrer Pfeife tanzen, damit das Ergebnis dann auch so wurde, wie sie das haben wollte.

„Es war ja auch ihr Garten, und wir, wir alle in der Familie, die ihr tatkräftig immer geholfen haben, wir haben ja auch ein bisschen Gartenhandwerk dabei gelernt. Sie war eigentlich doch eine herzensgute Frau“, versuche ich, meine Gedanken auf die gute Seite zu ziehen. „Sie hat doch immer versucht, jedem nur Gutes zu tun, halt auf ihre Art, …“.

Ich werde jetzt wohl am besten mit dem beginnen, weshalb ich überhaupt hier bin. Mit einem Seufzer bewege ich mich vom Auto weg, gehe durch das Gartentor in Richtung Haustüre. Auf dem Weg dahin nehme ich alle möglichen Gerüche der Pflanzen wahr, an denen ich vorbeigehe. Ja, die Blumen habe ich in den letzten Jahren gar nicht mehr so gerochen. Sicherlich haben diese Pflanzen genauso geblüht und geduftet wie auch jetzt, aber die bisherigen Umstände ließen den Genuss der Natur einfach nicht zu. Seit Mutter weg ist, fällt die Anspannung spürbar ab, bei mir jedenfalls. Sicherlich wirkt sich das auch auf das Empfinden meiner Umwelt aus.

Ich erwäge, zuerst einmal außen herum zu gehen, bevor ich mich im Haus umsehe und biege vor der Haustüre links ab und gehe vorbei an der Außenwand des Wohnzimmers. Auf der linken Seite liegt wieder eines dieser Blumenbeete, die Mutter ehemals angelegt hat. „Wenn ich nur wüsste, was das alles für Blumen und Pflanzen sind“, geht mir durch den Kopf. Wie man das alles anpflanzt hat sie mir beigebracht, aber was das alles ist, welche Blumen das sind, wie die heißen und so weiter, das habe ich bis heute nicht drauf. Im Weitergehen setze ich meine Gedanken fort: „Daran war aber nicht sie, sondern vielmehr ich mit meinem Desinteresse am Gärtnern schuldig“. Ich hatte einfach nicht den richtigen Zugang zu diesem Thema, stelle ich selbstkritisch fest.

Mein Blick wandert in die hintere Ecke am Ende des Gartens. Dort stehen sie immer noch, die Himbeeren, die im Spätsommer wohl wieder tragen werden. Ja, die Namen der Früchte hatte ich gleich drauf. Das liegt wohl daran, dass das etwas zu Essen war. Im Wettbewerb um Geschmack verlieren halt nun mal Blumen schneller als Beeren. Zumindest bei mir.

Ich biege um eine weitere Hausecke und befinde mich schon auf der Terrasse. Eine Gartenbank, ein kleiner Tisch und ein Gartenstuhl laden zum Verbleib ein. Auch hier wieder eine Pflanze: Im großen Topf ein mit wenigen dunkelrosaroten Blüten bestückter, sehr astreicher Strauch.

Die Terrasse könnte man auch mal fegen, geht mir durch den Kopf. Jetzt aber gibt’s Wichtigeres zu Tun. Meine Hand wandert automatisch in die Hosentasche und zieht den Schlüsselbund hervor, den ich eben erst nach dem Aussteigen aus dem Auto eingesteckt hatte und automatisch wähle ich aus etwa acht Schlüsseln den aus, der in die Türe passt, die von der Terrasse ins Haus führt. Für uns war das früher immer die „hintere Türe“ im Gegensatz zur „Haustüre“.

Nach dem Öffnen gelange ich in den Flur. Ein stechend beißender Geruch liegt in der Luft, es riecht insgesamt undefinierbar alt, sicherlich eine Komposition verschiedener Geruchsquellen: Nicht richtig beseitigter Monate, vielleicht sogar Jahre alter Staub, verdorbene Lebensmittel, Urin und Schweiß. „Jetzt ist sie schon zwei Wochen weg und es riecht immer noch so“, stelle ich fest. Sie kam zuerst ins Krankenhaus, dann ins Pflegeheim. Sie konnte einfach nicht mehr zuhause bleiben.

Mein Weg führt direkt in die Küche und ich öffne das Fenster, „Frischluft herein lassen“, ist mein erster Gedanke. Einfach mal durchziehen lassen. Nach und nach öffne ich auch die Fenster in den anderen Zimmern. Damit wird die stehende, schlechte Luft schneller ausgetauscht. „Das können wir zunächst mal so lassen, solange ich da bin“, denke ich und gehe zurück in die Küche. Dort öffne ich den Kühlschrank.

Abgelaufene Lebensmittel quellen mir entgegen. Ich wusste schon lange, dass dieser Moment kommen würde, der nun vor zwei Wochen eingetreten ist und was mir jetzt infolge dessen blüht. Und der Zustand im Kühlschrank ist nur der kleinste Bruchteil von dem allem, was noch vor mir liegt, darüber bin ich mir voll und ganz im Klaren.

Eine Plastikdose mit Wurst ist das erste Teil, das ich aus dem Kühlschrank nehme, es öffne und auf dem Küchentisch abstelle. Die Wurst ist noch in das Papier eingepackt, in die der Metzger sie eingewickelt hatte. Vielleicht hat Mutter schon eine oder zwei Scheiben davon gegessen, der Rest ist jetzt schmierig und eigentlich ungenießbar. Ich hole den Mülleimer aus der Ecke hinter der Türe hervor, in dem bereits Lebensmittelreste vor sich hin schimmeln, um jetzt auch die Wurst darin zu entsorgen. Danach sind Käse, Butter, Marmelade, Konserven und Eingemachtes dran, das auf Mutters Wunsch im Kühlschrank ebenfalls eingelagert wurde. Alles muss jetzt irgendwie auf Genießbarkeit untersucht und gegebenenfalls entsorgt werden. Und das betrifft eigentlich fast alles, was hier zu finden ist. Leider ist so ziemlich alles abgelaufen und demzufolge garantiert auch ungenießbar.

Mutter litt schon lange an Demenz, zuerst schwach, dann immer stärker. Sie konnte einfach nicht mehr alles das überwachen, was überwacht werden musste. Dies betraf insbesondere die Genießbarkeit von Lebensmitteln. Außerdem kam es immer wieder mal vor, dass Brötchen und Brotscheiben im Kühlschrank zu finden waren, einem Ort, an den diese Dinge einfach nicht hingehören. Nun, Mutter war einfach nicht mehr die Jüngste. Allerdings stand sie nicht zu ihren Fehlern und ließ sich demzufolge auch nicht helfen und schon gar nicht belehren.

Sie hielt es auch mit der Körperhygiene nicht so genau. Was war das immer für eine Diskussion, wenn es um dieses Thema ging. Auch der regelmäßige Wechsel der Unterwäsche wurde von ihr torpediert. Das war oft ein Kampf, der einfach nicht hätte sein müssen. Kräftezehrend! Mit Grauen denke ich daran zurück und bin froh, dass diese Zeiten jetzt vorbei sind, zumindest hier zuhause. Ich hätte ihr schon gerne noch einige Zeit in ihren eigenen vier Wänden gegönnt, sie auch gerne weiter gepflegt, wenn dieser Terror, dieses ständige Herumgemosere, die andauernde Unzufriedenheit mit sich und der Welt nicht gewesen wären. Und egal, was man bei ihr und für sie machte: Nichts war ihr recht, ob es aufräumen war, putzen, Geschirr spülen, umräumen bei den Dingen, die sie „versehentlich“ und „irrtümlich“ falsch aufgeräumt hat oder was auch immer.

Jetzt jedenfalls startet für mich nun ein langer Prozess des Aufräumens, der mit der Entsorgung unzähliger nicht mehr genießbarer Lebensmittel beginnt. Dabei macht der Kühlschrank nur den Anfang. Der vor etwa vierzig Jahren eingebaute Küchenschrank mit Ober- und Unterzeile quillt über vor Lebensmitteln, die sich an Stellen befinden, wo sie niemals hätten eingelagert werden dürfen. Wehe dem, der sich dagegen aufgebläht hätte. Mir war klar, dass bei ihr die Sache mit dem Haushalt ausufert, weil sie es einfach nicht mehr auf die Reihe bekommen hat. Aber ich hätte mich niemals dagegen auflehnen dürfen, von wegen die Sache dann selbst angehen und aufräumen und so. Pest und Cholera hätten mich sonst geholt! Mutter hatte wohl geglaubt, sie würde bestohlen werden, oder sie würde arglistig um das gebracht werden, was sie sich hart erarbeiten musste in den vielen Jahren zuvor.

Bemerkbar machen sich die Erfahrungen, die sie wohl kurz nach Kriegsende gemacht haben muss, als es gar nichts gab. In den Läden gab es nichts zu kaufen und wenn doch, dann hatte das Geld nicht gereicht. Sie hat häufig davon erzählt, dass sie oft froh war, überhaupt manchmal etwas zu essen gehabt zu haben, ganz gleich was. Hauptsache war, etwas zwischen die Zähne zu bekommen, insbesondere in der kalten Jahreszeit.

Sie hat auch oft davon erzählt, wie sie und ihr erster Mann, sich gerade in dieser Zeit auch noch ein Haus gebaut haben. Außer dem Grundstück, das ihr Mann nach dem Ableben seiner Eltern erben würde, hatten sie nichts. Eigenhändig mit Spaten und Schaufel hätten sie ausgegraben, hätten gemauert, hätten die Balken montiert und seien freihändig auf den Dachbalken herumgeklettert, als dann das Dach montiert wurde. Sie hatte es sicherlich nicht leicht. Diese Zeiten sind aber nun vorbei, Gott sei Dank.

Kartons, Holz- und Plastikboxen, Kunststoff- und Blechdosen, Eimer und Schüsseln, also alles, in das man etwas entleeren kann, suche ich im Haus zusammen, um die zum Teil bereits über Jahre abgelaufenen Lebensmittel den Vorschriften entsprechend entsorgen zu können. Bei dieser Arbeit begegnet mir wieder in Teilen der Geruch, den ich bei Betreten der Wohnung zu Beginn bereits wahrgenommen hatte.

Ich mache mir doch tatsächlich die Arbeit und öffne jede Verpackung und schütte letztendlich den Lebensmittelinhalt in die Biomülltonne. Die Kartonverpackungen fliegen in den Papiercontainer und die anderen Verpackungen je nach Material in den gelben Sack als wiederverwertbarer Rohstoff, also Plastik, Aluminium und so weiter.

Nudeln, Cornflakes, Pudding- und Soßenpulver, Reis, Klöße, Marmelade-, Gurken-, Zwiebeln-, Paprika- und Bohnengläser, Obst-, Wurst- und Suppenkonserven, die ganzen Gewürze, alles muss entsorgt werden, weil das Verfallsdatum bereits mehrere Monate und Jahre, in Einzelfällen über zwanzig Jahre, bereits abgelaufen ist. Ein paar Blechdosen sind bereits so aufgebläht, dass sie bauchig geworden sind. Zwei davon sind bereits aufgeplatzt und der Inhalt ist ausgelaufen und klebt nun schwarz, wie Pech und Schwefel gleichermaßen, an den Regalteilen.

Was für eine Verschwendung! Was hätte man mit dem Geld alles kaufen können, wenn man es nicht fürs Horten und Anhäufen von Lebensmittel, die hier kaputtgegangen sind, ausgegeben hätte. Mutter ist da irgendwie der Realität entglitten. Die Erfahrung aus der Zeit, in der es nichts gab, hat wohl ihr Verhalten in dieser Hinsicht geprägt. Offensichtlich wollte sie diese Erfahrungen nie wieder machen: Hungern, weil man nichts hat. Die Zeiten entwickelten sich zu unseren Gunsten so, dass wir in unserem Land seitdem alle satt wurden und genug zu essen hatten. Und wie man sieht, werden wir so sehr satt, dass Lebensmittel verderben, „… während es immer noch Länder und Gegenden gibt, in denen Hunger und Not herrschen“, geht mir ergänzend durch den Kopf.

Nach etwa drei Stunden breche ich diese Arbeit ab und nehme mir vor, an einem anderen Tag daran weiter zu machen. Für heute habe ich genug von dem verdorbenen Gestank gerochen. Eine angenehmere Tätigkeit, allerdings auch intellektuell etwas anspruchsvoller, ist die Durchsicht der schriftlichen Dinge. Das aber ist eine Arbeit, die ich einpacken und mit nach Hause nehmen kann. In Schachteln zusammengetragen nehme ich verschiedene Ordner, Hefte, lose Blätter, Fotos, Handaufschriebe, geöffnete und ungeöffnete Briefe vom Schreibtisch aus ihrem Schlafzimmer mit und trage sie ins Auto. Die durch den Briefeinwurfschlitz in der Haustüre geworfene und nun seit einigen Tagen im Eingang liegende Post und die Zeitungen lege ich ebenfalls in eine der Schachteln. Bei der Grobdurchsicht dieser Dokumente erkenne ich, dass ein riesiger Berg an Arbeit noch vor mir liegt: Das erste, was ansteht, sind die Kündigungen von Rundfunkgebühren und Telefon, dann die Ummeldung bei den Kommunen, der Krankenkasse, Rentenstelle und so weiter.

„Oh je“, beginne ich zu seufzen und sehe mich ein wenig hilflos in ihrem Schlafzimmer um. Neben dem Schreibtisch steht ihr Bett, dahinter ein total verstaubter Nachttisch, auf dem ein Gebetbuch, daneben ein etwa fingergroßes Kruzifix und ein Rosenkranz liegen. Dem Schreibtisch gegenüber steht ihr Kleiderschrank, der vollgestopft ist mit Kleidung, von der sie das meiste seit Jahren nicht mehr getragen hat, weil sie da einfach nicht mehr reingepasst hat.

Ich erhebe mich langsam und wechsle ins kleine Zimmer, in dem sie sich die letzten Monate und Jahre am liebsten aufgehalten hat. Der Fernseher steht jetzt im Heim in ihrem Zimmer, inklusive des Sideboards, auf dem das Gerät stand. Ein überladener Bücherschrank steht noch an der Wand gegenüber dem Fenster. „Oh Mann, das gibt erst Arbeit …“, grolle ich so vor mich hin.

Auf der Suche nach Behältnissen für die Lebensmittelabfälle habe ich versucht, abzuschätzen, wieviel Arbeit an anderen Stellen im Haus noch anfallen wird, und bin zu der Erkenntnis gelangt, dass eine Woche Urlaub wohl nicht ausreichen wird. Das wird sich auch sehr schnell als eine richtige Vermutung herausstellen. So schließe ich nun alle Fenster wieder und hinter mir dann auch die Türe.

In der kommenden Zeit wird sich vieles ändern, obwohl sich dies zunächst nach außen so überhaupt nicht zeigen wird. Zu diesem Zeitpunkt ist mir noch nicht klar, dass mich überdies auch die Vergangenheit einholen und mich in der darauffolgenden Zeit voll und ganz beschäftigen wird.

Deutsch

Eine Woche reicht bei weitem nicht aus, ein Haus mit insgesamt vier Etagen auf- und auszuräumen. Das ist mir jetzt auch klar. In der Zwischenzeit, etwa drei Monate später, ist im Haus nun doch so ziemlich alles umgekrempelt, und kaum etwas steht mehr da, wo es anfangs noch stand. Ordnung ist das halbe Leben, kriegt man das nicht schon in jungen Jahren beigebracht? Als Erwachsener sollte man das auch selbst praktizieren. Offenbar hatte Mutter eine eigene Definition für Ordnung. Nun, im Verlauf ihrer dementiellen Entwicklung gelangte dieser Begriff aus der Sicht des Normalbürgers und dessen Verständnis dafür bei ihr wohl ins Hintertreffen oder wurde von ihr einfach nicht mehr richtig interpretiert.

Jetzt jedenfalls ist alles zusammengetragen, was zusammengehört: Im Keller Wein und Spirituosen, Staubsaugerartikel, Kerzen, Packpapier, Elektrokleinzeug, ein Schlauchboot, Reinigungsmittel, Kartons, leere Einmach- und Honiggläser, noch eingemachtes Obst, wobei ich da nicht sicher bin, ob das noch genießbar ist und leere Plastik- und Blechdosen. Im Erdgeschoss sind Bücher, Fotoalben und lose Fotos, gestickte Bilder, Tischdecken, Küchengeräte, Geschirr und Besteck und im Obergeschoss Bettdecken und Kissen aller Art, Gobbelin-Bilder unterschiedlicher Motive, Handarbeitszeug zum Häkeln, Sticken, Flicken und Stricken, christliche Figuren, die Briefmarkensammlung, Schallplatten und Kleidung.

Wo ich noch nicht begonnen habe, aufzuräumen, ist auf dem Dachboden. Und um mir zunächst einmal einen Überblick zu verschaffen, begebe ich mich über die Falltür im Obergeschoss auf den Dachboden. Direkt unter den Ziegeln herrschen jetzt im Hochsommer Temperaturen, die einen dazu veranlassen, sofort wieder rückwärts nach unten zu gehen.

Bevor ich mich jedoch hierfür entscheide, möchte ich mich nur mal kurz umsehen, und die Arbeit abschätzen, die auch hier noch auf mich wartet. Ich sehe ein großes und ein kleines Aquarium. Oh ja, ich hatte gegen Ende meiner Schulzeit und während meiner Berufsausbildung Fische. Danach musste ich beide Becken auflösen, weil meine Eltern nicht bereit waren, die Pflege der Fische während meines damaligen Dienstes bei der Bundeswehr und des darauffolgenden Studiums zu übernehmen. Die Tiere habe ich einem befreundeten Aquarianer gegeben. Seitdem stehen die Glasbehälter nun zusammen mit den dazugehörigen Geräten und Schläuchen hier auf dem Dachboden. Weiter hinten stechen mir Skier ins Auge. „Die stehen da ja auch schon Jahrzehnte“, geht es mir so durch den Kopf. Auf der rechten Seite befindet sich ein Schrank. Neugierig öffne ich eine der Türen. Kleidung von anno dazumal. Auf der Hutablage greife ich nach einer alten vergammelten Schachtel, die alleine bei meiner Berührung beinahe schon auseinanderfällt. Im Inneren befindet sich ein nagelneuer Zylinder mit Samtbezug. Etwas ganz Edles. Ich setze mir das Teil kurz auf. Schade, etwas zu klein, bei einer kleinen Bewegung fliegt das Teil weg, überlege ich und packe das gute Stück wieder in den gerade noch halben Karton und lege es bereit zum Mitnehmen. „Der ist zu schade zum Hierlassen“.

An der Stange hängen jede Menge Kleidungsstücke: Angefangen vom Pelzmantel bis hin zum Streifenanzug. Offenbar vor Jahren schon ausrangierte Dinge meiner Mutter und natürlich die damals noch „gute“ Kleidung meines Vaters. Mutter hat Vaters Kleidung offensichtlich nach seinem Tod hier mit der Absicht aufgehängt, sie mir zu geben, wenn ich das passende Alter erreicht haben würde und mir die Kleidung auch in der Größe passen würde. Nun, das passende Alter dürfte ich nun erreicht haben, aber ich habe bei weitem nicht die passenden Maße. Ich kann mich daran erinnern, dass Vater nur so in den Hosen „hing“. Gehalten von Hosenträgern hing die Hose letztendlich an seinen Schultern. Das darüber getragene Jackett verdeckte die Träger und ließ den eher schmächtigen Mann darin stolz und eigentlich ganz gut aussehen. Fast neue Schuhe, passend zum Anzug, stehen auf dem Schrankboden in eine Schuhschachtel eingebettet. Ich greife nach ihr und hebe sie hoch … Husch! Eine Spinne rennt davon … Oh Mann, sind die aber schwer! Mein Urteil bezüglich der Schuhe fällt negativ aus. Die würde ich auch dann nicht anziehen, wenn sie mir passen würden. Da ist alles sicherlich aus echtem Leder, viel zu hart und unbequem und mit Blei in den Sohlen. So schön diese Schuhe auch wirken, sie werden das Haus in einem Sack verlassen, leider.

Also wieder nur Kleidung, murmele ich so vor mich hin und öffne langsam die linke Schranktüre. Aha, nicht ganz, korrigiere ich meine mir eben gemachten Gedanken. Bilder in Schubladen, zerborstene Gläser in alten Bilderrahmen, Trockengestecke in Fächern, in denen normalerweise Wäsche eingelagert wird. Im Fach weiter abwärts ist Weihnachtsdeko in einer Schachtel verstaut. Und noch weiter unten liegen quer lose Blätter und Hefte von mir. So, so, hier also sind die ganzen Sachen aus meiner Schulzeit. Die sind ja noch alle da!

Ich nehme einen kleinen Stapel loser Blätter in die Hand und richte mich auf. Damit ich besser lesen kann, drehe ich mich zum Dachfenster, wo genügend Licht auf das Papier fällt. „An meiner Handschrift hat sich bis heute nicht viel geändert“, denke ich. „Und typisch, früher habe ich gesudelt, gestrichen, korrigiert und in klein darübergeschrieben. Jetzt mit dem Computer wird das alles viel ordentlicher und von der Korrekturarbeit sieht man nichts mehr.“

Ich halte eine Textanalyse in der Hand:

„Wer hörte Trixis Todesschreie?“

Aufbau (Inhalt): zielt auf Erfüllung der Erwartungshaltung vieler Leser ab (Klischeevorstellungen)

Es zeugt von Spannung (1. + 2. Abschnitt)

Chronologischer Aufbau mit Rückblenden (Z. 22 – 41), …

Was für einen Müll, denke ich und blättere dennoch interessiert weiter.

Politische Rede:

Ulbricht: Rede zum Bau der Berliner Mauer

Das haben wir im Unterricht behandelt? Daran kann ich mich nicht mehr erinnern! Aus Interesse am Thema lese ich weiter: Wie kann man diesen Unsinn, also den Mauerbau, noch rechtfertigen!

Gliederung (Grobstruktur des Textes)

(Kernfragen: Wer sagt was? Wozu zu wem? Bei welchem Anlaß?)

Kann es sein, dass ich deshalb so schlechte Noten hatte, weil ich mir von vorne herein schon alles falsch notiert hatte? Aus heutiger Sicht müsste hinter dem „Wozu“ auch ein Fragezeichen stehen. Dadurch, dass keines dasteht, wird der Sinn der Frage in gewisser Hinsicht verändert.

An dieser Stelle fällt mir wieder die Story ein, bei der gezeigt wird, wie wichtig es ist, Satzzeichen richtig zu verwenden. Und zwar am Beispiel der Kommata-Setzung! „Kommata“ sagt übrigens kein Mensch mehr für das Plural von „Komma“, abgesehen von meiner damaligen Deutschlehrerin. Wird der Begriff „Komma“ verwendet, versteht ihn auch jeder Deutsche, und da ist es egal, ob er im Plural oder im Singular verwendet wird. Laut dieser Geschichte hat also die Kommasetzung entscheidenden Einfluss auf Leben und Tod. Hier nun die Story von und mit dem Komma:

In einer Kleinstadt im mittleren Westen wurde nach einem Banküberfall der Räuber geschnappt. Leider befand sich der Richter in einer Nachbarstadt viele Kilometer entfernt. Zur damaligen Zeit gab es weder Telefon noch Email, so wurde mittels eines Telegramms eine Nachricht mit folgendem Wortlaut an den diensthabenden Richter gesandt: 

BANKRAUB AUFGEKLÄRT STOP RÄUBER GEFASST STOP ERBITTE RICHTERLICHE ENTSCHEIDUNG. Umgehend kam die Antwort: WARTET NICHT HÄNGEN

Wie sollte nun der Sheriff der Kleinstadt vorgehen?Lautet die Antwort: "Wartet, nicht hängen!" würde das bedeuten, dass der Räuber zunächst einmal weiterlebt. Lautet jedoch die Antwort: "Wartet nicht, hängen!", würde dies den unverzüglichen und unwiederbringlichen Tod des Räubers zur Folge haben.

Diese Geschichte habe ich übrigens einmal im Radio gehört. Sie hat mich sehr beeindruckt, weshalb ich sie mir sinngemäß aufgeschrieben habe. Sender und Autor sind mir leider nicht bekannt. In dieser Geschichte entscheidet also die Position des Kommas über Leben und Tod. Da nicht ganz erkennbar ist, was der Richter meint, also das Komma vor oder nach dem NICHT, wird der Sheriff gut daran getan haben, sich letztendlich FÜR den Angeklagten zu entscheiden. Hoffentlich hat er richtig überlegt, gefolgert und dann auch entsprechend entschieden.

Aber zurück zu Walter Ulbrichts Rede zum Mauerbau. Hier nun also die Fortsetzung der von mir notierten Stichpunkte:

Anrede

Rückblick auf „ereignisreiche Tage“

Dank an die Ausführenden

Beitrag zum Frieden

Rechtfertigung

Anklage und Aufruf an die Bevölkerung

Pervertierung des Begriffs „Menschlichkeit“ durch die Westdeutschen

Anklage des westlichen Systems (politisch und wirtschaftlich)

Die Mauer ist jetzt weg, geht mir durch den Kopf. Sie ist gefallen. Der ganze Unterricht zu diesem Thema war also völlig für die Katz! Und dann lese ich das, was ich im Fach Deutsch am meisten gehasst habe, nämlich die Einführung zum Thema Texterörterung:

Sie ist eine besondere Form der Erörterung, also eine dialektische Form des Problemaufsatzes. Erörterung bedeutet: Stellung beziehen, nachdem man sich auf der Grundlage von Informationen seine eigene Meinung gebildet hat und das Pro und Contra sachkundig abwägen kann. …

Seine eigene Meinung bilden … Ja, ja, und was ist, wenn die eigene Meinung nicht der des Lehrers entspricht? Glaubt eigentlich das Kultusministerium, man könne sich auf Deutsch auszudrücken lernen, indem man Erörterungen schreibt? Haben sich die zuständigen Sachbearbeiter im Ministerium überhaupt einmal die Mühe gemacht und sich den Sprachwortschatz der heutigen Jugend „reingezogen“? Da wechseln sich überwiegend drei Wörter ab, die da lauten: „Öööh“, „geil“ und „Alter“. Ich bezeichne dies als „Tripplecode“. Wenn sich nun einer mit dem anderen unterhält, hört sich das dann so an: „Öööh Alter, geil öööh!“ Und der andere antwortet dann: „Geil Alter, öööh!“

Ich würde mir wünschen, dass das Ministerium einen Lehrplan erstellt, der das Erlernen einer guten und gepflegten Ausdrucksweise beinhaltet, der die Beherrschung der deutschen Rechtschreibung und Grammatik anstrebt, gerade in der Oberstufe. Stattdessen drückt es eine Rechtschreibreform nach der anderen durch. Wenn ich höre, was manche jungen Leute von sich geben, frage ich mich, mit welcher Berechtigung die überhaupt in die neunte Klasse versetzt werden konnten, um überhaupt den Hauptschulabschluss zu bekommen, geschweige denn im Falle einer Versetzung in die nächst höheren Klassen in der Oberstufe nun das Abitur anstreben dürfen.

Und wegen solcher Reformen sind wir Alten nun gezwungen, uns auf das Niveau der Jungen herunterzulassen, die sich angeblich mit den neuen Regeln bei der Rechtschreibung nach Ansicht des Ministeriums leichter tun. Der Trend geht eindeutig dahin, dass das Bildungsniveau sinkt, der Bildungsstandort Deutschland nicht nur seine Strahlkraft verliert, sondern seine Position an Länder abgeben muss, die bislang weit hinter Deutschland im Ranking um eine vernünftige Bildungspolitik lagen. Wenn es so weitergeht, reformiert sich Deutschland seine Bildung noch ganz kaputt. Ein weiteres Indiz für diesen Kaputtmach-Mechanismus ist übrigens die Einführung von G8. Aber da rudern einige Schulen und Bundesländer schon wieder zurück.

… Es ist ebenfalls möglich, dass die Texterörterung ähnlich wie die steigernde Erörterung aufgebaut ist, der Verfasser muss sich dann mit Ursachen, Auswirkungen und Lösungsmöglichkeiten des Problems auseinandersetzen.

Textgrundlage: Sachtext wie Zeitungsartikel, Leserbrief, Bericht, Texte für aktuelle Themen …

Also alles …

Ich betrachte noch einmal das Schriftbild. Ja, ich kann es kaum glauben. Das habe tatsächlich ich geschrieben. Ich lese es heute aber zum ersten Mal – bewusst! – bin ich der Meinung, und ich soll das wirklich damals gelernt haben? Ist das jetzt schon die beginnende Demenz? Gibt es das, dass man sich nicht mehr an solche Dinge erinnern kann? Schon möglich, dass ich die einen oder anderen Sachen total verdrängt habe. Nun, im Fach Deutsch durchaus denkbar.

Auf der nächsten Seite finde ich eine Skizze zum Thema „Das Fenstertheater“ von Ilse Aichinger (1954). Ich habe mir die Geschichte eben noch einmal durchgelesen. Was für einen, für das Fach Deutsch nicht nachvollziehbaren Schwachsinn, haben wir da früher im Unterricht behandelt?

„Standortwechsel muss vom Leser mitgemacht werden

---> Erkenntnisprozess bei der Frau“.

Dazu habe ich zwei Wolkenkratzer skizziert, die Position von Mann und Frau gekennzeichnet und die erzählten Abschnitte den Gebäuden zugeordnet. Kann mir jemand bitte mal sagen, was daran „Deutsch“ sein soll oder warum mit so einem Unsinn kostbare Unterrichtszeit vergeudet wurde? Warum lernen die jungen Leute heutzutage nicht mehr richtig lesen, schreiben und reden? „Öööh geil, Alter!“ heißt es, wenn man die hört. Da kann ich mich aber auch aufregen!

Niemand hat uns damals gezeigt, wie man eine Bewerbung schreibt, welche Lernmethoden man für welche Klausur am besten anwendet, wie man einen wissenschaftlichen Text liest (z. B. im Biologiebuch oder einer politischen Zeitung wie etwa dem „Spiegel“). Das wären brauchbare Dinge gewesen, die wir als Schüler damals sofort hätten umsetzen können. Nein, „Iphigenie auf Tauris“ (Goethe) und „Der Prozess“ (Kafka) waren Pflichtliteratur. Was, bitte schön, hätte ich damals schon mit den dort gewonnenen Erkenntnissen anfangen sollen? Geht man denn nicht zur Schule, um insbesondere das Lernen zu lernen? Gerade in Deutsch. Lesen zu können und das Gelesene so schnell wie möglich zu kapieren ist doch das A und O in der Schule und überhaupt auch im Leben. Und weil es unterschiedliche Schwierigkeitsstufen gibt, wäre es durchaus angebracht, die Verbindung zwischen Lesen und Kapieren immer wieder zu pauken. Aber bitte nicht mit Iphigenie, Prozess und dem ganzen anderen literarischen Unsinn.

Und wie sieht das heute aus? Es gibt überhaupt keine brauchbaren Erkenntnisse, die ich jemals aus dieser Literatur hätte gewinnen können. Ich war in meinem Leben an insgesamt sechs verschiedenen Schulen, und in keiner einzigen habe ich gelernt, zu lernen. Warum lese ich heute keinen „Spiegel“ oder „Stern“ oder „Focus“? Das Interesse dazu wurde nicht geweckt! Warum lese ich heute generell nicht gerne? Ich begründe das einfach mal mit der mir nicht zur Verfügung stehenden Zeit. Würde ich lieber lesen wollen, fände ich schon die dafür nötige Zeit. Dann müsste ich zwangsläufig auf etwas Anderes verzichten.

Für das Lesen wurde in mir einfach das Feuer nicht entfacht. Im Gegenteil: „Lesen ist langweilig und nervt“, mit dieser Erkenntnis habe ich nach dem Abitur die Schule verlassen. Und da war ich nicht der Einzige. Zukunftsorientiert ist diese Haltung nicht. Ich hätte während meiner Schulzeit durchaus sowohl etwas mehr Motivation, wie auch Tipps und Tricks für eine erfolgreiche Schulzeit gebrauchen können. Das hätte ich vielleicht eher aufgenommen und dann auch anwenden können, vielleicht. Ich bin der Meinung, dass Iphigenie, Prozess und so weiter mehr demotivierend in Bezug auf Leselust und Lernwille einwirkt und daher schädlich in der Entwicklung von Schülern ist.

Deutschland hat sich bislang immer als Nation mit hohem Bildungsstandard behauptet. Diesen Titel werden wir Deutschen verlieren und die kommenden Generationen werden sich immer schwerer tun, wenn an diesem sinnlosen Bildungssystem nichts geändert wird, zumindest im Fach Deutsch.

Ich erwäge, wieder ein Stockwerk tiefer zu gehen, und lege den aufgenommenen Papierstapel wieder ins Fach zurück. Ein Blick in die Tiefe des Fachs zeigt mir eine Anreihung vieler Ordner aus der Zeit meiner Abiturvorbereitung in der Oberstufe, dazu einige Ordner und Hefte sowohl aus der Zeit davor, die ich in Schulen, die zur mittleren Reife führten, bestritten hatte, als auch aus der Zeit danach, als ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Berufsschule ging.

Diese Unterlagen werde ich ein anderes Mal durchsehen. Ich möchte sie jedenfalls nicht einfach nur ungesehen wegwerfen.

Bildende Kunst

Mit drei Plastikkisten bewaffnet steige ich zwei Treppen hoch, damit ich die im Schrank auf dem Dachboden befindlichen Aufschriebe, Ordner und Hefte aus meiner Schulzeit einpacken und nach unten tragen kann. Mit diesen drei Kisten kriege ich aber gerade die Hälfte der Schulaufschriebe weggetragen, die da zu finden sind.

Diese Kisten sind sehr praktisch. Bei der Post, bei der ich beschäftigt bin, werden darin Briefe transportiert. Sie haben die ideale Größe für den Transport von gerade auch solchen Dingen wie Ordnern und Heften in größeren Umfängen.

Im Laufe meines Lebens habe ich schon so oft die Erfahrung gemacht, dass gerade dann, wenn ich etwas weggeworfen (neudeutsch: entsorgt) hatte, es kurz danach doch noch hätte gebrauchen können. Bei meinen Schulaufschrieben wollte ich nicht denselben Fehler machen. Nichts wird weggeworfen, was nicht zuvor gut durchgesehen wurde. Wer weiß, was da noch alles versteckt sein kann. Nicht, dass jetzt der Eindruck entsteht, ich würde den ganzen Stoff nochmals pauken wollen: Es könnte sein, dass noch der eine oder andere Geldschein auftaucht oder vielleicht ein wichtiger Brief, ein Kunstwerk, …

Ein Kunstwerk! Klar. Mann, ich erinnere mich. Während so langweiliger Unterrichtseinheiten wie Geschichte oder Deutsch, bei denen man ohnehin nichts lernt, habe ich mich oft nebenher mit dem Skizzieren von Gesichtern beschäftigt. Die Skizzen waren dann auch tatsächlich so gut, dass die dargestellten Personen wirklich zu erkennen waren. Und die sind hier irgendwo verstreut in diesen Ordnern. Ja, diese Zeichnungen möchte ich behalten. Vielleicht stelle ich sie ja mal aus.

Solche Zeichnungen habe ich immer auf der Rückseite von Kopien erstellt. Das waren leere, weiße Seiten im DIN-A4–Format und boten ausreichend Platz für diese Nebenbeschäftigung, weil in der Regel nur eine Seite des Blattes bedruckt war. Deshalb wird es ausreichen, die bislang in den Ordnern eingehefteten und nun entnommenen Blätter als Stapel kantengleich durchzublättern, also die Kante am Finger abrutschen zu lassen. Durch geschicktes Verbiegen des Papierstapels erhält man einen kurzen Blick auf die Rückseite jedes einzelnen Blattes. Ebenso sieht man die Vorderseite beim Durchschnippen. Man kann die Seite zwar nicht lesen, aber man sieht, ob etwas darauf geschrieben steht, ob es sich um eine weiße leere Seite handelt oder ob sich eine Zeichnung darauf befindet. Das reicht. Etwaige Skizzen können dann noch einmal extra nachgeschlagen werden, falls das Durchblättern zu schnell ging. Also, ich mache es mir so gemütlich, wie es gerade so geht und beginne, den Stapel mit losen Blättern zu untersuchen, die Themen bereithalten, die ich wie die Pest leiden kann, wie in Deutsch beispielsweise. Mit einer gefühlsmäßig ausreichenden Anzahl an Blättern aus dem „Lose-Blatt-Stapel“ beginne ich die Suche.

Mit nur kurzem Durchschnippen der Blätter ist es nun aber doch nicht getan. Mich interessieren tatsächlich die Themen noch einmal. Was da alles zu finden ist, und alles ist durcheinander. Neben den Themen im Fach Deutsch, worüber ich mich ja schon ausgiebig ausgelassen habe, finde ich Programmlistings in Basic, der damaligen Programmiersprache im Fach Datenverarbeitung. Dann ist eine Wirtschaftslehre-Klausur dabei, deren Note ich lieber nicht erwähne und eine Liste von Dingen, die wohl für eine Klassenparty besorgt werden sollten. Zwischendurch sind auch tatsächlich mal unterrichtsbezogene Notizen aber auch schon wieder eine weitere schlechte Note. Nun, ich hatte es wirklich nicht leicht! Mit meinem geistigen Auge sehe ich soeben einen meiner ehemaligen Englischlehrer vor mir. Gott sei Dank sind diese Zeiten vorbei, denke ich und lege - mit dem obersten Blatt voran - die Blätter nach der Durchsicht kopfüber auf den Tisch, um weitere Blätter aus dem anderen Stapel aufzunehmen. Ich finde nochmals Notizen zum Fach Deutsch, ansonsten Geschichte und vor allem viel Mathematik. Aber keine Zeichnung. Ebenso im nächsten Papierbündel. Aber dann … Tatsächlich: eine Bleistiftzeichnung. Das war wohl eine Mitschülerin, wenn ich nur noch wüsste, wie sie hieß. Ach, bin ich vergesslich! Und noch eine Skizze, gleich danach: Das war ein Lehrer. Ich glaube, er hat Volkswirtschaftslehre unterrichtet, möchte mich aber nicht festlegen, ist ja auch egal. Zumindest weiß ich nun, dass ich in diesen Unterlagen fündig werden kann. Mit jedem neuen Papierbündel überfliege ich den alten Mist nochmals und wiederhole somit ungewollt stichwortartig den Stoff, den ich inzwischen vergessen habe.

Normalerweise müsste mich das schlechte Gewissen plagen: Habe ich mich doch damals nicht oder nicht ausreichend auf den Unterricht konzentriert und stattdessen die Gesichter anderer Leute skizziert! Hätte ich das aber nicht getan, hätte ich sicherlich keinen Grund gehabt, jetzt stichprobenartig den Stoff von damals noch einmal zu wiederholen. Nur helfen mir die Inhalte dieser Aufschriebe heutzutage überhaupt nicht mehr weiter.

Kunstunterricht übrigens war Mangelware an unserer Schule, zumindest an den berufsorientierten Schulen, die ich besucht habe. Ich weiß ganz ehrlich nicht, warum ich gerade die wirtschaftswissenschaftliche Richtung bis zur Mittleren Reife und danach bis zum Abitur gewählt habe, während meine Begabungen in eine ganz andere Richtung tendierten. „Wer wirtschaften kann, wird niemals Geldprobleme haben“, habe ich noch in den Ohren. Schön. Dazu dürfen sich aber die Zeiten nicht so ändern, wie sie das getan haben. Inzwischen hat sich der Wert der D-Mark mindestens halbiert und heißt jetzt Euro. Das erste, was aber in Euro so viel gekostet hat, wie zu D-Mark-Zeiten, waren Schuhe und der Friseur. Die meisten anderen Güter haben dann nachgezogen. Wie soll ich aber erfolgreich wirtschaften, wenn ich ein paar neue Schuhe benötige und nur noch die Hälfte verdiene? Und die Sandalen vom Sommer im Winter anzuziehen, war nur zu Beginn unserer Zeitrechnung modern.

Kunst gab es von Klasse eins bis neun. Von den in dieser Zeit erstellten „Kunstwerken“ existiert nicht eines mehr. Der Wert solcher Kunstgegenstände wurde damals (und das wird heutzutage in der Regel immer noch so gehandhabt) von den Familienmitgliedern mehr kritisch als wohlwollend beäugt. Die im Kunstunterricht angefertigten Bilder wanderten alle in den Müll. In späteren Jahren hatte ich keinen Kunstunterricht mehr. Umso mehr aber habe ich mich gerade dann für Kunst interessiert, und habe mich selbst künstlerisch betätigt.

Der Kunstbegriff geht ja weit auseinander und unterliegt sehr kontroversen Ansichten und Verständnissen. Auch ich bin eher kritisch als wohlwollend. Ein Streifen und ein „dicker“ Ball oder Kreis mit leichten Farbveränderungen auf dunklem Hintergrund. So sehe ich eines der Kunstwerke, die ich im Internet gerade betrachte. Und sich dazu eine Bezeichnung zu überlegen, die jeden Betrachter umhaut: „Metapher Zahl 6“. Frage: Was um alles in der Welt ist daran Kunst? Vielleicht existieren auch noch die restlichen neun Ziffern in ähnlicher Weise, dass es wenigstens irgendwie zusammenpasst.

Es geht aber noch besser. Man stelle sich zunächst ein leeres DIN A4-Blatt Papier vor und ziemlich genau in der Mitte des Blatts ein kleines ausgemaltes Fünfeck, nicht größer als ein Quadratzentimeter. Was für eine Platzverschwendung! Ein großes Blatt Papier mit einem so kleinen Motiv. Oder ist das „NICHTS“ die Kunst? Diese Leute wollen das verkaufen, für Geld! Da steht doch tatsächlich ein Preis dran, am Original. Ich verzichte hier bewusst auf dessen Nennung, weil ich nicht auch noch Werbung dafür machen möchte.

Typisch für Künstler ist, dass sie permanent in Geldnot verharren. Es sei denn, sie haben sich einen Namen erarbeitet wie beispielsweise Joseph Beuys, Gunther von Hagens (weltweite Kunstausstellungen „Körperwelten“) und einige andere mehr.

Sigmar Polke beispielsweise hatte für so manches künstlerische Werk nicht einmal ein leeres Blatt Papier oder – wie ich – die Rückseite einer Kopie zur Verfügung, um sein Kunstwerk standesgemäß zu erstellen. Er musste aus einem Heft mit karierten Blättern die innerste Seite heraustrennen, um seine Zeichnung machen zu können. Erkennbar sind die von den Metallklammern durchgestoßenen Löcher im senkrechten Falz. Gefunden habe ich das alles unter „www.korff-stiftung.de“.

Einer anderen Form von Kunst bedient sich „Christo“. Schon mal gehört? Das ist derjenige, der alles einpackt, und zwar im ganz großen Stil: den Reichstag in Berlin beispielsweise. Meine Mutter übrigens hatte diese Idee schon viel früher! Sie hat in meinen jungen Jahren täglich das Pausenbrot für mich eingepackt – in Butterbrotpapier. Das sah vielleicht nicht ganz so gewaltig aus, machte aber einen wesentlich größeren Sinn. Ein Bauwerk einpacken… Was für ein Aufwand für nix, aber auch für gar nix! Wie viele Menschen verhungern täglich, weil es ihnen einfach an Essen und Trinken fehlt. Wie viele Menschen erfrieren, weil Umweltkatastrophen oder Krieg ihr Hab und Gut zerstört haben und sie buchstäblich auf der Straße liegen? Und dann kommt einer daher, der sich Künstler nennt, und verhüllt für ein paar Hunderttausend oder Millionen Dollar und Euro irgendwelche Bauwerke, während Krieg, Hunger und Frost Menschen umbringen! Ich verstehe diese Welt nicht mehr. Oder sind es die Menschen, die ich nicht verstehe? Gerade die betroffenen Menschen verstehen sicherlich ihre eigenen Artgenossen, die sich Künstler nennen, nicht. Ich sehe Parallelen zum Turmbau zu Babel, einem Kunstwerk aus Urzeiten, bei dem sich die Menschen untereinander wahrscheinlich aus vergleichbaren Gründen nicht mehr verstanden. Darüber hinaus gibt es dann noch diese Leute, die sich diese Kunst ansehen und dafür auch noch Geld ausgeben, gegebenenfalls sogar irgend so ein Teil des Künstlers kaufen. Nicht gerade den Reichstag, aber vielleicht ein Stück der Hülle, die um den Reichstag gewickelt war. Das sind Leute, die einfach zu reich in einem reichen Land sind und offensichtlich nicht wissen, was sie mit ihrem Geld noch machen sollen. Mir fehlen da einfach die Worte.

Ich habe mal gegoogelt, was überhaupt unter Kunst so verstanden wird. Dazu wird mir bei Wikipedia erklärt, dass es neben der bildenden Kunst noch weitere Gattungen gibt, die sich auch als Kunst verstehen. Musik und Literatur gehören beispielsweise auch dazu. Seitdem ich diese Erklärung gelesen habe, weiß ich, dass ich damals, als es darum ging, eine grundlegende Richtung in meinem Leben einzuschlagen, eine völlig falsche Entscheidung getroffen habe. Ich hätte Künstler werden können, stattdessen wurde meine persönliche Weichenstellung von Seiten meiner Eltern sorgfältig mit Argumenten so vorbereitet, dass ich genau den Weg dann gegangen bin, den sie sich selbst für mich vorgestellt hatten und der halt nun mal nicht in Richtung Kunst gezeigt hat.

Eine weitere dieser Kunstgattungen ist also die Musik. In meinem siebten Lebensjahr habe ich begonnen, Klavierunterricht zu nehmen, das ist bald fünfzig Jahre her. Seitdem übe ich dieses Hobby aus. Mir wurde schon in jungen Jahren oft bestätigt, ich hätte eine hohe musikalische Begabung. Aber niemand wollte mich fördern und niemand zeigte mir, wie ich noch mehr aus mir hätte machen können. Und warum? Dabei wäre ich schon gerne etwas großes Musikalisches geworden. Ich glaube, ich hätte durchaus das Zeug dazu gehabt. Vermutlich aber waren alle meine Bezugspersonen ebensolche Kunstbanausen derart, wie ich auch mich gerade ausgelassen habe.

Aber egal jetzt, ich blättere weiter in meinem Papierstapel auf der Suche nach Kunst aller Art, die während des Unterrichts in Fächern zu kunstfremden Themen entstand und ich wurde wieder fündig. Nicht nur Lehrer waren „Opfer“ meiner künstlerischen Ader. Nur allzu gerne habe ich die schönen Gesichter der Mädchen in unseren Schulklassen versucht zu zeichnen, was mir allerdings zugegebenermaßen nur selten richtig gut gelang. Und neben den Zeichnungen von Personen aus meiner damaligen Umgebung finde ich auch Abstraktes: Bilder, die überwiegend mit dem Zirkel entstanden sind oder Skizzen, deren Grundlage die karierten Kästchen der Blätter waren, auf denen ich meine Aufschriebe während des Unterrichts oder zu Hause hätte machen sollen. Diese Zeichnungen stammen, wie auch die meisten anderen, aus der Zeit während ich das Gymnasium besucht habe. Aus den Zeiten davor existieren keine Zeichnungen.

Plötzlich stoße ich auf eine Zeichnung, die in mir etwas auslöst, was mich letztendlich zum Schreiben dieses Buches veranlasst. Ich weiß bis heute noch nicht, was das für ein Wesen darstellen soll und wo diese Zeichnung entlehnt wurde, Buch, Film, Karikatur oder Comic. Wenn ich meiner Fantasie freien Lauf lasse, könnte ich darin einen Hund mit großen treuen Augen und Schlappohren sehen. Es könnte sich aber auch um ein entenähnliches Wesen handeln, das einer Comicfigur abgeguckt wurde.