Der Erwählte - Torsten Schmandt - E-Book

Der Erwählte E-Book

Torsten Schmandt

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Beschreibung

Februar 1933: Die Nazis richten sich in der Macht ein und beginnen damit, das Land von „undeutschem“ Gedankengut zu säubern. Thomas Mann befindet sich gerade auf einer Vortragsreise im Ausland und schließt, da ihm eine Rückkehr nach München zu riskant erscheint, einen „Urlaub“ an. Die ‚Schlagetot-Mentalität‘ der NSDAP stößt ihn ab; auf der anderen Seite jedoch möchte er auch nicht zum Exil gezwungen werden und vor allem nicht den geistigen (und finanziellen) Nährboden seiner Heimat verlieren. Auch Berlin möchte nicht mit dem Großschriftsteller brechen. Es wäre doch hübsch, wenn man den Nobelpreisträger als kulturelles Aushängeschild behalten könnte. Also schickt das Propagandaministerium einen jungen Germanisten los, damit er sondiere, inwieweit und in welcher Weise man den Lübecker vielleicht für das „neue“ Deutschland gewinnen könnte. Und damit beginnt auch das Geheimnis um die Tagebücher…

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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TORSTEN SCHMANDT

 

 

DER

ERWÄHLTE

 

Wie die Tagebücher von

Thomas Mann

verschwanden

 

 

 

 

 

Historischer Roman

Ein Buch aus dem FRANZIUS VERLAG>

 

Buchumschlag: Simone C. Franzius

Korrektorat/Lektorat: Franzius Verlag

Verantwortlich für den Text ist der Autor Torsten Schmandt

Satz, Herstellung und Verlag: Franzius Verlag

Druck und Bindung: BoD, Norderstedt

 

ISBN 978-3-96050-250-0 (E-Book)

 

Alle Rechte liegen bei der Franzius Verlag GmbH

Hogen Kamp 33, 261660 Bad Zwischenahn

 

Copyright © 2024 Franzius Verlag, Bremen

www.franzius-verlag.de

 

 

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung des Werkes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung, sind vorbehalten. Ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden, wie zum Beispiel manuell oder mithilfe elektronischer und mechanischer Systeme inklusive Fotokopieren, Bandaufzeichnung und Datenspeicherung. Zuwiderhandlung verpflichtet zu Schadenersatz. Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlages. Er übernimmt deshalb keinerlei Verantwortung und Haftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten.

Inhalt

 

1.Am Brunnen

2. Mario und der Zauberer

3. Der Hochstapler

4. Ankunft

5. Golo

6. Leiden und Größe Richard Wagners

7. Katia

8. München

9. Die Begegnung

10. Der Brief

11. Mythus

12. Sanary

13. Amerika

14. Meerfahrt mit Don Quijote

15. New York

16. Geld

17. Das Wunderkind

18. Deutschland erblüht

19. La formation de l'homme moderne

20. Der sechzigste Geburtstag

21. Noch einmal Amerika

22. Betrachtungen eines Unpolitischen

23. Der offene Brief

 

 

 

 

 

 

1. Am Brunnen

 

»Was ist das?«

»Eine Einladung … es sieht wenigstens so wie eine Einladung aus.«

»Vom Goebbelsministerium? Ich hoffe, das bedeutet etwas Gutes, Herr Smetana.«

»Oder immerhin nichts Schlimmes, nicht wahr? Wenn ich es mir allerdings richtig überlege, sollte ich nicht von einer Einladung reden. Denn im Grunde ist es ja immer ein Befehl.«

»Natürlich, man erwartet Gehorsam von Ihnen. Etwas anderes kommt wohl nicht in Frage.«

»Nein, etwas anderes kommt nicht in Betracht. Da haben Sie mit Sicherheit Recht, Frau Hartleib. Aber was kann das Ministerium von mir wollen?«

»Nun, machen Sie sich mal keine Sorgen, Herr Smetana. Es wird sich schon alles finden.«

 

Dieses Gespräch, dessen weiteren Verlauf ich überspringe, fand im April des Jahres 1933 in Emi Hartleibs Küche statt, wo sie ihren Untermieter Jan Smetana mit Kaffee und einer Schmalzstulle regalierte, wie sie es einstmals mit ihrem Ehemann getan hatte, bevor dieser an einer Lungenkrankheit einging, die er sich im Laufe seines Berufslebens als Stukkateur eingehandelt hatte. Karl Hartleib hatte seiner Frau ein paar Ersparnisse und eine Witwenrente hinterlassen, die sie aufbesserte, indem sie eines der Zimmer möbliert vermietete. Seit dem Ableben ihres Mannes hatte eine Gemütsverdunkelung von ihr Besitz ergriffen, so dass sie von Gefühlen weitgehend befreit war. Sie empfand weder Wut, Freude, Neugier noch Trauer, - oder aber in einem so geringen Maß, dass ihr Handeln zumeist von Gleichmut und nüchterner Überlegung geprägt war. Kurz gesagt, konnte man sich eine bessere Vermieterin nicht wünschen.

Das Zimmer, das Jan Smetana bei ihr bewohnte, war klein, aber behaglich, auf praktische und solide Weise möbliert und verfügte sogar über einen eigenen Ofen - ein Vorzug, den seine vorige Bleibe nicht aufzubieten gehabt hatte. Sein schmales Salair, das er als Aushilfsdozent am germanistischen Institut der Humboldt-Universität bezog, reichte für eine eigene Wohnung nicht, im Grunde reichte es nicht einmal für das möblierte Zimmer bei Emi Hartleib. Warum er dennoch ihr Mieter geworden war, wird noch geklärt.

 

Wenige Tage nach dem Küchengespräch sehen wir Jan Smetana unter dem blauen Aprilhimmel Berlins die Französische Straße entlangwandeln, — etwas vornübergebeugt und mit dem unregelmäßigen Schritt, der ihm eigentümlich war. Indem er die Brauen zusammenzog, blickte er seitwärts geneigten Kopfes ins Weite. Die Luft strich kühl über sein frisch rasiertes Gesicht und manchmal fiel ihm ein Tropfen in den Nacken, denn die Bäume und Sträucher, die sich über die schmiedeeisernen Zäune beugten, waren noch nass vom nächtlichen Regen. Berlin leuchtete frisch und jung und auch Smetana hatte sich herausgeputzt, so gut es ihm eben möglich war. Über einem weißen Stehkragenhemd trug er ein ausgeblichenes Jackett; das Parteiabzeichen (anstatt ans Revers geheftet) hing ihm an einer bronzierten Schnur um den Hals. In der Brusttasche steckte der schriftliche Befehl, sich um neun Uhr im Prinz-Karl-Palais zu melden. In dem Schreiben war lediglich von einer »Einladung« die Rede. Doch das änderte natürlich nichts. Der Absender des Briefes erwartete — wie Emi Hartleib angemerkt hatte — Gehorsam und Jan Smetana hatte nicht die Absicht, die Erwartung zu enttäuschen.

Er bog auf den Wilhelmplatz ein und ein Stoß Sonnenstahlen funkelte über das Portal. Erst vor kurzem war das Palais zum Sitz des frisch ins Leben gerufenen Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda auserkoren worden. Die Aura von Macht und Größe verfehlte ihre Wirkung nicht. Smetana zweifelte, ob er geradewegs durch den Haupteingang spazieren durfte oder ob er dann mit irgendeiner Wache in Konflikt geraten und sich eines Vergehens schuldig machen würde. Da aber kein anderer Eingang zu entdecken war, zog er den schweren hölzernen Türflügel auf, der ihm entgegenglitt wie ein Schiff. Er ließ den lichtdurchfluteten Apriltag hinter sich und nachdem seine Augen sich an das im Vestibül herrschende Halbdunkel gewöhnt hatten, fand er sich zu seiner Überraschung auf einer Baustelle wieder. Von irgendwelchen Wachposten war nichts zu sehen. In der Mitte der Halle wuchs ein Brunnen aus dem Boden, den eine reliefartige Darstellung einer behelmten Gottheit auf einer Quadriga schmückte. Zwei Klempner schraubten an den Zuleitungen herum, um das Pumpensystem für den Wasserkreislauf in Betrieb zu setzen. Im Hintergrund schleppten Handwerker Kisten und Kartons eine Freitreppe hinauf und verschwanden wie Schattenwesen mit ihrer Last in düsteren Korridoren. Smetana trat an den Brunnen heran und vom Aufbau des Brunnens vor den Blicken der Klempner beschirmt, wandte er, einer literarischen Erinnerung folgend, das Gesicht empor zum Oberlicht, die Oberarme hielt er an den Flanken, die unteren aber aufgerichtet, mit offen nach außen und oben gekehrten Handflächen, und während er sich im Stehen leicht hin und her schaukelte, bewegte er die Lippen, als forme er Worte und Laute. Unter keinen Umständen hätte er sich erlaubt, dem unsinnigen Einfall zu folgen, wenn er die Blicke geahnt hätte, die sich auf ihn und über ihn richteten. In der Pförtnerloge nämlich thronte auf einem Polsterstuhl eine wulstige Gestalt und funkelte missbilligend aus blauen Augenschlitzen. Eine Schreibtischfunzel goss gelbes Licht über das Gesicht des Mannes, in dem die Spuren eines zweiten Frühstücks zu sehen waren. Nachdem Smetana ihn bemerkt und ihre Blicke sich getroffen hatten, fegte der Mann mit den Händen Krümel aus dem Gesicht und von seiner farblosen Uniformjacke, faltete das Butterbrotpapier zusammen, schob den Deckelbecher seiner Thermoskanne zur Seite und winkte schließlich dem Besucher, näher heranzukommen. Smetana war aus seiner Pose gefahren und in sich zusammengeschrumpft. Gleichsam gebückt trat er vor die Loge und bemühte sich um eine unschuldige Miene. Der Pförtner räusperte sich und rückte das Koppel zurecht, das beim Frühstück über den Bauch nach oben gerutscht war.

Was Smetana hier wolle, bellte er.

»Zum Referenten Hanke.«

»So, zum Herrn Referenten möchte er. Was denkt er denn? Bildet er sich ein, er könne hier hereinspazieren und am besten auch gleich zum Herrn Referenten vorgelassen werden? Ist er dieser Meinung?«

Smetana nahm Haltung an und verneinte, solche Dinge im Sinn gehabt zu haben. Er könne jedoch ein Schriftstück vorweisen, das sein Vorstellig-Werden und sein Ansinnen erklären, wenn nicht sogar rechtfertigen werde.

»Das geschwollene Reden kann er sich sparen«, raunzte der Pförtner, nachdem er das Schreiben mit zusammengekniffenen Augen inspiziert und ein gewaltiges Protokollbuch aufgeschlagen hatte, um Smetanas Namen einzutragen.

»Warten Sie beim Brunnen, bis ein Amtsdiener Sie abholt; aber diesmal ohne die Fisimatenten von eben; wir sind hier kein Kasperletheater«, befahl der Mann, während er bereits seinen wulstigen Zeigefinger in die Wählscheibe des Haustelefons bohrte.

 

Bevor ich Smetanas ersten Kontakt mit dem Goebbelsministerium schildere, seien in einem kurzen Einschub noch ein paar Details zu seiner Person hinzugefügt, damit man deutlicher sieht, mit wem man es hier zu tun hat. Nachdem Smetana, wie ein befreundeter Kollege ihm geraten hatte, in die NSDAP eingetreten war, wurde er bald darauf zu einem Ortsgruppentreffen einberufen. Auch in diesem Fall galt das offizielle Wort von der »Einladung«, ohne dass Smetana dem Glauben anhing, ihm stehe die Entscheidung frei, ob er bei dem Treffen erscheine oder nicht. Der Bierkeller, in dem die Sitzung stattfand, machte einen auf den ersten Blick zivil-gastlichen Eindruck, war aber hauptsächlich von SA-Leuten besucht, die Smetana Angst machten. Von diesem Menschenschlag wollte er Deutschland eigentlich nicht in die Zukunft geführt wissen. Die von Bier und Wurstspeisen aufgedunsenen Gesichter waren genau die gleichen wie auf den Bildern von George Grosz, dem Maler, den sie am liebsten sofort an der Straßenlaterne aufgeknüpft hätten.

Der Termin nahm rasch den Charakter einer Musterung an und die Kommission, zwei specknackige Männer und eine mit Reitstiefeln bekleidete Frau, die von den Männern als Herta angesprochen wurde, stellte ohne Wohlwollen fest, man dürfe wohl davon ausgehen, dass er sich Deutschland und der Partei nützlich machen wolle, auch wenn er für den »Außendienst« kaum in Betracht komme. Er sei, stellte man mit Blick auf seine Konstitution fest, eher ein Fall für Logistik und Organisation.

Ob er über Ortskenntnisse verfüge, fragte einer der Specknackigen und in dem Verlangen, vor diesen Leuten nicht als gänzlich minderwertig dazustehen, bejahte Smetana, ohne zu ahnen, wie bald man schon seine vorgeblichen Fähigkeiten für sich nutzbar machen wollte.

Bereits im Februar wurde er für Planungen und Vorbereitungen herangezogen, deren gewaltsame und blutige Ziele, nachdem die Ausmaße ihm nach und nach zu Ohren kamen, ihn abschreckten. Allerdings waren seine Ortskenntnisse nicht so genau, wie man erhofft hatte. Bei Einsätzen im Roten Kiez in Charlottenburg waren SA-Trupps in brenzlige Situationen geraten, woran, wie man bei den anschließenden Einsatzbesprechungen andeutete, Smetanas Vorarbeit nicht ganz unschuldig gewesen sein sollte.

Der gröbste Patzer jedoch unterlief ihm, als er die Adresse eines gewissen Heinrich Mann auskundschaften sollte, weil man dem roten Dreckskerl einen Denkzettel an die Fresse heften wolle. Smetana war im Telefonbuch fündig geworden, doch wie sich herausstellte, wohnte dort nicht die Schriftsteller-Canaille, sondern ein pensionierter Versicherungsangestellter und Kirchensänger gleichen Namens.

Trotz der Fehlschläge verhalfen ihm seine neuen Parteifreunde zu einer ordentlichen Stube mit Kohleofen, ohne dass er mehr Miete bezahlen musste als vorher für die Dachkammer, die seit Jahren sein Zuhause gewesen war.

 

Dass sich Smetana nur um organisatorische Fragen kümmerte, soll nicht als Entschuldigung verstanden werden. Jan Smetana wurde zum Mitläufer (oder sogar mehr als das). Ich bin der letzte, der dem widersprechen wird. Dennoch füge ich hinzu, dass er, als er sich das Ausmaß der gewaltlüsternen Exzesse vor Augen führte, es mit der Angst zu tun bekam. Vor sich selbst nahm er bei der Rechtfertigung Zuflucht, dass zum Wohle Deutschlands der Kampf vorerst nicht nur im Parlament, sondern auch auf der Straße gewonnen werden müsse. Später werde sich die Lage mit Sicherheit stabilisieren und beruhigen. Wie man sieht, handelt es sich bei Jan Smetana um keine Ausnahmeexistenz. Vielleicht lässt er sich als deutscher Durchschnittscharakter bezeichnen, dessen Geschichte nicht seinetwegen erzählt werden soll (nein, an ihm liegt nicht viel), sondern wegen der besonderen Ereignisse und der großen Namen, die für eine kurze Zeit seinen Lebensweg kreuzten.

 

 

 

 

 

2. Mario und der Zauberer

 

Die Ausmaße von Hankes Büro entsprachen Rang und Geltung seines Inhabers. Immerhin war er Ministerialreferent und leitete Goebbels Privatsekretariat. Doch das Zimmer diente weniger der Repräsentation als ernsthafter Arbeit. Die Wände waren bereits mit Regalen zugestellt und auf dem Fußboden stapelten sich Kartons voller Aktenordner. Auf Hankes Schreibtisch waren Umlaufmappen mit den jüngsten Erlassen und Rundbriefen verstreut, Schriftstücke, die das Bild von Deutschlands Zukunft malten. Beherrscht wurde der Raum von einem ovalen Konferenztisch, der ebenfalls von Papieren übersät war. Dort saß, die Beine übereinandergeschlagen und mit Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger, Karl Hanke. Sein in Dienstlichkeit erstarrtes Gesicht und die sich andeutenden Geheimratsecken ließen ihn älter als seine neunundzwanzig Jahre erscheinen. Als der Besucher gemeldet und hereingeführt worden war, hob er den Blick und krümmte den schmalen Strich seines Mundes zu einem Lächeln.

»Ah, Herr Smetana, ich freue mich, dass Sie Zeit für uns erübrigen können. Pünktlich wie die Reichsbahn«, sagte er, während er auf seine Armbanduhr guckte und aus der Ferne neun Glockenschläge herüberklangen.

Er sog an der Zigarette und stieß den Rauch grimassierend, beide Lippen zurückgezogen, als grauen Sprudel zwischen schadhaften, spitzigen Zähnen hervor. Der mit einigen Zigarettenstummeln gefüllte Aschenbecher auf dem Konferenztisch und die schlierige Wolke darüber zeugten davon, dass der Referent bereits ein beachtliches Pensum absolviert hatte. Er führte die Zigarette zwischen die schmalen Lippen, ließ sie knisternd aufglimmen und stieß sie abschließend in den Aschenbecher.

»Darf ich bekannt machen? Untersturmführer Mario von Alberti.«

Mit einer Handbewegung deutete der Referent auf einen jungen Mann, der auf der anderen Seite des Tisches in schlapper Haltung auf einem Stuhl kauerte wie ein Kranker, kaum älter als ein Abiturient, aber mit einer Blässe, die alle Jugendlichkeit aus seinem Gesicht löschte. Seine Augen allerdings, hellblau wie der Aprilhimmel, wirkten lebendig und wachsam.

»Jan Smetana, ist das auch der Name auf Ihrer Geburtsurkunde?«, fragte Hanke.

»Ich bin deutsch-böhmischer Abstammung.«

»So so, deutsch-böhmisch, na, meinetwegen. Sie sind ein Mann des 19. Jahrhunderts.«

Der Referent schaute Smetana erwartungsvoll an. Aber dieser wusste nicht, wie er auf den Blick reagieren sollte.

»Der Herr Referent meint, dass Sie am 9.6.1899 geboren sind«, half der Untersturmführer aus. Seine Stimme war so dünn, wie sein Gesicht bleich war. Dennoch klang sie selbstbewusst wie von jemandem, der nicht laut sprechen muss, um gehört zu werden.

Ein Schauder kroch Smetanas Nacken hoch. Was war das? Man hatte sich vorbereitet, gewiss. Man hatte Erkundigungen über ihn eingeholt. Nun gut, das war zu erwarten gewesen. Aber der bleiche Jüngling wusste sein Geburtsdatum auswendig? Und wenn er das auswendig wusste, dann sicher auch noch einiges mehr. Das Gefühl beschlich Smetana, in die »Fänge der Macht« geraten zu sein.

Wäre er im Umgang mit der Macht erfahrener gewesen, hätte er vielleicht durchschaut, dass man es eben auf dieses Gefühl abgesehen hatte.

»Untersturmführer von Alberti wird in Zukunft Ihre Kontaktperson sein, sofern es für Sie eine Zukunft gibt.«

Hanke lachte auf und ließ für einen Moment seine schadhaften, gelben Zähne sehen.

»Entschuldigen Sie die Bemerkung. Ich meine natürlich: Sofern es für Sie im Zusammenhang mit dem Propagandaministerium eine Zukunft gibt. Ihr Vater ist im Großen Krieg gefallen?«

Hanke zog eine Schachtel aus der Rocktasche, fingerte eine Zigarette heraus und steckte sie sich an, ohne Smetana eine anzubieten.

»In Frankreich, Herr Ministerialreferent, kurz nachdem ich die Matura abgelegt hatte.«

»Frau Smetana hat ihre beiden Kinder als Landarbeiterin durchgebrach«, mischte sich von Alberti ein, als habe Smetana das entscheidende Detail übergangen.

»Sieh an«, sagte Hanke, »Landarbeiterin. Und Sie, mein lieber Herr Smetana, konnten ein Stipendium erwerben und dürfen sich Doktor der Germanistik nennen. Sogar mit Auszeichnung, wie es heißt. Eine hübsche Karriere, wenn man so will. Gleichwohl — Sie sind schon dreiunddreißig und schlagen sich mehr schlecht als recht durch. Germanistik ist kein Brotstudium, wie mir scheint.«

Hanke ließ einen grauen Schleier über sein Gesicht wandern, indem er den Unterkiefer nach vorn stellte und den Rauch nach oben quellen ließ.

»Er hat zurzeit einen Lehrauftrag an der Uni«, antwortete von Alberti an der Stelle von Smetana.

»… mit dem er kaum die Miete für eine Wohnung bezahlen kann. Aber lassen wir das. Sie haben Ihr Fach aus Überzeugung und Idealismus studiert. Das respektiere ich, mein lieber Herr Smetana, das stellt Sie charakterlich in ein vorteilhaftes Licht, möchte ich sagen. Und Sie sind mit der aktuellen Literatur vertraut, wie ich höre?«

»In der deutschen … also deutschsprachigen Literatur bin ich einigermaßen bewandert. Das darf ich wohl behaupten.«

»Hermann Hesse?«

»Seine meisten Romane sind mir bekannt, ja. Seine Lyrik weniger.«

»Bertolt Brecht?«

»Brecht? Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: Ich glaube, der wird überschätzt.«

»Tatsächlich? Herr Smetana, Sie müssen aus Ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Unser Gespräch ist kein Gesinnungstest. Ein paar kritische Äußerungen machen aus dem Herrn Brecht keinen schlechten Dichter. Vielleicht einen schlechten Menschen, aber keinen schlechten Dichter. Ansonsten müssten wir noch über ganz andere den Stab brechen, nicht wahr? Und immerhin hat Brecht ein paar ganz passable Naturgedichte zu Wege gebracht, wie es heißt, auch wenn er kein Eichendorff ist.

Sehen Sie, mein lieber Herr Smetana, unsere Bewegung und das Volk (ich nenne beides, obwohl beides im Grunde eins ist), wir beziehen unsere Kraft auch aus der Geschichte und Tradition, aus den großen deutschen Persönlichkeiten: Goethe, Bismarck, Wagner. Allerdings wollen wir auch die lebenden Geistesgrößen nicht ignorieren. Wir wollen nicht ohne Not alle Kulturköpfe verlieren. Um auf den Punkt zu kommen: Sie, Herr Smetana, sind auch mit den Werken von Thomas Mann gut vertraut. Zumindest ist uns deswegen Ihr Name genannt worden.«

Smetana räusperte sich und rieb sich die Augen, um Zeit zu gewinnen. Lauerte hier eine Falle, in die er tappen konnte? Er fragte sich (nicht zum ersten Mal), warum man ihn herbestellt hatte. Das Gespräch sei kein Gesinnungstest, hatte Hanke gesagt und Smetana war auch gewillt, das zu glauben, denn für einen solchen Test hätte man wahrscheinlich subalterne Handlanger beauftragt und keinen Ministerialreferenten.

»Das meiste von Thomas Mann habe ich gelesen. Aber es gibt Kollegen, die sich weit besser auskennen. Besonders in Bonn sind da einige Leute …«

»Natürlich gibt es die. Es gibt immer welche, die besser sind — unseren Führer natürlich ausgenommen. Aber mein lieber Herr Smetana, stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel. Sie sind uns als Kenner annonciert worden. Andere kompetente Leute sind nicht in dem Alter und nicht in den Lebensumständen, in denen man noch für solche Abenteuer bereit ist, die wir Ihnen anzubieten haben. Vor allem aber, Herr Smetana, vor allem: Sie sind in der Partei. Über diesen Pluspunkt verfügt längst nicht jeder. Doch um auf Thomas Mann zurückzukommen: Er ist — zu unserem ausdrücklichen Bedauern - letzten Monat aus der Preußischen Akademie der Künste ausgetreten.«

»Ich habe davon gehört …«, antwortete Smetana und warf einen Blick auf von Alberti, der regungslos in seinem Stuhl hing, als sei er vor Langeweile eingeschlafen.

»Sie fragen sich vermutlich«, sagte Hanke, nachdem er sich eine neue Zigarette angezündet hatte, »was wir von Ihnen möchten, mein lieber Herr Smetana; warum wir Sie erwählt haben.«

Der Angesprochene lächelte zustimmend.

»Tja, Mario, wie wollen wir es nennen?«, wandte Hanke sich an den Untersturmführer. »Nennen wir es Dienst an der deutschen Kultur? Sehen Sie, mein lieber Herr Smetana, der Untersturmführer wird das Weitere mit Ihnen besprechen. Ich selbst muss mich jetzt leider entschuldigen. Ich habe einen Gesprächstermin mit dem Minister. Ich wollte vorher noch einen persönlichen Eindruck von Ihnen gewinnen und ich denke, mit Ihnen kann man etwas anfangen.«

Hanke stand auf und machte sich an seinem Schreibtisch zu schaffen.

»Also, Mario, erkläre Herrn Smetana, worum es geht. Und wenn er, wovon ich jetzt schon überzeugt bin, bereit ist, die Aufgabe zu übernehmen, dann statte ihn mit den nötigen Papieren aus.«

Hanke klemmte sich eine schwarz-lederne Aktenmappe unter den Arm und marschierte zur Tür hinaus.

Nachdem der Referent gegangen war, erwachte Mario von Alberti gleichsam. Er setzte sich aufrecht hin und ruckte mit den Schultern. Die Art, wie er seine aus feinstem Leder gearbeiteten Handschuhe gegeneinander klatschen ließ, hatte etwas von einer Herrengeste. Das Unbehagen, das sich kurzzeitig beruhigt hatte, kroch Smetana wieder den Rücken hinauf.

»Der eingeschränkten Perspektive eines Zivilisten ist es vielleicht nicht ganz deutlich. Aber wir befinden uns in einer Phase der Mobilmachung, und zwar nicht nur auf dem Gebiet des Militärs, sondern unser Ministerium betreibt auch eine Mobilmachung des Geistes. Die des Geistes ist vielleicht sogar dringender als die materielle Wehrhaftmachung des Volkes.«

Smetana wunderte sich über den Ton des Untersturmführers. Um die Wahrheit zu sagen: Er ärgerte sich darüber, dass ein blässlicher Dreikäsehoch meinte, ihn - immerhin Doktor phil. - belehren zu müssen.

»Womit kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte der Doktor.

Mario von Alberti hob die Rechte und betrachtete seine Fingernägel.

»Sie sind fundamental im Irrtum, mein lieber Herr Smetana, wenn Sie glauben, mir behilflich sein zu können. Was man von Ihnen erwartet und sogar verlangt, ist ein Dienst für das Ministerium und damit auch ein Dienst an Deutschland. Die Aufgabe des Reichsministers ist das geistige Einwirken auf die Nation. Wir werben für den deutschen Staat und die deutsche Kultur, und zwar hier in unserer Heimat als auch in der ausländischen Öffentlichkeit.«

Smetana fuhr mit dem Zeigefinger am Hals entlang, um den Hemdkragen zu lockern, der ihn zu würgen begann. Mario von Alberti mochte jung, blass und krank sein, aber er war auch das vorerst letzte Glied einer Folge von Generationen, die gewohnt war, zu befehlen. Smetana beschlich wieder das Gefühl »in die Fänge« geraten zu sein.

»Wie kann ich dem Ansehen der Kultur dienen?«, fragte er mit so dünner Ironie, dass der Untersturmführer sie ignorieren konnte.

»Wie der Herr Ministerialreferent bereits angedeutet hat, geht es um den Schriftsteller Thomas Mann. Immerhin ist er Nobelpreisträger und gilt mancherorts als Repräsentant des deutschen Geistes. Offenbar genießt er weltweit eine beachtliche Reputation. Dem Minister wäre es angenehm, wenn sich Thomas Mann nicht gegen Deutschland stellte, gegen das jetzige Deutschland. Letzten Monat ist er allerdings aus der Preußischen Akademie der Künste ausgetreten - aus Gründen, die sich nun nicht mehr aus der Welt schaffen lassen.«

»Man möchte ihn als kulturelles Aushängeschild behalten«, sagte Smetana.

»So würde ich es nicht ausdrücken, aber gut … Ich bin mir sicher, dass wir Herrn Mann mit unseren Methoden überzeugen könnten, wenn wir seiner habhaft wären. Es ist jedoch so, dass er sich seit Beginn des Jahres im Ausland aufhält. Ursprünglich wegen einer Vortragsreise, die ihn nach Amsterdam und Paris führte. Inzwischen weilt er in der Schweiz, zu Urlaubszwecken, wie es heißt.«

»Hat er mit … mit Maßnahmen zu rechnen, wenn er zurückkehrt?«

»Das kommt darauf an. Unter anderem auf Sie. Ihre Aufgabe wäre es, ihn für unser Deutschland zu gewinnen. Der Herr Ministerialreferent ist überzeugt, dass dieser Schriftsteller weltanschaulich nicht so weit von uns entfernt ist, wie manche in der Partei glauben. Die ›Betrachtungen‹ würden angeblich einige anregende Ideen enthalten. Ein deutsch-gesundes Geistesprodukt, wenn auch etwas wenig Blut und Boden. Das sind wohl gemerkt, Herrn Hankes Worte. Ich persönlich kenne nur die ›Buddenbrooks‹. In meinen Augen reichlich morbide. Aber meine privaten Ansichten spielen hier keine Rolle.«

Smetana, dem Drang nach Einvernehmen nachgebend, nickte.

»Mit ›morbide‹ treffen Sie es sehr gut, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Der Roman handelt schließlich vom Untergang der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts, von einer morbiden Lebensform sozusagen, die Platz machen musste, damit das neue Deutschland, unser Deutschland, entstehen konnte.«

»Ganz richtig«, antwortete von Alberti möglichst beiläufig, um der Schmeichelei, er habe es sehr gut getroffen, keinen seelischen Angriffspunkt zu bieten.

»Treffen Sie sich mit Thomas Mann. Machen Sie ihm die Aufwartung und fühlen Sie ihm politisch und weltanschaulich auf den Zahn. Ermitteln Sie, wie er zu Deutschland und seiner Regierung steht. Finden Sie raus, wie lieb und teuer ihm die Heimat tatsächlich ist, damit wir abschätzen können, welche Kröten zu schlucken er bereit wäre.«

»Ihm die Aufwartung machen? Ich verstehe nicht ganz. Wie stellen Sie sich das vor?«

»Er lebt in einem Hotel. Da wird sich ein Kontakt zwanglos herstellen lassen.«

Smetana kämpfte mit dem Verlangen, den obersten Hemdknopf zu lösen. Zu dem Gefühl, ›in die Fänge‹ geraten zu sein gesellte sich die Befürchtung, dass man zu viel von ihm erwartete. Gewiss, Thomas Mann persönlich zu treffen, war eine wunderbare Vorstellung, aber eben nur eine Vorstellung und dass der unbedeutende Jan Smetana dem Großschriftsteller in der Realität gegenübertreten sollte, war ein ebenso wunderbarer wie auch beklemmender Gedanke.

»Falls Sie Bedenkzeit benötigen«, sagte von Alberti, »können Sie mich bis morgen Mittag informieren. Wie Sie versichert sein dürfen, wird sich Ihr Engagement auf jeden Fall lohnen. Sowohl finanziell als auch was Ihre Karriere in der Partei betrifft.«

Smetanas Blick schweifte aus dem Fenster und blieb an ein paar Baumkronen hängen, die auf der gegenüberliegenden Seite den Wilhelmplatz bekränzten. Als Schüler hatte er erstmals eine Novelle von Thomas Mann gelesen und war sofort von der Gewissheit erschüttert gewesen, der Schriftsteller habe ihm direkt in die Seele geschaut. Folglich glaubte er auch, dass er, Jan Smetana, der einzige Mensch sei, der den Autor wirklich verstanden hatte. Dieser Jünglingsglaube hatte sich inzwischen verflüchtigt und gelegentlichem Zweifel das Feld überlassen, ob Thomas Mann im Grunde ein geistiger Scharlatan sei, ein Cipolla, der sein Publikum vexiert und zum Narren hält. Doch diese Zweifel hatten keinen Bestand und was am Ende blieb, war bloße Bewunderung. Und wie sollte man einer bewunderten Geistesgröße entgegentreten, wenn man nur ein mittelmäßiger Lehrbeauftragter war, der sich lediglich eine möblierte Kammer als Zuhause leisten konnte; und das auch nur, weil die Partei ihn protegierte?

»Wenn Sie eigene Pläne haben«, sagte der Untersturmführer, »dann stehen auch noch ein paar andere Kandidaten bereit, die unseren Kriterien genügen.«

»Nein, nein …«, Smetana schreckte auf. »Ich fühle mich, um die Wahrheit zusagen, geehrt, dass man mich für diese Aufgabe für geeignet hält. Und wie sollte ich mich auch anders fühlen, mein Wissen für Deutschland einsetzen zu dürfen, also die Früchte eines Studiums, das, wie der Herr Referent ganz richtig feststellte, kein Brotstudium ist.«

Smetana wischte sich über den Mund, als wolle er den Wortschwall mit der Hand wieder einfangen. Die Rede war ihm hastiger rausgesprudelt, als er beabsichtigt hatte. Auf von Albertis Lippen zeichnete sich kurz ein Lächeln ab.

»Ihr Diensteifer freut mich, Herr Smetana. Andererseits sollten Sie nicht voreilig sein. Wir werden Sie mit Befugnissen und finanziellen Mitteln ausstatten, die Ihnen — gemessen an Ihren bisherigen Lebensumständen — großzügig erscheinen werden. Dafür erwarten wir natürlich eine entsprechende Gegenleistung. Wir erwarten den vollen Einsatz Ihrer Kräfte und Fähigkeiten.«

Smetana versuchte, die Gedanken zu ordnen. Fühlte er sich der Aufgabe gewachsen? Mit seinem Selbstvertrauen war es grundsätzlich nicht weit her und dieser bleiche Junkerssprössling machte es nicht besser.

Doch war da noch ein anderer Gedanke: Von Alberti würde keinen Vertrag aus der Tasche ziehen und um Unterzeichnung bitten. Nein, sie waren dabei, einen Pakt zu schließen, der allein durch das gesprochene Wort besiegelt werden würde. Etwas Schriftliches würde es nicht geben. Und dieser Pakt wäre für ihn, Jan Smetana, verpflichtend auf Gedeih und Verderb, nicht anders, als habe er mit seinem Blut unterschrieben. Die Gegenseite jedoch konnte den Pakt jederzeit als nicht existent deklarieren, wenn die Laune danach war. Aber hatte er überhaupt eine Wahl? Konnte er zurück? Smetana spürte, dass es dafür längst zu spät war; dass er spätestens in die Fänge geraten war, seitdem er an jenen Februartagen zum Dienst an der Partei und an Deutschland berufen worden war.

»Sie werden unter anderem Namen operieren«, sagte von Alberti, während er sich umständlich von seinem Stuhl erhob und zu Hankes Schreibtisch ging. Aus einer Ablage suchte er ein paar Papiere heraus, mit denen er zurückkam, um sie vor Smetana hinzulegen. Oben auf lag ein druckfrischer Ausweis.

»Tadeusz Feuerstein?«

»Der Herr Ministerialreferent meint, es habe seine Bewandtnis mit dem Namen. Mehr weiß ich nicht.«

»Wenn ich fragen darf«, sagte Smetana, »warum der Umstand? Warum kann ich nicht als Jan Smetana reisen?«

Von Alberti lächelte, als freue er sich über die Frage, — oder genauer: über die Antwort, die er schon in Bereitschaft hielt.

»Zum einen soll die Identität zu Ihrem Schutz dienen. Welchen Eventualitäten Sie auch ausgesetzt sein werden, es bleibt Ihnen stets die Möglichkeit, in Ihr altes Ich zurück zu schlüpfen und wieder Jan Smetana zu werden. Sie sehen, wir sind voller Fürsorge für Sie.«

Der Untersturmführer zog den linken Mundwinkel zu einem halben Lächeln nach oben, legte die Unterarme auf die Stuhllehnen und ließ die Hände wie schlaffe Fähnchen herabhängen wie als Zeichen, dass er — der Rede von der Fürsorge zum Trotz — im Bedarfsfall keinen Finger rühren werde.

»Um aber die Wahrheit zu sagen: Wir leihen Ihnen eine zweite Identität, um sie auch jederzeit wieder an uns nehmen zu können. Als Tadeusz Feuerstein werden Sie Befugnisse erhalten. Wir gewähren Ihnen Reisefreiheit. Sogar über ein Konto werden Sie verfügen. Oder ich sollte sagen: Wird Tadeusz Feuerstein verfügen; zumindest so lange seine Existenz uns als sinnvoll erscheint.«

»Ich verstehe«, antwortete Smetana, »und wie gesagt: Es ist mir ja auch eine Freude und eine Pflicht, Deutschland zu dienen … nur …«

»Sprechen Sie sich aus, Herr Smetana. Wenn Sie Bedenken haben, dann heraus damit.«

»Keine Bedenken im eigentlichen Sinn, dass nicht gerade … oder vielleicht doch, aber nur in der Weise, dass ich mich frage, ob es ratsam ist, dass ich dem Nobelpreisträger als einfacher Mann entgegentrete.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte von Alberti mit Schärfe.

»Verzeihen Sie«, antwortete Smetana, »ich möchte nicht unverschämt erscheinen. Ich dachte nur, ob ich nicht vielleicht eine Rangbezeichnung tragen sollte, eine Art Titel.«

Von Alberti hüllte sich in kaltes Schweigen und bohrte seinen Blick in Jan Smetanas Gesicht.

»Zum Beispiel … Attaché; vielleicht könnte ich als Attaché reisen. Würde das meinem Auftrag nicht ein offizielles Gepräge verleihen?«

Von Alberti blätterte in den Unterlagen, als finde er darin einen Fingerzeig, ober Smetanas Anliegen billigen dürfe.

»Attaché … nun ja … dem steht wohl nichts entgegen, denke ich. Und wenn ich das denn als Zustimmung verstehen darf, dann lassen Sie mich zur Sache kommen.«

Von Alberti schloss kurz die Augen und holte tief Luft.

»Sie fahren zuerst nach München. Machen Sie sich dort mit der Situation vertraut. Wenden Sie sich an die Politische Polizei. Sie werden es wohl mit Heydrich zu tun bekommen. Er fungiert als der eigentliche Chef, obwohl er offiziell nur Heinrich Himmlers Stellvertreter ist, oder auch Himmlers Hirn, wie es heißt.«

Von Alberti lachte kurz auf, verstummte aber sofort und machte ein ärgerliches Gesicht, weil er sich Smetana gegenüber zu einer Vertraulichkeit hatte hinreißen lassen.

»Sie werden feststellen, dass die Münchner nicht ganz auf unserer Linie hier in Berlin sind. Lassen Sie sich davon nicht irritieren. Die Initiative liegt bei Ihnen. Zum guten Teil werden Sie auf Improvisation angewiesen sein, Herr Feuerstein.«

Smetana spürte ein Prickeln auf der Kopfhaut. Er musste an Rumpelstilzchen denken, wenn dessen Name von der Müllerstochter genannt wird. Er nahm die Papiere an sich und wie er geahnt hatte, musste er dafür nicht quittieren. Von Alberti beendete die Besprechung, indem er aufstand und zur Tür ging.

»Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit«, sagte er mit einem müden Kopfnicken, mit dem er Smetana alias Tadeusz Feuerstein verabschiedete.

 

 

 

 

 

3. Der Hochstapler

 

Die sonnenreiche Luft funkelte über Berlin. Auf dem Kurfürstendamm, Unter den Linden und auf dem Potsdamer Platz flutete das Leben in fieberloser, geregelter Art. Es war kühl. Der Frühling war noch nicht auf seiner Höhe. Junges Grün strahlte im Hin-und-Her-Gewoge des Großstadtlebens. Smetana (oder Feuerstein) blieb an einer Kreuzung stehen und blätterte die Papiere durch. Bei dem Kontobuch hielt er inne, ein in graue Pappe eingebundenes, reguläres Dokument; kein Karnevalsscherz und keine Fälschung. Er klappte das Heftchen auf und der Blick auf den Kontostand hob ihn mehrere Zentimeter vom Boden hoch. Die Zahl schoss als Lichtstrahl in sein Inneres, wo sie sein Herz zum Leuchten brachte. Er wusste nicht, ob es sich um eine einmalige Summe handelte oder der Etat regelmäßig (womöglich monatlich) aufgefüllt wurde. Aber das spielte jetzt keine Rolle. Für einen Menschen, der immer von der Hand in den Mund gelebt hatte, reichte die Summe ins Unwirklich-Märchenhafte, oder eigentlich nicht die Summe (die längst nicht so beträchtlich war, wie sie einem Mann wie Smetana erscheinen konnte) an sich als vielmehr die Tatsache, dass man ihm das Geld allein auf eine Erwartung hin zur Verfügung stellte.

Im Laufe der dreizehn Jahre, die Smetana in Berlin lebte, hatte er es nicht geschafft, sich heimisch zu fühlen. Vor der Metropole mit ihrem Getöse und Gewimmel fürchtete er sich im Grunde und in seinem Inneren wohnte noch der Junge vom Lande (von Westen kam ich,— schwerer Heideduft umfloss mich noch). Er hatte sich seiner Herkunft geschämt und gegenüber den echten Großstädtern fühlte er sich klein und minderwertig. In den letzten Jahren jedoch hatte sein Empfinden eine neue Richtung genommen. Wofür er sich bisher geschämt hatte, wurde mehr und mehr zu dem Boden, aus dem seine Persönlichkeit spross. Die Identität, die er bislang für den mythischen Kern seines Inneren gehalten hatte, verwandelte sich unter der Hand zu einem Begriff, der sich ebenso auf das Äußere bezog: auf sein Aussehen, seinen Körper, seine Herkunft. Kurz und gut: die Heiligkeit seiner Identität war drauf und dran sich in ein Produkt der äußeren Umstände zu verwandeln, mithin in ein Produkt des Zufalls. Dennoch, oder vielmehr: deswegen, beunruhigte ihn der Gedanke, seinen Namen zu tauschen. Er würde ein anderer werden, etwa so, wie ein Schauspieler ein anderer wird, wenn er in seine Rolle schlüpft. Viele Menschen sehen darin etwas Oberflächliches, ein Spiel eben, das vorbei und vergessen ist, wenn man es beendet. Aber darin, so Smetanas Überzeugung, irrten sich die Leute. Die Rolle reichte viel tiefer in den Schauspieler hinein, als dieser selbst glauben mochte. Wenn ein Darsteller seine Rolle ernstnahm und für längere Zeit mit ihr beschäftigt war, färbte sie seine Seele; etwas ging dauerhaft von der Rolle auf den Menschen über, und wenn es nur eine bestimmte Geste war, eine Art, den Kopf zu recken vielleicht. Und wenn ein Schauspieler lange genug seinen Beruf ausübte, war er irgendwann nur noch das: ein Sammelsurium von Reminiszenzen an seine Rollen. Hinzu kam die Tatsache, dass ein Mensch zu dem wird, den die anderen in ihm sehen. Und wie oft wird nicht ein Schauspieler mit seiner Rolle verwechselt und mit dem Namen dieser Figur angesprochen.

Das Trottoir glitt unter Smetana dahin wie der Fluss der Zeit. Er verlor sich im Labyrinth kleiner Straßen, ohne auf den Weg zu achten. »Ich heiße Tadeusz Feuerstein«, murmelte er und horchte dem Widerhall nach, den die Wörter in ihm auslösten. Er musste den Satz mehrmals wiederholen, bis das »ich heiße« sich mit dem »Tadeusz Feuerstein« verknüpfte, und nochmals dauerte es eine Weile, bis der Satz einen spürbaren, mit seiner Person verbundenen Sinn annahm. Smetana hob den Blick und starrte auf die sich drängenden Häuser. Wie Löcher eines Siebs standen die Fenster beieinander. Bei aller heimlichen Angst, die er vor dem Baal der Stadt mit seiner Fleischerfaust hatte, so fürchtete er doch nie, sich zu verlaufen. Das Netz der Straßenbahnen und Omnibusse würde ihn zuverlässig aus dem Häusermeer herausfischen und ihn vor seiner Wohnung wieder absetzen. Das war die Geborgenheit der Zivilisation.

»Ich bin Tadeusz Feuerstein«, murmelte er, um den Namen noch näher an sich heranzulassen, um sich gleichsam in ihn hineinzuschmiegen wie in eine Stola. Er sog die Aprilluft in die Lungen, als sollte er zum letzten Mal die Freiheit atmen. Etwas in ihm sträubte sich noch gegen den Gedanken, obwohl er sich im Grunde darüber im Klaren war: Seine Transformation in Tadeusz Feuerstein hatte begonnen und ein Zurück gab es nicht.

 

Die Bankfiliale lag in der Nähe seiner Wohnung. Auch in dem Punkt hatten seine mächtigen Freunde sich als umsichtig und entgegenkommend erwiesen. Vielleicht wäre sein Mut im letzten Moment noch gesunken, wenn nicht zwei Ebereschen vor dem Gebäude und die mit Drechselarbeiten verzierte Eingangstür ihn an die Dorfapotheke erinnert hätten, in die er als Kind seine Mutter ab und an begleitet hatte. Dass sich die geheimnisvollen, den Globus umspannenden Transaktionen des Finanzwesens dahinter verbargen, war nicht zu vermuten. Einem kleinen, düsteren Windfang folgte die Schalterhalle, wo mannshohe Pflanzen ihre lanzenförmigen Blätter aus Terrakottakübeln in Richtung Decke reckten. Eine Supraporte zeigte eine antikisierende Figur mit Füllhorn und Zweizack. Feuerstein fühlte sich wie auf dem Grund eines Aquariums. Licht und Geräuschen war hier nur ein gedämpftes, abgemildertes Dasein zugestanden, als fordere der Umgang mit Geld dieselbe Pietät wie die Nähe des Todes. Linker Hand thronte, ohne mit dem Rücken die Lehne zu berühren, eine Dame auf einem Cocktailsessel und schien auf etwas zu warten. Im Haar trug sie eine rote Schleife, einen sonderbaren Kontrast zu ihrem Truthahnhals bildend. Der Blick der Dame wanderte an dem Ankömmling hinab und wieder hinauf; seine abgeschabten Schuhe, die ausgebeulte Hose, das Jackett — alles war wie ein Anschlag auf ihr Sittlichkeitsgefühl. Nun war auch ein Bankangestellter auf Feuerstein aufmerksam geworden; ein Mann in grauem Anzug, mit sorgfältig getrimmtem Haarkranz. Er rückte seine kleine, dickglasige Brille zurecht, die sein Gesicht komplett unter ihre Herrschaft genommen hatte, so dass es, wenn er die Brille abnahm, war, als entledigte eine Schildkröte sich ihres Panzers. Zwischen den Fingern hielt er, emporgerichtet wie ein Zepter und als Insignie seiner Regentschaft an diesem Ort, einen goldfarbenen Füllfederhalter.

»Kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte er so leise, als gelte es, ein Geheimnis zu wahren. Feuerstein trat an den Schalter und legte das Kontobuch auf den Tresen.

»Tadeusz Feuerstein mein Name. Ich habe hier ein Konto.«

Er schob das Dokument ein Stück weiter in Richtung des Angestellten. Dieser senkte den Kopf, um im korrekten Winkel durch die Brillengläser gucken zu können. Mit einer milchigen, unbehaarten Hand zog er das Kontobuch an sich und blätterte darin. Feuerstein hatte während des Fußmarsches kalkuliert, dass er zweihundert Mark abheben sollte. Dafür, so nahm er an, würde er sich mit einem neuen Anzug ausstatten und die Fahrkarte nach München erwerben können. Jetzt aber sagte er - zu seiner eigenen Überraschung und mit einem Schauder des Erschreckens -: »Dreihundert würde ich gern abheben, wenn es möglich ist.«