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Der Held des "Espressionisten" hat sich festgelebt. Das ändert sich, als er auf einem Barista-Kurs einen umwerfend guten Espresso trinkt und eine Frau mit kornblumenblauen Augen trifft. Von nun an ist er auf der Suche nach dem heiligen Gral der Kaffeetrinker: dem Godshot. Ganz nebenbei beantwortet der Roman wichtige Fragen des Lebens: Welchen Kaffee trinkt Gott? Was ist Totraum? Brauche ich Crema?
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2021
Henning Withöft
Der Espressionist
Henning Withöft
Der Espressionist
Roman
© 2021 Henning Withöft
Lektorat: Freie Lektoren Obst & Ohlerich, Berlin-Brandenburg
Weitere Mitwirkende: Victor Freitas (Foto)
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Hardcover
978-3-347-39280-9
e-Book
978-3-347-39281-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für alle, die den Augenblick suchen.
1
Seit Jahren feiere ich immer wieder meinen neunundzwanzigsten Geburtstag. Doch beim zwanzigsten Mal fingen meine Gäste plötzlich an zu zicken.
Ich hatte sie in ein von Bartmännern betriebenes Café gebeten. Es sollte keine Riesenparty geben, auch kein geheimnisvolles Treffen in einer teuren Location. Eher ein fluffiges Beisammensein. Das Café Montesquieu war gerade zwei Jahre alt. Früher wurden dort Honda Dax repariert, zwergenhafte Oldtimer-Motorräder, die aussehen, als hätte man sie aus dem Zirkus geklaut.
Durch ein Tor gelangt man in den Hof, in dem im Sommer Liegestühle stehen, Holzverschläge führen zu kleinen Ateliers, die wie die Umkleidekabinen auf einem italienischen Strand wirken. Im Sommer sitze ich hier, eingehüllt in das grüne Leuchten meines Hochenergie-Überladungs-Schutzschirms, und schnüffele an meinem Kaffee. Manchmal auch an der leeren Tasse. Die Minimotorräder sind verschwunden und haben dem üblichen Hipster-Interieur Platz gemacht: Bunt zusammengewürfelte Tische und Stühle, bei denen unklar bleibt, ob sie neu, sauteuer und auf alt getrimmt oder aufgearbeiteter Sperrmüll sind. Ich hatte im Obergeschoss den kleineren der beiden Räume gemietet. Hier sollte es einen Kaffee-Umtrunk und üblichen Kram geben, den man in Bartmänner-Cafés bekommt: Rote-Beete-Suppe, Pekannuss-Kuchen, Brownies, Chili sin Carne, den tagesaktuellen Smoothie, dazu portugiesischen Kaffee oder Espresso. Hafermilchespresso, Milchkaffee mit Sojamilch oder laktosefreier Kuhmilch waren ebenfalls im Angebot. Wer wollte, konnte auch einen Tropfen Ziegenmilch für sein Glas heißes Wasser bekommen.
Geladen waren die üblichen Gäste. Allen voran meine Homies, meine Frau Ska sowie Tochter Anne und Sohn Falk. Mein Freund Benjamin und seine Frau Marion hatten die fast hundert Kilometer lange Anfahrt von ihrem Brandenburger Gehöft offenbar gut überstanden. Ebenfalls erschienen waren Nachbarn wie Jonas und Susanne, mit denen ich mich gut stellen musste. Sie hatten von ihren Fenstern einen wunderbaren, privatsphärekillenden Blick in unser Haus – und wir in ihres.
Manch ein Gast war mit der ganzen Familie gekommen. Die Kinder eroberten die Tische, verteilten Malzeug und Kinderbücher, die sie in einer Ecke des Zimmers gefunden hatten. Auf einem Tisch an der Wand thronte ein indischer Sparschwein-Elefant. Wer wollte und keine Krawatte als Geschenk mitbrachte, konnte sich mit einer Spende an der abgebildeten Espressomaschine beteiligen, die ich mir kaufen wollte. Leider hatten wir den Schlüssel des Elefanten vor Jahren verloren, sodass es schwierig werden würde, das Geld aus seinem Bauch zu bekommen. Egal, der Gag war es wert, der Elefant war bemalt wie ein Hippie-Bus und hatte den klaren Auftrag zu trompeten, wenn er voll war.
Doch diesmal lief einiges schief.
Schon kurz nachdem die Gäste hereingeträufelt waren und jeder seinen Milchkaffee, Latte macchiato oder Kakao und ein Stück Kuchen bekommen hatte, geriet ich in eine unwürdige Diskussion mit Benjamin und meiner Tochter Anne.
„Wir erzählen uns lustige Geschichten über dich und deine Familie“, erklärte Benjamin.
„Wieso? Gibt es da etwas zu erzählen?“ Ich setzte mich auf einen der freien Stühle. Was höflich gemeint, aber ein großer Fehler war.
Wie schon oft fiel mir das Artgarfunkelmäßige an Benjamin auf. Die kleinlockigen, blonden, recht langen Haare standen in seltsamem Winkel nach hinten ab. 10.000 Volt und immer Gegenwind. Meine Tochter saß wohlgeraten daneben und grinste. Auch gelockt, aber dunkel und ohne Gegenwind. Eine selbstbewusste Medizin-Studentin ohne Fehl und Tadel, die schon seit geraumer Zeit nicht mehr bei uns wohnte. Über Töchter witzelt man nicht.
„Auf diesem Ohr ist er taub“, sagte Anne und lehnte sich zu Benjamin hinüber, den sie seit ihrer Kindheit kannte. Schulter an Schulter betrachteten sie mich, als ob ich ein zahlendes Ausstellungsstück wäre. „Darüber will er nicht reden und ist darin sehr konsequent. Gewisse Seltsamkeiten liegen in der Familie. Bist du mal seinem Vater begegnet?“
„Nein.“
„Opa Sven war schräg. Als er noch lebte, hat er sich gerne selbst eingeladen. Einmal war er in der Stadt und wollte uns besuchen. Vorher Bescheid sagen war nicht seine Art, zu konventionell. Er stand lieber plötzlich in der Tür, konnte sich nie festlegen und war immer unterwegs. Wir waren aber nicht da. Als wir zurückkamen, lag im Briefkasten ein Zettel mit dem Wort ‚Ich‘ und einem Datum. Wir haben eine Weile gerätselt, was das für ein Zettel war.“
„Soso, dein Opa war ein reisender Nonkonformist“, diagnostizierte Benjamin und gabelte ein Stück von seinem Käsekuchen.
„Wohl eher ein alter Trotzkopf“, fuhr Anne fort. „Auch Opa Svens Auftritte bei Partys und Familienfesten waren nicht ohne. Einmal, so geht die Legende, habe er sich beim Essen eine Stoffserviette auf den Kopf gelegt, unter der er fast verschwand, und wie ein Gespenst seinen Kuchen weitergegessen. Man hatte sich nicht genug um ihn gekümmert.“
Die beiden lachten laut und fröhlich.
„He, was soll das, Anne“, schaltete ich mich ein und überlegte, ob Väter nicht doch Witze über Töchter machen sollten. „Die Geschichte mit der Serviette habe ICH dir erzählt – und sicherlich nicht, damit du sie bei unpassenden Gelegenheiten weitererzählst.“
Benjamin grinste: „Es ist immer spannend, Neues über dich zu erfahren.“
„Gewisse Eigenheiten könnten vererbt worden sein, will ich damit sagen“, erklärte Anne. „So von den Genen her.“
„Ist dein Vorname auch eine dieser Eigenheiten?“ Benjamin blickte mich an.
„Kennst du die Geschichte noch nicht?“, erwiderte ich zerknirscht. „Ursprünglich sollte ich Andreas heißen, erzählt man sich. Doch der Name war meinem Vater zu normal. Er hat dann behauptet, er sei Finnland-Fan und hat schließlich die finnische Variante von Andreas durchgesetzt.“
Glücklicherweise unterbrach uns Marion an dieser Stelle, indem sie den beiden Klatschtanten eine weitere Runde American Cheesecake auf den Tisch stellte. Dann setzte sie sich auf die Sesselkante, strich ihrem Popstar-Gatten über das Haar und schaukelte mit dem Holzclog. Das lenkte ihn von weiteren Fragen ab.
Ich nahm mir einen Kaffee vom Tablett, schnüffelte kurz daran und trank. Unterhielt mich mit Marion, fragte nach dem Dorfleben und den Plänen, das Haus auszubauen. Dann zog es mich wie so oft weiter. Ich drehte eine kleine Runde durch den Raum, räumte Geschirr weg, checkte den Elefanten, wechselte ein paar flirrige, belanglose Worte und setzte mich schließlich an einen leeren Tisch.
Meine Geselligkeit täuschte. Der Kurzzeit-Finnland-Fan Sven hatte mir einen lebenslangen Dad-Joke verpasst: Statt Andreas heiße ich Antti, ein Name, der die Menschen zu Witzeleien anregt. Leider hatte mir mein Vater auch ein paar seiner anderen Eigenheiten weitergegeben, was vermutlich der Grund war, dass ich mich immer etwas abseits hielt oder halten musste. Wenn es spannend wurde, saß ich am Rand und sah nur zu, so wie jetzt. Ich musste immer alles etwas anders machen als andere. Auch wenn es überhaupt keinen Sinn ergab.
Dann klingelte mein Handy. Eigentlich wollte ich nicht drangehen.
„Nathalie?“
Mühsam schaltete mein Hirn um. Diese Frau war auf den Tag zwanzig Jahre älter als ich und sprach kein Deutsch.
„Antti!“, näselte es französisch aus dem winzigen Lautsprecher. „Wir sitzen zusammen, feiern meinen Geburtstag, essen Tarte aux pommes und denken dabei an dich. Wie geht es dir? Feierst du?“
„Wir sitzen auch zusammen, essen - äh Kuchenkäse.“ Mir fehlten die Worte. Wer kann schon auf Knopfdruck auf fremdsprachige Konversation umschalten? Am Handy?
„Dann will ich nicht lange stören“, fuhr Nathalie fort. „Wir können in ein paar Tagen telefonieren, wenn mehr Zeit ist. Ich habe einen Geburtstagswunsch. Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen und deshalb wollte ich dich und deine Familie einladen. Das neue Haus kennst du gar nicht, obwohl wir schon lange hier wohnen.“
Ich war das erste Mal mit dreizehn in Nathalies Familie aufgetaucht. Der Clan hatte den anfangs ziemlich verwirrten Deutschen assimiliert und in ihm ungewohnte Leidenschaften geweckt – unter anderem für Petit café und Tarte aux pommes.
Aus dem Smartphone kam Franzosengetöse, offenbar grüßten mich die anderen. Dann legte Nathalie auf. Ließ mich durcheinander, aber auch berührt zurück. Ich hatte nicht einmal gratuliert.
Doch mir blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken. Benjamin führte etwas im Schilde. Er stand vom Tisch auf und ging zu meiner Frau. Tuschelte, sah zu mir. Ska nickte. Dann griff er sich ein Glas und klopfte theatralisch mit einem Löffel daran, bis sich das Geplapper gelegt hatte. Selbst die Kinder blickten von ihren Malarbeiten auf, manche sogar von ihren Handys.
„Wir haben uns hier versammelt“, begann er und klaute damit frech einen meiner Lieblingswiederholungssprüche, „und haben dir etwas mitgebracht.“
Bedeutungsschwanger zog er einen Umschlag aus der Hosentasche. Die anderen Gäste schienen zu wissen, was jetzt kommen würde.
Er wedelte.
„Du trinkst gerne guten Kaffee. Manche sagen sogar, du genießt ihn auf deine ganz besondere Art.“ Zustimmendes Gemurmel, einige Gäste prosteten mir bierglasmäßig mit ihren mittlerweile leeren Kaffeetassen zu. „Deshalb haben wir das hier besorgt. Falls du nächstes Jahr wieder feierst und falls du sogar ein Jubiläum feiern solltest, kannst du ja berichten, was daraus geworden ist. Lieber Antti, wir wünschen dir viel Spaß.“
Benjamin überreichte den Brief. Alle sahen mich erwartungsvoll an. Ich hasse so etwas und überlegte, ob ich den Umschlag öffnen und „Ein Klavier, ein Klavier“ rufen sollte. Was für eine Feier. Ich lud sie ein, wollte ein bisschen klönen, und musste mir stattdessen Familiengeschichten und Andeutungen über Älterwerden und Jubiläen anhören. Dabei sah ich mich in einer Reihe mit Zsa Zsa Gabor, Gina Lollobrigida, Oskar Matzerath und nach unbestätigten Informationen auch Hape Kerkeling. Werden die älter? Und dann geheimnisvolle Umschläge, die mit Tamtam aus Gesäßtaschen hervorgezogen wurden. Musste ich jetzt Begeisterung zeigen?
Ich kann das nicht.
Mir blieb nichts anderes übrig, als mitzuspielen. Also legte ich das Teil nicht einfach neben den sträflich stummen Hippie-Elefanten, sondern tat überrascht und öffnete den Umschlag. Er enthielt eine schicke Karte aus weißer Pappe.
„Barista-Kurs“, las ich vor. „Wir nehmen Sie in unserer Schulung zum Barista mit auf eine sinnliche Reise durch die Kaffeewelt. Entdecken Sie mit uns Kaffeesorten und Anbaugebiete. Bereiten Sie mit uns Milchkaffee, Cappuccino und Espresso zu und erfahren Sie alles, was der ambitionierte Heimbarista für den Einstieg braucht.“ Vollmundig schloss der Sermon mit einer Adresse und den Worten: „Ihre Welt wird sich ändern.“
Ich blickte in die Runde. „Ihr wollt mich zu einer Sekte schicken?“
Heftiges Nicken.
„Meine Welt soll sich ändern?“
Allgemeines Biertischgeklopfe.
Auf der Karte war handschriftlich ein Datum eingetragen: Samstag, 20. November, 11 Uhr.
Nächste Woche.
„Will jemand noch eine Rote-Beete-Suppe?“
2
Als ich aus dem S-Bahnhof Oranienburger Straße nach oben ging, fühlte ich mich wie ein Tourist. Die Luft war klar und kalt und kündigte den Winter an. Der Barista-Kurs führte mich in eine Gegend, in der ich seit Jahren nicht gewesen war. Sie hatte sich verändert. Plattenbauten aus DDR-Zeiten wechselten sich mit teuer sanierten Altbauten ab. Hinzu kamen Galerien, edle Buchhandlungen, leicht bis stark angeschnöselte Geschäfte für den gehobenen Touristenbedarf, Röstereien, ein großer Illy-Laden, Restaurants mit Brunchbuffets.
Mein Ziel war ein schickes Café an der Torstraße. Ich zeigte meine Kurskarte und wurde an einer großen Röstmaschine vorbeigeführt. Es roch eigenartig, eine Mischung aus leicht angebrannt und frisch gebrühtem Kaffee. Nicht unangenehm, aber schwer einzuordnen.
In den Schulungsraum mit großen Fenstern zur Torstraße würden locker zwanzig Personen passen. Viel Chrom, Holz und Schwarz. Links an der Wand standen zwei Espressomaschinen, mehrere Kaffeemühlen, davor ein hoher Tisch aus Holzbalken. Außer mir stromerten drei andere Teilnehmer durch den Raum: zwei Männer sowie eine Frau mit etwas zu feinen, dunkelblonden Haaren und auffallend blauen Augen. Wir nickten uns zu. Von der Straße glotzten Fußgänger in den Raum. Die Sonne schien auf die Dielen.
Um Punkt elf Uhr erschien ein geschmeidiger Herr in schwarzem Rollkragenpullover, Bluejeans und schwarzen Turnschuhen und stellte sich als Mathias vor. Wir hatten uns auf die Barhocker gesetzt und lauschten.
„Ihr habt den ‚Kompakten Barista’ gebucht“, begann Mathias, „und wir werden uns in den nächsten Stunden durch das Thema Kaffee arbeiten. Ich hoffe, ihr habt heute noch nicht viel Kaffee getrunken, denn wer will, kann jede Menge probieren.“ Er zeigte auf die in Reih und Glied aufgestellten Espressomühlen links und rechts der Maschinen. „Aber vielleicht stellt ihr euch erst kurz vor.“
Nummer 1 war ein schlaksiger, kerncool wirkender junger Mann. „Ich bin Peter, ehrlich gesagt wusste ich bis vor einer Stunde noch nichts von dem Kurs. Meine Freundin hat ihn mir zum Geburtstag geschenkt.“ Er sah noch ungefrühstückt aus, leicht zerzaust. „Das passt gut. Ich trinke den ganzen Tag fast nur Kaffee. Morgens Cappuccino, im Büro Filterkaffee und abends Espresso. Da kommt was zusammen.“
Nummer 2: „Meine Freundin ist Brasilianerin und ihre Familie hat eine Kaffeeplantage. Ich weiß, das klingt schwer nach Klischee, aber so ist das Leben eben. Seit ich mit ihr zusammen bin, habe ich immer mehr Gefallen an Kaffee gefunden. Meine neueste Leidenschaft ist es, defekte Espressomaschinen zu kaufen, sie auseinanderzunehmen und gesundzufrickeln.“
Nummer 3 war die Frau mit den dunkelblonden Haaren. Etwa Anfang vierzig. „Ich bin Svenja“, sagte sie. „Ich arbeite in einem Saftladen.“ Pause. „Wir wollen auch Kaffee verkaufen.“
Sie lehnte sich zurück und wartete. Mehr Informationen wollte sie uns nicht geben, was ich bedauerte. Ich hätte gerne mehr Einzelheiten aus ihrem Leben gehört. Familie, Beruf, Hobbys. Vielleicht auch, woher sie diese kornblumenblauen Augen hatte, mit denen sie aufmerksam ihre Umgebung musterte. Augen, die jedem Saftfalschpresser in kurzer Zeit das Fürchten lehrten. Die sich aber jeder gerne ansehen würde, wenn er als Kunde einen Espresso über die Theke gereicht bekommt.
Nummer 4: Ich. „Nennt mit Andreas“, log ich. „Ich habe angeblich bald einen runden Geburtstag. Meine Freunde haben mich geschickt. Ich soll bis dahin lernen, guten Kaffee zu kochen.“
Meine drei Mitstreiter und der Steve-Jobs-Verschnitt sahen mich leicht irritiert an, aber zum Glück fragte keiner etwas.
Dann erklärte uns Mathias seinen Laden. Eigene Rösterei, gegründet vor fünf Jahren, schnell größer geworden, angrenzende Räume dazu gemietet. Sein Kaffee wird auch in anderen Cafés ausgeschenkt. Nach dieser Einführung wandte er sich um und bereitete mit affenartiger Geschwindigkeit vier Espresso zu. „Wir starten mit einem Test. Probiert bitte und beschreibt, was ihr schmeckt.“
Etwa ein Drittel der Tasse war mit Espresso gefüllt, auf dem eine fette Schicht haselnussbrauner Crema lag. Der Kaffee schmeckte würzig, herb, bitter, verbrannt und nach Schokolade, weit hinten auf der Zunge.
Noch bevor ich das richtig mitbekommen hatte, fragte Svenja: „Ist das ein Bar-Schlampe: r?“
„Barschlampwas?“, fragte Mathias und sah sich um, als hätte er jemanden im Raum übersehen.
Svenja kicherte. „Bar-Schlampe: r. So nennt eine Kollegin im Laden einen Espresso, den man in Italien stehend an der Bar trinken würde. Kaffee, den man schlampig zubereiten kann, wenn es schnell gehen muss, weil viele Kunden im Laden sind. Der es verträgt, nicht mehr ganz frisch zu sein. Der genau zu diesem Zweck so gemischt wurde. Früher hätte manch einer dazu Bar-Schlampe gesagt, aber das geht natürlich gar nicht.“
„Nein, so etwas gibt es hier nicht“, antwortete Mathias, „und als schlampig zubereitet würde ich unseren Kaffee auch nicht bezeichnen. Was ihr probiert habt, ist eine Mischung. Mit einem Robusta-Anteil, der die dicke Crema bewirkt, die viele Menschen als Qualitätsmerkmal ansehen. Mir schmeckt Crema gar nicht.“ Er grinste.
Svenja probierte einen weiteren Schluck. Sie saß gerade und konzentriert auf ihrem Stuhl. Leider sagte sie nichts mehr, sondern beschäftigte sich mit ihrem Kaffee. Von ihrem linken Ohr baumelte ein kleines rosafarbenes Herz.
„Wollt ihr einen Schluck Wasser? Die italienischen Röstungen schmecken oft bitter und viele Menschen wollen danach einen Schluck Wasser trinken. Schon seltsam, da wird Kaffee verkauft, dessen Geschmack auf der Zunge mit Wasser wieder vernichtet wird.“ Mathias schüttelte den Kopf.
In den folgenden Minuten erklärte er uns seine Sicht der Welt. Zumindest der Kaffeeteil war in schlechtem Zustand. Beherrscht von Konzernen, die Kaffeebauern in Abhängigkeit halten und oft nicht wissen wollen, unter welchen Bedingungen ihr Kaffee hergestellt wird. Um Zeit und Geld zu sparen, werden die Bohnen bei mehreren hundert Grad im Schnellverfahren bis in den Second Crack verkohlt. Bei diesem hörbaren Bohnenkrachen treten Kaffeeöle aus, die Bohnen glänzen danach und werden durch die hohe Temperatur sehr dunkel.
„Es ist wie beim Vanilleeis. Die Menschen werden auf einen Geschmack geeicht und es wird ihnen erzählt, das sei der einzig wahre. Dabei trinken sie nur eine Variante Kaffee, die industriell perfektioniert, auf Gewinn getrimmt wurde und immer gleich schmeckt – das ist gewollt. Bei der Schnellröstung entstehen Stoffe oder werden nicht abgebaut, die viele Menschen nicht gut vertragen. Durch einen hohen Robusta-Anteil haben die Kaffees einen hohen Koffeingehalt, durch die schnelle Röstung bleibt viel Chlorogensäure in der Bohne. Meiner Erfahrung nach macht die Kombination von Koffein und Chlorogensäure die Leute rappelig, sie bekommen Magenprobleme und denken, keinen Kaffee zu vertragen. Das stimmt oft nicht. Sie kennen nur nichts anderes. Sie wurden von der dunklen Seite der Macht verführt und wissen nicht, was es sonst noch gibt. Ich trinke zwanzig bis dreißig Espresso pro Tag, meinem Magen geht es prima und ich schlafe nachts wie ein Baby.“
Mit diesen Worten wandte Mathias sich um und hantierte an seiner Espressomaschine. Wie zuvor bereitete er schnell vier Espresso zu, holte sich den Kaffee aber aus einer anderen Mühle. Ich fummelte verstohlen an meinem Telefon, um zu checken, ob die illegale Live-Aufnahme des Events korrekt funktionierte. Den Mann, der so viel Kaffee verträgt, wollte ich auf dem Handy archiviert haben. Wie ich erschrocken feststellte, hatten die kornblumenblauen Augen alles mitbekommen.
„Probiert das hier.“
Wir hängten als angehende Fachleute unsere Nasen in die winzigen Tassen. Auch diesmal waren sie zu einem Drittel gefüllt, hatten aber weniger Crema. Der Inhalt roch anders, leicht säuerlich, fruchtig, nicht so kräftig wie der Espresso zuvor, aber vielschichtiger. Ich probierte. Der Kaffee schmeckte – anders. Sauer.
„Das ist eine Bohne, wie wir sie hier im Café verwenden. Reine Arabica, langsam etwa zwanzig Minuten geröstet, mit einer höheren Wassertemperatur zubereitet als die italienischen Mischungen.“
Ich war enttäuscht, schmeckte vor allem Säure. Mein asphaltkaffeeverdorbener Gaumen wollte den üblichen Geschmack: mehr bitter, mehr Schokolade, mehr rauchig, mehr Hammer. Mehr Herzklopfen.
„Lasst euch auf den Geschmack ein und versucht, hinter das leicht Säuerliche zu kommen. Da kommt noch einiges.“
Ich gab mein Bestes und sah zu meinen Trinkkumpanen hinüber. Peter saß stirnrunzelnd vor seiner Tasse und meditierte.
„Die Hipster da vorne kommen alle, um DIESEN Kaffee zu trinken?“
Svenja war die Frau für die interessanten Fragen. An der Röstmaschine vorbei zeigte sie in den kleinen, gut gefüllten Gastraum, in dem sich vor allem Menschen in den Zwanzigern aufhielten und Brownies aßen, in Zeitungen blätterten oder auf ihren Handys herumtippten.
„Jedenfalls ist es selten leer bei uns“, erklärte Mathias. Er war nachsichtig mit den vier Kaffee-Adepten. „Ihr müsst euch auf den Geschmack einlassen. Säure trägt Geschmack, Kaffee ist ein Fruchtkern, der ist mal etwas sauer.“
Mathias kam in Fahrt. Ich war überrascht, wie es aus dem anfangs so cool, fast überheblich wirkenden Mann herausbrach. Da hatten mir meine Geburtstagsgäste den richtigen Sektenführer herausgesucht. Einen bartlosen Hohepriester, der in einem Kaffeelabor residierte und sich auf Knopfdruck in Leidenschaft reden konnte.
„Manch einer macht Kaffee zum Kreuzzug: Arabica ist gut, Robusto schlecht. Darüber können die Leute sich fast prügeln. Den herkömmlichen Espresso trinken die Leute seit Jahrzehnten und viele sind zufrieden damit. Das ist okay. Doch ich will anderen Kaffee anbieten. Ich weiß, wo meine Bohnen herkommen, kenne alle Produzenten, besuche sie und zahle faire Preise. Preise, die sich nicht jeden Tag ändern, sondern mit denen die Bauern existieren können, auf die sie sich verlassen können, sofern sie die vereinbarte Qualität liefern.“
Der Mann hatte Kaffeebohnen im Blut.
Und noch einen Trumpf im Ärmel. Abrupt ging er zur dritten Espressomühle und füllte den Siebträger mit Kaffeemehl. Ich sah den Vorbereitungen mit Sorge zu. Wenn die Trinkerei in diesem Tempo weiterging, würde ich den Rest des Tages im Koffeinrausch zubringen, Chlorogensäure hin oder her.
„Das hier“, erzählte Mathias über seine Schulter hinweg, „ist etwas ganz Besonderes. Kommt aus Äthiopien, gibt es nur in geringer Menge, haben wir besonders schonend geröstet. Quasi jede Bohne einzeln ausgesucht. Damit haben wir vor zwei Wochen den zweiten Platz bei der deutschen Barista-Meisterschaft gemacht. Normalerweise serviere ich den nicht in einem Kurs, aber ihr könnt noch einen Kick gebrauchen.“
Er schob uns die Tassen hin. Ich blickte hinein und schaltete augenblicklich meinen Schutzschirm ein, mich durfte nichts stören. Jetzt war Ruhe angesagt. Der Espresso leuchtete auffallend goldgelb, die Crema lag wie ein Seidentuch über dem Kaffee und sah ganz wunderbar aus. Nicht der Schaumdeckel, den ich aus anderen Cafés kannte. Das hier war eine Andeutung von Crema, ein Hauch, eine bewegliche Schicht aus seidigen Bläschen, die als Schutz über einem wertvollen Darunter lag. Sie machte jede Bewegung der geheimnisvollen Flüssigkeit mit, legte sich wie ein Schleier über den Kaffee. Und duftete! Der Geruch schien mir direkt ins Hirn zu gehen. Ich atmete durch die Nase ein und zog das Aroma bis unter die Schädeldecke, wollte darin baden. Ich roch Beeren, Heidelbeeren zum Beispiel, wie ich sie bislang nur einmal morgens direkt vom Strauch erlebt hatte. Sehr frisch, prall von Wasser, mit einem Hauch von Wald kurz nach Tagesanbruch, wenn alles voller Tau ist. Kaum hatte ich dieses Bild gefunden, roch ich plötzlich Honig und dann, nach ein paar Mal Schwenken, kam Schokolade. Der Geruch änderte sich ständig, entwickelte sich. Als ob der abkühlende, die Tassenwand hochgeschaukelte Espresso unter seiner goldenen Schicht immer neue Ideen von sich gäbe, eine Reihe Bilder, die sich in meinem Kopf aneinanderfügten. Aromakino.
Dann trank ich einen Schluck und fand den Geruch im Geschmack wieder. Der Schluck veränderte den Duft. Die leere Tasse erzählte am Schluss noch einmal eine ganz andere Geschichte. Ein höchst kitschiges Drama von nachhallender Freude und Leichtigkeit, von Vielfalt, Leidenschaft, vielleicht sogar Ewigkeit. Hier gab es kein Entweder–oder, nur ein Auch. In einer haltlosen Welt voller seltsamer Politiker, Klimakollaps und digitalem Krieg hatte ich einen Anker gefunden. Eine Geschmacksheimat voller majestätischer, innerer Ruhe.
Ich stellte die Tasse auf die dicke Tischplatte und wackelte mit dem Hintern auf dem Barhocker, um Spannung abzulassen. Es war still im Raum, die Espressomaschine köchelte vor sich hin. Die Sonne schien immer noch hell auf den Dielenboden. Die anderen wackelten nicht mit dem Hintern auf ihren Hockern, sondern glotzten mich an. Nur Svenja lächelte mir versonnen zu. Ich hatte das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, fühlte mich ertappt, räusperte mich und sah mutig in die Runde. War was?
„Was kostet so ein Kaffee?“, fragte Peter schließlich.
„Den gibt es nur in kleinen Mengen und auch nur kurzfristig“, antwortete Mathias. „Das Kilo kostet achtzig Euro.“
3
„Alles mache ich falsch“, jammerte ich. „Das Kaffeeböse existiert. Seit Jahren benutze ich Espressopulver, also Kaffee, der schon vor langer Zeit gestorben ist. Ich trinke bargeschlampten Café Crema, bei dem das Wasser viel zu lange durchläuft, pflege meine Maschine nicht richtig.“ Ich schluchzte. „Sie nannten ihn Conan, den Kaffeebarbaren.“
„Ist nicht schlimm“, erwiderte Ska und legte mir die Hand auf den Arm. Wir haben schon viele Leben gemeinsam durchlebt und sie hat Erfahrung mit Krisensituationen dieser Art. „Trink einfach, was und wie es dir schmeckt.“
Das war ein höchst lebenskluger Tipp. Er half mir aber nicht weiter.
„Ich fürchte, das geht nicht mehr. Ich habe gestern ganz anderen Kaffee probiert. Er hat anders ausgesehen, anders geschmeckt und vor allem anders gerochen! Weniger nach Nuss und Schokolade und leicht verbrannt, sondern nach – ach, ich weiß nicht. Irgendwie nach allem, was gut riecht. Für einen kurzen Moment lang gab es nichts anderes mehr.“
„Soso, der Mann hat dich kaffee-entjungfert? Wer hätte das gedacht. Klasse. Stand nicht auf dem Gutschein, nach dem Kurs würde deine Welt eine andere sein? Hat prima geklappt.“ Ska klatschte in die Hände.
Wir saßen am Esstisch, sie hatte eine Tasse Tee vor sich. Unter Skas rötlichen Haaren saß eine pragmatische Fröhlichkeit, die mir manchmal zu schaffen machte.
„Das ist nicht witzig“, gab ich zurück und ließ einen Verzweiflungsschluchzer folgen. „Ich fürchte, ich weiß gar nicht mehr, was mir schmeckt oder schmecken soll. Wenn das Espresso war, so gibt es mindestens zwei Sorten Kaffee. Einen, den ich gut kenne, und einen, von dem ich keine Ahnung habe. Riechen tun sie beide gut.“
Ich sank weiter in mich zusammen, schnäuzte in ein Taschentuch und ließ es fallen. „Auf jeden Fall kenne ich jetzt ein paar Gründe, warum es mit DER DA nicht geklappt hat.“
Mit dem nackten Finger zeigte ich in die angrenzende, nicht allzu große Küche. In die Ecke gequetscht stand dort eine Espressomaschine, die ich mir vor zehn Jahren als Neunzehnjähriger gekauft hatte. In solch jugendlichem Alter trifft man manche Fehlentscheidung. Wir zwei waren nie warm geworden miteinander. Egal, welchen Kaffee ich benutzte, egal, wie fein ich ihn im Geschäft mahlen ließ, der Kaffee rauschte durch das Sieb und schmeckte mies. Von den fünfundzwanzig Milliliter Espresso in fünfundzwanzig Sekunden als Richtwert, die Mathias genannt hatte, war ich weit entfernt. Die Maschine ging mit einer Urgewalt auf das Mehl los, die guten Geschmack unmöglich machte. Ich hatte sie immer wieder entkalkt, den Kaffee mit größtmöglicher Kraft in den Siebträger gepresst, zur Verblüffung meines Sohnes Falk mich quasi auf den Tamper gestellt, um das Pulver zu verdichten. Hatte alles nichts gebracht. Mit dieser Maschine kam ich nicht klar. Sie stand seit Jahren fast ungenutzt in unserer Küche herum, nur unterbrochen von kurzen, hoffnungsvollen Phasen, in denen ich erneute Versuche unternahm, ihr korrekten Kaffee zu entlocken.
Unsere Beziehung war noch komplizierter geworden, nachdem mein Arzt eine Allergie auf Milcheiweiß diagnostiziert hatte. Seitdem war es vorbei mit Cappuccino und ich konnte meinen Kaffee nur noch schwarz trinken. Soja- oder Hafermilch waren nix für mich.
„Du willst doch eine neue Maschine kaufen. Wo ist das Problem?“
„Der Elefant hat den Rüssel gehalten. Kein Trompeten. Das Geld vom Geburtstag reicht bei Weitem nicht, um mir die Maschine zu kaufen, die ich im Sinn habe.“ Ich ließ einen weiteren Riesenseufzer hören. Auch Familie und Freunde unterstützten mich nicht. Herzloses Volk.
„Na, du brauchst ganz schön viel Geld. Ist das nicht ein bisschen viel verlangt für eine als Geburtstagsnachmittag mit Kaffee getarnte Crowdfunding-Party?“
Ska war viel schlauer als ich.
„Der Kaffeemann hat eine Predigt gehalten, wie viel Zeit und Pflege man in eine Maschine stecken muss. Er repariert in seinem Laden Espressomaschinen und sagt, es sei eine Schande, was die Leute für Zeugs bei ihm abgeben. Dreckig, voller Kalk, falsch behandelt, mit durchgebrannten, völlig verseuchten Heizstäben. Das ist viel Arbeit.“
„Und?“, sagte Ska mit inkarnationsübergreifender sonntäglicher Geduld. „Halte es wie mit Kaffee. Trink, was du willst, kauf, was du willst. Aber bitte in vernünftigen Grenzen und in Absprache mit mir, gell?“
Zweifel schlichen sich in meine Gedanken. Brauchte ich eine neue, finsterteure Maschine? Wollte ich meine erschnorrten Moneten einem Händler auf den Tisch legen und mit einer überdimensionierten Maschine wieder gehen? Künftig fünfzehn oder gar zwanzig Kilogramm Metall unter Dampf halten, nur um ein oder zwei Espresso zu trinken? War der Plan nicht der reine Snobismus? Gab es nicht drängendere Probleme auf der Welt als einen spinnerten Kaffeefreak auf Sinnsuche?
Der Barista-Kurs verschärfte das Problem. Mathias hatte allen klar gemacht, dass eine gute Kaffeemühle mindestens so wichtig ist wie die Espressomaschine – und ähnlich teuer. Außerdem musste ich Platz für den Kram finden. Unsere Küche ist klein. Wenn ich voll einstieg, würde es monatelang nur Wasser und Brot geben und ich würde die Küche mit meinem Zeug fluten. Ich sah verhandlungsintensive Grenzkonflikte mit den Homies voraus.
Aus unterschiedlichen, nicht von allen akzeptierten Gründen hatte ich mich in den letzten Jahren wenig in der Küche blicken lassen (Kindererziehung, Neben-der-Kappe-Sein etc.). Ich tauchte dort auf, um mit gelegentlichen Hausarbeiten oder kurzlebigen Spleens (grüne Smoothies etc.) meine Anwesenheit zu dokumentieren. Je nach Anlass mit unterschiedlichem Erfolg. Außerdem war die Küche der Ort für familiäre Marmeladenprojekte, Gewürztestreihen oder notwendige Ernährungsexperimente, um die in der Sippe vorhandenen Ernährungsbehinderungen esstechnisch in den Griff zu bekommen. Ska trinkt selten Kaffee, die Kinder, obwohl längst größer als ich, fast nie. Ich war allein.
Und jetzt wollte ich nach Jahren massiv Präsenz zeigen und mitten rein einen monströsen Chrom-Stahl-block stellen, den man ewig putzen musste, weil jeder Fingerabdruck zu sehen war, und der noch dazu einen ständig krümelnden, fast ebenso großen Mühlenkumpel hatte? Wusste ich, ob das Ganze nicht nur die teure Grille eines alternden Neunundzwanzigjährigen ist, der auffallen will? Vielleicht interessierte ich mich in zwei Monaten für böhmische Briefmarken aus der Kaiserzeit und trank nur noch zehn Minuten lang gekochtes Wasser, um zu entgiften? Leidenschaften kommen und gehen …
Vielleicht sollte ich taktisch vorgehen. Nicht mit hohen Kosten und einem fetten Stahlbock starten, sondern meinen Brückenkopf in der Küchenecke bei den Medikamenten und Spültüchern langsam ausbauen. Mir das Wohlwollen meiner Homies und hoffentlich zahlreichen Gäste erbrühen und später das Terrain ausweiten.
Eine Infiltrationseinheit hatte ich bereits platziert. Ich musste die ungeliebte alte Maschine nur durch ein besseres Modell ersetzen. Es schien mir ratsam, mit einer Maschine zu starten, die nicht gleich durch Masse und Chromglanz jedem zeigte, wer der Chef im Ring war.
„Ich trinke mich hoch.“
„Wie meinen?“
„Ich trinke mich hoch. Ich habe zusammen mit meinem Taschengeld ein Elefanten-Startbudget von etwa dreihundert Euro. Ich kaufe mir keine neue, viel zu teure Maschine, mit der ich vielleicht gar nicht klarkomme, sondern steige kleiner ein. Ich besorge mir eine gebrauchte. Sicher kann mir der Vorbesitzer ein paar gute Tipps geben, was ich zu beachten habe. Die Maschine probiere ich in Ruhe aus, verkaufe sie, wenn ich die Nase voll habe, und besorge mir eine bessere Gebrauchte, wenn ich will.“
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In den folgenden Tagen durchforstete ich das Internet auf der Suche nach einer Maschine aus zweiter Hand – und stieß auf eine Krankheit. Sie befällt vor allem Menschen, die aus meiner Sicht schon perfekt für Espresso ausgerüstet sind. Ihr Maschinenpark liegt weit über dem, was mir vorschwebte, war aber immer noch nicht genug. In unregelmäßigen Abständen verfallen solche armen Seelen einem Wahn, der sie dazu zwingt, etwas Neues zu kaufen. Eine Maschine, die eine neue Funktion besitzt, um dem Kaffeepulver noch mehr Aroma zu entlocken und auch das letzte Körnchen auf ideale Weise auszupressen. Bei der man Temperatur und Druck einstellen kann oder das Wasser von Hand mit einem Hebel durch den Kaffee presst. Bedauernswerte Kranke posten Fotos ihrer Küchen, in denen mehrere Maschinen stehen und eine gegen eine noch bessere ausgetauscht werden soll. Wofür zum Geier braucht man vier Espressomaschinen? Es gibt Foren, in denen sich schwer an klinischer Upgraditis erkrankte Menschen austauschen und beraten, allerdings auf seltsame, für die Genesung wenig förderliche Art. Jeder neue Kauf wird begeistert gefeiert, die Vorteile werden diskutiert und dokumentiert. Man versteht sich und weist auf noch bessere Modelle hin. Für den nächsten Schub.
Ich gedachte, diese Situation für mich zu nutzen. Der gemeine Upgraditiker braucht Geld für seine neue Maschine und ist oft gezwungen, die alte schnell zu verkaufen. Hier wollte ich auf den Plan treten und wie ein Pferdehändler den Preis drücken. Diese seltsame Krankheit würde mich niemals befallen.
Das richtige Einsteiger-Modell fand ich, als ich auf den Erfahrungsbericht von Tara stieß. Die Frau ist eine Legende in der Kaffeewelt, ihre abendfüllenden Erlebnisse mit einer Maschine namens Silvia, von ihr zärtlich Eisenschwein genannt, sind sehr erheiternd. Eine Kennerin mit Leidenschaft und Witz. Ich las mich durch den Thread im Kaffee-Netz mit mehreren hundert Nachrichten und erfuhr so auch vom tragischen Verlauf. Bereits kurze Zeit nach dem Kauf begann Tara, an ihrem Eisenschwein herumzufrickeln und baute eine Temperatursteuerung ein.
Ab Post #524 war die Erkrankung nicht mehr zu übersehen. Sie kaufte sich als Upgrade eine Maschine, mit der sie bei Bedarf auch in einem Café aushelfen kann.
Schon am nächsten Wochenende entdeckte ich am Sonntagmorgen ein Angebot: Vom Besitzer generalüberholt, gereinigt und entkalkt. Der Mann hatte den schönen Nachnamen d'Alençon und gab an, die Maschine für den Verkauf komplett auseinandergenommen zu haben. Der Preis lag deutlich unter der Hälfte des Neupreises, allerdings war die Maschine vierzehn Jahre alt.
Also sattelte ich mein holländisches Pferd und machte mich auf nach Potsdam. So ein Internet-Privatkauf ist eine unsichere Sache. Es gibt Käufer, die einem erst ein Ohr abklingeln, aber zum Termin nicht kommen und sich auch nie wieder melden. Und es gibt Verkäufer, die einen Termin vereinbaren, aber das angebotene Gut schon verkauft haben, weil jemand mehr geboten hat. Ich ritt im schon dunklen und feuchten Winterabend in Babelsberg ein, in eine Straße mit alten Einfamilienhäusern. Alle schick renoviert und mit aufgeräumten Vorgärten voller winterlich leerer Blumenbeete.
Natürlich erwartete ich einen symptomgeplagten, fortgeschrittenen Upgraditiker, der mir atemlos seine Maschine anpreist, an den Nägeln kaut und sich vielleicht dazu hinreißen lässt, von seiner künftigen Maschine zu erzählen („Da kann ich schon morgens vom Bett aus per WLAN die Maschine anschalten …“).
Weit gefehlt. Nachdem ich dem verschlungenen Pfad durch den Vorgarten unter einer großen Tanne bis zur Haustür gefolgt war, öffnete mir ein aufgeräumt wirkender Mann in den Fünfzigern die Tür. Er führte mich durch einen Flur in die Küche, in der zwei Silvias zu sehen waren. Eine stand mit aufgeschraubtem Deckel neben der Spüle, die andere auf einem kleinen Podest neben einer blechern aussehenden Mühle.
„Sie müssen entschuldigen, aber ich bin durcheinander. Ich komme gerade aus dem Krankenhaus, meine Frau hat sich vorhin den Arm gebrochen und der muss noch geschient werden“, sagte er.
„Weia, wir hätten das hier aber auch verschieben können. Das tut mir leid“, antwortete ich. Wenn das kein Verkaufstrick war, hatte der Mann mich erwischt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Von wegen fortgeschrittener Upgraditiker.
