Der ewige Kampf ums Überleben - Yvonne Küttel - E-Book

Der ewige Kampf ums Überleben E-Book

Yvonne Küttel

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Beschreibung

Yvonne ist eine junge, glückliche Frau, als das Unfassbare passiert: Der beste Freund ihres Bruders begeht Selbstmord. Noch kurz zuvor waren sie zusammen auf einer Beachparty gewesen und hatten einen Gutschein für ein Wochenende zu zweit gewonnen. Yvonne ist geschockt. Sie weiß nicht, wie sie damit umgehen soll. Während sie nach außen hin die Starke spielt, igelt sie sich innerlich immer mehr ein. Selbst ihre geliebte Zwillingsschwester kommt nicht mehr richtig an sie heran. Plötzlich hört Yvonne Stimmen und sieht Dinge, die in der Realität nicht existieren. Sie fängt an, ihren Kummer mit Alkohol und Medikamenten zu betäuben. Eine furchterregende Abwärtsspirale nimmt ihren Lauf … Wird Yvonne es schaffen, sich aus diesem mächtigen Sog zu befreien?

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Seitenzahl: 494

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-504-9

ISBN e-book: 978-3-99131-505-6

Lektorat: Alexandra Eryiğit-Klos

Umschlagfotos: Michael Piepgras, Zulmanvideo | Dreamstime.com; Yvonne Küttel

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Yvonne Küttel

www.novumverlag.com

Über die Autorin

Yvonne Küttel wurde 1989 in der Schweiz geboren. Nach mehreren Aufenthalten in diversen psychiatrischen Kliniken und verschiedenen ambulanten Therapien erhielt sie die folgenden Diagnosen:

emotional-instabile PersönlichkeitsstörungBorderlinesyndromposttraumatische BelastungsstörungAbhängigkeitssyndrom durch multiplen SubstanzgebrauchBulimia nervosaAnorexia nervosadissoziative Störung (Konversionsstörung)klinische HyperventilationsepisodeDepersonalisationsstörungenSchizophrenie/Halluzinationen

Du willst, dass es aufhört;

willst, dass es geht;

hast das Gefühl, dass alles steht;

spürst nur die Angst, die kriecht empor;

dein Kopf ganz heiß, scheinst alles verlor’n,

was du je gelesen und gelernt;

die Weischeit hat sich scheinbar entfernt;

zurück bleibt nur ein tiefes Loch.

„Fall nicht hinein und halte dich,

so gut es geht, ganz fest am Rand,

denn wenn du rutschst,

hält dich keine Hand.“

Das denkst du, doch die Wahrheit ist,

ganz unten erwartet dich Sonnenlicht,

wenn du den Mut hast, loszulassen,

dich einfach fallen zu lassen –

ins Leben, das wie ein Bächlein fließt,

es will doch nur, dass du es genießt

und tust, was dich wirklich glücklich macht.

Du schaffst es, hast den Mut und die Kraft!

Glaub an dich, so vieles steckt in dir,

Gott lebt durch dich, im Jetzt und Hier!

Einleitung

Psychische Krankheiten sind häufig: Gemäß dem neuen Weltgesundheitsbericht der WHO erkrankten über 25 % der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer schweren psychischen Störung (Lebenszeitprävalenz), und rund 10 % der Bevölkerung leiden zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer psychischen Erkrankung (Punktprävalenz). Viele Menschen wenden sich bei Beschwerden als Erstes an ihren Hausarzt. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass psychische Erkrankungen vom behandelnden Arzt oft nicht erkannt werden: So leidet rund ein Drittel der Patienten und Patientinnen in Allgemeinpraxen an einer oder mehreren behandlungsbedürftigen psychischen Störungen, aber bei nur etwa einem Viertel aller Patienten und Patientinnen (24 %) werden diese vom Arzt auch als solche diagnostiziert.

Psychische Störungen sind keineswegs „harmloser“ als körperliche Erkrankungen, sie haben erhebliche behindernde Konsequenzen für die davon betroffenen Personen und ökonomische Folgen für die Gesellschaft, wie eine gemeinsame Studie der WHO, der Weltbank und der Harvard Universität zeigt. Was die Behinderung und Beeinträchtigung der Lebensqualität betrifft, stehen psychische Störungen (inklusive Suizid) nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen an zweiter Stelle einer Rangfolge verschiedener Krankheiten. Zählt man die Folgen von Alkohol- und Drogenmissbrauch hinzu, würden psychische Störungen sogar deutlich den Spitzenrang einnehmen.

Wie erleben wir Gefühle?

Wir erleben häufig intensive negative Gefühle, auch positive Gefühle sind stark.

Warum ist es wichtig, Gefühle zu steuern?

Gefühle steuern zu können, ist wichtig, um schwierige Situationen besser zu bewältigen und ein ausgeglichenes Verhältnis zu dir selbst zu entwickeln.

Borderline-Patientinnen haben oft Probleme, Gefühle zu steuern.

Gefühle sind sinnvoll und wichtig …

… um sich lebendig und wirklich zu fühlen.… um sich rasch in der Welt zu orientieren.… um Informationen aus der Umgebung schnell und automatisch zu verarbeiten und entsprechend zu handeln.… um andere Menschen zu interpretieren, das heißt, deren Motive und Absichten zu erkennen.… um sich als Individuum vor schwierigen, gefährlichen oder unangenehmen Situationen zu schützen.… um zielgerichtetes Handeln zu ermöglichen.… um in einem sozialen Netz eingebunden zu bleiben.… um mit einem Gegenüber in liebevoller Resonanz zu schwingen.

Und vieles anderes mehr …

Emotionen

Je intensiver eine Emotion ist, desto „wirklicher“ erscheint sie uns.

Emotionales Netzwerk

Gedanken

Gefühle

Verhalten

Kognition (Denken)

Unser Denken schaltet sich synchron zu unseren Gefühlen. Erinnerungen, die mit Gefühlen zusammenhängen, werden wachgerufen.

Je stärker die Emotion ist, desto eingeengter wird das Denken.

Physiologie

Je stärker die Emotion, desto heftiger reagiert der Körper.

Herzrasenschnelle AtmungschwitzenMagendrückenEnge im Hals

Motorik

Unbewusst steuern Emotionen auch unsere Muskeln.

Wir nehmen eine Körperhaltung ein, die der jeweiligen Emotion entspricht, zum Beispiel:

AufrichtenFäuste ballenKinn nach vorn strecken

Handlung

Wir planen oder zeigen Reaktionen, die der jeweiligen Emotion entsprechen.

Wenn wir wütend sind, wollen wir angreifen oder uns beschweren oder losheulen.Wenn wir stolz sind, wollen wir uns aufrichten und dafür sorgen, dass irgendjemand sieht oder erfährt, was wir Tolles gemacht haben.

Aber:

Es steht uns frei, in unserem Tun der jeweiligen Emotion nachzugeben oder bewusst anders zu handeln.

bewusst anders handeln: in der Situation bleibender Emotion nachgeben: fliehen

(bei Angst)

Wahrnehmung

Die Wahrnehmung steuert sowohl die Stärke (die Intensität) als auch den Charakter der Emotion.

Wenn du zum Beispiel einen bissigen Hund siehst, bekommst du Angst. Zeigt dir der Besitzer einen Vogel, fühlst du Wut.

Kurzerklärung meiner Diagnosen

Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung

Bei der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung handelt es sich um eine „Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung. Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren. Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden.“ Quelle Wikipedia

Was ist Borderline?

Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung oder eine sog. emotional instabile Persönlichkeitsstörung ist die Bezeichnung für eine Persönlichkeitsstörung, die durch Impulsivität und Instabilität in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen, Stimmungen und das Selbstbild gekennzeichnet ist. Bei dieser Störung sind bestimmte Vorgänge in den Bereichen Gefühle, Denken und Handeln beeinträchtigt. Dies wirkt sich durch „negative“ und teilweise paradox wirkende Verhaltensweisen in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie gegenüber sich selbst aus. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird häufig von weiteren Belastungen begleitet (hohe Komorbidität), darunter Depressionen sowie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Beispiele

Der Betroffene will nicht allein sein, will Trennung vermeiden, koste es, was es wolle.Zwischenmenschliche Beziehungen sind zwar intensiv, aber auch sehr instabil; Hass und Liebe wechseln sich häufig ab.Der Betroffene hat eine gestörte Identität. Er hat eine gestörte Selbstwahrnehmung.Der Betroffene ist sehr impulsiv. Er lebt oft ohne Rücksicht auf Verluste.Der Betroffene ist auffällig unausgeglichen und instabil. Häufig sind auch Angst und Reizbarkeit oder depressive Stimmungen zu bemerken; diese Stimmungen sind jedoch nur kurz vorhanden.Der Betroffene fühlt sich leer und ihm ist langweilig.Der Betroffene kann seine starke Wut nicht unterdrücken.Der Betroffene misstraut phasenweise jedem; in Krisen schaltet er komplett ab. Er erlebt sich selbst als fremd und verändert.

Borderliner sind nicht in der Lage, allein zu sein.

Diese Angst vor dem Alleinsein kann schon durch kleinste Anlässe ausgelöst werden,zum Beispiel wenn ein Anruf zu spät kommt oder eine Verabredung abgesagt wird.

Posttraumatische Belastungsstörung

Eine posttraumatische Belastungsstörung ist eine psychische Erkrankung. Ihr gehen definitionsgemäß ein oder mehrere belastende Ereignisse von außergewöhnlichem Umfang oder katastrophalem Ausmaß (psychisches Trauma) voran. Dabei muss die Bedrohung nicht unbedingt die eigene Person betreffen, sondern sie kann auch bei anderen erlebt werden (z. B. als Zeuge eines Unfalls oder einer Gewalttat). Die posttraumatische Belastungsstörung tritt in der Regel innerhalb eines halben Jahres nach dem traumatischen Ereignis auf und geht mit unterschiedlichen psychischen und psychosomatischen Symptomen einher. Häufig kommt es durch das traumatische Erleben zu einem Gefühl der Hilflosigkeit sowie zu einer Erschütterung des Ich- und Weltverständnisses.

Abhängigkeitssyndrom durch psychotrope Substanzen

Ein Abhängigkeitssyndrom durch psychotrope Substanzen (umgangssprachlich: Drogenabhängigkeit, Drogensucht, Drogenmissbrauch) bezeichnet eine Gruppe von Störungen der Psyche und des Verhaltens aufgrund wiederholter Einnahme psychotroper Substanzen. Typisch ist ein starkes, periodisch oder dauerhaft auftretendes Substanzverlangen, eine fortschreitende Vernachlässigung anderer Verpflichtungen oder Aktivitäten sowie teilweise Kontrollverlust und zwanghafter Substanzkonsum. Substanzabhängig unterschiedlich stark ausgeprägt, kommt es dabei meist zur Toleranzerhöhung und körperlichen und psychischen Entzugserscheinungen. Da alle Substanzen innerhalb einer sozialen Struktur eingenommen werden, ist die Abhängigkeit im Kontext komplexer Wechselwirkungen seelischer, sozialer und körperlicher Prozesse zu betrachten.

Multipler Substanzgebrauch

Multipler Substanzgebrauch, umgangssprachlich auch Mischkonsum genannt, ist eine Form des Drogenkonsums, bei der zwei oder mehr psychotrope Substanzen involviert sind.

Gründe für multiplen Substanzgebrauch können vielschichtig sein. Zum einen kann der Gebrauch einer bestimmten Droge spontan „Lust“ auf weitere Substanzen machen, zum anderen findet aber auch gezielter Mischkonsum statt, in der Hoffnung, eine besondere Wirkung zu erzielen. Für manche Kombinationen haben sich unter Konsumenten daher eigene Begriffe entwickelt, so beispielsweise für den gleichzeitigen Konsum von MDMA und LSD, der als Candyflip bezeichnet wird, oder die Kombination aus Kokain und Heroin, die den Namen Speedball trägt.

Bulimie

Die Bulimie, auch Ess-Brech-Sucht(Bulimarexie oder Bulimia nervosa)oder Ochsen- bzw. Stierhunger genannt, gehört zusammen mit der Magersucht, der Binge-Eating-Störung und der Esssucht zu den Essstörungen.

Bulimie stammt vom Altgriechischen und bedeutet wörtlich „Ochsenhunger“. Bulimia nervosa bezeichnet – streng genommen – lediglich das Symptom des Heißhungers und wird in dem Falle auch als Hyperorexie bezeichnet.

Anorexia nervosa

Die Anorexia nervosa (griech. „bedingte Appetitlosigkeit“), auch Anorexia mentalis oder Magersucht genannt, ist eine psychische Störung aus dem Bereich der seelisch bedingten Essstörungen. Anorexia nervosa ist nicht gleichbedeutend mit dem Begriff „Anorexie“, der lediglich eine allgemeine Appetitlosigkeit beschreibt, gleich welcher Ursache.

Bei der Anorexie differenziert man zwischen dem restriktiven Typus, bei dem (nur) die Nahrungsaufnahme verringert wird, und dem Purging-Typus, bei dem zusätzlich das Gewicht, beispielsweise durch Erbrechen, verringert wird.

Dissoziale Persönlichkeitsstörung

„Eine Persönlichkeitsstörung, die durch eine Missachtung sozialer Verpflichtungen und herzloses Unbeteiligtsein an Gefühlen für andere gekennzeichnet ist. Zwischen dem Verhalten und den herrschenden sozialen Normen besteht eine erhebliche Diskrepanz. Das Verhalten erscheint durch nachteilige Erlebnisse, einschließlich Bestrafung, nicht änderungsfähig. Es besteht eine geringe Frustrationstoleranz und eine niedrige Schwelle für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten, eine Neigung, andere zu beschuldigen oder vordergründige Rationalisierungen für das Verhalten anzubieten, durch das der betreffende Patient in einen Konflikt mit der Gesellschaft geraten ist.“ Quelle Wikipedia.

Klinische Hyperventilationsepisode

Bei einer Hyperventilation handelt es sich um eine über den Bedarf gesteigerte Lungenbelüftung. Sie geht mit einer Abnahme des Kohlenstoffdioxid-Partialdruckes und einem pH-Anstieg im Blut einher. Eine Hyperventilation kann sich als Störung der Atemregulation aus psychischen oder körperlichen Gründen ereignen, als Reaktion auf eine Unterversorgung zeigen (bei Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems,sekundäre Hyperventilation)oder auch bei kontrollierter Beatmung auftreten.

Neben dem akuten Hyperventilationssyndrom, das durch anfallsweise auftretende beschleunigte und vertiefte Atmung mit den typischen tetanischen Symptomen gekennzeichnet ist, gibt es das chronische Hyperventilationssyndrom, das zur Gruppe der Somatisierungsstörungen gezählt wird und oft mit nicht eindeutigen Symptomen einhergeht. Die angstbedingte, akute Hyperventilation kann bisweilen ein zugrunde liegendes Problem (z. B. Pneumothorax) überdecken.

Das bei einem erhöhten Atmungsbedarf angepasste Atemvolumen beim Arbeiten (körperliche Belastung) ist keine Hyperventilation. Das Gegenteil (zu viel Kohlenstoffdioxid im Blut) heißt Hypoventilation. Das Phänomen einer zu schnellen Atmung, ohne Berücksichtigung der Kohlenstoffdioxidkonzentration im Blut, bezeichnet man als Tachypnoe.

Depersonalisationsstörung

Allgemein bezeichnet Depersonalisation oder Depersonalisierung den Verlust bzw. die Veränderung des ursprünglichen, natürlichen Persönlichkeitsgefühls. Im speziellen Sinne versteht man unter Depersonalisation einen veränderten Bewusstseinszustand, bei der die Betroffenen

ihre eigene Person (d. h. ihren Körper, ihre Persönlichkeit, ihre Wahrnehmung, ihre Erinnerung, ihr Denken, Fühlen, Sprechen oder Handeln) und/oderPersonen und Objekte innerhalb ihrer Umwelt

als verändert, fremd, nicht zu sich gehörend, leblos, fern oder unwirklich erleben. Erlebnisse einer Entfremdung gegenüber der Umwelt werden auch als Derealisation bezeichnet.

Wenn diese Symptomatik häufig oder dauerhaft vorliegt und ein erhebliches Leiden verursacht, gilt sie als eine psychische Störung. Diese Störung wird als Depersonalisations-/Derealisationsstörung – oder kurz: Depersonalisationsstörung – bezeichnet.

Schizophrenie

Als Schizophrenie („Geist, Seele abspalten“) wird eine Gruppe schwerer psychischer Krankheitsbilder mit ähnlicher Symptomkonstellation bezeichnet. Im akuten Krankheitsstadium tritt bei schizophrenen Menschen eine Vielzahl charakteristischer Störungen im Bereich der Wahrnehmung, des Denkens, der Ich-Funktionen, der Affektivität, des Antriebs sowie der Psychomotorik auf.

Häufig ist dies das sogenannte Stimmenhören sowie der Wahn, verfolgt, ausspioniert oder kontrolliert zu werden. Weiterhin kann es zum Gedankenlautwerden, Gedankenentzug oder zur Gedankeneingebung kommen. Anhaltende Halluzinationen jeder Sinnesmodalität sind möglich. Durch Gedankenabreißen und Gedankeneinschiebungen kann die Sprache unverständlich werden und es kann zu Wortneuschöpfungen kommen. Dabei ist das Denken nur in der akuten Krankheitsphase gestört. Demzufolge lassen sich diese Symptome weder auf einen Intelligenzdefekt noch auf eine organische Gehirnerkrankung zurückführen. Obwohl Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis seit dem Altertum beschrieben werden, konnte noch keine eindeutige Ursache für die Fehlwahrnehmungen und Fehlinterpretationen ermittelt werden. Man geht von einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren aus.

Halluzination

Unter Halluzinationen versteht man eine Wahrnehmung, ohne dass eine nachweisbare externe Reizgrundlage vorliegt. Solche Wahrnehmungen können in jedem Sinnesgebiet auftreten.

Das bedeutet zum Beispiel, dass physikalisch nicht nachweisbare Objekte gesehen oder Stimmen gehört werden, ohne dass jemand spricht. Halluzinationen können alle Sinnesgebiete betreffen. Bei einer Illusion hingegen wird ein real vorhandener Sachverhalt verändert wahrgenommen: Ein tatsächlich vorhandener, feststehender Gegenstand scheint sich zu bewegen oder in irregulären Mustern werden scheinbar Gesichter erkennbar.

Meine körperliche Entwicklung

Ich durfte als älterer Zwilling am 14. Juli 1989 das Licht der Welt erblicken. Meine Zwillingsschwester Cindy und ich wurden auf natürlichem Weg geboren. Mutters erster Ultraschall erfolgte erst im achten Schwangerschaftsmonat, da die Schwangerschaft problemlos verlief. Da wurde auch festgestellt, dass es Zwillinge sein würden, und meine Eltern freuten sich so sehr auf beide. Bei der Geburt bekam meine Mutter eine Spritze in den Rücken, da die Wehen nicht mehr zurückgingen. Meine Mutter hatte aber noch Gefühl, nur keine Schmerzen mehr. Die Geburt verlief dann problemlos. Gestillt hat sie uns circa sechs Wochen, danach waren die Brustwarzen so entzündet, dass wegen der Schmerzen auch die Milch zurückging.

Auch als Babys gab es keine Besonderheiten. Als Kleinkinder hatten wir beide Affektkrämpfe. Ich hatte noch einen Schlüsselbeinbruch. Ansonsten nur die normalen Kinderkrankheiten, nichts Auffälliges. Als Kind war ich ein glückliches Mädchen, das viel mit der Familie unternahm, und ich hatte auch alles, was ein Kind brauchte. Meine Eltern waren immer für mich da und ich spielte sehr viel mit meiner Zwillingsschwester und auch mit meinem zwei Jahre älteren Bruder. Wir gingen viel wandern, spazieren, machten viele Spiele und hatten es immer sehr gut.

Mit 18 Jahren bekam ich meine Menstruation, aber in der Pubertät bin ich nie aufgefallen.

Meine seelische Entwicklung

Ich war ein glückliches Kind und genoss mein Leben bis 2007. Ich hatte sehr nette Kollegen, Freunde und eine herzliche Familie. Wir waren sehr viel zusammen und unternahmen immer etwas gemeinsam. Bis 2007 hatte ich ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Wir konnten über alles sprechen. Auch miteinander hatten es meine Eltern sehr gut. Im Juli 2007 beging Daniel, der beste Freund meines Bruders, Selbstmord. Nach dem Selbstmord distanzierte ich mich von meinen Eltern und wollte nur noch allein sein. Ich ließ keinen Kontakt zu. Ich wollte für alle die Starke sein und trauerte nicht. Doch ich war nicht stark. Im Gegenteil, ich war am Boden zerstört und wusste nicht, wie ich diesen Schmerz ausschalten sollte. Es fühlte sich so an, als würde jemand mir das Herz herausreißen. Ich konnte mir ein Leben ohne Daniel nicht vorstellen. Zudem war ich noch nie zuvor mit einem Suizid konfrontiert worden und hatte mich auch nicht auf so etwas vorbereiten können. Ich hatte keine Ahnung, wie ich diesen Schmerz ausschalten sollte. Deshalb versuchte ich aus Selbstschutz immer stark zu sein. Niemand sollte sehen, wie es mir ging. Doch es war die Hölle. Ein seelischer Schmerz, der mich innerlich zerriss und kaputtmachte. Nach schmerzhaften Momenten des Leids konnte ich nach einem halben Jahr nicht mehr stark sein. Ich war überfordert und hatte mich nicht mehr unter Kontrolle. Ich begann Alkohol zu trinken. Und das jeden Tag sowie auch am Abend. Ich ging viel in ein Pub. Dort trank ich die meiste Zeit Alkohol. Ich konnte nichts anderes tun. Es musste für mich so sein. Ich dachte, dass Alkohol mir helfen würde. Es half mir auch für den Moment, meine Gefühle, meinen seelischen Schmerz und die Gedanken an Daniel zu dämpfen. Ich wusste, dass dies langfristig keine Lösung war. Dennoch musste ich trinken, um die momentane Situation erträglicher zu machen. Eines Abends im Pub, als ich auf die Toilette gehen wollte, folgte mir ein Typ und kam mit mir rein zur Frauentoilette, obwohl ich NEIN sagte und die Tür schloss. Er zog mich unten aus und fasste mich an. Ich war in diesem Moment so schockiert, dass ich nichts sagen konnte. Der Mann hinter der Bar hatte das Szenario mitbekommen. Er eilte uns nach, holte diesen Typen raus und warf ihn aus der Bar. Der Barkeeper holte mich an den Tresen und wir sprachen über das, was gerade vorgefallen war. Er riet mir, zur Polizei zu gehen, was ich aber nicht tat. Diese Typen kommen sowieso immer wieder davon. Ich hätte eh keine Chance gehabt. Dennoch fragte ich mich hinterher, ob es etwas gebracht hätte, wenn ich zur Polizei gegangen wäre. Ich weiß es nicht und werde es auch nie erfahren. Auf jeden Fall ging ich nach dem Gespräch mit dem Barkeeper auf direktem Weg nach Hause. Ich erzählte diesen Vorfall niemandem. Ich schämte mich so sehr, obwohl ich mich eigentlich nicht hätte schämen müssen. Dennoch war es für mich sehr unangenehm. Ich distanzierte mich deswegen sogar von meinem Vater. Ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommen würde. Mein Vater war immer für mich da und würde mir auch niemals was antun. Trotzdem distanzierte ich mich von ihm. Damals stimmte es so für mich. Doch im Nachhinein wusste ich, dass ich diesen Vorfall meinen Eltern hätte mitteilen sollen.

Das Geschehen begleitete mich weiter. Ich überlegte mir immer wieder, ob ich doch zur Polizei gehen sollte. Jedoch dachte ich:„Hätte ich mich gewehrt, wäre es gar nicht so weit gekommen.“Ich glaube, wenn mir heute so was passieren würde, dann würde ich zur Polizei gehen. Und ich würde es auch jeder anderen Person raten, damit diesen Typen Einhalt geboten wird.

Nach einer turbulenten Zeit rutschte ich in die Ess-Brech-Sucht. Dies hätte ich ehrlich gesagt niemals von mir gedacht. Dennoch ist es bei mir passiert. Manchmal treffen uns Dinge, die wir uns vorher nie hätten vorstellen können.

Ich fühlte mich plötzlich nicht mehr schön. Es war nicht, weil ich mich zu dick fühlte, sondern eher, weil ich nicht mehr attraktiv sein wollte.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich aber noch nicht, wozu dies alles führen konnte. Infolge meiner Ess-Brech-Sucht fing ich an, Beruhigungs- und Schlafmedikamente zu nehmen, und verletzte mich selbst. Ich ritzte mich zuerst nur an den Armen, peitschte dann meine Arme und schlug mir ins Gesicht und auch gegen die Wand.

Arm rechts: Blaue Flecken durch Selbstverletzung

Bein links: Auf der Außenseite musste genäht werden

Bein links: Tiefe Schnitte, musste genäht werden

Mir war alles zu viel. Ich hatte weder den Alkohol noch die Medikamentensucht noch meine Ess-Brech-Sucht im Griff.

In der Familie gab es feste Regeln, wie zum Beispiel gemeinsame Mahlzeiten, und wenn wir wegwollten, mussten wir das den Eltern mitteilen. Das ging auch gut bis 2007. Nach Daniels Selbstmord hielt ich mich an nichts mehr. Ich tat, was mir gefiel und was mir gerade in den Sinn kam. Dadurch dass ich mich an nichts mehr hielt und mich immer mehr zurückzog, gab es viele Konflikte zwischen meinen Eltern und mir. Meine Eltern wollten mir immer helfen und waren jederzeit für mich da, aber ich wollte mit niemandem sprechen. Ich wollte einfach für mich allein sein. Ich war sehr egoistisch gegenüber meinen Eltern. Nach einer geraumen Zeit wussten meine Eltern auch nicht mehr, was sie mit mir machen sollten, weil ich mich derart zurückzog, dass ich ihnen gar keine Chance gab, mir zu helfen, was mir im Nachhinein sehr leidtut. Es schmerzt mich sehr, wenn ich daran denke, dass ich so zu meinen Eltern war.

Meine soziale Entwicklung

Die Beziehung zu meinen Verwandten und Freunden war sehr eng. In der Oberstufe war ich eher ein ruhiger Mensch, hatte aber Freunde.

Zum anderen Geschlecht hatte ich einen sehr guten Draht. Ich war lieber mit Männern unterwegs als mit Frauen. Meine Schwester und ich hatten eine Clique. Wir unternahmen sehr viel zusammen. Leider löste sich die Clique mit der Zeit ein bisschen auf, da wir ja alle in die Lehre kamen und unterschiedliche Arbeitszeiten hatten. Wir haben aber bis heute immer noch Kontakt.

Bis in die sechste Primarklasse war ich mit meiner Schwester in einer Klasse. Wir waren immer zusammen. Wir hatten gute Schulfreunde, mit denen wir teils heute noch Kontakt haben. Als wir in die Oberstufe kamen, trennte man uns. Meine Schwester kam in meine Parallelklasse. Mir ging es dabei nicht immer gut, ich vermisste meine Schwester. Ich war schüchtern und traute mich nicht, mich zu wehren. Meine Schwester konnte dies hingegen sehr gut. Erfreulicherweise sahen wir uns zumindest in den Pausen. Beim Schulabschluss bekam ich ein Diplom von der Schulleitung als „beste Schülerin“. Darüber freute ich mich sehr.

2005 fing ich die Lehre als Konditorin-Confiseurin an. Wir waren ein sehr gutes Team. Wir hatten es sehr lustig miteinander. Es war wie eine kleine Familie. 2008 bestand ich die Abschlussprüfung mit guten Noten. Darüber war ich sehr froh, da ich sehr nervös gewesen war. Nach der Ausbildung durfte ich noch zwei weitere Jahre im selben Betrieb arbeiten, was mir sehr gefiel.

2010 trat ich eine neue Stelle an einem anderen Arbeitsplatz an. Die Leute in der Backstube waren sehr nett. Aber der Chef schrie jeden Tag und das wurde mir zu viel. Ich war zu sensibel und konnte dies nicht ertragen. Das war auch der Kündigungsgrund noch während der Probezeit.

Im Dezember 2010 fing ich wieder an einer neuen Stelle als Konditorin an. In diesem Betrieb war ich auch wieder sehr glücklich. Das Team war sehr nett und wir lachten viel miteinander.

Ich lernte in kurzer Zeit sehr viel. Zwischendurch musste ich in verschiedene Kliniken gehen, weil ich Borderline diagnostiziert bekam. Mein Chef gab mir immer die Chance, wieder zurück zur Arbeit zu kommen, wenn die Therapie in der Klinik vorbei war. Borderline war ihm bekannt, weil er jemanden kannte, der ebenfalls am Borderlinesyndrom litt. Durch sein Verständnis bezüglich meiner Krankheit fiel es mir wesentlich leichter, mich in einer Klinik einer Therapie zu unterziehen; so stand ich im Geschäft nicht so sehr unter Druck.

Eine feste Partnerin oder einen festen Partner hatte ich noch nie. Dies stimmte auch für mich so; es ermöglichte mir, in Ruhe meine Therapie zu machen, ohne Druck von außen.

Ein paar Eckdaten zu meiner Familie

Mein Vater ging fünf Jahre in Vitznau in die Schule. Danach war er zwei Jahre in Reussbühl in der Bauernschule. Von 1971 an begann er bei den Rigibahnen zu arbeiten. Nebenbei war er 22 Jahre in der Trachtengruppe. Vor 42 Jahren gründete er zusammen mit seinem jüngeren Bruder und dem Cousin die Ländlerkapelle „Echo vom Vitznauerstock“, wo sie zusammen viele Auftritte hatten sowie mehrere CDs produziert haben. Mein Vater liebt es, zu musizieren, zu wandern und zu jassen. Er wuchs mit drei Brüdern und einer Schwester auf.

Meine Mutter ging sechs Jahre in die Primarschule in Braunwald. Anschließend besuchte sie in Linthal drei Jahre die Oberstufe. In Glarus machte sie die dreijährige Lehre als Konditorin. Sie ging früher viel zu Großvater auf die Alp. Meine Mutter liebt das Skifahren, das Wandern und das Schlitteln. Sie wuchs mit zwei Schwestern und zwei Brüdern auf.

Mein Bruder ging sechs Jahre in die Primarschule in Vitznau, danach zwei Jahre in die Oberstufe in Weggis. Nach der Schule machte er von 2003 bis 2006 eine Lehre als Maurer, die er bestand. Nach der Lehre arbeitete er bis 2008 noch im gleichen Betrieb. Dann wurde die Firma von jemand anderem übernommen, wo er dann weiter bis 2013 arbeiten durfte. Da er merkte, dass er eine neue Herausforderung brauchte, entschloss er sich, von 2013 bis 2014 eine Polizeiausbildung zu machen, die er erfolgreich absolvierte. Bis heute arbeitet er bei der Polizei und ist sehr glücklich dabei.

Meine Zwillingsschwester besuchte auch sechs Jahre die Primarschule in Vitznau und ging danach drei Jahre auf die Oberstufe in Weggis. Anschließend absolvierte sie von 2005 bis 2008 eine Ausbildung zur Detailhandelsfachfrau im Coop in Küssnacht. Nach der Ausbildung arbeitete sie im Coop in Seewen als Bäckerei-Stellvertretende.

Da sie sich dort nicht wohlfühlte, suchte sie sich etwas Neues. Durch eine langjährige Freundin der Familie konnte sie sich im „Migros Partner“ Weggis vorstellen, wo sie ab Mai 2009 zu arbeiten anfing. Nun ist sie bereits seit 13 Jahren dort und geht jeden Tag freudig zur Arbeit.

Angefangen hat sie als ganz „normale“ Mitarbeiterin. Kurz darauf konnte sie die „Früchte & Gemüse“-Abteilung übernehmen. Etwas später durfte sie auch noch die Getränkeabteilung inklusive „Pilatus Getränke AG“ und „Feldschlösschen“ leiten.Mittlerweile ist sie Koli-Rayonleiterin, Chefin für das Tiefkühlsortiment, Ladenchefin, Büro-Stellvertretende Und Non-Food- Stellvertretende. Sie ist für sieben Bestellwesen und acht Vertreter verantwortlich.

Wenn sie nicht arbeitet, verbringt sie am liebsten Zeit mit ihrem Mann, mit der Familie und mit Freunden, sei es für einen Jass, eine Wanderung oder auch mal, schick auszugehen.

Meine Krankheitsentwicklung

Ende 2007 merkte ich, dass ich mich verändert hatte. Vor 2007 nahm ich keine Drogen, trank keinen Alkohol, ich ritzte mich nicht, ich erbrach nicht und ich nahm auch keine Medikamente. Durch alle diese Dinge merkten meine Eltern, dass ich Hilfe brauchte. Ich ging ambulant zu drei verschiedenen Therapeuten, deren Therapie ich nach der zweiten Sitzung immer wieder abbrach, da ich nicht wusste, was ich dort sollte, zudem fühlte ich mich nicht ernst genommen. Ein Therapeut lachte über das, was ich ihm erzählte. Darum bekam ich auch Probleme damit, mit Männern über meine Probleme zu sprechen. In einer Therapie erwarte ich, dass man mich ernst nimmt. Ansonsten kann ich kein Vertrauen aufbauen. Jener Therapeut sah das vielleicht anders …

Nun zu meiner Geschichte

Wie bereits erwähnt, hatte ich eine sehr schöne Zeit und genoss mein Leben bis zum Sommer 2007. Ich spielte in einer Fußballmannschaft, wo ich mich sehr wohlfühlte und was mir auch viel Spaß machte.

Am 15. Juli 2007 war Daniel noch bei uns gewesen, er hatte sein Schlagzeug vorbeigebracht. Drei Tage später brachte er sich mit 27 Jahren mit einem Sturmgewehr um. Er war wie ein Familienmitglied gewesen. Zudem war er der beste Freund meines Bruders. Ich war gerade am Arbeiten, da kam plötzlich meine Schwester in die Backstube. Das tat sie normalerweise nicht. Sie erzählte mir, dass Daniel tot sei. Ich war froh, dass meine Schwester es mir persönlich mitgeteilt hatte. Ich war sehr aufgewühlt.

Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Irgendwie konnte ich es gar nicht richtig glauben. Es hörte sich so surreal an. Plötzlich hatte ich den Drang, mich zu ritzen, einfach, um andere Gedanken zu bekommen. Zu jener Zeit war ich noch nie mit dem Thema „Suizid“ konfrontiert worden. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, was so schlimm sein konnte, dass man sich das Leben nimmt. Dazumal konnte ich es einfach nicht verstehen. Ich konnte es auch deshalb nicht glauben, da wir kurz vorher noch zusammen auf einer Beachparty gewesen waren. Er sagte mir dort, dass er sein Leben hasse und keine Freunde habe. Ich wusste aber, dass er viele sehr gute Freunde hatte. Ich dachte, dass er einfach einen schlechten Tag hätte, so wie es jeder von uns immer mal wieder hat. Daniel und ich gewannen auf der Beachparty einen Gutschein für ein Wochenende zu zweit. Wir versprachen einander, diesen zusammen einzulösen. Ein Versprechen, das er leider nicht halten konnte … An meinem Geburtstag im Juli war er noch vorbeigekommen und hatte mir zum Geburtstag gratuliert. Danach sah ich ihn nie wieder. Er erschoss sich mit seinem Sturmgewehr. Wir wussten von dem allen nichts, da Daniel in dieser Zeit eigentlich in einem Musiklager sein sollte. Darum fand man ihn erst nach drei Tagen in seiner Wohnung, übersät mit Maden und alles voller Blut und Ungeziefer.

Seitdem begann mein innerer Wandel, ohne dass mir dies richtig bewusst war. Ich versuchte immer die starke Frau zu spielen, damit auch ja niemand merkte, wie es mir in Wirklichkeit ging. Ich wollte stets für jeden da sein, insbesondere für Leute, die in dieser schweren Zeit Hilfe brauchten. Trauern konnte und mochte ich nicht, da ich, wie gesagt, für andere da sein wollte: Freunde, Familie und so weiter. Ich hatte das Gefühl, wenn ich trauern würde, dann könnte ich anderen nicht mehr helfen. Ich glaubte fälschlicherweise, ich würde das alles schaffen, ohne zu trauern und ohne zu weinen. Ich fing an, übermäßig viel Red Bull zu trinken, um „präsent“ zu sein und auf alle „wach“ zu wirken. Mein übermäßiger Red-Bull-Konsum machte sich sehr stark im Fußball bemerkbar. Ich hyperventilierte sehr viel und brach oft zusammen.

Nach einiger Zeit merkte ich, dass mir Red Bull nicht mehr viel half. Nach knapp einem halben Jahr hatte ich keine Kraft mehr, um das alles auszuhalten, darum ging ich heimlich jeden Abend Alkohol trinken, ohne dass dies jemand bemerkte. Ich hatte zuvor nie Alkohol konsumiert, dies war völlig neu für mich. Aber in diesem Moment dachte ich, dass Alkohol mir helfen würde, um das alles zu überstehen.

Eines Abends ging ich nach den Theaterproben mit einem Kollegen in ein Pub. Meine Arbeitskollegin war auch dort. Ich trank vier blaue und vier schwarze Wodka, gemischt mit Smirnof. Ich war so außer mir. Wir spielten Tischfußball, als ich plötzlich völlig ausrastete. Mir kam Daniels Suizid wieder in den Sinn, ich kam nicht mehr damit klar. Ich schloss mich auf der Toilette ein. Meine Arbeitskollegin kam zu mir und sagte, dass ich rauskommen solle. Ich stürmte hinaus, verließ das Pub Hals über Kopf und rannte, ohne nach rechts oder links zu schauen, über die Straße. Die Autos machten eine Vollbremsung, ich rannte weiter und flog über ein Gebüsch. Da setzten sich mein Arbeitskollege und meine Arbeitskollegin auf mich drauf, was aber nicht viel nützte. Ich hatte so viel Adrenalin in mir, dass ich alle wild von mir wegstieß. Ich stand in Sekundenschnelle wieder auf, rannte blindlings über die Bahngleise und anschließend in eine Mauer. Dann glitt ich erschöpft zu Boden. Die Ambulanz musste kommen, da ich nichts mehr im Griff hatte, und die anderen wussten auch nicht mehr weiter mit mir. Ich schrie immer nur: „Ich gehe zu Daniel!“

Als die Ambulanz da war, wollten sie, dass ich mich in den Krankenwagen begebe. Ich weigerte mich, woraufhin sie mit der Polizei drohten. Da ich keine Polizei wollte, lenkte ich ein. Zudem kam meine Arbeitskollegin mit mir mit ins Spital und mein Kollege fuhr mit dem Auto hinterher. Als wir abfuhren, stand ich auf, öffnete die Tür und wollte raus. Der Sanitäter hielt mich am T-Shirt fest. Als ich im Spital ankam, mussten sie mir Blut abnehmen, was ich nicht wollte, da ich Angst hatte, dass es wehtun könnte. Meine Kollegin meinte: „Du ritzt dich und hast Angst vor einem Piks in den Finger?!“ Aber wenn ich mich ritze, bin ich in einer Anspannung, da spüre ich gar keinen Schmerz. Ich überwand mich und ließ mich stechen. Alles war in bester Ordnung, außer dass ich viel zu viel getrunken hatte. Danach informierten die Ärzte meine Eltern. Somit konnte ich dann mit meinem Kollegen wieder nach Hause fahren.

Meine Eltern waren zum Glück nicht böse auf mich. Sie nahmen mich in die Arme, was mir richtig guttat. Ich wusste nicht genau, was mit mir passiert war. Es war so plötzlich und völlig unkontrolliert gekommen. Danach legte ich mich aufs Ohr.

Als ich einige Tage später wegen einer Untersuchung zum Arzt musste, stellte er fest, dass meine Werte nicht gut waren, dass ich ein Alkoholproblem hatte. Mein Herz schlug nicht so, wie es sein sollte, und meine Organe hatten auch schon etwas abbekommen. Ich wollte dies alles nicht wahrhaben, zudem dachte ich, wie jedes Mal, dass ich es allein schaffen würde. Doch meine Eltern erfuhren es früher als gewünscht. Ich brauchte eine ambulante Therapie, damit man mir helfen könnte. Jedoch habe ich diese Therapie kurz danach wieder abgebrochen, weil ich es allein versuchen wollte. Ich schaffte es aber nicht. Deshalb wurde ich mit einer FU (fürsorgerische Unterbringung) in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, um einen Alkoholentzug zu machen.

Es war eine schwere Zeit. Aber als ich es geschafft hatte, konnte ich die Klinik wieder verlassen. Die Bedingung war, dass ich ambulant weitermachen müsse. Ich hab’s versucht. Ich war bei drei Therapeuten, jedoch brach ich immer nach einer Sitzung wieder ab. Ich konnte es einfach nicht. Ich fühlte mich nicht ernst genommen.

Ich schaffte es wieder nicht allein und fing wieder an zu trinken. Da ich wieder trank, musste ich wieder in die Klinik. Diesmal ging ich in die Luzerner Psychiatrie und startete einen neuen Versuch, um abstinent zu sein.

Als ich den Alkoholentzug wieder geschafft hatte, rutschte ich in die Ess-Brech-Sucht. Das hat zum Glück niemand gemerkt, da ich immer im Schlabberlook herumgelaufen bin. Zudem erbrach ich mich nur, wenn ich allein war.

2009 machte ich mit einer Überdosis Medikamente meinen ersten Suizidversuch. Die Ärzte haben mich knapp retten können. Danach kam ich in die Klinik Meissenberg, eine Frauenklinik, und dies für eine Langzeittherapie (vier bis fünf Monate).

Durch verschiedene Tests haben sie dort herausgefunden, dass ich eine Borderlinestörung sowie auch eine posttraumatische Belastungsstörung habe. Wir erarbeiteten übergeordnete Behandlungsziele, die bei mir wie folgt aussahen:

Umgang mit Suizidalität: Auslöser finden, alternative Strategien erlernen sowie deren Umsetzung übenlernen, mit Gefühlen adäquat umzugehen, insbesondere mit dem Gefühl, „allein zu sein“eine gesunde Balance finden zwischen „für andere da sein“, „dafür sorgen, dass es anderen gut geht“ und „Selbstfürsorge“

Ich hatte dort verschiedene Therapien, zum Beispiel die sogenannte Morgenrunde (dort besprachen wir, wie es mir momentan geht, was für ein Tagesziel ich habe etc.) oder die Kunst- und Gestaltungstherapie (man bildete die momentanen Gefühle oder was man zum Beispiel gerne in der Zukunft hätte, zeichnerisch ab). So fiel und fällt es mir leichter, über meine Gefühle zu sprechen. Auch meine Gefühle aufzuschreiben, half und hilft mir immer noch sehr.

Eine Zeichnung von der Gestaltungstherapie

Visite: Die Ärzte und Pfleger kommen ins Zimmer und wir schauen zusammen, wie mein Befinden ist, was ich noch brauche und wo ich Unterstützung brauche.Ersttherapie: Gespräch mit dem PsychologenErgotherapieSkillsgruppen: Umgang mit Gefühlen, zwischenmenschliche Fertigkeiten, Selbstwert und Stresstoleranz

Während dieses Klinikaufenthalts lernte ich sehr viel. Zum Beispiel erlernte ich verschiedene Skills (Fertigkeiten). Ein Beispiel: Ich habe Suizidgedanken und befinde mich in einer sehr hohen Anspannung. Anstatt dass ich mich ritze, damit die Anspannung sinkt, kaue ich beispielsweise eine Chilischote oder laufe barfuß über den Asphalt oder rieche an Ammoniak. (Vorsicht: Ammoniak darf man nicht zu lange einatmen, weil dies die Nasenschleimhaut verletzen kann.)

Als ich so weit stabil war, durfte ich die Klinik wieder verlassen.

Kurz danach fiel ich wieder in ein Loch. Dadurch, dass ich generell ein Problem mit dem Abschiednehmen habe, fiel es mir schwer, nun wieder ohne meine Mitpatientinnen zu sein. Ich vermisste die Mädels, die ich in der Klinik kennenlernen durfte. Zudem konnte ich keine Skills mehr anwenden. Es gelang mir plötzlich nicht mehr. Ich fing wieder an, Schmerzmedikamente zu nehmen. Die Folge: Ich musste wieder in die Klinik, um einen erneuten Entzug zu machen.

Dieses Mal legte ich den Fokus auf Achtsamkeit, Umgang mit Gefühlen, Selbstwert und Stresstoleranz, was schließlich auch zu meinen Problemen gehörte. Man musste immer eine sogenannte VA (Verhaltensanalyse) schreiben, sobald man etwas Dysfunktionales gemacht hatte (z. B. Selbstverletzung durch Ritzen, Alkohol- oder Drogenkonsum etc.).

Um die VA auszufüllen, musste man zwei Stunden auf sein Zimmer.In der VA musste man dann aufschreiben, wieso man etwas Dysfunktionales gemacht hatte, zum Beispiel: Wie waren meine Gedanken, bevor ich dysfunktional wurde? Was genau war der Auslöser? Warum habe ich die Skills (Fertigkeiten) nicht angewandt? Oder: Wieso haben sie nicht genützt? Was kann ich nächstes Mal besser machen? Nachdem ich mir über alle diese Fragen Gedanken gemacht hatte, schrieb ich alles auf. Als ich fertig war, wurde die VA mit der Therapeutin und den anderen Patientinnen, die auch eine VA schreiben mussten, besprochen.

Bei der Besprechung gab es Rückmeldungen von der Therapeutin sowie auch von den Mitpatientinnen. Zudem schauten wir zusammen, was man das nächste Mal besser machen könnte. Ich empfand diese Besprechungen immer als äußerst positiv. Die Therapeutin gab verschiedene Tipps und ich konnte auch viel von den Mädels lernen, die manchmal noch andere Skills anwendeten oder weitere Optionen hatten, die ich dann auch ausprobieren konnte.

Trotz netter Mitpatientinnen war es eine schwere und anstrengende Zeit für mich. Irgendwie hatte ich mich nicht wirklich im Griff; das war auch der Grund, dass ich fast jeden Tag eine VA schreiben musste. Mir fiel es einfach sehr schwer, keine dysfunktionalen Handlungen zu machen. Es war wie eine Sucht, und ich wusste, wenn ich etwas Dysfunktionales mache, dann sinkt die Anspannung schneller als mithilfe der Skills. Das war zwar keine konstruktive Einstellung, aber ich wollte jene Anspannung einfach nicht lange aushalten müssen.

Nun waren schon vier Monate in der Klinik vorbei. Obwohl es mir mit der Zeit besser gelang, Skills anzuwenden, wusste ich, dass es mir zu Hause wieder schwerfallen würde. In der Klinik bewegte ich mich schließlich in einem geschützten Raum und erhielt professionelle Hilfe. Das hatte ich außerhalb der Klinik nicht. Und genau das machte mir Sorgen.

Vermutlich denke ich viel zu negativ. Eigentlich sollte ich mir mehr zutrauen. Ich glaube einfach nicht, dass es mir einmal besser gehen wird. Dass ich wahrscheinlich nie ganz glücklich werde sein können, macht mir total Angst.  In der Klinik wurde ich auch von solchen Gedanken heimgesucht. Diese negativen Gedanken führen dann dazu, dass ich Suizidgedanken bekomme. Genau aus diesem Grund musste ich in den vergangenen vier Monaten immer wieder in die geschlossene Abteilung. Ich musste alles abgeben, womit ich mich gefährden könnte, zum Beispiel Gürtel, Halsketten, Feuerzeug und so weiter.

Ich war so wütend, dass ich aus der geschlossenen Abteilung abhauen wollte. Als die Pfleger dies bemerkten, musste ich in die Isolierzelle. Mit der Zeit begriff ich, dass ich mich „normal“ verhalten musste, um wieder aus der Isolierzelle und aus der geschlossenen Abteilung zu kommen. Als die Ärzte und Pfleger registrierten, dass ich mich anpasste und nicht mehr abhauen würde, durfte ich wieder raus aus der Iso.

Da mir auf der geschlossenen Abteilung sehr langweilig war, lehrte ein Pfleger mich Schach spielen. Das fand ich sehr spannend und schön. Natürlich verlor ich jedes Mal. Aber dies machte mir nichts aus. Hauptsache die Zeit verging.

Am Morgen hatten wir immer Gymnastik. Das war zwar nicht so meins, aber es tat gut. Nach zwei Wochen durfte ich wieder auf die normale Abteilung und meine Therapien fortsetzen. Ich war richtig froh darüber. In der Geschlossenen ist es langweilig, man kann nicht viel machen. Es ist wie ein Gefängnis, und das war für mich der Horror. Wenigstens waren die Pfleger nett.

Als ich wieder auf der Abteilung zurück war, veranstalteten Nicole und ich eine „geheime“ Party. Wir wohnten zusammen mit sechs anderen Patientinnen in einer Wohneinheit. Die anderen Patientinnen wohnten einen Stock über uns. Da diese am Wochenende zu Hause sein würden, hatten wir „sturmfreie Bude“. Wir besorgten Alkohol, den wir dann zusammen im Aufenthaltsraum tranken. Als wir müde wurden, gingen wir ins Bett und vergaßen dabei die Alkoholflaschen in dem Aufenthaltsraum wegzuräumen. Am nächsten Morgen, als wir aufstanden, sahen wir, dass alle Flaschen weg waren. Da wussten wir sofort, dass die Pflege Bescheid wusste und wir die Klinik würden verlassen müssen. Da wir jetzt eh nichts mehr zu verlieren hatten, zogen wir los in die Stadt und gaben uns erneut die Kante.

Nicole und ich waren Gruppensprecherinnen, das heißt, wir waren dafür zuständig, die jeweiligen Themen der anderen Patientinnen an das Team weiterzuleiten. Als wir wieder zurück in der Klinik waren, gingen wir stracks zu den Ärzten und Pflegern ins Besprechungszimmer, um mit ihnen sämtliche Themen zu besprechen, die wir mit den anderen Mädels angeschaut hatten, dabei rochen wir stark nach Alkohol. Alle vom Team bemerkten dies sofort, als wir ins Besprechungszimmer kamen. Meine Kollegin hatte einen großen Teil ihres Bieresversehentlich über ihre Kleidung geschüttet, zudem waren wir recht wackelig auf den Beinen.

Das Team fragte uns, warum wir betrunken seien. Wir antworteten wahrheitsgemäß: „Da gestern jemand bemerkt hat, dass wir Alkohol getrunken hatten, werden wir jetzt eh rausfliegen, da kommt es jetzt für uns auch nicht mehr drauf an. Wir wurden ja schon ertappt.“ Das Pflegepersonal erwiderte, dass wir nicht rausfliegen würden, da wir Alkoholiker seien und dies schließlich unser Problem sei, weshalb wir ja auch hier seien. Bei uns würden andere Regeln gelten. Patienten, welche KEIN Alkoholproblem hätten und trinken würden, die würden rausfliegen.

Nicole und ich entschuldigten uns. Wir waren wirklich froh, dass wir weiterhin Therapie machen konnten. Zudem meinte das Team, dass sie uns künftig enger begleiten und unterstützen würden. Durch diese Unterstützung konnte ich eine Zeit lang ohne Alkohol sein.

Aber dafür habe ich einen anderen Bockmist gemacht. Eine andere Patientin musste eine UP (Urinprobe) abgeben; ich merkte sofort, dass sie auf Drogen war. Da sie auch gemerkt hatte, dass ich es vermutete, fragte sie mich, ob ich für sie eine UP abgeben könne. Eigentlich wusste ich, dass es falsch war, aber sie tat mir wirklich leid und ich wollte ihr helfen, damit sie die Therapie weitermachen könnte. Bei einem positiven Test würde sie entlassen werden. Aber sie war labil und das konnte ich nicht zulassen.

Ich musste sehr viel Wasser trinken, damit ich ihr meine Urinprobe geben konnte. Eigentlich trinke ich normalerweise nur einen Liter am Tag. Nachdem ich an jenem Tag über die Maßen getrunken hatte, wurde mir richtig schlecht. Als ich schließlich auf die Toilette konnte, gab ich jener Patientin meine Urinprobe in einem Becher. Sie wurde beim UP-Abgeben beaufsichtigt. Sie leerte meine UP in einen Capri-Sun-Trinkpack und versteckte diesen in ihrem Ärmel. Die UP-Abgabe lief gut, alles schien glattzugehen.

Doch nach den Tests merkte die Pflege, dass dies nicht die UP besagter Patientin sein konnte. Sie fanden es heraus, da im Urin ein Medikament war, welches sie nicht verordnet bekommen hatte. Sie wussten sofort, dass dies meine Probe war, weil ich genau dieses Medikament einnahm.

Am nächsten Tag hatten wir ein Gespräch mit dem Pflegepersonal. Ich entschuldigte mich und sagte ehrlich, dass die Patientin mit leidgetan habe. Ich habe ja generell ein Problem damit, NEIN zu sagen und mich abzugrenzen. Die Leute tun mir dann einfach leid und ich möchte ihnen helfen, so wie auch in diesem Fall. Die Pflege riet mir, dass ich mehr auf mich schauen solle. Ich versuchte dann auch, mich mehr auf mich zu konzentrieren.

Danach ging es erneut in die Therapie und ich freute mich, an mir zu arbeiten, bis es schließlich wieder so weit war und ich die Klinik relativ stabil verlassen durfte.

Einen Monat lang ging es zu Hause relativ gut; es gelang mir, einige Skills anzuwenden, die ich in der Klinik gelernt hatte.

Meine Schwester und ich entschieden uns, für drei Wochen nach Amerika zu fliegen. So könnte ich mal abschalten und die Ferien mit meiner Schwester genießen. Wir planten und organisierten alles. Am 24. August 2009 sollte es losgehen. Wir freuten uns riesig! Wir waren noch nie zuvor mit dem Flugzeug geflogen, und dann gleich so weit weg!

Als Erstes flogen wir nach Atlanta. Ein Passagier bekam glücklicherweise mit, dass wir nach San Francisco weiterreisen wollten. Da er merkte, dass wir ein wenig orientierungslos waren, half er uns und begleitete uns. Wir hatten gar nicht gewusst, dass Atlanta der größte Flughafen der Welt ist! Jetzt wussten wir es.

Anschließend flogen wir nach San Francisco. Es war unglaublich! Alles war wahnsinnig gigantisch und prächtig! Da wir eine geführte Rundreise machten, hatten wir zuerst noch drei Tage Zeit für uns und konnten so San Francisco erkunden.

Wir gingen ins Hafenviertel Fisherman’s Wharf und bestaunten die Straßenkünstler. Danach gingen wir auf den Union Square und kauften ein paar Kleinigkeiten ein. Alles war unvorstellbar riesig. Die steilen Straßen waren der Hammer, einfach cool.

Zudem besuchten wir den Golden Gate Park. Dort sah man die Golden Gate Bridge. Wir schossen viele Fotos.

Am Samstag, dem 28. August 2009, begann unsere Rundreise. Wir fuhren in San Francisco ab Richtung Yosemite-Nationalpark in der Nähe der Stadt Fresno. Wir passierten Kaliforniens Central Valley. Das breite Tal liegt zwischen den westlichen Hängen der Sierra Nevada und den Ausläufern des Küstengebirges. Das Klima an der geschützten Küste ist dort sehr warm.

Schon bald gelangten wir in einen der abwechslungsreichsten und beliebtesten Nationalparks der USA, den Yosemite-Nationalpark. Dort begegnet man überall Rotwild, Bibern, Murmeltieren und Erdhörnchen; in den abgeschiedenen Wäldern des Schutzgebietes leben auch Wölfe, Kojoten, Luchse und Bären. Wir sahen aber nur Erdhörnchen. Die waren sehr zutraulich und herzig.

Übernachtet haben wir außerhalb des Nationalparks in der südwestlich gelegenen Stadt Fresno. Dort gingen wir zu Abend essen. Plötzlich hörten wir, wie jemand sagte: „Das gibt es doch nicht!“ Wir drehten uns um und sahen eine Kollegin von früher. Was für ein Zufall! Schließlich befanden wir uns an einem äußerst abgelegenen Ort! Wir setzten uns zu ihr und ihrer Begleitung und unterhielten uns miteinander. Später gingen wir dann schlafen.

Am Sonntag fuhren wir durch die Berge der Sierra Nevada und gelangten in die karge, zerklüftete Mojave-Wüste. Zwischendurch sahen wir uns die ehemalige Bergbausiedlung Calico an. Es sah richtig toll aus. Man nennt dieses Dorf auch Geisterstadt.

Danach ging es mit dem Reisebus weiter nach Las Vegas. Wir fuhren lange durch die Wüste.Der einst unbedeutende Ort Las Vegas (wörtlich „die Wiesen“) erlebte einen eklatanten Aufschwung, als Nevada in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts als erster Bundesstaat eine Liberalisierung des Glücksspiels einführte. Zahllose Anekdoten ranken sich um die Geschichte dieser beliebten Stadt, die sich in den letzten Jahren zu einer Großstadt mit etwa 135.000 Hotelzimmern, 150.000 Spielautomaten und jährlich über 35 Millionen Besuchern entwickelt hat.

Es war der helle Wahnsinn! Ich hatte mir während der Fahrt gar nicht vorstellen können, dass da überhaupt noch eine Stadt kommen würde, da wir die ganze Zeit nur durch die Wüste fuhren. Um uns herum war nichts als Wüste gewesen. Wüste, Wüste und noch mal Wüste. Als wir dann am 31.08.2009 in Las Vegas eintrafen und diese beeindruckende Stadt bestaunten, war ich einfach nur fasziniert.

Zu dieser Zeit weilte dort gerade die Musikgruppe Blue Man Group, das ließen wir uns natürlich nicht entgehen! Nach der Aufführung gingen wir in eine Disco. Wir waren damals 20 Jahre und hätten eigentlich gar nicht reingedurft (das war erst ab 21 Jahren erlaubt). Sie drückten jedoch ein Auge zu und wir waren happy. Wir hatten uns mit zwei sehr netten deutschen Mädels angefreundet, die auch diese Rundreise machten, sie waren auch mit dabei und wir hatten es sehr lustig miteinander.

Psychisch ging es mir sehr gut. Ich konnte von allem Distanz gewinnen und mich völlig auf den Urlaub konzentrieren.

Am Dienstag fuhren wir mit dem Auto von Las Vegas zum Zion-Nationalpark und zum Bryce-Canyon-Nationalpark. Als wir zwischendurch eine Pause einlegten, gab es ein sogenanntes „Lastwagen-Treffen“. Die amerikanischen Lastwagen sind echt der Hammer!

Ich durfte mich sogar reinsetzen!

Der Zion-Nationalpark war sehr schön. Es sind orange-rote und weiße Sandsteinfelsen. Sie bilden eine über 900 Meter tiefe, schmale Schlucht, in welcher der Virgin River fließt. Der Frieden und die Ruhe dieser Region inspirierten die frühen Pioniere zu dem Namen, den sie heute trägt.

Nordöstlich des Zion-Nationalparks liegt der Bryce-Canyon-Nationalpark, ein weiteres Wunder des Colorado-Plateaus. Die vereinigten Kräfte von Wind, Wasser und Eis haben eine Landschaft aus Felssäulen mit verschiedensten Formen und Größen geschaffen. Die hoch aufragenden Nadeln und Felsspitzen bilden ein wildes Labyrinth und die Farben dieser spektakulären Szenerie wechseln je nach Tageszeit und Wetterbedingungen von leuchtendem Orange über Ocker bis zu einem blassen Rosa oder Lila. Es sah toll aus, ich war fasziniert!

Am Mittwoch ging es weiter nach Lake Powell, Grand Canyon und Flagstaff. Wir reisten von Utah in den Staat Arizona und überquerten dabei den Colorado River über den Glen-Canyon-Damm, einen der zahlreichen Staudämme am Colorado River.

Staudamm

Am Nachmittag kamen wir am Grand Canyon an.

Über Hunderttausende von Jahren hinweg bahnte sich der Colorado River Schicht für Schicht seinen Weg durch die 15 verschiedenen Felssedimente der Hochebene und schuf so ein fantastisches Bilderbuch der geologischen Zeitgeschichte. In der 460 Kilometer langen und bis zu 1.600 Meter tiefen Schlucht wirkt der wilde Fluss, der sie erschaffen hat, dagegen nur unbedeutend.

Übernachtet haben wir in Flagstaff.

Am Donnerstag fuhren wir von Flagstaff nach Oak Creek Canyon, Sedona und Laughlin.

Nach kurzer Fahrt über das waldreiche Colorado-Plateau senkt sich die gewundene Straße in den schmalen, rund 300 Meter tiefen Oak Creek Canyon. Als wir durch die bewaldete Felsschlucht fuhren, folgten wir einer gewundenen Straße, die einen Ausblick auf zahlreiche rote Felsmonolithen mit eigenwilligen Formen gewährt.

Danach fuhren wir Richtung Süden zum Red Rock Country, dem „Land der roten Felsen“. Rund um die kleine Künstlerstadt Sedona liegt dieses Gebiet mit seinen hoch aufragenden Sandsteinfelsen.

Am Nachmittag hatten wir Zeit, das Wüstenstädtchen Sedona zu erkunden. Gegen Abend erreichten wir die kleine Stadt Laughlin am Ufer des Colorado River.

Am nächsten Tag ging unsere Reise weiter. Wir fuhren durch die Mojave-Wüste mit ihren einzigartig geformten Joshua-, Mesquite- und Palo-Verde-Bäumen und vielen verschiedenen Kakteenarten.

Unser Ziel war Los Angeles, die zweitgrößte Stadt der USA. Zu Los Angeles gehört ein riesiges Einzugsgebiet, zum Beispiel Beverly Hills mit seinen Villen, der berühmten Sunset Boulevard, der Stadt Santa Monica, Venice mit seinen Exzentrikern und Hollywood, das Mekka der Filmindustrie. Los Angeles gefiel mir sehr gut. Wieder etwas völlig anderes als die Schweiz.

Meine Schwester und ich gingen die Olvera Street besichtigen und liefen auf dem Hollywood Boulevard auf dem berühmten „Walk of Fame“ mit den verewigten Namen von Leinwandhelden und anderen Größen aus dem Showbusiness entlang und bewunderten die Hand- und Fußabdrücke von Hollywood-Legenden.

Sonntag. Es ging weiter Richtung Santa Barbara und Pismo Beach. Wir gingen die Strände Santa Monica und Malibu anschauen. Dort wurde der Film „Baywatch“ gedreht. Sogar die Strandhäuser standen noch da.

Am Montag war es dann so weit. Wir fuhren wieder zurück nach San Francisco, der Ausgangs- und Endpunkt unserer Rundreise.

Ich fand es wunderschön, mit meiner Schwester diese Amerikareise gemacht zu haben. Es tat auch meiner Seele sehr gut. Ich hatte keine psychische Krise und konnte alles in vollen Zügen genießen.

Nach der Rundreise hatten meine Schwester und ich noch ein paar Tage Zeit in San Francisco. Wir schlenderten durch San Francisco, schauten uns alles Mögliche an und gingen natürlich auch noch Souvenirs kaufen.

Was für mich schwer mit anzusehen war, dass es so viele mittellose Obdachlose hatte. Sie lagen unter Kartons und hatten einfach nichts. Viele hatten Hunger, waren völlig abgemagert und man sah ihnen regelrecht an, dass sie krank waren. Das beschäftigte mich.

Am 13. September kamen wir wieder in Zürich an und wurden dort von unserem Bruder abgeholt.

Noch heute zehre ich von den vielen schönen Momenten. Vor allem bin ich dankbar, dass ich mit meiner Zwillingsschwester nach Amerika fliegen durfte. Ich habe es sehr mit ihr genossen und bin überglücklich darüber. Zudem bin ich froh, dass es mir in dieser Zeit psychisch sehr gut gegangen ist und ich es genießen konnte. Dafür bin ich dankbar.

Nun kam wieder der Alltag. Für mich war es schwierig, als ich zurück in der Schweiz war. Ich wusste, dass es mir hier nicht mehr so gut gehen würde wie in Amerika. Ich dachte oft an Amerika und die vielen unglaublichen Eindrücke, welche ich gewinnen durfte. Dies stärkte mich und somit fühlte ich mich dann auch wieder besser. Wenn es kriselte, wollte ich einfach an die gute Zeit in Amerika denken. Das half mir sehr.

Im März 2010 machte ich mich morgens auf den Weg nach Küssnacht in eine Apotheke, um mir Medikamente zu besorgen. Ich hatte kein Rezept, deshalb sagte ich, dass ich unbedingt Lexotanil bräuchte, weil ich keines mehr vorrätig hätte und der Hausarzt in Urlaub wäre. Sie händigten mir dieses Medikament aus, obwohl sie es mir nicht hätten geben dürfen. Ich war natürlich sehr froh darüber. Die Apothekerin sagte, dass ich das Rezept von meinem Hausarzt nach dessen Urlaub nachreichen müsse. Ich nickte und versicherte ihr, dass ich ihr dieses dann umgehend vorbeibringen würde. Mein Hausarzt wusste selbstverständlich von nichts …

Die Medikamente sicher in der Tasche, ging ich weiter nach Brunnen und bat dort um die gleichen Medikamente. Auch hier bekam ich diese problemlos, sollte aber, wie auch in Küssnacht, das entsprechende Rezept später nachreichen.

Am Nachmittag war ich bei meinen Eltern und hörte Musik, während ich auf eine Anruf von Julia wartete. Julia war meine beste Freundin. Als Julia sich (nach einer ganzen Woche!) nicht bei mir meldete, drehte ich durch. Ich ging am Abend zu ihr nachhause und stürmte in ihr Haus. Ich nahm Julias Tochter Lucy in die Arme, da ich mich von den Kindern verabschieden wollte. Julia sagte, dass ich Lucy hinunterlassen und das Haus verlassen solle, was mich in diesem Moment gar nicht interessierte. Wutentbrannt schlug ich Julia in die Schulter. Ihr Mann sagte dann zu mir, ich solle sofort aufhören. Dann ging Julias Mann meine Eltern holen.

Als meine Eltern eintrafen, um mich abzuholen, war ich sehr laut. Zu Hause brachten meine Eltern mich auf mein Zimmer. Da sie wussten, dass ich viele Medikamente in meinem Zimmer hatte, wollten sie, dass ich ihnen alle herausgebe. Wartend standen sie im Türrahmen. Ich dachte aber gar nicht daran, die Medikamente rauszurücken, und machte etwas an meinem Laptop. Sie gingen dann kurz raus und ich schluckte unterdessen alle Medikamente. Danach ging ich zu meinen Eltern und schmiss ihnen alle leeren Medikamentenschachteln vor die Füße. Sie merkten deshalb auch, dass ich alle eingenommen hatte.

Meine Mutter rief sofort die 144 an. Man teilte ihnen mit, dass meine Eltern mich umgehend herbringen müssten, ansonsten wäre es zu spät, bis die Ambulanz bei mir wäre. Im Auto musste mich meine Mutter während der Fahrt die ganze Zeit wach halten. Ich war so müde und schlief fast ein. Als wir im Spital Schwyz waren, kam ich auf die Intensivstation und bekam Infusionen.

Am nächsten Tag sagten meine Eltern, dass ich bald aus dem Spital könne. Die Ärzte sprachen mit meiner Mutter und sagten ihr, dass ich unbedingt professionelle Hilfe bräuchte, deshalb würde ich eine FU (fürsorgerische Unterbringung) bekommen und müsse nach Luzern in die Psychiatrie.

Was mich dazu gebracht hatte, einen Suizidversuch zu machen, war Julias Verhalten. Ich hatte diese Situation schlechtweg nicht ausgehalten, da Julia und ich normalerweise jeden Tag voneinander hörten oder einander schrieben. Und dann, plötzlich, hörte ich gar nichts mehr von ihr.

Zwischen 2008 bis 2011 machte ich neun Suizidversuche, da ich einfach keine Kraft mehr hatte, zu kämpfen. Auch hatte ich keine Lust mehr auf mein schreckliches Leben. Die meisten Suizidversuche waren Kurzschlusshandlungen.

Trotz Klinikaufenthalten arbeitete ich in meinem Beruf als Konditorin-Confiseurin weiter. Es tat mir gut, zu arbeiten, es lenkte mich von meinen destruktiven Gedanken ab.

Anfang Juni 2011 musste ich wieder stationär in die Klinik Meissenberg.

Als ich am Wochenende nach Hause wollte, erfuhr ich von den Ärzten, dass ich auch am Wochenende in der Klinik bleiben müsse. Ich war wütend und enttäuscht und fand mich ungerecht behandelt. Mein Körper war richtig angespannt und ich war sehr nervös und unruhig. Deshalb trank ich wieder ein wenig Alkohol, um ein bisschen runterzukommen. Ich genoss den Alkohol, er löste Glücksgefühle in mir aus und ich wurde entspannter und ruhiger. Im Nachhinein bekam ich jedoch Schuldgefühle und bereute es, dass ich die Regeln gebrochen hatte. Ich wollte das nächste Mal wieder Skills anwenden, um so die ersehnte Entspannung und Erholung herbeizuführen.

Am 15. Juni geriet ich wieder unter großen Druck, weil das Gruppenklima sehr angespannt war (ich habe ein sehr gutes Gespür dafür, wenn es Leuten nicht gut geht und eine hohe Anspannung herrscht), dazu kamen noch meine persönlichen Probleme, die niemand verstand. Ich wurde so wütend, dass ich mit der Faust in die Wand schlug, so sehr, dass meine Hand blutete. In mir tobten die verschiedensten Gefühle: Ich war wütend, fühlte mich allein, war genervt und zugleich von tiefer Trauer erfüllt, deshalb war ich auch so angespannt und aggressiv. Die Konsequenz bekam ich wortwörtlich zu spüren: Meine Hand schmerzte fürchterlich!

Am nächsten Tag ging ich auf mein Zimmer und schluckte eine Überdosis verschiedener Medikamente, nahm Schlafmedikamente und trank dazu auch noch Alkohol. Ich war völlig überfordert. Ich wollte mein Leben beenden, da ich mir eine Zukunft mit meinen Erkrankungen nicht vorstellen konnte. Eine Überdosis würde mir ermöglichen, komplett abzuschalten, meinen Schmerz auszuschalten, all die Trauer, die Angst und die negativen Gefühle, sie würde mich endlich von alledem erlösen.

Meine Zimmernachbarin fand mich bewusstlos im Bett. Sie rief die Pflege und anschließend kam der Rettungswagen. Sie gaben mir Infusionen und Kohle, welche die Medikamente binden sollten, damit sie nicht zur Wirkung kämen. Ich durfte in der Klinik bleiben, aber das Pflegepersonal musste mich bewachen.

Meine Zimmernachbarin war geschockt. Sie hatte offensichtlich große Angst um mich gehabt! Wir sprachen miteinander, als es mir wieder besser ging. Ich entschuldigte mich bei ihr, dass ich ihr so einen Schreck eingejagt hatte und sie das alles hatte mit ansehen müssen. Zudem bedankte ich mich von ganzem Herzen bei ihr, dass sie sofort Hilfe geholt hatte und ich nun weiterleben durfte. Wir machten ab, dass wenn eine von uns Probleme hätte, wir miteinander sprechen würden. Daran hielten wir uns auch.

18. Juni

Ich kaufte – trotz meiner Abhängigkeit – wieder Schmerzmedikamente. Seit Wochen plagten mich Kopf- und Ohrenschmerzen, aber wegen meiner Abhängigkeit bekam ich von der Pflege nichts. Als ich Schmerzmedikamente kaufte, hatte ich wieder ein schlechtes Gewissen. Ich wusste schließlich, dass ich auf Entzug war und diese Aktion mich nicht wirklich weiterbringen würde. Da die Pflege es herausfand, machten sie fortan bei der Medikamenteneinnahme immer eine Mundkontrolle, um sicherzugehen, dass ich die Medikamente auch wirklich geschluckt hatte. Zudem kamen zwei Pfleger in mein Zimmer und durchsuchten dieses. Sie fanden sehr viele Medikamente bei mir.

Irgendwie war ich froh darüber. Es war wohl ein Hilfeschrei von mir gewesen. Ich kam nicht mehr klar mit mir selbst, konnte dies gegenüber der Pflege aber nicht signalisieren, als es mir schlecht ging. Deshalb war ich erleichtert, als sie es selbst herausgefunden hatten. Jetzt wussten sie genau, wie es mir ging und dass ich engeren Kontakt brauchte mit fixen Zeiten für Gespräche. Ich erarbeitete mit der Pflege eine Liste. Dort schrieb ich auf Kärtchen PRO und KONTRA drauf. Zum Beispiel:

Pro: Was spricht für mein Leben?

Kontra: Was spricht gegen mein Leben?

Den fixen Gesprächstermin hatte ich mir ebenfalls notiert. Ich war sehr froh darüber. Ich fühlte mich nun nicht mehr so allein und wusste, dass die Pflege für mich da war. Vielen Patientinnen fehlt der Mut, über die eigenen Probleme zu sprechen. Da ging es mir nicht anders, aber je enger ich mit der Pflege und den Ärzten zusammenarbeitete, desto leichter fiel es mir.

Plötzlich wurde mir speiübel und ich musste mich erbrechen. Zuerst hatte ich versucht, den Würgereiz zu ignorieren und ihn zu unterdrücken, doch gelang es mir dieses Mal leider nicht. Dies bekam aber niemand mit. Da ich mich aber wöchentlich wiegen musste, merkte die Pflegschaft natürlich, dass ich immer mehr abnahm. Sie sprachen mich darauf an und ich gestand, dass ich mich zwischendurch immer wieder erbrach. Eigentlich wollte ich das gar nicht, doch ich konnte nicht anders. Mir ging es schlecht, wenn ich nicht erbrechen konnte, es war wie ein Zwang. Ich versuchte es, aber dann wurde ich aggressiv und vertrug nichts mehr. Nach meinem Geständnis behielt mich die Pflege erst einmal im Auge.