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Stell dir vor, du triffst die Liebe deines Lebens wieder, doch du bist bereits verheiratet. Was machst du? Emily und Milo wachsen in einer kleinen Stadt in South Carolina auf, sind die besten Freunde, Seelenverwandte und als Teenager auch ein Paar. Für beide ist es die große Liebe, doch als Milo mit seiner Schwester plötzlich nach Kalifornien umziehen muss, zerbricht für Emily eine Welt. Die beiden versuchen, den Kontakt zu halten, und träumen weiterhin von einer gemeinsamen Zukunft, aber nach einigen Jahren verlieren sie sich aus den Augen. Zwölf Jahre später taucht Milo wieder in ihrem Leben auf - doch sie ist bereits mit einem anderen Mann verheiratet.
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Seitenzahl: 394
Veröffentlichungsjahr: 2021
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PROLOG
EMILY
MILO
EMILY
MILO
EMILY
MILO
EMILY
MILO
EMILY
MILO
EMILY
MILO
EMILY
MILO
EMILY
MICHAEL
EMILY
MILO
EMILY
MILO
EMILY
MICHAEL
MILO
EMILY
MICHAEL
EMILY
MILO
EMILY
MILO
EMILY
MICHAEL
EMILY
MILO
EMILY
MILO
EMILY
MICHAEL
EMILY
MILO
EMILY
MILO
EMILY
MILO
EPILOG
Ich sollte nicht ständig träumen. Aus dem Fenster sehen, zum Beispiel beim Kaffeetrinken am Nachmittag. Meine Gedanken abschweifen lassen, der Gegenwart entfliehen, in Erinnerungen schwelgen, mir Situationen vorstellen, die wahrscheinlich nie eintreten werden. Mit Begeisterung denke ich mir Geschichten aus, die sich wie ein Film in meinem Kopfkino vor mir abspielen oder die ich wirklich gerne selber lesen würde. Ich kann den Erzähler richtig hören und die Dialoge fallen mir ganz spontan ein; ich könnte sie sofort niederschreiben.
Doch ich sollte vielmehr mit beiden Beinen im Leben stehen, produktiv sein, mir den Tag in vierundzwanzig Stunden einteilen und effizient alles abarbeiten, was zu tun ist. Es gibt so vieles Sinnvolleres, was ich stattdessen tun könnte, und wenn es bloß etwas für die Arbeit oder den Haushalt ist.
Aber ich muss gestehen: Ich liebe es. Denn wer wären wir, ohne unsere Träume?
Isabelle Klemen, November 2021
Endlich scheint der Frühling zu kommen. Für Sommermenschen wie mich ist der Winter jedes Jahr schlimm; er kommt mir so trostlos und endlos vor. Die Kälte, der Schnee und die früh einsetzende Dunkelheit machen mich wirklich ein wenig depressiv. Manchmal überlege ich ernsthaft, irgendwo hinzuziehen, wo es das ganze Jahr über wärmer ist, so sehr verabscheue ich das Winterwetter. Doch heute Morgen, als ich die Vorhänge im Schlafzimmer zur Seite ziehe, finde ich, dass es draußen ungewohnt schön aussieht, und bin sofort gut gelaunt. Und das, obwohl Montag ist und ich befürchte, dass ich einiges in der Arbeit zu tun haben werde.
Ich lasse mir Zeit und nehme verschiedene Kleidungsstücke aus dem Kleiderschrank, voller Vorfreude darauf, dass ich heute keine Strumpfhose brauchen werde. Wie jeden Tag krame ich so lange in meiner Unterwäschelade, bis ich das passende Unterteil zu dem BH gefunden habe. Die Unordnung in der Lade ist mir vollkommen egal, aber ich muss immer zusammenpassende Unterwäsche anhaben, das ist ein kleiner Tick von mir.
Tatsächlich bin ich ein ordnungsliebender Mensch geworden, dafür, dass ich als Teenager so chaotisch und schlampig war. Irgendwie habe ich mir das wohl angewöhnt.
Ich schnappe mir meine Kleidungsstücke und gehe damit ins Bad, wo ich mich zuerst wasche und dann anziehe. Den weißen, dünnen Rock habe ich erst letzten Sommer gekauft und jetzt schon viele Monate nicht angehabt, darum freut es mich umso mehr, dass ich nun wieder öfter die Gelegenheit dazu haben werde. Zum Glück passt er noch wie angegossen und ich habe scheinbar nicht zugenommen.
Ich war immer schon recht groß und schlank und das hat sich auch nicht geändert, als ich erwachsen wurde. Darüber bin ich sehr froh, denn ich mache nur ungern Sport und es wäre mir auch zuwider, wenn ich auf Süßes verzichten müsste, um dünn zu bleiben. Ein paar Mal habe ich mir eingebildet, dass ich eine Diät ausprobieren muss, und habe es dann aber doch nie länger als eine Woche geschafft, mich an einen strikten Ernährungsplan oder ein Sportprogramm zu halten. Bei so etwas habe ich einfach keinen Ehrgeiz und Freude macht es mir schon gar nicht.
Vor dem Spiegel frisiere ich meine Haare und überlege, ob ich sie jetzt im Frühling nicht verändern soll. Seit Jahren habe ich sie hellblond gefärbt, was ich an sich auch beibehalten will, da es zu mir passt. Als Kind war ich strohblond, doch mit der Zeit sind die Haare dunkler geworden, weshalb ich sie jetzt schon seit Langem regelmäßig blondiere. Momentan sind sie ziemlich lang, sie reichen mir bis zur Brust und sind auch nur vorne stufig geschnitten, ansonsten hängen sie glatt herunter. Manchmal mache ich mir einen Zopf oder stecke ein paar Strähnen mit Haarnadeln zurück, aber dazu habe ich heute keine Lust.
Ich schminke mich wie immer ganz leicht – bloß einen Kajal-Strich und Mascara – schließlich habe ich außer Arbeiten nichts vor. Dann gehe ich hinunter, um mir einen Kaffee zu machen.
Während die Maschine läuft, bereite ich mir ein Müsli zu und beginne schon im Stehen in der Küche zu essen. Mit dem Kaffee setze ich mich an den Tisch und löffle die Schüssel leer, dann genieße ich noch die letzten Schlucke und die Ruhe, bevor ich gehen muss. Das Geschirr räume ich in den Geschirrspüler, danach überprüfe ich kurz mein Spiegelbild, nehme meine Handtasche, kontrolliere schnell, ob das Wichtigste drin ist, und verlasse anschließend das Haus.
Auf dem Weg zum Bus ist mir in meinem Outfit schon etwas kühl, aber der Sonnenschein macht mich jedenfalls glücklich. Heute beeile ich mich lieber, ich habe zwar keinen Termin, aber montags ist eigentlich immer viel zu tun und ich will mir so schnell wie möglich einen Überblick über die neu eingetroffene Arbeit verschaffen, damit ich sie mir einteilen kann. Bei der Bushaltestelle suche ich mir einen Platz in der Sonne aus, um dort zu warten. So ist es schon sehr angenehm.
Als Anwältin in einer Kanzlei habe ich meistens viel zu tun. Ich arbeite im Bereich des Markenrechts, was die meisten Leute eher langweilig finden, das ist es aber gar nicht. Sicher, ich beschäftige mich nicht mit Mordfällen und Gewaltverbrechen, habe nur wirklich selten einen Termin vor Gericht oder viel Kontakt zu Klienten, doch das will ich auch nicht. Ich war froh, dass ich diesen Job bekommen habe, gleich nach der Ausbildung ist es immer schwierig, eine Stelle zu finden. Da mir die Tätigkeit Spaß macht und das Gehalt stimmt, werde ich sicher fürs Erste bleiben.
Man kann sagen, dass ich die ganze Zeit in der Kanzlei sitze, vor einem Berg von Akten, und mich mit Markenrechtsverletzungen beschäftige. Ich schaffe es eigentlich immer, nicht allzu spät heim zu kommen, und nehme mir grundsätzlich keine Arbeit nach Hause mit. Dafür bin ich aber in der Kanzlei rund um die Uhr beschäftigt und mache kaum Pausen, schaue auch nicht aus dem Fenster oder suche Rezepte im Internet, wie einige Sekretärinnen bei uns. Wir sind eine ziemlich große Kanzlei und ich kenne gar nicht alle Mitarbeiter beim Namen. Mit den meisten habe ich auch überhaupt keinen Kontakt. In unserem Team sind wir fünf Anwälte und zwei Sekretärinnen, wobei ich mit meinen sechsundzwanzig Jahren die Jüngste bin und die anderen Juristen über mich gestellt sind, das heißt, dass ich die Arbeit für sie aufbereite und sie sich dann um die lästigen Klienten und Verhandlungen kümmern.
An diesem Montag kann ich meinen Arbeitsplatz schon kurz vor sechzehn Uhr verlassen. Ich bin sehr glücklich, den einen mühsamen Akt so schnell erledigt zu haben und dass die befürchtete Welle an neuen Fällen sich in Grenzen gehalten hat. Gut gelaunt verabschiede ich mich von den Kollegen, die noch da sind, und räume meinen Schreibtisch auf, bevor ich gehe.
Als ich die vielen Stufen vor der Kanzlei hinuntersteige, überlege ich, ob ich mich jetzt in ein Café in die Sonne setzen oder lieber gleich einkaufen und heimfahren soll. Nun ist es schon viel wärmer und ich tendiere in Gedanken eher zu dem Kaffee, als ich Richtung Bushaltestelle schlendere.
Ich bin keine zehn Schritte gegangen, da muss ich abrupt anhalten. Die Sonne blendet mich im Gesicht und ich halte mir eine Hand an die Stirn, um besser zu sehen.
Nein, das kann nicht sein, denke ich zuerst, jetzt halluziniere ich schon. Doch ich kann nicht aufhören, in den gegenüberliegenden Park zu starren. Die Sekunden vergehen und mir wird klar, dass es kein Trugbild meiner Gedanken ist. Wie ferngesteuert bewegen sich meine Füße weiter und meine Knie beginnen zu zittern. Ich überquere die Straße, ohne groß auf herankommende Autos zu achten, und beiße mir vor Nervosität auf die Lippen.
Am Beginn der Grünfläche, direkt neben der ersten Parkbank, steht er. Er hat mich längst entdeckt und lächelt mich an. Sofort ist mir klar, dass das keine zufällige Begegnung ist, so wie er dasteht, wirkt es, als hätte er auf mich gewartet. Wie um alles in der Welt kommt er hierher?
Er hat sich nicht sehr verändert. Immerhin haben wir uns jahrelang nicht gesehen, und doch habe ich ihn praktisch im Vorbeigehen erkannt. Sicher, er ist gewachsen, aber nicht einmal so viel, er war schon immer eher klein. Seine Haare sind jedenfalls länger, dunkelbraun wie früher, und sie fallen ihm ein wenig ins Gesicht. Er trägt Jeans und T-Shirt und ich sehe, dass auf der Parkbank neben ihm eine Lederjacke und seine alte Gitarrentasche liegt. Ja, das ist er, ganz sicher.
Irgendwie lenken mich meine Füße verlässlich über die Straße, bis ich nur noch wenige Schritte vor ihm stehe. Ich bin so verwirrt, dass ich kein Wort herausbringe.
Mit den Händen in den Hosentaschen steht er da und ich bemerke, dass er, obwohl er lächelt, extrem aufgeregt ist. Jetzt erkenne ich, dass er einen Dreitagebart trägt, den hatte er früher nicht. Es wirkt ungewohnt, aber es passt zu ihm. Wenn ich ihn mir genau ansehe, ist er vielleicht ein paar Zentimeter größer als ich, mehr nicht, und er sieht so erwachsen aus, ich fasse es kaum. Meine Güte, damals waren wir ja noch Kinder. Seine braunen Augen strahlen mich an, genau wie früher, und ich rechne im Kopf schnell nach, wann ich ihm das letzte Mal begegnet bin.
Mehr als zehn Jahre habe ich ihn nicht gesehen, den Jungen aus der Nachbarschaft, meinen ersten Freund und Vertrauten, meinen Seelenverwandten, meine Jugendliebe, meinen Milo.
Seit vorgestern Abend bin ich in Hartford, habe mich umgesehen, mir einen Stadtplan besorgt, bin durch die Straßen der Innenstadt gegangen und habe in einem Waschsalon meine gesamte Wäsche gewaschen. Dann habe ich nur ungeduldig und angespannt darauf gewartet, dass es Montag wird und ich sie bei der Arbeit abpassen kann.
Morgens muss ich sie verpasst haben. Ich war ab circa halb neun hier in dem netten, lichtdurchfluteten Park, saß auf einer Bank mit gutem Blick auf das steinerne Kanzleigebäude und spielte Gitarre. Die Menschen hier sind wirklich großzügig; ich habe allein am Vormittag zwölf Dollar aus meiner alten, abgenutzten Gitarrentasche geholt. Das ist für mich sehr erfreulich, meine nächsten Mahlzeiten sind jedenfalls gesichert. Nette Menschen und eine schöne Gegend, ich fühle mich bereits jetzt wohl in dieser Stadt.
Als ich hörte, dass Emily Anwältin geworden ist, war ich schon ziemlich überrascht. Das habe ich gar nicht erwartet, es klingt nach langweiliger, eintöniger Arbeit und nichts für einen so quirligen Menschen wie Emily, die kaum ruhig sitzen kann. Genauer gesagt: konnte. Ob sie sich stark verändert hat? Mich würde interessieren, was sie dazu bewegt hat, Rechtswissenschaften zu studieren.
Ich habe sicher hunderte Fragen an sie. »Warum bist du weggezogen? Wieso hast du mir nicht mehr geschrieben? Was hast du die letzten Jahre gemacht?«
Erst wird es zwölf, dann eins und zwei und drei. Ich überlege schon, ob es vielleicht einen anderen Eingang zu der Kanzlei gibt, und ich sie deshalb verpasst habe. Allerdings habe ich bereits so viele Leute hier ein und aus gehen gesehen, dass es mir unwahrscheinlich vorkommt. Vermutlich arbeitet sie einfach länger. Das ist mir egal, ich werde hier auf sie warten. Nach etwa acht Jahren, die vergangen sind, seit ich sie suche, und ungefähr zwölf, seit unserer letzten Begegnung, kommt es auf die paar Stunden wirklich nicht an.
Irgendwann kann ich nicht mehr sitzen und durch das ständige Schauen zu dem Kanzleigebäude habe ich Nackenschmerzen bekommen. Also erhebe ich mich und gehe ein wenig auf und ab und dann im Kreis herum. Jedoch nicht weit weg, weil meine Sachen auf der Bank liegen und ich den Eingang im Auge behalten will. Mit meinen schmutzigen Schuhen scharre ich ein bisschen in den Kieselsteinen. Und dann, als ich sie schließlich aus der Ferne sehe, erkenne ich sie sofort und mein Herz schlägt so heftig, dass ich es spüre. Ich bleibe automatisch stehen, wo ich gerade bin, ein paar Meter neben der Parkbank.
Ich kann es kaum glauben. Nach jahrelanger, mühsamer Suche habe ich sie nun tatsächlich gefunden. Zwischendurch war ich ein paar Mal kurz davor aufzugeben, es gut sein zu lassen. Doch ich schaffte es einfach nicht. Ich hätte nicht gewusst, was ich sonst machen sollte.
Den ganzen Morgen über bin ich so aufgeregt gewesen und habe alle paar Minuten auf die Uhr gesehen, als ob mir das weiterhelfen würde. Hunger hatte ich gar keinen und meine Wasserflasche ist auch noch nahezu unberührt.
Am Morgen bin ich vielleicht nervös gewesen, doch jetzt drehe ich fast durch vor Anspannung. Seit Stunden überlege ich, was ich zuerst sagen soll oder wie ich sie begrüßen werde. Man sollte meinen, dass ich mir das genau zurechtgelegt habe, schließlich warte ich schon jahrelang auf dieses Wiedersehen, aber nein. Was wäre eine angemessene Begrüßung, wenn man sich so lange nicht gesehen hat? Was ist die wichtigste Frage an sie, die ich unbedingt loswerden muss? Ich weiß es nicht, momentan kann ich gar nicht klar denken.
Tatsächlich starre ich sie bloß an und als sie mich erblickt, muss ich einfach nur lächeln. Ich bin total erstaunt, dass sie mich gleich bemerkt hat. Wie hat sie mich nur erkannt, wir haben uns doch so lange nicht gesehen? Ich frage mich, ob sie genauso oft an mich gedacht hat, wie ich an sie.
Emily hat sich verändert, aber unser letztes Treffen liegt auch Jahre zurück. Gewachsen ist sie noch ein gutes Stück und sie trägt jetzt außerdem Schuhe mit Absatz. Über ihre Kleidung muss ich schmunzeln: ein weißer Rock, ein graues Top und darüber ein blauer Blazer. So etwas hat Emily früher natürlich nie getragen, schließlich sind wir ja damals noch zur Schule gegangen.
Als sie mich entdeckt, wirkt sie geschockt. Aber nicht unbedingt im negativen Sinn, einfach verblüfft. Sie hat ihren Blick nicht von mir abgewandt, seit sie mich entdeckt hat, ist erst einen Moment auf dem Gehweg stehen geblieben und geht jetzt zielstrebig in meine Richtung. Und nun, da sie auf mich zukommt, weiß ich gar nicht, wie mir geschieht.
Während der paar Augenblicke, die es braucht, bis sie vor mir stehen bleibt, sehe ich vor meinem inneren Auge lauter Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit.
Dann steht Emily vor mir. Ihre Haare wirken blonder und sie sind anders geschnitten. Ihr Gesicht ist aber genau gleichgeblieben, nur stärker geschminkt, als ich es gewohnt bin, und ich entdecke auch noch ein paar Sommersprossen. Damals hat sie fast nie Make-up verwendet. Sie sieht so wunderschön und noch immer so jung aus, mit ihren großen blauen Augen, die mich ungläubig anschauen. Schließlich zuckt sie kurz mit den Schultern und sagt leise: »Hi!«
Unwillkürlich muss ich seufzen, dann ist mir klar, was ich machen werde.
Wie selbstverständlich gehe ich die letzten zwei Schritte zu ihr, nehme ihr Gesicht langsam und vorsichtig in meine Hände und küsse sie auf den Mund. Ganz zärtlich und voller Leidenschaft, die der lange unterdrückten Sehnsucht nach ihr endlich nachgibt. Ein Moment, in dem ich das Gefühl habe, dass die ganze Welt sich langsam um uns beide dreht, wie in einem Film. Ich halte ihre Wange fest, nehme ihren Geruch wahr und küsse sie liebevoll und gierig zugleich. Am liebsten will ich sie überall berühren, mit den Fingern durch ihre Haare fahren, sie fest umarmen und nie wieder loslassen.
Ich empfinde sofort eine große Erleichterung, es ist wirklich so, als würde mir ein Stein vom Herzen fallen. Dass die Suche nach ihr vorbei ist und das Ganze einen Sinn gehabt hat. Ich bin von dem Gefühl so überwältigt und ich bin mir sicher, von jetzt an wird einfach alles gut werden. Mir fällt auf, dass ich leicht zittere und meine Augen feucht werden vor Freude.
Doch plötzlich löst Emily ihre Lippen von meinen und während ich überglücklich strahle, blickt sie mich geschockt an und schiebt mich vorsichtig an den Schultern zurück.
Ich will nach ihrer Hand greifen, aber sie zieht sie an sich, senkt ihren Kopf und ich habe Angst, dass meine Begrüßung vielleicht doch zu stürmisch war. Unsicher komme ich wieder näher und versuche, ihren Blick zu deuten, und unsere Augen treffen sich für einen Moment.
Sie sieht traurig aus und ich strecke meine Hand aus, um sie am Arm zu berühren. Ohne dass sich unsere Augen verlieren, sagt sie dann nach einer gefühlten Ewigkeit, so leise, dass es fast nur ein Flüstern ist: »Ich bin verheiratet!«
Das letzte Mal, dass ich Milo sah, war im September, als wir vierzehn Jahre alt waren. Es war nach dem unbeschreiblich schönen Sommer, als wir ein Paar waren, in St. Bastian, einem winzigen Ort in South Carolina, wo wir aufwuchsen. Die Schule hatte gerade wieder angefangen, ich glaube es war vielleicht die zweite Septemberwoche, als er eines Morgens nicht bei unserem Treffpunkt stand und ich alleine zur Schule ging. Ich weiß noch, ich kam zu spät, weil ich so lange wartete, ob er nicht doch auftauchen würde, schließlich gingen wir immer gemeinsam, seit wir klein waren. Er ließ sich den ganzen Vormittag nicht blicken und ich war sehr beunruhigt. Wir hatten die letzten Wochen einfach jede Minute zusammen verbracht und ohne ihn war ich auf einmal planlos und machte mir gleich große Sorgen. Erst in der Mittagspause kam er und er hatte einen, selbst für seine Verhältnisse, ernsten Blick aufgesetzt.
Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Wenn er krank gewesen wäre, wäre er trotzdem zur Schule gegangen, so wie die letzten Jahre auch, und am Tag zuvor war noch alles in Ordnung gewesen. Es musste also etwas anderes, etwas Gravierendes passiert sein.
Er sagte nur, er würde es mir nach der Schule sagen, und da in dem Moment die Schulglocke zur nächsten Stunde läutete, konnte ich auch schwer widersprechen.
Als die letzte Stunde vorbei war, wartete ich schon ungeduldig an unserem üblichen Treffpunkt, einer kleinen Baumgruppe am Rande der Grünfläche des Schulparks, bis er endlich aus dem Schulgebäude trat. Er kam ganz langsam mit gesenktem Blick zu mir und ich hielt es kaum aus vor Nervosität.
Unsicher begrüßte ich ihn, gab ihm einen Kuss wie sonst auch und fragte umgehend, was los sei.
Er druckste wie immer, wenn ihm etwas unangenehm war, ewig herum, bis er schließlich zur Sache kam. Milo wich meinen Blicken aus und wir machten uns auf den Heimweg, als er endlich zu reden begann. Er erzählte mir auch keine Details, bis heute weiß ich nicht genau, was geschehen war.
Milo berichtete nur, dass sein Dad am Vorabend, wie immer betrunken, ausgerastet wäre, als Milo noch bei mir war. Einen Grund dafür gab es vermutlich nicht, aber eigentlich gab es den nie. Er machte irgendwas mit Milos kleiner Schwester Katie und als Milo dann heimkam, war sie verschwunden. Katie war Richtung Wald davongelaufen und blieb die ganze Nacht über weg. Als Milo sie nach stundenlanger Suche schließlich gefunden hatte, versuchte er, sie zu überreden, wieder nach Hause zu kommen. Sie weigerte sich, klammerte sich an einen Baum und weinte nur. »Sie sah schlimm aus, ich habe mich so erschreckt«, sagte er damals.
Was ihr Dad gemacht hatte, weiß ich nicht. Ich habe nur gefragt, ob er sie geschlagen hat, denn ich wusste, dass er das manchmal tat, auch wenn wir nicht oft darüber redeten, und er meinte zögerlich: »Ja, auch.« Da fragte ich nicht mehr weiter, aber ich konnte mir selbstverständlich einiges vorstellen.
»So kann es nicht weitergehen«, sagte Milo dann ernst und wütend.
Ich versuchte, ihn zu beruhigen, wie immer. Es passierte zwar ab und zu, dass sein Vater gewalttätig wurde, doch ich dachte eigentlich, es wäre in letzter Zeit besser gewesen. Wahrscheinlich lag das aber nur daran, dass bis vor Kurzem Ferien waren und Katie meistens bei einer Freundin und Milo mit mir unterwegs war. Eigentlich schafften die beiden es ganz gut, ihm aus dem Weg zu gehen.
Ich habe ihren Dad nicht sehr oft gesehen und ich hatte ziemliche Angst vor ihm. Es ärgerte mich so, dass alle wussten, wie er war und dass er sich nicht gut um Milo und Katie kümmerte, und niemand etwas dagegen unternahm. Auch meine Eltern meinten immer nur: »Was sollen wir denn tun, er ist nun mal ihr Dad!« Das verstehe ich bis heute nicht.
Milo war komplett neben sich und ich hielt seine Hand und drückte sie aufmunternd.
»Es dauert nicht mehr lange, bis du erwachsen bist und ihr ausziehen könnt. Ein paar Jahre noch«, meinte ich mitfühlend, doch er schüttelte nur stumm den Kopf. So hatte ich ihn noch nie erlebt.
In den nächsten Tagen sah ich ihn kaum, er kam nicht mehr regelmäßig zur Schule, was für ihn total ungewöhnlich war. Er war zwar nicht der beste Schüler, doch er ging immer zum Unterricht und erledigte die Hausaufgaben. Am Nachmittag besuchte er mich manchmal, jedoch oft nur für ein paar Minuten. Auf meine Fragen, was er tue oder was er vorhabe, antwortete er nur ausweichend, wenn überhaupt. Katie bekam ich gar nicht mehr zu Gesicht.
Ich war schon ziemlich verzweifelt, denn so ein Gehabe sah ihm nicht ähnlich. Sonst, wenn irgendetwas mit seinem Dad war, verbrachten Katie und er die nächsten Tage einfach viel Zeit bei uns. Milo war immer traurig und wollte nicht darüber reden und ich versuchte, ihn zu trösten und eine gute Freundin zu sein. Nach einer Weile ging es ihm besser und er war wieder fröhlicher. Aber dieses Mal nicht.
Gegen Ende der Woche hörte ich ihn dann in der Nacht vor meinem Fenster meinen Namen rufen. Ich ließ ihn herein und merkte, wie erschöpft er wirkte.
»Was ist denn los?«, fragte ich ihn zum hundertsten Mal diese Woche und diesmal bekam ich erstmals eine Antwort.
»Ich habe eine Lösung gefunden«, sagte er zögernd, während wir auf meinem Bett saßen. »Meine Mom hat einen Bruder, er lebt in Kalifornien. Ich habe ihn noch nie gesehen, aber ich konnte seine Telefonnummer herausfinden und habe ihn angerufen. Er und seine Familie sind bereit, Katie und mich bei sich aufzunehmen.«
»Das geht doch nicht!«, rief ich, einerseits erschrocken, andererseits empört. »Ihr geht doch hier zur Schule. Du kannst doch nicht einfach wegziehen! Was sagt dein Dad dazu? Und was ist mit mir?«
»Von der Schule habe ich uns heute Morgen abgemeldet«, erzählte er leise mit gesenktem Blick. »Meinem Dad habe ich einen Brief hinterlassen und wir beide sehen uns sicher bald wieder. Vielleicht kann ich in den nächsten Ferien herkommen? Das sind nur ein paar Monate bis dahin.«
»Du hast ihm einen Brief hinterlassen? Wann fliegt ihr denn?«, fragte ich weinerlich und bemühte mich nun gar nicht mehr, leise zu sein, um meine Eltern nicht zu wecken.
»Wir fliegen nicht, wir fahren mit dem Bus. Mit mehreren, um genau zu sein, ist billiger. Morgen«, kündigte er traurig an und griff nach meiner Hand, um sie zu halten.
Das traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich war wütend und traurig zugleich. Sofort fing ich an zu weinen und war mir gar nicht sicher, ob ich mich von ihm trösten lassen wollte.
»Es ist ja nur für ein paar Jahre! Wir können uns doch in den Ferien sehen und wir telefonieren und schreiben uns«, versuchte er, mich aufzumuntern, doch ohne Erfolg. Ich war am Boden zerstört und schluchzte bitterlich. Er umarmte mich, wollte mir klarmachen, dass es notwendig sei, und ich wollte es nicht wahrhaben.
»Du kannst mich aber nicht verlassen«, jammerte ich und merkte sofort, dass es ihm einen Stich versetzt.
»Ich verlasse dich nicht, ich muss nur mit Katie für ein paar Jahre verschwinden. Ich bleibe dein Freund, ich liebe dich doch, und wir sehen uns zwischendurch ganz oft, ich verspreche es dir«, meinte er, doch er wirkte auch nicht mehr so überzeugt und war den Tränen nahe.
Milo blieb die ganze Nacht bei mir, irgendwann schliefen wir wohl doch ein. Ich weiß nur noch, wie ich ganz verheult mit dem Kopf auf seinem Oberkörper lag und er mir stumm über die Haare streichelte. Früh am Morgen weckte er mich, um sich zu verabschieden. Es war dunkel und ich war noch ganz verschlafen, als er mich sanft wachrüttelte. Ich wollte ihn nicht gehen lassen, ich fing wieder an zu weinen und er sah mir traurig in die Augen.
»Es geht nicht anders«, erklärte er erneut.
Ich war wütend auf seinen Dad, auf seine Mom, weil sie gegangen war, auf Katie, obwohl sie natürlich nichts dafürkonnte, auf Milo, weil er immer seine Schwester beschützen wollte, und auf mich selbst, weil ich so egoistisch war, Milo für mich zu beanspruchen.
Wir umarmten uns noch minutenlang, küssten uns und hielten uns lange an der Hand, bis er wirklich gehen musste.
»Geh nicht!«, bettelte ich und er schüttelte nur wortlos den Kopf.
Ich beobachtete ihn, wie er geschickt aus dem Fenster kletterte, durch den Garten lief und dann über den Zaun sprang. Er drehte sich um und winkte mir noch einmal zu, die Lippen zusammengepresst, ein Lächeln brachte er nicht zustande, bevor er die Straße hinaufrannte und verschwand.
»Ich bin verheiratet!«
»Ich bin verheiratet! Ich bin verheiratet! Ich bin verheiratet!«
Diese drei Worte schwirren mit rasender Geschwindigkeit in meinem Kopf herum und ich bemerke erst nach einigen Augenblicken, dass ich unbewusst die Luft angehalten habe. Geräuschvoll nehme ich einen tiefen Atemzug und sobald meine Lungen sich mit Sauerstoff füllen, macht sich auch ein beklemmendes Gefühl in mir breit. Die Hand, die ich nach ihr ausgestreckt hatte, senke ich nun wieder ab.
Emily hat sich in der Zeit gar nicht bewegt. Den Kopf hat sie etwas zur Seite geneigt und ihre Stirn liegt in Falten, so schaut sie mich erst ungläubig, dann besorgt an.
»Milo?«, fragt sie zögernd, das erste Mal, dass sie mich direkt anspricht.
Eine noch nie da gewesene Traurigkeit, Zerschlagenheit überkommt mich. Sie ist verheiratet. Sie hat nicht auf mich gewartet. Es war alles umsonst.
»Emily«, wispere ich und räuspere mich dann. Ich habe mich so darauf gefreut, ihren Namen zu sagen, doch jetzt tut es einfach nur weh.
»Was machst du denn hier, Milo?«, will sie nun wissen und wirkt schon viel gefasster. Sie mustert mich genau, ihre Blicke huschen über meinen ganzen Körper.
Ich hingegen weiß noch immer nicht weiter. Keine einzige Sekunde habe ich auch nur daran gedacht, dass sie vielleicht einen Freund hat oder gar verheiratet ist. Wie konnte ich nur so dumm sein. So naiv. Ganz benebelt antworte ich ihr, kann ihr dabei aber nicht in die Augen schauen.
»Hm, ich habe nach dir gesucht. Olivia hat mir gesagt, dass du in Hartford als Anwältin arbeitest, so habe ich dich gefunden.« Es hört sich bescheuert an.
»Wirklich? Na das ist ja eine Überraschung!«, findet Emily und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.
Sie scheint sich zu freuen, mich zu sehen, wieso auch immer. Ich habe das Gefühl, dass gerade meine Welt zusammengebrochen ist.
»Erzähl, wie geht’s dir, was hast du die letzten Jahre gemacht? Und wie geht’s Katie?«, fragt sie weiter und ihre Stimme hört sich aufrichtig und neugierig an. Nur den Namen von meiner Schwester spricht sie ungewohnt besorgt aus.
Irgendwie habe ich gar keine Lust, ihr von meinen Erlebnissen und Abenteuern zu erzählen. Das klingt vielleicht absurd, aber so sehr ich die vergangenen Monate und Jahre nur zu ihr wollte, so sehr will ich jetzt von ihr weg. Plötzlich habe ich Kopfschmerzen bekommen und mir ist auch schwindelig. Ich fühle mich wie im falschen Film und möchte nur noch raus.
Während ich vor ein paar Sekunden so unfassbar traurig war, fühle ich nun, wie auch Wut in mir aufsteigt. Wieso hat sie nicht auf mich gewartet? Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie jetzt zu einem anderen Mann gehört, bei dem Gedanken werde ich ganz wahnsinnig.
»Was ist mit dir?«, entgegne ich, ohne auf ihre Fragen einzugehen. »Du bist verheiratet! Wie kommt’s?«, fahre ich sie an und meine Stimme klingt schärfer, als ich es beabsichtigt habe.
Schlagartig hört sie auf zu lächeln. Einen Augenblick lang schaut sie mich nur prüfend an, dann sagt sie leise: »Was soll die Frage?«
»Du weißt ganz genau, was das soll!«, zische ich zwischen den Zähnen hervor und es tut mir eigentlich schon wieder leid, gleich nachdem ich es gesagt habe.
Sie schüttelt den Kopf.
»Milo, das ist doch Ewigkeiten her. Wir haben seit Jahren keinen Kontakt mehr. Ich dachte, wir würden uns nie wiedersehen«, erklärt sie und wirkt dabei überraschend traurig.
»Wir hatten keinen Kontakt, weil du ihn abgebrochen hast!«, werfe ich ihr beleidigt vor. »Es tut mir leid, dass ich hergekommen bin, es war ein Fehler«, füge ich bestimmt hinzu. Dann wende ich den Blick von ihr ab, gehe zur Bank zurück und packe meine Gitarre ein. Meine Hände zittern leicht, sodass ich die Tasche nicht auf Anhieb zubekomme. Bloß weg hier.
»Jetzt warte doch mal!«, ruft Emily empört und kommt auf mich zu, doch ich habe die Gitarrentasche schon geschultert, die Jacke über dem Arm und bin bereit aufzubrechen.
Doch einmal muss ich sie noch anschauen. Irgendwie will ich nicht vergessen, wie sie jetzt aussieht. Zu lange konnte ich mich nicht an die Einzelheiten ihres Gesichts erinnern, weil die Erinnerungen verblasst sind und ich nichts hatte, das mich am Vergessen hindern konnte.
Ich drehe mich um und sehe, dass Emily schon direkt hinter mir steht und die Hand nach mir ausgestreckt hat. Jetzt zieht sie sie langsam zurück. Ihre Haare sehen im Sonnenlicht so schön aus, genauso wie damals im Sommer, wenn wir an unserem Teich waren. Sie glänzen richtig, als wären sie aus Gold. Als ich in ihre blauen, vorwurfsvollen Augen schaue, treffen sich unsere Blicke.
»Warum willst du jetzt gehen? Wir haben uns doch gerade erst wiedergesehen?«, fragt sie leise und verwirrt.
Was denkt sie nun von mir? Erst überfalle ich sie und dann haue ich gleich wieder ab – sie muss mich für verrückt halten. Komischerweise ist mir das in dem Moment absolut egal.
Ich zögere kurz. Immer, wenn sie traurig ist, verunsichert mich das, ich kann sie so gar nicht ansehen. Allerdings habe ich auch das Gefühl, dass ich jeden Augenblick explodieren könnte, so angespannt bin ich gerade.
»Warum sollte ich bleiben?«, erwidere ich, doch ich gebe ihr gar keine Zeit zu antworten. Ich habe mich entschieden, ich kann das jetzt einfach nicht. Mit gesenktem Blick gehe ich schnell an ihr vorbei und murmle ein trostloses »Mach’s gut«, wobei sie das vermutlich schon gar nicht mehr gehört hat.
Ohne mich auch nur einmal umzudrehen – wozu auch – durchquere ich zügig den ganzen Park und biege in die nächste Straße ein, wo mein Auto steht. Am liebsten wäre ich gerannt, aber das wollte ich dann doch nicht. Da sie mir nicht nachgerufen hat, scheint es, als würde sie mir sowieso nicht folgen. Ich krame im Gehen meinen Autoschlüssel hervor, sperre auf, lege meine Sachen auf die Rückbank und steige dann auf der Fahrerseite ein. Bevor ich starte, fasse ich mir an die Stirn und schließe für einen Moment die Augen.
Noch einmal muss ich feststellen, dass ich niemals damit gerechnet habe, dass unser Wiedersehen so ablaufen würde, wie es gerade passiert ist. Das Ganze hat vielleicht nur fünf Minuten gedauert, doch jetzt fühle ich mich wie ein anderer Mensch. Als hätte ich vierzig Grad Fieber und dazu ein Schädelhirntrauma.
Ich überlege, ob das Treffen anders abgelaufen wäre, wenn ich sie nicht gleich geküsst hätte, aber ich glaube nicht, dass das einen entscheidenden Unterschied gemacht hätte. Vielleicht hätten wir ein, zwei Minuten über etwas anderes gesprochen, ich hätte ihr genauestens geschildert, wie ich sie gesucht und was ich dabei erlebt habe, und sie hätte etwas von der Uni oder von St. Bastian erzählt, bis sie mir dann eröffnet hätte, dass sie irgendwann in den letzten Jahren geheiratet hat. Ab dem Zeitpunkt hätte ich auch nur noch verschwinden wollen. Obwohl jetzt schon einige Augenblicke vergangen sind, bin ich nach wie vor schockiert. Der Klumpen in meinem Hals ist riesig und schwer, sogar das Schlucken tut weh.
Ich fand den Kuss schön und die verschiedenen Gefühle, die er in mir ausgelöst hat, trösten mich kurz darüber hinweg, dass das der letzte war. Bereuen tue ich ihn jedenfalls nicht.
Kurz mache ich einen Blick in den Rückspiegel, irgendwie kann ich nicht anders. Wenn sie mich zum Bleiben überredet hätte, wäre ich geblieben, das weiß ich. Man kann ihr wirklich fast nichts abschlagen, wenn sie einen so traurig ansieht. Ich sehe hinter mich zu dem Gehweg und in den Park. Sie ist mir nicht gefolgt, die ganze Straße ist menschenleer.
Entschlossen schnalle ich mich an und stecke den Schlüssel an. Dann starte ich den Motor und fahre los.
Um ehrlich zu sein, ich bin ganz schön durcheinander. Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, ihn je wiederzusehen, geschweige denn so. Für mich war er einfach der Junge von damals, zu dem ich keinen Kontakt mehr habe. Es war zwar schön, ab und zu an ihn zu denken, denn wir kannten uns ja viele Jahre und wir haben einander wirklich sehr nahegestanden, aber dass wir uns nochmals begegnen würden und dass er mich ganz und gar nicht abgeschrieben hatte, das hat mich komplett überrumpelt. Wenn mich am Morgen jemand gefragt hätte, was heute alles passieren würde, dann wäre das so ziemlich das Letzte gewesen, auf das ich gekommen wäre. Mein Kindheitsfreund taucht aus heiterem Himmel bei mir auf und küsst mich, so als wären die vergangenen zwölf Jahre komplett unbedeutend, wie ausgelöscht.
Ich stehe noch ein paar Minuten in dem Park und starre in die Richtung, in die er verschwunden ist. Kurz ist mir sogar schwindelig und ich setze mich auf die Parkbank, auf der zuvor seine Sachen lagen. Irgendwie warte ich unbewusst darauf, dass er zurückkommt. Schließlich hat er sich auf die Suche nach mir begeben, warum sollte er gleich nach dem Wiedersehen wieder verschwinden? Er tut es jedenfalls.
Dass ich verheiratet bin, war scheinbar ein Schock für ihn. Aber was hat er erwartet? Wir haben uns nicht gesehen, nicht voneinander gehört.
Natürlich weiß ich noch, dass er damals sagte, dass wir, wenn wir uns wiedersehen, für immer zusammenbleiben werden. Nur waren wir da erst vierzehn Jahre alt. Man nimmt sich in diesem Alter viel vor, aus dem nichts wird. Und wir hatten ja gar keinen Kontakt. Keine Briefe, keine Anrufe. Außerdem hat er sich nicht mehr gemeldet, nicht ich. Wie kann er also von mir erwarten, dass ich auf ihn warte? Zwölf Jahre lang!
Obwohl ich eindeutig im Recht bin, habe ich trotzdem Schuldgefühle, als ich mit dem Bus nach Hause fahre. Sein Blick war so traurig. Er wirkte wirklich verletzt, und das tut mir leid. Ich würde ihn jetzt gerne wiedersehen.
Zu Hause mache ich mir als Erstes einen Kaffee, wie sonst auch, doch statt fernzusehen oder die Zeitung zu lesen, bleibe ich einfach damit auf der Couch sitzen und grüble weiter vor mich hin.
Jetzt wünsche ich mir, ich hätte ihn aufgehalten. Es würde mich sehr interessieren, wie es ihm die letzten Jahre ergangen ist und wie er mich gefunden hat.
Milo hat erwähnt, dass Olivia ihm gesagt hätte, wo ich arbeite. Dass ich Olivia getroffen habe, ist mindestens ein Jahr her. Hat sie nicht erwähnt, dass ich verheiratet bin? Habe ich ihr das damals überhaupt gesagt? Die Begegnung war recht kurz und Olivia ist so eine, die viel redet und dabei wenig zuhört, darum kann es gut sein, dass sie es gar nicht mitbekommen hat. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass Olivia zurzeit in Boston wohnt und arbeitet, also muss Milo sie scheinbar dort getroffen haben. Wie lange war er wohl in Boston, schließlich habe ich bis vor Kurzem auch dort gelebt, wir hätten uns ja einmal über den Weg laufen können.
Es ist verwirrend und ich halte es kaum aus, nicht zu wissen, was mit Milo ist. Ich sehe schon, ich werde den ganzen Tag an nichts anderes denken können.
Als ich mit dem Kaffee fertig bin, kümmere ich mich gleich um die Wäsche. Ich schalte eine Maschine ein, nehme die bereits getrocknete Kleidung vom Wäscheständer ab und lege sie zusammen.
Meine liebste Hausarbeit ist das Wäschewaschen. In Wahrheit macht sie sich nämlich sowieso von selbst in der Waschmaschine und ich muss sie nur auf- und später abhängen. Außerdem liebe ich den Geruch von frisch gewaschener Wäsche. Leider habe ich auch hierbei Zeit, mir den Kopf über Milo zu zerbrechen.
Es fühlt sich so seltsam an, was da heute passiert ist. Irgendwie ist es, als hätte ich einen schweren Stein im Bauch, ein ungutes Gefühl, wie ein schlechtes Gewissen. Ich frage mich schon, was ich anders hätte machen können, aber mir fällt nicht viel ein.
Ich musste ihm ja wohl sagen, dass ich verheiratet bin, nach dem Kuss hatte ich keine Wahl. Viel mehr haben wir danach nicht geredet, weil er verschwunden ist. Wahrscheinlich hätte er gar nicht gewollt, dass ich ihn aufhalte, er sah sehr entschlossen aus zu gehen. Ich fühle mich ziemlich mies, ich dachte, wenn wir uns tatsächlich einmal wiedersehen, würde es schön sein und wir würden uns noch immer so gut verstehen wie damals.
Während ich im Bad bin, bemerke ich, wie schmutzig die Duschwand ist, also fange ich an, sie zu putzen. Dann auch gleich das Waschbecken, den Spiegel und zum Schluss wasche ich den ganzen Boden auf.
Putzen hat eine beruhigende Wirkung, finde ich. Wenn ich einmal schlecht gelaunt bin, hilft mir das wirklich, mich abzureagieren, und es hat den Vorteil, dass danach alles sauber ist und glänzt.
Ich verlasse das Badezimmer und betrete erschöpft die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen, und mir fällt ein, dass ich vergessen habe, Lebensmittel einkaufen zu gehen. Die Begegnung hat mich wirklich vollkommen aus dem Konzept gebracht. So vergesslich bin ich sonst eigentlich nicht, obwohl ich schon eher eine Tagträumerin bin.
Ich krame im Kühlschrank herum, durchsuche alle Fächer und finde glücklicherweise genug Brauchbares, um daraus ein Essen zu machen. Ein Blick auf die Wanduhr im Wohnzimmer verrät mir, dass ich noch eine gute halbe Stunde Zeit habe, bevor ich mit dem Kochen anfangen sollte.
Ich schnappe mir den Staubsauger und sauge das ganze Haus komplett durch. Ausgepowert aber zufrieden fange ich dann an zu kochen. Der Haushalt ist mein Sport.
Mich hat Kochen nie sonderlich interessiert, aber irgendwann wurde es notwendig, wenn ich nicht verhungern wollte. Später habe ich dann auch gerne gekocht, neue Rezepte ausprobiert, gebacken oder etwas für Freunde zubereitet. Es macht aber einen Unterschied, wenn man es jeden Tag tun muss. Ich glaube, wenn ich allein leben würde, gäbe es viel öfter nur Brot oder Salat zum Essen und ich würde mir nicht jeden Abend große Mühe geben. Andererseits denke ich mir immer, dass es gar nicht so mühsam ist und in der Zeit, in der man darüber jammert, könnte man schon damit fertig sein.
Ich muss wieder an Milo denken. Damals konnte er ganz gut kochen, so wie ich das in Erinnerung habe. Hat er hier überhaupt eine Wohnung oder ist er in einem Hotel? Wie lange er wohl schon in Hartford ist? Es würde mich interessieren, ob er mich zuerst daheim gesucht hat. St. Bastian ist für mich noch immer »zu Hause«, obwohl ich schon lange nicht mehr dort wohne. Seit dem Auszug war ich kein einziges Mal in der Stadt, obwohl das vielleicht nett gewesen wäre, aber es hat sich einfach nicht ergeben. Ich habe keine Verwandten oder engen Freunde dort, alle wollten damals nur raus aus South Carolina. Ob überhaupt noch jemand aus meiner Schule im Ort lebt, weiß ich nicht. Meine Eltern wohnen schon lange in Florida und meine Schwester Ellie hat es nach Kanada verschlagen. Unser Haus haben wir damals verkauft und eine Familie mit einem Jungen hat es gekauft, keine Ahnung, ob sie noch immer darin wohnen.
Das Haus von Milo gehörte bei meinem Umzug noch immer seinem Dad. Er ließ sich nie blicken und wenn, dann beim Einkaufen. Üblicherweise sprach er mit niemandem, sah immer griesgrämig drein und war oft schon vormittags betrunken. In der Stadt kannte ihn selbstverständlich jeder und alle hielten sich von ihm fern. Irgendwie kann ich mir gar nicht vorstellen, dass er noch lebt. Ob Milo etwas von ihm weiß? Ich werde es wohl nie erfahren.
Das übergehende Nudelwasser holt mich in die Gegenwart zurück. Schnell lege ich das Messer zur Seite, ziehe einen Kochhandschuh an und hole den Topf von der Herdplatte. Ich reduziere die Hitze, stelle ihn vorsichtig zurück und schneide anschließend weiter die Tomaten für den Salat. Die Salatblätter zupfe ich so klein wie möglich, damit sie dann leichter zu essen sind, und wasche sie unter fließendem Wasser. Das Dressing bereite ich extra zu, suche mir dafür eine Menge Kräuter aus meinem Vorrat aus und schmecke es so lange ab, bis ich komplett zufrieden damit bin. Als ich den Salat schließlich in die Schüssel gebe und damit übergieße, höre ich, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wird.
Michael kommt nach Hause.
Eigentlich erinnere ich mich gar nicht mehr daran, wann wir uns das erste Mal gesehen haben. Wir wuchsen beide in der gleichen Gegend in einer Kleinstadt namens St. Bastian in South Carolina auf, besuchten den gleichen Kindergarten, dann die gleiche Schule, so kannte man sich irgendwie. Wann wir das erste Mal miteinander gesprochen haben, weiß ich allerdings noch.
Es war im Winter und wir gingen damals in die Grundschule. Der Wintereinbruch kam dieses Jahr sehr überraschend und eines Morgens lag auf einmal überall eine beachtliche Menge Schnee. Normalerweise schneite es kaum in St. Bastian, geschweige denn so viel. Am Morgen schaffte es der Bus gerade noch so durch das Chaos in den Straßen bis zur Schule, und das auch nur mit dreißig Minuten Verspätung. Nach Schulschluss hatte der Bus wohl einen Unfall, denn uns wurde mitgeteilt, dass er ausfiel.
Mir blieb also nichts anderes übrig, als den Heimweg zu Fuß anzutreten. Bei schönem Wetter wäre das auch überhaupt kein Problem gewesen, aber ich war auf die Kälte und den Schnee nicht vorbereitet gewesen und hatte Sportschuhe, eine viel zu dünne Jacke und weder Haube, Schal noch Handschuhe an. Frierend machte ich mich auf den Weg und nach einer Weile hörte ich, wie jemand meinen Namen rief.
Überrascht drehte ich mich um und sah Emily, die auf mich zulief. Als sie bei mir ankam, war sie außer Atem und keuchte.
»Ich habe mir gedacht, wir können ja zusammen nach Hause gehen«, sagte sie und blickte mich erwartungsvoll an.
Verwirrt fragte ich: »Woher weißt du denn, wie ich heiße?« Ich war mir ganz sicher, dass wir zuvor kein Wort miteinander gewechselt haben.
»Na, du heißt Milo. Sicher weiß ich das. Du wohnst doch nur ein paar Straßen weiter. Wir waren im selben Kindergarten und jetzt gehen wir auf dieselbe Schule. Du weißt doch auch, wer ich bin, oder?«, erklärte sie mir, als wäre das selbstverständlich.
»Ach so«, murmelte ich schüchtern. »Du heißt Emily. Wir haben aber noch nie miteinander geredet.«
»Ja, stimmt«, fuhr sie unbeirrt fort, »aber das können wir ja jetzt tun! Gehen wir?«
So kam es, dass wir uns gemeinsam einen Weg durch die verschneiten Straßen bahnten. Sie überrumpelte mich ganz schön, denn ich war es gewohnt alleine zu sein. Ich hatte keine guten Freunde und war eher ein schweigsamer Junge. Das schien sie aber nicht im Geringsten zu stören.
Emily fing an zu plaudern und hörte nicht mehr auf. Sie redete fröhlich von der letzten Mathematik-Klassenarbeit, dem Buch, das sie gerade zu lesen begonnen hatte, und wie sehr sie den Werkunterricht verabscheute. Dann erzählte sie von ihrer Familie, ihrem letzten Urlaub und dass sie gerne ein Pferd hätte.
Schweigend schaute ich sie von der Seite an, denn irgendwie faszinierte sie mich. Nach einer Weile begann sie, mich nach meiner Familie und meinen Hobbys zu fragen und ob ich auch Bücher mochte.
Also erzählte ich ihr schüchtern von meiner kleinen Schwester Katie, dass wir bei unserem Dad und unserem Grandpa wohnen würden und dass ich leider gar nicht gut lesen könne und wir keine Bücher daheim hätten. Ich verriet ihr, dass ich gerne Gitarre spielte und mein Grandpa es mir beibringe, und dass ich mir oft mit ihm Schallplatten anhören würde.
Emily wollte einfach alles über mich wissen und weil ich sie nett fand, erzählte ich ihr auch mehr. Sie meinte, es sei gar nicht schlimm, dass ich nicht gut lesen könne, und sprach mir aufmunternd zu, dass ich es bald lernen würde.
Mir war das sehr unangenehm, ich wusste, dass die anderen in meiner Klasse schon viel besser waren als ich, und ich betete immer, dass die Lehrerin mich nicht zum Vorlesen drannahm.
»Vielleicht solltest du zu Hause mehr üben«, schlug sie vor. »Setz dich irgendwohin, wo du deine Ruhe hast, und lies laut vor, so klappt das bestimmt. Oder du fragst deinen Dad, ob du ihm vorlesen kannst, wenn er Zeit hat!«
Ich sagte ihr, mein Dad hätte nie Zeit, er würde lange arbeiten und am Abend wolle er immer alleine sein. Sie verstand es nicht wirklich, aber hatte gleich eine Lösung parat.
»Dann übst du eben mit deinem Grandpa, der hat doch sicher Zeit«, warf sie ein. »Wenn du willst, kannst du auch mir vorlesen, ich glaube, ich bin eine sehr gute Lehrerin«, fand sie gut gelaunt, doch ich war mir unsicher. Sie war zwar liebenswert, aber auch ziemlich aufdringlich.
Emily fragte mir Löcher in den Bauch und ich verlor bald die Scheu, antwortete ihr gerne und wollte dann auch Dinge über sie wissen. Ihre Familie schien nett zu sein und ich war mir sicher, dass sie es in ihrer Klasse besser hatte als ich in meiner.
Irgendwann bemerkte sie dann, dass ich fror, und fragte mich: »Wieso hast du denn keine wärmere Kleidung an?«
Sie trug einen rosafarbenen Mantel, eine Mütze, einen langen Schal und Handschuhe, war also voll ausgestattet und spürte die Kälte nicht.
Ich meinte, dass ich nicht gewusst hätte, dass es so kalt werden würde, und deshalb nichts Warmes angezogen hätte. Aber in Wirklichkeit hatte ich keine Ahnung, wo meine Winterkleidung war und ob ich überhaupt eine passende Jacke hatte. Niemand hatte mir gesagt, dass ich sie herrichten sollte, oder sie für mich bereitgelegt.
»Kein Problem«, sagte Emily, zog sich den rechten Handschuh aus und gab ihn mir. »Hier, zieh den an der rechten Hand an!«
Ein wenig zögernd tat ich, was sie sagte, schließlich war der Handschuh lila und ich begutachtete ihn, ob er nicht zu mädchenhaft aussähe.
Kaum hatte ich ihn angezogen, griff sie mit ihrer rechten Hand nach meiner linken. Nun hatte jeder einen Handschuh an und die nackten Hände hielten wir ineinander. So war mir ein kleines bisschen wärmer. Hand in Hand gingen wir weiter, bis wir bei ihrem Haus angekommen waren. Emily borgte mir den zweiten Handschuh auch noch für meinen restlichen Weg und ich nahm ihn gerne an.
»Vergiss morgen deine Wintersachen nicht«, rief sie fröhlich zum Abschied. »Ich borg dir das Buch, wenn ich fertig bin. Wir sehen uns morgen!«
Ich sah ihr nach, wie sie durch das Gartentor ging und ihre Mutter die Tür öffnete, als hätte sie die ganze Zeit darauf gewartet, dass Emily heimkam. Vermutlich war das auch so. Neugierig beobachtete ich sie noch kurz, bis sie die Tür hinter sich schloss und verschwand.
Ich nahm mir vor, gleich wenn ich nach Hause kam, lesen zu üben, ich war auf einmal richtig entschlossen, es jetzt zu lernen. Meinem Grandpa wollte ich davon aber nichts
