Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Der fabelhafte Geschenkeladen E-Book

Manuela Inusa  

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E-Book-Beschreibung Der fabelhafte Geschenkeladen - Manuela Inusa

Eine Straße zum Verlieben – in der Valerie Lane werden Herzen erobert und Träume wahr ...

Orchid liebt ihren kleinen Geschenkeladen, mit dem sie sich ihren Lebenstraum erfüllt hat. In Orchid’s Gift Shop gibt es alles, was das Herz begehrt, wie wunderbare Düfte, Badeperlen und selbstgemachte Kerzen. Doch das größte Geschenk, das Orchid anderen gibt, ist ihre Zeit. Immer gut gelaunt hat sie stets ein offenes Ohr für jedermann. Nur ein Mensch vertraut sich ihr nicht an, und das ist ausgerechnet Orchids Freund Patrick. Schon länger scheint es in der Beziehung zu kriseln, doch selbst ihre besten Freundinnen wissen keinen Rat. Und als Orchid endlich beschließt, Patrick vor die Wahl zu stellen, erfährt sie etwas, das sie nie für möglich gehalten hätte …

Meinungen über das E-Book Der fabelhafte Geschenkeladen - Manuela Inusa

E-Book-Leseprobe Der fabelhafte Geschenkeladen - Manuela Inusa

Buch

Jeden Tag freut sich Orchid aufs Neue, wenn sie ihren kleinen Geschenkeladen in der Valerie Lane, der malerischen kleinen Straße in Oxford, betritt. Mit Orchid’s Gift Shop hat sich die junge Frau ihren Lebenstraum erfüllt. Hier gibt es alles, mit dem man anderen oder sich selbst eine Freude bereiten kann: traumhafte Düfte, wohlriechende Badeperlen und selbstgemachte Kerzen. Aber auch wer nur ein offenes Ohr sucht, ist bei Orchid gut aufgehoben. Doch es gibt eine Person, die sich Orchid nicht anvertraut, und das ist ausgerechnet ihr Freund Patrick. Orchid liebt Patrick von Herzen, doch die Beziehung leidet unter seiner Verschlossenheit. Orchid fragt sich, wie lange es so noch weitergehen kann. Auch ihre Freundinnen aus der Valerie Lane wissen keinen Rat. Doch dann erfährt Orchid etwas, das alles verändert …

Autorin

Manuela Inusa wurde 1981 in Hamburg geboren und wollte schon als Kind Autorin werden. Kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag sagte die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin sich: »Jetzt oder nie«! Nach einigen Erfolgen im Selfpublishing erscheinen ihre aktuellen Romane bei Blanvalet und verzaubern ihre Leser. Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern in einem idyllischen Haus auf dem Land. In ihrer Freizeit liest sie am liebsten Thriller und reist gerne, vorzugsweise nach England und in die USA. Sie hat eine Vorliebe für englische Popmusik, Crime-Serien, Duftkerzen und Tee.

Von Manuela Inusa bereits erschienen

Jane Austen bleibt zum Frühstück

Auch donnerstags geschehen Wunder

Der kleine Teeladen zum Glück

Die Chocolaterie der Träume

Der zauberhafte Trödelladen

Das wunderbare Wollparadies

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MANUELA INUSA

Roman

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1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2019

by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße. 28, 81673 München

Redaktion: Angela Küpper

© Johannes Wiebel | punchdesign,

unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com

(Yana Fefelova; photo5963_shutter; Del Boy; piixypeach;

Albert Pego; spiv; Nomad_Soul; Andrekart Photography;

freesoulproduction; LiliGraphie; Maglara)

JF · Herstellung: sam

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-23630-4V001

www.blanvalet.de

Für Mom –

dich hab ich mir für diesen Band aufgehoben,

weil Gelb und Sonne

einfach am besten zu dir passen ♥

PROLOG

An einem sonnigen Frühlingstag kurz vor Feierabend holte eine junge Frau in ihrem Laden einen Karton hervor, der ihr am Morgen geliefert worden war. Er beinhaltete wunderbare neue Badeöle, die sie auspackte und sorgsam ins Regal stellte – immer schön nach Farbe und Größe sortiert. Als sie damit fertig war, betrachtete sie die hübschen kleinen Flaschen, die Namen trugen wie »Himbeerschaumtraum« oder »Apfelküsschenblubberbad«, und lächelte zufrieden. Dann suchte sie ihre Sachen zusammen, sah sich noch einmal in ihrem Geschenkeladen um und öffnete die Tür. Obwohl es bereits kurz nach sechs war, stand die Sonne noch immer strahlend am Himmel und durchflutete mit ihrem Licht den Raum, in dem man nicht nur Präsente aller Art fand, sondern auch immer ein offenes Ohr, wenn man Rat suchte oder Sorgen hatte.

Die schlanke Frau Ende zwanzig mit dem langen blonden Pferdeschwanz drehte den Schlüssel zweimal herum und setzte sich noch eine Weile auf die Stufen vor ihrem Laden, wie sie es so oft tat. Er befand sich am Ende der kleinen Gasse namens Valerie Lane, und von hier aus hatte man den besten Ausblick auf alle Geschäfte, ihre Inhaber und die liebenswerten Menschen, die diesen Ort belebten.

Sie sah sich um, blickte die kopfsteingepflasterte Straße hinunter bis zur Ecke, wo eine ihrer Freundinnen einen heimeligen Teeladen führte, der Liebhaber klassischer wie auch exotischer Mischungen aus ganz Oxford anlockte. Nebenan schloss die Inhaberin der Chocolaterie gerade ihren Laden ab und winkte ihr zu, als sie sie entdeckte. Die junge Frau winkte zurück, und ihr Blick wanderte weiter zum früheren Antiquitätengeschäft, das seit knapp einem Jahr ein zauberhafter Buchladen war. Vor langer Zeit hatte er der ersten Ladeninhaberin und Namensgeberin dieser Straße gehört, Valerie Bonham, die ihnen allen noch heute ein Vorbild war, da sie so eine großherzige Seele gewesen war.

Die junge Inhaberin der Buchhandlung wurde gerade von ihrem Freund und ihrem Vater abgeholt. Letzterer trug eine knallorangefarbene Mütze, die ein wenig an eine Karotte erinnerte. Auch diese Freundin winkte ihr zu, als sie sie sah.

Die letzte der fünf Ladeninhaberinnen trat mit ihrem Cockerspaniel aus ihrem Wollparadies und bog um die Ecke. Und dann erblickte die blonde Frau auf den Stufen nebenan einen jungen Mann – den einzigen männlichen Ladenbesitzer unter ihnen – und biss sich auf die Lippe. Sie beobachtete ihn dabei, wie er seine Blumen herein holte. Als er sie bemerkte, schenkte er ihr ein Lächeln, so strahlend wie die Sonne, und ihr Herz pochte schneller und machte Sprünge, die es überhaupt nicht machen sollte …

KAPITEL1

»Hast du Lust, heute Abend ins Kino zu gehen?«, fragte Orchid ihren Freund Patrick einige Tage später am Telefon und spielte dabei mit einer Haarsträhne, die sie sich mehrmals um den Finger wickelte.

»Wenn du willst«, antwortete Patrick gefügig.

Das war wieder einmal so eine typische Antwort. Orchid wusste nicht wirklich, was sie davon halten sollte.

»Wenn ich nicht wollte, hätte ich dich ja nicht extra angerufen und gefragt«, erwiderte sie und bemühte sich, guter Stimmung zu bleiben. »Also? Hast du auch Lust?«

»Klar. Was gibt es denn?«

»Wollen wir Shape of Water gucken? Der hat mehrere Oscars bekommen, und ich will ihn mir schon seit Wochen ansehen.«

»Okay. Wenn du das gern möchtest, bin ich dabei.«

»Andererseits bist du diesmal dran mit Aussuchen«, sagte Orchid, denn sie wollte nicht immer für Patrick mit entscheiden. »Du kannst ja schon mal googeln, was sonst noch läuft. Am besten hole ich dich von der Arbeit ab, das Kino ist näher an deinem Laden.«

»Es ist nicht mein Laden.«

»Du weißt doch, wie ich es meine.«

Patrick hatte im Gegensatz zu ihr nicht das Glück, ein eigenes Geschäft zu besitzen, sie glaubte aber auch nicht, dass er das unbedingt wollte. Patrick war mit dem zufrieden, was er hatte: einem Job als Handyverkäufer Schrägstrich Handyreparateur. Er bekam einfach jedes Mobiltelefon wieder hin, sogar wenn es in die Toilette gefallen war oder Ähnliches.

»Dann sehen wir uns gegen Viertel nach sechs?«, fragte sie.

»Klar. Ich hab Kundschaft und muss auflegen. Bis später.«

»Bis später. Ich freu mich.«

»Ich mich auch.« Er legte auf, und Orchid hörte nur noch einen langgezogenen Piepton.

Sie überlegte gerade, ob sie rüber zu Laurie huschen und sich einen Tee holen sollte, als ihre Ladenglocke erklang. Es war einer dieser elektrischen Bewegungsmelder, der zwanzig Sekunden lang den Refrain von Here Comes the Sun von den Beatles spielte. Auch nach knapp drei Jahren zauberte er ihr noch immer ein Lächeln ins Gesicht, denn dieser Song bedeutete Kundschaft – Menschen, die sich extra in die Valerie Lane und in ihren kleinen Laden begaben, um hier etwas zu kaufen, womit sie ihren Lieben eine Freude machen konnten. Diese Kunden hätten natürlich auch in eines der großen Geschäfte in der Cornmarket Street gehen können; dass sie dennoch zu ihr kamen, bedeutete für Orchid die Welt.

Zwei Jahre und zehn Monate lang durfte sie ihren Traum nun schon leben. So lange besaß sie ihren Gift Shop, nachdem sie jahrelang hier und da gejobbt und sich nirgends wirklich wohlgefühlt hatte. Überhaupt war sie damals ein ziemlich ruheloser Mensch gewesen. Deshalb hatte ihre Schwester Phoebe sie auch mit in den tollen Teeladen an der Ecke geschleppt, den sie kurz zuvor entdeckt hatte. Dieser führte eine Auswahl an Beruhigungstees, die Phoebe ihr andrehen wollte. Doch auch wenn sie Laurie’s Tea Corner gleich total niedlich und gemütlich fand und die Inhaberin ihr unglaublich nett vorkam, waren irgendwelche Kräutertees nicht das, was sie brauchte, um zur Ruhe zu kommen. Das, was ihr dann wirklich half, war der Bummel durch die Läden der hübschen kleinen Einkaufsstraße, den sie und ihre Schwester unternahmen. Sie sahen sich im Antiquitätenladen um und kauften sich Schokolade bei Keira und ein Eis in Donna’s Ice Cream Parlour. Als Orchid Donna gegenüber erwähnte, wie schön sie es hier in der Valerie Lane fand, erzählte diese ihr, dass der leere Laden nebenan noch zu haben sei.

»Ehrlich? Er ist noch nicht vergeben? Bei dieser Lage?«, staunte Orchid.

»Bisher noch nicht, soweit ich weiß.«

Sofort kamen Orchid eine Million Ideen, was man mit einem Laden in so einer tollen Gegend alles machen könnte.

»Wie genau kann man sich denn um die Räume bewerben?«, erkundigte sie sich.

»Da sollten Sie am besten unseren Verwalter Mr. Spacey fragen, falls Sie ernstes Interesse haben.«

Phoebe sah ihre Schwester überrascht an. Kein Wunder, bisher hatte Orchid ja auch noch nie über einen eigenen Laden nachgedacht. Richtig Spaß machte ihr der Job als Verkäuferin in einer Kinderboutique aber nicht gerade.

»Ich bin mir nicht sicher … Die Miete hier ist doch sicher nicht günstig, oder?«

»Nun, Millionärin wird man mit einem Laden in der Valerie Lane bestimmt nicht, aber man macht schon so viel Umsatz, dass man die Miete wieder reinbekommt und genug zum Leben hat. Zumindest ist es bei mir und meinen Freundinnen so. Woran haben Sie gedacht? Was würden Sie gerne anbieten?«

»Auch darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.« Orchid überlegte, bedachte, was für Läden es schon gab, und hatte dann einen Geistesblitz. Patrick hatte ihr zum ersten Jahrestag ein paar Tage zuvor ein kuscheliges Kissen in Herzform geschenkt, über das sie sich riesig gefreut hatte. »Also, wenn ich wirklich mein eigenes Geschäft eröffnen würde, würde ich gerne Geschenke verkaufen.«

»Oh mein Gott, das ist perfekt!«, sagte Phoebe. »Geschenke werden doch immer benötigt: zu Geburtstagen, an Weihnachten, Hochzeitstagen und zum Muttertag. Du würdest sicher immer Kundschaft haben. Ruf da doch einfach mal an und sprich mit dem Verwalter. Wie hieß er noch?«

»Mr. Spacey«, wiederholte Donna.

»Ich schreibe mir die Nummer gleich von dem Schild ab«, sagte Orchid auf einmal ganz begeistert.

»Das brauchen Sie nicht, ich gebe sie Ihnen.« Donna holte einen Zettel und ihr Handy hervor und notierte Namen und Nummer. »Ich wünsche Ihnen viel Glück. Vielleicht sind wir ja schon bald Nachbarn.«

»Das wäre super, oder?« Orchid strahlte und steckte sich den kleinen Plastiklöffel mit einem Berg voll Erdbeereis in den Mund.

Donna lächelte ebenfalls und wünschte noch einen schönen Tag.

»Ihnen auch. Ihr Eis ist übrigens das beste, das ich seit Langem gegessen habe.«

»Vielen Dank.«

Orchid dachte an ihren ersten Besuch in der Valerie Lane zurück und bedauerte ein wenig, dass Donna die Eisdiele geschlossen hatte, um nach Holland zu ziehen. Andererseits wäre dann kein Blumengeschäft daraus geworden … Sie rüttelte sich wach und schenkte Susan, die soeben den Laden betrat, ein Lächeln. Susan war mit sechsunddreißig die älteste der Ladeninhaberinnen. Bis vor Kurzem war sie eine richtige graue Maus gewesen, doch seit Neujahr war sie mit einem total lieben Typen namens Stuart zusammen, der sie richtig aufblühen ließ. Sie trug zwar noch immer ihre schlichten Jeanshosen, aber ab und zu tauschte sie ihre dunklen Schlabberpullis gegen etwas Fröhliches, Farbenfrohes aus, so wie auch heute. Das himmelblaue Oberteil sah super aus zu den schwarzen Haaren, die Susan neuerdings in Locken und offen trug.

»Hi, Süße. Wie geht’s dir?«, begrüßte Orchid sie.

»Sehr gut, danke. Und dir?«

»Fantastisch. Ich habe heute schon mindestens fünf Herzkissen verkauft und etliche Kaffeetassen. Total irre. Ist im April irgendein Feiertag, von dem ich nichts weiß?«

»Ich denke nicht.« Susan zuckte die Achseln. »Aber ich brauche ebenfalls ein Geschenk.«

»Ein Herzkissen?« Orchid grinste.

»Nein, nein. Etwas Nettes für Charlotte, sie hat morgen Geburtstag.« Charlotte war Susans Mitarbeiterin und gleichzeitig Stuarts kleine Schwester. Durch sie hatten sich die beiden kennengelernt, nachdem Susan Charlotte Ende letzten Jahres in ihrem Laden eingestellt hatte, um sie in dem Vorhaben zu unterstützen, endlich unabhängig zu werden. Nach einer schlimmen Ehe hatte sie mit ihren Kindern bei Stuart gewohnt. Ob sie das immer noch tat, wusste Orchid gar nicht.

»Oh, sie hat Geburtstag? Gut, dass du es mir sagst, natürlich schenke ich ihr auch was Kleines.«

»Da wird sie sich aber freuen.«

»Wie geht es Charlotte? Lässt ihr Ex sie inzwischen in Ruhe?«

Susan nickte. »Er hat wohl endlich eingesehen, dass es aus und vorbei ist. Er trifft die Kinder zweimal in der Woche unter Aufsicht, das ist aber auch alles.«

»Zum Glück.«

»Ja. Sie spart fleißig, damit sie sich demnächst endlich eine eigene Wohnung suchen kann.«

Ah, da hatte Orchid ihre Antwort.

»Oooh. Und wenn bei Stuart dann mehr Platz ist, könntest du ja …«

»Pfff!«, unterbrach Susan sie. »Du glaubst doch nicht, dass ich aus der Valerie Lane wegziehe! Ich lebe in der schönsten Straße der Welt, meine Wohnung werde ich nie und nimmer aufgeben.«

Susan war die Einzige von ihnen, die auch in der Valerie Lane wohnte, direkt über ihrem Laden. Und sie hatte die Straße nicht von ungefähr die »schönste Straße der Welt« genannt, es hatten schon mehrere Online-Portale, Blogs und sogar Zeitungen sie als genau das bezeichnet.

»Na gut. Aber falls du es dir doch anders überlegst, sag mir Bescheid. Ich nehm die Wohnung sofort.«

Susan lachte. »Da kannst du lange drauf warten.«

»Also, womit kann ich dienen? Woran hattest du für Charlotte gedacht?«

»Das weiß ich ehrlich gesagt selbst noch nicht. Vielleicht würde ihr ein kleiner Korb mit verschiedenen Sachen zum Baden gefallen.«

»Eine gute Idee! Welche Frau freut sich nicht über ein Wellnesspaket? Guck mal, ich hab gerade vor ein paar Tagen neue Badeöle reinbekommen. Dann habe ich noch Badeperlen im Angebot und coole Schwämme.« Sie holte eine Reihe von bunten Schwämmen hervor. Susan schnappte sich sogleich den rosafarbenen in Form eines Flamingos.

»Der ist ja toll. Den nehme ich. Und warte mal, was hast du denn für Badeöle zur Auswahl?«

»›Himbeerschaumtraum‹ ist sehr beliebt.« Orchid reichte ihr eine Flasche. Sie hatte eine glitzernde Plastikhimbeere um den Hals gebunden.

»Perfekt. Was passt noch dazu?«

»Rosa Badeperlen? Und vielleicht noch ein Shampoo? Eins, das auch nach Beeren riecht?«

»Ich vertraue dir voll und ganz. Machst du mir einen Korb für ungefähr fünfundzwanzig Pfund zurecht? Ich hole ihn nach der Arbeit ab.«

»Mach ich.«

Susan gab ihr das Geld und verabschiedete sich, dann blieb sie aber doch stehen und zeigte ihr ein seliges Lächeln. »Wusstest du, dass Michael nächste Woche zurückkommt?«

»Ehrlich? Aus Australien? Ist das Jahr schon um?«

Susan nickte euphorisch. Jeder wusste, wie sehr sie ihren Bruder Michael liebte, der für ein Jahr nach Sydney gegangen war, um irgendwas in der IT-Branche zu arbeiten. Da Susan die Valerie Lane nie verließ, vor allem wegen ihres Ladens und ihres Hundes, hatte sie ihn die ganze Zeit nicht gesehen und freute sich nun riesig auf seine Rückkehr. Orchid kannte Michael nicht persönlich, da er auch vor Australien ständig beruflich unterwegs gewesen war, in Kanada und sonst wo, deshalb war er ihr immer mehr wie eine Legende vorgekommen als wie ein richtiger Mensch. Fast so wie Valerie, über die man sich jede Menge Geschichten erzählte, die aber doch immer irgendwie unreal war.

»Das freut mich so für dich, Susan. Du hast ihn sicher sehr vermisst.«

»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr.«

»Bring ihn doch mal an einem Mittwochabend mit.« Da trafen sie sich nämlich immer in Laurie’s Tea Corner und führten somit eine Tradition der guten Valerie fort, die zu ihren Lebzeiten vor über einhundert Jahren an jedem Mittwoch nach Ladenschluss ihre Türen geöffnet hatte, um den Menschen eine heiße Tasse Tee, ein offenes Ohr oder eine Schulter zum Anlehnen zu geben.

»Ich werde ihn mitzerren, ob er will oder nicht.« Susan zwinkerte vergnügt.

»Na dann … Bis später.«

»Bis später.«

Susan wandte sich zum Gehen und ließ Orchid mit ihren Gedanken zurück. Sie holte die beiden Kartons mit den neuen Glückwunschkarten hervor, die am Tag zuvor geliefert worden waren. Als sie sie in den Ständer einsortierte, stieß sie auf eine pinke Karte mit der Aufschrift DANKE! Sie erinnerte sich an eine ähnliche Karte, die Patrick ihr geschenkt hatte, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten. Sie waren sich auf einer Party von Freunden begegnet und hatten sich sofort zueinander hingezogen gefühlt, was Orchid überrascht hatte, denn sie hatte sonst eher auf Männer gestanden, die wie sie gesprächig, lustig und offen für alles waren. Patrick dagegen war eher still, fast schon unnahbar gewesen. Er hatte kaum mehr als drei Sätze gesprochen und auch keine Witze erzählt, obwohl er schon einige Biere intus gehabt hatte, doch er hatte diesen schwermütigen Ausdruck in den Augen gehabt, der sie in seinen Bann gezogen hatte und den sie unbedingt hatte ergründen wollen. Patrick war ein Vogel mit einem gebrochenen Flügel, um den sie sich kümmern wollte … Leider war es ihr bis zum heutigen Tag nicht gelungen, zu ihm durchzudringen.

Die Karte hatte sie noch immer. Er hatte etwas hineingeschrieben. Danke, dass es dich gibt. Ich liebe dich. Dein Patrick. Das hatte sie damals total süß gefunden. Solche Geschenke hatte er ihr schon lange nicht mehr gemacht.

Sie seufzte und stellte die leeren Kartons beiseite. Vielleicht würde sie heute Abend mal wieder einen Versuch wagen, endlich die Tiefe seiner Seele zu erforschen. Vielleicht machte sie sich aber auch nur etwas vor und sollte sich endlich eingestehen, dass sie das niemals schaffen würde. Denn wer sich nicht in seine Seele blicken lassen wollte, hatte höchstwahrscheinlich Gründe dafür. Und wenn Patrick Geheimnisse vor ihr hatte, hatte sie viel größere Probleme als nur, dass er ihr keine Dankeskarten oder Herzkissen mehr schenkte.

KAPITEL2

Am Nachmittag kam eine Touristin zu Orchid in den Laden. Sie erzählte, dass sie aus Brighton stamme und Arwyn heiße.

»Sind Sie die Inhaberin dieses Geschäfts?«, fragte sie.

»Die bin ich«, antwortete Orchid fröhlich. »Was kann ich für Sie tun?«

Arwyn, um die dreißig, mit einer Kamera um den Hals ausgestattet, kam gleich zum Punkt. »Ich wollte mal fragen, ob ich eventuell Ihr Schaufenster fotografieren darf beziehungsweise die ganze Ladenfassade. Ich bin durch Zufall auf diese süße Straße gestoßen und stelle immer gerne Bilder von neuen tollen Orten bei Instagram rein.« Weil Orchid nicht gleich antwortete, fügte die junge Frau schnell noch hinzu: »Ich habe bereits über zwanzigtausend Follower.«

Orchid lächelte. »Na klar, machen Sie ruhig. Fotografieren Sie drauflos. Wie heißen Sie auf Instagram? Ich hinterlasse Ihnen gerne ein Like.«

»Oh, das ist aber nett.« Arwyn nannte Orchid ihren Instagram-Namen, lief mit ihrer Kamera herum, und bald hörte man nur noch »klick, klick, klick«.

Nachdem sie fertig fotografiert und sich noch mal bedankt hatte, verabschiedete Arwyn sich, und Orchid freute sich auf den Feierabend und einen hoffentlich romantischen Kinobesuch mit Patrick. Ein bisschen Romantik konnten sie gut brauchen.

Um Punkt sechs schloss sie den Laden ab und brachte Susan Charlottes Geschenk vorbei, da sie wusste, dass diese nur bis zwei Uhr nachmittags aushalf und es daher keinesfalls schon vor ihrem Geburtstag sehen würde.

»Danke, dass du es mir extra rüberbringst«, sagte Susan. »Das wäre aber nicht nötig gewesen.«

»Kein Problem. Ich will heute nicht so spät loskommen, weil ich mich nämlich gleich mit Patrick treffe. Wir wollen ins Kino.«

»Was guckt ihr euch an?«

»Keine Ahnung. Diesmal ist er dran mit Aussuchen, es dürfte also irgendein amerikanischer Actionfilm sein.«

Patrick kam aus den USA, genauer gesagt aus West Virginia. Er war erst seit seinem achtzehnten Lebensjahr in England und stand noch immer auf alles Amerikanische.

»Na, dann wünsche ich euch viel Spaß.«

»Danke.«

»Ach, übrigens … Da wir doch vorhin darüber geredet haben, dass die Valerie Lane die schönste Straße der Welt ist. Heute kam eine junge Frau in meinen Laden und hat gefragt, ob sie unsere Straße und mein Schaufenster fotografieren darf. Sie meinte, sie habe noch nie so eine hübsche kleine Straße gesehen und sie sei schon viel gereist.«

»Ah, diese Touristin? Arwyn? Die war auch bei mir und hat gefragt.«

»Ja, genau die. Hach, ist es nicht schön, wie berühmt unsere Straße wird? Wenn du bei Instagram den Hashtag valerielane eingibst, erscheinen unglaublich viele Beiträge, und es werden jeden Tag mehr.«

»Ja, ich denke, das haben wir hauptsächlich Ruby zu verdanken. Seit sie Valeries Tagebuch ausgestellt hat, kommen die Leute in Scharen in unsere Straße. Sie pilgern regelrecht her, als wäre die Valerie Lane eine Art Wallfahrtsort.« Orchid lachte.

»Ja, so kommt es mir auch vor.«

Ruby, die Besitzerin von Ruby’s Antiques & Books, hatte schon als Kind Valeries Tagebücher unter einer alten Holzdiele im Laden ihrer Mutter entdeckt. Damals hatte es dort lediglich staubige Antiquitäten gegeben, und genauso alt und antik, jedoch ganz besonders waren diese Tagebücher, die Ruby ihnen allen viele Jahre vorenthalten hatte. Ruby war mit achtzehn zum Studieren nach London gegangen und erst wieder zurückgekommen, als ihre Mutter Meryl bereits im Sterben lag; das war ein Jahr, bevor Orchid in die Valerie Lane fand. Ruby übernahm dann den Antiquitätenladen, war bei den Mittwochstreffen dabei und war Orchid und den anderen eine richtig gute Freundin geworden. Erst im letzten Jahr hatte Ruby dann an einem Mittwochabend eines von Valeries Tagebüchern mitgebracht und ihnen davon erzählt. Obwohl Orchid es ihr anfangs übel genommen hatte, dass sie ihren wertvollen Fund so lange vor ihnen verheimlicht hatte, konnte sie ihr doch nicht wirklich böse sein. Und seit Ruby ihnen aus den Büchern vorlas, war sowieso alles vergeben und vergessen, und sie alle freuten sich einfach nur, jedes Mal ein bisschen mehr über ihr großes Vorbild zu erfahren.

Valerie Bonham war eine ganz besondere Frau gewesen. Orchid war sich sicher, dass die Welt nie wieder so eine gutherzige Person gekannt hatte, jemanden, der so selbstlos war und immer erst an andere dachte, bevor er auch nur einen Gedanken an sich selbst verschwendete. Valerie hatte niemals Kinder bekommen, obwohl es ihr größter Wunsch gewesen war, und deshalb hatte sie ihre Liebe und Fürsorge anderweitig verteilt. Orchid musste oft an sie denken, und sie fragte sich in gewissen Situationen, was Valerie wohl getan hätte. Vielleicht hielt sie ja ihretwegen so an der Beziehung zu Patrick fest, weil auch sie ein guter Mensch sein und Patrick helfen wollte, weil sie nicht aufgeben und kein Verlierer sein wollte. Womöglich war das der wirkliche Grund, warum sie ihren Freundinnen gegenüber so tat, als wäre alles in bester Ordnung.

»Na, vielen Dank auf jeden Fall«, sagte Susan. »Der Korb sieht toll aus, Charlotte wird sich bestimmt riesig freuen.«

»Das hoffe ich. Ich komm morgen mal vorbei, um ihr zu gratulieren.«

»Alles klar. Dann habt viel Spaß im Kino, du und Patrick.«

»Werden wir garantiert haben. Was machst du heute noch Schönes?«

»Ach, das Übliche. Ich werde gleich noch einen kleinen Spaziergang mit Terry machen, und später kommt dann Stuart vorbei. Er bringt seine Gitarre mit, er sagt, er will mir ein paar neue Songs vorspielen.«

Orchid seufzte innerlich. Sie fand es so süß, wie Susan Stuart zu inspirieren schien. Stuart war Gitarrenlehrer und brachte nebenbei den Leuten im Gemeindezentrum kostenlos das Spielen bei. Seit er mit Susan zusammen war, hatte er schon mehrere Songs nur für sie geschrieben, wunderschöne Liebeslieder, ein paar davon hatte er auf Susans Geburtstagsparty vergangene Woche zum Besten gegeben. Vor allen Leuten! Manchmal wünschte Orchid sich auch so einen romantischen Freund wie Stuart. Oder wie Barry, das war Lauries Mann, der vor versammelter Mannschaft auf die Knie gegangen war und ihr einen Antrag gemacht hatte. Aber sie wollte sich nicht beklagen, Patrick hatte auch seine guten Seiten. Er war ihr treu, hörte ihr zu, war für sie da. Nur würde sie sich wünschen, dass er sie endlich mal für ihn da sein ließe. Dass er ihr nur einmal sein Herz ausschütten würde.

Sie machte sich auf zu dem Handyladen, in dem er arbeitete. Als sie die Cornmarket Street entlangging, kam sie an einem Straßenkünstler vorbei, der riesige Seifenblasen zauberte. Sie waren größer als er selbst und zerplatzten mit einem Plopp auf dem Boden, dass es spritzte. Orchid beobachtete die Blasen fasziniert. Das liebte sie an Oxford, es gab immer irgendwas Cooles zu bestaunen, und obwohl es nur ein Städtchen war, wurde einem nie langweilig.

Nachdem sie sich endlich von dem Seifenblasenzauber gelöst hatte, weil sie Patrick nicht warten lassen wollte, eilte sie um die Ecke George Street und kam ein wenig japsend bei ihm an. Er lächelte ihr zu, als er sie durch die Tür kommen sah. Da er in einer der Hauptverkaufsstraßen arbeitete, wo die Geschäfte teilweise bis sieben oder sogar acht geöffnet hatten, war er noch beschäftigt, obwohl er offiziell ebenfalls um sechs Uhr Feierabend hatte.

»Ich brauche noch einen Moment, muss nur schnell herausfinden, warum der Akku hier ständig ausgeht«, sagte er und wirkte sofort wieder schwer konzentriert.

»Kein Problem, lass dir Zeit. Die Filme beginnen erst um acht, ich dachte aber, wir könnten vorher vielleicht noch was essen gehen.«

»Klar, warum nicht. Worauf hast du Appetit?«

Wieder dieses Spiel …

Da sie keine Lust auf ein langes Hin und Her hatte, erwiderte sie: »Mir ist heute nach einem Burger. Und Süßkartoffelpommes.« Ihre Freundinnen waren neidisch auf sie, weil sie essen konnte, was sie wollte, ohne zuzunehmen. Aber so war es schon immer gewesen. Sie konnte riesige Mengen in sich hineinschaufeln, sie war einfach mit einem guten Stoffwechsel gesegnet.

»Burger und Pommes hören sich super an.« Patrick lächelte wieder, und sie dachte, wie sehr sie sein Lächeln doch liebte. Es hatte etwas Warmes, Zuversichtliches, etwas, das Patrick in Worten nur selten ausdrückte.

Zehn Minuten später hatte er das Problem behoben und das Handy wieder zusammengebaut. Er sagte seinem Kollegen, dass er jetzt Schluss für heute machte, zog seine schwarze Lederjacke über, in der er ihrer Meinung nach mehr nach Paul Walker aussah denn je, und kam auf Orchid zu. Er gab ihr einen Kuss und nahm ihre Hand. So gingen sie zwei Straßen weiter zum Burger-Restaurant, wo Patrick für sie beide bestellte. Er wusste genau, was sie wollte, und das war richtig schön. Dass er sie so gut kannte, dass sie so vertraut miteinander waren … Oder war es schlicht die Gewohnheit, die so schön war? So bequem? Waren sie dabei, zu einem von diesen Paaren zu werden, bei denen alles nur noch gewohnt und langweilig und überhaupt nicht mehr aufregend war?

Sie aßen überwiegend schweigend, erzählten sich in knappen Worten von ihrem Tag und begaben sich dann zum Kino. Dort kaufte Orchid das Popcorn, während sie Patrick den Film aussuchen und die Karten besorgen ließ. Während des Films kuschelte sie sich an ihn und bat ihn schweigend um Entschuldigung, dass sie diese Gefühle hatte, die sie nicht mehr ausblenden konnte.

»Wie fandest du den Film?«, fragte Patrick, als der Abspann lief.

»Spannend.« Das war er wirklich gewesen. Sie hätte ja lieber Shape of Water – Das Flüstern des Wassers gesehen, aber Patrick hatte sich für Death Wish mit Bruce Willis entschieden. Der Film handelte von einem Vater, der nach der Ermordung seiner Familie das Gesetz selbst in die Hand nahm und auf Rache gesinnt war.

Das brachte Orchid auf den Gedanken, wieder einmal das Thema Familie anzusprechen. Sie sah Patrick aus den Augenwinkeln an und überlegte, wie sie es am besten anstellen sollte, ohne dass er gleich dichtmachte.

Wie war denn dein Vater so? Hatte er Ähnlichkeit mit Bruce Willis?

Verflixt und zugenäht – sie hatte absolut keinen Schimmer, wie sie beginnen sollte. So ging ihr das seit Jahren! Und selbst wenn sie Patrick mal etwas hatte entlocken können, war sie danach auch nicht wirklich schlauer als vorher gewesen.

Sobald sie draußen waren, fragte Patrick: »Wollen wir den Bus nehmen oder laufen?«

Sie hatten es vom Kino nicht weit nach Hause, es waren keine zwanzig Minuten zu Fuß.

»Lass uns ruhig laufen, ein bisschen frische Luft tut sicher gut.« Vielleicht würde ihr dabei ja etwas Geniales einfallen.

Patrick nickte und hielt ihr den Arm hin, in den sie sich einhakte.

»Du, Patrick …«, begann sie vorsichtig. »Dieser Film … Es muss wirklich hart sein, wenn man auf einen Schlag seine gesamte Familie verliert … Vermisst du deine Eltern sehr?«

Sein Vater und seine Mutter waren bei einem Autounfall gestorben, als er vierzehn gewesen war, das hatte er ihr anvertraut. Viel mehr hatte er aber nicht darüber erzählt.

Patrick nahm sogleich wieder diesen Gesichtsausdruck an, der irgendwie versteinert wirkte und auch ein wenig genervt. So, als wollte er ihr wortlos mitteilen, dass er ihr doch schon mehr als einmal gesagt habe, er wolle nicht darüber reden.

»Klar tue ich das«, antwortete er. »Ich werde aber nicht zum blutrünstigen Killer mutieren, keine Sorge.« Er lachte, wollte wohl, dass es wie ein Witz rüberkam, doch es wirkte einfach nur verkrampft.

»Das musst du auch nicht, deine Eltern wurden ja nicht getötet. Oder hat der andere Autofahrer etwa mit Absicht diesen Unfall gebaut?«

Keine Antwort von Patrick.

»Es war doch ein anderer Fahrer beteiligt, oder sind sie etwa gegen einen Baum gefahren oder von einer Klippe gestürzt oder so was?« Sie konnte nicht glauben, dass sie nicht einmal das wusste. Nach vier gemeinsamen Jahren.

Patrick warf ihr einen unmissverständlichen Seitenblick zu. Noch immer schwieg er beharrlich.

»Patrick, ich weiß nicht, warum du mir immer noch nicht erzählen willst, was damals passiert ist. Ich meine, wir sind schon so lange zusammen. Denkst du nicht, ich habe ein Recht darauf, ein bisschen was von deiner Vergangenheit zu erfahren?« So langsam wurde sie sauer, wenn auch ungewollt.

»Das hast du wohl«, sagte er und blieb stehen. »Es ist nur nicht leicht für mich, darüber zu reden.«

»Das hab ich auch schon mitbekommen«, sagte sie und versuchte mühevoll, es nicht sarkastisch klingen zu lassen. Sie war halt ein sehr direkter Mensch, deshalb machte es sie ja auch wahnsinnig, dass Patrick sich so extrem verschloss, vor allem vor ihr, der er wirklich alles sagen konnte.

»Ich kann nicht darüber reden, weil … weil ich dabei war.« Patrick fiel praktisch in sich zusammen, er kam ihr auf einmal unglaublich klein und zerbrechlich vor.

»Oh mein Gott! Das wusste ich ja nicht, Patrick. Warum hast du nie …«

»Weil ich wie gesagt nicht drüber reden kann. Würdest du das einfach mal akzeptieren? Bitte?« Seine Augen flehten sie an.

»Okay. Tut mir leid, dass ich immer wieder darin rumstochere.«

Patrick nickte und ging weiter.

»Ich würde nur so gerne ein wenig mehr über dich erfahren. Selbst wenn du nicht über den Unfall reden willst, was ich absolut verstehe, sprichst du auch nie über irgendwas anderes. Gib mir doch wenigstens ein bisschen was. Erzähl mir, wie es war, in West Virginia aufzuwachsen. Erzähl mir von deinen Freunden. Oder von deinen Hobbys als kleiner Junge. Irgendwas!«

Patrick seufzte. Ohne sie anzusehen, sagte er: »Ich hab dir doch schon erzählt, dass meine Kindheit in Union eben war, wie eine Kindheit in einem kleinen Kaff auf dem Land so ist. Ich bin mit meinen Freunden Fahrrad gefahren, auf Bäume geklettert, und wir haben uns eine Schleuder gebastelt, mit der wir Murmeln auf Briefkästen geschossen haben. Ich hatte einen Hund, Buster, mit dem ich den ganzen Tag draußen im Garten herumgetollt bin.«

»Ja, von Buster hast du mir erzählt. Was war das noch gleich für ein Hund? Ein Rottweiler?«

»Genau. Ich habe ihn bekommen, als ich acht war. Zum Geburtstag. Er war mein bester Freund.«

Orchid hörte Patrick zu, und es beschlich sie wie jedes Mal ein merkwürdiges Gefühl. Denn irgendwie hörte es sich einstudiert an, als wäre Patrick ein Roboter, dessen Knopf man gedrückt hatte und der einem das aufsagte, was er auswendig gelernt hatte.

»Danke, dass du mich teilhaben lässt«, sagte sie dennoch und sah hinauf zu den Sternen, als könnten die ihr mehr Antworten geben als ihr Freund.

Zu Hause gingen sie sofort ins Bett und liebten sich. Das war zwischen ihnen nie ein Problem gewesen; was körperliche Intimitäten anging, verstanden sie sich, denn da brauchte man keine Worte. Sie verstanden sich sogar erstaunlich gut. Manchmal, fand Orchid, war es, als würden ihre Körper miteinander verschmelzen. Und dann wusste sie wieder, dass sie zueinander gehörten. Wer brauchte denn Worte, wenn er Liebe und Leidenschaft hatte?

»Kommst du am Samstag mit zu meinen Eltern?«, fragte sie, als sie danach aneinandergekuschelt unter den Decken lagen.

»Am Samstag? Ich glaube nicht, dass das was wird. Da muss ich arbeiten.«

»Ich doch auch. Aber André übernimmt nachmittags.« André war ihre Aushilfe, ein französischer Austauschstudent. »Es wäre echt nett, wenn wir alle mal wieder zusammenkämen. Phoebe, Lance und das Baby werden auch da sein.«

»Ich denke nicht, dass ich früher von der Arbeit wegkomme.«

»Dann nach der Arbeit.«

»Hm … Ich wollte mich eigentlich mit Dave treffen. Hab ihm versprochen, ihm seinen DVD-Player zu reparieren.«

Warum sagst du nicht einfach, dass du keine Lust hast?, dachte Orchid ein wenig genervt. Manchmal fragte sie sich aber auch, ob es einfach zu schwer für ihn war, an einem heilen Familienleben teilzunehmen, nachdem er selbst niemanden mehr hatte. Mit seinen Eltern hatte er jeden noch lebenden Verwandten verloren, hatte er ihr erzählt. Sie fand es so schade, dass er ihre Familie nicht als das ansah, was sie für ihn sein könnte: neue Verwandte – Menschen, die sich um ihn sorgten.

»Okay, dann geh halt zu Dave.«

»Bist du sauer?«, fragte er.

»Nein, schon gut.« Sauer war sie nicht, enttäuscht aber schon. Denn Patrick kam so gut wie nie irgendwohin mit. Nicht mit zu ihren Eltern, nicht auf Susans Geburtstagsfeier und nie in Laurie’s Tea Corner an einem Mittwochabend. Dabei waren doch diese Stunden die schönsten der Woche für sie. Sie hätte es einfach nett gefunden, wenn er – wenigstens ab und zu – mal dabei gewesen wäre. Denn guter Sex war nun mal nicht alles, was eine Beziehung ausmachte …

Andererseits war Patrick schon seit Längerem nicht mehr die Person, die sie bei den Treffen vermisste … Das war jemand ganz anderes.

KAPITEL3

Auf dem Weg zu Laurie’s Tea Corner lugte Orchid in den Blumenladen. Emily’s Flowers. Tobin hatte ihn, um ihn den anderen Läden der Valerie Lane anzupassen, nach seiner Grandma benannt, die stille Teilhaberin war. Orchid hatte die alte Dame seit der Eröffnung im Februar letzten Jahres ein paarmal gesehen und fand sie trotz ihrer Strenge und ihres schnippischen Verhaltens großartig. Sie stand mit beiden Beinen im Leben und hatte viel erreicht – das wollte Orchid auch sagen können, wenn sie eines Tages achtzig wäre. Zumindest schätzte sie die gute Dame vom Alter her so ein, sie konnte sich aber auch täuschen, denn das ständige Stirnrunzeln, das Emily Sutherland begleitete, machte sie faltiger und älter, als sie vielleicht war. Tobin schien sie trotz ihrer immer tadelnden Worte sehr zu schätzen.

Bei Tobin war zwar noch Licht an, sie konnte aber durchs Fenster keinen Blick auf ihn erhaschen, also überquerte sie die Straße und betrat den Teeladen.

Noch bevor sie das zauberhafte kleine Geschöpf entdeckte, wusste sie, was los war. Das entnahm sie der Sprache, die ihre Freundinnen plötzlich angenommen hatten. Man hörte nur noch »Gutschigutschigu« und »Dutzidutzidu« und hätte denken können, dass die Erde von einer außernatürlichen Intelligenz erobert und eine neue Sprache eingeführt worden wäre. Doch natürlich galten diese komischen Laute nur der zuckersüßen Clara, die Laurie heute Abend mit dabeihatte.

Laurie hatte Clara ein paar Tage vor Neujahr zur Welt gebracht, an einem Mittwoch – wie sollte es anders sein? Orchid zerfraß es noch immer, dass sie, die eigentlich als Geburtsbegleiterin hätte dabei sein sollen, ausgerechnet in der Woche krank gewesen war. Sie hatte mit Grippe flachgelegen, und Susan hatte ihren Part übernommen. Orchid war eigentlich kein Babymensch, zumindest dachte sie nicht im Mindesten darüber nach, in absehbarer Zeit eigene Kinder in die Welt zu setzen. Doch sie war auch schon bei Emilys Geburt dabei gewesen – bei Baby-Emily, nicht bei Schnippische-alte-Dame-Emily. Ihre Schwester Phoebe hatte ihre Tochter übrigens exakt nach dieser benannt, oder besser nach Tobins Laden, nachdem sie das Schild gesehen und einen Narren an dem Namen gefressen hatte. Orchid wäre wirklich gerne auch in Lauries schwerster Stunde da gewesen und hätte ihr beigestanden, Atemübungen mit ihr gemacht und ihr lustige Geschichten erzählt, um sie von den Schmerzen abzulenken. Andererseits, wenn sie sich Laurie und Barry und ihr junges Familienglück so ansah, war sie sich ziemlich sicher, dass da bald wieder Nachwuchs angesagt war. Dann könnte sie vielleicht doch noch die Freundin sein, der Laurie die Hand während der unerträglichen Wehen zerquetschte, von denen Orchid sich fragte, wie nur irgendeine Frau auf der Welt sie freiwillig auf sich nehmen konnte.

Orchid vermied jede Art von Schmerz. Früher einmal hatte sie sich vorgenommen, sich den ganzen Unterarm tätowieren zu lassen, mit wunderhübschen bunten Blumen, Schmetterlingen, einer Sonne und einer Biene. Doch schon nachdem sie sich die erste Blume hatte stechen lassen, hatte sie genug gehabt und beschlossen, es bei dem einen Tattoo zu belassen. Auch putzte sie sich ihre Zähne dreimal am Tag, um dem Zahnarztbohrer vorzubeugen. Sie trug nur flache, bequeme Schuhe, weil sie sich keine engen High Heels antun wollte, und natürlich vermied sie jede Art von Streit, weil seelische Schmerzen die schlimmsten waren. Orchid Hurley war ein harmoniebedürftiger, fröhlicher Mensch, einer, für den das Leben wirklich eitel Sonnenschein war, und selbst wenn es mal regnete, schloss sie einfach die Augen und zauberte sich in ihrer Fantasie die Sonne herbei. So war sie schon immer gewesen, das war ihre Natur, und ihre Freundinnen sagten ihr, dass sie sie genau deshalb so schätzten. Wenn der Haus- oder der Ladensegen nämlich mal schiefhing, brauchte man einfach nur Orchid herbeizuholen, die wusste schon Rat. Die hellte mit ihrer Fröhlichkeit, mit ihrem Elan, mit ihrer heiteren Art alles wieder auf.

Ja, so war Orchid, zumindest war sie immer so gewesen. Nur in letzter Zeit, ziemlich genau seit Februar letzten Jahres, war irgendetwas mit ihr geschehen, und ihr eigener Haussegen war es, der seither schiefhing. Ihr Herzsegen hatte einen verschleierten Vorhang vor die Sonne gehängt und ließ diese nur noch teilweise hindurch. Mehr und mehr verdüsterte sich ihr Gemüt, besonders wenn sie an eine bestimmte Person dachte, an die sie gar nicht so viel denken sollte. Denn es war nicht derjenige, den sie vor vier Jahren in ihr Herz gelassen hatte, nicht der, mit dem sie Heim und Bett teilte.

Patrick hatte sie damals runtergeholt von ihrer Ich-date-mal-hier-und-mal-da-Einstellung. Er war es gewesen, der ihr Geborgenheit geschenkt hatte. Und damals hatte sie es schön gefunden, dass er so ein guter Zuhörer war, dass er sie nie unterbrach, wenn sie ihm stundenlang unbedeutendes Zeug erzählte. Sie hatte ihn für aufmerksam gehalten, nicht ahnend, dass er ihr nur einfach nichts über sich erzählen wollte. Das brachte sie inzwischen fast um den Verstand. Es fehlte ihr so sehr, dieses Gefühl, gebraucht zu werden. Sie sehnte sich nach innigen Gesprächen, nach Vertrautheit, nach peinlichen Geständnissen, nach lustigen Geschichten und traurigen Erlebnissen und wunderschönen Erinnerungen, die man nur mit seinem Herzensmenschen teilen mochte.

Tobin war da anders. Tobin erzählte viel und gerne. Er war lustig und offen, und bei ihm hatte man nicht das Gefühl, gegen Windmühlen anzukämpfen. Tobin verdeutlichte ihr mehr und mehr, was sie sich in einer Beziehung eigentlich wünschte. Doch an Tobin durfte sie jetzt gar nicht denken …

»Hi, Orchid, schön, dass du da bist«, begrüßte Laurie sie.

»Hi, Laurie. Wie ich sehe und höre, hast du heute Clara dabei.«

»Ja, ich dachte, ich bringe sie mal wieder mit. Barry trainiert heute seine Jungenmannschaft.«

»Sie ist wirklich jedes Mal, wenn ich sie sehe, noch ein bisschen niedlicher geworden.« Orchid beugte sich zu dem Maxi-Cosi hinunter, in dem Clara mit großen Augen lag. Sie blickte in die Gegend, als wollte sie die ganze Welt auf einmal erkunden. Ein neugierigeres Kind hatte Orchid nie gesehen.

Laurie hatte der Kleinen, die das rote Haar von ihr geerbt hatte, ein typisches rosa Outfit angezogen und ein hübsches weißes Mützchen aufgesetzt. Falls Orchid doch jemals eine Tochter hätte, würde sie ihr ganz provokativ blaue Sachen und Baseballkappen aufsetzen, um die Leute zu irritieren. Sie musste schmunzeln.

Statt Gutschigutschigu fragte sie Clara: »Na, meine Kleine, wie geht’s dir? Darfst du schon ekligen Karottenbrei essen?«

Laurie lachte. »Sie ist gerade mal dreieinhalb Monate alt. Mit Brei werden wir frühestens mit sechs Monaten anfangen.«

»Klappt es gut mit dem Stillen?«, fragte Keira.

Orchid verzog das Gesicht, denn das war nun ein Thema, über das sie sich nicht unbedingt die nächste halbe Stunde unterhalten wollte.

»Es klappt immer noch super. Am liebsten würde ich sie stillen, bis sie acht ist.«

»Urgs«, machte Orchid und sah zu Thomas, den Keira, die Besitzerin der Chocolaterie, heute mitgebracht hatte. Er lächelte fröhlich vor sich hin. Wahrscheinlich hatten die beiden ihr zukünftiges Familienleben auch schon haargenau geplant. Bei Thomas konnte sie sich gut vorstellen, dass er in Elternzeit gehen und Keira weiterarbeiten würde. Laurie hatte die ersten drei Monate nach Claras Geburt nur ab und zu mal im Laden geholfen, seit Anfang April stand sie wieder drei Tage die Woche in der Tea Corner. Dann passte Barrys Mutter auf die Kleine auf. »Können wir bitte über was anderes reden?«, bat Orchid nun.

»Habe ich euch schon erzählt, dass Michael nächste Woche aus Australien zurückkommt?«, fragte Susan ganz aufgeregt.

»Mir hast du es erzählt«, erwiderte Orchid.

»Mir auch«, sagte Ruby.

»Ich glaube, du hast uns allen schon ausführlich davon berichtet«, lachte Laurie.

»Na, wie auch immer. Er hat ein Angebot für eine feste Anstellung aus London bekommen, über das er ernsthaft nachdenkt. Ich bete, dass er es annimmt, dann wäre er nämlich immer ganz in meiner Nähe.«

Orchid sah Susan an. Manchmal vergaß sie, wie wenig Menschen Susan um sich herum hatte. Sie hatte zwar ihren Hund Terry und seit Kurzem auch Stuart an ihrer Seite, doch ihre Mutter war bereits verstorben, ihr Vater, zu dem sie kein sehr gutes Verhältnis hatte, lebte in einem Seniorenheim, und Geschwister hatte sie außer Michael keine. Sie musste wirklich überglücklich sein, dass er bald wieder da sein würde. Orchid konnte sich ein Leben ohne Phoebe überhaupt nicht vorstellen, sie war nämlich nicht nur ihre Schwester, sondern auch ihre beste Freundin, ihr vertraute sie alle Sorgen an und hatte so viele schöne Momente mit ihr zusammen erlebt. Seit ihrer Kindheit waren sie unzertrennlich. Wäre Phoebe nicht zwei Jahre älter und früher immer einen Kopf größer gewesen, hätte man sie fast für Zwillinge halten können. Inzwischen waren sie in etwa gleich groß, hatten beide langes blondes Haar, und man sah ihnen auf hundert Meter Entfernung an, dass sie Schwestern waren. Sie dachten gleich, sie hatten die gleichen Vorlieben und Abneigungen; einzig, dass Phoebe sich immer schon eine eigene Familie gewünscht hatte, unterschied sie voneinander.

»Wann genau kommt er an?«, erkundigte sich Keira.

»Am Montag, den dreiundzwanzigsten. Ich hole ihn natürlich vom Flughafen ab. Und ich bringe ihn mit in die Valerie Lane, denn er wird fürs Erste bei mir wohnen. Bis er sich wegen London entschieden hat.«

»Ooooh, noch ein heißer Typ in unserer Straße!«, sagte Laurie.

»Noch einer? Was meinst du damit, wer ist denn hier noch heiß?«, fragte Orchid und lachte, Tobin gekonnt ausblendend. »Mr. Monroe etwa oder Mr. Spacey?«

Mr. Monroe war Ende fünfzig und lebte über ihrem Gift Shop; Mr. Spacey, der Verwalter der Valerie Lane, war ungefähr genauso alt. Beide waren eher klein, gedrungen und hatten eine Vorliebe für Hüte.

Apropos Hüte. In diesem Augenblick betraten ihre liebe Freundin Mrs. Witherspoon und deren Göttergatte Humphrey, der wie immer seine alte Pilotenmütze trug, die Tea Corner.

»Guten Abend, alle miteinander«, sagte die alte Dame und zeigte ihnen ihr herzallerliebstes Lächeln.

Mrs. Witherspoon war seit Jahren eine Stammkundin in der Valerie Lane. Sie war ihnen sehr ans Herz gewachsen, sie alle waren sogar dabei gewesen, als sie im vergangenen Jahr ihrem Humphrey das Jawort gegeben hatte. Wenn Orchid sie jetzt betrachtete, konnte sie nur denken, dass dieser Mann das Beste war, das Mrs. Witherspoon auf ihre alten Tage hatte passieren können. Die beiden waren so süß miteinander.

»Guten Abend, Mrs. Witherspoon!«, grüßten sie zurück. Die Gute hatte ihnen schon so oft angeboten, sie beim Vornamen anzureden, doch für Orchid und ihre Freundinnen war und blieb sie einfach Mrs. Witherspoon, obwohl sie seit bald einem Jahr eigentlich Mrs. Graham hieß. »Und guten Abend, Humphrey«, fügten sie hinzu.

»Guten Abend, Ladys«, grüßte Humphrey, hob die Pilotenmütze und verbeugte sich, ganz Gentleman.

»Da ist ja die kleine Clara«, sagte Mrs. Witherspoon ganz begeistert. Sie war früher einmal Hebamme gewesen und vergötterte Babys. Leider hatte sie, wie die gute Valerie, nicht das Glück gehabt, selbst Mutter zu werden, doch mit Humphrey hatte sie gleich vier Enkelkinder bekommen, was Orchid riesig für sie freute. Wenn es einen Menschen gab, der unbedingt eine Grandma sein sollte, dann Mrs. Witherspoon.

Die alte Dame mit den vom Wind verwüsteten weißen Haaren beugte sich über das Baby und staunte. Auch sie machte diese Laute wie alle anderen, dann bot Laurie ihr einen Stuhl an, und sie setzte sich. Humphrey tat es ihr gleich.

»Darf ich Ihnen einen Tee anbieten? Heute trinken wir eine Zitrusmischung, weil es draußen schon so schön frühlingshaft ist.«

»Habt ihr die Krokusse überall gesehen? Sie sehen so hübsch aus«, sagte Mrs. Witherspoon.

Orchid nickte lächelnd. Die Krokusse waren ihr am Morgen auf dem Weg zur Arbeit tatsächlich auch aufgefallen. Sie schienen wie aus dem Nichts aus der Erde geschossen zu sein, blühten nun in Lila und Gelb und verbreiteten Freude und Frühlingsgefühle.

»Was meine Frau eigentlich sagen möchte«, meldete sich Humphrey zu Wort. »Wir hätten liebend gern einen Zitrustee. Nicht, mein Schatz?«