Der Facebook-Vater - René Struve - E-Book

Der Facebook-Vater E-Book

René Struve

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Beschreibung

Am 20. Februar 2017 sieht er seine fünfjährige Tochter zum letzten Mal. Seine getrennt lebende Frau holt sie bei ihm ab, am nächsten Tag sind beide verschwunden. Zurück bleiben ein ratloser Vater und der gemeinsame Sohn. Seine Frau ist nicht mehr zu erreichen, auf keinem Weg, und von seiner Tochter gibt es kein Lebenszeichen. Er geht den wenigen Spuren nach, die er findet: Sie führen ihn nach England und nach Polen - dorthin, von wo seine Frau stammt und wo er nun beide vermutet. Ihn quält die Ungewissheit und die Frage, warum er die Warnzeichen, die es gab, ignoriert, warum er stillgehalten hat? Vielleicht, weil es gerade in dieser Zeit wieder aufwärts mit der Familie ging: Die Prognosen der Behörden waren gut, und ein gerichtliches Verfahren wurde eingestellt. Doch bei seiner Frau überwog offenbar die Furcht, sie könne nach dem Sohn, der immer beim Vater bleiben wollte, nun auch die Tochter verlieren. Zurück bleibt ein Vater vor den Trümmern seiner Familiengründung, mit dem verzweifelten Versuch, Scherben zusammenzufügen und die Geschwister wieder zusammenzubringen.

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Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2017

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René Struve

Der Facebook-Vater

Brief an meine Tochter

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Chronologie:

Der Facebook-Vater

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Impressum neobooks

Vorwort

Am 20. Februar 2017 sieht er seine fünfjährige Tochter zum letzten Mal. Seine getrennt lebende Frau holt sie bei ihm ab, am nächsten Tag sind beide verschwunden. Zurück bleiben ein ratloser Vater und der gemeinsame Sohn. Seine Frau ist nicht mehr zu erreichen, auf keinem Weg, und von seiner Tochter gibt es kein Lebenszeichen. Er geht den wenigen Spuren nach, die er findet: Sie führen ihn nach England und nach Polen - dorthin, von wo seine Frau stammt und wo er nun beide vermutet.

Ihn quält die Ungewissheit und die Frage, warum er die Warnzeichen, die es gab, ignoriert, warum er stillgehalten hat? Vielleicht, weil es gerade in dieser Zeit wieder aufwärts mit der Familie ging: Die Prognosen der Behörden waren gut, und ein gerichtliches Verfahren wurde eingestellt. Doch bei seiner Frau überwog offenbar die Furcht, sie könne nach dem Sohn, der immer beim Vater bleiben wollte, nun auch die Tochter verlieren.

Zurück bleibt ein Vater vor den Trümmern seiner Familiengründung, mit dem verzweifelten Versuch, Scherben zusammenzufügen und die Geschwister wieder zusammenzubringen. 

Chronologie:

20.2.2017: Er sieht seine Tochter zum letzten Mal, verbringt Zeit mit ihr und seinem Sohn.

21.2.2017: Sein Sohn wird nicht wie vereinbart von seiner Frau von der Schule abgeholt. Seine Tochter fehlt in der Kita, ohne abgemeldet zu sein. Die Wohnung ist verlassen, wichtige Unterlagen und Gegenstände seiner Frau und seiner Tochter fehlen. Die Wohnungsschlüssel und ein Abschiedsbrief sind zurückgelassen. Darin ist von einem dreiwöchigen Urlaub in Polen die Rede.

21.2.2017 ff: Seine Frau ist nicht mehr erreichbar, die Familie in Polen auch nicht. Keine Antwort auf Anrufe, Mails, SMS, Briefe, Päckchen, ein Telegramm.

9.3.2017: Die „alte Oma“ (seine Mutter; Sprachgebrauch der Kinder) stirbt mit 91 Jahren. Sein Sohn kann sich verabschieden, seine Tochter nicht. Die „Polen-Oma“ (Sprachgebrauch der Kinder) kondoliert, weitergehende Fragen nach dem Verbleib der Tochter werden nicht beantwortet. Von seiner Frau keine Reaktion.

17. - 19.3.2017: Fahrt nach Torun, Polen. Langes Gespräch mit seiner Schwiegermutter und seinem Schwager, der auf Englisch dolmetscht. Die Vergangenheit wird aufgerollt, ihm werden seine Fehler vorgehalten. Seine Frau ist für die Familie das Opfer, er ist an allem schuld. Sie sagen, sie wüssten nicht, wo die beiden seien (was, wie sich später zeigt, nicht stimmen kann. Die Vermutung liegt nahe, dass sie sich bei Angehörigen der in Polen weitverzweigten Familie aufhalten). Seine Frau habe nur einmal angerufen (stimmt ebenfalls nicht, s.u.). Immerhin findet jetzt überhaupt ein Gespräch statt, abends geht man noch in der Toruner Altstadt essen, die Stimmung ist aufgelockert.

22.3.2017: Ein Brief des Familiengerichts Düsseldorf trifft ein: Das Verfahren ist beendet! Die Richterin folgt einer Empfehlung des Jugendamtes. Die Entscheidung erfolgte schon am 8. März 2017. Er schickt die Nachricht als SMS, Mail und Brief nach Polen. Der Schwager verspricht, sich mit seiner Schwester in Verbindung zu setzen. Danach herrscht Funkstille bis Anfang April.

1.4. - 3.4.2017: Fahrt nach Gloucester, England, Nähe Birmingham. Er geht einem Hinweis nach, wonach sich beide dort aufhalten könnten. Er trifft eine Schulfreundin seiner Frau, bei der beide die erste Woche nach ihrem Verschwinden waren. Die Schulfreundin berichtet ihm von dieser Woche; was sie sagt, klingt für ihn authentisch. Jeden Tag habe seine Frau mit ihrer Mutter in Polen telefoniert. Auf ihre Bemerkung hin, doch einmal eigene Entscheidungen zu treffen, sei es zu Missstimmungen gekommen. Wohin beide anschließend gehen wollten, habe seine Frau nicht verraten. Das sei ihre Privatsache, habe sie trotzig gesagt (Anm.: Klingt für ihn sehr authentisch!).

Er stellt eine Vermisstenanzeige bei der örtlichen Polizei. Der Fall erhält die Incident-Number „Inc. 303 of 2. April 2017“ Die englische Polizei kümmert sich sehr und kann ihm bald darauf die gesicherte Information geben, dass beide am 27.3.2017 ausgereist sind und England nicht wieder betreten haben.

5.4.2017: Ihn erreicht eine SMS des Schwagers: Seine Mutter sage, beiden gehe es gut. Das erste - wenn auch indirekte - Lebenszeichen nach sechs Wochen!

18.4. - 21.4.2017: Zweite Fahrt nach Torun, Polen. Der Versuch, zusammen mit einem polnischen Anwalt bei der örtlichen Polizei eine Vermisstenanzeige zu stellen, wird vom zuständigen Beamten abgeblockt. Die Kanzlei hatte zuvor, am 13.4.2017, Briefe an die Familienmitglieder verschickt, mit der Bitte, sich zum Aufenthaltsort von Mutter und Tochter zu äußern.

20.4.2017: Ein Anwalt aus Warschau setzt sich im Auftrag seiner Frau mit seinem Toruner Anwalt in Verbindung. Er bestätigt die vermuteten Gründe von vom Abtauchen seiner Frau und dem Verbringen seiner Tochter nach Polen: Es ist ihre Furcht, die Tochter zu verlieren. Der Nachricht, dass das Verfahren beendet wurde und das Aufenthaltsbestimmungsrecht demnach bei der Mutter verbleibt, wurde offenbar kein Glauben geschenkt, bzw. der Rückschluss daraus, gefahrlos zurückkommen zu können, nicht gezogen.

28.4.2017: Sein polnischer Anwalt setzt nochmals ein Schreiben an die Familie auf. Inhalt: Zulassen kleinerer Annäherungsschritte, gegenseitige Telefonate mit dem jeweils anderen Kind. Auch will sein Toruner Anwalt erfahren haben, dass Schwiegermutter und Schwager von der örtlichen Polizei aufgesucht wurden. Hintergrund ist offenbar seine - vor Wochen - in Düsseldorf gestellte Anzeige wegen Kindesentzug.

12.5.2017: Seine Frau ruft überraschend an, spricht mit ihm und dem Sohn. Er gewinnt den Eindruck, dass sie nicht recht weiterweiß: Sie schlägt einen Besuch in Polen vor; dann hat sie die Idee, dass alle gemeinsam in Polen leben könnten; sie will vielleicht doch wieder zurückkommen; schließlich sie könnten auch, alle zusammen, einen Urlaub zusammen verbringen ... Seine Tochter ist angeblich nicht vor Ort, er kann nicht mit ihr reden. Es gehe ihr gut, sagt seine Frau, derzeit werde sie von der Oma betreut.

21.5.2017: Seine Frau hat Geburtstag. Ihr Sohn möchte ihr gerne gratulieren, aber es gelingt nicht, Kontakt aufzunehmen.

26.5.2017: Der Antrag auf eine einstweilige Anordnung zur Herausgabe seiner Tochter ist vom Familiengericht Düsseldorf abgelehnt worden. Begründung: Dafür müsste er alle Bereiche des Sorgerechts innehaben, was nicht der Fall ist. Seine Frau hat das Aufenthaltsbestimmungsrecht für seine Tochter. Rechtsmittel gegen diesen Bescheid sind nicht zulässig, nur die Möglichkeit einer persönlichen Anhörung, was ggf. eine neue Einschätzung und Änderung des Urteils bewirken könnte. Dies will er mit seinem Düsseldorfer Anwalt versuchen.

Parallel dazu möchte er zusammen mit seinem Toruner Anwalt nunmehr die Rückführung seiner Tochter beantragen. Die Übersetzungen der zahlreichen nötigen Dokumente liegen vor. Der Aufenthaltsort seiner Tochter soll - in Ermangelung brauchbarer Resultate der deutschen wie der polnischen Polizei - von einer Toruner Detektei ermittelt werden.

Ein Vermittlungsversuch mit den Möglichkeiten der Mediation wird über den Verein Mikk e.V. begonnen, ein Brief auf Polnisch nach Torun gesandt.

22.6.2017: Das Düsseldorfer Familiengericht hat einen Verhandlungstermin festgesetzt: den 6.7. um 10 Uhr 30. Seine Frau und seine Tochter sind ebenfalls geladen.

5.7.2017: Der Termin wurde auf den 7.9.2017 verschoben, da sich seine Frau zu seinen Anträgen (Übertragung der Sorge für beide Kinder auf ihn; Herausgabe von Julia) bislang nicht geäußert hat. Die Richterin teilt mit, dass sie nichts entscheiden werde, solange eine solche Stellungnahme nicht vorliege.

Am 7.9. wird Jul mehr als ein halbes Jahr verschwunden sein. Manche Experten halten Kinder dann schon für am neuen Ort integriert. Die Chancen für eine Rückführung schwinden zusehends.

Der Facebook-Vater

Brief an meine Tochter

1

So fühlt sich also Schuld an. Gar nicht mal so gut. Ehrlicherweise richtig schlecht. Das Gemeine an der Schuld ist, dass man sie nur dann loswird, wenn einem der andere in die Augen sieht und sagt: Ich verzeihe dir. Und genau das ist das Problem: Du bist viel zu weit weg, als dass wir uns in die Augen sehen könnten.

Ich hätte die Zeichen richtig deuten müssen. Den Ernst der Lage erkennen. Und dann entsprechend handeln. Und auch, als mir klar war, dass da etwas vorbereitet wird und dass es nicht nur um einen Urlaub geht, den deine Mutter mit dir plant, habe ich geschwiegen. Hilflos habe ich dir meine Handynummer in deine Jacke geschrieben und dann nochmals in dein Federmäppchen, damit du dich melden kannst, wenn Du an einen Ort gebracht werden sollst, an den du nicht willst. Hatte ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank? Eine Fünfeinhalbjährige ruft dann also an und verhindert selbstständig ihre Entführung? War ich noch ganz bei Trost?

Für drei Wochen suchte deine Mutter eine Vertretung für den Sprachkurs, den sie gab. Inklusive Karneval vier Wochen. Sie war schon einmal drei Wochen mit dir in Polen und ist dann wiedergekommen. Dann aber erfuhr ich davon, dass sie ihren Festnetzanschluss zuhause kündigen wollte - sie, die die Telefonrechnungen in unserer Zeit des Zusammenlebens in astronomische Höhen trieb. Spätestens da hätte mir klar sein müssen, dass sie für immer weg will. Mit dir. Dieses Schimpfen auf Deutschland. Auf mich sowieso. Da war ein anderer Ton in der Musik. Ich hätte Alarm schlagen müssen! Die Behörden informieren. Ich habe es nicht getan. Ich habe sie zur Rede gestellt: Du willst mit unserer Tochter nach Polen, gib's zu! Nein, will ich nicht. Ich habe versucht, ihr zu glauben.

Ich fragte dich, und du sagtest, dass du auch von einer geplanten Reise wüsstest. Du hättest ja ihre Telefonate mitgehört und verstanden. Auf dem letzten Foto, dass ich in meiner neuen Wohnung von dir machte, siehst du traurig aus. Als wüsstest du, was dir bevorsteht. Und könntest doch nichts dagegen tun. Was solltest du auch tun, mit deinen fünfeinhalb Jahren. Domi habe ich schützen können, dich nicht. Das ist die Schuld, die nicht verjähren wird. Selbst wenn ich es schaffe, dich zurückzuholen, diese Zäsur wird bleiben.

Der 20. Februar 2017: das letzte Mal, dass du und dein Bruder zusammen bei mir in der neuen Wohnung ward. Wir verbrachten Zeit miteinander, spielten, sahen fern, aßen zu Abend. Um Viertel nach acht schickte ich Domi ins Bett. Du legtest dich in dein Bett, schliefst aber nicht ein, wie dein Bruder, denn deine Mutter wollte dich ja noch abholen kommen, das wusstest du. Sie wollte nicht, dass du bei mir, bei deinem Vater übernachtest. Also hat sie dich noch um 21 Uhr nach Hause geholt. Wenn ich gewusst hätte, dass es für lange Zeit das letzte Mal ist, dass ich dich sehe, vielleicht - wir wollen es nicht hoffen - sogar für immer ...

Da war sie schon nicht mehr bei ihrem Sprachkurs, die Unterlagen mitzuführen nur Alibi. Im Gegensatz zu den Wochen zuvor schien sie an diesem letzten Abend auf seltsame Weise innerlich gelöst. Als sei mit der Entscheidung, die sie getroffen hatte, ein Last von ihr abgefallen. Hat sie dabei auch dich gesehen? Nein, sie hat ihre Bedürfnisse, ihren Egoismus über deine Wünsche gestellt, über das Kindeswohl, wie es in der Behördensprache heißt.

Ich bin ein großer Fan des Kinderwillens. Sofern er nicht total chaotisch ist, bin immer der Meinung, man sollte ihn berücksichtigen, schon von früher Kindheit an. Wer hat eigentlich deinen Willen berücksichtigt?

Ich bin mit Domi ausgezogen, und du wolltest mit. Das hat man dir verwehrt. Schlimme Abschiedsszenen hatten wir am Düsseldorfer Hauptbahnhof, wenn ich abends mit ihm nach Krefeld gefahren bin.

Später habt ihr wieder viel Zeit zusammen verbracht, habt euch praktisch jeden Tag gesehen. Ich war es, der häufige, beinahe tägliche Besuche ermöglichte, und deine Mutter zog mit an diesem Strang, beziehungsweise, sie schien mit daran zu ziehen. Alle schienen sich mit diesem Zustand arrangiert zu haben, es schien zu gehen. Der Familienkarren holperte und knarrte, aber er lief.

Wie kommst du jetzt zurecht? Tauchst du in deine Phantasiewelten ein, malst Bild um Bild von beschützten Prinzessinnen in sicheren Burgen? Wo ist der Engel, der dich beschützt? Der Ritter auf dem Ross, der dich rettet? Ich war es nicht. Das ist die Schuld, die bleibt. Wenn wir uns wiedersehen, dann werde ich die Brille abnehmen und dich bitten, mir eine schallende Ohrfeige zu geben. Oder mehrere. Die habe ich verdient. Und danach fallen wir uns in die Arme und lassen uns nicht mehr los. OK?

2

Es wäre besser gewesen, ich hätte nichts getan, nichts unternommen, nichts in die Wege geleitet. Ja, es wäre besser gewesen, ich hätte deiner Mutter ihren Willen gelassen, hätte auf meine tatsächlich vorhandenen oder nur eingebildeten Rechte verzichtet, dann wären du und dein Bruder jetzt noch zusammen. Und ich könnte euch beide sehen und etwas mit euch unternehmen dann und wann. Mit euch beiden. Ein Wochenendpapi, einer unter vielen.

Wie ruhig es jetzt ist. Früher herrschte zuhause ein quirliges Treiben, Unruhe, Chaos, auch Streit. Jetzt sitzt dein Bruder am Tisch, der Fernseher läuft leise, und er spielt mit künstlichem blauen Sand. Er vermisst dich ebenso sehr, wie ich dich vermisse. Er spricht selten darüber, aber ich merke es ihm an. Ich kenne euch ja schließlich ein wenig, habe euch auf dem Arm gehalten, vom ersten Tage an. Oft erwähnt er dich, erinnert sich an Dinge, die wir gemeinsam gemacht haben. Letztens kam er aus der Nachmittagsbetreuung der Schule, hatte gebastelt, für jeden etwas.

„Das hier ist für mich“, sagte er, „das für dich, Papa, das hier für Mama und das für Jul.“

Was für mich war, schenkte er mir, das für sich selbst legte er beiseite und das für euch beide hielt er in der Hand, und weder er und ich wussten, wohin damit.

„Warum nehmen Sie Ihren Sohn nicht einfach mit?“, fragte mich mein Anwalt, dieser überteuerte Scharfmacher. Auf seiner Visitenkarte stand „Mediator“ und „Anerkannter Streitschlichter“, aber er war das genaue Gegenteil: ein Scharfmacher. Wer einen aggressiven Anwalt will und außerdem noch viel Geld hat (Stundensatz zweihundert Euro, abgerechnet im Fünfminutentakt), der mag bei ihm richtig sein. Ich will ihn nicht schlechtmachen, Anwälte wie ihn muss es auch geben, beispielsweise, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht und der Druck der Gegenseite übermächtig wird. Dann kann es sein, dass man jemanden braucht, der einen mit überzeugendem Auftreten und rhetorischer Finesse raushaut, aus was auch immer.

Rückblickend aber denke ich, ich war bei ihm falsch. Und meine Tochter, soll ich die vielleicht opfern?, hätte ich ihn fragen sollen, als er mir vorschlug, meinen Sohn zu mir zu nehmen.

Deine Rechte und Bedürfnisse kamen viel zu kurz, und sie kommen es bis heute. Ich hoffe, du lernst damit umzugehen und hältst durch, bis du älter bist. Dann kann dir niemand mehr sagen, was du zu tun hast. Dann bestimmst du, was du willst. Wo du sein willst. Zu wem du willst. Vielleicht haben wir dann noch ein paar gute gemeinsame Jahre. Das wäre mein größter Wunsch.

Ich hörte zu viel auf andere, auf den Anwalt, auf Berater, Pädagogen, Experten. Rat ist gut, aber Entscheidungen trifft man alleine. Und die Konsequenzen aus den Entscheidungen muss man tragen -, muss sie ertragen können. Und wie weit die Entscheidungen reichen, das muss einem bewusst sein. Ist es einem nicht bewusst, sollte man besser nichts entscheiden. Alles, was man auf diesem wackligen Fundament beschließt, kann nur falsch sein. Und jetzt sehe ich die Strafe, die darauf folgt: die eigene Tochter erst in Jahren wieder und vielleicht - wer weiß das schon - nie wieder zu sehen. Ich habe die Strafe verdient, aber du bist mitbestraft, und das hast du nicht verdient. Du, die immer die Familie als Ganzes behalten wollte.

„Ich mag Mama, ich mag Papa, die alte Oma, die Polen-Oma, die Betreuerinnen in der Kita ...“ - du hast alle aufgezählt und gehofft, dass dieses Gefüge zusammenbleibt, dass alles so bestehen bleibt, wie es ist. Wieso war mir dein Wunsch nicht Befehl? Wieso glaubte ich, mehr für meine Rechte (was immer das sein mag), als für deine Wünsche kämpfen zu müssen?

So hörte ich auf den Anwalt, nahm Domi mit und ließ dich zurück. Verrat an deiner Seele. Tränenreiche Abschiedsszenen, Geschrei und Gezeter, wenn wir, Domi und ich, nach Krefeld zur alten Oma fuhren, wo wir jetzt lebten. Du wolltest mit, unbedingt. Wir ließen dich zurück. Am nächsten Tag würden wir ja wieder da sein. Bis dahin würdest du es schon aushalten, dachten wir. Hast du ja auch. Es wurde ja auch alles irgendwann wieder etwas besser, die neuen Dinge spielten sich ein, jeder wusste, wo sein Platz war. So schien es. Bis auf deine Mutter. Die hatte ihren Platz verloren. Jetzt versucht sie für dich und sich einen neuen zu schaffen, tausend Kilometer entfernt. Ich hoffe, sie weiß, was sie tut und kann dich beschützen. Ich konnte es nicht.

„Können Sie Ihre Kinder schützen?“, fragte mich eine Jugendamtsmitarbeiterin. Domi: ja; Jul: nein, muss die Antwort lauten. Was den Schutz meiner Tochter betrifft, habe ich versagt. Eine so schlechte Ehe zu führen, dass man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht, ist keine Entschuldigung. Ausreden zählen nicht. Gegenüber seinen Kindern darf man nicht versagen. Und über die Ehe möchte ich nicht reden. Diese Groham-Ehe, wie ich sie nenne. Und Groham steht für: großer Haufen Mist.

Die Erinnerung an diese Zeit wird auch bei dir noch vorhanden sein, tief im Innern. Da sind die ersten Verletzungen deiner Seele, schon so früh; vielleicht machst du einmal eine Therapie und arbeitest alles auf, das liegt bei dir. Und die beste Therapie, die wäre, wenn wir wieder zusammen wären. Den ganz normalen Alltag lebten. Diese Normalität, die in unerreichbare Ferne gerückt ist. Was gäbe ich dafür, sie wiederzubekommen!

3

Mit an deine Mutter denken wollte ich, sie mit einbeziehen, dass auch sie mitkommt bei den Veränderungen, die sich ergaben; sie steuern wollte ich, aber deine Mutter ist nicht zu steuern, nicht mit einzubeziehen. Was ich ihr im Vertrauen gab, hat sie genommen. Zurückgegeben hat sie nichts. Genommen hat sie. Dich.