Der Fall des Präsidenten - Marc Elsberg - E-Book

Der Fall des Präsidenten E-Book

Marc Elsberg

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19,99 €

Beschreibung

»Mr. President, Sie haben das Recht zu schweigen!« – Wenn Fiktion zur Realität wird – der neue Bestseller von Marc Elsberg!

Mit Zugang zum exklusiven Online-Event: Alle Infos dazu im Buch.


Nie hätte die Juristin Dana Marin geglaubt, diesen Tag wirklich zu erleben: Bei einem Besuch in Athen nimmt die griechische Polizei den Ex-Präsidenten der USA im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs fest. Sofort bricht diplomatische Hektik aus. Der amtierende US-Präsident steht im Wahlkampf und kann sich keinen Skandal leisten. Das Weiße Haus stößt Drohungen gegen den Internationalen Gerichtshof und gegen alle Staaten der Europäischen Union aus. Und für Dana Marin beginnt ein Kampf gegen übermächtige Gegner. So wie für ihren wichtigsten Zeugen, dessen Aussage den einst mächtigsten Mann der Welt endgültig zu Fall bringen kann. Die US-Geheimdienste sind dem Whistleblower bereits dicht auf den Fersen. Währenddessen bereitet ein Einsatzteam die gewaltsame Befreiung des Ex-Präsidenten vor, um dessen Überstellung nach Den Haag mit allen Mitteln zu verhindern ...

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Gier. Wie weit würdest du gehen?

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EPUB

Seitenzahl: 647




Buch

Nie hätte die Juristin Dana Marin geglaubt, diesen Tag wirklich zu erleben: Bei einem Besuch in Athen nimmt die griechische Polizei den Ex-Präsidenten der USA im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs fest. Sofort bricht diplomatische Hektik aus. Der aktuelle US-Präsident steht im Wahlkampf und kann sich keinen Skandal leisten. Das Weiße Haus stößt Drohungen gegen den Internationalen Gerichtshof und gegen alle Staaten der Europäischen Union aus. Und für Dana Marin beginnt ein Kampf gegen übermächtige Gegner. So wie für ihren wichtigsten Zeugen, dessen Aussage den einst mächtigsten Mann der Welt endgültig zu Fall bringen kann. Die US-Geheimdienste sind dem Whistleblower bereits dicht auf den Fersen. Währenddessen bereitet ein Einsatzteam die gewaltsame Befreiung des Ex-Präsidenten vor, um dessen Überstellung nach Den Haag mit allen Mitteln zu verhindern …

Autor

Marc Elsberg wurde 1967 in Wien geboren. Er war Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg sowie Kolumnist der österreichischen Tageszeitung »Der Standard«. Heute lebt und arbeitet er in Wien. Mit seinen internationalen Bestsellern BLACKOUT, ZERO und HELIX etablierte er sich auch als Meister des Science-Thrillers. Mit GIER lieferte er einen spannenden Thriller und zugleich eine Kritik des allgegenwärtigen Wettbewerbs. DER FALL DES PRÄSIDENTEN widmet sich dem Geschäft der Politik und seinen Ungerechtigkeiten. Marc Elsberg hat sich zu einem gefragten Gesprächspartner von Politik und Wirtschaft etabliert.

Weitere Informationen unter: www.marcelsberg.com

Erleben Sie Marc Elsberg online im Gespräch mit Dietmar Wunder, und erfahren Sie, was hinter diesem Thriller steckt.

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Von Marc Elsberg bereits erschienenBlackout· Zero· Helix· Gier

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Marc Elsberg

DER FALL DES PRÄSIDENTEN

Thriller

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Copyright der Originalausgabe © 2021 by Marc Elsberg. Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb. Copyright dieser Ausgabe © 2021 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Angela Kuepper

Umschlaggestaltung: © www.buerosued.de

Umschlagmotiv: © Hang Zhang/EyeEm/Getty Images

NG · Herstellung: sam/er

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-27536-5V002

www.blanvalet.de

Wie immer, für Ursula

1

Die tief stehende Sonne hinter dem Privatjet strich über dessen schwarzen Lack und warf lange Schatten auf das Rollfeld. Ihre Strahlen blendeten Dana. Sie stand zweihundert Meter entfernt neben einem der Eingänge zum Flughafengebäude. Hier beachtete sie niemand. Kurz vor sechs Uhr abends fühlte sich die Luft auf ihrer Haut immer noch warm und schwül an.

Ein großer Mann ganz in Schwarz trat mit leicht gebeugtem Kopf aus der Tür des Flugzeugs. Routiniert sah er sich um. Ein zweiter folgte. Security. Wie erwartet. Mit prüfenden Blicken in die Landschaft stiegen sie herunter auf den Asphalt. Musterten kurz das Empfangskomitee. Gaben ein Zeichen nach oben. Daraufhin löste sich die Silhouette des Besuchers aus dem Schatten der Türöffnung. Eine mittelgroße, schlanke Figur mit den schlaksigen und doch gespannten Bewegungen eines Langstreckenläufers.

Federnden Schrittes kam er hinab. Seht her, wie viel Energie und Lässigkeit in mir stecken! Im Schlepptau zwei weitere Sicherheitsleute. Dahinter noch vier Personen. Zwei Männer, zwei Frauen. Assistentinnen, Kofferträger.

Bis vor dreieinhalb Jahren galt Douglas Turner als mächtigster Mann der Welt. Nach dem Ende seiner Amtszeit hatte er für sagenhafte achtzig Millionen Dollar Vorschuss seine Memoiren geschrieben (schreiben lassen), war in die Boards einiger Unternehmen eingezogen, hatte seine Stiftung eingerichtet und hielt Vorträge, für die er angeblich bis zu eine halbe Million Dollar kassierte. Jeweils. So wie diesen, für den er nach Athen gekommen war.

Mit dem bekannten Grinsen begrüßte er die Personen am Fuß der Flugzeugtreppe – vier Vertreter der Veranstalter und Hauptsponsoren, dazu persönliche Assistenten der Veranstalter, des Sponsors, zwei hochrangige Politiker und ein leitender Polizist. Meet and greet, genaue Zeitdauer und Orte waren im Vertrag fixiert. Nicht länger als notwendig.

Weitere Polizisten wachten an unauffälligeren Positionen über den Flughafen verstreut. Die meisten davon hatte Dana im Blick.

Die Truppe stieg in eine Stretchlimousine. Security und Entourage folgten in normalen schwarzen Pkw. Umständliche Einreiseformalitäten in den öffentlichen Zonen mit den Passagieren anderer Flüge waren keine vorgesehen. Komplett erspart wurde Turner die Prozedur als Privatperson aber nicht. Dafür würde er in den VIP-Bereich des Flughafens gebracht.

Zu dem Eingang, an dem Dana wartete.

Jahrelang hatten sie auf diesen Moment hingearbeitet. Alles genau vorbereitet. Sie bekamen nur diese eine Chance.

Jetzt durfte sie nicht scheitern. Sich keinen Fehler leisten.

Sie machte sich bereit.

Showdown.

Sanft hielt die Stretchlimousine vor dem Eingang zum Flughafengebäude. Vom Asphalt her strahlte noch die Hitze des Tages. Aus dem Wagen dahinter stiegen wieder zuerst die Sicherheitsmänner. Scannten kurz die Umgebung. Öffneten die Tür der Stretch.

Ein unwürdiges Fahrzeug für Menschen, die Bedeutung demonstrieren sollten und wollten. Wie sie sich mit gebeugtem Kopf und Rücken aus dem zu niedrigen Gefährt winden mussten. Keinerlei Macht und Erhabenheit. Selbst Douglas Turner bekam das nicht elegant hin.

Begleitet von dem Empfangskomitee und seiner Entourage, betrat er das Gebäude. Ein funktionaler Raum: ein paar Stühle und Tische, dahinter zwei Counter. Dazwischen warteten sechs uniformierte Beamte der Einreisebehörde. Der leitende Polizeibeamte vom Flugfeld wies Douglas Turner den Weg.

Niemand achtete auf die sechzehn Polizisten, die bis jetzt an den Wänden gewartet hatten und sich nun unauffällig der Gruppe näherten. Oder auf die Frau, die im Schatten neben dem Eingang gestanden hatte und hinter den Polizisten nun ebenfalls näher kam. Sicherheit für einen so hochrangigen Gast wurde erwartet.

Bis einer der Leibwächter sich misstrauisch umsah. Seine rechte Hand verschwand unter dem Jackett.

»Achtung, Mister President!«

Drei Polizisten stürzten auf den Leibwächter zu, die übrigen nahmen sich die anderen Sicherheitsmänner vor. Sie erwischten den Leibwächter, als er zu der Waffe im Brusthalfter griff. Einer der Polizisten fixierte dessen Arm mit der Waffe, die anderen verdrehten den freien Arm nach hinten und traten gegen seine Beine. Der Arm mit der Waffe schnellte senkrecht in die Höhe. Der Präsident und die anderen Anwesenden duckten sich. Ein ohrenbetäubender Knall ertönte. Aus dem Loch in der Decke rieselte Staub. Die Polizisten rangen den Mann zu Boden, traten auf seine Hand, entrissen ihm die Waffe. Die übrigen Leibwächter lagen bereits, fixiert von je drei Polizisten. Die verbliebenen Uniformierten der Einreisebehörde hatten Turner umringt.

»Douglas Turner?«, fragte jener Polizist, der dem Ex-Präsidenten direkt gegenüberstand. Eine rhetorische Frage, wie Turner gleich feststellen sollte, als sein verdutztes »Was soll …?« von dem uniformierten Gegenüber in tadellosem Englisch unterbrochen wurde: »Ich verhafte Sie im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs wegen Kriegsverbrechen.«

2

Ein ungläubiges Atemholen lang schienen der Raum und die Menschen darin zu einem Standbild gefroren.

Die Sicherheitsmänner versuchten, sich aus dem Griff der Polizisten zu lösen. Turners Entourage wollte an den Uniformierten vorbeidrängen. Die Polizisten aber wichen nicht zur Seite.

»Das ist ein schlechter Scherz!«, rief einer der Veranstalter. »Haben Sie den Verstand verloren?!«, ein anderer.

Mehrere Personen aus Turners Assistententeam bestürmten die Mitglieder des Empfangskomitees, andere zückten ihre Telefone.

»Genug jetzt!«, forderte einer der Sponsoren, ein ältlicher Asketentyp in teurem Anzug. »Tun Sie etwas!«, forderte er den führenden Polizisten in ihrer Runde auf.

Der trat zu der Gruppe um den Präsidenten.

»Douglas Turner, bitte kommen Sie mit«, sagte er.

»Sie sind verrückt?!«, rief einer der griechischen Politiker und zog sein Mobiltelefon hervor. »Ich informiere sofort die Justizministerin!«

»Kalomira Stakis ist informiert«, entgegnete der oberste Polizist. »Was denken Sie denn?«

»Ist Ihnen bewusst, was Sie hier tun?«, fragte der Präsident mit seiner typischen Bariton-Singsangstimme. Alle anderen verstummten.

»Sie produzieren die größte diplomatische Krise nach dem Zweiten Weltkrieg«, erklärte er ruhig. Er blickte dem führenden Polizisten in die Augen. »Die Konsequenzen für Sie, Ihre Vorgesetzten, Ihr Land und Ihre Mitbürger sowie alle Verantwortlichen in Behörden und beim Internationalen Strafgerichtshof werden schon so unangenehm genug sein. Noch können Sie Schlimmeres abwenden.«

Turner blieb gleichmütig, schien sich seiner Sache sehr sicher.

»Dies ist lediglich eine Assistenzleistung für den Internationalen Strafgerichtshof, gestützt auf internationales Recht«, erwiderte der Polizist mit neutraler Stimme. »Hier«, er wies auf einen der Uniformierten neben sich, »steht Ihnen auch ein Dolmetscher zur Verfügung, falls Sie einen benötigen.«

»Die Vereinigten Staaten von Amerika erkennen die Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs für US-Bürger nicht an«, sagte Turner. »Im Gegenteil haben sie mehrmals sehr deutlich gemacht, dass die USA die Verfolgung ihrer Bürger durch den Strafgerichtshof unter keinen Umständen dulden werden. Der American Service-Members’ Protection Act erlaubt dem US-Präsidenten jegliche Mittel, um betroffene US-Bürger zu befreien. Auch Waffengewalt.«

In dem Getümmel interessierte sich niemand für Dana. Während mehrere Mitglieder von Turners Begleitern bereits telefonierten – mit der US-Botschaft und dem US-Außenministerium wahrscheinlich, vielleicht auch direkt mit dem Weißen Haus –, stellte sie sich neben den Polizisten. Die Männer überragten sie alle fast um Haupteslänge.

»Ignorieren rechtsstaatlicher Institutionen ist üblicherweise eine Eigenschaft von Despoten«, sagte sie zu Turner, »und nicht der Führungsnation der freien Welt. Oder?«

Für einen Moment verschlug es dem Ex-Präsidenten die Sprache.

»Dana Marin, Vertreterin des Internationalen Strafgerichtshofs«, stellte sie sich vor. »Wenn Sie jemandem drohen wollen, dann bitte mir, nicht den Männern hier, die nur ihren Job machen.«

Ihr überraschendes Auftreten und ihre Entschiedenheit irritierten Turner und die anderen Anwesenden.

Mittlerweile wisperte seine gesamte Entourage, die während ihres Erscheinens nur kurz aufgeblickt hatte, aufgeregt in ihre Mobiltelefone. Auch einer der Politiker, einer der Veranstalter und der Sponsor telefonierten.

»Damit kommen Sie doch nicht durch!«, rief der zweite Politiker. Auf einigen Stirnen entdeckte Dana Schweiß.

»Ich würde vorerst auch nicht mit zu vielen Personen darüber reden«, erklärte Dana in Richtung der Telefonierenden. »Je mehr Menschen davon wissen, desto früher wird die Sache öffentlich.« Sie erhob ihre Stimme über das verärgerte Gezischel und die Einwürfe einiger Anwesenden. »Sie alle wollen sich sicher darauf vorbereiten, wie Sie in der Sache den Medien gegenübertreten.«

»Was werfen Sie dem Präsidenten überhaupt konkret vor?!«, rief einer der Politiker wütend.

»Dem Präsidenten ist nichts vorzuwerfen!«, korrigierte ihn harsch ein junger Mann aus Turners Gefolge, der aussah wie aus dem Katalog für angehende US-Kongress- oder Boardmitglieder, die ihre Karriere als Mitarbeiter einflussreicher Persönlichkeiten begannen.

»Der Internationale Strafgerichtshof hat eine Pressemeldung vorbereitet. Sie wird in etwa zwei Stunden erscheinen, sobald Mister Turner an seinen vorläufigen Aufenthaltsort verbracht wurde. Darin wird es mehr Informationen geben. So lange bleibt Ihnen also, Stellungnahmen auszuarbeiten.«

»Das werden Sie alle furchtbar bereuen«, zischte der Ex-Präsident durch die Zähne. Seine Gelassenheit war dahin. »Informiert sofort den Botschafter!«, rief er seinen Leuten zu.

»Gehen wir«, sagte Dana, und die Polizisten schoben Turner sacht, aber bestimmt zum Ausgang.

Niemand bemerkte, dass der Assistent des Sponsors während der gesamten Zeit mit dem Smartphone in seiner Hand nicht telefonierte.

3

»Arthur Jones! Arthur Jones!«

Das Brausen von zwanzigtausend Stimmen füllte das Target Center in Minneapolis, begleitet vom tausendfachen Winken der Papierwimpel in den Farben der Nationalflagge.

Auf dem Podium vorn, sehr klein, stand der amtierende Präsident, hinter ihm die übliche Schar handverlesener Unterstützer aus erkennbar allen Bevölkerungsgruppen, sorgfältig ausgewogen zusammengestellt. Frauen, Männer, Kinder, jung, alt, heller, dunkler, Insider würden auch ein Mitglied der LGBTQ-Community erkennen. Alle trugen dieselben Sweater mit dem rot-blau-weißen Schriftzug ARTHURJONESFORPRESIDENT.

Auf dem gigantischen Monitor hinter ihnen hob der lächelnde Präsident, zwanzigfach vergrößert, beschwichtigend die Arme, um seine Rede fortzusetzen.

Den Moment musste Derek nutzen. Gemeinsam mit etwa dreißig Technikern, Veranstaltungsmanagern und Mitgliedern des Wahlkampfpersonals beobachtete er die Szene aus dem Regieraum, einem großen Plexiglas-Ei oberhalb des Publikums und gegenüber der Bühne. Er hasste es, den Präsidenten unterbrechen zu müssen. Jones’ Zornesausbrüche waren gefürchtet. Gerade kostete er die Klimax seiner Rede aus, das Bad in der Menge, nach dem er so dürstete. Weiter wachsen würde seine Wut, sobald er den Grund für den Coitus interruptus erfuhr.

»Rede möglichst rasch beenden, Mister President«, sagte Derek so leise in sein Headset, dass es niemand anders im Plexiglas-Ei hörte. Auf dem Riesenmonitor erkannte er an Jones’ Gesicht, dass dieser die Nachricht über den Knopf in seinem Ohr gehört hatte, aber nicht glauben konnte. Glauben wollte. Der Präsident behielt sein Lächeln bei, änderte aber die beruhigenden Handbewegungen zu einem Winken, das den Jubel der Menge erneut anfachte. Ein Profi. Wollte jetzt Zeit gewinnen, um sichergehen zu können, dass er richtig verstanden hatte.

Zehntausende waren an diesem Morgen aus dem halben Bundesstaat angereist, um ihrem Idol zuzujubeln. Einen US-Präsidenten holte man nicht ohne triftigen Grund vorzeitig aus einer Wahlkampfrede vor einer randvollen Halle. Manche blieben sogar dann vor einer Schulklasse sitzen, wenn man ihnen ins Ohr flüsterte, dass die USA gerade angegriffen wurden. Vielleicht würden Medienanalysten sich auf den TV-Schirmen später in aufgeregten Interpretationen überschlagen, ob der Präsident in diesem Augenblick die Nachricht erfahren hatte. Würden seine Mimik hundertmal über die Bildschirme der Nation laufen lassen. Sie kannten Jones’ Wahlkampfreden mittlerweile, wussten, welche Themen darin vorkamen. Würden sich vorerst nur wundern, dass er diesmal Teile ausgelassen hatte. Später würden ihnen diese fehlenden Teile das Argument liefern, dass er wohl rascher hatte zum Schluss kommen müssen.

Doch genau das mussten sie verhindern. Deshalb sollte Jones von der Bühne gehen und sich einklinken in die bereits vorbereitete Krisenschaltung mit den wichtigsten Kabinettsmitgliedern in Washington und wo die sich sonst noch gerade aufhielten.

»Rede möglichst rasch beenden«, wiederholte Derek. »Asap.«

Der Präsident behielt sein Lächeln bei, senkte die Hände als Signal, dass er weitersprechen wollte, und nickte ein paarmal. Für das Publikum musste es aussehen wie eine zufriedene Anerkennung des zwanzigtausendfachen Jubels, doch der kurze Blick währenddessen hinauf zu dem Plexiglas-Ei, den Derek auf dem Großmonitor gut erkennen konnte, zeigte ihm, dass Jones verstanden hatte.

»Arthur Jones, amtierender und nächster Präsident der Vereinigten Staaten!«, rief der Moderator, während Jones winkend und federnden Schrittes von der Bühne ging.

Die Halle tobte. Abertausende Wimpel flatterten, von der Decke regnete rot-blau-weißer Glitter.

Umringt von Security, schritt der Präsident mit verhaltener Eile durch den abgezäunten Gang entlang der vorderen Publikumsreihen und schüttelte noch die eine oder andere Hand, bevor er in den Eingeweiden des Veranstaltungszentrums verschwand, begleitet von einem halben Dutzend Kameras und ein paar Handykameras ausgesuchter Medien, der Presseabteilung des Weißen Hauses und des Wahlkampfteams. Über sie konnte Derek auf den Monitoren im Backstagebereich Jones’ Weg verfolgen. Durch die weniger glamourösen Gänge mit Sichtbetonwänden und Rohren an der Decke.

Der Backstagebereich bestand aus sechs unterschiedlich großen Räumen. Einer war für den Präsidenten allein, einer für die Maske, einer für die Medien, die übrigen für Mitglieder des Wahlkampfteams. Eine Riesenmaschine, über siebzig Leute telefonierten, bedienten Social-Media-Kanäle, bearbeiteten nach, wuselten zwischen den Tischen umher. Und das waren nur die vor Ort. Aus dem übrigen Wahlkampfteam hatte Derek vorerst niemanden eingeweiht. Um möglichst wenig Aufsehen zu erregen, hatte er die Konferenzschaltung in Jones’ Garderobe vorbereitet. Niemanden würde es verwundern, wenn sich der Präsident kurz allein dorthin zurückzog.

Einige wunderten sich dennoch. Beim Durcheilen der Räume hatte Derek Gesprächsfetzen aufgeschnappt. Kürzere Rede heute. Migration kaum angesprochen. Vor allem gegen Ende gehastet.

Derek würde ihnen einen Grund liefern. Später. Jetzt platzte Jones durch die Tür, gefolgt vom Schwarm der Securitys, Assistenten und Kameras. Gratulationen von allen Seiten, trotzdem, Händeschütteln, kurzes Winken und »Danke« an das Team. Derek schloss sich dem Pulk um den Präsidenten an, wurde auf einen Wink von Jones ganz an ihn herangelassen.

»Du hast hoffentlich einen sehr guten Grund, mich vorzeitig da runterzuholen«, zischte er.

»Gut ist er nicht«, sagte Derek, »aber wahlentscheidend.«

Sie hasteten weiter Richtung Garderobe, vor deren Tür alle anderen zurückbleiben mussten. Derek schloss die Tür von innen. Nun waren da nur mehr er und der Präsident. Und auf den Bildschirmen von drei Laptops die Gesichter der Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrats.

Der Anblick erstickte Jones’ drohenden Wutausbruch. Dieser Aufmarsch bedeutete Ärger.

»Um siebzehn-zweiundvierzig Ortszeit, zehn-zweiundvierzig EDT, verhaftete die griechische Polizei in Athen Douglas Turner«, erklärte Derek. »Sie handelte aufgrund eines vorläufigen Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs.«

Jetzt hatte er Jones doch überrascht. Der Präsident allerdings besaß eine sehr schnelle Auffassungsgabe. Und kaltblütiges Kalkül. Er musterte Derek kurz.

»Geschieht ihm recht, dem Arsch«, grummelte er. »Anyway …« Er checkte seine Armbanduhr. Dann blickte er in die Runde auf den Laptopschirmen. »Siebzehn Minuten her. Es ist noch nicht offiziell«, sagte er. »Sonst wäre da draußen die Hölle los.«

»Noch nicht«, sagte Derek. »Vor fünfzehn Minuten erreichten die ersten Anrufe seiner Mitarbeiter das Außenministerium, die US-Botschaft in Athen, das Weiße Haus. Die Verhaftung fand nicht in der Öffentlichkeit statt. Medien waren keine anwesend. In etwa eineinhalb Stunden will der Strafgerichtshof eine Pressemeldung herausgeben. Sobald Turner an seinen vorläufigen Aufenthaltsort gebracht wurde.«

»Dazu wird es nicht kommen«, sagte Jones entschieden. »Die glauben doch nicht im Ernst, dass wir das zulassen? Was tun wir?«

»Wir erkennen die Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs für US-Bürger nicht an«, klang die Stimme des Justizministers aus einem der Laptops. »Daher sollten wir direkten Kontakt vermeiden. Wir dürfen nicht einmal den Eindruck erwecken, dass wir uns auf ein Verfahren einlassen.«

»Wie lauten die konkreten Vorwürfe?«

»Will das Gericht mit der Pressemeldung bekannt geben. Unsere Leute sind dran, vorher etwas zu erfahren.«

»Trotzdem müssen wir mit ihnen reden«, sagte der Chief of Staff. »Wir haben mehrere Back Channels.« Inoffizielle Kontakte.

»Wir sollten ihnen sofort die Instrumente zeigen«, sagte der Außenminister, ein ehemaliger Fünf-Sterne-General mit gemeißeltem Gesicht unter dem kahl geschorenen Kopf. »Ich telefoniere gern mit der Chefanklägerin persönlich.«

»Keine direkten Kontakte«, wandte der Justizminister ein, »schon gar nicht auf so hoher Ebene …«

»Je höher die Ebene, desto besser«, widersprach der Außenminister. »Die müssen uns ernst nehmen. Sehr ernst!«

»Adam hat recht«, sagte Jones und meinte den Außenminister. »Wir müssen diese Sache beenden, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Das gelingt nur, wenn wir an allen Fronten sofort höchsten Druck aufbauen. Nicht nur beim Strafgerichtshof. Der sitzt in Den Haag. Sondern auch bei der niederländischen Regierung als Gastgeberin des Strafgerichtshofs. Bei den Griechen natürlich. Bei der Europäischen Union. Und bei den wichtigsten Staatschefs der Union. Das gesamte Arsenal androhen. Einreisesperren in die USA für alle Personen, mir egal, ob sie französischer Präsident, deutscher Kanzler oder einer dieser EU-Oberclowns sind. Wirtschaftliche Sanktionen. Verbote für europäische Banken, in den USA Geschäfte zu machen, Rückzug aus der NATO und so weiter. Zur Not sogar den American Service-Members’ Protection Act.«

»Es sind unsere Verbündeten«, gab der Außenminister zu bedenken.

»Papperlapapp! Verbündete tun so etwas nicht!«

»Das könnte aber auch unserer Wirtschaft …«, wandte die Ministerin für Homeland Security ein, doch Jones schnitt ihr das Wort ab.

»Es kommt ja nicht so weit! Aber androhen müssen wir deutliche Maßnahmen!«

»Wenn wir es nicht ernst meinen, sollten wir nicht damit drohen.«

»Ich meine das todernst«, bellte Jones. »Turner ist ein selbstgerechter, grenzdebiler, narzisstischer Mistkerl! Und Republikaner dazu! Aber wir können es nicht zulassen, dass ein ehemaliger US-Präsident von diesem Gericht auch nur ins Visier genommen, geschweige denn verhaftet wird! Wer ist der Nächste? Der chinesische Präsident? Der russische? Ich?! Haben die komplett den Verstand verloren?!!« Er fing Dereks Blick auf. Der rollte kurz mit den Augen Richtung Tür. Nicht zu laut. Da draußen waren Leute.

Jones schnaufte. Er schlug mit der Handfläche auf den Tisch, redete aber wieder mit normaler Lautstärke: »Ich will sofort alle an den Telefonen. Das Gericht, den EU-Kommissionspräsidenten, den deutschen Kanzler und den französischen Präsidenten, fürs Erste.«

»Und wenn die noch gar nicht Bescheid wissen?«, fragte der Verteidigungsminister. »Dann wecken wir schlafende Hunde.«

»Wenn die das verschlafen haben, wird es Zeit, dass sie aufwachen!« Arthur Jones stützte sich mit beiden Händen vor dem Laptop ab, auf dem der CIA-Chef eingespielt war. Beugte den Kopf wie ein Stier vor dem Angriff. »Wo wir über verschlafen reden«, fuhr er eiskalt fort. »Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Warum wussten wir nicht Bescheid? Warum wussten Sie nicht Bescheid?«, wandte er sich direkt an den Geheimdienstmann.

»Geheime Haftbefehle«, antwortete der ungerührt. »Die kann das Gericht in sehr kleinem Kreis halten. Wenn sie es geschickt genug anstellen …«

»Wenn sie es …?!«, donnerte Jones, beherrschte sich dann und sagte mit unterdrücktem Zorn: »Genau dafür sind Sie mit Ihren elektronischen Spielereien da! Geheimnisse gar nicht erst entstehen zu lassen! Oder sie rechtzeitig aufzudecken!« Er atmete durch. »In Ordnung«, sagte er. »Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche. Turner rauszuholen, bevor die Öffentlichkeit von der Geschichte erfährt. Und dafür zu sorgen, dass sie nie etwas davon erfährt.«

»Wir sollten trotzdem die Presseabteilungen mit einbeziehen«, sagte Derek. »Auch wenn wir Turner in der kommenden Stunde freibek…« Derek wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte, noch bevor Jones ihm das Wort abschnitt.

»Wenn?!«, sagte der Präsident gefährlich leise. »Das ist keine Option.«

»Auch nachdem wir Turner freibekommen haben«, korrigierte sich Derek, »wird es Gerüchte geben. Dem Vernehmen nach waren zwei Dutzend Polizisten anwesend, mehrere Vertreter und Sponsoren der Veranstaltung, bei der Turner auftreten sollte, und zwei griechische Politiker. Irgendjemand wird etwas erzählen. Und sei es nur seiner Frau oder einem Freund. Das wird schwer bis nicht einzufangen sein. Deshalb müssen unsere Medienabteilungen sich vorbereiten. Weißes Haus und Wahlkampfteam.«

»Denen wollen wir ja wohl nicht davon erzählen?!«, fuhr der Präsident ihn an.

»Nein. Sie erfahren, dass von irgendjemandem böswillige Propagandagerüchte vorbereitet werden, um die Wahl zu beeinflussen, wahrscheinlich von russischen Trollfarmen.«

»Meinetwegen«, sagte Jones. »Aber vorsichtig.« Der Präsident klatschte in die Hände. »Also los! Lasst uns den Idioten rausholen, bevor jemand von der Geschichte Wind bekommt!«

In Dereks Hand hatte das Mobiltelefon zu vibrieren begonnen. Nachrichtenalarm. Einer nach dem anderen. Gleichzeitig wandte auf dem Laptop zuerst der CIA-Direktor kurz den Blick von der Kamera ab, nach unten, als läse er eine E-Mail oder etwas auf seinem Mobiltelefon, das wahrscheinlich vor ihm auf dem Tisch lag.

Derek hatte kein gutes Gefühl dabei. Er prüfte das Display.

»Fuck«, flüsterte er. »Mister President«, wandte er sich an Jones, »ich fürchte, die Situation hat sich gerade grundlegend verändert.«

4

»Hey, Steve, wach auf!«

Jemand hatte Steve die Kopfhörer vom Ohr gezogen. Statt Johnnie Taylor brüllte jetzt Jürgen hinein. Schon längst spuckten einem die Leute wieder direkt ins Ohr. Als hätte es Corona nie gegeben.

»Sieh dir das an!«

Steve schaute eigentlich gerade auf den Bildschirm. Mit seinen Kurven und Tabellen auf der einen Seite, dem App-Design auf der anderen.

»Was soll ich ansehen?«

Er blickte auf. In dem Loftbüro war alles wie immer. Zwanzig- und Dreißigjährige und zwei Vierzigjährige, die alles dransetzten, am jüngsten von allen auszusehen, standen in einer großen Traube um einen Bildschirm und starrten darauf. Oder auf ihre Handys. Oder auf beides. Nur dass sie alle das sonst eher für sich taten.

»Was?«, fragte er Jürgen. »Porno?«

»Besser.«

»Was denn nun?«

»Guck selbst.«

»Alter, jemand muss hier arbeiten.«

»Ist echt krass«, sagte er. »I mean – this is crazy!«

Als würde Steve es auf Englisch besser verstehen. Was er im Allgemeinen tat. So wie die meisten anderen hier.

Crazy. Krass. Die Ähnlichkeit war ihm noch nie aufgefallen. Selber Wortursprung? Musste er mal nachsehen. Widerwillig erhob er sich. Man wollte dann ja doch nicht der Spielverderber sein.

»Der ehemalige US-Präsident Douglas Turner wurde in Athen verhaftet«, erklärte Jürgen auf dem Weg. »Wegen Kriegsverbrechen!«

Seine Worte wirkten auf Steve, als hätte jemand einen Kübel Eiswasser über ihn ausgegossen.

Kühler Schweiß trat auf seine Stirn und Nase.

»Du machst Witze«, sagte er. Krächzte er.

»Nein! Schau!«

Jetzt stand er bei den anderen vor dem großen Bildschirm. Da lief ein Video.

Steve sah nur unscharfe Hinterköpfe irgendwelcher Menschen durch das Bild schwanken. Tumultartige Szenen. Dahinter, klein, immer wieder kurz ein paar Uniformierte. Einer der Beamten sprach zu einem der Männer in der vorderen Reihe, von dem Steve auch nur den Hinterkopf sah. Er ahnte, wessen. Die Bilder verwischten und verwackelten, Stimmen in verschiedenen Sprachen riefen durcheinander, hauptsächlich Englisch, doch Steve verstand kaum ein Wort. Er hörte genau hin. Die Stimmen klangen dumpf, verwaschen, weit weg. Aber wenn man wusste, was gesagt werden könnte, verstand man. Zuerst den Namen.

»Douglas Turner?«

Damit war eigentlich schon alles klar. Der Angesprochene erwiderte kurz etwas, doch der Polizist redete gleich weiter: »Ich verhafte Sie im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs wegen Kriegsverbrechen.«

Sie führten ihn ab.

In der Menschentraube um Steve arbeiteten sieben Nationalitäten: Deutschland, Österreich, Dänemark, Schweden, Taiwan, Südkorea, Vereinigte Staaten. Aufgeregt riefen sie durcheinander. Kommentierten in allen möglichen Sprachen, vor allem auf Englisch.

Wie cool ist das denn? Die spinnen ja! Die trauen sich was! Das werden sich die Amis nicht gefallen lassen. Höchste Zeit, dass sich mal einer traut!

In diesem Laden waren die Meinungen eindeutig.

Tina, eine Schwedin, wandte sich an Steve. »Du kommst aus den USA. Was hältst du davon?«

Was Steve als US-Bürger darüber dachte? Gerade dachte er gar nichts. Sein ganzer Körper war ein einziger Schrei: Lauf weg! Verschwinde!

»Ja«, rang er sich ab. »Verrückte Sache.«

Das war unverbindlich. Er wollte das jetzt nicht mit ihr diskutieren. Oder mit irgendjemandem.

»Was ist passiert?«, fragte er.

Jetzt bloß nichts anmerken lassen.

»Ist gerade erst in den sozialen Medien aufgetaucht«, sagte Tina. »Ich weiß auch nicht mehr.«

»Noch weiß niemand mehr«, sagte Jürgen.

Steve musste mehr wissen. Er nestelte sein Telefon aus der Hosentasche. Wenn bloß seine Finger nicht so gezittert hätten.

5

Verwackelte Bilder, unscharfe Silhouetten von Köpfen im Vordergrund waberten durch das Bild auf Danas Telefon und verdeckten den Großteil der Szenerie. Wenig hilfreich für ein ruhiges Bild war auch der Fahrstil des Polizeiwagens, in dem sie mittlerweile hinter dem Bus mit dem verhafteten Ex-Präsidenten herraste. Auf dem Schirm ihres Smartphones erkannte Dana ein paar griechische Polizisten. Und dann kurz, aber doch, Douglas Turner. Noch war nicht klar, was hier geschah. Zumindest für jemanden, der nicht dabei gewesen war. Danas Magensäure dagegen verteilte sich glühend in ihrem ganzen Körper, stieg ihr bis unter die Schädeldecke. Laute Stimmen riefen unverständlich durcheinander. Sie mussten zu den Näherstehenden gehören, doch Dana verstand nur Wortfetzen, die selbst für Eingeweihte wenig Sinn ergaben. Die Kamera stellte auf einen der Köpfe im Vordergrund scharf, ein hagerer Mittfünfziger mit zurückgekämmtem dunkellockigem Haar. Der Sponsor, erkannte Dana. Aufgeregt rief er etwas jemandem außerhalb des Bildes zu. Die Männer im Hintergrund verschwanden fast in der Unschärfe. Wer immer gefilmt hatte, drehte die Linse ein wenig, und wieder stellte er den Präsidenten zwischen den Polizisten scharf. Nun konnte man Turner besser erkennen. Ziemlich eindeutig. Und neben ihm für eine, zwei, drei unendliche Sekunden eine kleine schlanke Mittdreißigerin in einem grauen Kostüm, mit strengem Blick hinter der Brille und zurückgebundenem Haar. Dana.

Alles geschah gleichzeitig. Vor vier Minuten hatte ihr Konvoi den Flughafen verlassen. Keine Polizeiwagen, vier Kleinbusse, verschiedene Fabrikate, unterschiedliche Farben, Weiß, Beige, Grau, um kein Aufsehen zu erregen. Im ersten sechs schwer bewaffnete Polizisten. Im zweiten Douglas Turner, auf der Rückbank zwischen zwei Polizisten. Im dritten Dana und drei weitere Polizisten, der neben ihr hatte zu ihrem Telefon hinübergeschielt. Im vierten noch einmal sechs schwer bewaffnete. Mit einem Affentempo rasten sie durch schmale Straßen, überholten, bremsten, beschleunigten, zwangen Dana immer wieder, sich mit einer Hand am Türgriff festzuhalten.

Kurz darauf war der Anruf aus Den Haag gekommen.

Im Video auf Danas Mobiltelefon diskutierte der Ex-Präsident aufgebracht mit den Polizisten. Unterbrochen von Schatten, die immer wieder an der Linse vorbeihuschten und das Bild für Sekundenbruchteile oder auch länger verdunkelten. Man hätte das Ganze auch für eine mittelmäßige Fälschung halten können, wenn man nicht dabei gewesen wäre. Wie Dana.

»Und, ist es das?«, fragte Maria Cruz, die aufgebrachte Chefanklägerin des Strafgerichtshofs, in Danas Headset. Die Argentinierin war kurz angebunden, als würde sie noch mit jemand anders sprechen. Was nicht weiter verwunderlich wäre. In Den Haag musste gerade Armageddon losgebrochen sein.

»Leider nicht«, bestätigte Dana.

Das Video schwenkte auf einen der amerikanischen Sicherheitsmänner, der von drei griechischen Gesetzeshütern festgehalten wurde. Englischsprachige Gesprächsfetzen drangen immer deutlicher durch. Sie mussten von den Mitgliedern aus Turners Entourage stammen, die begonnen hatten, das Weiße Haus, das US-Außenministerium und die US-Botschaft in Athen zu informieren.

»Wer, zum Teufel, hat das veröffentlicht?«, zischte Maria.

»Keine Ahnung«, sagte Dana.

Auf dem Screen herrschte nur mehr Tumult. Polizisten, die Menschen zurückdrängten. Im Hintergrund Turner. Noch einmal Dana. Ab sofort kannte die ganze Welt ihr Gesicht. In welcher Rolle sie dort gewesen war, würden sie schnell herausgefunden haben. Die Medien. Die US-Behörden. Die US-Geheimdienste. Die glühende Magensäure schwappte von ihrer Schädeldecke zurück, Schweiß überzog ihre Haut bis auf die letzte Pore. Sie hatte gewusst, worauf sie sich einließ, als sie den Job in Den Haag angenommen hatte. Geahnt, worauf sie sich bei diesem speziellen Projekt einstellen musste. Hatte schlaflose Nächte verbracht. Doch jetzt war es Realität. Und sofort anders gelaufen als geplant. Schlechter. Viel schlechter.

»Hier ist die Hölle los«, sagte Maria. »Das kannst du dir vorstellen.«

Dana konnte. Sie hatten über Reaktionen diskutiert. Doch die Realität fühlte sich nun so anders an als die Theorie. Dana war durchgeschwitzt bis auf ihre Unterwäsche. Dabei hatte sie sich alles so viel cooler vorgestellt. Allerdings hatte sie auch nicht erwartet, dass Bilder von ihr über den gesamten Globus verteilt wurden, wie sie gerade einen Ex-US-Präsidenten verhaften ließ.

»Okay«, sagte Maria. »Mit solchen Dingen war zu rechnen. Wir haben die Sache angefangen, jetzt müssen wir sie zu Ende führen. Gib mir Bescheid, sobald ihr angekommen seid.«

Wenn wir ankommen, dachte Dana. Doch verdeckte Einsatzteams würden selbst die US-Geheimdienste nicht in so kurzer Zeit an Ort und Stelle bringen.

»Ich muss Schluss machen«, sagte die Chefanklägerin. »Da ist ein Anruf, den ich wohl annehmen muss.«

Maria Cruz hatte unangenehme Gespräche mit mächtigen Männern nie gescheut. Nicht als Staatsanwältin in Buenos Aires, wo sie die Verbrechergeneräle der einstigen Militärjunta trotz ursprünglicher Amnestie einer späten Gerechtigkeit zuzuführen versucht hatte. Später nicht als jüngste Justizministerin in einer männerdominierten Regierung. Und auch als stellvertretende Anklägerin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag hatte sie es oft genug mit unangenehmen Gesellen zu tun gehabt. Darunter waren immer wieder Vertreter der Vereinigten Staaten gewesen. Etwa, als es um mögliche Ermittlungen gegen US-Soldaten oder Verantwortliche wegen Folterungen und anderer Vergehen in Afghanistan ging. Das hatte sich nicht gebessert, seit sie vor fünf Jahren Chefanklägerin geworden war. Nur kurz, bevor dieser Fall auf ihrem Tisch gelandet war. Und jetzt hatte sie den stellvertretenden US-Außenminister am Telefon. Damit hatte sie nicht so schnell gerechnet. Aber auch nicht mit einem Videoleak der Verhaftung.

Zwar hatten die Vereinigten Staaten im Jahr 2000 das Statut von Rom unterschrieben, welches die Grundlage des Gerichts bildete. Diese Unterschrift hatten sie 2002 allerdings zurückgezogen und das Statut nicht ratifiziert. So wie die Volksrepublik China, Indien, der Irak, Iran, Israel, Kuba, Nordkorea, Pakistan, Russland, Syrien, Saudi-Arabien, der Sudan und die Türkei. Solange es nicht gegen ihre eigenen Bürger ging, arbeiteten die USA aber durchaus mit dem Gericht zusammen.

Unter normalen Umständen hätten sie nun wohl zuerst einen Back Channel bemüht. Kein offizieller Vertreter hätte gleich direkt Kontakt mit ihr aufgenommen in der Sache. Damit würden sie dem Gericht mehr Zuständigkeit zugestehen, als sie wollten. Ohne das Video hätten sie Zeit genug gehabt, einen informellen Kontakt einzuweihen und zu beauftragen. Einen pensionierten Diplomaten vielleicht, sogar ein ehemaliges Regierungsoberhaupt einer eng befreundeten Nation oder besonders einflussreiche Geschäftsleute, die auch gern einmal Geheimdiplomatie spielten.

»Herr Außenminister«, begrüßte sie ihn. Persönlich hatte sie ihn noch nicht kennengelernt.

»Kommen wir direkt zur Sache«, erklärte die raue Stimme. »Sie lassen Douglas Turner sofort frei! Bis dahin herrscht ab jetzt ein Einreiseverbot für sämtliche Angehörige des ICC in die USA.« Er verwendete die Abkürzung der englischen Bezeichnung »International Criminal Court«.

»Das ist nichts Neues«, erwiderte Maria kühl. Tatsächlich hatten die USA schon bei anderer Gelegenheit versucht, auf diese Weise Druck auf das Gericht auszuüben. Mit Erfolg.

»Außerdem«, fuhr er fort, »werden sämtliche privaten Vermögensbesitze von ICC-Mitarbeitern in den USA eingefroren. US-Unternehmen wird verboten, mit ICC-Mitarbeitern Geschäfte zu machen. Nicht-US-Unternehmen, die mit ICC-Mitarbeitern Geschäfte machen, müssen mit Geschäftsverboten in den USA rechnen.«

Das würde ihre Arbeit nicht einfacher machen. Maria konnte nur hoffen, dass nicht alle Unternehmen diesem Druck nachgaben.

»Der Haftbefehl bleibt trotzdem aufrecht«, sagte Maria. Sie konnte nicht sagen: »Douglas Turner bleibt in Haft.« Sie wusste nicht, ob die griechischen Politiker und Behörden dem Druck standhalten würden, der sicherlich bereits auf sie ausgeübt wurde.

»Sie werden das so bitter bereuen!«, tobte der Amerikaner. »Sie haben kein Recht, eine derartige Anklage zu erheben!«

Ein paar Minuten suchte die Truppe im Netz nach Informationen. Auch Jim aus Taiwan fragte Steve, was er darüber dachte. Ob die Verhaftung gerechtfertigt sei.

»Ich bin kein Richter«, sagte Steve, »oder Anwalt. Um ehrlich zu sein, war ich nie ein Fan von Douglas Turner. Ich habe ihn nicht gewählt.«

Er war neunundzwanzig. Es war seine erste Wahl gewesen. Er war so entsetzt gewesen wie viele andere, als Turner entgegen den meisten Prognosen knapp den Sieg errungen hatte. Letztlich nur aufgrund des kranken US-Wahlsystems, das sogar einen Kandidaten mit weniger Wählerstimmen zum Wahlsieger machen konnte. Zum Glück war er abgewählt worden!

»Also freust du dich, dass er verhaftet wurde?«

»Er ist ja nicht mehr Präsident«, erwiderte Steve.

Mit einem Mal war er wieder Amerikaner in Deutschland. War er natürlich immer. Und oft genug musste er Position beziehen. Oder sich rechtfertigen. Für etwas, das er gar nicht vertrat. Trotzdem fühlte es sich jetzt komisch an, dass der Ex-Präsident plötzlich verhaftet worden war. Einer, bei dem man das wegen seiner ehemaligen Position nie für möglich gehalten hätte.

Undenkbar.

Steve freute sich nicht.

Obwohl er wusste, dass die Verhaftung gerechtfertigt war.

»Okay, alles sehr aufregend«, erklärte er Jim. »Aber ich muss weitermachen.«

Auf dem Weg zu seinem Tisch kreiselten seine Gedanken. Hatte Ann davon gewusst? Oder Frank?

Fast hatte er alles verdrängt. Seit über drei Jahren hatte er nichts mehr von der Sache gehört.

Natürlich hatte er vergessen, wie er die Anwälte auf sicheren Kanälen kontaktieren konnte. Sich nie wieder darum gekümmert.

In Wahrheit hatte er nie daran geglaubt, dass es je dazu kommen würde.

Ein Ex-US-Präsident.

Undenkbar.

Bis es geschah.

Die Zeiten änderten sich.

Steve ließ sich in seinen Sessel fallen. Starrte auf den Bildschirm. Suchte im Netz noch einmal nach dem Video. Kein Zweifel. Inzwischen kamen auch Meldungen klassischer Nachrichtenagenturen. Sie sprachen noch von »ersten Meldungen« und »Berichten zuverlässiger Quellen«. Keine offiziellen Bestätigungen. Konnte nicht mehr lange dauern.

Steve sah sich kurz um, nahm das Handy.

Über einen der verschlüsselten Textnachrichtendienste war das Risiko wohl am geringsten. Irgendwo da drin hatte er Franks und Anns Kontakte noch. Übertragen, von älteren Geräten. Ob sie den auch noch benutzten?

Er hätte gern einen Text getippt. Wenn seine Finger nicht so gezittert hätten. Endlich bekam er die Griffel unter Kontrolle.

Er schrieb dieselbe Nachricht an beide:

Was ist da los? Wusstet ihr Bescheid? Warum wurde ich nicht informiert? Bin ich nicht betroffen? Was tun? S

Er wartete zwei Minuten auf eine Antwort. Nichts.

Schloss das Browserfenster auf dem Computermonitor. Die Arbeit würde ihn ablenken.

Das Telefon legte er vor sich auf den Tisch, das Display nach oben. Er wollte gerade die Kopfhörer aufsetzen, als Tina zu ihm schlenderte.

»Du nimmst das ja recht cool«, sagte sie.

»Ich muss Step zwei der User Experience von Dellee noch fertig machen«, sagte er. »Irgendwas Neues?«

»Nein«, sagte sie schulterzuckend. »Große Aufregung überall.«

»Klar.«

»Was, glaubst du, wird passieren?«, fragte Tina. »Ich vermute mal, die Griechen lassen ihn schnell wieder raus«, gab sie sich gleich selbst die Antwort. »Ich denke, deine Regierung wird solchen Druck machen, dass die das nicht lange durchhalten. Was meinst du?«

»Sicher«, sagte Steve.

Hoffentlich, dachte er.

Undenkbar.

Bis es geschah.

Sein Blut kochte.

Fiel Tina sein rotes Gesicht auf? Wie er schwitzte?

Auf seinem Display leuchtete eine Nachricht auf.

Ann. Steve schielte hinüber.

Nein. Keine Ahnung. Werde nachfragen. Bleib ruhig. Du bist anonym. Ann

Sie hatte leicht reden. Bleib ruhig.

Er wischte die Nachricht weg, bevor Tina sie lesen konnte.

»Ja«, sagte er und merkte, wie seine Stimme zitterte, »ich denke, er wird da nicht lange bleiben.«

6

»Die führen ihn tatsächlich ab!«, fluchte der EU-Ratspräsident, als er das Video nun zum fünften Mal sah. Vor zwölf Minuten hatte eine seiner Assistentinnen es ihm zum ersten Mal gezeigt. Acht Minuten später stand die Konferenzschaltung mit den anderen. Auf den Bildschirmen zweier Laptops seines Teams hatte er in vier verschiedenen Fenstern den deutschen Kanzler, den französischen Präsidenten, die EU-Kommissionspräsidentin und die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik zugeschaltet. So einfach hatte er das Zustandekommen einer außerplanmäßigen Besprechung noch nie erlebt. Alle waren gerade unterwegs, in Autos, in Besprechungen, wo sie sich ruhige Plätze für das dringende Gespräch gesucht hatten. Alle starrten auf ihre Handys oder die ihrer Assistenten, außerhalb des Bildrahmens, nur kurze Blicke gingen immer wieder zum Ratspräsidenten.

»Wer, zum Teufel, hat das genehmigt?!«, wütete der Ratspräsident, umgeben von sechs Personen seines Teams. »Diese verdammten Griechen müssen doch davon gewusst haben! Wo ist Nikólaos Der Mistkerl muss zumindest eine Ahnung gehabt haben, oder?«

»Nicht zwingend«, warf der französische Präsident ein. »Falls ihn seine Behörden – oder wie heißt seine Justizministerin noch mal? – nicht informiert haben, als sie den Haftbefehl bekamen.«

»Sauhaufen! Dem reiße ich den Kopf ab! Das ist eine Angelegenheit von übernationaler Bedeutung! Da kann man nicht einfach im Alleingang …«

»Der Internationale Strafgerichtshof ist eine unabhängige Institution«, gab der deutsche Kanzler zu bedenken. »Wir haben da gar nichts …«

»Natürlich nicht«, höhnte der Ratspräsident, beruhigte sich aber ein wenig. »Ausgerechnet jetzt! Erst gestern gab es noch dazu diese Probleme mit den zwei Schiffen der Griechen und der Türken in der Ägäis wegen der Gasgeschichte – wieder einmal! Da sollte man doch den Ball besonders flach halten!«

»Oder jemand will hier internationales Poker mit Höchsteinsatz spielen«, meinte die Kommissionspräsidentin.

»So bescheuert können die doch nicht sein!«

»Wissen wir denn, was Turner konkret vorgeworfen wird?«

»Ist ja nicht so, dass es da nichts gäbe«, brummte der Deutsche.

»Haben sie denn überhaupt Beweise?«, fragte der Franzose. »Ich meine, vor Gericht verwertbare.«

»Muss das Gericht wohl welche haben, und zwar hieb- und stichfeste«, sagte der Deutsche. »Sonst würden sie das nicht wagen.«

»Die müssten doch eine direkte Verantwortung oder Verwicklung Turners nachweisen«, warf die Kommissionspräsidentin ein. »Woher sollen sie so etwas bekommen?«

»Nur von einem Whistleblower.«

»In dessen Haut möchte ich nicht stecken«, sagte die Kommissionspräsidentin und schüttelte sich. »Wer wäre so verrückt?«

»Oder so anständig«, hörte der Ratspräsident eine seiner Assistentinnen flüstern. Auf dem Bildschirm beugte sich der deutsche Kanzler halb aus dem Bild.

»Die Amis werden außer sich sein!«, zürnte der Ratspräsident.

»Das werden wir gleich wissen«, sagte der Deutsche, dessen Kopf in den Bildausschnitt zurückgekehrt war. »Ich habe Arthur Jones in der Leitung.«

Die anderen reagierten mit versteinerten Mienen, glücklich, dass es nicht sie als Erste erwischt hatte.

»Na, fabelhaft«, seufzte der Deutsche, »was sage ich ihm? Irgendwelche Ideen?«

Die Mienen blieben versteinert. Aber damit hatte der Deutsche natürlich gerechnet.

»Art«, begrüßte er den US-Präsidenten, das Mobiltelefon am Ohr. »Ich schalte dich gleich einmal auf laut, ich habe ein paar Kollegen hier, die gern mithören wollen …«

Der Franzose verdrehte die Augen, die Kommissionspräsidentin ließ ihre Backenmuskeln flattern. Die Hohe Vertreterin blieb ungerührt.

»… umso besser!«, schepperte Arthur Jones’ Stimme aus dem Lautsprecher des deutschen Mobiltelefons.

»Da sind Paul, Frankreich, du weißt schon, die EU-Rats- und EU-Kommissionspräsidentin, die Hohe Vertreterin …«

»Ja, ja!«, unterbrach ihn Jones. »Hört mal. Wer immer da den Verstand verloren hat, dem helfe Gott! Turner kommt frei, und zwar sofort! So-fort!«

»Wir haben keinen Einfluss auf …«

»Papperlapapp! So-fort!«

»Arthur …«

»Arthur mich nicht! Euch ist die Lage wohl klar! Wir werden vor der ganzen Welt blamiert! Wie wollt ihr das wiedergutmachen?! Das …«

»Das Gericht …«

»Das Gericht steht auf eurem Boden. Also kümmert euch darum!«

»Das Gericht ist trotzdem unabhängig. Ein unabhängiges Gericht, Arthur. Bei dem es um Menschenrechte geht. Ich muss einen US-Präsidenten sicher nicht daran erinnern, dass eine der wichtigsten Verfechterinnen und Entwicklerinnen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte eine US-Amerikanerin war, Eleanor Roosevelt, die höchstangesehene Frau eines deiner Vorgänger, Franklin Delano Roosevelt. Sie saß vor der Veröffentlichung der Erklärung sogar der UN-Menschenrechtskommission vor, wenn ich mich nicht täusche …«

»Spar dir deine Geschichtsstunde! Menschenrechte hin oder her, Turner kommt frei! Dafür sorgt ihr! Oder wir tun es! Ich gebe euch ein paar Anreize dazu. Wenn er bis zu unserer öffentlichen Reaktion in einer Viertelstunde kein freier Mann ist, werden wir Einreiseverbote für sämtliche Mitarbeiter des ICC verhängen. Außerdem werden wir gegen sie internationale Haftbefehle beantragen …«

»Das kannst du nicht …«

»Und wie ich das kann! Das …«

»Wir können die nicht exekutieren …«

»Ich helfe euch, das entschiedener anzugehen! Falls nichts geschieht, werden ab morgen sämtlichen europäischen Banken Geschäfte in den Vereinigten Staaten untersagt …«

»Arthur, das gibt einen Kollaps der Weltwirtsch…«

»Nichts Arthur! Und das ist erst der Anfang. Ihr seht, ich meine es ernst!«

Die Gesichter auf den Laptops hatten sich merklich verdüstert. Als Jones die Drohung gegen die Banken aussprach, schüttelte der Franzose sacht den Kopf.

»Hör mal, Arthur«, sagte er mit seinem französischen Akzent, »hier ist Paul. Hörst du mich?«

»Paul! Schlecht, aber ich verstehe dich. Ich habe alles gesagt. Es liegt nun an euch.«

»Arthur, wie du siehst, sind wir uns des Ernstes der Lage bewusst. Deshalb sind wir hier auch alle zusammengekommen. Aber ich frage mich, ob wirklich wir die entscheidenden Akteure sind.«

Die anderen Gesichter auf den Bildschirmen wirkten überrascht, und auch der Ratspräsident fragte sich, worauf der Franzose hinauswollte.

»Das Gericht musste doch mit genau so einer Reaktion rechnen«, fuhr Paul fort, »wie du sie gerade lieferst. Überleg: Bei früheren Gelegenheiten hat das Gericht schon den Schwanz eingezogen, wenn es nur überlegte, das Handeln von US-Soldaten zu untersuchen. Untersuchen. Nicht anzuklagen oder sie gar zu verhaften. Ein paar … Erinnerungen von euch an die Macht der USA, und selbst simple Ermittlungen wurden eingestellt. Gegen einfache Soldaten. Und diesmal? Der Präsident? Verhaftet?! Ernsthaft?!! Dafür, dass sich die das tatsächlich getraut haben, gibt es meiner Meinung nach nur eine Erklärung: Jemand garantiert ihnen, dass sie diesmal nicht so harte Konsequenzen fürchten müssen. Zumindest nicht langfristig. Und du weißt genauso gut, dass wir so eine Garantie weder geben können noch würden. Ihre Rückversicherung muss von woanders kommen. Wenn du mich fragst, unterstützt das jemand bei euch. Und zwar massiv. Jemand sehr Einflussreiches.«

Die Hohe Vertreterin, für ihre beherrschte Art bekannt, hob eine Augenbraue. Der deutsche Kanzler nickte anerkennend, formte mit den Lippen ein »Chapeaux«. Und die Kommissionspräsidentin hatte trotz des Ernstes der Lage Schwierigkeiten, ein Lachen zu unterdrücken.

Aus dem Telefon in der Hand des Deutschen kam kein Ton.

»Und diesen Verdacht werden schnell auch andere haben«, fuhr der Franzose fort.

Klug gemacht, dachte der Ratspräsident. Gab dem Ami zu verstehen, dass der Verdacht bei Bedarf eben gestreut werden würde, falls wider Erwarten niemand von allein darauf käme.

»Das berücksichtigend«, sagte Paul, »bitte ich dich, die Maßnahmen in ihrer Schärfe noch einmal zu überdenken und uns einen gemeinsamen Weg aus der Situation finden zu lassen. Wir wollen doch unsere Freundschaft deshalb nicht aufs Spiel setzen.«

Auch schön gespielt. Der Franzose wusste so gut wie sie alle, dass die Amerikaner reagieren mussten, zumal Jones im Finale des Wahlkampfs stand. Ließ ihn das Gesicht wahren, bei gleichzeitiger Rückzugsmöglichkeit. Vielleicht hatte er damit vorerst das Schlimmste verhindert.

Auch der Ratspräsident konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wenngleich ein säuerliches. Dass er nicht selbst darauf gekommen war!

Jemand bei euch.

7

»Erinnern Sie sich an 1979?«, fragte Derek den Präsidenten.

»Da war ich in der Schule«, antwortete Jones. »Achte Klasse. Was hat das mit Turners Verhaftung zu tun?«

Derek war 1979 noch gar nicht geboren. Sie saßen in der Limousine zum Flughafen, von wo sie der Flieger zum nächsten Auftritt in Atlanta, Georgia, bringen sollte. Den Plan konnten sie vergessen. Sie mussten direkt zurück nach Washington. Das erwartete man in dieser Situation vom Präsidenten. Ausnahmsweise lenkte Derek den Wagen selbst. Sie brauchten keine Mithörer. Mit im Wagen saßen nur ihre Wahlkampfkoordinatorin Sandra Pilasky und die Medienchefin Kim Song, beide ebenfalls lange nach 1979 geboren. Beide über je zwei Smartphones gebeugt, auf denen sie die neuesten Nachrichten überflogen.

Derek ersparte sich weitere Ratespiele à la »Wissen Sie noch, wer damals Präsident war?«.

»Jimmy Carter war damals Präsident. Zu Beginn des Jahres fand im Iran die Islamische Revolution statt. Im November …«

»Natürlich! Die Geiselnahme in der US-Botschaft.«

»Fünfzig US-amerikanische Botschaftsangehörige als Geiseln von Hunderten radikalisierten iranischen Studenten kosteten Carter die Präsidentschaft. Im Wahlkampf hatte er kaum mehr eine Chance gegen Ronald Reagan. Erst recht nicht, nachdem auch noch ein Befreiungsversuch auf peinlichste Weise scheiterte.«

»Die Geiselnahme endete kurz nach Reagans Amtseinführung, wenn ich mich recht entsinne«, sagte der Präsident. »Die wollten Carter weghaben und die USA demütigen …«

»So war es«, sagte Derek. »Ich würde das mit der gegenwärtigen Situation vergleichen.«

»Der Internationale Strafgerichtshof ist kein islamistisches Terrorregime«, wandte Kim ein, »aber ich verstehe, worauf du hinauswillst.«

Sandra telefonierte flüsternd.

»Das Handling dieser Affäre wird unseren Wahlkampf entscheiden«, sagte Kim. »Wir müssen es besser machen als Carter damals.«

»Der Franzose hat nicht ganz unrecht«, sagte Sandra, die inzwischen nicht mehr telefonierte. »Das Gericht in Den Haag könnte von jemandem in den USA Rückendeckung bekommen. Zwei Möglichkeiten: jemand bei uns, der Sie loswerden will. Oder Wright und seine Mannschaft.«

»Die Republikaner werden doch keinen republikanischen Ex-Präsidenten an den ICC ausliefern«, meinte Jones.

»Wäre eine tolle Story, nicht?«, grinste Sandra.

»Bekommst du das glaubwürdig hin?«, fragte Kim.

»Dafür erwarte ich eine Entschuldigung.«

»Und wenn niemand dahintersteckt? Und das Gericht einfach gehandelt hat?«

»Das spielt gar keine Rolle. Jede Wette, dass derartige Spekulationen ohnehin bald auftauchen. Wir müssen nur entsprechend darauf reagieren. Am besten nehmen wir die Mitbewerber empört in Schutz. Kein aufrechter US-Bürger würde so etwas auch nur erwägen! Schon gar kein Präsidentschaftskandidat! Je öfter und lauter wir das wiederholen – und auf Social Media wiederholen lassen –, desto mehr Zweifel bleiben bei den Menschen hängen. Nach dem Motto ›Wo Rauch, da Feuer‹.«

»Und wenn es ein Feuer gibt?«, fragte Derek.

»Umso besser. Jemand wird das herausfinden«, sagte Sandra und fügte vieldeutig hinzu: »Das gehört auch zu unserem Job.«

»Haben wir eine erste Reaktion bereit?«, fragte Jones. »Ist in Abstimmung mit Chuck« – dem Pressesprecher des Weißen Hauses, der in Washington geblieben war. »Ohne so etwas brauchen wir am Flughafen gar nicht aufzutauchen. Da wartet sicher schon die Meute.«

Sandra tippte auf einem ihrer Phones. »Ist da.«

»Wir auch«, sagte Derek und bog auf die Abfahrt zum VIP-Bereich des Flughafens, wo die Air Force One auf den Präsidenten wartete. Und eine Horde Journalisten.

»Junge europäische Juristin zieht Zorn der gesamten USA auf sich!«

Über der Schlagzeile zeigte ein Screenshot Dana mit Turner.

Dana hatte die Nachricht auf ihrem Telefon aufs Geratewohl geöffnet. Eine von Hunderten.

Sie achtete nicht auf den Weg. Hinter den getönten Scheiben rasten links und rechts die Athener Straßen vorbei. Nur ab und zu hob sie den Blick von ihrem Telefon, um sich zu vergewissern, dass der Wagen mit Turner noch vor ihnen fuhr. Die Polizisten unterhielten sich auf Griechisch. Dana verstand kein Wort. Eine Minute nachdem das Verhaftungsvideo online gegangen war, hatte sie die erste Textnachricht auf ihrem Telefon erhalten. In den folgenden Minuten waren weitere hereingetröpfelt. Über alle Kanäle. SMS. E-Mail. Verschiedene Messenger. Schon während ihres Telefonats mit Maria Cruz war der Damm gebrochen. Sie kam nicht mehr dazu, einzelne zu lesen. Kaum hatte sie die Absenderin oder den Absender einer Nachricht identifiziert, wurde diese schon von einem neuen Fenster ersetzt, das die nächste ankündigte. So viele Menschen kannte sie gar nicht! Das unentwegte Brummen des Telefons kündete von den zahllosen Versuchen, sie telefonisch zu erreichen. Die meisten Nummern sagten ihr nichts. Dana nahm kein Gespräch entgegen.

Wahllos tippte sie die aktuell aufblinkende Nachricht an. Jenny Mandile. Dana rätselte. Bis es ihr wieder einfiel. Eine Studienkollegin, aus dem Jahr an der Georgetown University in Washington, D. C. Hatte sich seitdem bei Dana vielleicht einmal pro Jahr gemeldet, Dana sich bei ihr nicht öfter. Das letzte Mal war erst ein paar Monate her. Jetzt also schon wieder. Jenny arbeitete inzwischen in San Francisco, wenn Dana sich recht erinnerte. An der Westküste war es noch Morgen. Nachrichten reisten schnell.

Jennys Kommentar zu der Schlagzeile, die Dana zum Ziel des Zorns von 330 Millionen Menschen machte: Bist du verrückt?

Gute Frage, dachte Dana. War das ein Vorwurf? Oder ein Kompliment? Jenny war kein Turner-Fan. Aber US-Bürgerin.

Auf jeden Fall bist du jetzt ein Star, ging die Nachricht weiter. Darauf hätte Dana gut verzichten können. Wenn auch nicht unbedingt eine Heldin.

Und für Jenny?, fragte sich Dana. Obwohl sie das im Augenblick nicht wirklich interessierte. Angehängt war ein Link zu einem Bericht im Internet. Dana öffnete ihn nicht. Nicht jetzt. Den Inhalt konnte sie sich auch so vorstellen.

Nun überflog sie doch einige der anderen Nachrichten.

Ihr habt sie ja nicht alle! Wollt ihr einen Krieg mit den USA heraufbeschwören? Ein ehemaliger Schulkamerad aus Wuppertal, von dem sie seit Jahren nichts mehr gehört hatte.

Chapeaux! In deiner Haut möchte ich nicht stecken! Ein lachender Smiley. Und ein zustimmender Daumen. Ein ehemaliger Kollege von Amnesty International, wo sie während des Studiums ein halbes Jahr gearbeitet hatte.

Sie öffnete Twitter. Hashtag Turner trendete weltweit an erster Stelle. Jeder zweite Tweet zeigte einen Screenshot aus dem Video. Auf fast jedem davon Turner, der verhaftende Polizist. Und Dana.

Schon war sie zu dem Gesicht dieser Verhaftung geworden. Perfekter hätte man die Kontrahenten dieses Duells für die Medien nicht arrangieren können. Junge Frau gegen älteren Mann. Idealistin gegen (Ex-)Politiker. Durchschnittlich bezahlte Juristin gegen Multimultimillionär. Internationaler Strafgerichtshof gegen mächtigste Nation der Welt.

Einige Twitterer hatten das schnell erkannt, andere nachgemacht und geteilt.

Dabei sollte Dana nur anwesend sein. Vom Rande beobachten. Als Zeugin, dass alles korrekt verlief. Nicht einmal etwas sagen. In der unerwartet turbulenten Situation hatte sie sich hinreißen lassen. War vom Rand ins Zentrum gerückt. Gelaufen.

Selber schuld.

Weiterhin trudelten Nachrichten ein. Und Anrufe.

Im aktuellen Fenster stand eine Nummer, die sie kannte.

Mama.

Nein, das schaffte sie jetzt nicht. Dana drückte den Anruf weg. Der Bus vor ihnen bog in eine große Einfahrt, an deren beiden Seiten sich zwei schwere, dicke Eisentore zurückzogen. Der einzige Durchlass in einer langen hohen Mauer, die von Stacheldrahtspiralen gekrönt wurde. Vor ihnen öffnete sich ein Hof, umringt von Gebäuden mit kleinen vergitterten Fenstern. Hinter ihnen schossen die restlichen Busse durch das Tor. Die Metalltore begannen sich wieder zusammenzuschieben und die Welt draußen auszuschließen.

Die Polizisten sprangen aus dem Bus. Dana verließ das Fahrzeug als Letzte. Die Sonne erreichte das Innere des Gefängnishofs nicht mehr. Nur die Stacheldrahtrollen auf den Mauerkronen blitzten in den letzten Strahlen. Dennoch fühlte sich Dana wie in einer erhitzten Pfanne. Aus den anderen Bussen stiegen die übrigen Polizisten. Vier von ihnen hatten Turner in ihre Mitte genommen. Ohne Widerstand folgte er dem, der die Verhaftung ausgesprochen hatte.

Sie hatten nur Turner mitgenommen. Die Mitglieder seiner Entourage, die Leibwächter, seine griechischen Gastgeber und die anwesenden Politiker, hatten sie am Flughafen zurückgelassen. Gegen sie lag nichts vor. Nur der Securitymann, der Widerstand geleistet hatte, war verhaftet worden. Aber das war Angelegenheit der griechischen Behörde.

Die meisten Polizisten blieben im Hof und unterhielten sich. Dana folgte dem Tross zum Eingang. Sie mussten sich ausweisen und wurden an einer Sicherheitsschleuse kontrolliert. Alle Passierenden mussten ihre Taschen leeren. Telefone, Portemonnaies. Wie auf dem Flughafen. Hinter der Schleuse bekamen sie ihren Kram zurück. Außer Douglas Turner. Ein Securitymann verstaute seine Telefone, das Portemonnaie, eine Armbanduhr und den Gürtel säuberlich in je einen Plastikbeutel.

»Was …«, wollte sich Turner empören, doch da schoben ihn die Justizwachtmeister schon weiter. Mit verdrehtem Hals warf Turner noch einen Blick über die Schulter auf sein Zeug, dann waren sie schon um die erste Ecke. Dana folgte ihnen. Ein Gefängnisangestellter führte sie durch zwei schwere Gittertüren und einen Flur in einen Raum voller abgenutzter Tische und Bürostühle. An einem der Tische warteten zwei Männer und eine Frau. Die Männer trugen dunkle Anzüge, die Frau ein beiges Kostüm. Der ältere der Männer, Anfang sechzig, wechselte ein paar Worte mit dem leitenden Justizwachtmeister auf Griechisch. Er war hager, sein Gesichtsausdruck ernst, mit tiefen Falten von der Nase zu den Mundwinkeln, das Haar ein weißer Kranz oberhalb der Ohren. Er wandte sich an Turner.

»Ich bin Michalis Stouvratos, Staatsanwalt am Berufungsgericht hier in Athen«, sagte er auf Griechisch. Der Mann neben ihm, ein Mittvierziger mit schütterem, wirrem Haar, übersetzte. »Sie wurden auf Antrag des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag verhaftet. Die griechischen Gesetze schreiben für einen solchen Fall vor, dass der Verhaftete, also Sie, umgehend dem Staatsanwalt vorgeführt werden, also mir. Angesichts der außergewöhnlichen Umstände und aus Sicherheitsgründen habe ich mich entschlossen hierherzukommen, anstatt Sie mir vorführen zu lassen. Sie haben das Recht auf …«

Vom Flur her hörte Dana laute Stimmen in den Raum dringen. In der Tür erschien der Gefängnisbedienstete von vorhin. An ihm vorbei drängte sich ein großer Mann in hellem Sommeranzug, den Kragen offen, das verschwitzte rotblonde Haar nur halbwegs geordnet.

»Jeremy McIntyre«, stellte er sich im Laufschritt vor. Die anwesenden Justizwächter wollten ihm den Weg verstellen. Mit einer Handbewegung hielt sie der Staatsanwalt davon ab.

McIntyre eilte mit ausgestreckter Hand auf Turner zu. »Botschafter der Vereinigten Staaten in Griechenland«, erklärte er.

»Höchste Zeit, dass Sie mich hier rausholen!«, bellte Turner. Die angebotene Hand ignorierte er. Nun erst begrüßte der Gesandte den Staatsanwalt. Die übrigen Anwesenden behandelte er wie Luft.

»Ich verlange ein sofortiges Ende dieser Scharade!«, rief er.

Der Dolmetscher hob an zu übersetzen, doch der Staatsanwalt winkte ab.

»Dafür ist mein Englisch gut genug«, sagte er mit einem weichen Akzent. Er wechselte wieder ins Griechische.

»Douglas Turner, Sie haben das Recht auf die Vertretung durch einen Anwalt. Der Haftbefehl wurde aufgrund des wohlbegründeten Verdachts auf vorsätzliche Angriffe auf die Zivilbevölkerung in Afghanistan sowie Mord ausgestellt.«

»Das ist doch …«, donnerte Turner, aber weder der Staatsanwalt noch der Übersetzer ließen sich davon beeindrucken und fuhren fort.

»Der Form halber muss ich auch erklären: Falls Sie sich keinen Anwalt leisten können, wird Ihnen einer gestellt.«

Wieder setzte Turner empört zu einer Bemerkung an.

»Das ist doch lächerlich …«, mischte sich der Botschafter ein, doch die beiden Griechen setzten ihren Sermon unbeirrt fort. Diesmal hielt sich Dana im Hintergrund.

»Um Ihnen das weitere Prozedere zu erklären«, übersetzte der Dolmetscher die Worte des Staatsanwalts. »Ich bin lediglich für diese Verhaftung zuständig. Griechenland hat sich, so wie alle Unterzeichnerstaaten des Statuts von Rom, mit dem der Internationale Strafgerichtshof gegründet wurde, dazu verpflichtet, mit diesem zu kooperieren. Wenn der Internationale Strafgerichtshof, wie in diesem Fall, einen vorläufigen Haftbefehl gegen eine Person ausstellt, müssen die griechischen Behörden diesen ausführen. Sobald Sie anwaltliche Vertretung haben, können Sie die nächsten Schritte absolvieren.«

»Es wird keine nächsten Schritte geben«, presste Turner hervor. Der Mann und sein unsouveränes Verhalten hatten wenig mit der großspurigen Person zu tun, die Dana aus den Medien kannte.

»Ich habe bereits mit Ihrer Justizministerin telefoniert«, erklärte der Botschafter. »Ich treffe sie im Anschluss. Ich gehe davon aus, dass ich Mister Turner gleich mitnehme, damit sich Ihre Justizministerin persönlich bei ihm für diese Ungeheuerlichkeit entschuldigen kann!«

»Sie können die Justizministerin gern treffen«, erklärte der Übersetzer die Antwort des Staatsanwalts, »allerdings ohne Mister Turner. Sobald dessen anwaltliche Vertretung feststeht, wird das zuständige Gericht hier in Athen vier Punkte behandeln …«

Turner zuckte mit den Schultern, wandte sich um und wollte gehen. »Mir ist das hier zu blö…«

Instinktiv machte Dana einen Schritt vorwärts. Zwei Justizwachtmeister verstellten ihm den Weg. Dana bremste sich. Turner versuchte, sich an den Uniformierten vorbeizudrängen. Sie hinderten ihn daran. Respekt, dachte Dana, dass diese einfachen Beamten den Mumm hatten, sich dieser Person und allem, wofür sie stand, entgegenzustellen. Sie merkte, dass sie die Hände zu Fäusten geballt hatte, während sie sich dazu zwang, auf ihrem Beobachterposten stehen zu bleiben.

»Wohin wollen Sie denn?«, fragte der Staatsanwalt mild. »Das hier ist ein Gefängnis. Niemand verlässt es so einfach.«

Zeigen Sie wenigstens ein klein bisschen Größe, hätte er wohl gern hinzugefügt, dachte Dana, wenigstens klang seine Stimme so.

Stattdessen explodierte Turner: »Sind die verrückt?! In Syrien foltern, morden, vertreiben Assad und die Russen Millionen, scheren sich einen Dreck um irgendwelche Menschenrechte, ebenso wie die Saudis im Jemen, bei der Ermordung von Kashoggi und unzähligen anderen Fällen bei ihren eigenen Leuten. Auspeitschen, Hand ab, steinigen! Die Chinesen mit den Tibetern, den Uiguren, Hongkong, ach was, ihrer gesamten Bevölkerung! Die Russen in Tschetschenien, der Ukraine, auf der Krim, in Georgien, im ganzen Land! Der wahnsinnige Filipino, Dutzende andere weltweit – und mich verhaften Sie? Mich?! Das ist doch ein Witz!« Er winkte ab und fügte herablassend hinzu: »Außerdem ist der ICC nicht zuständig.«

Der Botschafter legte die Hand auf Turners Arm und flüsterte ihm etwas zu. Mit knirschenden Zähnen, aber schweigend wandte sich Turner wieder dem Staatsanwalt zu.

»Erstens«, erklärte der Übersetzer, »wird Ihre Identität festgestellt. Falls Sie nicht der Gesuchte sein sollten, haben Sie zwei Tage Zeit, Einspruch zu erheben. In der Folge hat das Gericht darüber zu entscheiden, ob das Verhaftungsprozedere korrekt abgelaufen ist. Drittens muss es klären, ob Ihnen alle Ihnen zustehenden Rechte gewährt wurden. Letztlich muss nach griechischem Recht auch die Frage beantwortet werden, ob die Verbrechen, die dem Verhafteten vorgeworfen werden, überhaupt zu einer Überstellung befugen würden. Sie haben die Möglichkeit, gegen die Verhaftung Einspruch zu erheben. Es ist davon auszugehen« – der Blick des Staatsanwalts traf Dana wie ein Vorwurf – »dass uns der ICC in den kommenden Tagen einen regulären Haftbefehl mit Ersuchen um Überstellung nach Den Haag übermittelt. Auch dagegen können Sie natürlich Einspruch erheben.«

Zugegeben, sie hatten den Staatsanwalt in eine Situation gebracht, um den ihn wohl niemand auf der Welt beneidete. Bislang bewältigte er die Herausforderung mit der kühlen Professionalität eines Bürokraten, der sich hinter seiner Funktion und Regeln, die andere gemacht hatten, verschanzen konnte, was in diesem Fall durchaus von Vorteil war.

»Ich fordere Sie ein letztes Mal auf, dieses Theater zu beenden«, erhob der Botschafter seine Stimme.

»Wir sind hier fertig«, sagte der Staatsanwalt. Er nickte Turner und dem Botschafter zu. »Guten Abend.«

Er schritt an dem Ex-Präsidenten vorbei. Warf dem Botschafter einen Blick zu. »Kommen Sie mit?«

Entrüstet erwiderte dieser: »Nicht ohne den Präsidenten!«

Der Staatsanwalt zuckte mit den Schultern.

»Dann nicht. Ihre Entscheidung. Abführen«, forderte er den Justizwachtmeister mit einem Blick zu Turner auf.

Dana hatte nicht erwartet, Turners Kinnlade fallen zu sehen. Noch immer konnte der einst mächtigste Mann nicht glauben, was soeben mit ihm geschah.

Dana konnte es selbst nicht glauben. Der Staatsanwalt hatte die Tür fast erreicht. Von ihm hatte Turner nichts mehr zu erwarten. Sein nächster Blick traf den Botschafter, der hinter dem Juristen herlief und auf ihn einredete. Blieb außer den Justizwachtmeistern nur mehr Dana. Ihre Blicke verschränkten sich kurz ineinander. Wie Ringer, die ihre Arme um die Schultern des anderen schlangen, um sich ein erstes Mal miteinander zu messen. Bloß dass hier ein Leichtgewicht gegen einen Sumoringer antrat. Turners Augen konnten seinen Zorn nicht verhehlen, ebenso wenig wie die Geringachtung seines Gegenübers. Widerspruch war er nicht gewohnt. Niederlagen noch weniger. Und so hatte sich auch ein Gefühl in diese braunen Augen geschlichen, das der ehemalige Präsident selbst vielleicht noch gar nicht an sich bemerkt hatte, wie Dana vermutete: Zweifel.

Einer der Justizwachtmeister fasste Turner sacht am Arm. Der Ex-Präsident warf ihm einen wütenden Blick zu und riss seinen Arm zur Seite. Dann setzte er sich langsam in Bewegung, einen Schritt nach dem anderen, auf den Staatsanwalt und die anderen bei der Tür zu. Die Beamten folgten ihm und behielten ihn in ihrer Mitte.