Verlag: Blanvalet Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

GIER - Wie weit würdest du gehen? E-Book

Marc Elsberg  

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E-Book-Beschreibung GIER - Wie weit würdest du gehen? - Marc Elsberg

Wenn Fiktion zur Realität wird, dann macht Marc Elsberg einen Bestseller daraus! Nach BLACKOUT, ZERO und HELIX der neue Thriller zu einem explosiven Thema.

»Stoppt die Gier!«, rufen sie und »Mehr Gerechtigkeit!«. Auf der ganzen Welt sind die Menschen in Aufruhr. Sie demonstrieren gegen drohende Sparpakete, Massenarbeitslosigkeit und Hunger – die Folgen einer neuen Wirtschaftskrise, die Banken, Unternehmen und Staaten in den Bankrott treibt. Nationale und internationale Konflikte eskalieren. Nur wenige Reiche sind die Gewinner. Bei einem Sondergipfel in Berlin will man Lösungen finden.
Der renommierte Nobelpreisträger Herbert Thompson soll eine Rede halten, die die Welt verändern könnte, denn angeblich hat er die Formel gefunden, mit der Wohlstand für alle möglich ist. Doch dazu wird er nicht mehr kommen. Bei einem Autounfall sterben Thompson und sein Assistent – aber es gibt einen Zeugen, der weiß, dass es Mord war, und der hineingezogen wird in ein gefährliches Spiel. Jan Wutte will wissen, was hinter der Formel steckt, aber die Mörder sind ihm dicht auf den Fersen …

Meinungen über das E-Book GIER - Wie weit würdest du gehen? - Marc Elsberg

E-Book-Leseprobe GIER - Wie weit würdest du gehen? - Marc Elsberg

Buch

»Stoppt die Gier!«, rufen sie und »Mehr Gerechtigkeit!«. Auf der ganzen Welt sind die Menschen in Aufruhr. Sie demonstrieren gegen drohende Sparpakete, Massenarbeitslosigkeit und Hunger – die Folgen einer neuen Wirtschaftskrise, die Banken, Unternehmen und Staaten in den Bankrott treibt. Nationale und internationale Konflikte eskalieren. Nur wenige Reiche sind die Gewinner. Bei einem Sondergipfel in Berlin will man Lösungen finden. Der renommierte Nobelpreisträger Herbert Thompson soll eine Rede halten, die die Welt verändern könnte, denn angeblich hat er die Formel gefunden, mit der Wohlstand für alle möglich ist. Doch dazu wird er nicht mehr kommen. Bei einem Autounfall sterben Thompson und sein Assistent – aber es gibt einen Zeugen, der weiß, dass es Mord war, und der hineingezogen wird in ein gefährliches Spiel. Jan Wutte will wissen, was hinter der Formel steckt, aber die Mörder sind ihm dicht auf den Fersen …

Autor

Marc Elsberg wurde 1967 in Wien geboren. Er war Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg sowie Kolumnist der österreichischen Tageszeitung »Der Standard«. Heute lebt und arbeitet er in Wien. Mit seinen internationalen Bestsellern BLACKOUT, ZERO und HELIX etablierte er sich auch als Meister des Science-Thrillers. BLACKOUT und ZERO wurden von »Bild der Wissenschaft« als Wissensbuch des Jahres in der Rubrik Unterhaltung ausgezeichnet und machten ihn zu einem gefragten Gesprächspartner von Politik und Wirtschaft.Weitere Informationen unter: www.marcelsberg.com

Von Marc Elsberg bereits erschienen:

BlackoutZeroHelixBesuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvaletund www.twitter.com/BlanvaletVerlag

Marc Elsberg

GIER

Wie weit würdest du gehen?

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage

Copyright © 2019 by Marc Elsberg. Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb.

Copyright dieser Ausgabe © 2019 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Angela Kuepper

Umschlaggestaltung: © www.buerosued.de

Umschlagmotiv: © Miguel Navarro/Stone/Getty Images

Illustrationen: © Marc Elsberg und www.buerosued.de

NG · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-21517-0V001www.blanvalet.de

Für Alma, Alois, Anna, Elisa, Erik, Georg(s), Itta, Kick, Lina, Matthias, Moritz, Nadine, Noah, Paul, Phillip, Sebastian, Theo, Tibbe, Ursula, Valerie und alle anderen jungen Leute

Der Tag der Waage

Dana wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie stützte sich auf die Sense und ließ den Blick über die goldenen Felder wandern. Die Luft zitterte in der Sommerhitze. Über dem wogenden Ährenmeer rund um Dana wiegten und drehten sich die Oberkörper der anderen im regelmäßigen Schwung der Sensen. Fast wie ein Tanz, dachte Dana. Ein langsamer, bedächtiger Tanz des Lebens und des Sterbens, des unendlichen Kreislaufs der Natur. Mit jedem Schwung fiel ein Büschel Ähren, stürzten die Halme durcheinander wie Füsilierte. Sie hinterließen wandernde Stufen in der Landschaft, bis am Ende des Tages aus dem rauen Ackerboden nur mehr trockene Spieße in alle Richtungen ragten, wie Bartstoppeln aus dem zerfurchten Gesicht eines Greises. Darüber verteilt standen wie kleine Vulkane die aneinandergelehnten Garben, Bündel jenes kostbaren Korns, das Dana und die Ihren über den Winter und in das nächste Jahr bringen würde. Bis daraus im kommenden Frühjahr auf Danas Feld erneut die Zukunft wachsen würde, so wie seit Generationen, Jahr für Jahr.

Dieses war ein gutes Jahr für Dana und die Ihren gewesen. Das Wetter hatte sich als gnädig erwiesen, der kalte Winter die Saat im Boden bewahrt und die Schädlinge ausgefroren. Der warme Frühling hatte die jungen Schösslinge hervorgelockt, der üppige Regen des Frühsommers sie förmlich aus dem fetten Boden getrieben. Unwetter, Hagel und Pilze hatten sie verschont. Und der heiße Sommer mit Regen zur rechten Zeit hatte ihnen jene Kraft gegeben, die sie als Brei und Brot, manchmal vielleicht sogar in Form eines Stück Kuchens an Dana und all die anderen weitergeben würden.

In der Ferne sah sie Bills Feld. Auch dort tanzten sie. Dana fragte sich, wie es ihm in diesem Jahr ergangen war.

Der Tag der Waage war gekommen. Nachdem die Garben auf den Feldern getrocknet waren, sammelten Dana und die Ihren sie ein und brachten sie auf die Höfe. In der rückenbrechenden Schufterei des Dreschens trennten sie die Spreu vom Korn. Davon füllten sie den üblichen Anteil in die Kornkammern, als Vorrat für den Winter und Saat für das nächste Jahr. Den anderen Teil nahmen sie und gaben ihn in Säcke.

Dana spannte die Ochsen vor den Karren, und sie fuhren die Säcke auf den Markt in der Stadt. Dana freute sich auf die Stadt und den Markt. Sie und Ann und Bill und Carl und die anderen Bauern des Dorfes würden ihre Ernte an den Meistbietenden verkaufen. Und am Abend, nach der Rückkehr aus der Stadt, würden sie wie jedes Jahr feiern.

Bei den Waagen der Händler begrüßte Bill sie mit einem breiten Lachen. Er war ein kräftiger Kerl mit blauen Augen und dichtem schwarzem Haar. Er wuchtete seine Säcke bereits auf die breite Waagplatte des Kaufmanns.

»Dieses Jahr werde ich mehr haben als du«, sagte er zu ihr. »Mehr als ihr alle!«

Dana zuckte mit den Schultern. Schließlich ging es ihr nicht darum, mehr zu ernten als Bill. Sie war zufrieden, wenn sie alle gut über den Winter kamen und ihre Ernte genug einbrachte, um ihre Kinder auf die Schule schicken und die notwendigen Reparaturen am Haus durchführen zu können. Vielleicht würde es sogar für eine neue Kuh reichen.

Der Händler wog auch ihre Ware.

»Das war ein gutes Jahr für dich«, sagte er anerkennend zu Dana. »Deine Ernte war deutlich reicher als Bills.«

»Wir hatten beide ein gutes Jahr«, sagte sie. »Keine Schädlinge, keine Dürre, kein Hagel, keine Flut.«

Doch sie konnte sehen, wie enttäuscht und verärgert Bill war. Schon als Kind wollte er immer der Beste sein. Er maß sich ständig an den anderen, forderte sie heraus, wollte nicht mit ihnen spielen, sondern gegen sie, musste als Erster im Ziel einlaufen und auf dem höchsten Siegerpodest stehen. Er bebaute den gleichen reichen Boden wie Dana, mit dem gleichen Korn. Sie hatten die gleiche Fläche Land zur Verfügung. Sie lebten unter demselben Himmel mit demselben Wetter. Bill war so tüchtig wie Dana, und er verstand sein Handwerk wie sie. Eigentlich war er ein netter Kerl, gut aussehend dazu. Dana fand ihn ziemlich anziehend, aber seine Kämpfernatur langweilte sie. Zumal sie besser dastand als er.

»Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!«, rief er. »Ich habe gearbeitet wie ein Vieh! Ich habe alles richtig gemacht! Trotzdem erntest du mehr! Schon das dritte Jahr in Folge! Wie kann das sein?«

Gekränkte Männer! Fehlte nur noch, dass er sie der Hexerei bezichtigte.

Vielleicht war es an der Zeit, ihm ihr Geheimnis zu verraten, dachte Dana.

Erste Entscheidung

»Am Ursprung des Lebens folgen einige sich selbst kopierende chemische Strukturen einem mathematischen Prinzip, das ihnen zu einem Vorteil verhilft.«

Will Cantor

1

Die Straßen brannten. In dichten Schwaden zog Rauch über den Asphalt. Herabstürzenden Meteoren gleich, explodierten Molotowcocktails in Feuerbällen und schwarzem Qualm. Durch den Nebel jagten vereinzelt dunkle Gespenster, tauchten da unter und dort wieder auf.

»Das ist Krieg!«, brüllte Melanie Amado und duckte sich.

Aus dem Dunst hinter ihr wuchs eine dunkle Menschenfront. Köpfe, Schultern. Plakate, Transparente.

»Was steht da?«, rief Ed Silverstein und zoomte näher an die Transparente der Demonstranten heran. Stoppt die Gier! Wohnen: Ausspekuliert! Bedingungsloses Grundeinkommen! Ich kann mir keine Lobbyisten leisten! Friede jetzt! Tod dem Kapitalismus!

Amado umklammerte ihr Mikrofon: »Nach dem Platzen der Blase von Unternehmensschulden droht der Welt eine Finanzkrise wie 2008. Hunderttausende protestieren zur Stunde in Berlin gegen neue Sparpakete wegen Banken- und Unternehmensrettungen. Wer hätte so etwas hier vor ein paar Monaten erwartet? Griechenland ist plötzlich überall!«Schwenk. Vor ihnen schälte sich eine zweite Front aus dem Rauch.

»Glatzen! Bomberjacken!«, rief Silverstein in die Kamera. Einige schwangen Holzlatten oder Baseballschläger. Ausländer raus! Deutschland zuerst! Wir sind das Volk! Kahle Köpfe, wütende Fratzen füllten den Screen.

Daneben, im Badezimmerspiegel, leuchteten Jeannes Augen grün. Was Luxushotels sich alles ausdachten. Teile des riesigen Badezimmerspiegels waren gleichzeitig ein Fernsehbildschirm. Sie trug Tusche auf die unteren Wimpern auf.

Amado: »Ähnliche Bilder erreichen uns aus US-Metropolen …«

Während Jeanne die oberen Wimpern nachtuschte, schaltete Bloomberg-TV zu zwei aufgeregten Reportern nach New York. Im Spiegel neben Jeannes Gesicht jagten prügelnde Polizisten durch rollende Rauchwellen in Brooklyn. Glühende Augen von Bengalfeuern tauchten die Hetzjagd in dämonisches Rot.

»Seit ein Alt-Right-Mitglied mit seinem Auto in eine Demo raste und drei Afroamerikaner niederfuhr, brennen in einem Dutzend US-Metropolen ganze Stadtviertel!«

Jeanne griff zum Highlighter, Bloomberg-TV zu Bildern von Kriegsschiffen, Kampfraketenstarts. Feixende asiatische Politiker eilten in Sitzungen.

»Und Schlimmeres zieht auf«, erklärte die Sprecherin. »Chinas Flotte provoziert in den asiatischen Meeren Konflikte mit seinen Nachbarn. Saudi-Arabien, der Iran und Israel eskalieren die Kriege auf der Arabischen Halbinsel. Erste Drohungen mit Atomwaffen werden laut. Russland zündelt in Osteuropa. So explosiv war die globale Lage nicht seit dem Zweiten Weltkrieg.«

Verstaubte, blutige Kinder in Trümmern nach einem Bombenangriff, irgendwo in Nahost. Jeanne zog die Lippen nach.

Europäische und US-Politiker hinter Stehpulten, vor getäfelten Wänden, an Konferenztischen. »Deshalb wurde ein längst geplantes Außenministertreffen in Berlin kurzfristig zu einem Krisengipfel erweitert, auf den führende Politiker, Zentralbanker und Unternehmensführer aus aller Welt eilen.«

Jeanne richtete sich auf. Prüfte den Sitz ihrer Frisur, strich das seidene Abendkleid glatt, eine Maßanfertigung aus Sook Dwalas Studio in Los Angeles. Sie hätte Model werden können.

Ted Holden erschien im Spiegel. Er war kaum größer als sie, ein paar Jahre älter, trug Smoking. Für einen Augenblick war Jeanne verwirrt. War Ted in den Nachrichten, oder stand er wirklich hinter ihr?

»Bist du bereit?«, fragte er. Wirklichkeit.

Sie nickte ihm zu, während sein Blick kaum merklich über ihren Körper strich.

»Wir schalten zurück nach Berlin zu Mel und Ed …«

Flammen. Loderten durch Autogerippe.

2

Der Gestank von Verbranntem vermischte sich trotz Klimaanlage mit dem Geruch des Leders im Inneren der Limousine und schnürte Will Cantor den Hals zu. Dumpf drangen das Klirren der Flaschen, das Donnern der Explosionen, das Tosen der Sprechchöre durch die Scheiben. Halten die einem Pflasterstein stand?, überlegte er, während seine Finger den Haltegriff der Tür umklammerten.

Sie fuhren nur mehr Schritttempo. Ein Stück vor ihnen brannte ein Wagen am Straßenrand.

Der Fahrer, ein bulliger Mittfünfziger mit Schnauzbart, fluchte irgendetwas auf Deutsch.

Herbert Thompson auf dem Sitz neben Will hielt das Telefon fest in seiner knochigen Altmännerhand.

»Wir fahren hier gerade durch die Hölle, verdammt!«, raspelte seine Greisenstimme. »Lass uns später darüber reden!«

Wie so viele Hochbetagte war er über die Jahre in seinem Anzug geschrumpft. Die Schulterpolster zu breit, die Ärmel zu faltig. In dem luxuriösen Ledersitz wirkte er fast verloren. Wäre da nicht seine Energie gewesen.

Leise und abgehackt drangen Wortfetzen seines Gesprächspartners aus dem Telefon.

»… einflussreichsten Ökonomen der Gegenwart! … begehst wissenschaftlichen Selbstmord!«

»Im Gegenteil!«, keifte Thompson. »Das ist meine wichtigste Arbeit überhaupt!«

Die Antwort verrauschte im Lärm der Demonstranten.

»Mein Lebenswerk?«, rief Thompson. »Das habe ich damit erst geschaffen! Diese Konzepte können dem Wahnsinn da draußen ein Ende bereiten. Mehr Gerechtigkeit schaffen. Mehr Wohlstand für alle! Einem Nobelpreisträger werden sie schon zuhören.«

»… dich … auslachen!«, echauffierte sich die Stimme am anderen Ende der Leitung.

Entschieden tippte Thompson auf den Aus-Button und schob die Notizen für seine Rede zurück in die Aktentasche auf seinem Schoß.

»Idiot!«, krächzte er. »Hat bloß Angst, dass wir Leuten wie ihm auf die Füße treten.« Er kniff die Augen zusammen. »Was steht da?«, fragte er mit Blick auf die Transparente.

»Stoppt die Gier! Tod dem Kapitalismus!«, sagte Will.

»Haben keine Ahnung, was Kapitalismus ist, aber Hauptsache, er ist an allem schuld«, meckerte Thompson. Dann gluckste er vergnügt: »Da sind wir ja im richtigen Auto hineingeraten. Wenn die wüssten, wer gerade auf sie zufährt …«

Will fand den Gedanken weniger lustig. Wenn die es wüssten, würde der nächste Molotowcocktail mit Sicherheit ihre schwarzglänzende Limousine treffen.

Der Aufruhr war ganz nach Thompsons Geschmack. Konfrontationen hatte er nie gescheut. Wettbewerb. Survival of the fittest als Grundlage allen Erfolgs, Wachstums und Wohlstands. Für einige seiner wirtschaftlichen Modelle dazu hatte er vor zwölf Jahren den Nobelpreis erhalten. Er war eine Legende. Eine Stimme, der die Wichtigen, die Mächtigen und Reichen dieser Welt Gehör schenkten.

Thompsons Telefon leuchtete auf. Schnaubend nahm er das Gespräch an.

»Was willst du noch?«, bellte er. »Ich habe dir lang und breit erklärt, dass wir den Beweis haben. Den mathematischen Beweis!«

Will spitzte die Ohren.

»… Dummheit bewahren.«

Thompsons Gesicht lief rot an vor Zorn. »Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel! Du wirst mich nicht davon abbringen, meine Rede zu halten. Niemand wird das.«

Kurzerhand schaltete er das Handy aus und steckte es weg.

Der Chauffeur blickte hilfesuchend nach hinten. Dort staute sich eine Handvoll Wagen. Die letzten verschluckte eine heranrollende Woge von Rauch. Darin tauchten neue Silhouetten auf.

Thompson, zu steif, sich umzudrehen, fragte: »Welche sind das jetzt?«

Will warf einen Blick durch das Heckfenster. »Transparente mit ›Ausländer raus‹, ›Deutschland zuerst‹.« Einige zeigten den Hitlergruß. »Nazis!«, rief er.

Thompson schüttelte den Kopf. »Über den neuen Nationalismus dürfen wir uns nicht wundern. Wenn man jahrzehntelang den Staat zurückdrängt, bleibt vom Nationalstaat nur mehr national. Das fliegt uns jetzt um die Ohren. National. International …«

Eine Explosion an der Heckscheibe unterbrach ihn. Will schrumpfte im Schock. Splitter rannen an der Scheibe hinab, zusammengehalten vom Etikett einer Biermarke.

Kein Benzincocktail, bloß normaler Alkohol.

Auch Thompson war zusammengezuckt. Der Nobelpreisträger wandte sich an den Fahrer: »Ich habe eine wichtige Rede zu halten«, sagte er. »Die das alles hier beenden kann.« Er klopfte ihm auf die Schulter. »Wie sagte Churchill? ›Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter.‹ Also: Fahren Sie!«

3

Er saß in einem Hotelzimmer vor einem Laptop-Bildschirm voll Codezeilen, als die Nachricht auf dem sechsten der acht altmodisch anmutenden Tastenmobiltelefone aufblinkte, die in zwei sorgfältig geordneten Viererreihen links neben dem Computer lagen. Er hatte die halb transparenten, orangebraunen Sichtschutzvorhänge zugezogen und sah so gut wie nichts von der Großstadt unter ihm. Es hätte jede Metropole der Welt sein können, aber jetzt gerade war es Singapur.

Er öffnete die Nachricht und erkannte den Absender sofort. Dessen Namen hatte er wie üblich nie erfahren, ein Allerweltspseudonym. Einander gefunden hatten sie sich auf einer der üblichen Plattformen im Darknet, auf denen man anonym Spezialisten für alle Gebiete anheuern konnte. In seinem Fall einen Hacker.

Die Nachricht bestand aus einem einzigen Wort: Ikarus.

Er weckte seinen zweiten Laptop, seine Finger flogen über die Tastatur, und ein paar Sekunden später hatte er den Befehl verschickt. Gleichzeitig öffneten sich auf dem Bildschirm sieben verschiedene Fenster, in denen er die korrekte Durchführung überprüfen konnte. Sie bildeten Ordner mit Dokumenten aus verschiedenen Mailprogrammen und Servern ab. Seit sein Auftraggeber ihn vor ein paar Monaten kontaktiert hatte, verfolgten seine Programme alle Versionen der Dokumente über verschiedene E-Mailprogramme und Server hinweg. Gleichzeitig installierten sie in allen kleine Zeitbomben, die nur auf seinen Befehl warteten, um die Dokumente bei Bedarf sofort zu löschen.

Den Befehl, den er soeben gegeben hatte.

Binnen Sekunden verschwanden aus allen Ordnern einzelne Dokumente wie von Geisterhand. Noch einmal kontrollierte er die Ordner, dann beendete er die Remote-Verbindung. Die Fenster verschwanden von dem Bildschirm, er klappte den Laptop wieder zu. Auf dem Handy tippte er ebenfalls nur ein Wort: Done. Erledigt.

Er entfernte die SIM-Karte aus dem Telefon, zerbrach sie – ein unsinniges Ritual, an dem er trotzdem abergläubisch festhielt – und ging ins Bad, wo er sie in Klopapier gewickelt die Toilette hinunterspülte. Das Telefon schleuderte er mehrmals heftig gegen die Steinfliesen des Badezimmerbodens, bis es zersplitterte. Ein paar Tritte zerkleinerten die größeren Teile so weit, dass er auch sie problemlos über das Klo entsorgen konnte. Ebenfalls eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme, aber er ging lieber altmodisch auf Nummer sicher.

Dann kehrte er zurück an den Schreibtisch und wandte sich wieder dem Code auf dem anderen Bildschirm zu.

4

Durch die Frontscheibe des Range Rovers blickte Eldridge direkt auf das Heck des Mercedes mit Thompson und Cantor. Die Demonstrationen vor dem Schloss mussten von den genehmigten Routen abgewichen sein, die Polizeiabsperrungen zu ihrer Einhegung offenbar leck wie ein alter Gartenschlauch. Durch eines dieser Lecks wurden sie nun überschwemmt. Die Wagen hinter ihnen wurden eingeholt von den ersten tätowierten Glatzen, Skins, Rocker-Vollbärten. Vor ihnen fürchtete sich Eldridge nicht. Er und die vier übrigen Männer im Wagen waren ganz anderes gewohnt.

Am Steuer neben Eldridge wartete Jack auf seine Anordnungen. Die dunkelgraue Combathose um die mächtigen Oberschenkel gespannt, die massiven Arme und Schultern unter dem grauen Hemd gestrafft, die Augen schmale Schlitze im fleischigen Narbengesicht. Seine Stirn stieß fast an das Wagendach; längere Haare als Jacks Stoppel hätten den grauen Bezug gestreift.

Das Headset in Eldridges Ohr meldete einen Anruf. Konnte nur eine Person sein. »Annehmen.«

»Plan Ikarus«, erklärte die Stimme in seinem Ohr.

»Wiederhole«, sagte Eldridge. »Plan Ikarus.«

»Bestätigt.«

Der Anrufer beendete die Verbindung.

Eldrigde, für seine Teammitglieder El, tippte den Tabletcomputer auf seinem Schoß an. Auf dem Bildschirm erschien eine Grafik mit der schematischen Darstellung eines gläsernen Autos von oben: Innenraum, Sitze, Armaturen, Motor …

Das Antriebs- und das Steuerungssystem – Motor, Lenkrad, Schaltung, Pedale – leuchteten blau. Über dem Motor zeigte ein Tachometer 2 km/h. Rechts oben im Schirm ein rotes Feld »Enter«.

Tipp.

»Enter« änderte seine Farbe von Rot zu Grün.

El legte die Kuppe seines großen, schartigen Zeigefingers mit dem kurzen Nagel erneut auf den Monitor des Tablets. Genau auf das blaue Gaspedal der durchsichtigen Autoillustration. Er blickte auf zum Heck der Limousine, über deren Rückscheibe die Reste einer Bierflasche sabberten, und begann sanft zu drücken.

5

Die Beschleunigung des Wagens drückte Will in den Sitz. Das Fahrzeug steuerte direkt in die Menge. Demonstranten schrien auf. Einige brachten sich durch Hechtsprünge vor dem heranrollenden Gefährt in Sicherheit, andere schüttelten wütend die Fäuste.

»Vorsicht, Mann!«, krähte Thompson. »›Durch die Hölle gehen‹ sagte ich! Nicht, sie erschaffen!«

»Etwas stimmt hier nicht!«, rief der Chauffeur in holprigem Englisch.

Will hörte Unglauben in seiner Stimme.

»Was ist los?«

»Der Wagen … der fährt von allein!«

Mit heftigen Bewegungen pumpte der Chauffeur die Pedale. Hieb auf die Hupe. Lärmend pflügte der Mercedes durch den Rauch und die davonhastenden Schatten und nahm Tempo auf.

»Die Bremsen funktionieren nicht!« Er rüttelte am Schaltknüppel. Panik in der Stimme. »Die Schaltung! Nichts!«

Er nahm die Hände vom Steuer. »Sehen Sie?!«

»Tun Sie Ihre Hände wieder an den Lenker!«, befahl Thompson.

Der Fahrer gehorchte.

Will blickte in aufgerissene Augen hinter den Scheiben, brüllende Münder.

Ein Transparent klatschte auf die rechte Frontscheibenhälfte und verdunkelte sie. Wurde fortgeweht.

Vergeblich riss der Fahrer am Lenkrad.

»Mein Gott …«, stammelte Will. »Der Wagen wurde gehackt!«

Er fummelte sein Mobiltelefon aus der Sakkotasche. Trotz hektischen Tippens auf dem Touchscreen blieb er schwarz.

Draußen auf der Straße lichtete sich der Rauch. Die Menschen flohen vor ihnen in alle Richtungen. Einem Haufen Metall mit dem Schwung von vierzig Stundenkilometern hatten sie nichts entgegenzusetzen als ihre Haut, ihr Fleisch und ihre Knochen. Ihr Leben.

»Haben Sie ein Telefon?«, fragte Will den Fahrer.

»Hier.«

Während der Mann hilflos an Lenkrad und Schalthebel rüttelte, startete Will dessen Handy. Auch dieses Gerät reagierte nicht. Er blickte zu Thompson, der mit hochgezogenen Schultern in seinem Sitz kauerte und die Aktentasche umklammert hielt. Bleich verfolgte er Wills Bemühen.

Die Limousine fuhr schneller, die Straße leerte sich, kaum mehr Demonstranten, noch kein Verkehr. Will musste zwinkern, um seinen Augen zu trauen. Vor ihnen lag eine ganz normale Straße. Er wandte sich um. In einiger Entfernung hinter ihnen erinnerte die Szenerie weiterhin an ein auf die Erde gefallenes Gewitter. Nur ein dunkler SUV war ihnen durch ihre Schneise gefolgt.

Sie verließen eine Kreuzung und bogen an einem Fahrverbotsschild vorbei in eine mehrspurige Straße. Weiter vorn entdeckte Will die Siegessäule. Sie fuhren in den Tiergarten!

»Ihr Telefon!«, forderte er mit offener Hand von Thompson.

Die Suche des Nobelpreisträgers in den Taschen seines Jacketts dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Sie fuhren auf einer breiten, leeren Straße durch den Park.

»Warum ist hier keiner?«, rief Will.

»Schon gesperrt, wegen der Demonstrationen morgen«, erklärte der Fahrer. Schweiß stand auf seiner Stirn.

Als Will Thompsons Telefon endlich in die Finger bekam, blieb es so tot wie die anderen. Frustriert warf er es auf die Sitzbank.

»Wir werden entführt!«, rief er. »Wir müssen uns irgendwie bemerkbar machen!«

»Aber wem?«, brüllte der Chauffeur. »Da draußen ist ja niemand! Verdammt!«

Der Wagen wurde nach links geschleudert. Mit quietschenden Reifen kurvte er zurück nach rechts. Zu steil! Direkt auf den Wald zu. Der erste Reifen traf den Randstein. Die Beifahrerseite stieg hoch, und mit einer Drehung um die eigene Achse schraubte sich die Limousine durch die Luft Richtung Bäume.

6

Jan sah nur einen mächtigen Schatten. Dann wirbelte eine Tonne Metall von der Straße her quer über den Radweg. Instinktiv zog Jan den Kopf ein. Das Gefährt schoss über ihn hinweg. Touchierte einen Baumstamm, krachte gegen einen zweiten und stürzte ab. Fast verlor Jan die Kontrolle über sein Fahrrad. Vollbremsung.

Das Fahrzeug lag sieben, acht Meter weit im Wald auf dem Dach. Von der Bodenplatte bei den Vorderrädern stieg Rauch auf.

Jan warf das Rad hin. Einer dieser Momente, in denen man nicht denkt. Der Körper wird zur Sehne. Er rannte los. Fand das Handy in der vorderen Tasche seiner Jeans. Notruf. Sprintete zu dem zerdrückten Haufen Blech.

Dunkle Luxuslimousine. Ein Meer von Splittern. Der Fahrersitz war ihm am nächsten. Dort hatte das Dach dem Absturz am besten standgehalten. Im Sitz hing regungslos ein älterer Mann. Dunkler Anzug. Schnauzbart. Um ihn erschlaffte Airbags. Jemand meldete sich an Jans Ohr.

»Jan Wutte«, sagte er. »Schwerer Autounfall im Tiergarten, zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor.«

Er steckte das Handy weg. Jan, du bist Pfleger. Du kennst dich aus mit dem menschlichen Körper. Er tastete am Hals des Mannes. Spürte keinen Puls. Rüttelte am Türknauf. Vergeblich. Hinter dem Fahrer lag ein älterer Mann in dunklem Anzug kopfüber und seltsam zusammengefaltet auf dem Inneren des Autodachs. Nicht angeschnallt. Blutüberströmt. Sein Arm ragte aus dem Fenster. Jan fühlte keinen Puls. Neben dem Alten hing von der kopfstehenden Rückbank eine weitere Gestalt im Sicherheitsgurt. Jünger, männlich. Seine Lippen bewegten sich. Jan lief um den Wagen herum. Versuchte, den Kopf durch den schmalen Schlitz zu klemmen, der einmal ein Fenster gewesen war.

»Wie geht es Ihnen?!«, hörte er sich brüllen. »Rettung ist unterwegs!«

Geschlossene Augen, Wispern. Ein verkehrt herum baumelndes Gesicht kannst du nicht lesen. Die Mimik hängt in die falsche Richtung.

»Haben Sie Schmerzen?!«

Neben dem Kopf des Mannes lag eine geöffnete Aktentasche auf dem umgedrehten Autodach. Aus dem Innern ragten lose Papiere. Daneben ein Handy und anderer Kram.

Das Flüstern war zu leise. Jan schob sich noch weiter an seinen Mund. Versuchte, ihn zu beruhigen. Seine Lider flatterten. Jetzt sah er Jan an. Am unteren – jetzt oberen – Rand seiner Augen Weiß.

»… elemen…«, stöhnte er. »… schan … dall …«

Elemente? Chantal? Machte keinen Sinn.

»Ich … sorry, ich verstehe Sie nicht. Aber bleiben Sie ruhig. Hilfe ist unterwegs.«

Er schien Jan nicht zu hören.

»Fitzroi piel … a … gold… bar …«

»Fitzroi was?«

Allein konnte Jan wenig tun. Selbst wenn es ihm gelang, den Sicherheitsgurt des Typen zu lösen, würde sein Körper auf das Dach fallen und er sich womöglich noch mehr verletzen.

»Fitz…roi piel«, röchelte er. »Schan … dall … e …«

»Chantal E.? Ist das ein Name?« Er warf einen Blick aus den Augenwinkeln zu den anderen. Keine Lebenszeichen. »Fitzroi – ist das auch ein Name?« Hatte er noch nie gehört.

Der Mann schloss die Augen. War das ein Ja? Flüsterte: »Golden … bar …«

Jack hatte den Range Rover wenige Meter hinter der Unfallstelle angehalten. Der Mercedes hatte den Randstein förmlich als Absprungrampe genutzt. Eldridge und Sam waren aus dem Rover gesprungen, starrten hinüber zu dem Wrack hinter den Bäumen. Auf dem Weg neben der gesperrten Straße war um die Zeit kein Mensch unterwegs. Nur ein Fahrrad lag da. Dann entdeckte El den Mann. Genauer: sein Hinterteil, das aus einem Fenster der Beifahrerseite ragte.

»Kommt!«, rief El den anderen zu. »Wir müssen dahin! Jack, fahr den Wagen aus der Fahrverbotszone!«

Rob und Bell sprangen aus dem SUV. Trainierte Hulks wie El und Sam, in dunklen Jeans und Jacken.

Der Typ bei der Limousine hatte den Oberkörper aus dem Inneren gezogen und zerrte an der Tür. Ein schlaksiger junger Kerl, größer, brünettes Haar mit Undercut, dunkles Hoodie, verwaschene Jeans. Fiel fast auf den Rücken, als die Tür nachgab und aufsprang. Wieder beugte er sich hinein, fummelte herum. Tauchte erneut auf. Sie hatten ihn fast erreicht. Im nächsten Moment entdeckte er sie.

»Gott sei Dank!«, rief der Samariter. »Zumindest einer lebt! Er kann reden! Wir müssen sie rausholen!« Er zeigte zu den Rauchschwaden, die vom Motor aufstiegen. »Bevor das hier hochgeht!«

Das würde nicht hochgehen. Zumindest nicht von allein.

Die vier Typen liefen auf Jan und das Wrack zu wie ein SWAT-Team. Große, trainierte Kerle in dunkler Freizeitkleidung. Präzise Bewegungen. Umso besser. Ein paar kräftige Arme kamen gerade recht.

Die neuen Helfer teilten sich auf. Zwei auf die andere Seite, wo die Leblosen hingen. Zwei zu Jan. Warum trugen die an einem Sommerabend Handschuhe? Sie beugten sich zu ihm, blickten in den Wagen.

»Was ist passiert?«, fragte einer. Das Kinn wie ein Amboss. Den Akzent erkannte Jan nicht. Ami? Im rechten Ohr steckte ein Headset.

»Er hat eben noch geredet«, sagte Jan. »Vielleicht bekommen wir ihn gemeinsam raus.«

Ambosskinn packte Jans Genick und donnerte seinen Kopf gegen die Karosserie. Jan wurde schwarz vor Augen, er kippte benommen zur Seite, sein Schädel schlug hart auf den Boden. Was …?

Der Boden schwankte. Sein Hirn pochte. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Der Typ quetschte den mächtigen Oberkörper in das Auto. Hinter dem Vorderrad auf der anderen Seite machte sich einer der Männer an jener Stelle zu schaffen, aus der es rauchte. Jan versuchte, sich aufzurappeln. Klappte zusammen. Mit knappen Worten gab jemand Anweisungen in einer fremden Sprache. Englisch. Ein anderer kramte ebenfalls im Innenraum. Auf Jans Seite fummelte einer an der hinteren Karosserie herum. Der Tankdeckel. Er öffnete ihn! Benzin sprudelte heraus. In einiger Entfernung ertönten Sirenen. Jan versuchte, sich erneut hochzustemmen.

Ambosskinn tauchte wieder aus dem Auto auf, in einer Hand die Aktentasche. Wandte sich Jan zu, griff seinen Knöchel, zog ihn in das Benzin! Jan versuchte, ihn abzuschütteln. Zu dem Ambosskinn hatte der Typ jedoch auch noch einen Schraubstockgriff. Verzweifelt ruderte Jan zurück. Bekam ein Teil der Karosserie zu fassen, das sich spitz und scharf anfühlte. Mit Wucht rammte er den Spieß in die Hand, die sich um seinen Knöchel spannte. Der Typ grunzte und ließ los. Jan schaffte es auf die Beine. Das Benzin verteilte sich um den Wagen. Der eine schloss den Tankdeckel wieder. Die zwei auf der anderen Autoseite wichen vom Wagen zurück. Ambosskinn sprang hoch und starrte wütend auf den tiefen Stich in seinem Handschuh, aus dem es tropfte. Jan hörte das Zischen eines Streichholzes. Den Schwinger sah er nur aus den Augenwinkeln. Gerade noch konnte er ausweichen und rannte los, als das Benzin in Flammen aufging. Die Hitzewelle der Explosion gab ihm Extraschwung.

Die Flammen fauchten hinter ihm, er wandte sich um. Zwei rennende Hulk-Schatten vor dem Feuerball. Noch nie in seinem Leben flogen seine Beine so schnell! Jan hörte die schweren Schritte der Verfolger, dann Sirenen. Am lautesten war sein eigenes Keuchen. Sein Kopf drohte zu platzen.

In dem Auto waren Menschen! Einer von denen war noch am Leben! Die hatten den einfach angezündet!

Aus dem laschen Licht liefen zwei Männer von der Siegessäule her auf ihn zu. Dunkle Hosen und Hemden. Gehören die zu denen?!

Einer nestelte an seinem Hosenbund herum. Eine Waffe? Jan sah sich um. Feuer. Keine Verfolger. Die anderen Männer liefen weiter auf ihn zu.

»Stehen bleiben! Polizei! Wohin wollen Sie?! Hiergeblieben!«

Jans Atem ging noch schneller als sein Puls. Durch die Flammen und den dichten Rauch sah er neben der Unfallstelle jetzt Blaulichter blinken. Mehrere Wagen. Die dunklen Typen waren verschwunden. In dem brennenden Wrack explodierte etwas, schickte Funken durch die Nacht. Umstehende Bäume fingen Feuer. Da gab es nichts mehr zu helfen. Jans Magen verknotete sich bei dem Gedanken an die drei Männer darin, die Übelkeit kroch bis in die Finger- und Zehenspitzen, Haarwurzeln, Lenden, verwandelte seinen Körper in einen einzigen Krampf.

»Warum laufen Sie weg?«, fragte einer der Uniformierten scharf.

Das glaubt ihr mir nie!

Jan brachte kein Wort über die Lippen.

»Mitkommen!«

7

Rotorenlärm in Jeannes Kopf, Seide auf ihrer Haut, die Vibrationen des Helikopters in ihrem Körper. Links neben Jeanne saß Ted, rechts neben ihr Teds Sicherheitschef Mitch McConnell. An Teds anderer Seite hatte sein Cheflobbyist George Lamack Platz genommen, ihnen gegenüber der US-Finanzminister im Smoking und seine Frau im Abendkleid, flankiert von Personenschützern.

Der Minister gestikulierte aufgeregt.

»… schon wieder?!«

Trotz der schallisolierten Kabine mussten sie laut reden.

»Ich habe es aus sicherer Quelle!«, sagte Ted. »General Motors kann einige seiner Anleihen nicht mehr bedienen. Und BLA steht vor dem Kollaps.«

»Der chinesische Mischkonzern?«, fragte George Lamack ungläubig.

»Ebendieser.« Ted fixierte den Minister. »Dir ist klar, was das bedeutet.« Das war es wahrscheinlich nicht, aber so hielt Ted die Leute auf Augenhöhe. »Wenn Zweifel an der Zahlungsfähigkeit von GM besteht, folgen als Nächste Volkswagen und andere Autohersteller und innerhalb von Stunden alle Unternehmen, die sich in den letzten Jahren zu billig zu hoch verschulden konnten, um überteuerte Übernahmen zu finanzieren oder ihre Aktienkurse durch Rückkäufe hochzutreiben. Also verdammt viele! Abermillionen Arbeitsplätze in x Ländern!«

Ted wusste, wie er mit Politikern reden musste.

»Woah!«, rief George, das Gesicht dem Fenster zugewandt. »Was ist das?«

Unter ihnen schwankten die Lichter des abendlichen Berlin auf sie zu. Hell beleuchtet Schloss Charlottenburg, auf einer Seite ein dunkler Park, auf den anderen ein Netz flackernder Straßen.

»Demonstranten?«, fragte der Finanzminister.

»Sechshunderttausend, behaupten die Veranstalter«, erklärte Mitch. »Vierhunderttausend, sagt die Polizei.«

»Und da sollen wir hinunter?!«, rief George besorgt.

»Was leuchtet denn da?!«, fragte die Frau des Ministers.

»Das sind Monitore von Mobiltelefonen«, sagte Jeanne. »Die moderne Version der Lichterkette.«

»Wie bei einem Pop-Konzert?«

»Demo war immer schon auch Party.«

Auf einem Platz neben dem Schloss vereinigten sich die Lichtspiele zu einem gewaltigen leuchtenden Bild.

Ein kreisrunder goldgelber Kuchen!

In seiner unteren Hälfte war ein schmales Stück angeschnitten. Die Zahl darauf war kein Geburtstag: 99 %.

Auf dem großen Stück oben: 1 %.

»Schön inszeniert«, sagte Jeanne mit Seitenblick auf Ted. »Die große Mehrheit bekommt nur ein kleines Stück vom Kuchen.«

»Die bekommen bald gar nichts mehr«, entgegnete Ted. »BLA wird seine ausländischen Beteiligungen auf den Markt werfen. Deren Kurse sinken, ihre Anleihen und Aktien kommen zusätzlich unter Druck. Weitere chinesische Konzerne werden folgen und ebenfalls Beteiligungen im Westen abstoßen. Den Firmen fehlen dann Investoren, sie gehen pleite und entlassen alle.«

Die Schnittstellen des Kuchenstücks begannen sich wie verirrt laufende Uhrzeiger an beiden Seiten aufwärts zu drehen. Bis sie links und rechts der 1 % ein schmales Stück begrenzten.

Unterhalb der Torte flirrte ein Schriftzug in wechselnden Sprachen:

We want our share!

Wir wollen unseren Anteil!

Nous …

»Diese Bilder gehen um die Welt«, murmelte Jeanne, während sich der Heli langsam senkte.

Der Hubschrauber landete hinter dem Schloss in einem Lichtkreis auf dem Rasen. Livrierte Empfangsherren schützten die Frisuren der Damen mit Schirmen vor den Luftwirbeln. Elektrische Fackeln wiesen ihnen den Weg zu den pittoresk beleuchteten Barockbögen der Orangerie. Davor und drinnen erspähte Jeanne zahlreiche Smokings und Abendroben. Lärm und Wind der Rotoren wurden schwächer, je weiter sie sich von ihnen entfernten. Erste Takte klassischer Musik schwebten ihnen entgegen. Bach, wenn Jeanne richtig hörte. Unterhaltungen wurden wieder möglich.

»Wenn die GM- und BLA-Geschichte bekannt wird«, sagte Ted leise, »dann kollabiert morgen früh der weltweite Markt für Unternehmensanleihen endgültig. Und damit der CLO-Markt.« Collateralized Loan Obligations, wusste Jeanne, ähnlich opake Investmentvehikel wie 2008 jene CDOs, die in der Subprimkrise um ein Haar die Weltwirtschaft in den Abgrund gerissen hätten. »Massenvernichtungswaffen« hatte der berühmte Investmentmilliardär Warren Buffett solche Papiere genannt. »Ebenso die Aktienmärkte. Und damit fast alle großen Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter, Schattenbanken …«, fuhr Ted fort.

»Wer weiß noch davon?«, fragte der Minister.

Warum hatte er es nicht vor Ted gewusst?, fragte sich Jeanne.

»Sicher schon einige hier«, sagte Ted und blickte in die Runde. »Aber es sollten so wenige wie möglich bleiben.«

Neben ihnen tauchten weitere Gäste auf und zogen Richtung Abendgesellschaft in der Orangerie. Der abklingende Hubschrauberlärm wurde zunehmend vom Tosen der Demonstration jenseits der Prunksäle und Polizeibarrikaden abgelöst. Jeannes Blick streifte die Begrüßungsbanner in Dutzenden Sprachen und die kleinen Aushänge daneben, auf denen die Redner des Abends angekündigt wurden.

Herbert Thompson, Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften 2007 Ofalu Nkebi, Generalsekretär UNOLeymah Gbowee, Friedensnobelpreis 2011

Thompson würde bei ihnen am Tisch sitzen. Wenig spannend. Ein alter Mann, der seit über fünfzig Jahren die immer gleichen Ideen vortrug. Nur, dass er inzwischen einen Nobelpreis dafür bekommen hatte.

Sie hatten die Orangerie und die übrigen Gäste fast erreicht. Spätestens mit den Verhandlungen zum Klimaabkommen in Paris 2015 hatte die internationale Gemeinschaft bei Angelegenheiten globalen Interesses ein neues Kapitel aufgeschlagen. Sie band nicht mehr nur Politiker und Diplomaten ein, sondern auch Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, Industrie und anderen »Stakeholdern«. Wie repräsentativ diese Zusammenstellung von Interessenvertretungen für die Weltbevölkerung war, darüber konnte man sicher streiten.

Da defilierten und trafen sie sich, hier ein Küsschen, da ein Händeschütteln, dort ein Foto, allein oder in Gruppen. Die Herren im dunklen Anzug, Smoking oder traditionellen Festgewändern, die Damen in Abendgarderobe und Schmuck. Nur einzelne Gästegruppen tuschelten besorgt.

Einige hatten sie entdeckt und kamen auf sie zu. Jeanne erkannte den Chef einer französischen Großbank, den deutschen Wirtschaftsminister und den weißhaarigen Investmentmilliardär Kemp Gellund.

»Ihr habt die Nachricht schon gehört?«, fragte Letzterer.

Flashback. Dieser Ton in den Stimmen. 2008 hatte Jeanne ihn zum ersten Mal wahrgenommen. Die Finanzkrise hatte sie als Praktikantin bei einer Investmentbank in New York erlebt. Die Tage der Nervosität, die schließlich in nackte Panik umschlug. Bei Menschen, von denen sie gedacht hatte, dass sie nichts fürchten mussten, weil sie Dutzende Millionen verdienten und weit mehr auf der hohen Kante hatten. Stattdessen blanker Horror, unter der gepflegten Fassade kaum verborgen. In der Stimme, den Augen, jeder Bewegung.

»Das dürft ihr nicht zulassen«, sagte Gellund zu den Politikern. »Ihr müsst etwas tun, bevor die Nachrichten öffentlich werden.«

»Wenn das stimmt, müssen die staatlichen Rettungspakete noch größer ausfallen als 2008«, meinte der Bankdirektor bleich.

»Das kann sich kein Staat mehr leisten«, erwiderte Ted.

»Exakt!«, warf Gellund ein. »Daher wird auch ein Kollaps der Staatsanleihen folgen.« Seine Stimme wurde rau. »Die Schwellenländer sind schon am Boden. Die Staatsschuldenkrise wäre zurück. Mit voller Wucht.«

»Gott«, stöhnte der deutsche Minister. »Italien will ohnehin aus dem Euro!«

»Müsste es dann sowieso«, sagte Ted, »genau wie Spanien, Griechenland und womöglich andere.«

»Den Notenbanken fehlen wegen der immer noch niedrigen Zinsen ebenfalls die wirksamsten Instrumente«, sagte der deutsche Minister.

Die Stimmen waberten durcheinander.

»Euro und EU werden explodieren.«

»Würden viele begrüßen.«

»Die bedenken aber nicht die Konsequenzen.«

»Das befeuert das Drama nur weiter.«

»Dagegen war 2008 ein Kindergeburtstag.«

»Eine Spirale in die Hölle!«

»Dann greifen die da draußen endgültig zu den Mistgabeln …«

»Ihr müsst sofort mit den anderen reden!«

»Als Erstes mit den Chinesen. Die asiatischen Märkte öffnen in wenigen Stunden.«

Ted beugte sich zu Jeanne, flüsterte ihr ins Ohr: »Pass auf! Heute Nacht werden Vermögen gemacht!«

8

Vor Jörn Schesta inspizierten Feuerwehrmänner in schwerem Brandschutz das rauchende Autogerippe und die verkohlten Reste der Insassen. Hinter ihm hielten seine Kollegen mindestens fünf Dutzend Schaulustiger an den Flatterbändern zurück.

Ein Stück weiter vorn klappte ein Notarzt seinen Koffer zu. In seinem Rücken reckten die Gaffer die leuchtenden Bildschirme ihrer Mobiltelefone in die Luft. Wie auf einem Pop-Konzert. Mistkerle!

Entlang der Straße reihte sich eine Kolonne zwölf verschiedener Einsatzfahrzeuge. Zwei Löschzüge der Feuerwehr, noch ein kleinerer der Roten, drei Rettungswagen, Polizei in verschiedenen Varianten.

»Haben wir gerade noch gebraucht, was?«, sagte Jörn zum Chef der Feuerwehr. Dessen Gesicht war vom Ruß so schwarz wie sein gewaltiger Schnurrbart. Er sah aus wie Jörns Lieblings-Videospielfigur aus Kindertagen. Machte ihn sofort sympathisch. Statt der blauen Latzhose trug dieser hier einen dicken roten Overall. »Als ob wir nicht schon genug Stress hätten.«

Brand-Mario schob den Helm in den Nacken.

»Irgendwo brennt es immer«, meinte er lakonisch.

»Mussten Sie schon zu den Demos?«, fragte Jörn. Gemeinsamkeit unter Blaulichtlern herstellen.

Der Feuerwehrchef nickte.

»Aber noch nichts Schlimmes«, sagte er.

Jörn warf einen Blick über die Schulter des Mannes, auf das Wrack. Nicht schön.

»Schon eine Idee, was hier passiert ist?«,

»Sieht klassisch aus. Fahrer verliert die Kontrolle, prallt gegen Bäume, aus.«

Von den Leichen zwischen dem verkeilten, von schmutzigen Schaumresten bedeckten Blech sah Jörn kaum etwas.

»Waren sie sofort tot?«

»Wird die Gerichtsmedizin feststellen.«

»Das war ein modernes Auto. Brennt das so einfach?«

Brand-Mario zuckte mit den Schultern.

»Nicht so einfach. Aber der hier flog ein paar Meter durch die Luft. Muss ein ganz schönes Tempo gehabt haben für die Stadt. Da werden Kräfte frei. Der Tank kann platzen. Das Metall der Karosserie schlägt beim Aufprall ein paar Funken … und – wumm! Kann passieren, wenn’s blöd läuft.« Er wandte sich dem Wrack zu. Betrachtete es andächtig, fast wie ein Kunstwerk. »Jetzt, wo Sie es sagen … Die Brandfläche könnte etwas anders aussehen, wenn er gleich beim Aufprall explodierte. Unregelmäßiger … es sei denn …«

Jörn zügelte seine Neugier und blieb still. Ließ Brand-Mario untersuchen, nachdenken, Schlüsse ziehen.

»… es sei denn, er lag noch kurz da, und das Benzin sickerte nur aus dem Tank, bevor alles in die Luft flog. Und dort«, er ging ein paar Schritte zur Seite, zeigte auf Glassplitter. »Die hier stammen von keinem Auto. Sondern von einer Flasche.«

»Sie meinen, ein Molotowcocktail?!«

»Waren zum Unfallzeitpunkt Demonstrationen in der Nähe?«

»Ein paar hundert Meter weiter«, sagte Jörn.

»Dann sind die Splitter wohl simpler Müll, den irgendjemand hier liegen gelassen hat.«

»Was hätte das Benzin entzündet, wenn es keine Funken von der Karosserie waren? Wenn der Wagen da schon ruhig gelegen hat?«

Sein Blick wanderte zu dem angeblichen Zeugen, der bei den Kollegen seine Aussage machte.

»Werden wir herausfinden«, sagte Brand-Mario.

»Wann?«

»Heute? Morgen? In einer Woche? Wie Sie sagten: Gerade sollten wir wahrscheinlich woanders sein.«

»Das sollten wir immer.«

»Wie wahr.«

Hinter sich hörte Jörn eilige Schritte. Zwei Polizisten kamen rasch auf ihn zu. Einer hielt sein leuchtendes Handy.

»Das Kennzeichen ist identifiziert«, sagte er zu Jörn.

»Bis später«, sagte Jörn zu dem Feuerwehrkommandanten und wandte sich den Kollegen zu.

»Es gehört zum Wagen eines Limousinenservices«, erklärte der Polizist. »Er war heute Abend für einen Gipfelteilnehmer gebucht.«

Jeder von ihnen stöhnte auf.

»Hoffentlich kein hohes Tier«, sagte Jörn.

»Ein gewisser Herbert Thompson«, erklärte der Kollege. »Wirtschaftsnobelpreisträger.«

Verflucht!

Jack war mit dem Rover weitergefahren und wartete in einer der Seitenstraßen beim Brandenburger Tor. El und Sam hielten sich im Hintergrund. Sorgfältig achteten sie darauf, nicht vor die Linsen der Schaulustigen zu kommen. Ihre Schirmkappen hatten sie tief in die Stirn gezogen, falls es doch passierte.

El interessierte nur der Samariter. Auf dem Rückweg hatte er sein Fahrrad aufgehoben und mitgenommen. Jetzt stand es ordentlich auf seinen Ständer gestützt neben ihm. Seit einigen Minuten redete er mit zwei Polizisten. Gestikulierte, zeigte. Er hatte eine sehr sprechende Gestik. Gerade zog sein Arm einen Bogen durch die Luft von der Straße zu den Bäumen. So war der Wagen geflogen! El konnte sich jedes Wort ausmalen. Sicher erzählte er gleich, wie er helfen wollte. Wie dann die bösen Typen gekommen waren, die ihm ans Leder wollten und den Wagen anzündeten. El sah die Polizisten nicken. Ihre Gesichter sagten ihm mehr, als der Samariter in seiner Aufregung wohl wahrnahm. Skepsis. Gerunzelte Stirn. Gut so.

»Die Tasche?«, fragte El.

Bell trug sie noch immer, als wäre sie seine eigene. Wobei sie unter dem muskelbepackten Arm des Einmeterneunzig-Kerls wie ein Puppenspielzeug wirkte. Die Wunde in seiner Hand hatte er mit zwei dicken Pflastern provisorisch verarztet.

Bell öffnete die Tasche, El kramte. Fand eine schmale Geldbörse, zwei Stifte, die Schlüsselkarte von Thompsons Hotel, einen Schreibblock. Flippte hastig durch. Leere Blätter. Eine Mappe mit losen Karteikarten im A5-Format. Dünner Karton, wie sich herausstellte. Auf dem ersten stand in englischer Sprache »Sehr geehrte Damen und Herren, Exzellenzen …« und noch mehr Titel – eine Begrüßung. Das musste es sein. Er überflog noch ein paar Karten. Ja. Kurzer Blick zu dem Samariter. Redete immer noch mit den Polizisten. Weiter mit der Tasche. Ein dicker Stapel gebundener A4-Papiere, auf dem Deckblatt eine Überschrift. WealthEconomics. By Herbert Thompson and Will Cantor. Ein USB-Stick. Wer verwendete denn noch so etwas? Ein loses A4-Blatt, dicht vollgeschrieben mit winziger, krakeliger Schrift, die El kaum entziffern konnte.

Während sein Blick wieder den Samariter checkte, streckte er Bell die Hand entgegen wie ein Chirurg während einer Operation.

»Kuvert.«

Bell reichte ihm den bereitgehaltenen Umschlag.

El verstaute die Mappe mit den Karteikarten, den dicken gebundenen Stapel, das vollgekritzelte Blatt Papier und den USB-Stick darin. Zog das Schutzband vom Klebestreifen und verschloss die Lasche. Übergab das Päckchen an Sam.

»Du weißt Bescheid.«

Sam zog ab.

»A-Ge anrufen«, befahl er seinem Headset. Die Augen wieder auf den Samariter.

Am anderen Ende meldete sich die Stimme des Auftraggebers. Im Hintergrund hörte El Stimmengewirr von vielen Menschen.

»Zielpersonen deaktiviert«, meldete El. »Paket unterwegs.«

»Alles glattgegangen?«

»So gut wie. Nur noch eine Kleinigkeit zu erledigen.«

»Muss ich mir Sorgen machen?«

»Nein.«

El beendete das Gespräch und war wieder ganz bei der Szene mit den Polizisten. Sie schienen den Samariter was zu fragen.

Wie haben diese Männer denn ausgesehen, wollten die sicher wissen. Beredte Gesten zur Antwort. Waagrechte Handfläche fast einen Kopf über seinem. So groß. Ellbogen raus, Arme gebeugt wie ein Gorilla – hieß wohl: groß, muskulös. Die Polizisten notierten pflichtbewusst. Wechselten Blicke. Fragten wieder. Der Samariter sah sich um, zeigte in die Richtung, in die er geflohen war. Zuckte mit den Schultern. Keine Ahnung, wohin die sind.

Wir sind da. Näher, als dir lieb sein kann. Ganz nah. Wir behalten dich im Auge.

Hinter Jan schälte die Feuerwehr drei verkohlte Leichen aus der Limousine. Der Ozongeruch des Schweißgerätes vermischte sich mit dem von verbranntem Fleisch und leichtem Müllgeruch aus dem Wald. Um die Straßenlampen Insektenwolken. Jan wagte kaum, sich umzudrehen.

Grelle Scheinwerfer verliehen der Szene ein unpassendes Strahlen. Zwischen den Feuerwehruniformen erkannte Jan kaum das verkohlte Wrack. Der Brechreiz stieg wieder hoch. Trotzdem konnte er den Blick nicht von den grotesken schwarzen Figuren losreißen.

»Jan Wutte?«

Der Polizist war ein hagerer Typ, einer von denen, die sich im Boxstudio Muskeln zulegen oder es zumindest versuchen. Mit ihm fünf seiner Kollegen. Darunter die zwei, die Jan abgefangen hatten.

»Jörn Schesta«, stellte sich der Neue vor. Wirkte wie der Chef der Truppe. Musterte Jan aus schmalen Augen. Senkte den Blick auf sein Handy.

»Achtzehn Jahre, Ausbildung zum Pfleger, seit dem vierzehnten Lebensjahr mehrmals öffentliche Ruhestörung …«

»Das bisschen Party …«

»… mehrfach Konsum illegaler Rauschmittel …«

»Ein paar Joints, Mann …«

»Verdacht auf Körperverletzung …«

»… nichts dran, im Gegenteil«, begehrte Jan auf. »Hab mich aus der Kneipenschlägerei rausgehalten, wurde von fliegenden Stühlen verletzt! Das haben Zeugen bestätigt! Warum wurde das nicht gelöscht?«

»… und jetzt drei Tote.«

Wie bitte?! Und jetzt?!

»Was soll das? Ich habe Ihren Kollegen alles erzählt.«

»Ziemlich abgefahrene Geschichte«, stellte der Polizist fest. »Warum sind Sie weggelaufen?«

»Habe ich doch erklärt! Wegen dieser Typen, die mich niedergeschlagen haben und mit verbrennen wollten! Da, sehen Sie!«

Jan tippte auf seine Stirn. Die rechte Hälfte pulsierte immer noch von der unfreiwilligen Begegnung mit der Karosserie.

Der Blick des Polizisten streifte nur kurz darüber. Er schnüffelte.

»Sie riechen nach Sprit.«

»Eben.«

»Weil Sie damit hantiert haben?«

»Nein! Hören Sie …«

Bleib ruhig!

»Wo kommen Sie her? Von den Demonstrationen? Oder wollten sie da hin?«

»Ich habe echt Besseres zu tun. Ich komme von einer Zwölfstundenschicht im Krankenhaus. Können Sie kontrollieren. Und will nur nach Hause. Duschen, essen, schlafen.«

Der Polizist nickte.

»Wissen Sie, wer in dem Wagen saß?«

»Woher sollte ich?«

»Sie sagten den Kollegen, dass Sie mit einem der Männer noch gesprochen haben.«

»Er stammelte irgendwas. Vielleicht Namen. Ich konnte ihn nicht richtig verstehen. Habe ich alles Ihren Kollegen erzählt.«

»Wenn da noch die anderen Typen waren, wie Sie behaupten …«

»Ich behaupte nicht …«, widersprach Jan.

»… warum haben die Kollegen dann nur Sie angetroffen?«, fuhr der Polizist unbeeindruckt fort. »Noch dazu auf der Flucht?«

»… ich …«

»Und nicht auch die anderen?«

»Na, vielleicht haben sie nicht anständig geguckt!«

Falsche Antwort. Das wusste Jan sofort. Der Typ war aber auch ein Arsch. Lächelte ihn falsch an und schüttelte bedauernd den Kopf. Ließ ihn stehen. Seine Kollegen folgten ihm, redeten auf ihn ein. Jan spitzte die Ohren.

»Sobald … erfahren, wer da womöglich starb, sitzen uns … im Genick«, zischelte der Polizist. »Bürgermeister, Politiker, Medien … Albtraum!«

»Na ja«, sagte ein anderer. »… Gipfel lenkt ab.«

»Nicht, wenn Gerüchte über … Dreifachmord … zu … Opfern … Nobelpreisträger Herbert Thompson.«

Redete der von dem rauchenden Haufen hinter ihnen? Nobelpreisträger? Möglichst unauffällig schob Jan sich ein paar Schritte näher heran.

»… einziger Zeuge …«

»… wenn … Zeuge …«

Was sollte das heißen – wenn? Sprachen die von ihm? Was sonst sollte er sein?

»… Radikaler …«

»… Molotowcocktail …«

»… vertuschen …«

»… angezündet …«

Die dachten doch wohl nicht …

Sie mussten über etwas anderes reden, als seine wüste Fantasie aus diesen Bruchstücken machte. Mussten. Er hatte doch den Notruf verständigt. Er …

Der Polizist tippte auf seinem Telefon. Legte das Gerät an sein Ohr.

»… falls Mord, warum … davongelaufen? … brauchen Ergebnisse … Verdächtige …«

»… mitnehmen … sagen, als Zeuge …«

»Was … ist das?«

Gebannt starrte einer der Polizisten in den mittlerweile nächtlichen Himmel. Die anderen folgten. Gingen einer nach dem anderen, ohne den Blick abzuwenden, ein paar Schritt Richtung Straße, um einen besseren Blick auf das zu erhaschen, was sie sahen. Auch die Aufmerksamkeit der Schaulustigen hatte sich verschoben. Ihre Handys waren nicht länger auf das Wrack, sondern in die Ferne gerichtet.

Jan wandte den Blick. Im schwarzblauen Himmel weiter westlich, hinter der Siegessäule, stiegen Funken hoch. Hunderte. Tausende. Wie bei einem Brand. Einem gigantischen Brand. Über Berlin-Charlottenburg.

9

Die Champagnerkelche in den Händen und das joviale Lächeln in den Gesichtern täuschten Jeanne nicht über die angespannte Stimmung in der Orangerie hinweg. Livrierte balancierten Tabletts mit Horsd’œuvres durch die Menge, doch kaum jemand griff zu. Unauffällig strebte ihre kleine Gruppe auf den chinesischen Handelsminister und seine Entourage zu.

»Die BLA-Sache keinesfalls direkt ansprechen«, warnte Kemp Gellund, »das würden die Chinesen als Affront empfinden und sofort dichtmachen. Umwege, sachte Andeutungen, kommen lassen.«

»Wie lösen wir das Problem mit den westlichen Beteiligungen, die sie abstoßen werden?«, fragte der US-Minister.

Jeanne lief mit den anderen mit. Als einzige Frau, die Gattin des US-Ministers war bei einer anderen Truppe hängengeblieben. Niemand beachtete sie. Neben den Spitzenpolitikern und Milliardären war sie Luft. Und obwohl sie ihr Studium in Bestzeit mit Bestnoten absolviert hatte, erfolgreich als Investmentbankerin und für einen Hedgefonds gearbeitet hatte, nun im innersten Kreis um den Mann neben ihr war – für den sie womöglich mehr sein konnte, wenn sie es zuließ –, fühlte sie sich auf diesem Parkett für einen kurzen Moment wie Aschenputtel.

Sie straffte sich, um diesen Haarriss in ihrem Selbstbewusstsein zu schließen, und bemerkte, dass sich der Ton der Gespräche rund um sie veränderte. Mehr und mehr Blicke wanderten durch die verglasten Bögen der Orangerie.

»Was ist das?«

»Sieht aus wie Loy Krathong.«

»Das thailändische Lichterfest?«

Über den Demonstranten stiegen leuchtende Punkte in den Himmel, wie große Glühwürmchen. Hunderte, vielleicht mehr.

»Jemand wird die Beteiligungen übernehmen müssen, ohne dass es sofort publik wird«, erklärte Ted, das Spektakel draußen ignorierend.

»Die jeweiligen Staaten können das nicht mehr«, warf der deutsche Wirtschaftsminister ein, »zumindest nicht komplett.« Ihm war natürlich bewusst, dass BLA und andere chinesische Konzerne in den letzten Jahren Beteiligungen auch an Dutzenden deutschen Unternehmen gekauft oder sie vollständig übernommen hatten. Ein Rückzug der Chinesen in dieser Situation würde Hunderttausende Arbeitslose bedeuten.

»Ich könnte«, sagte Ted. »Und Kemp hier. Und Wilbur dort drüben«, er nickte in Richtung eines anderen alten Mannes, um den sich eine Gruppe mehr oder weniger bekannter Gesichter scharte. »Ich wette, er denkt schon darüber nach. Und andere auch.«

»Weiß er denn Bescheid?«

»Davon können Sie ausgehen. Besser natürlich, wir würden das koordinieren.«

Das hatte Ted gemeint! Heute Nacht werden Vermögen gemacht. Seines. So wie andere 2008/2009. Investorenlegende Warren Buffett etwa hatte am Tiefpunkt der Krise fünf Milliarden Dollar in die Investmentbank Goldman Sachs gesteckt und sich Optionen für Aktienkäufe gesichert. Fünf Jahre später waren aus den fünf Milliarden acht geworden. Von solch einer Rendite konnten Normalsterbliche nur träumen.

»Wir können das natürlich nur unter bestimmten Bedingungen«, sagte Ted.

»Was für Bedingungen?«, fragte der Minister.

»Drohnen!«, brach jemand hervor. »Das da draußen sind beleuchtete Drohnen!«

Inzwischen mussten es Tausende sein. Jetzt hatten sie auch die Aufmerksamkeit ihrer Gruppe. Die Flugobjekte formierten sich zu verdächtigen Schwärmen, fand Jeanne.

»Jemand koordiniert die«, stellte sie fasziniert und zugleich beunruhigt fest. »Anders ist das nicht erklärbar.«

Innerhalb der Orangerie reckten mehr und mehr Gäste die Handys hoch, um das Spektakel vor den Fenstern zu filmen.

»Der Preis muss stimmen«, kam Ted unbeeindruckt zum Thema zurück, »aber die Chinesen sind unter Druck, also werden sie uns entgegenkommen. Trotzdem bleibt es ein Risiko. Wir brauchen daher Staatsgarantien und Steuervergünstigungen oder sogar -befreiungen für die ersten Jahre.«

Die Lichter begannen sich zu ordnen. Fügten sich zu einem gigantischen Kreis, hoch wie ein Wolkenkratzer. Geteilt durch eine senkrechte Linie. Zu der sich nun noch zwei schräge Linien gesellten.

»Ein Peace-Zeichen!«

Sicher hundert Meter hoch.

Die ersten Gäste drängten ins Freie, um besser zu sehen. Mehr als die Hälfte filmte jetzt mit ihren Telefonen, selbst Milliardäre und Präsidentengattinnen.

»Sie wollen Schnäppchen machen, für die wir auch noch Sicherheiten und Steuererleichterungen geben sollen?«, fragte der deutsche Wirtschaftsminister unwirsch.

»Wir wollen nur helfen«, sprang Gellund Ted bei, »und würden dafür Milliarden riskieren. Aber nicht unseren Hals.«

»Damit wäre niemandem gedient«, sagte Ted. »Schon im Sinn unserer Investoren müssen auch wir das Risiko wenigstens begrenzen. Und es muss schnell gehen. Bis die asiatischen Märkte öffnen, brauchen wir verbindliche Zusagen.« Schulterzucken. »Die Alternative haben wir vorher schon besprochen.« Er zeigte hinaus. »Da werden denen da draußen auch keine Lichtspiele helfen.«

Das strahlende Friedenssymbol begann sich um die eigene Achse zu drehen. Wie ein außerirdisches Raumschiff, das über der Stadt Position bezogen hatte.

Das Raunen im Saal wurde lauter. Kippte in Schreckensrufe.

»Das kommt auf uns zu!«

10

»Holt mir die runter!« Stellvertretender Polizeipräsident und Einsatzleiter Eduard Köstritz tobte vor den Bildschirmen im Sonderlagezentrum Berlin-Mitte. »So eine Scheiße! Sind die wahnsinnig?!«

Gebannt verfolgte Maja Paritta das Peace-UFO auf den zentralen Monitoren. Auf anderen Screens flimmerte ein wildes Szenenpotpourri. Luftbilder der Hubschrauber über Charlottenburg und dem Demonstrantenmeer.

»Warum blockieren die Kollegen friedliche Demonstranten«, hatte Maja Köstritz gefragt, »und nicht die Gewalttäter hier?« Bilder nordöstlich der Hauptdemo: Vermummte wuchsen aus den Rauchschwaden. Warfen. Gingen aufeinander los. Brennende Autos. Keine Polizisten.

»Budget bekomme ich bei Bildern von ungehinderter Gewalt, nicht bei solchen von Frieden«, hatte Köstritz’ Antwort gelautet.

Maja war für einen Moment sprachlos gewesen. Passierte selten.

Eigentlich gehörte sie einer der neun Berliner Mordkommissionen an. Während des Gipfels jedoch musste sie sich, wie all ihre Kollegen, die keine aktuellen Fälle aus den vergangenen achtundvierzig Stunden ermittelten, für Sondereinsätze bereithalten. Maja hatte den schwarzen Peter gezogen: die Einsatzzentrale.

»Diese Mistkerle!«, tobte Köstritz. »Diese verdammten Arschlöcher! Das kommt die teuer zu stehen!«

Auf einigen Monitoren liefen aktuelle Nachrichtenkanäle und Livestreams. Inzwischen übertrugen alle die Bilder vom Peace-UFO in die ganze Welt.

»Holt mir das runter!«, brüllte Köstritz fast panisch. »Störsender, irgendwas!«

»Zu spät«, sagte ein Kollege vor den Monitoren. »Die würden jetzt alle auf die Orangerie regnen.«

Das Zeichen blieb an Ort und Stelle und drehte sich langsam. Legte sich in Zeitlupe waagrecht. Nun würde man es von dem Staatsempfang aus noch besser sehen.

»Ein Albtraum«, stöhnte Köstritz. Natürlich. Er würde eine Erklärung abgeben müssen. Wie es dazu hatte kommen können. Und was, wenn es nicht bei friedlichen Leuchtsymbolen blieb? Wenn die Drohnen mehr vorhatten? Sie waren zwar kleine Spielzeuge, aber wer wusste, womit sie beladen waren?

Köstritz’ Assistent eilte mit einem Handy auf ihn zu.

»Lass mich raten«, ächzte Köstritz. »Der Polizeipräsident? Der Innenminister? Der …«