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Miriam Behrmann, anerkannte Professorin und Leiterin eines Instituts an der Universität Wien, wird angeklagt wegen eines angeblichen psychischen Missbrauchs gegenüber ihrer Doktorandin – sogar die Medien berichten darüber. Denn der Fall hat Wellen geschlagen, seit ihrer Gründung hat die Universität Wien noch nie einen Professor oder eine Professorin entlassen. In atemlosen Gedankenketten rekapituliert Miriam Behrmann, wie dieser Vorwurf bei Selina Aksoy, ihrer jungen, türkischstämmigen Doktorandin hat entstehen können. Temporeich und in aller Gedankenschärfe entfaltet sich der Roman, wenn es um Universitätspolitik und um Miriams Universitätslaufbahn geht, atmosphärisch dicht und von einer wehmütigen Schönheit, wenn sich Erinnerungen an Himbeerfelder und endlose Sommer ihrer Kindheit in Polen auftun, verwoben mit der allumfassenden Liebe und Wärme der Mutter, genussvoll und geistreich wird es, wenn Miriam Gespräche mit ihrem Mann Tom bei Rotwein und selbstgekochter Pasta führt. Der Fall Miriam Behrmann ist mehr als ein intelligent und spannend geschriebenes Universitätsdrama, es ist ein hochaktueller, moderner, temporeicher Text, der kollidierende Selbstverständnisse der Generationen vorführt und dabei existenzielle Fragen berührt. Der Konflikt zwischen Miriam Behrmann und Selina Aksoy beschreibt einen Clash of Cultures, einen aktuellen Generationenkonflikt, bei dem über den gesamten Verlauf des Romans hinweg in der Schwebe gehalten wird, wer im Recht und wer im Unrecht ist: die junge, charismatische, auf politische Aktivitäten und Privatleben bedachte Selina Aksoy oder die ambitionierte Professorin mit ihrem eigenen unerbittlichen Arbeitsethos.
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Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Miriam Behrmann, anerkannte Professorin und Leiterin eines Instituts an der Universität Wien, wird angeklagt wegen eines angeblichen psychischen Missbrauchs gegenüber ihrer Doktorandin – sogar die Medien berichten darüber. Denn der Fall hat Wellen geschlagen, seit ihrer Gründung hat die Universität Wien noch nie einen Professor oder eine Professorin entlassen. In atemlosen Gedankenketten rekapituliert Miriam Behrmann, wie dieser Vorwurf bei Selina Aksoy, ihrer jungen, türkischstämmigen Doktorandin hat entstehen können. Temporeich und in aller Gedankenschärfe entfaltet sich der Roman, wenn es um Universitätspolitik und um Miriams Universitätslaufbahn geht, atmosphärisch dicht und von einer wehmütigen Schönheit, wenn sich Erinnerungen an Himbeerfelder und endlose Sommer ihrer Kindheit in Polen auftun, verwoben mit der allumfassenden Liebe und Wärme der Mutter, genussvoll und geistreich wird es, wenn Miriam Gespräche mit ihrem Mann Tom bei Rotwein und selbstgekochter Pasta führt.
Der Fall Miriam Behrmann ist mehr als ein intelligent und spannend geschriebenes Universitätsdrama, es ist ein hochaktueller, moderner, temporeicher Text, der kollidierende Selbstverständnisse der Generationen vorführt und dabei existenzielle Fragen berührt. Der Konflikt zwischen Miriam Behrmann und Selina Aksoy beschreibt einen Clash of Cultures, einen aktuellen Generationenkonflikt, bei dem über den gesamten Verlauf des Romans hinweg in der Schwebe gehalten wird, wer im Recht und wer im Unrecht ist: die junge, charismatische, auf politische Aktivitäten und Privatleben bedachte Selina Aksoy oder die ambitionierte Professorin mit ihrem eigenen unerbittlichen Arbeitsethos.
I
II
III
IV
V
Wohin, bevor einer mich sieht. Wie ich hier im Parterre herumstehe, inmitten von Studierenden, die alle irgendwohin schlendern, zu einem Hörsaal, einem Seminarraum, lachend und quasselnd die Treppen hoch. Und ich, hallo, Frau Behrmann, was machen Sie denn hier, muss nirgends hin. Zwei leere Stunden. Ich könnte nach Hause, dann zurückkommen. Den ganzen Vormittag Auto fahren, wegen denen. Oder hoch ins Büro und jedem sagen, der mich sieht: Noch ist das hier mein Platz. Im Flur dann die Kollegen, die es eilig haben und geradeaus gucken, nach unten gucken, ganz in Gedanken, haben zum Grüßen keine Zeit, kurzer Blick aufs Handy, ein Stirnrunzeln, schon ist man vorbei. Vorbei an mir. Und im Vorzimmer die Truschke. So ein Vorzimmer, ein Logenplatz in dem ganzen Theater. »Na, Frau Behrmann, das ist ja eine schlimme Sache … und wenn ich das so sagen darf, ganz dünn sind Sie geworden!« Die Truschke kriegt jetzt Kuchen in den anderen Sekretariaten: »Na, Angela«, so heißt sie doch wirklich, Angela Truschke, »erzähl mal, was macht die, wie sieht die aus, die Behrmann?« Also nicht ins Büro. Also schnell in die Kapelle, durch die einzige Tür, die keiner öffnen wird außer mir heute. Schwer in den Angeln. Schon deshalb sitzen hier nie Studierende, schon deshalb ist das hier nicht einfach nur ein leerer Raum.
Und rein, Tür zu.
Hinsetzen.
Durchatmen. Erst einmal durchatmen. Es ist kalt hier, den Mantel behalte ich an. Heute Mittag, in zwei Stunden, die Entscheidung. Unvorstellbar, eigentlich, dass die mich entlassen. Seit Gründung hat die Maximilian-Universität Wien keinen Professor, keine Professorin entlassen. Man entlässt nicht mal eben eine Professorin. Aber jetzt, nach dem, was im Standard stand, Psychischer Missbrauch an der Uni Wien, scheint es möglich. Und ich bin die Ahnungslose. Ich, die diskret blieb, immer, nie herangetreten bin an die Presse, nicht ich. Psychischer Missbrauch! Selina, meine Doktorandin. Dass das von ihr kommt. Selina, perfekt geschminkt, roter Lippenstift: Ich wurde psychisch missbraucht. Wie kommt man auf so was. Dass eine Zeitung das abdruckt, nur weil sie es so sagt. Und Peter nicht zu erreichen die ganzen Tage, bis gestern seine E-Mail in meinem Postfach landet. Peter, der Vize-Rektor. Bei jedem Piep, die Pieperei habe ich angestellt, sehe ich nach, habe ich früher nie gemacht, so kann man nicht arbeiten, und dann sehe ich endlich eine Nachricht von ihm. Ich kann ein Zittern nicht verhindern, öffne sie, denke, das ist jetzt, das wird jetzt der Richterspruch, das Urteil sein, zumindest angedeutet. Bereite mich vor auf Erleichterung, den tiefsten Punkt erreicht und durchschritten, ja, und halb auch auf das Gegenteil, aber nur halb. Ich kann immer noch nicht glauben, dass die das ernst meinen, lese: »hallo miriam, kannst du morgen um 09:00, dann werden wir entschieden haben.« Wir. Ein neues Wir, zu dem ich nicht gehöre. Entschieden haben über mich. Also heute Morgen, die Entscheidung, deshalb bin ich ja hier, überpünktlich, niemand soll sagen … Aber dann Peters Nachricht vor zehn Minuten, ich steige gerade die Treppen hoch Richtung Sitzungsraum. Es strengt mich an, das Treppensteigen. Das Handy hat schon im Auto gepiept, aber ich, ich schaue nicht nach, denke, das ist Tom, Tom mit irgendwelchen aufmunternden Worten, mit Ich liebe Dich, was ich nicht lesen will, nicht jetzt. Aber dann, Gott sei Dank, schaue ich doch noch nach, es könnte ja am Ende was sein mit dem Termin: »miriam, wir beide vertagen uns auf 12:00 zum Lunch, ich teile dir dann alles mit. hoffentlich erreicht dich das noch rechtzeitig.« Nein, hat es nicht. Aber immerhin Lunch, man verkündet keinen Rausschmiss beim Lunch. Wenn die mich kündigen, ist es aus mit mir. Ganz und gar aus. Ich bin die Treppe wieder runter, schnell, damit keiner mich sieht: Aha, die also schon hier, hat es nicht abwarten können. Nachher glauben die noch, dass ich Einfluss nehmen will, dass ich nicht weiß … Peters neues Wir, dass ich das nicht mitgekriegt hätte.
Dass Peter Rektor werden will, das hat er mir ja selbst gesagt, damals noch. Was heißt damals, weniger als ein Jahr ist das her, wir sind beide beim Lunch beim Italiener, wie jeden Dienstag. Wir mögen keine Mensa, diese schnellen Arbeitsessen im Lärm. Kantinengeschmack, das ist nichts für uns, für Peter und mich. Stattdessen: weißes Tischtuch, bauchige Weingläser, die Gewissheit guten Essens. Wir sitzen wie immer ums Eck, ich auf der Bank, Peter auf dem Stuhl, lächelnd. Manchmal betrachtet er meinen Hinterkopf im Spiegel, meinen Dutt, meine Dienstagsfrisur. Peter bestellt den Wein, meistens weiß, den er kostet, genüsslich, mit einem Nicken.
Klaus hat mal wieder Sonderdrucke verteilt, Peter grinst, mitten in der Fachbereichssitzung. Er dreht den Wein im Glas. Hatte mit der Tagungsordnung gar nichts zu tun. Stell dir vor, Sonderdrucke, in welchem Jahrhundert leben wir denn!
Mit mir redet Peter, wie er sonst nicht reden kann. Wir lächeln uns an, wir wissen, was jetzt kommt. Mit seiner Unschuldsmiene fragt Peter: Was hat Klaus Stirn … Pause … im Gehirn? Peters Mundwinkelgrinsen, genüsslich, unsere Komplizenschaft, wir heben unser Weinglas. Kollege Stirn, Klaus, hat keine einzige Publikation mit Peer-Review, nur Anthologien und ein Bäuchlein mit Weste. Cordhose. Aber er nennt sich Stern, auf seinen Sonderdrucken: Klaus Stern. Klaus Stern, Collective Moral Decisions – From shared responsibility to responsible sharing. Klingt gut, ist aber Bullshit, sagt Peter. Als Klaus anfing, auf Englisch zu publizieren, erzählt Peter – als Letzter im Fachbereich übrigens, lässt sich sein Zeug wahrscheinlich übersetzen –, da hieß er plötzlich so: Stern. Angeblich war das ein Tippfehler. Die Kollegen in der Sitzung steckten den Sonderdruck ein wie immer, als hätten sie gar nichts gemerkt, nur ich, sagt Peter, habe damals nachgefragt: Heißt du jetzt Stern, oder was? Und Klaus ist um keine Spur verlegen: Die Amis halt, wegwerfende Handbewegung, joviales Lachen, Stirn kennen die ja nicht, also Stern, na, mir soll’s recht sein. Seitdem Peter mir das erzählt hat, ist Klaus dienstags immer ein Tischthema von uns. War immer ein Tischthema von uns. Klaus Stern, also wirklich. Sollte ich mal Rektor werden, sagt Peter, und, Miriam, das erzähle ich nur dir im Vertrauen, wird es für Leute wie Klaus ein bisschen enger.
Klaus Stirn, das Bäuchlein, sitzt gleich mit Peter am Tisch, in Peters Vize-Rektoratsbüro, berät sich mit ihm und den anderen, sie alle beraten über mich. Klaus Stirn als Selinas neuer Doktorvater. Oder haben die das auch verschoben, das Gespräch über mich? Müssen die vorher noch was klären? Was der gerechte Umgang mit mir wäre? Das haben die doch tatsächlich geschrieben, im Standard: Kampf für den gerechten Umgang. Unermüdlich gegen Miriam Behrmann – das zumindest stimmt. Peter, dass der bei seiner Brillanz Rektor werden will, zum Forschen kommt man dann ja nicht mehr, das hat mich schon gewundert, aber weiter habe ich mir nichts dabei gedacht. Nach Peters zweiter Nachricht bin ich die Treppe runtergerannt, nicht gegangen. Immerhin, falls mich einer sieht, gut angezogen bin ich ja. Haare dreimal gewaschen. Nach den letzten Tagen, die ich einfach die ganze Zeit im Schlafanzug ungewaschen im Haus geblieben bin, wozu anziehen, wozu waschen, gekocht und geputzt habe, das ja, der Putzfrau freigegeben, niemand sollte mich sehen, außer Tom, aber sonst, sonst nichts gemacht habe, da war das nötig, das dreimal Waschen. Hochgesteckt, ein paar Strähnen fallen locker in die Stirn. Geschminkt. Mein rotes Jackett. Wie zum Berufungsvortrag. Noch gebe ich nicht auf. Tom mit seinem besorgten Gesicht, dem kurzsichtigen, vorsichtigen Blick: Nein, aber übernimm dich nicht. Hält mich im Arm, jeden Abend sein ruhiger Herzschlag. So ein zarter Mann, und muss vor nichts Angst haben, nie. Wenn ich in den Sitzungsraum gekonnt hätte, vor sie hintreten, wie vereinbart um 09:00, nichts hätte man mir angemerkt. Aber dass die das verschieben, so kurz davor. Und ohne Ortsangabe. Dass nur noch Peter mit mir sprechen soll, nicht mehr sie alle. Peter, du kennst die Behrmann am besten, bring du ihr das bei. Aber dann stünde es ja schon fest: das Schlimmste. Und Peters Nachricht, die zweite, nur »miriam«, ohne »hallo«, und keine Entwarnung, kein: »vorweg: es kommt nicht zum schlimmsten.« Nein, hoch ins Büro, das kann keiner verlangen. Ins Café, aber mir ist nicht nach Café, und hier um die Uni herum, so nahe, da begegne ich denen noch, und wie die mich nicht anschauen würden, so als wäre ich nicht da, und mir würde der Nacken wehtun vom Nichthinsehen. Noch mehr wehtun. Also sitze ich hier, in der Kapelle, die keine ist, aber niemand sagt Hörsaal, alle sagen Kapelle. Sogar auf Programmen, bei Konferenzen, immer: Tagungsort Kapelle. Dabei mag ich entweihte Räume nicht. Bis zur Unwirksamkeit verdünnt bleibt das Kirchliche im Raum. Allein schon die Fenster, aber auch, vor allem vielleicht, die Luft. Kalt, sehr kalt, und diese Ahnung einer Ahnung von Weihrauch. Kein wirklicher Geruch, aber trotzdem. Und vorn die Wand, an der das Kreuz gehangen hat. Wenn man sich nur ein bisschen auskennt, sieht man, wo das hing. Man sieht gewissermaßen das Nichtmehrhängen des Kreuzes wie einen Fehler in der Statik. All die Sonntage, als Kind, als Jugendliche. Das schreibt sich ins Gedächtnis, auch wenn man andenkt dagegen, seit Jahrzehnten andenkt dagegen, den Gedankenmüll, den religiösen, abgetragen hat, eine Tonspur, eine Geruchsspur, Gewohnheit des Auges, das bleibt. Die Kapelle sei doch schön. Für Tagungen, Ansprachen, Vorträge. Das bunte Licht auf den Steinfliesen. Sonst ja nicht. Sie haben ganz recht, Frau Kollegin, für die Lehre wird sie ja nicht genutzt, nur für Tagungen, für Festliches. Als wäre das Festliche nicht auch wichtig. Insgeheim sind sie stolz auf ihre Unikapelle. Sollen sie doch. Hier stört mich niemand. Das Wichtigste: Zeit zum Denken. Nicht grübeln, Miriam – Tom, wenn er nachts aufwacht und hört, an meinem Atem, am Geräusch meiner Beine, restless legs, dass ich wach bin, lange schon, vielleicht gar nicht erst eingeschlafen. Tom, kannst du meine Fußsohlen massieren, nur kurz. Miriam, nicht grübeln, das bringt doch nichts. Seine Hand auf meiner Stirn. Wie bei einem Kind. Als ob man wüsste, ob es etwas bringt, als ob man das vorab wüsste. Wenn man aufgäbe nachzudenken, nur, weil das Nachdenken bis jetzt, immer nur bis jetzt, ergebnislos blieb, man müsste aufgeben, ganz allgemein. Und dann: Wenn es nur eine Rolle, nur ein Brotberuf wäre. Wirklich gut bleibt man nicht in diesem Fall. Wenn man aufgibt. Tom ist sehr gut, natürlich. Nicht besser als ich, nicht im Denken, aber publiziert hat er mehr als ich. Nicht viel mehr. Ein Buch, drei Artikel. Das ist mit einem Mal sehr wichtig geworden, in dieser letzten Zeit, wie es scheint. Sie halten ihn am Institut. Sie halten ihn nicht nur, sie befördern ihn. Das ganze Institut, unser Institut, meines und Toms, ist jetzt ganz allein seins.
Das Institut: Was haben wir gefeiert am Gründungstag im Sommer vor fünf Jahren! Sekt, Saft für die Abstinenzler, Peter zwinkert mir zu, wir beide schon beim dritten Sekt. Auf dem Buffet, auf zwei weiß gedeckten Tischen an der Wand: Häppchen, zwei Suppen vom Catering, Brühe und was Cremiges mit Kokos. Die Truschke, eifrig, läuft mit dem Häppchenteller von einem zum anderen, strahlt: ihre Chefin, Institutsleiterin! Da kommen die anderen Vorzimmerdamen nicht mit. Das bunte Licht auf den Steinfliesen, auf den Stehtischen frische Blumen, die Stühle hinten an die Wand gestapelt. Neben mir Selina, meine Doktorandin, frisch eingestellt, geschminkt, schwarzes Haar, hochgesteckt wie meins. Sie steht unter Strom, ihre Doktormutter ist Institutsleiterin! Da hat sie eine Spitzenstelle zum Doktorieren, steht fast schon selbst im Rampenlicht, knistert unter den Blicken, die sie streifen. So hoch können die anderen Doktorierenden ihren Kopf nicht tragen; die wissen das und nippen demütig an ihrem Saft. Aber ich, ich selbst bin ganz ruhig, völlig ruhig, und denke: Das muss es sein, das ist es. So ist es, wenn man Erfolg hat. Richtigen Erfolg. Auf einmal nur Ruhe. Ruhe wie ein weiter, stiller Raum, der einem ganz gehört, der man selber ist. Tom, einmal ohne Vorsicht, rotbackig vom Sekt, kommt zu mir. Peter, wippend in seinen Cowboystiefeln, er hat das alles eingefädelt, ein umtriebiger Dekan. So wird man Rektor. Er hat mich und Tom hierhergeholt, nach Wien. Sogar Klaus Stirn in seiner Weste prostet mir zu. Sie alle stoßen mit mir an. Peter ruft laut ins Klingen der Gläser: Ein schöner Erfolg, Miriam, ein Erfolg für uns alle, für die Philosophie. Jetzt kann uns das Rektorat nichts mehr, du und Tom und sieben Millionen grant, da gibt’s nichts zu meckern. Gut, dass wir euch berufen haben, dass das geklappt hat mit dem grant. Die ganze Kohle, sagt Peter, grinst. Ob ich Princeton vermisse? I wo, sage ich, meine ich. Klaus Stirn räuspert sich, blickt ins Saftglas, umständliche innere Vorbereitung, schließlich guckt er mich an, ein Entschluss.
Jetzt frage ich Sie doch mal, Frau Behrmann: Was forschen Sie denn da nun eigentlich genau?
Peters Blick schwimmt mit großen Zügen durch den Raum: Weißt du doch, Klaus, experimentelle Philosophie! Das erste Zentrum in Europa!
Stirn, über Peter hinweg: Ich frage Sie mal ganz offen, Frau Behrmann – ist das, was Sie machen, diese Umfragen, eigentlich noch Philosophie?
Mehr als das, Herr Stirn.
Meine Hand auf seinem Arm, hören Sie zu: Neulich, im Taxi durch Wien, der Fahrer gerade geschieden, die dritte Ehe, mitten in der Nacht steht er auf, setzt sich ins Taxi und fährt herum, nur im Fahren, erzählt er, kann er frei atmen. Und er fragt mich, was ist bloß der Mensch. Und ich: Ich weiß es nicht, sagen Sie es mir. Einer, sagt er, dem was fehlt. So was will ich wissen, Herr Stirn, oder Klaus, wenn ich darf.
Peter grinst. Die ganz alte Frage, da hat Klaus hier aber seine ganz alte Antwort drauf, oder: der Homo sapiens sapiens. Was, Klaus? Obwohl ich ja bezweifle, dass unser sapiens so viel hermacht. Peter wippt, winkt der Truschke, bringen Sie doch mal ein Glas Sekt für unseren Klaus hier. Oder, old boy? Nicht immer nur Saft.
Klaus ist ganz Würde: Die Vernunft unterscheidet uns vom Tier. Peter zieht die Augenbrauen hoch. Vom Tier vielleicht, old boy, obwohl, weiß nicht. Aber guck dich mal um in der Welt. Wir leben nicht mehr in den Zeiten von Kant. Vernunft ist der Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, ja sicher. Aber nicht nur für uns. Die Zukunft gehört den Bots, deep learning und so weiter, artificial intelligence, da werden wir am Ende dumm aussehen. Prost.
Na ja, Peter, Stirn schiebt sein Kinn vor, das sind so Zeitungsthemen. Zum Geldeinwerben ganz gut.
Schweine, sagt Selina plötzlich, können lügen.
Stille am Tisch. Alle gucken verlegen, außer Tom. Das liebe ich an ihm, dass er bei so was nicht verlegen wird. Ein wichtiger Punkt, Selina, sagt Tom ernst, ich dachte immer, lügen zu können sei die herausragende Eigenschaft des Menschen. Wie es aussieht, habe ich mich geirrt.
Selina sieht ihn an, macht er sich lustig? Dann strahlt sie, einfach so, wie angeknipst. Tom lächelt zurück, Wärme, Herzlichkeit. Man kann einfach nicht anders bei solch einem Strahlen. Nur Stirn lächelt nicht.
Und jetzt, Frau Behrmann, wollen Sie per Umfrage klären, was der Mensch ist, oder wie?
Peters Grinsen, langsam hängt es schief. Aber ich, der Sekt, eine Freude, die sich aufbäumt in mir, hole innerlich aus. Stirn ist zu schwerfällig, um auszuweichen, immer auf Kurs, der wird mir, mit gesenkten Hörnern gewissermaßen, zuhören müssen:
Wissen Sie, neulich habe ich einen Artikel gelesen. Nein, keinen Zeitungsartikel, sondern einen von Ihnen, und der begann so: »Personen sind Menschen, die ein Ziel für sich selbst formulieren und eigenständig verfolgen können.«
Peter legt den Kopf in den Nacken, lacht laut, und ich: Sagen Sie, Herr Stirn, wann genau ist aus Ihnen eine Person geworden? Mit zwei, mit drei, mit zwei und drei Viertel?
Peter, das Lachen abgestellt, hat den Teller voller Krümel, pickt darin herum. Stirn, aufgebläht, kneift die Lippen zusammen. Ich, bin ich jetzt zu weit gegangen, drücke seinen Arm, was ich meine, Herr Stirn, ich lächle, jeder von euch zaubert Behauptungen aus Begriffen wie Kaninchen aus dem Hut. Aber ich will das nicht. Keine Tricks.
Stirn tritt weg aus meiner Berührung, sagt: Umfragen, Statistiken, als ob das keine Tricks wären.
Peter breitet die Arme aus, legt die Hände auf unsere Schultern: Ich gebe euch da völlig recht. Der Homo sapiens sapiens ist umzingelt. Schlaue Schweine auf der einen, superschlaue Bots auf der anderen Seite. Der macht’s nicht mehr lange, der sapiens. Nachschlag, irgendwer?
Hinten in der Kapelle, umringt von Doktorierenden, löffelt Bärbel Radke ihre Suppe. Sie bemerke ich das erste Mal, mit dem überdimensionierten Kopf, so viel Haar so blond in alle Richtungen habe ich noch nie gesehen, und in flachen Schuhen, knalllila, zu karierten Hosen. Ich gucke hin, Peter zu mir: Das ist die Radke, da musst du vorsichtig sein.
Wieso, was ist mit der?
Sagen wir mal, etwas eigen.
Stirn, kann der das auch, lächelt, ein Lächeln wie ein Nicken. Als die Männer sich Suppe holen, marschiert die Radke auf mich zu: Tag, Frau Behrmann. Schön, dass Sie mal eine Bresche schlagen ins Patriarchat.
Das sagt sie wirklich, Tom ist in Hörweite, und sie spricht nicht mal leise. Ich lache. Kommen Sie –
Gern, Frau Behrmann, wollen wir uns nicht duzen, ich bin die Bärbel.
Miriam.
Und was forschen Sie, Frau Radke, Bärbel, meine ich?
Vulnerability.
Ich nicke, sage nichts. In Princeton hatten sie auch so jemand. Aber da war der Fachbereich zahlenmäßig und auch sonst sehr viel stärker. Aber hier. Wir sind nur wenige. Peter, Klaus Stirn, die Radke und jetzt ich und Tom. Und die Radke ist außer mir die einzige Frau. Die Männer haben ihre Suppe geholt und balancieren die Tassen zurück zu unserem Tisch. Peter, mit Blick auf die Radke, zieht eine Augenbraue hoch. Die, laut: Wir sollten was zusammen machen.
Ich lächle. Ein Satz wie ein Schulterklopfen. Aber dass da nichts draus wird, habe ich sofort beschlossen. Die Radke, ihr Blick verändert sich, wird ganz klar für einen Moment, dann hart, hat mir das angesehen, und sie dreht sich weg, so abrupt, dass mir das peinlich ist. Ich fürchte schon, dass sie gleich abmarschiert, gemeinsam mit ihren Doktorierenden, ein geschlossener Trupp raus aus der Kapelle, das wäre ein schöner Eklat. Ich trau ihr das zu, aber das macht sie dann doch nicht. Sie bleibt, feiert mit uns bis zum Schluss, und die anderen reden mit ihr, sogar Peter, irgendwann, als die meisten Doktorierenden schon gegangen sind und nur noch der harte Kern um die letzte Sektflasche herumsteht. Die Radke kann ganz ordentlich trinken, und Peter spricht mit ihr, alles freundlich.
Auf uns Frauen, die Radke hebt ihr Glas, wir lächeln uns an, das Klingen der Gläser, alles wieder gut, auf uns alle, auch Peter stößt mit an, nur zwischen Siezen und Duzen sind wir stecken geblieben, die Radke und ich. Und Tom, der hält sich fern von ihr. Tom und ich, wir sind neu hier, wir wollen nicht vereinnahmt werden. Nur, Tom macht das ganz unbewusst, der weiß das gar nicht, dem fällt gar nicht auf, dass er mit jemand nicht spricht. Er schaut verdutzt, wenn ich ihn anspreche auf so was, am nächsten Morgen, beim ersten Kaffee, den wir in der Küche im Stehen trinken; Frühstück gibt’s im Auto, Rosinenbrötchen, Croissants krümeln zu sehr, die essen wir am Sonntag, wenn wir ausschlafen können. Nein, dabei habe er sich gar nichts gedacht. Zuckt mit den Achseln, wieso, die ist doch ganz harmlos, warum nicht mit der reden, vielleicht mal zum Lunch. Aber er tut es dann doch nicht. Kein einziges Mal. Und die Radke, nie würde sie von sich aus Tom ansprechen. Bloß mich. Bei mir, das weiß ich, schon auf jener Feier weiß ich das, wird sie es wieder versuchen. Die wird versuchen, mich zu knacken.
Jetzt kommt keiner mehr. Spricht mich keiner mehr an.
Ich hätte das nicht mitbekommen sollen: Selina, die für das Dekanat Berichte sammelt gegen mich. Sie muss belegen, was sie mir vorwirft; die besten Belege sind Berichte von anderen, die dasselbe sagen wie sie. Steht so in der E-Mail von Selina ans Dekanat. Die hätte ich nie bekommen sollen. Der falsche Drucker, meiner nämlich, und schon lese ich: »Liebe Frau Dekanin Prof. Dr. Radke, ich sammle derzeit Berichte, die meine Aussage stützen, und werde sie Ihnen bei Gelegenheit vorlegen. Alle Berichte stammen von (ehemaligen) Mitarbeiter*innen meiner vormaligen Betreuerin Prof. Miriam Behrmann, PhD, und liegen dem Betriebsratsvorsitzenden vor, der mir zu diesem Vorgehen geraten hat.« Diese Behördenkorrektheit der Sprache. Es gibt sie also wirklich, diese Berichte über mich. Berichte, die ich nicht zu Gesicht bekomme. Nur die E-Mail, ein Versehen von Selina, oder sie wollte das sogar; ich soll unruhig werden. Und Peter, ins cc gesetzt, liest das Zeug und schreibt mit diesem Betriebsratsvorsitzenden hin und her, mit Dekanin Radke, und sagt mir nichts. Da bin ich dann zu der Radke hin in ihr Büro einen Stock höher. Dekanatsbüro wollte sie ja nicht. Sie sitzt da allein, abseits vom Fachbereich, mit ihren Doktorierenden, wo sonst nur die Psychologen sitzen. Aber es ist ein schönes Büro, groß, hell, riecht gut. Nach Rosen. Wirklich, nach Rosen. Da stehe ich vor ihrem Schreibtisch, darunter ihre knalllila Schuhe. Um mich zu entschuldigen. Weil ich ihr ausgewichen bin. Aber jetzt. Ich bringe die Dinge in Ordnung. Mehr nicht. Schon klar, dass ich unter diesen Umständen nicht um was bitten kann. Dass ich mich nur entschuldigen kann, umdrehen, soll die Tür offen oder zu? – offen, Frau Behrmann, offen – und weggehen. Ich habe gedacht, ich würde mich besser fühlen danach, das habe ich wirklich gedacht.
*
Das Akronym für unser Projekt, für den Drittmittelantrag, für unser Institut, Toms und meins: THACT. Tom, der sich auskennt mit Akronymen und mit Drittmittelgebern, was die mögen und was nicht, hat das erfunden. Kurz, griffig, trotzdem mit Aussage. Ich hatte THINKACT gesagt, Tom darauf THACT. Sonntagmorgen beim Frühstück, wir sitzen mit Croissants und Kaffee in Princeton auf der Terrasse. Auf dem Gartentisch überlagern sich die Schattenspiele der Blätter im Baum. Ruhig, heiter sind wir und siegessicher, werfen uns die Akronyme zu wie Bälle: Kopfball spielen. Sechs Jahre ist das her. Komm, Miriam, lass uns Kopfball spielen.
Okay, ich strecke meine nackten Füße aus, sage THINKACT, wie Speech Act. Mein Seminar in diesem Sommer: Speech acts. Das Beispiel für die Erstsemester: Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau, sagt die Standesbeamtin – zack, sind zwei verheiratet, die es vorher nicht waren. Nur, weil jemand, der ein bestimmtes Amt hat, etwas Bestimmtes sagt. Nicken in der Runde, alle schreiben; nichts lässt sich so leicht unterrichten wie das. Aber jetzt, Tom, kommst du: Können auch Gedanken Tatsachen schaffen?
Fast, sagt Tom. Gedanken allein können das nicht. Überzeugungen, die ja. Wenn es Leute gibt, die sie mit dir teilen. Er lacht, verschränkt die Arme hinter dem Kopf: THACT. Wir nehmen THACT. Da klingt auch Fact mit an, right?
Right, sage ich, streife die Krümel vom Schoß, stehe auf, die Kaffeekanne ist leer, gehe ins Haus, ins Kühle, neuen Kaffee holen. THACT, das ist gut, das wird ziehen, ich weiß es.
Aber, sagt Tom, ich trete wieder auf die Terrasse, der warme Stein an meinen bloßen Sohlen, es ist so hell, dass ich Tom nicht richtig sehen kann, ich muss meine Augen mit der Hand beschirmen, um den Kaffee einzugießen – aber, Miriam, du tust dich schwer damit, oder?
Ja, Tom, ich setze mich, mir reicht das nicht.
Tom macht sich Notizen, schreibt auf die Papierserviette neben seinem Teller. Nie benutzt Tom seine Serviette zum Mundabwischen, es könnte ja sein, er muss was notieren. Mit dem Montblanc in seiner Brusttasche, der einzigen Eitelkeit, die Tom sich erlaubt, falls es überhaupt eine ist, so alt ist schon der Montblanc. Nur das Jackett wechselt; und ohne Brusttasche geht es gar nicht. Die Krümel streife ich ihm von den Lippen. Tom sieht hoch, schaut mich an.
Also ja, Miriam, ich glaube, dass Überzeugungen etwas erschaffen können: Werte, die Menschen zu Gruppen zusammenschweißen. Ich weiß, Tom, aber mir ist das zu wenig: einfach jedem Mob seine eigenen Werte.
Ach Miriam, du gönnst den Leuten auch gar nichts.
Ich lache.
Da fällt mir ein, Tom, The Song of the Lark, die Hauptperson, ein Kind, ein großes Talent, sie will Sängerin werden, lebt irgendwo in einem Dorf in der Prärie. Am Zaun kommt vorbei, in Lumpen, ein Landstreicher. Ein Gestank, die wandernde Pest. Später dann die Polizei, die für Recht und Ordnung sorgt und für Sauberkeit, sie nimmt dem Mann das Letzte, was er hat, seine Schlangen, er ist Schlangenschlucker, das ist sein Beruf, sozusagen, und wirft ihn dann raus. Raus aus dem Dorf. Da rächt sich der. Leichengift im dörflichen Brunnen. Typhus, Tote ringsum. Unsere Heldin, ihr Vater ist Pastor, quält sich: Hätte man dem Mann nicht helfen müssen? Nein, sagt der Dorfarzt: Nicht das Schwache – das Starke, Strahlende zählt! Und Tom, aus dem, was du glaubst, folgt doch: Recht hat er, einfach, weil die da so denken.
Ja, darling, dann ist das so.
Und der Landstreicher, Tom?
Toms Blick, hart: Was? Das Objektive ist das, worauf man sich einigt, und wer niemanden hat, mit dem er sich einigen kann … Veto, Tom, das glaubst du nicht wirklich!
Miriam, ich wünschte, ich müsste das nicht glauben.
Unsere Blicke treffen sich, dann ein Lachen. Und ein Zögern, wie immer an diesem Punkt.
Ach, Tom …
Genau dieser Streit, Miriam, ist jetzt Mode, da sind wir an der Forschungsfront.
Müssen wir auch sein, sage ich, für sieben Millionen.
Tom schraubt seinen Stift zusammen.
Lass uns Peter fragen, ob er mitmacht. Der sieht das alles ja noch mal ganz anders.
Das Institut war Peters Idee, sagt Peter, sagt Tom, sage sogar ich, wenn ich mit den beiden am Abendbrottisch, bei uns zu Hause in unserer Wiener Wohnung oder bei Peter daheim, das Weinglas erhebe: Auf uns! Aber in Wirklichkeit war das Institut meine Idee. Großartig, sagt Peter, als Tom ihn anruft, noch an jenem Sonntag vor sechs Jahren, gleich nach unserem Frühstück auf der Terrasse, als wir THACT erfanden. Peter, sagt Tom, wir brauchen dich für den Projektantrag, was meinst du, die Martha-Nussbaum-Stiftung, das sind ganze sieben Millionen, und Peter: Großartig! Tom und ich lächeln uns an, das Telefon, auf laut gestellt, zwischen uns auf der Lehne von Toms Gartenstuhl. Peters Stimme, im Hintergrund hört man Kinderlachen: Natürlich bin ich dabei! Und Tom, kommt doch nach Wien, im Ernst, wir sind nicht arm hier, der Menzel schuldet mir noch was, du weißt, ich hab immer gute Drähte ins Rektorat; ich weiß, wie voll die Töpfe sind, auf denen die da sitzen. Wir können uns das leisten, euch zu holen, wir machen euch ein Angebot! Und Tom, langsam: Das klingt nicht uninteressant. Dann Peter: Im Ernst, vergiss Princeton, ihr wollt doch Kinder, oder? Und Tom, obwohl wir darüber zu niemandem sprechen, antwortet ihm: Das stimmt. Tom legt mir die Hand auf den Arm, begütigend. Na, also, sagt Peter, Kinder in Amiland, das ist doch viel zu teuer. Ihr zahlt euch dusselig, um die vernünftig ausbilden zu lassen. Da müsst ihr ohnehin zurück nach Euroland. Warum nicht Wien? Wien, Weib und Gesang! Tom flüstert mir zu: Der weiß nicht, dass du mithörst. Und ins Telefon: Wir bleiben im Gespräch. Zuerst einmal schicken wir dir den Antragsentwurf. Geht in Ordnung, sagt Peter, und schreib rein, was du willst, schreib mich einfach mit rein. Du weißt ja, ich hab keine Zeit, ich bin Dekan, die wollten mich unbedingt. Jetzt müssen die auch leben mit mir, und bald auch mit euch zwei beiden! Grüße an die Frau Gemahlin! Sieht die immer noch so aus, zehn Jahre jünger als du? Tom lacht: Das tut sie! Und blinzelt mir zu. Ein Grund mehr, ruft Peter, euch zu holen, was? Jetzt aber, bei euch ist ja Mittag, aber bei uns hier in der alten Welt gehören die Kinder ins Bett. Auf bald also, Tommyboy! Unser Institut aber, mit keinem Wort hat Peter das erwähnt. Und auch nicht Tom. Das Institut ist meine Idee, gleich als Tom aufgelegt hat, sage ich: Lass uns noch warten, wenn wir das Geld bekommen, die sieben Millionen, dann legt Wien noch was obendrauf. Das reicht, ein Institut zu gründen, THACT als Institut: Dann sind wir unabhängig! Nur angebunden an die Uni. Das will ich. Tom schaut mich an, glücklich, das Glück überlagert die Vorsicht, vielleicht, weil Peter mich schön findet: Seine, Toms, Frau, fünf Jahre jünger als er, und es sieht nach zehn Jahren aus. Gute Idee, sagt Tom. Er schweigt. Sein Blick erwärmt sich, Wärme nicht nur für mich, Wärme für meine Idee. Wie zur Probe sagt Tom: Ein Institut, nur du und ich und Peter! Nicht Peter, sage ich, nur du und ich. Tom dreht die Kaffeekanne hin und her. Mal sehen, sagt er, was Peter davon hält. Nein, Tom, hör mir zu: Ich gehe nach Wien, wenn wir beide, du und ich und ohne Peter, unser Institut bekommen, sonst nicht. Tom blickt mir in die Augen, erschrocken. Es ist mir ernst, mehr nicht. Ist gut, sagt Tom, steht auf; auch ich stehe auf. Er tritt auf mich zu, umarmt mich. Und ich halte mich fest an ihm. Ich lache auf, sage: Wechselwirkungen zwischen Meinungen, Tatsachen und Handlungen – wie grauenvoll das klingt auf Deutsch! Ich spüre, wie Tom sich strafft, als er flüstert, lächelnd, in mein Ohr: Feedback effects between beliefs, facts, and acts!
Princeton, zehn Jahre. Nach den ersten fünf Jahren ziehe ich in unser Haus, Toms Haus, das Haus mit den schwarzen Möbeln. Schwarzes Ledersofa, schwarze Bar statt Tisch, mit Barhockern; sogar die Bettwäsche ist schwarz. Das Haus ist nicht größer als die Wohnung in Wien, die wir jetzt haben, aber mit Garten rund um die Terrasse. Eine Klimaanlage statt Heizung, wegen der mir immer kalt war am Anfang in Princeton, aber die spüre ich schon bald nicht mehr. Ich gewöhne mich. Das Haus ist besser als das Zimmer, das ich am Anfang hatte. Als alles mir fremd war, so fremd, dass ich spürte: Ich lebe. Obwohl es mir eigentlich egal ist: das Zimmer, Toms Haus. Mein Ort in Princeton ist der Campus. In diesen Fantasiegebäuden, die aussehen wie Kathedralen, als würde man uns sagen: Ihr seid wichtig, das hier ist wichtig, hier bin ich am richtigen Ort. Auf dem Rasen sitzen, um uns herum der Indian Summer, die feuerroten Blätter in den Bäumen, das Licht. Die Stille. Vom Büro aus sind es nur fünf Minuten Fußweg, und ich bin in dem Gym, in dem ich jeden Mittwochmorgen schwimme, Bahn um Bahn, kein Geplansche, eine Dreiviertelstunde, genau wie die anderen. Wir teilen uns das Becken, alle wie am Schnürchen, ein Lächeln, anerkennend, wenn ich durchziehe ohne Pause, ohne Schnaufen, ein herzliches Winken beim Kommen und beim Gehen, mehr nicht. Das liegt mir am meisten, danach der Tanzkurs. Tom ist mein Tanzpartner, er lächelt und redet nicht viel, er hat mich von Anfang an gewählt, im Brown Bag Seminar, sagt er. Nur du kamst infrage, Miriam. Ein guter Tänzer bei Walzer, Foxtrott, Quickstep; Cha-Cha-Cha und Tango liegen ihm nicht. Trotzdem, am liebsten schwimme ich. Verbissen, hat Peter einmal gesagt. Peter, in Wien, eine Woche sind wir erst da, ich sitze im Büro die ganze Zeit, und er nimmt mich mit ins nächste Schwimmbad. Miriam, jetzt machst du mal Pause. Ich hol dich ab im Büro, sagt Peter, das ist nicht so nah, das Hallenbad, da müssen wir schon mit dem Auto fahren. Mitten durch Wien fährt er mich, Herumgekurve auf der Suche nach einem Parkplatz. Ich beiße die Zähne zusammen, wieso gibt es keinen Campus, wieso haben wir nicht unser eigenes Schwimmbad, aber ich sage nichts, ich bin ja freiwillig hier. Eine öffentliche Umkleide, bloß nach Geschlechtern getrennt, das ist jetzt so, sagt Peter. Im Becken dann, es ist ein ganz gewöhnliches, kleines Becken, in dem mir Wasser ins Gesicht schlägt von kraulenden Kerlen, die hart an mir vorbeiziehen und die dann am Beckenrand hängen, glotzen, schnaufen. Ich schwimme ruhig Bahn um Bahn. Einfach nicht beachten, alles nicht beachten. Und kurz vor einer Wende, als ich neben Peter anschlage, der am Beckenrand Wasser tritt, mich anlächelt, aber kalt, die Augen zusammenkneift, guckt, als wäre ich Klaus Stirn, sagt er: Verbissen, irgendwie bist du verbissen. Da hätte ich es merken sollen, an jenem Tag, ganz am Anfang. Ich bin schon drei Schwimmzüge weiter, als der Satz mich trifft. Das hätte in Princeton keiner gesagt. Das hat in Princeton keiner zu mir gesagt. Peter ist besonders nett zu mir danach, du bist wirklich ausdauernd, sagt er später im Auto. Und im Dekanatsbüro spendiert er mir Kaffee und Kuchen, ganz der Gentleman; da sage ich nichts. Ich denke: Jeder ist mal aggressiv. Vielleicht hat dieser eine Satz nichts zu bedeuten, und ich lege mir jetzt nur etwas zurecht, im Nachhinein.
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Peter, die will sich doch nur rächen, wieso nehmt ihr Selina das alles ab?
