Der falsche Ketzer - Milas Schein - E-Book

Der falsche Ketzer E-Book

Milas Schein

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Beschreibung

Ein Raubzug lässt den zehnjährigen Rev von einem Niemand zum Helden der Kinder Tallums aufsteigen. Wenige Wochen später reißt sein Glück nicht ab, als ihm eine magische Begabung im Blutzeichnen offenbart wird. Doch kaum an der Akademie für Zeichenkünste aufgenommen, holt ihn sein Raubzug ein und Rev fällt in Ungnade. Es ist Arastell, Revs Gott, der dem Jungen eine Chance gibt für seine Taten Sühne zu leisten. Getarnt als gottloser Ketzer ist Rev fortan gezwungen im blutigen Wettstreit zwischen Arastell und seinen verhassten Geschwistern zu dienen.

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Milas Schein

Der falsche Ketzer

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1

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4

5

6

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8

9

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Epilog

Impressum neobooks

1

Nur ein Schnitt. Revs Finger glitten über die sichelförmige Klinge eines kleinen Messers. In einer schmalen Gasse zwischen zwei Häuserreihen wartete er auf sein Ziel. „Nur ein Schnitt und der Preis gehört uns“, sagte Rev.

„Dann sind wir die Könige des verfluchten Hauses“, sagte Nial und sein Grinsen spaltete sein schmales Gesicht, als er sich vom Eingang der Gasse zu Rev wandte.

„Klappe und halte Ausschau, Nial“, sagte Iloss, der neben Rev auf den verdreckten Pflastersteinen döste. Sein Fett, wie ein Kissen für sein Kinn.

„Kannst mich gern ablösen“, verfolgte Nial das rege Treiben auf den Straßen Tallums. „Liegst eh nur rum und suhlst dich im Dreck, wie eure Ferkel zu Hause.“

„Willst, dass ich dich gleich vermöbel?“, fragte Iloss.

„Viellecht vermöbel ich auch dich“, sagte Nial.

Iloss`s Lachen hallte in den Straßen. „Du dürrer Zwerg? Die Ketzer sollen mich holen, wenn das passiert.“

„Du fetter-“ Nials Augen weiteten sich. Er wirbelte herum und seine schulterlangen Haare peitschten ihm ins Gesicht. „Ordnungswahrer … der Ordnungswahrer“, spuckte er hellblonde Strähnen.

„Los geht’s“, versteckte Rev seine zitternden Hände samt Messer in seinen Hosentaschen. Nur ein Schnitt.

„Lasst uns Könige werden“, richtete Iloss sich auf. Sein rundes Gesicht bleich, wo es Nials Beleidigung hätte rot färben müssen.

Zu dritt drängten sie sich an den Eingang der Gasse und spähten hinaus auf die Straßen Tallums. Passanten in schillernden Farben feilschten an Ständen, schlenderten über die metallenen Pflastersteine der Stadt und grüßten einen Hünen von Mann in einem langen, dunkelgrauen Mantel. „Das ist er?“, schluckte Rev beim Anblick des Ordnungswahrers. Ein Mann, doppelt so groß wie Iloss, breit wie Nial lang, streckten die beiden Arme und Beine von sich.

„Das ist er“, nickte Nial.

„Ziemlicher Brocken“, sagte ausgerechnet Iloss.

„Solange er kein Zeichner ist“, sagte Rev.

„Ist er nicht“, sagte Nial. „Utraat und Devos klangen ziemlich sicher, als wir sie belauscht haben.“

„Utraat und Devos sind gottlose Idioten“, sagte Rev.

„Willst du kneifen?“, fragte Iloss.

„Das du es mir auf ewig vorhalten kannst? Eher sollen mich die Ketzer holen“, machte Rev einen Schritt aus der Gasse und stoppte, als der Ordnungswahrer sie passierte. Ohne einen Blick an die drei zehnjährigen Halbstarken zu verschwenden, ging der Hüne in Grau seines Weges.

„Hey, Rev“, legte Iloss eine Hand auf Revs Schulter.

„Was ist?“, fragte Rev.

„Beweg dich“, schupste Iloss ihn in die üppig gefüllte Straße und rannte mit Nial auf Position.

„Gottloser Schwabbel“, murmelte Rev und eine korpulente Frau strafte ihn eines unheilvollen Blickes. Rev sprang davon und drängte durch Männer und Frauen in farbenprächtigen Gewändern.

Im Alltag oder zur Arbeit, je bunter je besser hieß es in Tallum, einer Stadt, gänzlich geschaffen aus silbergrauem Metall. Wo das Licht hinfiel, reihten sich würfelförmige Metallbauten aneinander, stabelten sich übereinander, wie die Bauklötzchen eines Kindes. Alle paar Straßen ragten metallene Obelsiken aus dem Boden, schenkten den Bewohnern Tallums mit ihren goldenen Zeigern und Ziffern die Uhrzeit und einen Kleks an Farbe. Arastell, Revs Gott und Erbauer der Stadt, hatte wahrlich keine Mühen gescheut Tallum so trist und trostlos wie möglich zu gestalten.

In eine bunte Kombination aus Farben gekleidet, die bei jeder modeaffinen Person Brechreiz ausgelöst hätte, trug Rev seine Armut als Sohn eines Schmieds zur Schau. Er versteckte sein Messer in der Tasche seiner weinroten Hose, zupfte an der moosgrünen Weste und zog seine grellgelbe Ballonmütze ins Gesicht, sich dem Hünen in Grau und dessen Umhängetasche nähernd.

Die Ärmel bis über die Ellbogen gekrempelt, trug der Mann, dem warmen Frühlingstag zum Trotz, seinen Mantel zugeknöpft. Auf Brust, Rücken und Tasche eingestickt, prangte die ehrfurchterweckende Insignie Arastells. Eine goldene Spirale, die einer Wendeltreppe gleich nach oben schoss, hin zu einem gleißenden Licht. Kein Zweifel, der Mann in Grau war ein Ordnungswahrer, ein Hüter der Gesetze Arastells.

Rev hängte sich an die Fersen des Ordnungswahrers und ein Tumult kündigte sich vor ihnen an. Ein Aufschrei und Nial flog in die Straße. Passanten machten Platz, fluchten oder erkundigten sich, ob es dem Jungen gutging.

„Weg! Weg von mir!“, schrie Nial sie an. „Das ist ein Kampf zwischen mir und ihm“, rappelte er sich auf, als der zwei Köpfe größere Iloss auf ihn zutrat.

„Lass dir lieber helfen, kleiner Welpe, wenn deine Eltern dich nicht im Hospital abholen sollen“, lachte Iloss wie die Schurken aus seinen Lieblingsgeschichten. Ein Schurke mit roten Pausbäckchen und Segelohren.

Rev verkniff sich ein Kichern.

„Dein Mundwerk ist ja noch größer als deine Wampe“, sagte Nial und Iloss’s Kopf gewann an Röte, als er auf seinen Freund zustürmte. Nial hechtete zur Seite, rettete sich auf allen Vieren auf die andere Seite des menschlichen Kreises, der sich um sie formte. „Wer mir hilft, wird sich in unserem Geschäft nie wieder blicken lassen können. Arastell sei mein Zeuge“, drohte Nial zwei Männern, die sofort stoppten. Jeder kannte Nial Bason und seine Eltern, allein der exotischen, blonden Haarbracht wegen, und niemand in Tallum wollte es sich mit einer der Färberfamilien verscherzen. „Was ist los, Fettsack, zu langsam um mich zu erwischen?“, fragte Nial.

Iloss’s Antwort verkam zu einem Knurren, dem ein Schrei Nials nachhallte.

„Gottlose Kinder“, fluchte der Ordnungswahrer und beschleunigte seinen Schritt.

Arastell, betete Rev, lass ihn die beiden erreichen, ehe Iloss Nial zu Brei schlägt. Und lass die Leute mich ignorieren, wie sie es immer getan haben. Ein Seufzen entkam Rev, als er zu dem Ordnungswahrer aufschloss. Sein Messer festumklammert, rief Rev sich den Preis in Erinnerung, der sie erwartete.

Nur ein Schnitt. Vor Rev baumelte die Umhängetasche an der Schulter des Ordnungswahrers, lockte mit ihrem dünnen Lederriemen. Ein Schnitt und wir sind Könige. Rev führte sein Messer an den Lederriemen der Tasche und zog es zurück. Mist! Ich bin kein Feigling, ich beweise es dir, Iloss! Die sichelförmige Klinge legte sich um den Lederriemen-

„Aus dem Weg, im Namen Arastells!“, rief der Ordnungswahrer und die Passanten scheuten wie Schafe, schufen eine Schneiße für den Hünen. Ehe Rev sich versah, standen er und der Ordnungswahrer allein auf offener Fläche.

„Dieb!“, kreischte eine Frau. Ihr erhobener Finger Zentimeter vor Revs Nase, ihr Speichel in seinem Gesicht.

„Was soll das werden, Junge?“, sah der Ordnungswahrer über seine Schulter, da rang Nials spitzes Kreischen durch die Straße.

„Hab ich dich“, lachte Iloss in das Kreischen hinein und alle wandten sich den zwei Jungen zu. Alle außer Rev.

Die Ketzer sollen mich holen, dachte Rev und sein Messer schnitt durch den Lederriemen. Die Umhängetasche löste sich von der Schulter des Ordnungswahrers. Rev fing die Tasche mit beiden Armen, drückte sie an seine Brust, wickelte den Lederriemen um eine Hand, noch als er in die abgelenkte Menschenmenge hechtete. Durch jede noch so kleine Lücke quetschte er sich, dankbar für den leichten Inhalt seiner Beute.

Sekunden später kam er auf der anderen Seite heraus und fand rechts von sich eine Gasse. So schnell ihn seine Beine tragen konnten, machte Rev sich zur Gasse auf, da spross in Mitten der Straße ein meterhoher Baumstumpf aus dem Nichts. Frei von Blättern und Ästen, tauchte er Rev in seinen Schatten. Oben auf dem Baumstumpf stand der Ordnungswahrer und löste den letzten Knebelverschluss seines grauen Mantels.

Rev erbleichte. Der muskulöse Oberkörper des Mannes verziert mit detailverliebten Tätowierungen, die Innenseite des Mantels bestückt mit dutzenden, kleinen Schlaufen, an denen auf Papier gefertigte Zeichnungen an Holzklammern hingen. Kein Zweifel, dieser Ordnungswahrer war ein Zeichner. Noch bevor der Mann ihn entdeckte, verfluchte Rev Iloss und Nial. Verfluchte Devos und Utraat. Verfluchte sich selbst.

Die Hand des Ordnungswahrers fand eine seiner Zeichnungen und schwarze Kohlepartikel lösten sich vom Papier. Wie feiner Staub wirbelten die Partikel um seine Finger und formten sich zu einem meterlangen Stab. Rev konnte nicht anders, als zu verfolgen, wie sich der Holzstab in Sekunden festigte und das Papier leer zurückließ. Noch nie hatte er die Magie eines Kohlezeichners bestaunen dürfen.

Vom Baumstumpf aus schwang der Ordnungswahrer über die staunenden Passanten hinweg auf Rev zu. Gottloser Mist, fand Rev das Gefühl in seinen Beinen wieder und rannte los, in die Gasse hinein.

Grunzend landete der Ordnungswahrer hinter ihm und nahm die Verfolgung auf. Noch schneller als er ihn geschaffen hatte, löste er den Stab auf und schwarze Partikel kehrten als schlichte Zeichnung auf weißes Papier zurück. Eine seiner Tätowierungen verblasste, Kohlepartikel schwirrten um die Hand des Mannes und schufen eine Peitsche aus einem rötlichen Holzgriff und einer grünen Ranke, die am Endstück in dünne Fäden überging.

„Im Namen Arastells, bleib stehen!“, rief der Ordnungswahrer, aber Rev dachte nicht daran und stieß ein Fiepsen aus, als die Peitsche hinter ihm in der Luft schnalzte. Der Ordnungswahrer fluchte und ließ einen zweiten Hieb folgen.

Fetzen flogen von Revs Hemd und ein Schmerz durchzog seinen unteren Rücken. Rev schrie, strauchelte, fing sich und setzte seine Flucht in ungeahntem Tempo fort. Durch verwinkelte Gassen, vorbei an den Hinterhöfen dutzender, zusammenhängender Gebäude der Unterschicht.

Gleich geschafft, nur noch ein bisschen, erspähte Rev seine Rettung. Eine Gasse zwischen zwei Häuserreihen, gerade breit genug für ein schmales Kind. Rev sandte seinen Dank an Arastell, der ein Wirrwarr an Wegen in Tallum geschaffen hatte, nur um sie vom Himmel herab ein Kunstwerk bilden zu lassen, das niemand sehen konnte.

Rev schlug einen Haken, machte einen Satz in den Spalt und knallte auf die Pflastersteine Tallums. Was … Wieso? Er blinzelte, rollte sich von der Umhängetasche und sah die Peitsche um seinen Knöchel gewickelt.

„Habe ich dich“, zerrte der Ordnungswahrer Rev aus der Spalte.

Mist, Mist, Mist! Rev zückte sein Messer und schlug nach der Rankenpeitsche.

Der Ordnungswahrer packte sein Handgelenk, verdrehte es und Rev schrie auf. Das Messer glitt ihm aus den Fingern und er sah in die dunklen Augen des Mannes. Ich hatte es doch fast geschafft.

„Bei Arastell, was sollte das, Junge?“, löste der Mann Handschellen von seinem Gürtel. „Du kannst gleich antworten oder später auf dem Revier. Ich würde allerdings gleich bevorzugen, allein meiner Neugier wegen.“

„Neugier?“, fragte Rev. Dunkle Haut, kurzgeschorenes, schwarzes Haar und glattrasiert, stand ein junger, gutausehender Mann vor Rev.

„Sag, was ist es mit euch Kindern, dass ihr in den letzten Tagen wiederholt versucht unsere Taschen zu stehlen?“, fragte der Ordnungswahrer. „Ich meine, das Einzige was du darin findest ist Verbandszeug, Wasser und mein Mittagessen. Was ich übrigens alles gerne wieder hätte.“ Er streckte seine Hand nach der Tasche aus, die Rev festumklammert hielt.

Rev händigte die Tasche aus. Warum reagierte der Mann so gelassen?

„Ich danke dir“, sagte er. „Nun, willst du mir den Grund hierfür nennen?“, fragte er und Rev schwieg. „Dann eben auf dem Revier.“ Mit einem Klacken öffneten sich die Handschellen.

Rev konnte nicht in den Knast, seine Eltern würden ihn umbringen. „Es ist ein Wettbewerb. Wer als Erstes die Tasche eines Ordnungswahrer stiehlt, gewinnt“, löste sich Revs Zunge und er wischte sich über seine feuchten Augen.

„Die idiotischen Spielereien von Kindern. Arastell, wie ich sie vermisse“, huschte dem Ordnungswahrer ein Lächeln übers Gesicht.

„Muss ich jetzt immer noch mit aufs Revier?“, fragte Rev.

„Ich fürchte ja“, löste sich die Peitsche um Revs Knöchel in feine, schwarze Partikel auf.

„Aber das ist alles was ich weiß, ich schwörs“, sagte Rev und unterdrückte den Drang nach den Partikeln zu greifen.

„Ich glaube dir, aber es würde meinem Ruf nicht guttun, wenn ich nach der Vorführung eben mit leeren Händen auf die Straße zurückkehre“, sagte der Mann. „Dreh dich bitte um und leg die Hände auf den Rücken.“

„Werdet ihr meine Eltern benachrichtigen?“, fragte Rev und fand sich in einen breiten Schatten getaucht.

„Hey, hier oben“, rief eine Gestalt über ihnen und hechtete vom Dach eines Hauses auf den Ordnungswahrer. Der konnte gerade noch die Arme vor sich bringen, als die Gestalt ihn zu Boden schmetterte und unter sich begrub.

Revs Mund stand offen. Was zum?!

„Gottlose Scheiße, hat das wehgetan“, löste Iloss sich von dem bewusstlosen Ordnungswahrer.

„Hast du … hast du gerade …“, blickte Rev in das breite Grinsen seines Freundes.

„Allein einen Zeichner niedergestreckt und dich gerettet? Yep“, antwortete Iloss. „Iloss der Niederstrecker, wie klingt das?“

„Dämlich“, stand Rev auf. „Was jetzt?“

„Du nimmst die Tasche, wir verschwinden und gewinnen den Wettbewerb. Das machen wir“, sah Iloss ihn an, als begreife er die Frage nicht.

„Die Tasche, stimmt“, sagte Rev und schnappte sie sich.

„Was machst du da?“, fragte Iloss.

„Mich dafür bedanken, dass er mich nicht verprügelt hat“, entleerte er den Inhalt der Tasche neben dem Ordnungswahrer. „Naja, nicht so richtig verprügelt“, griff Rev sich an seinen schmerzenden Rücken und beschloss einen Teil des Verbandszeugs zu behalten.

„Könnte eine hammer Narbe geben“, pikste Iloss in seinen Rücken.

„Lass das“, schlug Rev nach ihm und klemmte die Tasche unter den Arm. „Fertig, verschwinden wir.“

„Na endlich“, sagte Iloss und sie rannten davon.

2

„Wartet, bis die anderen die Tasche sehen“, tanzte Nial um seine Freunde. Sein blaues Auge und seine dicke Lippe vom Kampf gegen Iloss vergessen.

„Warte, bis deine Eltern dein Gesicht sehen“, sagte Iloss.

„Der andere sieht viel schlimmer aus als ich“, sagte Nial.

„Du hast mir nicht mal ne Schramme verpasst“, sagte Iloss.

„Siehst trotzdem schlimmer aus“, sagte Nial.

„Willst einen Nachschlag?“, hob Iloss die Faust.

„Nah, ich muss gut aussehen, wenn wir den anderen die Tasche zeigen. Ich sehe sie schon vor mir“, sagte Nial und imitierte einen, seiner Meinung nach, schockierten Gesichtsausdruck.

„Du siehst aus, als würdest du eine Wurst rauspressen“, lachte Iloss. „Hier, so geht das.“

„Dafür siehst du aus wie mein Vater, setzt man ihm Gemüse vor“, sagte Rev.

„Dann hab ich es doch gut getroffen“, entgegnete Iloss.

„Ich zeig euch wie das richtig geht“, sagte Rev und das Gelächter ließ nicht lange auf sich warten.

Unzählige Grimassen später, betraten die drei ein verlassenes Haus in der Mittelschicht.

Einst ein Haus voll bunter Farben und Kleider. Wohnort und Arbeitsstätte einer begnadeten Näherin und ihres untreuen Gatten. Im eigenen Ehebett hatte die Näherin ihm beim Liebespiel mit einer Fremden erwischt und die größte Nadel zu Hand genommen, die sie besaß. Stich für Stich war es um die Ehebreche geschehen und die Näherin legte die Nadel an den eigenen Hals. Metall durchstach Haut, durchdrang Fleisch. Ein Fluch, das Letzte was der Näherin über die Lippen kam, als das Blut ihrem Körper in Strömen entwich und in jede Ritze des Hauses drang.

So die Legende, die das Haus seit Jahrzehnten verlassen zurückgelassen hatte und Anlass genug für einige Kinder Tallums gewesen war, dort ihren Treffpunkt zu errichten.

Revs Hand strich über die buntgefächerten, zusammengenähten Bettlaken, die ein paar mutige Kinder an Decke und Boden des Hauses befestigt hatten. Ein Tunnel aus Laken, der Kinder vor dem Anblick blutiger Nadeln und grotesker Mannequins bewahrte und zugleich der Näherin Ehrerbietung zollte. Vom Eingang des Hauses führte der Tunnel bis hinauf auf das Dach. Schließlich war es das Haus, welches verflucht war, nicht das Dach.

„Bleib dicht bei mir, Iloss“, führte Nial den Weg durch den Tunnel. Eine rostige Öllampe in der Hand, die sie am Eingang zu Hauf stabelten.

„Die Ketzer sollen dich holen“, lief Iloss wie gewöhnlich in ihrer Mitte und wahrte Abstand zu Nial. Aus Furcht, das Licht der Lampe könnte offenbaren, was sich hinter den Laken verbarg.

Rev kicherte, sein Blick nach vorne gerichtet. Das Haus allein war gruselig genug, durch den Stoff hindurch aber erhielt es eine Unschärfe, die Rev Gänsehaut bescherte.

Sie stiegen die staubigen Stufen zum Dach hinauf.

„Da wären wir, ihr gottlosen Feiglinge,“, sagte Nial und warme Sonnenstrahlen drangen durch die offene Luke zum Dach. Nial löschte die Öllampe und betrat die Treppe zur Luke.

„Warte bis wir draußen sind“, drückte Iloss an Nial vorbei.

„Iloss der Niederstrecker“, lachte Nial. „Wir sollten ihn Iloss den Feigen nennen.“

„Du kennst ihn doch“, sagte Rev und nahm die Eile aus seinem Schritt.

„Und trotzdem finde ich es immer noch witzig“, folgte Nial ihm hinaus auf das Dach.

Eine weite Fläche begrüßte sie, bestückt mit verwitterten Gartenmöbeln. Im Gegenteil zu den Häusern der Unterschicht, hingen Gebäude der Mittelschicht selten zusammen und verfügten über hohe, undurchsichtige Geländer auf ihren Dächern.

„Was grinst ihr so dämlich?“, wartete Iloss an der Luke.

„Komm schon, so blöd bist du doch nicht, du weißt warum“, sagte Nial.

„Du willst nicht wirklich noch mehr Prügel beziehen. Komm schon, so blöd bist du doch nicht“, gab Iloss zurück.

„Ihr könnt eure Streitereien später austragen“, lief Rev zwischen ihnen durch, auf den Kreis an Gartenstühlen zu.

„Tu nicht so taff“, schnaubte Iloss.

„Hey, wer hat heute einen Zeichner bestohlen“, gab Rev zurück.

„Du wärst im Knast, hätte ich ihn nicht niedergestreckt“, sagte Iloss.

„Du bist auf ihn draufgesprungen. Mit deinem Gewicht hätte ich das auch geschafft“, sagte Rev und Iloss‘s Kopf rötete sich.

„Vergesst mich nicht. Immerhin hab ich mein gutes Aussehen für die Tasche geopfert“, sagte Nial und hatte die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Freunde.

„Arroganter Schnösel, pff“, sagte Rev.

„Dass wir uns mit sowas überhaupt abgeben“, sagte Iloss und sie ließen Nial stehen.

„Ich wusste, so krieg ich euch wieder zusammen“, schlang Nial die Arme um Rev und Iloss.

„Ihr scheint ja gut gelaunt. Was ist passiert, hat dein Vater mal was verkauft?“, begrüßte sie Hosk, wie gewöhnlich gepaart mit einer Stichelei gegen Rev.

Rev hasste Hosk. Wie es der Zufall wollte, war Hosk nicht nur in Revs Alter, er sah auch besser aus und sein Vater betrieb eine der raren, erfolgreichen Schmieden in einer Stadt, in der die Bewohner so wenig wie möglich aus Metall besitzen wollten. „Nein“, antwortete Rev.

„Wie schade, irgendwann wird es schon was werden“, nutzte Hosk die Vorlage und Rev verfluchte sich innerlich. „Was ist mit dir, Dicker? Hat dein Vater endlich einen guten Wurf bei der Schweinezucht gelandet? Du warst ja eher ein Reinfall.“

„Gar nicht so leicht, wenn deine Mutter ständig all unsere Eber für ihr Vergnügen beansprucht“, entgegnete Iloss.

Hosk sprang auf. „Nimm das zurück, du-“

„Wer Galle speit, muss sie auch schlucken können, Hosk“, unterbrach Isa ihn. Den Jungen den Rücken zugewandt, widmete sie sich ihren Blumenkästen.

„Mag sein“, grummelte Hosk, die Augen voll Bosheit. Doch selbst er wagte es nicht sich gegenüber dem 3 Jahre älteren Mädchen aus der Oberschicht im Ton zu vergreifen.

Mist, dachte Rev. Iloss hätte Hosk verprügelt. Warum musste Isa sich immer in alles einmischen.

„Ob ich mir aus Mamas Garten noch ein paar Nelken borgen kann?“, tippte Isas Finger gegen ihre Unterlippe und sie wandte sich Rev und den anderen zu. „Hallo Jungs“, begrüßte Isa sie mit ihrem zauberhaften Lächeln und raubte ihnen die Sprache in ihrem satinroten Kleid. Von einem enganliegenden Oberteil ging es in einen voluminösen, rüschenbestückten Rock über, der bis zu ihren Knöcheln reichte. Winzige, in die Rüschen eingearbeitete Metallplättchen ließen den Rock im Sonnenlicht funkeln und die Blumen in den Kästen dahinter verblassen. Mit ihrem langen, bronzefarbenen Haar und den graublauen Augen, eiferte Isa ihrer Mutter nach, der schönsten Frau Tallums.

„Aras-“, verfiel Iloss in ein Husten und wandte den Blick ab.

„Hallo Isa, wie ich sehe machen sich deine Rosen prächtig“, verfiel Nial in sein typisches Geschleime, pflegten seine Eltern gute Beziehungen zu Isas. Eine Seltenheit, verkehrten Familien der Oberschicht meist unter sich.

„Nicht wahr“, sagte sie. „Sie werden jeden Tag schöner. Ach, Iloss, könntest du mir demnächst noch ein bisschen Dünger mitbringen?“

„Klar … klar kann ich“, sagte Iloss. „Ich bring dir in den nächsten Tagen einen großen Sack voll.“

Wieso schien es, als profitierte jeder auf dem Dach von Isas Anwesenheit, außer Rev?

„Wo sind denn die anderen alle?“, fragte Rev, bevor ihm Isas sonniges Gemüt zu sehr auf die Nerven ging.

„Kommen bestimmt noch. Utraat und Devos wollten noch einen letzten, idiotischen Versuch starten eine Tasche zu klauen, glaube ich“, sagte Hosk, als stände er über solchen Albernheiten. Dafür war er schlicht zu feige gewesen sich am Wettbewerb zu beteiligen.

Rev freute sich fast so sehr Hosks Blick zu sehen, überreichte man ihnen den Preis für die Tasche, wie über den eigentlichen Preis. Eine echte Kreidezeichnung, gefertigt von einem echten Kreidezeichner.

Isa hatte die Zeichnung von einem Freund ihrer Familie geschenkt bekommen und mitgebracht, um sie allen zu zeigen. Die prachtvolle Diamantenklinge darauf gesehen, aber, war ein Bieterkrieg unter den Kindern des Dachs ausgebrochen. Heilos überfordert hatte Isa sich schließlich bereit erklärt die Zeichnung herzugeben, doch nur unter fairen Bedingungen, und die Idee zum Wettbewerb war entstanden.

„Die Mühe müssen sich Utraat und Devos nicht mehr machen“, sagte Iloss und griff in seine Umhängetasche. „Jetzt komm raus.“

„Du hättest sie in eine größere Tasche stopfen sollen“, sagte Nial.

„Klappe“, riss Iloss an der Tasche des Ordnungswahrers und sie kam lose.

„Was tust du?!“, schrie Nial, als Iloss die Tasche aus den Fingern glitt und davonflog.

„Vorsicht“, fing Gerald sie auf, bevor die Tasche über den Rand des Daches fliegen konnte. „Scheint, als wäre ich gerade richtig gekommen“, sagte ihr 14-jähriger Anführer und Entdecker des Daches.

„Puh, ganz schön knapp“, sagte Iloss.

„Du hättest uns fast unseren Preis gekostet, du gottloser Trottel“, sagte Nial.

„Keine Ausdrücke hier oben“, sagte Gerald und nahm die Tasche in Augenschein. Grau, mit zwei silbernen Schnallen und der goldenen Spirale in Metallfäden auf ihre Vorderseite gestickt, musste es sich um die Tasche eines Ordnungswahrers handeln. „Sieh an, sieht aus, als hätten wir einen Gewinner“, sagte er. „Kann es kaum erwarten die Geschichte dazu zu hören“, schüttelte Gerald den Kopf und warf sie Iloss zu, der sie unbeholfen auffing.

„Ihr habt wirklich einen Ordnungswahrer bestohlen?!“, fragte Isa.

„Arastell, ich wusste immer, dass ihr Idioten seid“, lachte Hosk.

„Typisch Oberschicht und Mittelschicht“, sagte Gerald, der selbst zum ärmsten Teil der Unterschicht zählte. „Ignoriert die beiden, ich bin stolz auf euch drei. Aber prahlt besser nicht zu sehr damit herum.“

„Für was hältst du uns, dämlich?“, entgegnete Iloss und nahm Rev die Worte aus dem Mund.

„Ja, und außerdem gehöre ich auch zur Mittelschicht, falls du es vergessen hast“, sagte Nial.

„Was mich auf dich besonders stolz macht“, klopfte Gerald ihm auf die Schulter und Nials Augen leuchteten auf.

„Wer sagt, dass die Tasche echt ist?“, warf Hosk ein.

„Nur Ordnungswahrer dürfen Taschen mit Arastells Insignie tragen“, sagte Iloss.

„Und die goldene Spirale sieht für mich ziemlich echt aus“, sagte Gerald. „Aber lasst uns einen Vergleich machen. Wer meldet sich freiwillig?“

„Rev“, stieß Iloss Rev an.

„Vergiss es”, sagte Rev.

„Ich machs”, krempelte Nial sein Hosenbein hoch. Eine Spirale, von Arastells eigenen Finger mit flüssigem Gold gemalt und dort erstarrt, strahlte auf Nials Wade.

„Mir wäre Revs Insignie lieber gewesen“, sagte Iloss.

„Halt die Klappe“, sagte Rev. Wie jedes Kind Arastells, trug er die goldene Spirale von Geburt an auf seiner Haut. Müsste Rev auch seine linke Pobacke entblößen, um sie vorzuzeigen.

„Sieht für mich nach einer Übereinstimmung aus“, hob Gerald die Tasche neben Nials goldene Spirale.

„Scheint so“, sagte Hosk.

„Wie habt ihr sie dem Ordnungswahrer abgenommen?“, fragte Isa, ihren Schock überwunden.

„Wir haben uns auf die Lauer gelegt und-“, wollte Iloss erzählen.

„Sollten wir nicht warten, bis alle hier sind“, sagte Rev. „Oder willst du die Geschichte drei Mal erzählen?“

„Warum nicht“, fuhr Iloss fort und kam zu Revs Leid in den Genuss die Geschichte ganze fünf Mal zu erzählen. Zu Letzt vor Utraat und Devos, die erfolglos aber ungeschoren von ihrer Jagd zurückgekehrt waren.

„Da stand ich also, unter mir kauerte Rev zitternd vor dem zwei Meter großen Ordnungswahrer, der zu einem weiteren Hieb mit seiner dornenbestückten Peitsche ausholte. Ich wusste, wenn ich jetzt nicht handeln würde, könnte Rev für den Rest seines Lebens noch entstellter sein, als er es schon ist. Also schrie ich: `Hey, wie wärs, wenn du dich mit einem von deiner Größe anlegst`, und hechtete auf den Ordnungswahrer. Der Kerl wusste gar nicht wie ihm geschah, da hatte ich ihn längst ausgeknockt und packte Rev, um mit ihm und der Tasche zu fliehen“, erzählte Iloss, während Rev bei seinen Übertreibungen nur mit den Augen rollen konnte.

„Hammermäßig“, sagte Devos.

„Hah, der Ordnungswahrer den wir uns rausgepickt hatten war auch ein Riese“, kratzte Utraat sich am Kinn. „Aber der gottlose Bastard ist nicht aufgetaucht.“

„Woran das wohl lag?“, verkniff Rev sich ein Schmunzeln.

„Ist doch egal“, trat Nial ihm auf den Fuß.

„Ja, wenn juckts“, sagte Devos. „Erzähl die Geschichte nochmal, Iloss.“

Bitte nicht, dachte Rev. „Die Sonne steht schon ziemlich tief“, sagte er. „Wir sollten uns langsam auf den Weg nach Hause machen.“

„Klingt, als wäre die Zeit gekommen“, stellte sich Gerald auf einen Stuhl und half Isa auf den Stuhl neben sich. Umringt von einem Dutzend Kinder, hob Gerald die Mappe mit der Kreidezeichnung hoch über seinen Kopf. „Zeit, den Preis zu überreichen.“ Die Kinder jubelten und klatschten. „Iloss, Rev, Nial, tretet vor“, wank Gerald sie heran.

„Ist das nicht ein bisschen viel?“, betrat Rev den Kreis und stellte sich auf einen der drei wackeligen Stühle, die Gerald vor sich platziert hatte.

„Ein bisschen vielleicht“, sagte Nial.

„Spinnt ihr“, sagte Iloss. „Das haben wir uns verdient.“

„Heute sollt ihr geehrt werden“, sagte Gerald. „Gemeinsam habt ihr euch einer schweren Aufgabe gestellt und Mut, Geschick und Einfallsreichtum in ihrer Lösung bewiesen“, trieb Gerald Rev und Nial die Schamesröte ins Gesicht, während Iloss vor Stolz zu platzen drohte. „Hiermit überreiche ich euch euren Preis.“

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Isa mit ihrem schönsten Lächeln.

Rev nahm die Mappe entgegen, und versteckte seinen feuerroten Kopf dahinter. Um sie herum applaudierten die Kinder des verfluchten Hauses, feierten ihre Helden bis die Uhrentürme der Stadt die siebte Stunde des Abends verkündeten und Rev an das Abendessen erinnerten.

Kurze Zeit später eilten Nial, Iloss und Rev durch die Straßen Tallums.

„Meine Mutter dreht durch, wenn ich wieder zu spät komme“, sagte Rev.

„Wer von uns nimmt die Zeichnung mit nach Hause?“, fragte Iloss.

„Nial“, sagte Rev.

„Warum ich?“

„Ja, warum er?“

„Weil meine Geschwister ständig in meinen Sachen rumwühlen und wenn meine Eltern die Zeichnung sehen, werden sie denken, ich hätte sie gestohlen“, antwortete Rev. Womit seine Eltern gar nicht so falsch lägen.

„Dann nimm du sie halt“, nahm Iloss Rev die Mappe aus der Hand und reichte sie Nial. „Bei mir landet sie sowieso irgendwann in den Griffeln meiner Brüder.“

Rev verkniff sich ein Schmunzeln, hatte er geahnt Iloss so überzeugen zu können. Denn wenn Nial ihnen eines voraushatte, war es ein Zimmer ganz für sich allein.

„Bei Arastell, ich passe gut darauf auf“, sagte Nial.

„Die Ketzer sollen dich holen, wenn nicht“, sagte Iloss. „Besser, wir begleiten dich nach Hause.“

„Was, das ist locker ein Umweg von 10 Minuten“, sagte Rev

„Du kommst sowieso zu spät zum Essen, was machen da 10 Minuten aus“, sagte Iloss.

„Wenn ich Pech habe, mein Abendessen“, antwortete Rev. Zu spät kommen hieß in Revs Familie, seine Portion ginge an seine Geschwister.

„Ich gebe dir was von mir zu Hause mit“, sagte Nial.

„Einverstanden“, schoss es aus Rev heraus. Die Chance auf gleich zwei Mahlzeiten vor Augen, hetzte er seine Freunde durch die Straßen.

Vor Nials Haus, einem zweistöckigen Gebäude, direkt gegenüber ihrer Färberei, wollte Iloss unbedingt noch einen Blick auf die Zeichnung werfen. „Zeig schon her“, sagte er, als Nial längst im Begriff war die Mappe zu öffnen. Behutsam nahm er die Zeichnung heraus und das Diamantenschwert schimmerte, so kräftig waren die Farben. Der bloße Anblick genügte, um in Rev den Wunsch zu wecken Zeichnen zu lernen.

„Wäre es nicht der Hammer, wenn es einer von uns beschwören könnte“, sagte Nial.

„Abwarten, in ein paar Wochen ist der Test, vielleicht bin ich ja ein Kreidezeichner“, sagte Iloss.

„Du, ein Zeichner, niemals“, sagte Nial.

„Jeder kann ein Zeichner sein, deshalb gibt es den Test ja“, sagte Rev, auch wenn er selbst nicht daran glaubte. Die Wahrscheinlichkeit war verschwindend gering, fanden sich in deinen Vorfahren keine Zeichner. Und lediglich Nial hatte einen Ururgroßvater der einst Bleizeichner gewesen war.

„Ihr beiden glaubt nicht wirklich, dass einer von uns ein Zeichner ist“, sagte Nial.

„Lasst uns einfach sehen, was der Test bringt“, unterband Rev eine aufkommende Diskussion. „Ich muss jetzt echt los.“

Fast vierzig Minuten nach Sieben kündigten die quietschenden Scharniere der Tür Revs Eintreffen in ihrem einstöckigen Metallwürfel an, den sie zu Hause nannten.

„Revikas Zaran, kannst du die Uhr nicht lesen?“, erwartete ihn seine Mutter. Sie war eine schlanke Frau in ihren Dreißigern, mit seidenem, schwarzem Haar und einem durchdringenden Blick, der einen Ordnungswahrer nervös machen könnte.

„Entschuldige, Mama, hab die Zeit vergessen“, sagte Rev mit gesenktem Haub und hoffte, seine unter den Arm geklemmte Weste würde den wachsamen Augen seiner Mutter entgehen. Revs Mutter hasste es, wenn ihre Kinder, wie sie es nannte, um Almosen bettelten. Sollte sie das versteckte Essen darin finden, würde sie es ihm wegnehmen und noch am selben Abend zu Nial nach Hause gehen, um es zurückzugeben.

„Tja, dein Pech, deine Portion ist gegessen und jetzt geh auf dein Zimmer“, sagte sie und Rev folgte. Er nahm es ihr nicht übel. Mit fünf Kindern und dem mickrigen Gehalt ihres Ehemanns vermisste Serika Zaran den Luxus sich von Rev und seinen Geschwistern auf der Nase herumtanzen zu lassen.

Rev hielt vor ihrem Wohnzimmer. Sein Vater saß in seinem Sessel vor dem kleinen Ofen, eine halbvolle Flasche Bier neben sich abgestellt. Der Sessel aus echtem Leder, war, trotz sichtlicher Gebrauchsspuren, das Wertvollste was ihre Familie besaß und außer Revs Vater durfte niemand ihm auch nur zu nahekommen. „Gute Nacht, Vater“, sagte Rev und der bärtige Kopf seines Vaters neigte sich.

Glasige Augen starrten ihn hinter dunklen, fettigen Haarsträhnen an und sein Vater hob seinen von Brandnarben übersäten Arm. Er war nie ein talentierter Schmied gewesen. „Nacht, Tresko“, sagte er, griff nach seinem Bier und wandte sich wieder dem Ofen zu.

Rev, ich bin Rev, nicht Tresko, ballte Rev die Hände zu Fäusten und ging auf sein Zimmer, wo seine Geschwister auf ihn warteten. Zwei Stockbetten und ein normales Bett nahmen den gesamten Raum ein und so hatten er und seine Geschwister ihre Sachen in Säcken an ihren Bettpfosten verstaut. Rev ließ die Tür entgegen seiner Stimmung behutsam ins Schloss springen und schwang sich auf das untere, linke Stockbett. Ein Schmerz durchfuhr seinen Rücken. Die Striemen von der Peitsche des Ordnungswahrers meldeten sich und schürten seine Wut. „Es kann doch nicht so schwer sein sich unsere Namen zu merken“, sagte er und kickte seine Schuhe von den Füßen.

„Hat er dich wieder mit mir verwechselt?“, lehnte Tresko über die Matratze des oberen Betts und der Kopf von Revs zwei Jahre älterem Bruder tauchte verkehrtherum über ihm auf.

Rev zog die Socken aus. „Als ob wir beide uns so ähnlichsehen.“ Treskos Gesicht war runder, seine Haare länger, seine Nase kleiner und seine Augen grün und nicht hellbraun wie Revs. Jeder gottlose Idiot konnte sie auseinanderhalten, nur nicht ihr Vater. Das Schlimmste daran, er nannte Tresko nie Rev, nur umgekehrt, als würde er ab und an vergessen, dass Rev überhaupt existierte.

„Arastell sei es gedankt, mit deiner Visage hätte ich mich längst Gesicht voraus vom nächsten Dach geschmissen“, sagte Tresko und eine von Revs dreckigen Socken traf ihn ins Gesicht. „Pah, na warte“, spuckte Tresko einen Fusel aus und sein Kopf verschwand. Bewaffnet mit einem Sack voller Schmutzwäsche, landete er auf dem metallenen Boden vor Revs Matratze.

„Das wagst du nicht“, sagte Rev, die zweite Socke wurfbereit.

„Nein, tut er nicht“, tauchte ihre große Schwester hinter Tresko auf und schnappte sich den Sack.

„Was soll das, Raya, er hat angefangen“, sagte Tresko zu seiner zwei Jahre älteren Schwester.

Raya rümpfte ihre spitze Nase, als ihre dunkelbraunen Augen zwischen Rev und Tresko hin und her schweiften. „Du weißt, das ist nicht wahr“, blieben ihre Augen auf Tresko haften. „Du hast ihn zuerst beleidigt.“

„Aber-“, sagte Tresko.

„Kein aber“, unterbrach sie ihn mit mütterlicher Strenge und Rev hoffte davongekommen zu sein, da fiel ihr Blick auf ihn. „Und du, Rev, lerne mit Worten zu kämpfen, Idiot.“

„Entschuldige“, sagte Rev und kurz darauf tat Tresko es ihm gleich.

„Keine Wäscheschlacht?“, fragten die sechsjährigen Zwillinge, Jira und Jiro, die sich auf der oberen Matratze ihres Stockbettes mit zwei vollen Säcken Schmutzwäsche bewaffnet hatten.

„Was denkt ihr?“, fragte Raya.

„Keine Wäscheschlacht“, schluckte Jira und ihr Zwillingsbruder legte langsam eine Unterhose zurück in den Sack.

„Richtig“, lächelte Raya und suchte Rev. „Hattest du schon was zu essen?“, flüsterte sie, um von ihren Eltern nicht überhört zu werden.

„Nein, aber Nial hat mir was mitgegeben“, sagte Rev und präsentierte seinen Geschwistern die drei großen, eingedrückten Speckknödel, die er in seiner Weste ins Haus geschmuggelt hatte.

„Die sehen aber gut“, sabberte Tresko.

„Messer bitte“, bat Rev und sogleich blitzte eines in Treskos Hand auf. „Danke“, sagte Rev und teilte einen der Knödel in vier gleich große Teile. „Zufrieden?“

„Kann man so sagen“, verschlang Tresko sein Stück in einem Happs. Raya reichte den Zwillingen ihren jeweiligen Anteil, bevor sie ihren Bissen für Bissen verspeiste. Rev musste lachen, als die Zwillinge sich auf ihre Knödelstücke stürzten und begnügte sich gerne mit den zwei verbliebenen Knödeln.

3

„Halt still“, sagte Revs Mutter und kämpfte in Mitten der anderen Eltern und ihrer Kinder mit seinen Haaren.

Endlich war es so weit, der bedeutendste Tag im Leben eines Kindes, der Test der Zeichner. Alle hatten sie sich eingefunden, jedes Kind aus Revs Jahrgang, und warteten gespannt im Saal der Flora, dem immensen, kuppelförmigen Ballsaal der Tallum Akademie für Zeichenkünste. Noch nie hatte Rev einen derart prunkvollen Raum gesehen und er bestaunte den gewaltigen, gläsernen Kronleuchter über sich. Geformt wie eine blühende Blüte, neigten sich die spitzzulaufenden Kronblätter zu allen Seiten und filterten das Licht der fühlerförmigen Lampen darüber. Ein magisches Licht, welches alle Anwesenden im Saal in seinen goldenen Schimmer tauchte.

Rev wollte den Kronleuchter noch stundenlang betrachten, doch sein Nacken verkrampfte und der Saal der Flora bot so viel mehr Sehenswertes. Links wie rechts von Rev sprossen drei weiße Säulen empor, ehe sie in ein vielverzweigtes Geäst übergingen, an dessen Zweigen goldene Blätter sprossen. Sechs metallene Bäume, einzigartig in Form und Schönheit, geschaffen um ein Dach zu tragen oder den Anschein zu erwecken.

Vorbei an Rev schritten Eltern und Kinder in ihren schönsten Gewändern über einen Boden, verziert mit Blumenmustern in allerlei Farben. Als spazierte man über ein Blumenfeld, ohne zu bangen, eine von ihnen zu zertreten.

„Wir hätten doch mit dir zum Friseur gehen sollen. Die widerspenstigen Haare deines Vaters sind wieder mal nicht zu bändigen“, gab seine Mutter ihre Bemühungen auf.

Rev nickte, kümmerten ihn seine Haare wenig. Gekleidet in den dunkelblauen Anzug und das weiße Hemd, das auch Tresko an seinem Test getragen hatte, fühlte er sich längst wie eine Witzfigur. An allen Ecken und Enden zu weit oder zu lang, musste er schon beim kleinsten Schritt penibel darauf achten nicht über seine eigenen Hosenbeine zu stolpern. So oft er auch versucht hatte sie hochzukrempeln, sie waren immer wieder runtergerutscht.

Rev huschte ein Lächeln übers Gesicht, als Iloss ähnlich unbeholfen daher watschelte, begleitet von seinem Bären an Vater. Iloss‘s schwarzes Sakko spannte um seinen fülligen Körper und er trug es sicher nicht der Lässigkeit wegen offen. Ein Komfort, den sein purpurnes Hemd und seine kneifende Hose nicht erlaubten und so befürchtete Rev jeden Moment von einem der Knöpfe daran getroffen zu werden.

„Schick siehst du aus“, grinste Iloss und griff sich in den Schritt.

„Ebenso“, sagte Rev.

„Du im Anzug, Arno, wie lange ist es her“, begrüßte Revs Mutter Iloss’s Vater mit einem Lächeln.

„Nicht lange genug, fragst du mich, Serika“, gab Arno zurück.

„Wirklich? Ich habe so lange kein Kleid mehr getragen, dass ich ganz vergessen hatte wie es ist die Vorzüge einer Frau zu genießen“, lachte Revs Mutter, die in ihrem silbernen und mit einer Vielzahl farbiger Steine besetzten Kleid eine solch gute Figur machte, dass Rev sich fragte, wie sie an einen Mann wie seinen Vater hatte geraten können.

„Wäre meine Frau nur vom selben Schlag wie du, ich hätte mir diesen Anlass erspart“, sagte Iloss’s Vater.

„Ich kenne kein Paar außer dem euren, dass um die Gunst streitet von prunkvollen Anlässen wie dem Test der Zeichner fern zu bleiben“, sagte Revs Mutter.

„Sieh dich doch um“, sagte Iloss’s Vater. „Meine Schweine haben mehr Platz in ihrem Stall, als wir hier.“

„Ein Glück dann, gestattet Arastell nur einem Elternteil sein Kind zum Test zu begleiten“, sagte Revs Mutter.

„Besser wäre es, sie-“

„Oh, ich will es gar nicht hören, Arno“, unterbrach sie ihn. „Du klingst mir heute schon zu sehr wie mein Mann.“

„Ich schätze du bist froh, dass dich deine Mutter begleitet hat“, flüsterte Iloss.

„Mein Vater hatte sowieso keine Lust“, gab Rev zurück. Und, ja, er war froh.

Selbst Iloss wusste in diesem Fall nicht weiter nachzuhaken. „Was glaubst du wann die Vorstellung los geht?“, fragte Iloss.

„Keine Ahnung, aber ich kanns kaum erwarten alle vier Zeichenkünste zu sehen“, sagte Rev.

„„Was für ein Zeichner wärst du am liebsten?“, fragte Iloss.

„Ich weiß nicht, hmm-“

„Da seid ihr. Ich dachte wir treffen uns am Eingang“, tauchte Nial auf, begleitet von seiner Mutter, die in einem atemberaubenden, dunkelgrünen Abendkleid mit bezauberndem Dekolleté aufwartete. Darin eingearbeitete, goldene Metallplättchen schufen die Schuppen einer Schlange, die sich von den Füßen bis hinauf zum Dekolleté um Beine und Hüfte schlang. Das Kunstwerk fand seinen Höhepunkt in einem seitlich dargestellten Schlangenkopf, bestückt mit einem saphirblauen Auge, der nach ihrem, zu einem Zopf geflochtenen, dunkelblonden Haar schnappte.

Nicht einmal die Abneigung der Bürger Tallums gegenüber Metall, konnte sie davon abhalten edle Gewänder mit metallenen Plättchen zu verzieren, wie es im ganzen Land üblich war.

„Ich weiß nicht was ich sagen soll, Oren“, kämpfte Iloss’s Vater vergeblich darum nicht auf ihr Dekolleté zu starren.

„Ist das …“, rang Revs Mutter nach Luft.

„Es war ein Geschenk“, sagte Oren verlegen. Nials Mutter war stets eine schöne Frau gewesen, doch hatte sie nie gerne die Blicke anderer auf sich gezogen. Nicht so ihr Sohn, der sich in seinem weinroten Frack mit goldglitzernden Säumen an den Ärmeln, dem weißen Hemd und der schwarzgoldgestreiften Fliege, sichtlich wohlfühlte.

„Von Isas Eltern?“, fragte Rev, der nachfühlen konnte, wie sich seine Mutter neben Oren fühlen musste.

„Ja, sie haben mir sogar extra einen ihrer Assistenten für die Haare und die Schminke vorbeigeschickt“, kicherte Oren.

„Du hast so ein Glück“, seufzte Revs Mutter.

„Wenn du meinst, dann schicke ich sie mit ihrem nächsten Geschenk zu dir“, sagte Oren und die beiden verfielen in ein Gespräch über Kleider und alles andere was so mit Mode zu tun hatte und Rev nicht kümmerte.

Wenig später entschuldigte sich auch Iloss`s Vater und verschwand, um sich mit ein paar anderen Herren in dem von Frauen dominierten Ballsaal zu unterhalten.

„Letzte Chance die Wette zurückzunehmen“, sagte Nial zu Iloss.

„Welche Wette?“, fragte Rev.

„Iloss hat mit mir um seinen Anteil an unserer Zeichnung gewettet, dass einer von uns heute zum Zeichner wird“, antwortete Nial.

„Und ich habe nicht vor jetzt noch einen Rückzieher zu machen“, sagte Iloss.

„Das ist dämlich, Nial kann nur gewinnen“, sagte Rev.

„Tu tust so, als ob es unmöglich wäre, dass einer von uns ein Zeichner wird“, sagte Iloss.

„So hab ich das nicht gemeint“, sagte Rev. „Denk doch mal nach. Wenn du gewinnst, verliert Nial seinen Anteil an der Zeichnungm, aber einer von uns ist dann ein Zeichner und Nial kann jeder Zeit eine neue Zeichnung bekommen.“

„Hey, stimmt, ich kann wirklich nicht verlieren“, sagte Nial.

„Doch, wenn ich von uns der Zeichner werde“, sagte Iloss.

Nial wollte gerade etwas erwidern, da tauchte Hosk in ihrer Mitte auf. „Netter Anzug, Nial, kann man von deinen Freunden leider nicht behaupten“, sagte er.

„Hast du niemand anderen, dem du auf die Nerven gehen kannst?“, fragte Iloss.

„Natürlich. Bin gerade dabei meine Liste abzuhacken und jetzt seid ihr dran. Allerdings ist euer erbärmlicher Anblick so schwer zu ertragen, dass ich es auch schon dabei belassen will“, schlenderte er davon.

„Gottloser Arsch, was stimmt mit dem nicht?“, fragte Rev.

„Mein Vater sagt, dass Kinder wie Hosk nur Arschlöcher sind, weil sie damit irgendetwas kompensieren müssen“, antwortete Iloss.

„Okay … und was heißt kompensieren?“, fragte Rev.

„Äh … keine Ahnung“, sagte Iloss.

„Ist doch egal, guckt, ich glaube die Vorstellung beginnt“, sagte Nial und zeigte auf den hinteren Teil des Ballsaals, abgesperrt durch einen zwei Meter hohen Vorhang.

Ohne Ankündigung schwirrten dort plötzlich graue Partikel durch die Luft, zogen Bögen über dem Vorhang und vier Zeichner erhoben sich auf beschworenen, runden Metallplattformen. Alle trugen sie festliche Gewänder in den silbergrauen Farben der Bleizeichner und blickten strammstehend in das erstaunte Publikum. Synchron zogen sie eine Schriftrolle hervor, rollten sie vor sich auf und stampften dreimal auf ihre Plattform. Ein dumpfer Ton erklang.

Sich der Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher, verfielen die Zeichner in einen Tanz, begleitet vom Rhythmus der dumpfen Klänge ihrer Plattformen. Die Schriftrollen wirbelten um ihre Körper, verfolgt von grauen Partikeln. Bald schon warfen die Zeichner ihre Schriftrollen zur Seite. Umgeben von Partikeln sprangen sie von ihren Plattformen, hinter den Vorhang und aus Revs Sichtfeld.

Sogleich erschienen sie wieder auf einem geschaffenen Laufsteg, der in einer großen, runden Bühne mündete. Eine Hand auf dem Laufsteg, knieten sie mit wenigen Metern Abstand hintereinander. Der Hinterste stand zuerst auf und lief nach vorne zur runden Bühne. Im Moment als er die Kollegin vor sich passierte, nahm er sie an der Hand und sie schritten gemeinsam voran. So geschah es auch beim Dritten und sie gesellten sich zum letzten der Tänzer auf der runden Bühne. Mit einem Lächeln auf den Lippen stellten sie sich in einer Reihe auf und verbeugten sich, da hechtete ein Kreidezeichner in seinem perlweißen Gewand über sie hinweg, dicht gefolgt von weißen Partikeln.

Mit einem Knall schlugen seine Handflächen auf der Bühne auf und ein blauschimmerndes Kristallgebilde schoss aus dem Boden und raubte die Sicht auf die Zeichner dahinter. Breit grinsend, streckte der Kreidezeichner seinen Kopf hinter dem Kristall hervor und ließ seinen Körper folgen. Pfeifend schlenderte er mit seinen Händen hinter dem Rücken zur Mitte des Kristalls und stellte sich dem Gebilde breitbeinig gegenüber. Mit seiner Rechten holte er aus und schlug gegen den Kristall. Die Zuschauer erschraken als er gleichdarauf herumhüpfte und seine Hand schüttelte. Doch da war es auch schon wieder, sein breites Grinsen und er hob den Zeigefinger.

Er zog eine Schriftrolle hervor und beschwor einen Hammer und einen Meißel. Behutsam setzte er den Meißel am Kristallgebilde an und klopfte sanft mit dem Hammer dagegen. Nichts geschah und er holte weit aus. Der Meißel sank in den Kristall und rasant breiteten sich Risse aus. Der Kreidezeichner schreckte zurück, rutschte aus und purzelte von der Bühne. Sein Kristallgebilde, eingesponnen in ein Netz aus Rissen, verpuffte in einem Regen aus glitzerndem Kristallstaub.

Die Tänzer hinter dem Kristall verschwunden, hatte eine blonde Schönheit in schwarz ihren Platz eingenommen, flankiert von einem Mann und einer Frau. Mit einer Eleganz, wie sie Rev nie zuvor gesehen hatte, schritt die Schönheit auf ihre Begleiterin zu, die ihr eine offene Schriftrolle präsentierte. Ihre porzellanfarbene Hand streichelte über die Schriftrolle und ein Stock festigte sich darin. Ein engelsgleicher Laut entwich ihr, als sie kichernd Drehungen aneinanderreihte, in Richtung des Mannes unterwegs. Wieder fanden ihre Finger eine Schriftrolle und schwarze Partikel schufen eine Violine in ihrer Hand. Mit einem bezaubernden Lächeln legte sie das Instrument an und ihr Bogen strich über die Saiten.

Eine liebliche Melodie flutete den Ballsaal und ihre Begleiter traten vor. Wie es sich gebot, ging der Mann auf die Frau zu, verbeugte sich und bat um ihre Hand zum Tanz. Diese jedoch zierte sich. Der Mann blieb geduldig, ließ seine Hand ausgestreckt, doch seine Partnerin schüttelte vehement den Kopf und wich zurück. Frustriert trat der Mann zurück, knöpfte sein schwarzes Gewand auf und warf sein Oberteil davon. Begeisterte Pfiffe ließen nicht lange auf sich warten.

Wenig angetan von den feindefinierten Muskeln des Mannes, betrachtete Rev die Tätowierungen, mit denen sein Oberkörper übersäht war. Ehrfurcht erfüllt verfolgte Rev wie schwarze Partikel sich vom Oberarm des Mannes lösten und erschrak vor dem, was sie schufen, eine Rankenpeitsche. Der Schreck aber wärte nur kurz, holte der Mann nach der Frau aus und umschlang ihre Hüfte. Die wehrte sich, als er sie zu sich heranzog und Riss einen ihrer Ärmel ab, eine Tätowierung darunter. Sie beschwor einen zackigen Holzdolch und die Violinisten intensivierte ihr Spiel.