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Vor langer, langer Zeit lebte ein Mann, mit einem Herz so schwarz wie Asche. Herr der Finsternis wurde er genannt. Er führte ein Heer, so schwarz wie sein Herz: die Feuerreiter. Sie brachten Zorn, Zerstörung, Vernichtung und raubten das Kostbarste der Menschen - ihre Kinder. Zurück blieben Verzweiflung, Angst, Hilflosigkeit. Und nur ein Ausweg: die Flucht in das Land jenseits des Großen Flusses. Da, mitten in dieser Zeit der Furcht, des Hasses und der Gewalt, wagte einer das Undenkbare und stellte sich seinem, vom Herrn der Finsternis bestimmten Los entgegen: Der Feuerreiter
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2013
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M. G. S. Morgan
Der Feuerreiter
Oder: Die Macht der Gewalt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Es war einmal ...
Kapitel 1: Das Buch
Kapitel 2: Das Versprechen
Kapitel 3: Der Junge
Kapitel 4: Der Morgen
Kapitel 5: Die Scheune
Kapitel 6: Der Wald
Kapitel 7: Orla
Kapitel 8: Der Entzug
Kapitel 9: Die Wölfe
Kapitel 10: Die Feuerreiter
Kapitel 11: Der Große Fluss
Kapitel 12: Die Stadt
Kapitel 13: Die Menschen
Und wenn sie nicht gestorben sind ...
Impressum neobooks
… vor langer, langer Zeit ein Land, das heute längst vergessen ist. Dort lebte ein Mann, dessen Herz so dunkel war, wie die pechschwarze Asche, aus der er gemäß einer Legende in einer ebenso pechschwarzen Nacht geboren worden war. Namenlos und gesichtslos zog er in einer langen Kutte gehüllt von Ort zu Ort, und wo er auch hinkam, verbreitete er nichts als Angst und Schrecken. Er war so sehr gefürchtet, dass die Menschen überstürzt Tür und Schloss verriegelten, kaum dass sie glaubten, seinen Schatten in der Ferne zu erkennen. „Herr der Finsternis“ wurde er genannt.
Eines Tages jedoch verschwand dieser schreckliche Mann, zusammen mit einem tattrigen, gebeugten Greis, in einem dichten, von unheimlichen Sagen umwobenen Wald, und man sah sie nicht wieder – weder den Herrn der Finsternis, noch den Alten. Hatten etwa die riesigen Wölfe, die angeblich dort hausten, beide gerissen oder hatten sie Zuflucht in der mysteriösen Burgruine gefunden, die sich seit Jahrhunderten zwischen dem uralten Gehölz versteckte? Keiner wagte es, nach ihnen zu suchen, und so verstrich die Zeit, bis man endlich glaubte, ihn vergessen zu können, diesen Mann ohne Herz und Erbarmen.
Doch der Herr der Finsternis war den Wölfen entronnen, und die grausame Schwärze, die er in seinem Leib trug, schwelte nur im Verborgenen, braute hinter den zerfallenen Mauern aus Stein im Wald Unheilvolles zusammen – ein Unheil, das nicht lange auf sich warten lassen sollte, kaum dass sich die Menschen wieder sicher fühlten: Eines Tages, in einer mondlosen Nacht, zogen aus dem finsteren, stillen Wald zehn dunkle Reiter auf zehn dunklen Pferden aus. Sie zogen aus, um zu verheeren, zu vernichten und schlimmer zu wüten, als es sich die Menschen je hätten erträumen können. Unter ihren dunklen Kapuzen waren sie gesichtslos, wie ihr Meister. Sie waren wie Schatten, die so schnell und leise über die Menschen herfielen, dass ein Entkommen mehr oder weniger unmöglich war. Man munkelte sogar – ob zu Recht oder Unrecht, das sei dahingestellt –, dass nicht einmal die Hufe ihrer Pferde Laute von sich gaben. Kein Donnern, kein Wiehern, kein Schnauben. Es warnte auch kein Waffenklirren. Nur das grausame, versengende Feuer war zu hören, das wie Pfeile, hell und zischend von diesen Männern ausging, als käme es direkt aus ihren kohlrabenschwarzen Innern. Und das Knistern der Flammen, während sie ihre Opfer verzehrten.
Sie brannten alles nieder: Haus, Hof, Mensch und Tier. Die Wenigen, die überlebten, bezeugten später sogar, dass die Augen der Reiter im Schatten ihrer Kapuzen wie brennende Kohlen geglüht hätten. Feuerreiter– so wurden sie genannt, von dem Tag an, da sie ihre erste verhängnisvolle Spur Asche im Land hinterließen.
Die unheimlichen Reiter beließen es nicht bei dieser einen Tat – nein, es dauerte nicht lange, und sie kehrten wieder zurück, und zwar genauso grausam, genauso Feuer speiend und tödlich wie beim ersten Mal. Und es war dann, dass die Bewohner des Landes begriffen, das dies wohl erst der Anfang war: der Anfang einer gewaltsamen, schonungslosen Bedrängnis.
Man ging daran, sich zu wappnen, sich erbittert gegen die Feuerreiter zur Wehr zu setzen. Ergebnislos. Allein mit ihren schwarzen Armen schossen die Reiter Feuer wie Blitze, brannten jedes Hindernis einfach nieder, legten alles unaufhaltsam in Schutt und Asche, rotteten alles bis auf Stumpf und Stiel aus. Kein Schwert, keine Mauer, kein brennendes Pech hielt sie auf. Waren diese Feuer werfende Bestien gar unsterblich? Waren es tatsächlich Reiter der Verdammnis, wie einige behaupteten? Unmenschliche Kreaturen, die der Herr der Finsternis mit der Hilfe böser Mächte aus seinen schwarzen Fingern gesogen hatte?
Viele waren davon überzeugt. Bis es einem tapferen Bauern eines Tages mit Todesmut gelang, einen der dunklen Reiter mit einer Lanze aus dem Sattel zu heben. Der Reiter lag noch am nächsten Tag inmitten der qualmenden Asche, die er selbst mit seinem unheilvollen Arm der Zerstörung verursacht hatte. Erst als die Sonne wieder hoch am Himmel stand, und die düstere Gestalt sich noch immer nicht rührte, wagten sich die Menschen schließlich vorsichtig an den unheimlichen Leichnam heran.
Es war ein großer, muskulöser Mann, mit einem rußverschmierten, menschlichen Gesicht. An seinem Hals trug er eine Tätowierung: eine kleine, lodernde Flamme. Und trockenes Blut klebte an ihm. Waren diese Ungeheuer also doch nur Menschen aus Fleisch und Blut?
Man fasste den unheimlichen Mann nicht an, aus Angst er könne durch eine einzige Berührung plötzlich wieder zum Leben erwachen und mit seinen kalten, starren, steinernen Augen Feuer und Tod spuken. Stattdessen goss man eiligst Öl über ihn und weihte ihn seiner eigenen Waffe: dem Feuer.
Dennoch – selbst als nur noch ein Häufchen Asche vor ihnen lag, wollte die Furcht nicht von den Menschen weichen. Bald zitterte das ganze Land bis in seine Grundfesten vor den Feuerreitern, und eine Tyrannei begann, die nunmehr nur einen Namen kannte: die Herrschaft des Feuers und der Dunkelheit. Was konnte man auch gegen ein solch grausames, Feuer fauchendes Reiterheer tun, von dem es hieß, dass jeder einzelne Mann seinem Meister, dem Herrn der Finsternis, bedingungslos hörig war? Was hatte diese Menschen nur dazu bewogen, ihr Leben als festentschlossene, gnadenlose Kampfmaschinen der Vernichtung zu weihen? In welchem verbotenen Topf hatte ihr Schöpfer, der Herr der Finsternis, gerührt? Und mit ihm dieser alte Greis? Aus ihrer Burgruine strömten nunmehr menschliche Monster, die eine nahezu unmenschliche Macht besaßen. Hatten diese Reiter überhaupt noch irgendwelche Gefühle, Empfindungen? Oder hatte der Herr der Finsternis jede Regung, jeden Rest Gewissen in ihnen gründlichst ausgelöscht, vom Anbeginn ihrer Schöpfung an?
Was die Menschen aber am meisten belastete, war, dass diese bedrohlichen Reiter nicht nur mit der Glut des Zorns brandschatzten, sondern mit ihnen verschwanden auch Kinder. Gesunde Kinder jeden Alters. Sie verschwanden spurlos mit Pferd und Reiter im Schlund dieser unheilbringenden Burg. Genauso wie die dichten, zurückbleibenden Rauchschwaden sich nach jedem Überfall unweigerlich im rußfarbenen Nachthimmel in Nichts auflösten – genauso verschwanden die jungen Menschenkinder auf Nimmerwiedersehen hinter den massiven, stummen Mauern im Wald.
Noch unheimlicher und besorgniserregender jedoch war, dass mit der Zahl der verschwundenen Kinder auch die Zahl der Feuerreiter, die das Land nunmehr mechanisch und unaufhaltsam verwüsteten, weiter stieg. Ein furchtbarer, unaussprechlicher Verdacht stieg auf. Dennoch sträubten sich die Menschen hartnäckigst dagegen: Mochten die Feuerreiter gewissenlose, grausame Schöpfungen der Dunkelheit sein – es waren ganz gewiss nicht ihre eigenen, unschuldigen Kinder, die ihnen, eins nach dem anderen, auf brutalste Weise verloren gingen! Nein, den armen Kindern war sicherlich ein ganz anderes, grässliches Schicksal in dieser finsteren Burg zuteilgeworden, über das die Menschen nicht einmal mutmaßen wollten. Nein, sie schüttelten sich nur vor Grauen an den ungeheuerlichen Gedanken ohne Gesicht und hofften inbrünstig, dass ein solch unergründliches Schicksal ihren eigenen Söhnen und Töchtern erspart bleiben würde. Weshalb sie letztendlich auch flohen. Vor dem Herrn der Finsternis in seiner kalten, schwarzen Burg und seinen herzlosen, todbringenden, Kind-raubenden Feuerreitern. Es gab für die Menschen keinen anderen Ausweg.
Zuerst flohen nur ein paar. Dann immer mehr, bis eine ganze Völkerwanderung das Land durchzog und es Stück für Stück leerte, einem ausgeräucherten Ameisenbau gleich. Was die Menschen jedoch nicht ahnten, war, dass der Rauch der Verheerung mit ihnen zog – still, leise, brennend und gänzlich unerkannt. Und es ist hier, wo unsere Geschichte eigentlich beginnt, die Geschichte über das Los eines Menschen inmitten von Furcht, Hass und Gewalt:
Der Feuerreiter
Sie lauschten in die Dunkelheit der Nacht hinein. Es war gespenstisch still, nur ein Käuzchen rief irgendwo in den dichten Bäumen hinter ihnen. Der Wald hüllte die Gestalten auf ihren Rössern schützend in seinem rabenschwarzen Nachtgewand ein. Eines der Pferde schabte nervös mit den Hufen, ein anderes schnaubte. Unter den schwarzen Kapuzen der Gestalten zeigte sich keine Regung, kein Laut, nur Schatten. Sie alle starrten wortlos auf die kleine Siedlung, die sich vor ihnen ausbreitete. Es war nur eine Handvoll Häuser, umringt von kleinen Gemüsegärten und ein paar Feldern. Die Häuser waren bewohnt, denn aus ihren lehmverputzten Schornsteinen stieg Rauch in den kühlen Nachthimmel hinauf. Ein Hund bellte, hinter einem der Fenster brannte eine Kerze. Ein alter Mann saß in einem einfachen Lehnstuhl über ein dickes Buch gebeugt. Er blickte nicht auf.
Einer der dunklen Reiter hob die Hand und gab ein einziges, knappes Zeichen. Das genügte. Die zehn Gestalten preschten los, wie eine breite, undurchdringliche Wand, und als sie sich der Siedlung in raschem Tempo näherten, begannen ihre Augen zu glühen – rot und feurig, wie glimmende Kohlen.
Aus der Siedlung drang ein Schrei zu ihnen herüber, dann ging alles sehr schnell: Die Reiter verteilten sich, lösten ihre starre Reihe auf, jagten auf ihren Rössern durch die Höfe, durch die Gärten und sogar in die Häuser hinein. Sie setzten alles in Brand, trampelten alles nieder, und so schnell, wie alles begonnen hatte, war es dann auch wieder vorbei.
Trockenes Gebälk fiel knarrend und knisternd ineinander, die grellen Flammen lechzten hungrig an ihnen empor, während das Geschrei der Menschen schon längst verstummt war. Nur ein jaulender Hund floh noch panikerfüllt über die Felder hinweg und war bald darauf hinter den dunklen Umrissen der naheliegenden Hügel verschwunden.
Die Pferde wieherten, von Feuer umgeben, während die düsteren Gestalten ihr zerstörerisches Werk betrachteten. Das Glühen in ihren Augen war erloschen. Einer von ihnen fluchte: „Verdammt! Nur alte Leute! Was wird unser Meister dazu sagen?“
In der Zwischenzeit war jedoch etwas weiter entfernt ein Reiter inmitten der züngelnden Flammen von seinem Pferd abgestiegen. Etwas schien seine Aufmerksamkeit erregt zu haben – etwas, das zwischen den schwelenden Trümmern eines der Häuser lag. Er beugte sich langsam nieder und fasste dieses Etwas an, zögernd, so als ob er befürchtete, es könne sich jeden Moment in Luft auflösen. Dabei zuckte er überrascht und hob schließlich etwas Zerfleddertes, leicht Angesengtes ehrfurchtsvoll auf.
„Los, wir reiten zurück!“ Das barsche Kommando eines anderen Reiters. Die Reiter wendeten ihre unruhigen Pferde.
Rasch und von den anderen unbemerkt, steckte der abseitsstehende Reiter das, was immer er auch in Händen hielt, kurzerhand unter seinen dunklen Umhang und saß wieder auf, so als wäre nichts geschehen.
Binnen kürzester Zeit erinnerten nur noch die restlos vernichtete Siedlung und der beißende Qualm an den schonungslosen, ungebetenen nächtlichen Besuch. Ja, die Feuerreiter hatten wieder einmal zugeschlagen.
***
Das pechschwarze Tor der alten Burg nahm die zurückkehrenden Reiter wie ein weitgeöffneter, hungriger Rachen in Empfang, während die Pferde donnernd über die morsche, moosbewachsene Zugbrücke galoppierten. Knarrend schloss sie sich hinter ihnen mit einem dumpfen Knall, während über den Wipfeln der Bäume im Osten ein dünner, hellroter Streifen Licht den ersten Strahl der aufgehenden Sonne ankündigte.
Nachdem sie ihre Pferde versorgt hatten, marschierten die Reiter wortlos in das Gebäude, das früher wohl ein stattlicher Palas gewesen sein musste, das aber jetzt nur noch ein Schatten seiner selbst war: In den bröselnden, dicken Mauern nisteten überall Kolkraben, und die Fenster waren nur noch unförmige, gähnende Löcher, durch die der Wind heulend hindurch pfiff. Bald darauf gellte auch ein wuterfülltes Brüllen durch die hohlen Fenster, sodass einige der Kolkraben vor Schreck aufstoben, während die Eingeweide der Burg unter dem dröhnenden Hall erzitterten. Dieses Beben drang selbst bis in die finsteren, tiefen Kellergewölbe hinab, durch die nun zielstrebig und leise ein einzelner Schatten huschte – der Schatten eines Mannes, der unter seiner weiten, wallenden Kutte etwas versteckte. Er schritt zielsicher die zahlreichen, wirren Gänge hinunter, immer weiter, bis er schließlich vor einer rostigen, eisenbeschlagenen Türe zum Stehen kam. Durch die Ritzen in der Tür drang seltsamer, blauer Dunst, der in hauchdünnen, schimmernden Bindfäden emporstieg, und dahinter hörte man eine schrille, zeternde Stimme. Sie klang hörbar verärgert.
Der Feuerreiter klopfte an, entschlossen.
„Wer stört mich jetzt schon wieder?“ Nach einem kurzen Fluchen, ein helles, blechernes Scheppern und schlurfenden Schritten, wurde die Türe wütend aufgerissen. Dahinter erschien der fast kahle Kopf eines alten, völlig verschrumpelten Greises, der seinen Besucher mit böse funkelnden Augen musterte. „Was willst du?“, fragte er schroff, während aus seinem Unterkiefer ein langer, gelber Zahn bedenklich aus dem sonst zahnlosen Mund heraushing. „Schickt dich der Meister?“ Der Zahn wackelte.
Der Reiter schüttelte nur den Kopf, schob den alten Mann einfach beiseite und trat ungebeten und wortlos in das Gewölbe dahinter. Es war ein geräumiger Raum, an dessen Wänden zahlreiche Fackeln loderten. Längliche Tische standen kreuz und quer verteilt und auf ihnen bizarr anmutende irdene und gläserne Gefäße in seltsamen Gestellen. In ihnen brodelte und blubberte es in allen erdenklichen Farben. An der hintersten Wand zog sich ein langes, hohes Regal entlang, auf deren Ablagen sich die unterschiedlichsten Bücher Rücken an Rücken reihten. Zwischen den Buchreihen lagen der eine oder andere Knochen, mehrere, vollständige Skelette kleiner Tiere und ein menschlicher Schädel.
„Du willst mich sprechen?“ Der Alte sah seinen Gast etwas unwirsch an. „Du hast dir dafür eine erdenklich schlechte Zeit ausgesucht! Der Meister hat mir gerade wieder Arbeit in Auftrag gegeben.“
„Arbeit? Wofür? Die Ausbeute heute Nacht war wieder einmal gänzlich erfolglos.“ Die Stimme des Reiters klang ruhig. Und dunkel.
„Sag’ bloß! Wieder keine Kinder? Das wird den Meister aber gar nicht freuen ...“ Der Alte schüttelte erregt den Kopf, von dem nur noch ein paar lange, schlohweiße Haare über seine gebeugten Schultern herabhingen. „Dann stimmt es also, dass die Menschen das Land verlassen?“
Der Reiter zuckte nur mit den breiten Schultern und zog stattdessen nun das Objekt hervor, das er unter seinem Umhang schon die ganze Zeit sorgfältig versteckt hatte. Ein Buch. Ein dickes Buch.
„Ein Buch? Wo hast du das her?“ Der Greis sah den Reiter verblüfft an, griff aber sogleich mit seinen knorrigen, vor Gicht gekrümmten Fingern danach wie eine gierige Elster.
Der Reiter zog das Buch vor den spinnengleichen, alten Fingern zurück. „Ich habe es gefunden“, sagte er bestimmt, „es ist meins.“
„Deins?“ Der Alte lachte grell auf. „Seit wann lest ihr Bücher?“ Nun lag sogar unverhohlener Spott in seiner Stimme. „Du und deinesgleichen, ihr könnt doch gar nicht lesen!“
„Deshalb bin ich hier. Du kannst lesen. Lies mir vor.“
Daraufhin brachte der Alte erst einmal kein Wort hervor. Dann lachte er wieder, dieses Mal noch schriller als vorher: „Ich soll dir vorlesen? Bist du nicht ganz sauber? Du weißt doch, dass das Lesen auf dieser Burg strenger verboten ist als das Stehlen und das Morden! Nur mir ist dieses Vorrecht angesichts meiner äußerst wichtigen Arbeit als Gelehrter erlaubt. Und außerdem, was ist das überhaupt für ein Buch? Zeig’ doch mal her!“ Der alte Mann riss dem Reiter nun das Buch äußerst grob aus den Händen. Dieser wehrte sich dieses Mal nicht, sondern stand nur ganz still und beobachtete den Alten, während dieser den angesengten Einband mit gekniffenen Augen studierte und anschließend kurz mit seinen welken Fingern in den dünnen Seiten herumblätterte. „Sieh einer an! Da hast du dir aber ein besonderes Buch eingefangen. Und ausgerechnet dieses Buch! Für meine Arbeit ist es leider nicht zu gebrauchen ...“
„Das muss es auch nicht. Ich möchte nur daraus vorgelesen bekommen.“ In der Stimme des Reiters lag nicht die geringste Wankelmütigkeit.
„Aus diesem Buch? Wirklich aus diesem?“ Der Greis schien den Reiter mit seinen Worten geradewegs für verrückt zu halten und rollte mit den Augen gen Himmel.
„Ja.“
„Und warum unbedingt dieses Buch? Ich habe hier Bücher über die höchsten Wissenschaften der Welt: Mathematik, Chemie, Alchemie, Astronomie ... Warum nicht so eines?“
„Es ist nicht verbrannt.“
„Was heißt: Es ist nicht verbrannt?“
„Es ist nicht verbrannt. Unser Feuer hat es nicht verbrannt.“
Der Alte schwieg. „Wirklich? Das ist in der Tat seltsam ...“, murmelte er in seinen lichten Bart hinein, „wir haben euch eigentlich so geschaffen, dass euer Feuer alles verbrennt. Und dabei meine ich wirklichalles. Tja, und dieses Buch ist wirklich nicht verbrannt?“ Er sah sein Gegenüber kritisch an, so als ob er eigentlich nicht gerade an Wunder glaubte.
„Hältst du es nicht gerade in Händen?“
„Selbstverständlich!“ Der Alte schüttelte den Kopf und biss sich auf die Zunge wegen so viel Unvermögen seinerseits. Ach, er wurde doch alt! Aber wundern tat es ihn seltsamerweise schon. War gar etwas in seiner sorgfältig entwickelten Feuerformel schiefgelaufen? Hatte es irgendwo an der ausschlaggebenden Munitionsgrundlage, der Aggressionsbereitschaft, gefehlt? Dann wiederum war es aber auch gut möglich, dass es letztendlich doch nur der Zufall gewesen war, der hier seine Finger im Spiel gehabt hatte ...
„Es ist ein besonderes Buch, und ich möchte daraus vorgelesen bekommen.“ Wieder der Reiter, schlicht und monoton.
„Nein, ich kann nicht, und das weißt du ganz genau!“ Der Alte legte das Buch resolut neben sich auf einen der Tische. „Nimm’ es wieder mit und mach’ damit, was du willst! Ich an deiner Stelle würde genau das tun, was nicht passiert ist: Es verbrennen. Wirf es in den nächstbesten Feuerofen, und du wirst sehen, wie unverzögert und jauchzend es in Flammen aufgehen und im Nu zu Asche zerfallen wird! Das hat Papier so an sich, das wirst du schnell kapieren. Es kann nicht anders – auch wenn das Feuer in deinen Händen ihm gegenüber im Moment zu schweigen scheint. Und jetzt stör’ mich nicht länger!“, sagte es und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
„Du wirst mir vorlesen!“ Wieder diese unbeugsame Entschlossenheit in der Stimme und dazu jetzt auch noch ein Knistern, das den Greis unvermittelt und erblassend aufhorchen ließ. Ja, der Alte wusste nur zu gut, was dieses Knistern bedeutete. Vorsichtig und äußerst langsam drehte er sich wieder um. Da war es auch, das schwelende Leuchten in den Augen des Reiters.
„Du drohst mir?“ Der Greis bemühte sich, in der Stimme fest zu bleiben.
„Habt ihr uns nicht so erschaffen?“ Trotz der glühenden Augen klang die Stimme des Reiters unheimlich kalt. Er streckte seine Hand aus und zielte. Zischend fuhr eine Feuerflamme an dem Alten vorbei und leckte gierig die Wand neben ihm mit ihrer schwärzenden, vernichtenden Zunge. Fast schien es, als hätte sie ein Loch ins Mauerwerk gefressen.
„Tu’s nicht! Der Meister wird dich umbringen!“ Der alte Mann fiel nun doch bebend auf die Knie und hielt schützend die Hände vor das Gesicht. Soviel Respekt hatte er vor diesen Reitern – schließlich wusste er nur zu genau, zu was seine eigenen Kreaturen fähig waren.
„Und wenn schon! Es wäre eben einer von uns weniger. Was aber würde er ohne dich tun?“ Wieder ließ der Reiter eine weitere Feuerflamme ausfahren. Dieses Mal schlug sie auf den steinernen Boden in der Mitte des Raumes ein, mit einer Wucht, die sämtliche Regale und Gefäße klirrend zum Erzittern brachten.
„Ihr gefühllose Monster! Ich hab’ ihm gesagt, dass wir euch nicht so kaltherzig machen sollten! Ich hab’ ihn gewarnt! Aber auf mich hört ja keiner!“ Aufgeregt fuchtelte der Alte mit seinen Armen und versuchte den entstandenen, beißenden Rauch von sich zu weisen.
„Liest du mir jetzt vor?“ Der Reiter war gnadenlos, aber bevor er abermals ein Geschoss loslassen konnte, fuhr ihm der Greis eiligst dazwischen: „Ja, ja! Ich lese dir ja vor! Ich verspreche es dir! Hör nur endlich mit dieser elenden Schießerei auf, bevor der ganze Raum hier noch in Flammen aufgeht!“
Zu seiner großen Erleichterung konnte der Alte daraufhin förmlich beobachten, wie das Glühen in den Augen des Reiters wieder langsam aber sicher erlosch.
„Puh! Wer mit dem Feuer spielt ...!“ Der Alte fuhr sich aufseufzend und leise vor sich hingrummelnd durchs spärliche Haar. „Ich glaube, ich muss dem Meister doch noch ein paar Verbesserungen vorschlagen ...“
„Das Buch.“ Der Reiter hielt dem Greis nun das Buch entgegen wie eine Waffe.
„Ja, ja, schon gut!“ Der Alte nahm es ihm geschlagen ab. „Vielleicht ist es auch gar keine so schlechte Idee. Ein Experiment. Es wäre schon interessant zu sehen, ob so ein Buch auf euch herzlose Ungeheuer überhaupt eine Wirkung hat – und vor allem gerade dieses Buch. Immerhin hat es bei dir einen gewissen Eindruck geschunden, obwohl wir uns wirklich Mühe gegeben haben, den Aspekt der Neugierde und Offenheit in euch so gut wie auszurotten. Vielleicht haben wir dabei aber doch etwas übersehen ...“
„Hör’ endlich mit dem Gelaber auf und lies!“
„Nicht so eilig! Nicht so eilig! Immer dieses Alles-sofort-Haben-Wollen! Ich habe erst noch einiges an Arbeit zu erledigen. Du kannst heute Nachmittag noch einmal vorbeikommen. Dann habe ich Zeit – mehr Zeit.“
Der Reiter war zum Glück einverstanden. Mechanisch drehte er sich um und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.
„Du meine Güte!“, seufzte der Alte auf, als der Reiter endlich wieder gegangen war und die Tür knarrend hinter sich geschlossen hatte, „vielleicht hätten wir ihre Denkfähigkeit auch einschränken müssen, denn Denken kann wirklich gefährlich sein!“ Er schlurfte auf seine Arbeitstische zu, auf denen es noch immer kräftig zischte und brodelte. „Dann allerdings ...“, murmelte er und hielt kurz nachdenklich in seinem Gang inne und hob dabei, wie sich selbst belehrend, den Zeigefinger, „dann allerdings wären sie zu gar nichts mehr zu gebrauchen. Jawohl, zu rein gar nichts!“
Vor sich hinzeternd, watschelte er auf eines der blubbernden, dickbäuchigen Gefäße zu. Fast liebevoll strich er über den gewölbten Bauch des Gefäßes und flüsterte: „Ein bisschen hier, ein bisschen da noch deinen Saft verbessern, dann kommen wir der Perfektion immer näher. Ha! Keiner vor mir ist soweit gekommen! Ich werde den Meister ganz gewiss nicht enttäuschen und dieses ganze, elende Reiterheer auch nicht. Arme, verdammte Seelen! Keine Zukunftsperspektive, kein Gewissen, nur Zorn – das sind wirklich die besten Voraussetzungen für uneingeschränkte Arbeitswilligkeit im Sinne des Meisters. Und ich denke auch ein Buch wird leider nichts an dieser unverrückbaren Tatsache ändern können. Nein, nicht einmal dieses ...“ Dabei sah er fast mitleidig auf das angekohlte, zerfledderte Buch des Reiters herab, das er immer noch in den Händen hielt, und lächelte.
Der Greis hielt sein Versprechen. Er las dem Reiter vor. Aus dem Buch. Aus Neugierde, als Experiment. Der Reiter kam jeden Nachmittag, setzte sich wortlos hin und forderte den Alten auf zu lesen, hörte kommentarlos zu und ging dann wieder. So ging das jeden Tag, über Wochen, über Monate hinweg. Dabei ging dem Alten so einiges durch den Kopf: wie zum Beispiel, ob der Reiter solche Begriffe, wie Liebe und Frieden, die in dem Buch ziemlich häufig vorkamen, überhaupt verstand. Schließlich hatten er und der Meister ihre Geschöpfe stumpfsinnig gemacht – stumpfsinnig, was jede Art Gefühle außer dem Zorn anging.Hatte der Reiter also überhaupt eine Ahnung, wovon hier die Rede war?
Der Reiter stellte jedenfalls nie Fragen. Dennoch schienen ihn gewisse Passagen besonders zu interessieren, denn er ließ sie den Alten immer und immer wieder vorlesen. Besonders solche in denen Feuer erwähnt wurde: ein seltsamer, brennender Busch, der nicht verbrannte; Feuer vom Himmel, der einen mit Wasser satt getränkten, zerlegten Stier augenblicklich in Brand setzte; drei junge Männer, die die sengende Hitze eines Feuerofens überlebten. All das waren wundersame Eigenschaften des Feuers, die den Reiter – trotz seiner eigenen übermenschlichen, feurigen Macht – ganz offensichtlich in stilles Staunen versetzten. Dann wiederum faszinierten in auch jene Erzählungen, in denen riesige Wassermassen vorkamen. Wie die Geschichte einer großen Sintflut oder diejenige eines geteilten Meeres, in denen das Wasser einem ganzen Heer zum Verhängnis wurde. Wasser – der ärgste Feind des Feuers. Und dann auch einzelne, ganz einfache Texte, wie zum Beispiel: „Du sollst nicht morden“. Jedes Mal, wenn der Alte einen solchen Text las, studierte er den Reiter besonders intensiv. Regte sich auch nur das kleinste Bisschen in den Gesichtszügen seiner Kreatur? Irgendein Funke?
Alles in allem war es ein wirklich ausgezeichneter Test. So wie es den Anschein hatte, tat sich auch – wie erwartet – nichts in dem gefühllosen jungen Mann, der regelmäßig wie ein stummer Steinklotz ihm gegenübersaß. Eigentlich. Dennoch kam der Reiter unfehlbar jeden Nachmittag. Hatte das womöglich etwas zu bedeuten?
Sie lasen wirklich erstaunliche Texte, von denen selbst der Greis nicht gewusst hatte, dass sie in diesem Buch standen. Dabei hätte er es eigentlich besser wissen müssen, denn zu seiner Zeit bedeutete das Buch den Menschen sehr viel. Vor einigen Jahrzehnten hatte fast jedes Haus mindestens ein Exemplar davon besessen. Heute hatte sich diese Bedeutung allerdings verloren – unter den Menschen, wie in seinem eigenen Leben auch. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, wann er dieses Buch das letzte Mal in Händen gehalten hatte. Vielleicht lag das daran – wie er jetzt ebenfalls nüchtern feststellte – dass es darin auch Texte gab, die sehr verwirrend erschienen. So wie jener, in dem vom „Erdenrund“ die Rede war, und ein anderer, in dem es hieß, die Erde sei aufgehängt am „Nichts“. „Blödsinn“, murmelte er vor sich hin, „jedes Kind weiß, dass die Erde eine Scheibe ist, und dass ihre Grenzen die tiefen Abgründe sind! Und sie steht auf Säulen. Ich weiß, manche behaupten, dass sie von Elefanten getragen wird, die auf einer riesigen Schildkröte stehen, aber das tue ich ehrlich gesagt als völligen Humbug ab! Dennoch: Auf festen Säulen thront sie ganz gewiss! So etwas Gewaltiges kann doch nicht am Nichts aufgehängt irgendwo herumschweben!“ Und er musste es schließlich wissen, denn er war ein ernsthafter Wissenschaftler, der sich in dieser Materie bestens auskannte.
Je mehr er allerdings während seiner Studie darum bemüht war, Änderungen beim Reiter festzustellen, desto mehr entgingen ihm die Veränderungen, die sich allmählich auch bei ihm einstellten. Irgendwann ertappte er sich dabei, dass er über Dinge nachsann, die ihn früher völlig kalt gelassen hätten. Irgendwie war er dabei, sanfter zu werden – gefühlsmäßig zumindest. Woran konnte das nur liegen? Vielleicht daran, dass er in letzter Zeit so viel über Gottes Geduld und Nachsicht mit den nichtigen Menschen gelesen hatte? Oder über diese wundersame, göttliche Allmacht, die seine eigene Macht als Gelehrter unleugbar in den Schatten stellte? Und wie war das noch mit dieser unvergleichlichen Liebe, die diesen Gott mit all seinen Geschöpfen verband? Wie stand er als Wissenschaftler dazu? Teilte er doch nicht eigentlich auch den abgrundtiefen Hass des Meisters, was Menschen anging? Für den Meister waren die Menschen schließlich nichts anderes als lästiges Ungeziefer, das unheilbar an endlosen Zwistigkeiten, Habgier und Neid erkrankt war. Elendes, unfähiges Ungeziefer, das zur Plage geworden war und das man in seine Schranken weisen sollte.
