Der Film - Kristín Eiríksdóttir - E-Book

Der Film E-Book

Kristín Eiríksdóttir

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Beschreibung

Kristín Eiríksdóttirs Roman ist »ein Ereignis. Aufwühlend, mutig und zutiefst menschlich.« (Kristof Magnusson) Nach Jahren am Abgrund hat Villa sich mühsam ein neues Leben erkämpft. Sie lebt mit ihrem sechsjährigen Sohn in Reykjavík, wo sie aufgewachsen ist, und jobbt als trockene Alkoholikerin in einer Bar. Dort trifft sie Dimmi wieder, einen Jugendfreund aus ähnlich zerrütteten Verhältnissen, der auf einem Walfängerschiff anheuert, »weil es einem kleinen Mann guttut, einen großen Wal zu töten«. Villa beschließt, einen Film über ihn zu drehen, doch bei der Premiere wird sie heftig für ihr empathisches Porträt des vorbestraften Dimmi kritisiert. Moralisch in die Enge getrieben, spürt Villa die Geister ihrer Vergangenheit wieder hochkommen. Der Film ist ein mutiger, offener Roman über die Wahrheit in Geschichten, über Sucht, Scham und die Widersprüche, die unsere Biografien durchziehen.

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das ist das Cover des Buches »Der Film« von Kristín Eiríksdóttir

Über das Buch

Nach Jahren am Abgrund hat Villa sich mühsam ein neues Leben erkämpft. Sie lebt mit ihrem sechsjährigen Sohn in Reykjavík, wo sie aufgewachsen ist, und jobbt als trockene Alkoholikerin in einer Bar. Dort trifft sie Dimmi wieder, einen Jugendfreund aus ähnlich zerrütteten Verhältnissen, der auf einem Walfängerschiff anheuert, »weil es einem kleinen Mann guttut, einen großen Wal zu töten«. Villa beschließt, einen Film über ihn zu drehen, doch bei der Premiere wird sie heftig für ihr empathisches Porträt des vorbestraften Dimmi kritisiert. Moralisch in die Enge getrieben, spürt Villa die Geister ihrer Vergangenheit wieder hochkommen. Der Film ist ein mutiger, offener Roman über die Wahrheit in Geschichten, über Sucht, Scham und die Widersprüche, die unsere Biografien durchziehen.

Kristín Eiríksdóttir

Der Film

Roman

Aus dem Isländischen von Tina Flecken

Hanser Berlin

Übersicht

Cover

Über das Buch

Titel

Über Kristín Eiríksdóttir

Impressum

Inhalt

VILLA

JÓN LOGI

NINJA

VILLA

VILLA

Die Credits laufen über die Leinwand mit den Namen der Sponsoren und Personen, denen Dank gebührt, aber als das Licht angeht, bin ich die Einzige, die auf der Bühne sitzt. Die Zuschauer im Kinosaal haben gerötete Augen und wirken bedrückt, nur die Moderatorin, die schwedisch ist, wie das Filmfestival, scheint ungerührt. Sie trägt eine weiße, bis zum Hals zugeknöpfte Bluse, ein marineblaues Kostüm und neue, weiße Turnschuhe. Sie hat einen durchdringenden Blick und sagt zwischen den Sätzen immer wieder leise äh. Zuerst stellt sie sich selbst vor. Wie die meisten Menschen im Publikum wissen, heißt sie Sara Hults und ist eine der Organisatorinnen des Festivals, das dieses Jahr weibliche Regisseurinnen in den Mittelpunkt stellt. Anschließend lobt sie meinen Film und zählt die Auszeichnungen auf, die ich dafür bekommen habe.

Dann stellt sie mich vor. Ich bin Isländerin, heiße Villa Dúadóttir und habe an der Filmschule in Reykjavík studiert, an der ich heute auch unterrichte. Außerdem bin ich Dozentin für Drehbuchschreiben an der Universität von Island. Dimmi/Dimitri ist mein erster Langspiel-Dokumentarfilm. Wir wechseln einen Blick, und Sara zieht ihre Notizen zurate. Mein Mund ist trocken, ich greife nach dem Wasserglas. Als ich schlucke, hört man das Geräusch über die Lautsprecher.

Sara fragt mich nach meiner Verbindung zum Protagonisten des Films:

dem Walfänger.

Zweitausenddreizehn. In dem Jahr, als ich dreiunddreißig und mein Sohn Haki fünf wurde, machte ich meinen Abschluss an der Filmschule. Neben dem Studium jobbte ich in einer Bar, und Haki war oft bei seiner Oma, doch obwohl ich viel arbeitete, war ich meistens schon lange vor Monatsende pleite. Dann aßen wir abends bei meiner Mutter, und sie überwies mir kleinere Beträge, ohne groß darüber zu reden, denn Mama verlieh Geld nicht, sie verschenkte es. Nach der Filmschule arbeitete ich Vollzeit in der Bar, die zu einem Hotel in der Innenstadt gehörte. Ich hatte keine klare Vorstellung, wie meine Karriere als Filmemacherin beginnen sollte.

Die Bar wurde fast ausschließlich von ausländischen Hotelgästen besucht, aber manchmal verirrten sich auch Einheimische dorthin, meistens Leute, die ihre Ruhe haben wollten. Eines Abends kam ein solches Paar: ein klapperdürrer Typ mit schlechter Haut und flaschenbodendicken Brillengläsern und ein Mädchen, das kaum volljährig und sichtlich nervös war. Nachdem sie an der Bar bestellt hatten, bat ich sie, sich einen Tisch auszusuchen, ich würde ihnen die Getränke gleich bringen. Sie setzten sich neben eine gekachelte Säule hinter einen riesigen Ficus, und der Typ drehte sich so, dass er mich durch die Blätter im Blick behalten konnte. Ich spürte seine Aufmerksamkeit, fühlte mich beobachtet und bemühte mich, nicht in seine Richtung zu schauen. Wenig später ging das Mädchen, und als ich den Tisch abräumte, bestellte er noch ein Bier und einen Wodka-Shot. Dann fragte er mich, ob ich ihn vergessen hätte. Er setzte die Brille ab und blinzelte mich an.

»Ist schon okay«, sagte er, als ich rot anlief.

»Ich kann mir total schlecht Gesichter merken«, entschuldigte ich mich und behauptete, unter einem Syndrom zu leiden, bei dem das Gehirn Gesichter nicht registrieren kann. Darüber hatte ich gelesen, war mir aber nicht sicher, ob es tatsächlich auf mich zutraf. Es war mir schon immer extrem schwergefallen, mir Gesichter zu merken, aber es fiel mir auch schwer, Menschen ins Gesicht zu schauen, und um sich an etwas erinnern zu können, muss man es angeschaut haben.

»Du hast mich immer für Rot anstatt für Blau bezahlen lassen, weißt du nicht mehr?«, fragte er. In diesem Moment trat Dimmi aus dem Nebel. Ein Teenager, der damals im Vogar-Viertel jeden Tag in Gummis Eckladen gekommen war, in dem ich gearbeitet hatte, als ich selbst noch ein Teenager war, nicht viel älter als er. Während mir das klar wurde, zuckte ich zusammen, aber er lachte nur und meinte, er sei froh, dass ich kein Pokerface aufsetzen würde. Er war freundlich und wirkte wie ein Schauspieler in einem Film, in dem ein ganzes Leben erzählt wird und die jungen Schauspieler in der zweiten Hälfte auf Alt geschminkt werden, statt die Rollen mit älteren Schauspielern zu besetzen. Als hätte man ihm die Spuren der Zeit und der Erfahrung ins Gesicht gemalt.

»Rauchst du noch?«, fragte er. Ich verneinte. Ich hatte vor fünf Jahren aufgehört, als ich mit Haki schwanger war, begleitete ihn aber trotzdem nach draußen, während ein Kollege die Bar übernahm. Es war Frühsommer, durch den hellen Abend drangen laute Stimmen, Gelächter und entfernte Musik. Wir setzten uns auf eine Bank, er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und erzählte von sich, ohne mich etwas zu fragen. Den Nebel, aus dem Dimmi getreten war, unsere gemeinsame Vergangenheit, erwähnten wir beide nicht. Der Tabak in seiner Selbstgedrehten war mit Gras vermischt, und ich musste mich zwingen, dem intensiv riechenden Qualm nicht auszuweichen. Früher hatte ich auch selbst gedreht, und obwohl ich froh war, dieses Laster los zu sein, vermisste ich das Ritual. Als er erzählte, er arbeite auf einem Walfangschiff, fiel es mir schwer, meine Abscheu zu verbergen.

»Einmal haben wir einen mit einem Kalb im Bauch erlegt«, sagte er provozierend, »es ist quicklebendig rausgerollt, als wir den Bauch aufgeschlitzt haben.«

»Oh Gott, und dann?«

»Der Wal wurde einfach geschlachtet, und irgendwelche dänischen Wissenschaftler haben das tote Kalb mitgenommen. Das passiert oft. Ganz normal.« Ich musste daran denken, wie ich vor einigen Wochen bei meiner Mutter in der Küche gesessen und einen Artikel über die befristete Genehmigung des Walfangs für wissenschaftliche Zwecke gelesen hatte. Da war ein Foto von einem riesigen Finnwal abgedruckt gewesen, den sie gerade an Land gezogen hatten, prahlerische Seemänner mit schmierigem Grinsen. Ich erinnerte mich daran, dass ich gesagt hatte, wie abscheulich das sei und dass diese Tiere vollständig unter Schutz gestellt werden sollten, und meine Mutter mir zugestimmt hatte.

Als Dimmi vom Joint genug hatte, zündete er sich eine Camel an und schwadronierte von dem Leben auf See und dem Walfleisch, das so frisch sei, dass es im Mund noch zappele. Er lachte und brachte mich auf eine Idee, die ich unmittelbar laut aussprach.

»Darf ich einen Dokumentarfilm über dich drehen?«, überrumpelte ich ihn. Er verstummte und blickte mich erstaunt an. Was an ihm interessant sei, wollte er wissen. Als ich entgegnete, das werde sich noch herausstellen, versprach er, darüber nachzudenken, doch schon auf dem Weg zurück in die Bar stimmte er zu.

»Klar machst du einen Film über mich«, sagte er übermütig, legte mir den Arm um die Schultern und zog mich an sich, sodass ich ihn riechen konnte, was mir merkwürdigerweise nicht unangenehm war.

Sara Hults blickt mich fragend an. Warum wollte ich einen Film über ihn drehen? Wir waren gleich, hätte ich fast gesagt, vollkommen gleich. Stattdessen halte ich kurz inne, bevor ich antworte:

»Ich hatte einfach diese Idee und habe ihn gefragt, dann kam eins zum anderen. Der Auslöser war eigentlich etwas, das er im Zusammenhang mit Moby-Dick gesagt hat. Ich habe Moby-Dick nie gelesen und bezweifle, dass Dimmi es gelesen hat«, betone ich und lege die Hand auf meine Brust. »Er sagte, dass es einem kleinen Mann guttue, einen großen Wal zu töten. Einem kleinen, wütenden, kaputten Mann wie ihm.« Ich lächle in den Saal, und Sara gerät ins Stocken.

»Äh«, stammelt sie, und im Saal kichert jemand.

»Das war für mich die Essenz von dem, was ich erzählen wollte, aber es war auch die Art … wie er sich selbst von außen betrachtete und in Szene setzte.«

»In Szene setzte?«

Ursprünglich hatte ich vor, alles selbst zu drehen. Ich lieh mir eine Kamera, und einige Tage nachdem wir uns in der Hotelbar begegnet waren, kreuzte ich mit Kamera, Stativ und Mikro in Dimmis Wohnung auf. Er gab mir einen schwarzen Kaffee, ohne mich zu fragen, ob ich Milch oder Zucker nähme, was ich eigentlich tat. Ich habe Kaffee schon immer mit Milch getrunken, und sechs Jahre zuvor — als ich in Vogur war, der Entzugsklinik am Stadtrand von Reykjavík — hatte ich auch mit dem Zucker angefangen. Meine Betreuerin erklärte, wenn man aufhöre zu trinken, habe man oft Heißhunger auf Zucker, was bei mir eindeutig der Fall war. Nichts war mir zu süß, es konnte nie zu viel Zucker drin sein. Ich zwang mich, ein paar Schlucke von dem bitteren Kaffee zu trinken, und suchte dann nach einem guten Platz für Stativ und Mikro. Die Technik war nicht meine Stärke, aber ich überspielte meine Unsicherheit und bewegte mich so, als wüsste ich, was ich tat, was bis zu einem gewissen Grad auch gelang.

Die größte Wand im Wohnzimmer war von einem Regalsystem verdeckt, in dem sich eine Sammlung befand, eine Unmenge an Videokassetten, Blue-Rays und DVDs. Die Filme waren alphabetisch nach Regisseuren sortiert. Ich ließ den Blick über die Titel schweifen, von denen ich einige kannte und andere nicht. An einer anderen Wand hing ein großer Flatscreen mit Soundsystem, und ich stellte mir vor, wie Dimmi im Halbdunkel in seinem Sessel hing, das ausdruckslose Gesicht vom Licht des Bildschirms beleuchtet, vor dem sich Rauch kräuselte. Als ich reingekommen war, hatte ich die Schuhe ausgezogen, tappte jetzt auf Socken herum, die schwere Kamera auf der Schulter, und filmte Details in der Wohnung. Machte Close-ups von der Videosammlung und einer Babuschka, deren Farben fast gänzlich verblichen waren. Sie stand in der Mitte eines Nietenhalsbands, das zu ihr ins Regal gelegt worden war, ganz beiläufig, und genau dieser Take bildet im Film die Eingangsszene. Die Babuschka, das Nietenhalsband, und im Hintergrund hört man Dimmi, ohne Bezug zum Bild, sagen: »Ich habe nichts, aber nimm es einfach …«

Dann befestigte ich die Kamera auf dem Stativ und testete die Lichtverhältnisse, während ich das Bild einrichtete. Dimmi saß in einem Sessel, dessen Stoffbezug an den Armlehnen ausgefranst war. Er konnte kaum stillsitzen, zupfte an den losen Fäden, drehte sie um die Finger und rutschte auf dem Sessel herum. Ich versuchte, entspannt zu bleiben, saß ihm gegenüber, sodass sein Blick, wenn er mich anschaute, knapp am Objektiv vorbeiführte. Wir unterhielten uns über Filme. Dimmi erzählte, dass er Regisseur werden wollte, als er jünger war. Dann würde er jetzt auf meiner Seite sitzen: Ich hätte eine Doku über dich gemacht, sagte er und stupste mit dem Zeh meinen Fuß an. Während wir redeten, war es, als hätte er die Kamera vergessen, als erzählte er mir das alles unter vier Augen. An einiges erinnerte ich mich aus der Zeit, als wir Teenager waren, an anderes nicht. Ihn schien das überhaupt nicht zu stören, und als ich mir das Interview später anschaute, sah ich ihn ganz allein dasitzen, im Zwiegespräch mit der Kamera. Er hatte nicht die Aufnahme vergessen, sondern mich.

Sie waren immer nur zu zweit gewesen, sein Vater und er, aber seine Mutter, die Russin war, hatte seinen Namen ausgesucht, Dimitri. Sie wollte, dass er Dima genannt würde, wie sein Großvater in Murmansk, aber Dima sagte niemand, vor allem nicht, nachdem seine Mutter zurück nach Russland gegangen war. Hatte er Kontakt zu ihr? Er wollte sie lieber nicht behelligen. Und eine Stiefmutter? Sein Vater trank. Anfangs hatte es ein paar Freundinnen gegeben, aber nie etwas Ernstes. Wir sprachen über seine Lieblingsfilme, er hatte ein Talent fürs Nacherzählen. Seine Stimme war angenehm, er steigerte die Spannung bis zum Höhepunkt und schilderte das Ende, als hätten sich all diese Filme in sein Gedächtnis eingebrannt. Auf dem Tisch stand eine Schale mit Lakritz. Ich überlegte, ob ich mir eins nehmen sollte, doch dann sah ich das Bild von einer tastenden Hand vor mir, die in die Schale greift, eine Handvoll Lakritz nimmt und sie wieder fallen lässt. Er bot mir einen Wodka an, den ich ablehnte. Als ich ihm sagte, dass ich vor sechs Jahren aufgehört hätte, Alkohol zu trinken, war er kurz irritiert, fasste sich aber gleich wieder.

Und sein Vater? Papa ist cool, sagte er, wir sind cool. Wie war es bei ihm zu Hause, als er klein war? Wie war es, wenn sein Vater trank? Ganz okay, sagte er, ich meine, manchmal ging es hoch her und so. Aber er hatte eine schöne Kindheit, fand er. Und heute, wo war sein Vater jetzt?

»Na ja, er ist …«, sagte Dimmi und suchte nach den richtigen Worten. »Ist schon tragisch.«

»Inwiefern?«, fragte ich behutsam.

»Als ich ihn das letzte Mal sah, da ist er auf der Straße umgekippt. Er saß mit seinem Bier vor einem Hauseingang in der Austurstræti, und klonk. Hat sich nicht mit den Händen abgestützt oder so. Hatte sich die Stirn aufgeschlagen, lag mit einer brennenden Zigarette auf der zerquetschten Bierdose und schlief.«

»Oje«, rutschte es mir heraus. Dimmi fing an zu lachen. »Klonk. Voll der Idiot«, fügte er hinzu.

»Und was hast du gemacht?«, fragte ich. Er sagte, er sei selbst auf dem Weg zum Alkoholladen gewesen. Ich traute mich erst mal nicht, ihm weitere Fragen über seinen Vater oder seine Kindheit zu stellen. Als ich gehen wollte, war die Luft im Wohnzimmer so schwer vom Zigarettenqualm, dass ich mich fühlte, als wäre ich rückfällig geworden und hätte selbst eine geraucht. Ich fragte Dimmi, ob ich am nächsten Tag wiederkommen dürfe, und er antwortete, er habe einen Arzttermin, ich könne ihn aber gerne begleiten.

»Dein Film wird kein Fake, versprochen«, sagte er und lächelte mich augenzwinkernd an, als wir uns verabschiedeten.

Meine Mutter hatte auf Haki aufgepasst, und als er mich durch das Fenster der Souterrainwohnung sah, sprang er auf und rannte zur Tür. Mama winkte und eilte ebenfalls zur Tür, um mich hereinzulassen. Dann saß Haki in der Küchenecke auf meinem Schoß, während meine Mutter Kaffee machte, obwohl ich keinen wollte. Sie hatten gemalt und zeigten mir die Bilder. Haki malte immer so, als wollte er das Papier mit der Spitze des Buntstifts zerreißen, und ich war mir sicher, dass er den besorgten Unterton in meinen lobenden Kommentaren bemerkte.

»Wie ist es gelaufen?«, wollte Mama wissen.

»Gut«, antwortete ich. »Meinst du, du könntest ihn in der nächsten Zeit öfter nehmen?«, fragte ich und merkte, wie Haki sich auf meinem Schoß schwerer machte. Mama antwortete nicht. Antworte, antworte, antworte, beschwor ich sie im Stillen. Haki drückte den Kopf fester an meine Schulter und verkrampfte sich.

»Ja, sicher«, sagte sie schließlich. »Kann ich machen. Was meinst du, Haki? Du bist doch gern bei der Oma, oder?« Haki rührte sich nicht.

»Geht’s dir nicht gut?«, fragte ich, als sie sich hinsetzte und mit Mühe das steife Filtersieb der French Press runterdrückte. Sie schenkte uns ein und sagte, sie fühle sich in letzter Zeit ein bisschen seltsam. Irgendwie kurzatmig und bei der geringsten Anstrengung erschöpft.

Die Ärztin wollte die Kamera zuerst nicht dabeihaben und protestierte, aber Dimmi schaffte es irgendwie, sie zu überreden, und ich versprach ihr, sie nicht zu filmen. Die Ergebnisse lagen vor, sie wollte gleich darüber sprechen, aber Dimmi bat sie, noch zu warten, also saßen sie sich gegenüber, den unaufgeräumten Schreibtisch zwischen sich, und schwiegen. Ich kam mit dem neuen Mikro noch nicht zurecht, war davon gestresst und brauchte eine Weile, bis ich bereit war. An der Filmschule hatte es Studierende gegeben, die vollkommen technikfixiert waren, aber für mich waren technische Geräte nur Werkzeuge, um den Inhalt einzufangen. Ich wünschte mir, ich hätte ein ganzes Team, das sich um diese Dinge kümmerte, während ich mich darauf konzentrieren konnte, was ich am wichtigsten fand.

»Sind Sie nicht gut drauf?«, fragte Dimmi die Ärztin. Sie ignorierte seine Frage und las mit vorwurfsvoller Stimme die Ergebnisse vor, als zeugten sie von einer verbrecherischen Geringschätzung des Lebens und nicht von einem schlechten Gesundheitszustand. All die Zigaretten und der Alkohol und die Drogen und das wenige Essen und der Schlafmangel und der Stress. Warum höre er nicht auf zu rauchen, zu trinken, Drogen zu nehmen, die Nächte durchzumachen, sich zu stressen, zu hungern? Wenn er nicht damit aufhöre, habe er nicht mehr lange zu leben. Er habe bereits ein Lungenemphysem, Leberschäden, ein vergrößertes Herz und stark erhöhten Blutdruck. Zudem sei er mangelernährt, seine Vitaminwerte seien schlecht, er habe kaum noch Vitamin B im Körper.

»In Ihrem jetzigen Zustand«, schlussfolgerte sie, »würden Sie wahrscheinlich nicht einmal eine Grippe überleben. Verstehen Sie, was ich sage?«

Dimmi nickte.

»Sie sind erst neunundzwanzig«, sagte sie schließlich in einem Tonfall, den eine Mutter ihrem Kind gegenüber anschlagen würde, wenn es sie enttäuscht hatte. Bis dahin hatte Dimmi mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl gesessen und ihre Worte an sich abprallen lassen, aber das warf ihn aus der Bahn, er ließ die Hände in den Schoß fallen. Dann drehte er den Kopf zu mir und blickte direkt in die Kamera. Eine Vielzahl subtiler Emotionen flackerte über sein Gesicht, bevor es wieder den gewohnten Ausdruck annahm. Er schaute zur Ärztin.

»Aber ich habe keinen Krebs?«, fragte er.

»Nein, noch nicht.«

»Na, das ist doch tipptopp«, sagte er und erhob sich.

Während ich zusammenpackte, erstellte die Ärztin einen Behandlungsplan mit Vitaminspritzen und überlegte sogar, ob man Dimmi über Nacht ins Krankenhaus einweisen und an den Tropf hängen sollte.

»Ich besorge mir was«, entgegnete Dimmi, ohne auf die Vitaminspritzen einzugehen. »Wir halten auf dem Rückweg an einem Laden an, oder, Kollege?«, fragte er mich und rauschte an mir vorbei aus dem Raum. Ich lächelte und wollte mich gerade für uns beide verabschieden, als die Ärztin sagte, er würde sich umbringen.

»Wenn Sie wirklich seine Freundin sind«, fügte sie hinzu, »dann hören Sie auf, ihn mit der Kamera zu verfolgen, und bringen ihn in eine Entzugsklinik. Oder passt das nicht zu der Story, die Sie erzählen wollen?«

»Mit in Szene setzen meine ich nur, dass er seine eigenen Vorstellungen von dem Film hatte. Dimmi wusste genau, wie Aufbau und Plot sein sollten. Aber ich weiß trotzdem nicht, was mich auf diese Idee gebracht hat, was das war, vielleicht war es nur ein Gefühl.«

»Ein Gefühl …« Sara lächelt stumpf und blickt mich prüfend an.

»Wie wenn man einen losen Faden entdeckt und daran ziehen möchte.«

»Aber wenn man an einem losen Faden zieht, löst sich alles auf, oder?«

»Hm, vielleicht.« Fast hätte ich sie gefragt, worauf sie hinauswolle, tue es aber nicht. Sie lässt eine scheinbar offene Anspielung in der Stille schweben, während sie in ihren Notizen blättert. Dann wechselt sie das Thema.

»In dem Film wird Dimmis Vorstrafenregister nie richtig aufgerollt, nur beiläufig erwähnt, dass er, kurz bevor Sie sich trafen, eine längere Haftstrafe abgesessen hatte. Warum haben Sie sich entschieden, das nicht zu thematisieren?«

»Ja, ich habe viel darüber nachgedacht, aber dann beschlossen, dass der Übergriff nebensächlich ist. Eine von vielen Folgeerscheinungen, so wie fast alles in seinem Leben eine Folgeerscheinung war.«

»Also eine Folge von Gewalt und Vernachlässigung in der Kindheit?«

»Er lebte unter ständiger Bedrohung. Das ist wie eine andere Dimension, die sich Menschen, die so etwas nicht erlebt haben, kaum vorstellen können.«

»Eine andere Dimension?«

»Ja, die für Menschen, die in Sicherheit aufgewachsen sind, nicht existiert.«

»Interessant, können Sie das etwas genauer erklären?«

»Wie wenn man nicht an Gespenster glaubt, weil man noch nie eins gesehen hat, und niemandem glaubt, der behauptet, eins gesehen zu haben. Dann kann man auch nicht verstehen, warum jemand ein Gespenst angreifen sollte.«

Sara Hults stößt ein kurzes Lachen aus. Wenn man Gespenster erwähnt, muss das ein Witz sein. Ich lache nicht mit. Sie blickt schmunzelnd auf ihre Papiere und notiert etwas, wie eine Therapeutin. Dann spricht sie weiter.

»Nun, ich habe andeutungsweise gehört, worum es in diesen Urteilen geht, und es ist klar, dass wir hier von sehr brutalen Verbrechen reden … In einem Interview mit Ihnen habe ich gelesen, dass Sie es für wichtig halten, Gewalttäter zu entdämonisieren, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sie sich Hilfe suchen. Aber für mich ist das auch die Perspektive eines Opfers, das Mitleid mit dem Täter empfindet. Es kommt ja häufig vor, dass Soziopathen die Empathiefähigkeit anderer Menschen manipulieren, um sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen. Ganz zu schweigen von einer breiteren gesellschaftlichen Solidarisierung mit einem Täter, einer Art kollektivem Stockholm-Syndrom oder Himpathy.«

»Ja.«

»Was denken Sie darüber? Empathie für Gewalttäter?«

Als wir die Arztpraxis verließen, war Dimmi total überdreht. Er alberte herum und spielte den Ernst der Neuigkeiten herunter. Ich verstaute das Equipment im Kofferraum und war unsicher, wie ich darauf reagieren sollte. War es in Ordnung, wenn ich einfach mitlachte? Wir stiegen ins Auto, ich fuhr los und fragte ihn, wo ich ihn absetzen sollte. Er sagte, er wolle nicht allein sein. Sein Knie zuckte die ganze Zeit, was man selbst dann sehen konnte, wenn man sein Knie nicht im Fokus hatte. Ein leichtes Zittern, das sich in seinen Schultern und seinem Gesicht fortsetzte.

»Nach dem Wochenende habe ich eine Tour«, sagte er. »Wenn du willst, kannst du mitkommen.« Die Vorstellung jagte mir einen Schauer über den Rücken, brachte mich aber auf eine Idee. Wir fuhren runter zum Hafen und stiegen aus. Dimmi trug eine Baseballcap, zerrissene Jeans, einen Hoodie und Adidas-Schuhe — genau die gleichen wie damals meine Klassenkameraden in der Realschule. Ich bat ihn, auf den Kai zu gehen, baute das Stativ auf und justierte so lange, bis ich mit der Einstellung zufrieden war. Dann trat ich mit dem Mikro so nah wie möglich an ihn heran und stellte ihm Fragen zum Walfang.

»Wir fahren nur bis kurz vor den Hafen hier in Reykjavík, da wimmelt es von ihnen. Wir benutzen eine Harpune mit einer Granate vorne dran.« Er öffnete die Faust und machte ein Explosionsgeräusch. »Die Harpune dringt dreißig Zentimeter ins Fleisch ein, und wenn die Granate explodiert, ist es, als würden kleine Krallen herausschießen.« Er blies die Wangen auf und imitierte ein Dröhnen, machte wieder eine Faust und streckte dann langsam die Finger, wie in Slow Motion.

»Kommt aber drauf an, wo man trifft, ob sie dann sofort tot sind. Wenn nicht, nehmen wir ein Gewehr.« Er machte eine blitzschnelle Bewegung und schnalzte mit der Zunge, als hätte er ein Gewehr umgehängt und würde es laden. Plötzlich hielt er inne. Blickte am Objektiv vorbei über die stille Bucht und bewegte die Lippen, als erinnerte er sich an etwas. Dann machte er weiter. Diese Pausen — als träte er für einen kurzen Moment aus sich heraus — entstanden oft, und wir behielten sie alle im Film.

»Danach zieht das Schiff den Wal an Land, und er ist hoffentlich tot, aber nicht immer«, fuhr er fort, »manchmal verlieren wir den Kadaver und er versinkt einfach.« Er zog kräftig die Nase hoch, sammelte Rotz in der Kehle und spuckte auf den Boden. Dann schaute er direkt in die Kamera und wirkte leicht betroffen, als er sagte: »Wenn das Tier dann noch lebt, blutet es einfach unten auf dem Meeresboden aus.«

»Hast du schon mal Walfleisch gegessen?«, fragte er, während ich die Kamera einpackte. Ich erinnerte mich an einen Besuch im Restaurant Þrír frakkar mit meinem Vater, 1997 oder 98, da hatte ich Minkwal bestellt. Die dünn geschnittenen, blutroten Scheiben hatten wie Rindfleisch geschmeckt, bis der Lebertran durchkam. Dimmi nahm einen Anruf entgegen und verabredete sich mit jemandem, und ich bot ihm an, ihn hinzufahren. Nachdem er ausgestiegen war, beugte er sich zu mir und wiederholte sein Angebot, fragte, ob ich mit auf die Tour kommen wolle. Ich sagte, ja, falls ich jemanden fände, der mich begleite. Er blinzelte mir zu, trommelte aufs Autodach und sagte tschüss.

Ich hatte ein paar Freundinnen oder zumindest Bekannte aus dem Studium. Eine hieß Ninja und war geschieden mit zwei Kindern, die etwas älter waren als Haki. Sie hatte zusammen mit ihrer Frau ein auf Gletschertouren spezialisiertes Reiseunternehmen geführt, aber als die beiden sich trennten, verkaufte Ninja ihre Anteile an ihre Ex und ging auf die Filmhochschule. Kameraführung war ihre Stärke, und wir hatten zusammen an unserem Abschlussfilm gearbeitet. Ich als Regisseurin und sie als Kamerafrau. Die Zusammenarbeit war nicht ganz ohne Konflikte verlaufen, aber am Ende waren wir zufrieden. Nachdem ich Dimmi abgesetzt hatte, telefonierten wir kurz, und dann fuhr ich zu ihr in die Weststadt. Seit dem Abschluss hatte Ninja kleinere Aufträge übernommen, war aber ansonsten in derselben Lage wie ich: unsicher, wie — und ob überhaupt — die Karriere als Filmemacherin beginnen sollte.

Während sie sich die Aufnahmen von Dimmi anschaute, studierte ich ihre Mimik. Manchmal runzelte sie die Stirn oder riss die Augen auf, und als die letzte Einstellung mit Dimmis Grinsen endete, erklärte sie mir lang und breit, wie misslungen meine Kameraführung sei.

»Echt schade«, sagte sie. »Ist ganz interessant, das Thema. Und der Typ hat was.«

Am Montag standen wir, mit Equipment beladen, auf dem Kai und warteten auf Dimmi. Auf der Hinfahrt hatte Ninja mich gemaßregelt, weil ich so herablassend über den Walfang gesprochen hatte. Sie war zwar derselben Meinung wie ich, fand aber, ich säße auf dem hohen Ross.

»Ich habe keine Lust, an einem Film mitzuarbeiten, in dem es um deine Meinung geht. Wir dokumentieren, aber wir beweisen nicht, wie korrekt und toll wir sind«, sagte sie. Ich murmelte, dass wir nicht besonders toll sein müssten, um das Töten von Walen zu kritisieren, fühlte mich aber blöd dabei. Eigentlich hatte sie recht.

Am Abend vorher hatte ich Haki zu seiner Oma gebracht. Er war es gewohnt, bei ihr zu übernachten, aber anders als sonst konnte ich ihm diesmal nicht genau sagen, wann ich ihn abholen würde.

»Wenn wir einen Wal finden«, hatte ich ihm erklärt, »dann fahren wir zurück an Land.«

»Ist es gefährlich, Wale zu jagen?«, hatte er gefragt.

»Nur für die Wale«, antwortete ich. Mama schüttelte darüber den Kopf. Sie sah nicht gut aus, und ich wollte wissen, ob sie inzwischen einen Arzttermin gemacht hatte.

»Um mir sagen zu lassen, ich soll nach Hause gehen und mich ausruhen?«, entgegnete sie.

»Die wissen schon so einiges«, erwiderte ich, woraufhin sie mir einen Vortrag darüber hielt, wie die Ärzte bei meiner Oma versagt hätten, weil keiner auf die Idee gekommen sei, sie zu röntgen. Sie hatte Krebs gehabt, eine Krebsart, die durchaus heilbar gewesen wäre, wenn die sogenannten Ärzte einfach nur ihren Job gemacht hätten.

»Das war ein einziger Arzt vor ewig langer Zeit«, wandte ich ein, und damit war das Gespräch beendet. Meine Mutter war so nachtragend, dass sie sogar auf die Menschen, die sie vor Jahrzehnten auf irgendeine Weise enttäuscht oder gekränkt hatten, immer wieder zurückkam. Ein Vorgesetzter, der sie als Jugendliche des Diebstahls bezichtigt, eine Freundin, die ihren Freund angebaggert, oder eine Cousine, die ein Geheimnis ausgeplaudert hatte. Es war nicht das erste Mal, dass ich sie davon zu überzeugen versuchte, zum Arzt zu gehen, obwohl ich genau wusste, dass es zwecklos war. Haki schlang die Arme um meinen Hals und vergrub sein Gesicht in meiner Halsbeuge, bis ich mich von ihm losmachen musste. Ich gab ihm einen Kuss auf den Scheitel und verabschiedete mich von Mama, die in Gedanken immer noch bei dem Arzt war, der meine Oma falsch behandelt hatte.

»Ja, Täter-Empathie«, wiederholt Sara, und ich wage mich auf dünnes Eis.

»Ich mag diese Konzepte nicht. Es ist viel komplizierter. Dimmi hatte nie die Möglichkeit, all das zu erzählen, was ihm angetan wurde, deshalb fand ich es unfair, nur die hässlichen Dinge zu beschreiben, die er anderen Menschen angetan hat. Er war immer der Schuldige, das hat er selbst so gewählt. Es ist weniger schlimm, ein Monster zu sein, als von einem Monster gefressen zu werden. Aber es war nicht nur das, die Bestrafung gab ihm auch ein Gefühl von Sicherheit. Mit einem Verbrechen durchzukommen, das ist, als wäre man im freien Fall, das hat er selbst so gesagt. Ich fand es interessanter, mit ihm über diese Dinge zu reden, anstatt aufzulisten, was genau er getan hat, was ja auch wieder eine Reproduktion von Gewalt wäre. Wir müssen uns nicht noch mehr Schilderungen von Gewalt anhören.«

»Sie sprechen vom Konzept der Täter-Empathie … Ich frage mich …«, setzt Sara an, aber ich unterbreche sie.

»Ich glaube nicht, dass es möglich ist, eine Person in ihrer Gesamtheit zu definieren, indem man ein Detail herauspickt, etwas, das sie getan hat oder das ihr widerfahren ist, oder generell einzelne Details. Ich mag keine einseitigen Definitionen von mehrdeutigen Phänomenen. Das gilt auch für Täter-Empathie, ein Begriff, der sich auf einen differenzierten und komplexen psychologischen Prozess bezieht, aber häufig auf völlig unpassende Kontexte angewandt wird.«

Zum ersten Mal seit Beginn des Interviews traue ich mich, in den Saal zu gucken. Dort sitzen etwa fünfzig Zuschauer, von denen die meisten weiblich sind und sicherlich auf die eine oder andere Weise mit Dokumentarfilmerei zu tun haben. Es ist der dritte und letzte Tag des Festivals, und ich war bei allen Veranstaltungen, weshalb mir einige Gesichter vertraut sind. Da sitzt zum Beispiel Rasa Zukas aus Litauen, die eine sehr eindrucksvolle Doku über die Diskriminierung von Frauen im Gesundheitssystem gemacht hat.

Am Abend vorher hatte ich beim Abendessen neben ihr gesessen, und wir hatten uns über ihren Film Hört uns zu unterhalten. Als ich mich bei ihr bedankte und sagte, das Thema habe mein Leben dramatisch beeinflusst, meinte sie, alle Frauen, die sie getroffen habe, schienen eine ähnliche Geschichte erlebt zu haben. Sie war nett, und wir hatten ein gutes Gespräch, aber jetzt, als sie vor mir im Saal sitzt, runzelt sie die Stirn. Die Moderatorin wechselt das Thema und kommt auf technische Aspekte zu sprechen, nennt andere Dokumentarfilme, die meinem ähnlich sind, und fragt mich nach der Filmbranche in Island, nach der Kooperation mit Produzenten und Fördermöglichkeiten im Allgemeinen. Bei meiner Antwort streue ich ein paar Witze ein, die die Atmosphäre lockern. Aber dann kommt sie wieder auf ein heikleres Thema zu sprechen.

»Angesichts der Debatte, die hier auf dem Festival sehr oft geführt wurde, und natürlich auch generell in der Gesellschaft, fände ich es interessant, eine Sache näher zu beleuchten. Die meisten Filme hier auf dem Festival sind von Frauen, die ihre eigene Geschichte erzählen. Haben Sie sich zu irgendeinem Zeitpunkt gefragt, ob Sie die richtige Person sind, um Dimmis Geschichte zu erzählen? Ob er nicht vielleicht zu krank war … nicht im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte, um sein Einverständnis zu geben? Ob Sie seine tragische Lebensgeschichte nicht sogar für Ihre eigenen Zwecke romantisieren? Genau wie die Geschichte seiner Mutter, die Sie im Grunde auch erzählen. Waren das für Sie jemals ethische Erwägungen? Ob Sie das Recht haben, die Geschichte einer Russin zu erzählen, der Sie nie persönlich begegnet sind und die Ihnen nie die Erlaubnis dafür erteilt hat?«

Rasas Film — Hört uns zu — beginnt mit einer Aufnahme ihres Gesichts, das aufgequollen und verschwitzt ist, die Haare kleben an der Stirn. Sie hat so schlimme Schmerzen, dass sie kaum sprechen kann, und am Ende der Einstellung verliert sie das Bewusstsein, die Kamera fällt ihr aus der Hand. Man sieht sie zusammengekrümmt auf den Fliesen im Badezimmer liegen. In der nächsten Szene liegt sie in einem Krankenhausbett im Flur der Notaufnahme. Ihr Lebensgefährte, der sie überallhin begleitet, hält nun meistens die Kamera, das Bild ist verwackelt und unscharf. Er spricht Ärztinnen und Krankenpfleger an, die einfach vorbeihasten, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Danach begleitet die Kamera Rasa durch das Labyrinth des Gesundheitssystems, von einem Facharzt zum nächsten, die alle nichts finden und sich weigern, sie genauer zu untersuchen. Immer wieder wird ihr unterstellt, sie würde übertreiben, dass ihr Leiden letztendlich psychisch bedingt sei, Hypochondrie, Hysterie oder gar eine Aufmerksamkeitsstörung.

Was ich besonders interessant fand, war, was mit den Zuschauern passierte, während sie sahen, dass all diese Fachleute Rasas Aussagen nicht ernst nahmen. Es war scheinbar leichter, einem Arzt zu glauben, der sie mit stoischer Ruhe anschaute und erklärte, man habe nichts Auffälliges gefunden. Wahrscheinlich habe sie Zysten an den Eierstöcken, die würden manchmal wachsen und platzen, das könne sehr schmerzhaft sein. Aber so schmerzhaft? Ja, durchaus. Außerdem sei das Schmerzempfinden individuell unterschiedlich. Haben Sie Kinder? Nein, keine Kinder. Oft erledige sich das nach einer Geburt … Dem Lebensgefährten mit der Kamera wird zugezwinkert. Dann bekommt sie ein Rezept für ein stärkeres Schmerzmittel und die Anweisung, sich auszuruhen, bis der Schmerz nachlässt.

Aber kann man denn gar nichts dagegen tun?, jammert sie. Das ist jeden Monat so und wird immer schlimmer. Der Film ist lang, genau wie Rasas Kampf mit dem Gesundheitssystem, bis sie einen Arzt finden, der eine Bauchspiegelung veranlasst. Es stellt sich heraus, dass sie an einem sehr schweren Fall von Endometriose leidet, einer chronischen, systemischen Erkrankung, die unter anderem jeden Monat innere Blutungen auslöst. Rasa legt im Film auf äußerst überzeugende Weise dar, dass es sich als geschlechtsspezifische Gewalt interpretieren lässt, wenn Frauen keine Diagnose bekommen.

Gegen Ende des Films hat Rasa Kontakte zu Frauen mit ähnlichen Erfahrungen geknüpft. In der letzten Szene protestieren sie mit Schildern vor dem Gesundheitsministerium in Vilnius, der Himmel ist grau verhangen, die Stimmung deprimierend. Rasa richtet die Kamera auf ihr Gesicht. Es ist blass, durch den Sprühregen kleben ihre Haare an der Stirn wie in der ersten Szene, dann bricht sie in Tränen aus, während die Frauen skandieren: »Hört uns zu!«, immer lauter und lauter, bis der Ton abrupt ausgeht, was eine eindrückliche Wirkung erzeugt, während die Credits lautlos über die Leinwand laufen.

Als wir beim Abendessen nebeneinandersaßen und ich meine eigene Erfahrung erwähnte, fragte sie, ob das in Island wirklich nicht besser sei als in Litauen. Ich antwortete, ich sei mir nicht sicher, und erzählte ihr, dass durch Fehler bei der Analyse von Proben im Krebszentrum kürzlich sehr viele Frauen in Island eine falsche Diagnose bekommen hätten. Traurig schüttelte sie den Kopf und blickte mich eindringlich an.

»Und was ist deine Geschichte mit dem Gesundheitssystem?«

»Ach, nein, o Gott«, sagte ich, »die ist total lang und langweilig.« Rasa wirkte wie vor den Kopf gestoßen. Mir wurde klar, dass sie es so aufgefasst hatte, als gelte das auch für ihren Film. Was gewissermaßen stimmte.

Seit ich dreizehn war, bekam ich gelegentlich stressbedingte Schmerzen. Sie waren immer gleich, und ich hielt eine Magenschleimhautentzündung für die Ursache. Ich trank Kräutertee oder Aloe vera oder Silicol oder was auch immer gerade empfohlen wurde. Vermied diverse Lebensmittel, bis es irgendwann wieder aufhörte. Doch ausgerechnet als wir Ende 2013 den Dokumentarfilm drehten, flammten die Schmerzen wieder auf, schlimmer als je zuvor. Ich ging in die Notaufnahme, wo ein Arzt vermutete, dass die chronische Entzündung zu Blutungen geführt habe, und mir eine Überweisung für eine Magenspiegelung gab.

Der Gastroenterologe starrte auf seinen Computerbildschirm und fragte, ohne mich anzuschauen, ob ich entsprechend den Anweisungen mit nüchternem Magen hergekommen sei.

»Ja«, stöhnte ich, woraufhin er weiterfragte, ob ich das Beruhigungsmittel eingenommen hätte, das er mir verordnet hatte.

»Ich kann nichts einnehmen.« Ich erklärte ihm, dass ich Medikamente, die mit einem schwarzen Dreieck gekennzeichnet seien, nicht einnehmen dürfe, weil ich Alkoholikerin sei, allerdings seit fast sieben Jahren trocken.

»Tja«, sagte er leicht verärgert, riss sich dann aber zusammen und brummelte:

»Na dann, Glückwunsch …« Er öffnete einen Schrank, holte einen kleinen Korb voller Krimskrams heraus und wühlte darin herum, bis er einen iPod fand.

»Kennen Sie sich mit Bluetooth aus?«, fragte er. Ich nickte. Er gab mir den iPod, ich wollte ihn einschalten, aber er war nicht geladen.

»Sie müssen ihn aufladen«, sagte ich, woraufhin er sich wieder zum Schrank drehte.

»Ich dachte nämlich, wir könnten Entspannungsmusik laufen lassen … aber ich weiß nicht mehr, wo dieses Kabel abgeblieben ist …«, murmelte der Arzt. Ich schlug vor, mein Handy zu benutzen.

»Und es mit meinem Bluetooth verbinden?«

»Ja, klar.«

»Suchen Sie was mit Walgesängen«, sagte er, und vor meinem geistigen Auge erschien ein erschreckend deutliches Bild von Dimmi. Ich erinnerte mich daran, wie wir an Deck gestanden und zugesehen hatten, wie sich die Harpune in die Seite des Wals gebohrt hatte. Ich stellte mir Dimmis Beschreibung vor, wie dreißig Zentimeter unter der äußeren Hautschicht des Wals kleine Krallen aus der Granate schießen. Dann tippte ich whale sounds relaxation ein. Der Arzt beteuerte, dass mir das helfen werde, und dämpfte das Licht. Dann fragte er, ob ich eine hohe oder niedrige Schmerzgrenze hätte, wartete aber nicht auf meine Antwort, sondern begann, über Wale und ihr Einfühlungsvermögen und diese unglaubliche Klangwelt zu schwadronieren. Tief unten im Ozean in der höchstmöglichen Frequenz, sagte er, was für Dimensionen. Dann bereitete er die Technik vor, nickte in Richtung des Monitors, der mit dem Gerät verbunden war, und fragte, ob ich Lust hätte, meine inneren Organe zu sehen, aber ich schüttelte den Kopf. Auf gar keinen Fall.

»Also dann«, sagte er, ich dürfe jetzt den Mund öffnen. Er sprühte mir ein örtliches Betäubungsmittel in den Rachen und wartete kurz, bevor er den Schlauch mit der Kamera in die Hand nahm.

»Schlucken Sie«, sagte er und schob mir den Schlauch in den Hals. Ich würgte.

»Schlucken Sie einfach — so — ganz ruhig, und denken Sie daran, dass Sie auch noch eine Nase haben.« Dann drückte er den Schlauch schnell herunter.

»An die Nase denken — alles in Ordnung — schon gut — einfach entspannen. Ich pumpe jetzt Luft rein, damit ich Sie richtig untersuchen kann.« Als sich meine Arme reflexartig bewegten, griff er sofort nach meinem Handgelenk.

»Ich bin’s nur«, sagte er, sein Gesicht ganz nah an meinem. Der böse Mann, das bin nur ich. Seine Augen glänzten sanft, ich schloss meine und atmete tief durch die Nase ein.

»Hier ist Ihre Speiseröhre«, hörte ich ihn sagen. »Der Magen, ja … und der Zwölffingerdarm, sehr gut so. Jetzt muss ich nur noch eine kleine Probe nehmen, und dann sind wir schon fertig.«

Er zog den Schlauch heraus, und als er aus meiner Kehle flutschte, kam auch ich wieder an die Oberfläche.

»Na also«, sagte er, »gut gemacht. Lassen Sie sich mal anschauen, werden Sie ohnmächtig? Nein, nein.«

Als ich mich aufsetzen wollte, wurde mir schwindelig. Er stützte mich, sagte, ich solle mich vorbeugen und die Stirn in seine Handfläche drücken, und das funktionierte. Ich wollte etwas sagen, aber mein Hals tat so weh, dass ich einen Hustenanfall bekam. Er gab mir ein Glas Wasser.

»Die Ergebnisse sind gleich da«, sagte er und dämpfte wieder das Licht. »Bleiben Sie so lange einfach liegen und erholen Sie sich.« Dann verließ er mit der Probe den Raum, während ich mit geschlossenen Augen auf der Behandlungsliege lag und im Dämmerlicht dem Gesang der Wale lauschte.

Der Sommer war sehr heiß gewesen — 1994, der Sommer, in dem ich vierzehn wurde. Tag für Tag knallte die Sonne auf uns herab, während wir Steinplatten und Grassoden schleppten und die Anweisungen der Betreuerin in der Arbeitsschule, unserem Sommerjob für die Gemeinde, befolgten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees lag der Strand, an dem die Leute das schöne Wetter genossen. Kinder wateten durch das Wasser und kreischten, wenn sie mit dem Kescher kleine Fische fingen, und ich erinnerte mich daran, dass ich das wenigstens einmal auch gemacht hatte. Die Erinnerung löste ein behagliches Gefühl aus. Vielleicht nicht hier am See Hvaleyrarvatn, sondern irgendwo auf dem Land, Papa wirft die Angel aus, sodass die Schnur im Flug glitzert, bevor die Fliege auf der Wasseroberfläche landet. Er spannt die Schnur und merkt, dass ich ihn beobachte, lächelt mich an, winkt mich zu sich und zeigt mir, was ich machen muss.

Wir waren eine kleine Gruppe und hatten nur eine Betreuerin. Am Anfang lief es gut, aber dann bekam sie psychische Probleme, und wir waren zu jung, um zu begreifen, was passierte. Stattdessen versuchten wir, uns auf sie einzustellen, und taten so, als wäre alles in Ordnung. Einmal in der Mittagspause, als wir am See saßen und unseren Proviant aßen, beugte sie sich zu einem der Mädchen und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Ich sah, wie das Gesicht des Mädchens einen entsetzten Ausdruck annahm, sie stand auf, bahnte sich einen Weg durch die Büsche und verschwand zwischen den Bäumen.

Wir schwiegen. Die Betreuerin nahm einen großen Bissen von ihrem Sandwich und starrte aufs Wasser. Dann murmelte sie mit vollem Mund: Sie muss einfach nur loslassen. Langsam kauend, brütete sie vor sich hin, wir Kinder saßen neben ihr und wussten nicht, wie wir uns verhalten sollten. Als alle wieder anfingen zu quatschen und der Tag weiterging, als wäre nichts geschehen, stand ich auf und lief dem Mädchen nach. Ich entdeckte sie, wie sie vor einem Baum stand, die Stirn an den Stamm gelehnt. Ihr Rücken hob und senkte sich leicht, aber sie gab keinen Laut von sich. Ich sagte etwas Sanftes zu ihr — ich weiß nicht mehr, was —, und als ich die Hand auf ihre Schulter legte, zuckte sie zusammen.

Die Betreuerin hatte ihr zugeflüstert: Du bist schuld, dass deine Eltern sich getrennt haben. Das Mädchen hatte keine Ahnung, wie die Frau wissen konnte, dass ihre Eltern sich tatsächlich getrennt hatten und alle ihr versicherten, es sei nicht ihre Schuld. Das war ihr auch schon verdächtig vorgekommen. War es vielleicht doch ihre Schuld? Diese Betreuertante war schrecklich, ich konnte sie nicht ausstehen und das nicht länger verbergen. Am Ende des Tages geschah das, was ich mit den Magengeschwüren verbinde:

Ich stampfte den Erdboden für die Grassoden fest und begann, lauthals zu singen. Ich wusste, dass die Betreuerin das nicht leiden konnte, sah sie aus dem Augenwinkel auf mich zustürmen, hörte, wie sie mir befahl, mit dem Singen aufzuhören, und sang daraufhin noch lauter. Und auf einmal war mein Mund voller Erde. Meine Augen und meine Nase auch, für einen kurzen Moment bekam ich keine Luft. Ich spuckte und würgte, rieb mir das Gesicht und die Augen und sah die Betreuerin auf ihre Schaufel gestützt dastehen. Ihr Gesicht war starr wie immer, aber ihre Augen, die auf nichts Bestimmtes gerichtet waren, blitzten. Sie war geistig nicht wirklich anwesend, was mir aber erst im Nachhinein klar wurde.

Ich hatte immer noch den Geschmack nach Erde im Mund, Erde in der Nase, Erde in den Ohren und in den Haaren, und meine Augen juckten, als wir dem Verantwortlichen für die Arbeitsschule gegenübersaßen, der schockiert war, als er von dem Vorfall erfuhr. Die Betreuerin wurde gefeuert, und ich hatte Bauchschmerzen. Zuerst dachte ich, sie rührten daher, dass ich Erde geschluckt hatte. In der Erde müsse etwas gewesen sein, irgendwelche Mikroorganismen oder Eier, aus denen nun etwas schlüpfte, aber meine Mutter schickte mich zum Hausarzt, der meinte, das klinge nach einer Magenschleimhautentzündung. Er empfahl mir, zu entspannen und mich gesund zu ernähren, und zeigte dabei auf einen dreigeteilten Kreis: am meisten Gemüse, weniger Getreideprodukte, am wenigsten Fleisch.

Später erfuhr meine Mutter, dass die Betreuerin krank gewesen war und kurz nach dem Vorfall in eine Klinik kam. Das arme Mädchen, jetzt ist sie in der Geschlossenen, sagte Mama und spekulierte, woran genau sie wohl leiden mochte. Etwas Psychisches natürlich, ein Trauma oder eine Persönlichkeitsstörung. Vielleicht hatte sie auch einen leichten Schlag auf den Kopf bekommen, Gehirnerschütterungen konnten heimtückisch sein. So viel, was einem zustoßen konnte. So viel Schreckliches. Mama kannte sich mit all dem Schrecklichen, das einem zustoßen konnte, sehr gut aus.

»Sie haben kein Magengeschwür«, sagte der Gastroenterologe im selben Moment, als er wieder durch die Tür trat. Er marschierte zu seinem Schreibtisch, schaltete die Schreibtischlampe ein und bedeutete mir, Platz zu nehmen. Ich richtete mich vorsichtig auf und kletterte von der Liege. Immer noch schwindelig, taumelte ich auf ihn zu, nahm mein Handy und schaltete die Walgesänge aus.

»Sie haben kein Magengeschwür«, wiederholte er.

»Und was ist es dann?«

»Nichts. Gar nichts. Ihr Magen sieht gut aus.«

»Aber ich kann mich kaum auf den Beinen halten vor Schmerzen.«

»Das ist psychosomatisch.«

»Psychosomatisch?«

»Ja.«

»Einbildung?«

»Nein, keineswegs. Die Schmerzen sind real. Das Gehirn sendet Nervenimpulse, als ob Sie ein blutendes Magengeschwür hätten. Überhaupt keine Einbildung.«

»Soll ich meine Ernährung umstellen? Keinen Kaffee mehr trinken und so weiter?«

»Sie können gerne aufhören, Kaffee zu trinken, aber das ändert gar nichts, weil Ihr Magen vollkommen gesund ist.« Er schwieg und notierte sich etwas, während ich wartete.

»Das ist ein interessantes Phänomen«, resümierte er nachdenklich. »Nicht so häufig, aber es ist mir bereits begegnet. Das erste Mal bei einer Ballerina. Die sind unglaublich hart im Nehmen. Haben Sie deren Füße schon mal gesehen?«

»Ja …«

»Der zweite Fall war ein Maurer. Er hatte nicht mehr geweint, seit er ein kleines Kind war.«

»Mich hat mal eine Frau mit Erde beschmiert …«, setzte ich an und merkte, wie seltsam das klang. Genau in diesem Moment ertönte eine Kinderstimme, die von unter dem Tisch zu kommen schien: Pupsarschkacke, Pupsarschkacke. Immer wieder, die Worte fast erstickt von schallendem Gelächter.

»Mein Enkelkind hat das als Klingelton eingestellt«, sagte der Arzt entschuldigend und suchte hektisch nach seinem Telefon. »Ich weiß nicht, wie man ihn wieder ändert …«

Er fand das Handy in seiner Kitteltasche, und wir warteten verlegen, bis das Klingeln aufhörte. Er schien auch nicht in der Lage zu sein, das Gerät auf Stumm zu stellen.

»Sie befinden sich auf einer Umgehungsstraße.«

»Auf einer Umgehungsstraße?«

»Ja, wenn man wie eine Katze um den heißen Brei herumschleicht … Vermeidungstaktik.«

»Soll ich den Klingelton auf Ihrem Handy ändern?«

»Jetzt haben Sie es gerade gemacht, Vermeidungstaktik.«

»Ich wollte Ihnen nur helfen«, flüsterte ich.

»Die Schmerzen verschwinden, sobald Sie hier rausgehen, und werden nie wiederkommen.« Er bewegte die Hand, als hielte er einen Zauberstab, den er auf mich richtete und im Kreis schwang.

»Aber die Schmerzen kommen in Wellen«, protestierte ich. »Sie kommen in Wellen, seit ich vierzehn bin und eine Frau mir Erde in Mund, Nase, Augen und Ohren gestopft hat. Richtig viel Erde. Total fest.«

Nach dem Gespräch mit Rasa über ihren Film waren wir gemeinsam vom Restaurant zum Hotel spaziert, das sich nur einen Katzensprung entfernt in der Stockholmer Innenstadt befand. Rasa hatte mir verziehen, dass ich gesagt hatte, meine Erfahrung mit dem Gesundheitssystem sei lang und langweilig, und begann, ein bisschen angetrunken, von ihrem Lebensgefährten zu erzählen, der wegen des Klimawandels keine Kinderwunschbehandlung beginnen wolle, was sie ihm nicht abnehme, weil sie glaube, er halte sich die Möglichkeit offen, eine andere zu finden, eine Jüngere und Bessere, mit der er keine künstliche Befruchtung durchmachen müsse. Aber das sei nur ihre Unsicherheit, fügte sie hinzu, was mich daran erinnerte, dass ich vor Jahren in einer ähnlichen Situation gewesen war, als ich einen Partner hatte, der immer kurz davor war, die Beziehung zu beenden. Als hätte in seinem Inneren ein ständiger Kampf zwischen Zweifel und Liebe getobt. Der Zweifel zog ihn von mir weg, und die Sehnsucht trug ihn wieder heran, wie Ebbe und Flut, manchmal wollte er Kinder mit mir bekommen und manchmal nicht. Bis er schließlich eine andere Frau kennenlernte, die selbstverständlich besser war als ich. Er hatte das wohl gespürt, genau wie ich damals. Wie Rasa jetzt. Deshalb widersprach ich ihr nicht, als sie meinte, sie sei unsicher, redete ihr nicht gut zu, sondern schwieg. Ich verkniff mir, ihr zu sagen, sie solle sich anderswo Kinder beschaffen, wenn der Mann nicht bereit sei, welche mit ihr zu bekommen.

Sie kam auf ihren Vater zu sprechen, der kürzlich eine Frau geheiratet hatte, die dreißig Jahre jünger war als er, fünf Jahre jünger als Rasa. Die Hochzeit war pompös gewesen und hatte in der St.-Annen-Kirche in Vilnius stattgefunden. Ihr Vater hatte eine selbsttönende Sonnenbrille getragen. Mitten in der Zeremonie war ein einzelner Sonnenstrahl durch das Buntglasfenster auf das Gesicht ihres Vaters gefallen, sodass die Gläser seiner Brille dunkler wurden. Rasa saß in der Kirche und sah seine Augen nach und nach in der Dunkelheit verschwinden, und als das Paar sich das Jawort gab, waren die Brillengläser pechschwarz.

»Hat er das nicht begriffen?«, fragte ich.

»Keine Ahnung«, sagte Rasa.

»Wow.«

Sie schüttelte grinsend den Kopf. Als wir ins Hotel kamen, wollte sie noch einen Absacker trinken, also setzten wir uns an die Bar, ich bestellte ein Ingwerbier und sie einen Gin Tonic. Auf einem Sofa in der Nähe saßen ein paar Frauen, die wir auf dem Festival gesehen hatten. Rasa meinte, sie sei erleichtert, dass ihr Film schon gezeigt worden war. Die anschließende Diskussion finde sie immer am anstrengendsten. Ich versicherte ihr, dass es sehr gut gelaufen sei, und auch — was der Wahrheit entsprach —, dass ich ihre Nervosität nicht bemerkt hätte.

»Wie geht es dir mit morgen?«, fragte sie und spähte immer wieder zu den Kolleginnen hinüber. Ich hatte den Eindruck, dass sie mir nicht zuhörte, als ich sagte, ich sei ganz entspannt.

»Möchtest du mir vielleicht über deinen Film erzählen? Um ein bisschen zu üben? Ich habe die Beschreibung gelesen und finde, er klingt echt interessant. Es geht um Wale, oder? Walfang.«

»Eigentlich geht es weniger um Wale und mehr um einen Walfänger.«

»Oh«, sagte sie und horchte auf.

Wieder einmal fiel mir auf, dass die Leute sich stets mehr für Menschen als für Tiere interessierten. Ich erzählte ihr ein wenig über den Film, sie wirkte nachdenklich, ihr Gesichtsausdruck unergründlich, deshalb brachte ich das Gespräch auf meine Sorgen über Hakis schulische Leistungen, aber sie blockte ab. Obwohl sie erzählt hatte, dass ihr Lebensgefährte keine Kinder mit ihr haben wolle, schienen ihr meine Sorgen um meinen Sohn zu privat zu sein. Oder vielleicht war ihr unerfüllter Kinderwunsch so schmerzhaft, dass sie es nicht ertragen konnte, wenn andere Menschen Kinder hatten, um die sie sich auch noch sorgten. Vielleicht war ich auch nicht besonders gut darin, meine Umgebung zu deuten. Meine ständigen Mutmaßungen entpuppten sich selten als richtig, und wenn sie es waren, reagierte ich trotzdem falsch. Manchmal hatte ich das Gefühl, nur noch damit beschäftigt zu sein, falsche Entscheidungen oder Formulierungen bei meinem Kontakt zu anderen Menschen im Nachhinein zu zensieren, was mich unbeschreiblich ermüdete. Immer wieder befiel mich eine Art Panik, weshalb ich beschloss, in Zukunft möglichst wenig zu sagen und zu machen, wie ein grauer Stein zu werden, bewegungslos im Unwetter, nass und kalt, ohne es zu spüren. Kurz darauf sagte ich gute Nacht, und Rasa klinkte sich in die Unterhaltung der anderen Frauen ein. Beim Frühstück am nächsten Morgen tauchte sie nicht auf. Erst jetzt sehe ich sie wieder, als ich in den Saal schaue und denselben unergründlichen Ausdruck in ihrem Gesicht erkenne. Unsere Blicke treffen sich, und sie schaut weg.

»Haben Sie sich zu irgendeinem Zeitpunkt gefragt, ob Sie die richtige Person sind, um Dimmis Geschichte zu erzählen? Ob Sie seine tragische Lebensgeschichte nicht sogar für Ihre eigenen Zwecke romantisieren?«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wann eine Person im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte ist oder wer das beurteilen soll. Bevor Dimmi starb, haben wir uns das gesamte Filmmaterial zusammen angeschaut, und ich habe ihm erklärt, was ich damit vorhabe. Wenn er nicht damit einverstanden gewesen wäre, hätte er es mir gesagt, und ich hätte ohne seine Zustimmung nie etwas damit gemacht …«

»Ja, klar, natürlich, aber so meine ich das nicht. Als wir die Beiträge für das Festival ausgewählt haben, lag unser Fokus auf Filmen, die sowohl persönlich als auch politisch sind. Ihr Film ist beides, versucht aber gleichzeitig, nichts davon zu sein. Sie beziehen nie Position. Weder zum Walfang noch zu Gewalt oder Drogenkonsum, was aber doch die Themen des Films sind. Ihre Präsenz ist drastisch reduziert, und obwohl Dimmi immer direkt in die Kamera spricht, hatte ich oft das Gefühl, als wäre er allein. Dass er mit der Kamera spricht, aber nicht mit der Person dahinter.«