Der Finger - Jürgen Heller - E-Book

Der Finger E-Book

Jürgen Heller

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Beschreibung

Wer den 2. Fall schon gelesen hat, wird hier im 6. Fall auf alte Bekannte stoßen. Was zunächst wie ein Silvesterscherz daherkommt, wird ganz schnell blutiger Ernst. Ehemalige Stasi-Mitarbeiter haben noch eine Rechnung mit Bruno Hallstein offen und es gibt keinen Zweifel, dass sie es ernst meinen. Die Bedrohung ist offenbar und scheinbar kann keiner helfen, nicht mal die Polizei. Aber Bruno hat eine Idee: Flucht! Ob das gut geht?

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Seitenzahl: 222

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Jürgen Heller

Der Finger

Hallsteins sechster Fall

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorbemerkung

Berlin, Montag, 16.10.2017

Berlin, Dienstag, 17.10.2017

Berlin, Mittwoch, 18.10.2017

Berlin, Donnerstag, 19.10.2017

Berlin, Freitag, 20.10.2017

Berlin, Sonnabend, 21.10.2017

Berlin, Sonntag, 22.10.2017

Neustift im Stubaital, Montag, 23.10.2017

Neustift im Stubaital, Dienstag, 24.10.2017

Neustift im Stubaital, Mittwoch, 25.10.2017

Neustift im Stubaital, Donnerstag, 26.10.2017

Epilog

Impressum neobooks

Vorbemerkung

Die Handlung in dem vorliegenden Roman ist vollständig frei erfunden, ebenso alle auftretenden Darsteller und deren Namen. Entstehende Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt. Die Orte der Handlung sind fiktiv aber in die real existierenden Umgebungen der jeweiligen Regionen eingebettet.

Jürgen Heller

Berlin, Montag, 16.10.2017

Bruno Hallstein hat gerade seine zweite Tasse Kaffee getrunken und überlegt, ob er sich noch eine dritte gönnen soll, aber ihm ist schon klar, reine Ersatzhandlung, weil er sonst keinen Plan hat, und so richtig Appetit auf Kaffee hat er auch keinen mehr. Im Radio schwärmt eine maßlos übertrieben gutgelaunte, sogenannte Moderatorin von einem sonnigen und für die Jahreszeit viel zu warmen Oktobertag, der allen Berlinern bevorstehen würde. Bruno hört förmlich, wie sie beim Sprechen lächelt. Er steht auf und beendet ihr Gesäusel. Irgendwie begreift er diese Menschen nicht, die darüber Freude empfinden und weiterverbreiten.

Einerseits brechen sie jeden zweiten Tag in Hysterie aus, weil die Polkappen und die Gletscher abschmelzen, aber dann freuen sie sich jedes Mal wie die Kinder, wenn sie im Winter Biergartenwetter haben. Bis zu 22 Grad, Mitte Oktober, ist doch nicht normal. Ich meine ich bin ja nun der letzte, der nicht gerne draußen sitzt und ein Bierchen genießt, aber alles zu seiner Zeit …

Er legt angenervt die Zeitung zur Seite, die ihn auch heute wieder nur mit Wiederholungen langweilt. Seit es Fernsehen rund um die Uhr gibt, mit gefühlten 400 Sendern, seit alle Nachrichten zu fast jeder vollen Stunde am Tag wiederholt werden, selbst Fußballübertragungen in der Halbzeitpause durch Kurznachrichten unterbrochen werden, also da haben es die Printmedien nicht gerade leicht. Immer hat man das Gefühl, dass man alles, was man liest, schon gewusst hat. Er schaut kurz auf die Armbanduhr, die ihm Karla zu seinem letzten Geburtstag geschenkt hat, und an die er sich immer noch nicht so richtig gewöhnt hat, obwohl arschteuer. Jetzt hat er schon zwei solcher Schmuckstücke an seiner linken Hand, einmal die Uhr und dann noch den Ring, präzise ausgedrückt, Verlobungsring. Ist jetzt schon über fünf Jahre her, seit er die Ringe gekauft hat. Er wollte damals seine Liebe zu Karla belegen, quasi Zeichen setzen. Jeder sollte erkennen, dass Karla und er ein Paar sind, strenggenommen, dass sie ihm gehört, also jetzt nicht im Sinne von Besitzanspruch. Vielleicht sollte man besser sagen, dass sie zu ihm gehört. Viel verändert hat sich ihre Beziehung dadurch allerdings nicht. Karla hat immer noch ihre Wohnung in Hermsdorf und er wohnt immer noch hier in Tegel in seiner geliebten Eigentumswohnung im zweiten Stock eines vor Jahren sehr schön und geschmackvoll hergerichteten Altbaus in der Buddestraße. Sie sehen sich zwar so gut wie jeden Tag, aber von Heirat und Zusammenziehen reden sie schon lange nicht mehr, beide nicht. Aber das hat auch seine guten Seiten, findet Bruno jedenfalls. Kein Genörgel wegen irgendwelcher Angewohnheiten oder Unarten, schließlich sind beide keine fünfundzwanzig mehr. Obwohl Karla gute 15 Jahre jünger ist als er, merkt man auch ihr an, dass sie ab und zu das Bedürfnis hat mit sich in ihren vier Wänden allein zu sein. Dadurch bleibt auf der anderen Seite die Spannung hoch. Sie freuen sich, wenn sie sich sehen, und genießen das Zusammensein viel intensiver. Bruno kennt viele Beziehungen in seinem Bekanntenkreis, wo die Alltäglichkeit ihre zerstörerische Kraft einsetzt und die Liebe der Partner zueinander auf eine harte Probe stellt. Einmal ist es die ewig ausgebeulte Jogginghose, oder das Biertrinken aus der Flasche, ein anderes Mal sind es die Tischmanieren oder die nachlassende Sorgfalt bei der täglichen Körperpflege. Haare wachsen aus der Nase, bei manchen auch aus den Ohren und Geräusche, na ja, zum Glück kann man die hier nicht hören. Also über Karlas Körperpflege muss man nicht reden, immer wie aus dem Ei gepellt, rank und schlank und immer Klamotten, die ihre reizende Figur …, ja wie soll man sagen? Sie ist, was man vielleicht mit Augenschmaus umschreiben kann. Und Bruno? Also er hat immerhin den Anspruch, sich immer so herzurichten, dass er sich gefällt, fast wie früher, wenn er sich auf ein Rendezvous mit einem Mädchen vorbereitet hat, das er erobern wollte. Bevor es nun zu sehr ins Detail geht, wieder zurück zur Sache. Es klingelt nämlich an der Wohnungstür. Bruno wundert sich, um diese Zeit bekommt er eher selten Besuch, schon gar nicht unangemeldet. Deshalb schaut er erst mal durch den Spion, was er sonst eigentlich nie tut. Was er sieht, hilft ihm auch nicht weiter. Der Typ da draußen muss über zwei Meter groß sein und der Spion an der falschen Stelle. Bruno kann nur eine dunkelblaue Jacke mit gelben Aufsätzen erkennen, offenbar der Bauch eines Postboten. Er öffnet vorsichtig die Tür, immer darauf achtend, dass er sie notfalls schnell wieder zuschlagen könnte. Jetzt in echt und in Farbe ein Mann von mindestens zwei Metern Körperlänge und mindestens einem Meter Breite. Wenn der Kopf nicht der eines kahlköpfigen Babys wäre, sondern der eines zwei Meter großen Mannes, wäre er noch einmal 10 cm größer und würde mehr Eindruck machen, aber als der Kinderkopf so etwas wie Pakjät knarrt, ist es mit Brunos Respekt völlig vorbei. Innerlich könnte er sich wegwerfen vor Lachen, aber gute Beherrschung. Er kratzt den Versuch einer Signatur auf ein Handterminal, das ihm der Postrusse hinhält. Dann nimmt er das Pakjät und hofft dem Riesen eine Freude zu machen, indem er ihn mit einem Spasibo die Tür vor der Nase zumacht.

Das Paket ist eher ein Päckchen, braune Pappe, und braunes Paketklebeband. Der Adressaufkleber ist offensichtlich online erstellt und ausgedruckt worden. Der Absender wurde nicht genannt und der Klebestift ziemlich sparsam eingesetzt, jedenfalls kommen die Ecken schon bedrohlich hoch und die Bedruckung ist an einigen Stellen verwischt, unleserlich. Entweder hat der Absender oder der Pakjätbote Schweißfinger gehabt. Bruno wundert sich ein wenig über das Gewicht, das in keinem Verhältnis zur Päckchengröße steht, viel zu leicht. Er schüttelt es etwas hin und her, aber außer einem leisen Rascheln und noch leiserem Anschlagen des Inhalts gegen die Pappwände keine Erkenntnis. Er geht hinüber zu seinem Esszimmertisch, wo er ein Keramikgefäß mit angesammeltem Krimskrams zu stehen hat, Kugelschreiber, Bleistifte, Flaschenöffner, Minitaschenlampe, Schere. Die braucht er jetzt. Mit der Spitze ritzt er das Paketband auf und klappt den oberen Deckel hoch. Das geheimnisvolle Objekt ist in weißes Papier eingewickelt. Was heißt eingewickelt? Mehr so eingerollt, Küchenkrepp würde Bruno schätzen, nicht mal mit Klebeband gesichert. Dafür ist es auf der einen Seite mit einer roten Flüssigkeit durchtränkt. Bruno merkt gar nicht, dass seine Stirn inzwischen Schweißperlen produziert. Er wickelt die kleine Rolle auf und spürt dabei, dass der Inhalt nachgibt, wie ein Würstchen. Ist aber keines. Würstchen sind nicht blau und rot gefleckt, haben auch keine Fingernägel und keine Gelenke, sind auch nicht auf einer Seite offen und können von daher auch nicht bluten.

Ach du Scheiße! Welcher Idiot macht denn sowas? Vor allen Dingen, wieso schickt der mir sowas? Ich glaub mir wird schlecht…

Bruno stürmt zu seinem Eckschrank und holt die Flasche Marillenbrand raus. Er dreht den Schraubverschluss los und nimmt einen kräftigen Schluck, sozusagen aus der Pulle. Dann lässt er sich auf seinen Sessel fallen und überlegt fieberhaft, was jetzt zu tun ist. Irgendwie ekelt ihn das aber auch, denn es zwingt ihn über die Herkunft des Fingers nachzudenken und natürlich auch über den Hergang des Abhackens. Er glaubt in seiner Fantasie zwei Dinge zu hören, einmal das Geräusch, das die scharfe Klinge erzeugt, als sie in das Hackbrett eindringt, und dann den spitzen Schrei des ehemaligen Besitzers dieses blutenden Fingers. Er steht wieder auf und geht zum Esstisch. Der abgehackte Finger liegt immer noch in dem Päckchen. Bruno deckt ihn mit Schaudern so mit dem Küchenkrepp ab, dass er den Finger selbst nicht mehr sehen kann. Dann fasst er einen Entschluss, Harry.

Ich muss Harry anrufen. Der ist doch Koch. Der kann bestimmt besser mit abgehackten Körperteilen umgehen. Vielleicht hat der 'ne Idee. Also bevor ich zur Polizei gehe brauche ich einen guten Rat. Wo ist denn bloß wieder das dämliche Telefon?

"Hallo, Harry, du musst mir helfen. Da fällt mir ein, sag mal, hast du noch alle Finger an der Hand?"

"Hä? Hast du noch alle Tassen im Schrank? Lass mich nachsehen. Ach, Herrje, da fehlt ja wirklich einer, habe ich gar nicht gemerkt!"

"Keine Zeit für Späße, kannst du nicht mal vorbeikommen? Ist wirklich wichtig."

Es dauert nach Brunos Eindruck eine halbe Ewigkeit seit dem Anruf, aber dann steht Harry vor der Tür.

"Also bei dir einen Parkplatz zu finden …, da hätte ich auch laufen können."

"Hättest dich vor meinen Wagen stellen können, die Krauses sind im Urlaub."

"Na ja, konnte ich ja nicht ahnen. Jetzt stehe ich am Bahnhof. Was ist denn nun eigentlich passiert, dass du so früh am Tage so einen Alarm machst?"

"Ich habe ein nettes Geschenk bekommen, kannst du dir ja mal aus der Nähe angucken. Da drüben in dem Päckchen."

Harry geht zum Esstisch und wirft einen Blick in den braunen Pappkarton. Dann schaut er Bruno fragend an. Der nickt ihm zu, aber Harry zögert noch. Schließlich zieht er das Küchenpapier langsam hoch und Bruno hört das typische Geräusch, das immer dann entsteht, wenn ein abgehackter Finger in einen Pappkarton fällt. Wieder durchfährt ihn eine Welle der Übelkeit. Da hilft nur eine weitere Marille. Diesmal geht Bruno aber zum Schrank, um Gläser zu holen.

"Willste auch einen?"

"Nee, lass mal, ist mir noch zu früh. Außerdem bin ich doch mit dem Auto da. Aber eigentlich hast du auch keinen Grund. Da hat sich einer einen dämlichen Scherz erlaubt, der Finger ist nicht echt."

"Was heißt das, nicht echt?"

"Na nicht echt eben. Aus Gummi oder Latex, was weiß ich, irgendein Kunststoffkram. Kannste wahrscheinlich im Internet kaufen. Da wollte dich einer erschrecken, vielleicht ein alter Kunde, den du übern Tisch gezogen hast."

In Brunos Kopf wirbelt so eine Mischung aus Erleichterung und Ärger, ne Prise Empörung ist auch dabei. Schon deshalb schenkt er sich erst recht noch einen ein.

"Ich habe nie einen Kunden über den Tisch gezogen, was denkst du denn? Ich kann dir 'ne ganze Mappe mit Dankesschreiben zeigen."

"Ist ja schon gut, das habe ich doch nur so gesagt. Ziemlich dünnhäutig heute Morgen."

"Na hör mal, krieg du mal einen abgehackten Finger zugeschickt!"

Die Anspannung ist etwas gewichen, jedenfalls ist Bruno jetzt in der Lage, die Fingernachbildung etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Irgendwie ekelt es ihn aber doch, ziemlich gut gemacht das Teil, auf den ersten Blick total echt, auch so vom Anfassen her, von der Haptik. Und dann diese rote Flüssigkeit. Er legt den Finger wieder in den Karton und macht den Deckel zu. Dann geht er mit dem Päckchen in Richtung Küche.

"He, wo willst du denn mit dem Ding hin?"

"Dreimal darfst du raten, weg in den Müll natürlich."

"Aber nicht in den Biomüll, wie gesagt, das Teil ist aus Kunststoff. Aber mal im Ernst, ich würde mir das überlegen."

"Warum, was soll ich mit dem Quatsch noch?"

"Na irgendeine Bedeutung wird dieses Geschenk ja haben. Der Absender hat doch etwas bezweckt, der Finger symbolisiert vielleicht etwas, quasi ein Fingerzeig …"

"Was bitte schön symbolisiert ein falscher Finger? Wenn er echt wäre, gut, dann könnte sich eine Botschaft dahinter verstecken, vielleicht als Beweis für ein bestimmtes Entführungsopfer. Doch dann wäre bestimmt ein Erpresserschreiben dabei gewesen. Aber so?"

"Na vielleicht kommt ja noch was. Vielleicht wollte der Absender dich auch erst einmal nur erschrecken, sozusagen sensibilisieren für das, was noch folgt."

"Vielleicht sollte ich zur Polizei gehen, man weiß ja nie. Wehret den Anfängen!"

"Ja, wäre sicher nicht ganz falsch, andererseits, was sollen die machen? Die stufen das dann als schlechten Scherz ein, werden dich löchern, ob du jemanden in Verdacht hast …, hast du?"

"Was hab ich?"

"Na jemanden in Verdacht."

"Nee, so spontan nicht. Ich kenne keinen, der einen derart abartigen Humor hat. Ich denke mal, dass der Absender mich auch nicht zum Lachen bringen wollte."

Harry kommt nicht dazu zu antworten, weil in dem Augenblick jemand an der Wohnungstür schließt. Die beiden Männer schauen sich etwas verunsichert und angespannt an. Dabei gibt es eine einfache Erklärung. Karla. Sie hat seit einiger Zeit einen Schlüssel und nutzt ihn auch, wenn sie weiß, dass Bruno daheim ist. Karla betritt die Wohnung und augenblicklich ist die Luft anders, der Geruch, die Atmosphäre, Aura nennt man das wohl.

"Oh je, Schnaps am frühen Morgen. Was habt ihr denn zu feiern?"

Sie scheint schon seit Stunden wach zu sein, kommt wohl direkt vom Friseur, sieht jedenfalls umwerfend aus und haucht ihrem Bruno einen Begrüßungskuss auf die Wange.

"Wir feiern nicht, sondern trauern. Dein Bruno hat sich beim Zubereiten des Frühstücks aus Versehen den rechten Ringfinger abgeschnitten, ist nichts mit Ehering und so, aber der Ersatzfinger ist schon da, gerade mit der Post gekommen."

"Hä?"

Karla kennt Harry nun auch schon ein paar Jahre, und seinen manchmal unterirdischen Humor. Sicherheitshalber schaut sie trotzdem auf Brunos rechte Hand.

"Habt ihr schon so viel getrunken?"

"Kannst ja mal einen Blick in den Karton da werfen. Vielleicht kannst du dann den Schock nachempfinden, den ich heute schon erleiden musste."

Karla zieht die rechte Augenbraue hoch, typisches Signal ihrer Skepsis, höchste Alarmstufe. Aber die Neugier siegt. Der falsche Finger wird zum dritten Mal an diesem Morgen zum Schrecken. Karla stößt ein spitzes Igitt aus und lässt das Küchenkrepp samt Inhalt wieder in den Karton plumpsen. Wieder dieses Gänsehautgeräusch.

"Welcher Idiot hat sich denn diesen Spaß erlaubt? Wobei Spaß, also ich weiß nicht."

Bruno hat sich inzwischen etwas gefangen und schließt das Päckchen wieder. Er überlegt nach einem Aufenthaltsort außerhalb der Blickweite. Er hat neben der Küche so eine Art Speisekammer, die er aber zur Rumpelkammer umfunktioniert hat. So eine Art Zwischenlager von Dingen, die er nicht braucht, von denen er sich aber auch nicht trennen will, jedenfalls nicht sofort. Er findet einen Platz für das Päckchen samt Finger und schiebt es so weit wie möglich nach hinten bis an die Wand. Da besteht natürlich die Gefahr, dass es für immer da liegen bleibt. Aber nicht dass jetzt jemand glaubt, er würde diese schreckliche Nachbildung eines menschlichen Körperteils für immer dort aufbewahren wollen, nur bei dem Gedanken kräuselt sich sein spärliches Nackenhaar. Wieder im Wohnzimmer wird er von vier Augen durchlöchert, zwei wunderschön geschminkte, dunkel glänzende und zwei blassblaue, fast wimpernlose und leicht gerötete.

"Was schaut ihr mich so blöd an? Ich weiß auch nicht was ich mit dem Ding machen soll. Am liebsten würde ich es entsorgen, aber wer weiß, vielleicht wird dieser Finger ja noch zum Beweisstück."

"Beweis, wofür?"

"Na ja, Karla, ich habe ihm dazu geraten. Man weiß ja nicht was noch kommt. Vielleicht wird es ja noch ein Fall für die Polizei."

"Was soll denn da noch kommen? Eine ganze Hand oder ein Ohr? Ich weiß nicht. Meint ihr nicht, da will sich einer einen üblen Spaß machen? Denk doch mal nach Bruno, wer so etwas getan haben könnte. Muss ja jemand sein, der dich kennt und den du auch kennst."

"Was meinst du, was ich die ganze Zeit tue? Ich bin schon ganz matschig in der Birne."

"Kommt vielleicht vom Schnaps."

Bruno und Karla sitzen in der Küche und schweigen seit einer ganzen Weile. Eigentlich seit dem Harry gegangen ist. Es ist jetzt aber nicht so, dass zwischen beiden etwas verspannt ist, nein, sie haben das öfter mal, dass sie sich anschweigen. Mal ist vielleicht etwas Grübelei mit im Spiel, mal etwas Warten auf den Anderen, oder es gibt einfach mal nichts zu sagen. In diesem Falle klarer Fall, der Finger. Bruno steht auf, geht hinüber zum Kaffeeautomaten und will gerade den Knopf betätigen, als das Telefon klingelt, und wie. Gerade wenn man in Gedanken versunken ist, sozusagen hochkonzentriert abwesend, dann kommt einem jedes noch so leise Geräusch zu laut vor. Insofern Telefonklingeln völlig normale Lautstärke, aber wie gesagt, jetzt total überlaut, so dass Bruno fast einen Herzschlag bekommt. Also medizinisch alles Okay mit ihm, aber man sagt ja so. Kein Wunder also, dass Bruno etwas gereizt ist, entsprechend knurrig auch sein Ton.

"Hallstein."

"Wer sind Sie?"

"Also wenn Sie mir nicht sofort sagen, wer Sie sind, lege ich auf."

"Soll das ein Quiz werden?"

"Nein, Ihre Stimme kommt mir nicht bekannt vor."

"Passen Sie auf. Sie können mich nicht beeindrucken. Ich bin nicht ängstlich. Also lassen Sie mich in Ruhe. Noch einmal so eine Aktion und ich werde die Polizei einschalten."

Bruno drückt die rote Taste am Telefon.

"Was bitte schön war das jetzt?"

"Das war wohl der Spaßvogel mit dem Finger."

"Und, was wollte der? Mensch, Bruno, lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!"

Bruno schaut irritiert aus der Wäsche. Fast könnte man glauben, er hätte erst jetzt die Bedeutung des falschen abgehackten Fingers kapiert.

"Also, es war ein Mann. Er hat sich nicht vorgestellt, tat aber so, als würde er mich und ich ihn kennen. Er drohte mir mit weiteren Aktionen, die, wortwörtlich, keinen Spaß mehr erzeugen würden. Bei der Androhung habe ich dann das Gespräch beendet, hast du ja mitgekriegt."

"Und was soll der ganze Kinderkram? Will er Geld oder einfach nur Terror machen?"

"Keine Ahnung, dazu hat er nichts gesagt. Aber er wollte ja weitermachen. Dann wird er sich wohl wieder melden."

Man kann es drehen wie man will, es gelingt weder Karla noch Bruno so richtig locker über die Sache hinwegzugehen. Hat sich doch dieser idiotische Spaß als Ernst herausgestellt. Jetzt, wo sich dieser Blödmann auch noch persönlich gemeldet hat, bekommt die Geschichte richtig Gewicht, quasi Schwergewicht. Bruno jedenfalls grübelt ununterbrochen, hat noch nicht mal mitbekommen, dass Karla offensichtlich nicht nur beim Friseur, sondern auch noch bei der Kosmetikerin war. Das Kostüm hat er auch noch nie an ihr bewundern dürfen, obwohl, da muss er vorsichtig sein. Kann nämlich sein, dass sie das schon öfter getragen hat und er das einfach vergessen hat. Egal wie, eigentlich sollte er zu ihr hingehen und sie einfach in den Arm nehmen, sie berühren, fühlen, riechen und genießen.

"Weißt du was, Bruno? Ich glaube das ist ein Psychopath. Einer der Freude daran hat Andere zu schocken, zu quälen, sie leiden zu sehen. Du bist doch in den letzten Jahren vielen solcher Menschen begegnet, vielleicht ist es einer von denen, einer, dem du auf die Füße getreten bist und der sich jetzt rächen will."

"Ja, vielleicht hast du recht. Ich habe auch schon in diese Richtung gedacht. Aber mir fällt keiner ein. Sind ja auch fast alle tot oder sitzen im Knast. Nein, ich muss wohl weiter zurück in die Vergangenheit. Harry hat schon recht, vielleicht einer meiner alten Kunden. Es gab sicher auch mal welche, die unzufrieden mit dem Ergebnis meiner Arbeit waren. Ich verstehe nur die Vorgehensweise nicht. Ich meine, wer sich solche Sachen ausdenkt und dann auch noch Telefonterror betreibt. Der hat sie doch nicht mehr alle."

"Und was gedenkst du zu tun? Hast du nicht noch alte Unterlagen aus deiner Zeit als Unternehmensberater?"

"Ich muss mal auf meinem PC suchen. Ein paar Datensicherungs-Speicher habe ich sicher auch noch rumliegen. Ich hoffe, die lassen sich noch abspielen. Und auf dem Dachboden sind auch noch ein oder zwei Ordner mit Papier. Aber im Moment habe ich keine Lust. Lass uns was Schönes machen, vielleicht essen gehen?"

"Jetzt, um diese Uhrzeit? Ich habe überhaupt keinen Hunger. Pass auf, ich mache dir einen Vorschlag. Wir suchen jetzt gemeinsam nach diesen alten Unterlagen. Falls wir etwas finden, werden wir das gleich richtig analysieren und das Ergebnis festhalten. Falls nicht, …, ja weiß ich jetzt auch nicht. Auf jeden Fall gehen wir dann heute Abend zum Essen zu Harry und verbringen einen schönen Abend, einverstanden?"

"Und bis dahin versauen wir uns die Laune mit dieser blöden Geschichte? Du weißt, nach der letzten Katastrophe wollte ich nie wieder Detektiv spielen, und jetzt bin ich wieder auf dem besten Wege dahin. Aber gut, du gibst ja doch keine Ruhe."

Eine knappe Stunde später haben sie alles zusammengetragen, was eventuell Hinweise aus alten Zeiten beinhalten könnte. Drei CD's mit den Jahresabschlüssen von 1990 bis 2010, sowie eine DVD mit dem gesamten Kundenbestand und der dazugehörigen Korrespondenz. Am interessantesten scheinen aber die beiden Ordner mit den Schriftstücken zu sein, die sich Karla gleich gekrallt hat und in denen sie engagiert herumblättert. Bruno hat sich an seinen Universaltisch im Esszimmer gesetzt und das Notebook gestartet. Nach ein paar Minuten hat er alle Datensicherungsdateien auf den CD's und der DVD gesichtet, also die Dateinamen. Bis auf einen Fall, der sogar ein juristisches Nachspiel hatte, gibt es aber nichts zu finden. Allerdings kann sich Bruno ziemlich genau erinnern, dass der Prozess mit einem Vergleich geendet ist. Sein damaliger Auftraggeber hatte seine Zahlung zurückgehalten, weil er der Meinung war, dass Bruno Hallstein seine Firma nicht gerettet, sondern in den Ruin getrieben hätte. Dabei konnte eindeutig festgestellt werden, dass schon zu dem Zeitpunkt, als Bruno den Auftrag bekommen hatte ein Rationalisierungskonzept zu entwickeln, die Firma zahlungsunfähig war. Bruno war damals ziemlich sauer, weil sein Anwalt nicht mehr als diesen Vergleich herausgeholt hatte. Wenn schon dann hätte Bruno einen Grund gehabt abgehackte Finger zu verschicken, aber letzten Endes war er froh, dass die Sache damit vom Tisch war. Außerdem müsste der ehemalige Kunde schon über neunzig sein, wenn er denn noch lebte. Die Stimme am Telefon war aber wesentlich jünger, da ist sich Bruno sicher.

"Also hier finde ich wohl nichts. Wie sieht's bei dir aus?"

Karla reagiert nicht sofort und anhand der hochgezogenen Augenbrauen erkennt Bruno, dass ein zweiter Versuch auch keinen Erfolg hätte, höchste Konzentrationsstufe. Er steht auf und geht zu ihr hinüber. Scheinbar hat sie sich festgelesen, bekommt gar nicht mit, dass Bruno hinter ihr steht und zu entziffern versucht, was da wohl Spannendes zu lesen ist.

"Kannst du dich noch an das Jahr erinnern, in dem wir uns kennengelernt haben?"

"Wie könnte ich das vergessen?"

"Ach komm Bruno, hör auf. Du hast alles fein säuberlich hier abgelegt, auch deine Kommentare und Einschätzungen zu den Vorfällen in der Firma."

"Du meinst Geiger-Maschinenbau?"

"Ja, natürlich, total spannend. Hör mal, was du hier geschrieben hast: Ich habe heute Frau Zinke geküsst, völlig spontan, konnte mich nicht zurückhalten. Ich glaube ich habe mich verknallt. Sie hat es auch genossen, glaube ich."

"Na und wie ich das genossen habe. Vom ersten Moment an, wo du bei uns in der Firma aufgetaucht bist, habe ich mich in dich verliebt. Hab mich dann ja auch immer extra für dich aufgebrezelt, wie ein Teenager. Vielleicht manchmal ein wenig zu sehr."

"Ach, das kann ich nicht sagen, mir hast du gefallen, eigentlich auch von Anfang an. Wie lange ist das jetzt her? Fünf, sechs Jahre, oder?"

"Sechs Jahre, ganz genau, Oktober 2011."

Karla hat sich erhoben und schaut Bruno lächelnd an. So ganz spontan kommt es zu einer Wiederholung der damaligen Situation, wenn auch nicht in einem engen Auto, sondern in einem Wohnzimmer im zweiten Stock eines schönen Altbaus, mitten in Berlin-Tegel.

"Aber mal zurück zu der Sache. Meinst du, dass einer von den damaligen Ganoven inzwischen einen Spaßartikelversand eröffnet hat? Kann ich mir nicht vorstellen. Die sind doch fast alle tot. Und die, die noch leben, wer von denen hätte wohl einen Grund mich derart zu erschrecken?"

"Tot oder hinter Gittern, stimmt, und dem Sohn von deinem ehemaligen Klassenkameraden traue ich das nicht zu. Der hätte dir ja eher dankbar sein müssen. Außerdem sitzt der bestimmt auch noch, hat ja schließlich jemanden erschossen, auch wenn der der Obergangster war."

"Erstens das und zweitens war er das nicht, also der Anrufer. Der Sohn von Lutz hat die gleiche Stimme wie sein Alter, und die hätte ich erkannt, kannste glauben."

"Und ein anderer aus diesem Umfeld, Ronny Kroll oder dieser Glock. Der war doch Geschäftsführer bei Geiger."

"Du meinst diesen Dr. Jim Glock, hmm, also dessen Stimme habe ich nicht in Erinnerung, habe ja damals auch nur sehr kurz mit ihm gesprochen. Und Ronny Kroll auf keinen Fall. Auf den trifft das Gegenteil zu. Mit dem habe ich mich ja stundenlang unterhalten. Der hat mir ja die ganze Geschichte von damals auseinandergesetzt, sonst hätte ich da nie durchgeblickt."

"Also Dr. Jim Glock war ja damals unser Chef. Ein absoluter Nichtskönner. Der hatte es eine Zeitlang auf mich abgesehen, hat mich ewig zu sich gerufen, obwohl wir nie etwas miteinander zu besprechen hatten. Ich berichtete als Personalchefin direkt an Lutz Strehlow, deinem Klassenkameraden, na ja, das weißt du ja alles, hast es ja sogar aufgeschrieben."

"Habe ich? Dann hatte ich bestimmt auch Zweifel, ob du nicht vielleicht doch etwas mit …"

"…dem Glock hatte? Na sage mal, ich leide doch nicht an Geschmacksverirrung, auch damals noch nicht. Außerdem hat Herr Strehlow ihn wohl mal an die Leine gelegt. Der wollte nämlich selber bei mir landen. Hat aber auch nicht geklappt."

"Ach, Karla, lass uns über was anderes reden. Wie sieht es denn jetzt mit deinem Hunger aus? Wollen wir ins 'da Vinci'?"

Berlin, Dienstag, 17.10.2017

Karla und Bruno sitzen in der Küche beim Frühstück. Na gut, Frühstück nicht der richtige Ausdruck. Da erwartet die/der routinierte Hausfrau/Hausmann solche Dinge wie frische Brötchen, Butter, Aufschnitt, Marmelade und Müsli. Gab der Kühlschrank leider alles nicht her, und Bruno hatte auch keine große Lust erst noch einkaufen zu gehen. Ergebnis, Karla grüner Tee, hat sie selber vor Monaten mal mitgebracht, weil Bruno verabscheut GT, wie er abwertend zu sagen pflegt, und er selber Kaffee, schwarz und schon der dritte. Karla nagt noch an einem Butterkeks herum und Bruno hat das angefangene Glas mit Spreewaldgürkchen leer gemacht. Jetzt könnte man meinen, schlechte Stimmung, aber weit gefehlt. Das liegt einfach an dem fantastischen Essen, dass sie gestern Abend im 'da Vinci' genossen haben, obwohl Karla eigentlich zu Harry wollte. Da hatte sich Bruno dann aber doch durchgesetzt, Argument, bei Harry wäre er letzte Woche mindestens fünf Mal gewesen. Später saßen sie noch gemütlich zu Hause und tranken noch einen Schluck, bevor sie ins Bett gingen, und da war es dann auch ganz gemütlich.