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Küstenkrimi mit Gute-Laune-Garantie
Scarlett kehrt zurück auf die Insel! Noch mehr hätte Inselanwalt Matthias Hebereit sich gefreut, wenn Scarlett seinetwegen zurück nach Schroffenige gereist wäre. Immerhin aber führt ein neuer Fall sie zusammen, bei dem sich die Ereignisse überschlagen: Auf Schroffenige scheint Bigfoot gesichtet worden zu sein, dann entdeckt Matthias einen toten Seemann, der Stunden später plötzlich verschwunden ist. Gibt es einen Zusammenhang? Matthias ist fest davon überzeugt. Aber niemand ahnt, wie nah in Wahrheit Scarlett dem Täter ist ...
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Zum Buch:
Scarlett kehrt zurück auf die Insel! Noch mehr hätte Inselanwalt Matthias Hebereit sich gefreut, wenn Scarlett seinetwegen zurück nach Schroffenige gereist wäre. Immerhin aber führt ein neuer Fall sie zusammen, bei dem sich die Ereignisse überschlagen: Auf Schroffenige scheint Bigfoot gesichtet worden zu sein, dann entdeckt Matthias einen toten Seemann, der Stunden später plötzlich verschwunden ist. Gibt es einen Zusammenhang? Matthias ist fest davon überzeugt. Aber niemand ahnt, wie nah in Wahrheit Scarlett dem Täter ist ...
Zu den Autorinnen:
Bode & Elste heißen eigentlich Christine Bode und Karen Elste. Die beiden Schriftstellerinnen leben und arbeiten in Berlin und haben bereits zahlreiche eigene Romane veröffentlicht. Seit vielen Jahren befreundet, erfanden sie während eines gemeinsamen Urlaubs die beschauliche Ostseeinsel Schroffenige, ihre Bewohner, Besucher und das charmante Ermittlerteam, das sie einfach nicht mehr losgelassen hat.
Lieferbare Titel:
Der Fisch ist geschuppt. Eine Matjes-Mordermittlung
Immer mit der Ruhe. Eine Matjes-Mordermittlung
Bode & Elste
Der Fisch ist geschuppt
Eine Matjes-Mordermittlung
Kriminalroman
HarperCollins
Originalausgabe
© 2026 by HarperCollins in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von bürosüd, München
Coverillustration von Sabine Wiemers, vermittelt durch Peretti Literarische Agentur, Köln
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN9783749910038
www.harpercollins.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.
Der Geruch trockener Rinde begleitete Matthias auf seinem Weg durch den Wald. Dieser würzige Duft und Stille. Kein Vogel zwitscherte; kein Fuchs war zu sehen, keine Maus huschte durch das Unterholz. Noch nicht einmal das Summen von Fliegen war zu hören. Als hielte die Natur selbst den Atem an. Aus Angst vor einer ungenannten Gefahr?
Die trubelige Ortschaft Norden, obwohl keine drei Kilometer entfernt, schien unerreichbar auf einem anderen Planeten zu liegen. Schweißperlen sammelten sich auf Matthias’ Stirn, seine Schritte verlangsamten sich. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.
Alle auf der Insel schienen davon überzeugt, dass es auf Schroffenige ein Monster gab – alle bis auf ihn. Er konnte es nicht glauben – wollte es auch gar nicht. Schließlich hatte sich noch jede rätselhafte Begebenheit als logisch erklärbarer Sachverhalt herausgestellt. Das war so, seit der erste Homo sapiens sapiens vor einer Sonnenfinsternis Schutz in einer Höhle suchte, weil er den Zorn einer wütenden Macht fürchtete. Wissenschaft und Aufklärung hatten die Menschheit einen weiten Weg gehen lassen: Donner war kein Zorn der Götter, sondern die Schallwellen der Explosion stark erhitzter Luft nach einem Blitzschlag. Krankheiten entstanden nicht durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfte. Ebbe und Flut wurden nicht von Meeresungeheuern verursacht.
Matthias blieb stehen, er spürte ein unangenehmes Prickeln im Nacken. Aber was, wenn doch … Immerhin gab es Sichtungen der Kreatur durch Menschen, die er jahrelang kannte und denen er vertraute. Es existierte sogar ein filmisches Zeugnis …
Halt, stopp! Es gibt keine paranormalen Aktivitäten. Es existieren keine …
Das Knacken eines zerberstenden Zweiges brach laut wie ein Nebelhorn das Schweigen der Natur. Hastig drehte sich Matthias einmal um die eigene Achse. »Ist da jemand?«
Seine Stimme zitterte, und er wäre sich albern vorgekommen, wäre da nicht dieses Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht allein zu sein. Was, wenn alle anderen recht hatten? Wenn seine vermeintliche Rationalität nichts weiter wäre als ein Vorhang, den er vor der Ungeheuerlichkeit der Welt krampfhaft zugezogen hielt? Was, wenn es für ihn das Mysteriöse nur deshalb nicht gab, weil er die Augen davor verschloss und sich blind in ungeahnte Gefahr begab? Das kannte man doch aus unzähligen Horrorfilmen. Ein naiver Teenager fordert das Schicksal heraus, geht in Keller oder Schuppen oder Ruinen und findet dort sein unausweichliches und in jedem Fall blutiges Ende.
Und er stand allein zwischen hohen Bäumen im dichten Unterholz, in dem sich möglicherweise ein unbekanntes Wesen herumtrieb, und niemand wusste, wo er war. Wahrscheinlich fände man seinen Leichnam erst im Herbst, wenn das Laubwerk lichter wurde. Um Himmels willen, hoffentlich stieß nicht Rita auf seine Überreste, wenn sie für die Hotelküche nach Pilzen suchte. Das wollte er der armen Frau keinesfalls antun! Er musste hier raus, schon um ihretwillen.
Entschlossen wandte er sich gen Westen, in Richtung der See, und je weiter er ging, desto stärker nahm er das Meer wahr, dessen Duft der milde Wind zu ihm trieb. Dann öffnete sich eine Lichtung vor ihm zum Strand. Der feine Ostseesand grenzte an den moosigen Boden.
Das Nächste, was Matthias auffiel, als er weiterging, war der große Fliegenschwarm, der sich um eine Stelle versammelt hatte und wie eine dunkel glänzende Masse schwirrte, brummte, kroch. Matthias unterdrückte den unwillkürlich aufkommenden Ekel und trat näher heran. Die Insekten flogen auf. Einen toten Hasen oder Fuchs, vielleicht sogar ein Reh hatte er erwartet, aber nicht das, was er nun anstarrte.
Der Körper eines Mannes bildete hingestreckt eine grausige Verbindung zwischen Wald und Meer. Er lag auf dem Bauch, den Kopf zur Seite gedreht. Ein weit geöffnetes Auge starrte blicklos, dunkelrote Flüssigkeit sickerte durch die Mütze in den hellen Sand. Matthias kannte diesen Mann. Es war der geheimnisvolle Russe vom Hafen, der mit niemandem sprach und von dem keiner wusste, was er auf der Insel wollte. Jemand musste ihn angegriffen haben. Auf weichem Sand schlug man sich schließlich nicht derart den Kopf auf.
Nicht schon wieder!, dachte Matthias. Nicht schon wieder ein Mord auf Schroffenige!
Brennend stieg Säure in seine Speiseröhre. Er musste die Augen schließen und gegen die Übelkeit anatmen, wollte seine Lider nicht öffnen, tat es dann aber doch und kniete sich neben die Leiche.
Um sich zu vergewissern, legte er seine Finger an den Hals, spürte jedoch unter der eiskalten, tätowierten Haut keinen noch so schwachen Puls mehr zittern.
Er erhob sich, traute seinen wackligen Beinen jedoch nicht. Deshalb lehnte er sich an einen Baumstamm und zog sein Smartphone aus der Tasche. Seine Hände zitterten so sehr, dass es ihm zunächst nicht gelingen wollte, Hagens Nummer zu wählen, dabei war dies eindeutig ein Fall für die Polizei.
Reiß dich zusammen!
Mit einem tiefen Einatmen versuchte er gerade seine Ruhe zurückzugewinnen, als ein motorisiertes schwarzes Schlauchboot mit drei in Tarnfarben gekleideten Männern sich in rasender Geschwindigkeit der Insel näherte. Bevor es ungehindert auf den Strand preschen konnte, verringerte sich das Tempo abrupt, zwei der Insassen sprangen hinaus und wateten durch das Wasser. Sie zogen das Boot an Festmacherleinen hinter sich her, als der dritte Mann ihnen harsche Befehle zurief: »Nu davai! Shevelites!«
Hastig versteckte sich Matthias hinter dem Baum. Er erkannte die Besatzung der Jacht! Hatte ihr Kollege sie noch informieren können, bevor er …? Oder hatten die drei etwas mit dem Todesfall zu tun?
Und falls nicht? Sollte er sie lieber heranwinken und darauf hoffen, dass sie ihn nicht für den Mörder ihres Kumpans hielten? Er starrte unschlüssig auf sein Smartphone. Wenn diese Männer Böses im Schilde führten, würde ihm auch kein Anruf bei Hagen mehr nützen. Nein, er sollte hier verschwinden, so schnell, wie es nur ging.
In dem Augenblick, als er sich umdrehen und loslaufen wollte, hörte er rasche Schritte hinter sich.
4 Monate zuvor
Liebe Scarlett – Hallo, Matthias
Liebe Scarlett,
vor einer Woche haben Sie Schroffenige verlassen – ich hoffe, dass Sie mittlerweile gut in Frankfurt angekommen sind .
Am Tag Ihrer Abreise saß ich abends in meinem Garten, betrachtete mein Haus – all das, was nicht in Ordnung ist, zu perfektionieren wäre, schadhaft scheint – und musste dabei an Sie denken.
Unsere gemeinsame Zeit ist mir noch immer sehr gegenwärtig. Das Schreckliche, aber natürlich auch – vor allem sogar – das Gute. Vielleicht geht es Ihnen ja genauso. Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen, von Ihnen zu hören.
Mit den besten Grüßen,
Matthias (Hebereit) und Kapitän Ahab
»Ein Smiley? Sie haben einen Smiley benutzt?« Christian Carstens, Hagens Teenagersohn, klang so empört, als hätte Matthias den englischen König mit Chucky statt mit Your Majesty angeredet.
»Ja, was ist dagegen zu sagen?«, erkundigte sich Matthias, verwundert über Christians Reaktion.
»Was ist nicht dagegen zu sagen? Ein Smiley ist ick.« Das letzte Wort – wenn man es denn als Wort bezeichnen wollte – wurde von einer ausdrucksstarken Geste begleitet, bei der sich Christian Zeige- und Mittelfinger andeutungsweise in den geöffneten Mund steckte.
»So schlimm?«
»Sie können sich freuen, wenn sich die Chick noch mal meldet.«
Hallo Matthias,
wie schön, von Ihnen zu hören!
Toll, dass Sie sich durch all diese reizenden Kleinigkeiten an mich erinnert fühlen! Das freut mich wirklich sehr.
Auch ich habe heute an Schroffenige denken müssen, als ich nach dem Aufstehen den Nebel vor dem Fenster bewunderte, der aussah wie der Dunst morgens über dem Hafen.
Zumindest dachte ich, es wäre Nebel. Leider stellte es sich später als kleiner Brand in der Bäckerei unten im Haus heraus. Glücklicherweise wurde das Feuer schnell gelöscht, und niemand ist verletzt. Aber so ist das wohl mit Erinnerungen – sie bleiben lebendig, wenn man sie pflegt. Wie Zimmerpflanzen.
Wie geht es Kapitän Ahab? Ich muss sagen, ich vermisse ihn mehr als gedacht. Er ist mir zusammen mit Schroffenige doch sehr ans Herz gewachsen.
Auch ich würde mich sehr freuen, wenn wir in Kontakt bleiben würden! Immerhin sind wir jetzt ein Detektiv-Duo, wenn auch kein bekanntes. Trotzdem haben wir einiges zusammen erlebt.
Ich wünsche Ihnen und Kapitän Ahab eine schöne Woche!
Ganz viele Grüße aus Frankfurt
Scarlett
Karin zog die Beine auf Scarletts Couch und runzelte die Stirn. »Alles, was schadhaft ist, erinnert ihn an dich? Wer schreibt denn so was? Das muss einem doch auffallen, wie blöd das klingt!«
Ungerührt zog Scarlett den Teebeutel aus ihrer Tasse und legte ihn mit einer raschen und geschickten Bewegung auf die kleine Schale, die sie zu Karin hinüberschob. »Manchen Menschen fällt so etwas vielleicht gar nicht auf? Ich finde es sehr nett, dass er mir geschrieben hat.« Sie goss Milch in den schwarzbraunen Tee; die weißen Wölkchen erinnerten sie so sehr an den grau-schwarzen Himmel auf Schroffenige, dass sie schlucken musste.
»Der Mann ist Anwalt.« Karin warf ihren Teebeutel ebenfalls in die Schale. »Sollten die nicht gut mit Worten umgehen können? Und apropos Worte … Ich muss dir etwas erzählen!«
Liebe Scarlett,
bitte glauben Sie mir, dass meine späte Antwort auf Ihre E-Mail nichts damit zu tun hat, dass ich mich nicht darüber gefreut hätte. Denn das habe ich. Nur waren die letzten Tage sehr arbeitsintensiv – alte Mandanten mit neuen Problemen haben sich gemeldet, außerdem habe ich an dem Kochclub, den Rita Kovahl betreibt, teilgenommen und mich, wenn auch mit leider nur mäßigem Erfolg, an der Herstellung von Grünkohlcurry versucht. Bei Ihrem nächsten Besuch auf Schroffenige koche ich gern für Sie, würde jedoch ein anderes Gericht vorschlagen, ich möchte Sie ja nicht verschrecken . Des Weiteren hat mir Ahab zwei Tage lang arges Kopfzerbrechen bereitet. Er wollte und wollte einfach nichts fressen, dabei hatte ich ihm noch nicht einmal besagtes Curry vorgesetzt. Ich stand kurz davor, mit ihm nach Stralsund zum Tierarzt zu fahren, denn Dr. Breden, unser Veterinär hier auf der Insel, verfügt zwar über umfangreiches Wissen über erkranktes Großvieh und mag auch die Jagdhunde der Bauern gut versorgen, jedoch traue ich ihm nicht zu, die zarte Gattung Felis catus fachgerecht zu betreuen. Sie können sich meine Erleichterung vorstellen, als sich das Problem von selbst löste, und zwar in Form eines auf meinen Badezimmervorleger erbrochenen Haarballens von beachtlicher Größe. Danach zeigte Ahab keinerlei Zurückhaltung hinsichtlich des Futters mehr.
Sie sehen also, es war viel los, und deshalb kommt erst heute meine Antwort.
Zuerst einmal lassen Sie mich versichern, wie sehr es mich freut, dass es beim Brand in Ihrem Haus keine Verletzten gab. Ich hoffe, der Bäcker wird bald wieder in der Lage sein, Bethmännchen, Brenten und Haddekuche herzustellen. Oder alle anderen Gebäck-, Brot- und Kuchensorten, die zu seinem Angebot gehören mögen.
Vor ein paar Tagen erhielt ich übrigens eine E-Mail von Siddhartha. Er ist nach Berlin gezogen und macht sich mit eigenen Coachings und Seminaren selbstständig. Die ersten Kurse starten im nächsten Frühjahr. Ich überlege, an einem oder zweien davon teilzunehmen. Waren Sie schon einmal in Berlin?
Möglicherweise hat Frau Wolter Interesse, sich mit ihm als Seminaranbieter zusammenzutun. Vor den unseligen Geschehnissen im April hatte sie ja an einer solchen Neuausrichtung ihrer Karriere gearbeitet. Erzählen Sie ihr doch davon, wenn Sie sie sehen – ich gehe davon aus, dass sie noch Kontakt mit Ihnen hält, denn Sie sind ja eine sehr gute Freundin von ihr, und wer wollte das nicht sein – mit Ihnen befreundet? Ich zumindest würde es sein wollen …
Würde es sein wollen? Matthias runzelte die Stirn. Eigentlich waren sie das doch längst. Er löschte den angefangenen Satz. Vielleicht konnte er subtiler vorgehen, nicht so sehr mit dem Holzhammer. Und sollte er erwähnen, dass Siddhartha im Herbst ein Seminar in Frankfurt, also in Scarletts Heimatstadt, veranstaltete? Nein, dann würde sie vielleicht anbieten, dass er sie besuchte und sie gemeinsam dorthin gingen, worauf er erklären müsste, dass er an genau dem Tag schon zu Diethilds Geburtstagsfeier eingeladen war und er nur schwer absagen konnte, und dann hätte sie möglicherweise die Frage gestellt, warum er ihr überhaupt von dem Seminar erzählte … und dass würde ihm eindeutig zu kompliziert. Immerhin hatte er sie ziemlich direkt gefragt, ob sie Interesse daran hätte, mit ihm die Hauptstadt zu besuchen – gleichgültig, ob sie nun an einem Seminar der Siddhartha-Charta teilnehmen würden oder Konzerte und Museen besuchten. Jetzt lag der Ball wieder in ihrem Spielfeld, also gut. So sollte der Text bleiben. Matthias setzte einen Gruß darunter und las die E-Mail nicht noch einmal Korrektur. Dies führte sonst nur zu endlosen Überarbeitungen, Kürzungen und Verschlimmbesserungen, und er wollte nicht noch eine Woche verstreichen lassen, in der Scarlett nichts von ihm hörte.
Kaum dass er den Senden-Button gedrückt hatte, fiel ihm auf, dass sich wieder ein Smiley in den Text gemogelt hatte. Verdammich! Davon durfte er Christian auf keinen Fall etwas sagen!
Hallo Matthias,
das Schöne an unserem Austausch ist doch, dass es keine Fristen gibt – ich denke, davon haben Sie genug in Ihrem Beruf und ich in meinem ebenso.
Scarlett hielt inne, griff nach dem Rügen-Kugelschreiber aus ihrer Schale auf dem Schreibtisch und betätigte ein paarmal den Drücker, bevor sie ihn wieder weglegte. Matthias’ E-Mails waren immer ein bisschen rätselhaft. Freundlich, aber irgendwie auch … sie konnte das gar nicht richtig greifen. Karin hatte herzhaft gelacht, als sie ihr am Telefon den Teil vorgelesen hatte, der sie betraf.
»Ein Seminar mit Siddhartha? In Berlin? Na, da passt der hin!« Sie hatte scharf Luft durch die Nase eingezogen und sich dann verschwörerisch vorgebeugt. »Wenn du mich fragst, ist Siddhartha fake und will nur Kohle machen. Dem geht es gar nicht wirklich um das Spirituelle.« Nach einer kurzen Pause hatte Karin gefragt: »Hast du ihm eigentlich schon von Elmar geschrieben?« und dabei etwas spöttisch gelacht.
Und jetzt saß Scarlett da und überlegte. Elmar. Musste sie Matthias von Elmar berichten? Und was eigentlich? »Hallo, Matthias, ich habe da einen sehr interessanten Mann kennengelernt. Er hat zwar keine Katze, aber mal sehen, wohin das führt. Oder führen könnte?«
Mittlerweile hat die Bäckerei wieder ihre Arbeit aufgenommen, und ich habe wieder frische Brötchen. Eine Tatsache, die mich an Ihren lustigen Kochkurs erinnert! Auch wenn das Gericht vielleicht nicht Ihren persönlichen Geschmack trifft, werden Sie Ihre Technik sicher verbessert haben, und ich freue mich schon darauf, Sie bei Gelegenheit am Herd in Ihrem neu entdeckten Element zu erleben!
Übrigens habe ich hier in Frankfurt ein sehr interessantes Restaurant gefunden, in das mich ein neuer Freund, Elmar, eingeladen hat. Spanisch-thailändische Fusionsküche. Glauben Sie mir, Ihr Grünkohlcurry hätte gut auf die spektakuläre Speisekarte gepasst.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß in der Hauptstadt! Ist schon eine ganze Weile her, dass es mich nach Berlin verschlagen hat. Das Jahr hat einfach zu wenig Urlaubstage, um alles anzusteuern, was man so sehen will.
Meine besten Wünsche an Siddhartha!
Liebe Grüße
Scarlett
So. Eine schöne E-Mail. Alles drin, was sie hatte sagen wollen. Noch einmal griff sie nach dem Rügen-Kugelschreiber und drehte ihn nachdenklich in der Hand. Auf Siddharthas noch sehr rudimentärer Homepage hatte sie den Hinweis gefunden, dass er in wenigen Wochen ein Seminar in Frankfurt geben würde. Wenn Matthias unbedingt an einem Coaching von Siddhartha teilnehmen wollte, warum dann nicht an diesem? Es würde ihn in ihre Nähe führen, sie könnten sich abends treffen, essen gehen, über die Zeil flanieren oder am Mainufer entlang. Reden, sich erinnern, beieinander sein …
Sie legte den Kugelschreiber abermals zurück, mit so viel Nachdruck diesmal, als packe sie nicht nur ihn in die Schale.
Ganz offensichtlich wollte Matthias das alles nicht. Am Ende hatten sie also einfach nur zusammen einen Mord aufgeklärt und schrieben sich freundliche E-Mails, weil es seltsam wäre, den Kontakt abzubrechen.
Mehr eben auch nicht. Und dieses »mehr eben auch nicht« enttäuschte Scarlett ein ganz klein wenig.
Liebe Scarlett,
Matthias hielt inne. Bisher war es ihm sehr leichtgefallen, Scarlett zu schreiben. Er hatte sich sogar dabei ertappt, dass er sich bei öden Routinearbeiten im Haushalt überlegte, was er ihr erzählen würde, welche Schroffeniger Anekdötchen er vor ihr ausbreiten und welche tiefgründigen Überlegungen er mit ihr teilen könnte. Die Worte, die er letztlich niederschrieb, reichten zwar nie an diese Gedankenspiele heran, aber direkt nach der Anrede war er nie ins Stocken geraten. Bis jetzt.
Ein neues Restaurant. Spanisch-thailändische Fusionsküche! Allein bei der Vorstellung wurde ihm ein wenig übel, denn vor seinem geistigen Auge sah er eine Schüssel voll mit Kokosmilch-Zitronengras-Paella. In solche Restaurants gingen vermutlich in erster Linie Menschen mit sehr schlechtem Geschmack. Menschen, die sich nicht zwischen zwei hervorragenden Möglichkeiten entscheiden konnten und deshalb ein unidentifizierbares Gemisch bevorzugten. In solche Restaurants gingen Menschen, die Elmar hießen.
Ein neuer Freund.
Er presste den Zeigefinger gegen seine Nasenspitze. War das ein Freund oder ein … Freund? Könnte er sich danach erkundigen? Aber dann stellte sie womöglich die Gegenfrage, warum er das so genau wissen wollte, und darauf würde er sagen: »Ach, einfach nur so. Im Grunde hat es mich nichts anzugehen«. Und dann könnte sie erwidern, warum er dann damit angefangen hatte, und darauf hätte er überhaupt nichts zu entgegnen, weil er weder wusste, weshalb er sie fragte, noch warum ihm das wichtig war. Dann bliebe am Ende nur peinliche Beklommenheit.
Ahab schlich plötzlich drängend um seine Beine. Matthias warf einen Blick auf die goldene Tischuhr auf seinem Nussbaumsekretär aus der Gründerzeit. Die Zeiger auf dem Emailleziffernblatt standen genau auf 18 Uhr.
»Die Bahn sollte sich ein Beispiel an deiner Pünktlichkeit nehmen«, lobte er seinen Kater, was der mit einem sehr lauten Maunzen erwiderte.
»Ja, keine Sorge, es gibt gleich Futter. Lass mich das hier nur schnell … schnell fertig machen.«
Liebe Scarlett,
Sie haben recht – es gibt viel zu viele Fristen in meinem Leben. Gerade jetzt laufen sie in diversen Akten auf. Ein Fristversäumnis ist keine leichtzunehmende Sache, denn eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand wird nicht ohne Weiteres gewährt. Dafür muss nachgewiesen werden, dass man besagte Frist unverschuldet versäumt hat. Nur dann kann der derart entstandene Rechtsnachteil durch Zurückversetzung beseitigt werden. Sehen Sie mir also bitte nach, wenn ich mich heute etwas kürzer fasse als sonst.
Hier ist alles beim Alten, alle sind gesund und munter – auch ich –, und ich bin froh, dass Sie neue Bekanntschaften schließen.
Herzliche Grüße
Matthias
E-Mail abgeschickt. Kater gefüttert. Ein Butterbrot fürs Abendbrot geschmiert und vor dem Fernseher gegessen, während eine Talkshow lief, bei der die immer gleichen Gäste das immer Gleiche sagten.
Matthias schloss die Augen. Hatte er heute eine Frist versäumt? Na, wenigstens hatte er kein Smiley benutzt.
Hallo Matthias,
auf keinen Fall will ich Ihnen kostbare Zeit stehlen!
Ich habe nicht bedacht, dass Sie als einziger Anwalt und Notar auf der Insel bestimmt alle Hände voll zu tun haben und unser kleines Abenteuer wohl einfach in eine der seltenen, weniger stressigen Zeiten fiel.
Auch in meinem Beruf gibt es Deadlines und Abgabefristen – ich kann Ihnen das also gut nachfühlen.
Scarlett hielt inne. Na ja. Keine der Deadlines, bei welchem Projekt auch immer, war bisher so richtig in Stein gemeißelt gewesen. Oft genug kamen unvorhergesehene Probleme verschiedenster Art auf ihr Team zu – nicht immer bekam sie einen konkreten Überblick –, sodass man das wahrscheinlich kaum mit seinen Fristen vergleichen konnte. Sie hob ihren Laptop an und zupfte eine Falte aus ihrer Bettdecke. Dann griff sie nach ihrer Teetasse, blies hinein und überflog noch einmal Matthias’ Nachricht. Es war eine ziemlich kurze E-Mail. Die kürzeste, die sie je von ihm bekommen hatte. Und irgendwie, das musste sie sich eingestehen, kränkte sie das.
Ja, sicher, er hatte vielleicht auch mal wenig Zeit, aber dann konnte sie auch warten. Sie erwartete ja nicht jeden Tag eine Antwort, hatte ihm das auch nie zu verstehen gegeben.
Die kleine Verstimmung, die sie beim Lesen seiner Worte gefühlt hatte, wurde größer. Sie runzelte die Stirn.
Nach einem Schluck, bei dem sie sich fast die Zunge verbrannte, stellte sie die Tasse wieder auf ihren Nachttisch, bevor sie weitertippte:
Umso schöner ist es, wenn man sich dann die karge Freizeit so angenehm wie möglich machen kann. Elmar – ich hatte schon von ihm erzählt, nicht wahr? – ist wirklich eine spannende Persönlichkeit. Es tut immer wieder gut, sich die Zeit mit interessanten Menschen zu vertreiben. Ich glaube, Neugier und Abwechslung halten jung.
Das klang ja furchtbar und ein bisschen doppeldeutig. Obwohl Scarletts Finger über der Backspace-Taste kreiste, brachte sie es nicht über sich, den Satz zu löschen. Nach der recht kurz angebundenen E-Mail hatte sie das Gefühl, sie müsse Matthias etwas aus der Reserve locken. Er wusste ja nicht, dass sie, obwohl sie sich bisher große Mühe gegeben hatte, nicht wirklich viel über Elmar hatte in Erfahrung bringen können.
Grüßen Sie Kapitän Ahab ganz lieb von mir! Und auch Schroffenige. Die Insel fehlt mir sehr.
Herzliche Grüße
Scarlett
Er findet mich einfach nett
Scarlett
Elmar beugte sich über den Tisch. »Das klingt so spannend!«, sagte er lächelnd und lehnte sich gleich wieder zurück. »Toll, dass du so einen so verantwortungsvollen Job hast.«
Scarlett fühlte, wie ihre Wangen erst warm, dann heiß wurden, und sie war sich sicher: auch sehr rot. Zum Glück würde das in der schummerigen Beleuchtung kaum auffallen. Unruhig rutschte sie auf dem unbequemen Holzhocker ein wenig nach hinten und fast ein Stückchen zu weit. Deshalb musste sie hastig nach der Tischkante greifen und sich daran festkrallen, bis sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte.
In dem Restaurant, das Elmar diesmal vorgeschlagen hatte – ein Koreaner mit Tisch-Barbecue –, war es auch ohne die munter glühenden Kohlen schon warm. Die Schärfe der Gurkenbeilage hatte ihr Übriges getan. Seit dem Essen klebte ihr jedenfalls die Bluse regelrecht am Rücken, sodass sie jetzt vor allem damit beschäftigt war, einen guten Eindruck zu machen, obwohl sie sich nicht gerade wohlfühlte.
»Ja, aber genug von mir«, sagte sie, erwiderte sein Lächeln und schob ihren Teller zurück. »Erzähl mir doch etwas von dir! Was machst du eigentlich beruflich?«
Sie hatte ihn das schon zwei Mal gefragt. Einmal, als er sie in der Kneipe in der Klappergasse, in die Karin sie geschleppt hatte, angesprochen hatte. Das zweite Mal, als er sie in das seltsame Fusion-Restaurant gelotst hatte.
Es hatte ihr durchaus geschmeichelt, das musste sie zugeben, dass er nicht Karin gefragt hatte, ob neben ihr noch ein Platz frei sei, sondern sie, Scarlett! Denn sie war es gewohnt, hinter der attraktiven Karin zurückzustecken. Für einen klitzekleinen Moment hatte sie sich über das angesäuerte Gesicht ihrer Freundin sogar gefreut, denn Elmar konnte man mit seinen vollen dunklen Haaren, den blauen Augen und dem kantigen Kinn getrost als gut aussehend beschreiben.
»Ach«, gab Elmar zurück, hob die Hand und winkte ab. »Über mich gibt es nicht viel Interessantes zu berichten. Bürojob in einer … in einer Versicherung. Nine to five. Ein paarmal Sport in der Woche, und wenn ich Zeit habe, lese ich gern abends ein gutes Buch.« Er stockte und sah sie aus den dunkelblauen Augen an, ohne zu blinzeln. »Ich bin so viel langweiliger als du.«
Jetzt musste Scarlett schlucken und fühlte sich ertappt. Sie war in Wahrheit genauso langweilig wie er, nur hatte sie leider, als sie sich kennenlernten, etwas mit ihrem Job übertrieben. Gelogen hatte sie nicht, nein. Sie hatte sich nicht zur Projektleitung gemacht oder so, aber vielleicht hatte hier und da der Eindruck entstehen können, dass sie mehr im Unternehmen zu sagen hatte, als es tatsächlich der Fall war.
Elmar zerknüllte seine Serviette und faltete sie gedankenverloren wieder auf. »Und einen Mord, so wie du, habe ich auch nicht aufgeklärt.«
Scarlett fühlte, wie ihre Wangen wieder heiß wurden. Etwas angeheitert hatte sie ihm in der Kneipe von ihrem Schroffenige-Abenteuer erzählt, als sie sich kennengelernt hatten. »Meine gute Freundin stand unter Mordverdacht. Da konnte ich ja schlecht die Hände in den Schoß legen«, gab sie leichthin zurück.
»Wie hieß die Insel noch mal?«, fragte Elmar mit gerunzelter Stirn.
»Schrofffenige.« Scarletts Gedanken glitten für einen Moment an den Strand von Hochdeich und die gemütliche Kapitänsstube am Hafen. »Lohnt sich sehr, ein Besuch auf der Insel. Sie ist nicht so überlaufen. Sehr viel Natur. Und es gibt noch so ganz wilde Ecken, wo man niemandem begegnet.«
»Klingt toll!« Elmar legte seine Serviette, die er vorher in der Hand zerknüllt hatte, auf den Tisch. »Ich finde, wir sollten das wiederholen. Bald sogar. Was machst du am Freitag?«
Scarlett blinzelte. Heute war Mittwoch. »Übermorgen?«, fragte sie überrascht nach.
Elmars Lächeln war bezaubernd. Wieder lehnte er sich über den Tisch, diesmal blickte er Scarlett tief in die Augen. »Ja, genau diesen Freitag meine ich.«
Trotz der Wärme lief ihr jetzt ein wohliger Schauer über den Rücken, und ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer. Absurderweise musste sie ausgerechnet dabei an Matthias denken. Sie schob sein Gesicht im Geiste weg und konzentrierte sich auf Elmar.
»Sehr, sehr gern!«, gab sie schließlich leise zurück.
***
»Drittes Date, Scarlett. Du weißt schon, was das heißt?«
Scarlett legte das Smartphone auf die kleine Kommode neben ihrem Kleiderschrank, auf dessen Display Karin ihr süffisant entgegenlächelte. »Nur, wenn man das Kennenlernen in der Bar mitzählt. Und … und wir haben gleich zu Anfang beschlossen, dass wir alles ganz langsam und ohne Stress angehen. Wir sind doch keine Teenager mehr.«
»Ja, ja.« Karin lachte und strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. »Aber du wirst rot wie ein Teenager!«
»Sag mir lieber, was ich anziehen soll«, lenkte Scarlett rasch ab und starrte ratlos in das Innere ihres Schranks.
»Du hast noch meinen dunkelroten Jumpsuit.«
Scarlett runzelte sie Stirn, dann zog sie ihn vom Bügel. Sie hatte sich das Kleidungsstück vor ein paar Wochen von Karin für ein Unternehmens-Event geborgt, dann aber gar nicht tragen können, weil eine schwere Erkältung sie ans Bett gefesselt hatte.
»Ist der nicht zu schick?«, fragte sie unsicher. Und zu … zu sehr Karin und nicht Scarlett? Außerdem saß er bei ihr ein bisschen eng um die Hüfte.
»Kommt drauf an, was du dazu anziehst. Und was du willst.« Karin kicherte. »Du, ich muss leider Schluss machen und noch ein paar Kartons packen. Morgen um sieben kommt das Umzugsunternehmen.«
Mit viel Glück hatte ihre Freundin eine Wohnung in Griesheim mit Blick auf den Main gefunden. Zufrieden war Karin deshalb allerdings längst nicht. Die Bleibe war zu klein, im falschen Stadtteil, und der Neubau war ihr zu nichtssagend.
»Bist du denn eigentlich dazu gekommen, an deinem Buchprojekt weiterzuarbeiten?« Scarlett wollte das Gespräch nicht so schnell beenden. Sie schob den Jumpsuit wieder auf den Bügel, schloss den Schrank und hängte das Kleidungsstück vor die Spiegeltür. Dann trat sie einen Schritt zurück und legte den Kopf schräg.
»Nein, leider nicht.« Karin seufzte.
»Und worum geht es denn nun? Ist es ein Buch über Yoga?«, fragte Scarlett. Seit Wochen ließ ihre Freundin sie nun raten. Bisher hatte sie mit all ihren Versuchen danebengelegen.
»Nein. Obwohl … kommt auch vor!« Wieder kicherte Karin. »Dir viel Spaß und bis ganz bald! Erzähl mir, wie das Date war! Heute Abend noch oder … oder morgen früh.« Bevor Scarlett sich verabschieden konnte, hatte ihre Freundin aufgelegt.
»Also schön«, sagte Scarlett leise, gab sich einen Ruck und zog den Jumpsuit wieder vom Bügel.
Was hatte Karin in der Kneipe gesagt, als sie Elmar kennengelernt hatten? »Er könnte ein Serienkiller sein, der es auf Normalo-Frauen abgesehen hat.«
»Oder«, hatte Scarlett trotzig geantwortet, »er findet mich einfach nett.«
Und so musste es sein, oder etwa nicht? Vielleicht hatte sie da jetzt endlich mal einen guten Mann an der Angel, einen, der nicht ständig über sich selbst sprach, sondern sich wirklich für sie interessierte!
Man kann auch einfach mal Glück haben, dachte Scarlett erfreut. Und vielleicht war deshalb der rote Jumpsuit genau das Richtige.
***
»Du siehst umwerfend aus!«, rief Elmar und hauchte einen Kuss irgendwo neben Scarletts Wange in die Luft.
Sie hatte schon eine Weile an dem kleinen Tisch im »New Black« gewartet und sich sehr overdressed gefühlt. Alles war hier schwarz und betont leger. Die meisten trugen Sneakers, Jeans und T-Shirt. Scarlett kam sich alt vor. Wenn sie das gewusst hätte, hätte sie ganz sicher etwas Schwarzes angezogen, um einfach nicht als Fremdkörper hervorzustechen. Auffallen war nichts, was ihr wirklich aus tiefstem Herzen Freude bereitete.
»We stand back, so you can shine!«, stand in großen Lettern auf einem Spiegel hinter der Bar.
»Ein tolles Rot!« Elmar ließ sich Scarlett gegenüber in den Metallstuhl fallen. »Sorry, ich bin spät dran … der Verkehr.«
Verkehr? Scarlett schüttelte verwirrt den Kopf. Nach ihrem Kennenlernen hatte Elmar angeboten, Scarlett und Karin noch zur Bushaltestelle in der Paradiesgasse zu begleiten. Bei der Gelegenheit waren sie an dem Haus vorbeigelaufen, in dem er wohnte. An der Adresse, die auch ganz unten in seiner E-Mail-Signatur stand. »Du wohnst doch gleich um die Ecke?«
Jetzt färbten sich Elmars Wangen zur Abwechslung zartrosa. »Ich komme direkt von einem Außentermin.«
Scarlett lachte. »Also doch ein aufregender Job!«
Nicht nur die Inneneinrichtung war schwarz, auch die Cocktails und alle Gerichte. Nichts sprach Scarlett so richtig an, daher entschied sie sich schließlich für schwarzen Rettich an schwarzem Reis mit Belugalinsen, während Elmar den schwarzen Burger mit schwarzem Mais orderte.
»Interessantes Konzept«, murmelte Scarlett, nachdem die Kellnerin, von Kopf bis Fuß in Schwarz natürlich, die Karten eingesammelt hatte.
»Ja, fand ich auch. Ein Kollege von mir hat es empfohlen und«, Elmar hielt inne und lachte kurz auf, »ich weiß nicht, wie ich das finde.«
»Ich auch nicht.« Scarlett schüttelte den Kopf.
»Beim letzten Mal hattest du mir von dem neuen Projekt in deiner Firma erzählt. Wie läuft es inzwischen?« Elmar nahm die Wasserflasche und schenkte ihnen beiden nach.
Wenigstens war das Wasser nicht schwarz.
»Ja, ich«, begann Scarlett und sah dann verlegen einen Moment auf den Tisch, bevor sie mit dem Zeigefinger die schwarze Serviette, in der ihr Besteck eingewickelt war, ein wenig hin und her schob.
