Der fliegende Brasilianer - Márcio Souza - E-Book

Der fliegende Brasilianer E-Book

Márcio Souza

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Beschreibung

Im Alter von 18 Jahren kommt Alberto Santos Dumont (1873-1932), Sohn reicher brasilianischer Plantagenbesitzer, nach Paris, um sich auf dem Gebiet der Technik und Naturwissenschaften weiterzubilden, doch: Er erliegt dem Traum vom Fliegen, der Faszination der Gefahr und seiner Lust auf Abenteuer. Schon bald ist er einer der bedeutendsten Flugpioniere seiner Zeit. Im Sturm-Flug erobert er die Herzen der Pariserinnen. Aber da seine wahre Liebe der Fliegerei gilt, lösen sich seine Beziehungen zu Frauen früher oder später in Luft auf. In der szenischen Folge abgeschlossener Prosaminiaturen erzählt Märcio Souza von den Höhenflügen und Bruchlandungen Santos Dumonts. Er manövriert den Leser mit luftiger Leichtigkeit durch Ballonschuppen und Hangars, Cafés und Salons der Belle Époque und entlarvt dabei - ganz en passant und doch schonungslos - die Arroganz der "zivilisierten" Europäer und ihren kolonialistischen Blick auf Lateinamerika ebenso wie die politischen Verhältnisse im Brasilien der dreißiger Jahre. Von Márcio Souza außerdem in der Edition diá lieferbar: Galvez, Kaiser von Amazonien. Roman Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Ray-Güde Mertin ISBN 9783860345375 Mad Maria oder das Klavier im Fluss. Roman Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Ray-Güde Mertin ISBN 9783860345382

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Márcio SouzaDer fliegende Brasilianer

Roman

Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner

Edition diá

Über dieses Buch

Im Alter von 18 Jahren kommt Alberto Santos Dumont (1873–1932), Sohn reicher brasilianischer Plantagenbesitzer, nach Paris, um sich auf dem Gebiet der Technik und Naturwissenschaften weiterzubilden, doch: Er erliegt dem Traum vom Fliegen, der Faszination der Gefahr und seiner Lust auf Abenteuer. Schon bald ist er einer der bedeutendsten Flugpioniere seiner Zeit. Im Sturm-Flug erobert er die Herzen der Pariserinnen. Aber da seine wahre Liebe der Fliegerei gilt, lösen sich seine Beziehungen zu Frauen früher oder später in Luft auf.

In der szenischen Folge abgeschlossener Prosaminiaturen erzählt Márcio Souza von den Höhenflügen und Bruchlandungen Santos Dumonts. Er manövriert den Leser mit luftiger Leichtigkeit durch Ballonschuppen und Hangars, Cafés und Salons der Belle Époque und entlarvt dabei – ganz en passant und doch schonungslos – die Arroganz der »zivilisierten« Europäer und ihren kolonialistischen Blick auf Lateinamerika ebenso wie die politischen Verhältnisse im Brasilien der dreißiger Jahre.

»Nur Fliegen ist schöner …« (Bayerischer Rundfunk)

Der Autor

Márcio Souza wurde 1946 in Manaus (Amazonien) geboren, wo er auch heute wieder lebt. Er studierte Sozialwissenschaften in São Paulo und leitete die Nationale Buchabteilung der Biblioteca Nacional in Rio de Janeiro. Neben seiner literarischen Tätigkeit (Romane, Essays, Drehbücher, Filmkritiken) war er auch als Journalist und Dramaturg tätig. In deutscher Übersetzung liegen vor: »Galvez, Kaiser von Amazonien« und »Mad Maria oder das Klavier im Fluss«.

Die Übersetzerin

Karin von Schweder-Schreiner, geboren 1943 in Posen, hat in Germersheim/Mainz und Lissabon studiert und ist seit vielen Jahren als literarische Übersetzerin tätig. Sie übertrug u. a. Werke von Jorge Amado, Chico Buarque, Mia Couto, Rubem Fonseca, Lídia Jorge, José Saramago und Moacyr Scliar ins Deutsche und erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter 1994 den Prêmio Internacional de Tradução des brasilianischen Kulturministeriums. Nach langen Aufenthalten in Portugal und Brasilien lebt sie seit 1984 in Hamburg.

Alberto Santos Dumont im Luftschiff Nr. 9 »Baladeuse«, 1903

Inhalt

Teil IDas Wunder der abendländischen Weltoder Ein Großgrundbesitzer der Luft in Gallien1893 bis 1902Mit Szenen von 1932

Teil IIDie Abenteuer des Dumont-Daidalosoder Quincas Borba in Combray1903

Teil IIIDie Missgeschicke des Quincas Borbaoder Dumont-Daidalos im Labyrinth1903 bis 1906

Teil IVDie Demoiselle des Dumont-Daidalosoder Der Sieg des Dr. Bacamarte1907 bis 1932

DanksagungenImpressum

»Nobody will flyfor a thousand years!«Wilbur Wright

Dieses Buch ist ursprünglich als Drehbuch für einen Film entstanden. Die endgültige, offizielle und unanfechtbare Biografie von Santos Dumont zu schreiben, war nie mein Anspruch. Eigentlich hatte ich keine große Sympathie für den Protagonisten. Als er vom militärischen Kult vereinnahmt wurde, verwandelte Santos Dumont sich in eine fade Gestalt, das Symbol eines mittelmäßigen, gekränkten, typisch brasilianischen Patriotismus, eine Art schmächtiger, galliger Halbgott, der nur deshalb verkannt werde, weil er in diesem Land des Karnevals und der Bonhomie geboren war. Kurzum, eine jener typischen Geschichten, die man uns ständig eintrichtert, um uns weiszumachen, wir seien zum Siegen geboren und nicht zum Verlieren.

Im Grunde hat dieser verzerrte Patriotismus Santos Dumont wesentlich Schlimmeres angetan als das, was die Tauben ganz ungeniert auf den Statuen berühmter Leute in öffentlichen Anlagen tun.

Zum Glück irren die Tauben sich nicht.

Im Übrigen trage ich die alleinige Verantwortung.

Teil I

Das Wunder der abendländischen Weltoder Ein Großgrundbesitzer der Luft in Gallien1893 bis 1902Mit Szenen von 1932

»Und er stieg empor, in die Lüfte hineinim verblassenden Blau des Spätnachmittagshimmelsauf der Suche nach einem klangvollen Reim …«Machado de Assis

Alte Republik Er zündet die Papiere an, die er aufbewahrt hat. Rui Barbosa, der die Dokumente der Sklaverei in die Flammen geworfen hatte, hätte neidisch werden können. Man schreibt 1914. Alberto ist schon sehr krank. Die Franzosen, in Panik, weil die boches ihnen auf den Fersen sind, haben den Brasilianer für einen deutschen Spion gehalten. Chauvinismus ist immer kurzsichtig. Und er beschließt, der Zukunft jene Krumen vorzuenthalten, aus denen man die Toten notdürftig rekonstruiert. Briefe, Tagebücher, Entwürfe, alles verbrennt. Übrig geblieben ist die brasilianische Verdammung zum Unpräzisen. Alberto war damit zu einem weiteren Kapitel der nationalen Desinformation geworden.

Der Cinematograph Lumière Übrig blieb der schmächtige Stutzer von den Fotografien und der schillernde Typ aus den neunmalklugen Biografien. Ein Exzentriker unter der Lupe der lombrosianischen Psychiatrie. Kurios und naiv. Noch eine unangenehme Figur im Pantheon der Unangenehmen der Nation.

Den Mann der Tat stellt die Handlung vielleicht wieder her. Auf der Leinwand eines dunklen Raumes und in Dolby Stereo.

Den Kavalier der Belle Époque holt vielleicht die schwungvolle Erzählung zurück. Mit der respektlosen Spekulation der Fiktion.

Mit dem Verbrennen seiner Papiere hat er uns jede Freiheit gestattet.

Lieber seine Taten aufschlüsseln als in aschgraue Interpretationen versinken.

Cinematograph II Der Roman beginnt.

Der Held greift nach einer Krawatte und geht ins Badezimmer. Im Morgenmantel.

São Paulo kopflos Er stirbt im Badezimmer eines Luxushotels am Strand von Santos. An einem schönen Vormittag, dem 23. Juli 1932. Die Paulistaner befinden sich seit dem 9. im Aufstand gegen das Regime von Getúlio Vargas. Streitereien der Elite, wie man weiß. Am selben Tag tritt atemlos ein Mann in das Arbeitszimmer des Revolutionsführers. Er ist dick, Dichter und von der Kripo. Ein anderer Mann, dieser dick, schielend und General, mit dem Äußeren eines Raufbolds aus einer deutschen Bierkneipe, empfängt ihn unwirsch. Der Kripo-Dichter heißt Emílio de Menezes. Der wie ein rüder Säufer Wirkende ist Bertoldo Klinger, der später versuchen wird, noch etwas zu reformieren, was ihn, neben der Demokratie, ebenfalls gründlich ärgert: die Orthografie der portugiesischen Sprache. Der dicke Provinzliebhaber der Musen sieht über die Schroffheit des Generals hinweg und berichtet ohne Umschweife von der Tragödie. Alberto Santos Dumont, der Stolz des Vaterlandes, habe soeben Selbstmord begangen. Der General vernimmt mit Abscheu, dass der besessene Erfinder sich ausgerechnet mitten in der Revolution umgebracht hat und obendrein noch in einem Hotelbadezimmer. Höchst verdächtig, sich in einem Badezimmer umzubringen. Er weiß, dass der Selbstmörder einen leichten Dachschaden hatte, sich einmischte, wo man ihn nicht nach seiner Meinung gefragt hatte, und sich in letzter Zeit nicht gerade wie der Ruhm der Nation aufführte. Deshalb ordnet er an, ehe es peinlich und die Ehre des Vaterlandes befleckt werden könnte, die polizeilichen Ermittlungen einzustellen und vom Autopsie-Tisch einen Leichnam mit anständigem, unverdächtigem Tod zu entlassen, so wie alle großen Patrioten zu sterben haben. Wäre Alberto Santos Dumont nicht übergeschnappt gewesen, hätte er selbstverständlich so eine unbedachte Tat nie begangen. Männer wie er sterben im Bett, zur Bestürzung der Gerechten und als Vorbild für die Jugend. Abschließend ordnet er dann an, dass in den Mitteilungen an die Presse ein weiteres unpassendes biografisches Detail unerwähnt bleiben solle. Der Mann ist als Junggeselle gestorben. Unverheiratet zu sterben, ohne eine Witwe und zahlreiche Nachkommenschaft zu hinterlassen! Wie sollen die Lehrer später den Ledigenstand des Helden erklären, ohne bei den pubertierenden Schülern Verdacht zu wecken? Dann lieber ein Detail von so geringer Bedeutung weglassen.

Und so geschah es.

Lied aus dem Exil Er gehört kaum in dieses Land und geht das Wagnis ein, sich wie ein Exilierter zu fühlen. 18 vollendete Lebensjahre und die Volljährigkeitserklärung im Gepäck. Als Einkommen seinen Erbanteil am Drei-Millionen-Dollar-Vermögen seines Vaters, sorgfältig in Aktien und anderen Investitionen angelegt.

Frühjahr 1893.

Alberto kommt im selben Jahr in Paris an, in dem Getúlio Vargas, schon damals pausbackig und durchtrieben, zehn Jahre alt wird. Er ahnt nicht, dass sein Tod so viele Ungelegenheiten verursachen und die Verbreitung so vieler Geheimnisse auslösen wird. Es dauert 24 Jahre, bis sein Totenschein ausgestellt wird, und trotzdem steht nichts vom Selbstmord in dem Dokument. Vargas’ Totenschein, in Rio ausgestellt, sagt, wie der Caudillo zu Tode kam: Selbstmord.

Mein Werdegang Ehe Schandmäuler irgendwelche Mutmaßungen anstellen, sei von vornherein festgehalten, dass Petitsantôs’ Vermögen ausschließlich in Brasilien angelegt war.

Und er hat alles, was er gemacht hat, mit diesem Vermögen gemacht.

Die Statur von Beau Brummel Er quartiert sich bei seinen Verwandten Dumont ein.

Sagen wir, die Verwandtschaft hätte im 16. Arrondissement gewohnt. Und als ordentlicher junger Mann, der er ist, nimmt Alberto dort Logis. Aber die Verwandten haben den Hausgast vermutlich nicht in bester Erinnerung behalten. Seine Zurückhaltung wird mit Stolz verwechselt, seine Wortkargheit mit Schroffheit. Und nicht genug damit, dass er seine eigenen Betttücher aus Seridó-Baumwolle und seine in der Rua Direita maßgeschneiderten Anzüge mitgebracht hat, er demonstriert auch noch feierliche Verachtung für akademische Rituale und lässt die Sorbonne links liegen. Er engagiert einen métèque namens Garcia als Privatlehrer und besucht als Gasthörer die Universität von Bristol.

La Gran Via Der Lehrer Garcia ist arbeitslos und bekommt von dem südamerikanischen Senhorito die Erklärung zu hören, dass seine Studien keinen bloßen Bildungszweck erfüllen sollen. Ich habe nicht die Absicht, ein Mann der Gesellschaft mit einem salonfähigen Anstrich von vager Bildung zu werden wie so viele andere, sagt der Senhorito. Dem Lehrer bricht angesichts des pragmatischen Denkens seines Schülers der kalte Schweiß aus. Er muss diese Stelle bekommen, auch wenn er dafür Physik, Elektrizitätslehre und Chemie zu unterrichten hat, Fächer, die im Bois de Boulogne nicht gerade üblich sind. Er fragt, ob der junge Mann in die Industrie gehen wolle, und erhält eine ausweichende Antwort. Er wird engagiert.

Die Insel der Pinguine Ein neuer Sport zieht die waghalsigsten jungen Männer in den Parc des Princes. Aber Waghalsigkeit allein genügt nicht, man muss auch noch sehr reich sein. Ein Roadster Peugeot kostet 25 000 Goldfrancs, ein Gottlieb Daimler 12 000 und ein Panhard et Levassor 32 000. Ganz abgesehen von dem ständig in Bereitschaft stehenden Mechaniker und den Reparaturen nach jeder Fahrt.

Alberto kauft einen Roadster Peugeot und schließt sich mit 16 Stundenkilometern der Clique an. Auf einen Mechaniker kann er verzichten, denn er ist imstande, die weißen Handschuhe auszuziehen und selbst Hand an den komplizierten Mechanismus zu legen. Die jungen Barone, Unternehmenserben und Bankierssöhne wissen nicht recht, ob sie den kleinwüchsigen, herausgeputzten Südamerikaner um seine manuelle Geschicklichkeit beneiden oder dafür verachten sollen. Schließlich nehmen sie seine Exzentrizität als Frucht einer exotischen Herkunft. Und Alberto wird zu dem beliebten Petitsantôs.

Nur sein Lehrer Garcia scheint mit den Extravaganzen nicht einverstanden zu sein. Wenn sein Schüler verunglückt, wer wird ihm dann je wieder 2 000 Francs im Monat zahlen?

Bräuche und Moral im Spätkapitalismus In dem Roadster Peugeot fährt er mit 16 Stundenkilometern auf den von Zypressen gesäumten Landstraßen des Marnetals. Dann kauft er eine voiturette, ein »Wägelchen« von De Dion, das bis zu 35 Stundenkilometer erreichen kann. Die badenden Damen in Nizza sind entzückt.

Wie klein er ist, tuscheln die Midinetten, die den Passanten in der Rue du Temple Veilchen anbieten. Er geht dazu über, wegen ihrer streckenden Wirkung längs gestreifte Anzüge zu tragen. Trotzdem hört er noch bei Wettrennen zwischen von Straußen gezogenen zweirädrigen Karren Bemerkungen über seine kleine Statur. Bei einem renommierten Handwerker der Rue de Turbigo bestellt er Stiefeletten, um fünf Zentimeter größer zu werden. Die Franzosen sehen weiterhin auf den Brasilianer herab. Das Problem liegt nicht in der Statur, sondern im Breitengrad.

Eines Tages verbietet der Direktor des Parc des Princes die Dreiradrennen. Petitsantôs macht sich zum Fürsprecher und protestiert gegen die Maßnahme. Der Direktor ist ein vorsichtiger Mann und findet, das Velodrom sei nicht dafür gebaut worden, dass hirnlose junge Männer sich dort den Hals brechen. Der Neffe des Grafen Maturin hat sein Leben verloren, der Enkel des Marschalls Bobineaux ist gelähmt, und der jüngste Bruder des Vicomte de Parma vom Crédit Lyonnais liegt mit einem schweren offenen Bruch im Hospital.

Petitsantôs versucht, das Velodrom zu mieten und die Verantwortung zu übernehmen. Der Direktor erkundigt sich, wer er sei, dass er das Velodrom mieten wolle. Der Erbe eines Pharmaimperiums, der die Geschwindigkeit mehr liebt als den Verkauf von Wurmmitteln, wundert sich über die Frage. Wieso wisse der Direktor nicht, wer Petitsantôs sei? Und sei es überhaupt wichtig zu wissen, wer er sei? Selbstverständlich, erwidert der Direktor arrogant. Im Parc des Princes verkehre die beste Pariser Gesellschaft, und da könne nicht einfach irgendwer ihn mieten. Sei der ungestüme junge Mann wenigstens Franzose? Nein, das sei er nicht. Vielleicht halb Franzose. Und der Direktor untersagt die Rennen, weil er nicht weiß, was es bedeutet, halb Franzose zu sein.

Die Theorie der müßiggängerischen Klassen Albertos Reichtum kommt aus der Erde. Von einer Kaffeefazenda in Ribeirão Preto im Staate São Paulo. Die Santos Dumonts im Süden sind schon länger zivilisierte Leute als die Vanderbilts im Norden. Sie sind kultiviert, aristokratisch und aufgeklärt. Die weiblichen Sprösslinge der Familie haben es nicht nötig, in den Taschen der verfügbaren zahlungsunfähigen Adligen von Cap Ferrat nach Tradition zu suchen. Albertos Wunsch, im vertraulichen Zirkel der besten Salons zu verkehren, ist nur natürlich. Aber die einheimischen Dumonts aus der Wohnung im 16. Arrondissement mit ihrer auf langer Erfahrung im Umgang mit Edelsteinen fußenden Zurückhaltung halten den Wunsch des Cousins für einen bedauerlichen Beweis prahlerischen Müßiggangs.

Der Lehrer Garcia, der zu seiner Mietsmansarde in einem Haus in Barbès fünf Treppen hinaufsteigen muss und das ganze Jahr über Kohlsuppe isst, findet das auch. Stiefeletten mit Plateausohle anfertigen zu lassen ist für ihn ein Zeichen von prahlerischem Konsum. Genauso primitiv wie die Manie der Madame Stuyvesant, Banketts für die Rassehunde ihrer Freundinnen zu geben.

Die einheimischen Dumonts haben in Frankreich nie mehr sein wollen, als sie immer gewesen sind. Der Dumont aus dem Ausland schlägt sich mit Staturproblemen herum.

Prahlerischer Konsum Wie bereitet man für seine Geliebte ein Champagnerbad? Jeder Herr von feiner Lebensart weiß, dass zwölf Flaschen ausreichen, um eine Wanne zu füllen.

Prahlerischer Müßiggang Wie kann man sich so richtig amüsieren und seine Freunde tief beeindrucken? Die Herren von feiner Lebensart wissen, dass man dafür nur im Kasino von Monte Carlo Unsummen zu verlieren braucht.

Sozialdarwinismus Paris ist ein einziges Fest.

Die Eheschließung zwischen einem ruinierten englischen Adligen und einer reichen amerikanischen Erbin kann sich bis auf zehn Millionen Dollar belaufen. Die Vermählung eines nicht unbemittelten spanischen Edelmanns kommt auf fünf Millionen Dollar. Osteuropäische Geschlechter können es bis zu einer Million Dollar bringen. Ein brasilianischer Magnat hingegen, der taugt höchstens für eine komische Einlage in den Operetten von Offenbach.

Da er keine Neigung zum Theater verspürt und merkt, dass die Dreiradrennen nichts helfen, ist Petitsantôs frustriert. Er schifft seinen Roadster Peugeot ein und kehrt nach Brasilien zurück.

Die Dumont-Verwandtschaft atmet auf. Der Lehrer Garcia gerät in Panik.

Der Sertão Alberto kommt in dem von der Ursprünglichkeit faszinierten Brasilien vor Langeweile fast um. Er, der das erste Automobil ins Land gebracht hat, fährt über das Chá-Viadukt, und die Passanten bleiben absolut gleichgültig. Kein Mensch bringt dem Roadster auch nur einen Bruchteil jenes funkelnden Interesses entgegen, das angesichts eines Fotos von Antônio Conselheiro in den Blicken aufleuchtet.

Sämtliche Unterhaltungen drehen sich um das Thema Canudos. Alberto kann einfach nicht begreifen, wieso eine Gruppe halb verhungerter und zerlumpter Sertanejos imstande gewesen ist, den Kurs mancher brasilianischer Aktien an der New Yorker Börse sinken zu lassen und gleichzeitig wiederholten Angriffen des Heeres zu trotzen.

In wehmütigen Momenten träumt er von den Feldern in Ribeirão Preto und der roten, Reichtümer produzierenden Erde. Die rote Erde von Ribeirão Preto ist für ihn Brasilien, so wie manchmal Brasilien die verschwenderische Geste eines jungen Mannes vom Amazonas ist, der den Gewinn der Plantagen in der Rue du Temple verprasst.

Er beschließt, nach Paris zurückzukehren.

Bordlektüre Ehe er sich einschifft, sucht er in Rio nach einem Abenteuerbuch als Lektüre für die Überfahrt. Er kauft »Andrée au Pôle Nord« von Lachambre und Machuron. Ein reales Abenteuer, das Alfred Nobel 65 000 schwedische Kronen gekostet hat und den auf der Insel Kvitøya erfrorenen Ballonfahrer Salomon August Andrée das Leben.

Gare d’Orléans Ein herbstlich kalter Abend, und er wird wieder Petitsantôs. Wenn die Brasilianer unbedingt über seinen Roadster hinweg in Richtung Canudos blicken mussten, ist das nicht sein Problem. Während der Reise, bei der Lektüre des Buches, das von der tragischen Ballonfahrt zum Nordpol berichtet, scheint Alberto endlich seine Bestimmung gefunden zu haben. Ein couragierter Mann hatte auf den Wind vertraut und sich zum eisigen Norden der Erde treiben lassen. Er war, vielleicht für immer, in den entsetzlichen Stürmen der arktischen Regionen verschollen. Es gab also Menschen wie den Schweden Salomon August Andrée, und das ist der Menschenschlag, den er bewundert. Von klein auf hat er sich darauf vorbereitet, solche Herausforderungen anzunehmen. Auf der Fazenda in Ribeirão Preto hat er während seiner ganzen Kindheit Jules Verne gelesen und sich ausgemalt, wie er den durch den Kaffeewohlstand auferlegten Beschränkungen entgehen könnte. Schon früh hat er gelernt, dass der Reichtum des Bodens den Menschen an die Erde bindet. Und er will an gar nichts gebunden sein.

Aufenthaltsgenehmigung Einmal, als er 16 Jahre alt und mit den Eltern in Paris war, hat er versucht, in einem Ballon aufzusteigen. Der Spaß hätte ihn 4 000 Goldfrancs gekostet, ziemlich viel Geld, aber keine unerschwingliche Summe für den Sohn eines wohlhabenden Kaffeepflanzers. Das Erbe der vorsichtigen Mineiros in ihm gewann die Oberhand über die Paulistaner Neugier. Und Alberto geduldete sich und beschloss, eine andere Gelegenheit abzuwarten. Ehrlich gesagt, sind die Fortschritte der Ballonluftfahrt enttäuschend. Nichts von dem, was er sich vorgestellt hat, tut sich, das Ballonwesen befindet sich noch immer auf dem alten Stand von vor Henry Giffards Luftschiff mit Dampfantrieb.

Noch in derselben Woche des Jahres 1897 beschließt er, die Werkstatt von Lachambre und Machuron aufzusuchen. Er ist reif für einen Aufstieg im Ballon.

Werkstatt Lachambre ist erstaunt über die 4 000 Francs, die man früher von dem liebenswürdigen brasilianischen Monsieur verlangt hat. Für einen Aufstieg von drei oder vier Stunden verlangt er nur 250 Francs. Und in diesem Preis ist noch der Rücktransport des Ballons per Eisenbahn sowie eine vernünftige Gewinnspanne enthalten.

Und was die Unfallgefahr beträfe, sagt Machuron, der Ballon sei sicher.

Sie werden handelseinig, und der liebenswürdige brasilianische Monsieur bezahlt im Voraus mit knisternd neuen, frisch von der Bank geholten Scheinen.

Der liebenswürdige Monsieur verlässt mit verklärtem Gesicht die Werkstatt. Die alten Ballonfahrer kennen diesen Ausdruck.

Am nächsten Tag in aller Frühe sollen sie vom Parc d’Aérostation abheben.

Frühstück am Himmel Halb in den frühmorgendlichen Dunst eingehüllt, in der Hand einen Proviantkorb und mit einem eleganten Jagdanzug bekleidet, schaut der liebenswürdige brasilianische Monsieur Lachambre und Machuron äußerst aufmerksam bei ihrer Arbeit zu.

Eine graue, mächtige Kugel nimmt Formen an, erhebt sich vom Boden und überragt das blasse Gold der herbstlichen Bäume. Mit Seilen am Boden festgehalten, schaukelt der Riese seine 750 Kubikmeter im leichten Morgenwind.

Startbereit, sagt Lachambre auf dem Boden, das Schlepptau in der Hand.

Mit Machurons Hilfe steigt der liebenswürdige Monsieur in die Gondel.

Loslassen, ruft Machuron als Kommandant des Ballons.

Und nun scheint der liebenswürdige brasilianische Monsieur so leicht wie ein Staubkorn zu werden.

Der Erdboden entfernt sich.

Monsieur reißt die kleinen Augen auf.

Fühlen Sie sich nicht gut?, erkundigt sich Machuron.

Monsieur antwortet nicht.

Die Bäume werden zu rußig schwärzlichen Büschen und das Gras zu einer teigigen dunkelgrünen Schicht, die immer weiter wegrückt. Am Horizont ist alles Miniatur.

Das Dorf Puteaux und seine kleinen Schieferdächer, Rauchfetzen, die aus den steinernen Schornsteinen aufsteigen, das sanfte Flimmern des scheuen Sonnenlichtes, das sich in den Fensterscheiben bricht, die Kopfsteinpflasterstraßen kurz vor dem Erwachen in ihrem lethargischen Abschied von der Nacht. Die träge Auflösung der Dämmerung in die Transparenz der Morgenluft.

Eine Wolke zieht vorüber, und die Temperatur sinkt. Die Hülle des Ballons kühlt ab und flattert, sie droht zu erschlaffen …

Und der Ballon drängt zur Erde zurück.

Machuron schreit, und auch seine Stimme klingt schwerelos, ein körperloser Laut, der zu verhehlen scheint, wie dringend das von ihm verlangte Handeln ist. Schnell, Monsieur, die Ballastsäcke. Der Sand muss aus den Säcken da entleert werden.

Monsieur tut, wie ihm geheißen, doch das unbeschreibbare Gefühl, das ihn überkommen hat, lässt nicht nach. Die Säcke werden entleert, und der Ballon steigt wieder, was im Magen ein nicht definierbares Unbehagen verursacht.

Höher, immer höher, und die Schönheit der Bedeutungslosigkeit der Dinge auf Erden überwältigt Monsieur. Er keucht, ist erregt, der Sauerstoff wird in dieser Höhe knapp. Sein Gesicht hat sich gerötet, die zarten Nasenflügel sind geweitet. Seine kleinen Hände eines feinen Herrn klammern sich fest um den Korbrand.

Von einer unmerklichen Windströmung erfasst, nähert der Ballon sich dem nächsten Ort. Es ist Nanterre mit seinem Glockenturm voller Storchennester und bitumenbedeckten Holzschindeln. Die Sonne hat inzwischen ihre frühmorgendliche Scheu verloren, den Dunst durchbrochen und scheint jetzt mit kräftig herbstlichem Leuchten auf das Städtchen.

Die Uhr des Glockenturmes schlägt zur vollen Stunde. Es ist zwölf.

Wollen wir zu Mittag essen?, schlägt Machuron vor.

Monsieur sieht sich resigniert zu dem altgedienten Ballonfahrer um. In einem Moment wie diesem zu essen grenzt an Gottlosigkeit. Aber er greift nach dem Korb und holt Servietten und ein Tischtuch heraus. Machuron stellt einen Klapptisch auf, breitet darauf das Tischtuch aus und wirft anschließend einen Blick auf das Menu, das der kultivierte Passagier zusammengestellt hat: dünne Scheiben Roastbeef und Hähnchenfleisch, gekochte Eier mit Bratengelee, verschiedene Sorten Käse und Eis, Früchte der Saison, Nusskuchen, Kaffee und eine schwitzende Veuve Clicquot, ganz zu schweigen von der unten im Korb aufblitzenden Flasche Chartreuse.

Da er merkt, dass Monsieur zögert, mit der Mahlzeit zu beginnen, will Machuron ihn beruhigen.

Keine Sorge, dass Sie nach dem Imbiss – der mir köstlich aussieht – schwerer werden, Sie verlagern nur das Gewicht dieser Leckereien vom Tisch in den Magen, das Gleichgewicht bleibt gewahrt.

Monsieur beschränkt sich indessen darauf, den Champagner zu servieren.

Und er trinkt auf die Einzigartigkeit dieser Mahlzeit, denn kein Restaurant der Welt hätte so wunderbar sein können.

Als die Chartreuse-Schlücke die Kehlen hinunterrinnen, wird der Ballon in Richtung Carrière-sous-Bois getrieben, wo Wolken die Baumwipfel streifen. Wallende Dampfströme zischen wie Kaskaden gefrorener Flammen an ihnen vorüber und hinterlassen zarte Schneekristalle auf ihrer Kleidung. Die Stille ist gestört, der schaukelnde Flug ist jetzt eine rasende Fahrt auf die dunklen Wolken zu, die über dem Wald hängen. Machuron passt konzentriert auf. Monsieur wirkt neugierig und gespannt. Dann sind Sonne, Wald und Erdboden verschwunden. Der Ballon ist in das Reich der weißen, verschwommenen Helligkeit der dichten Wolken eingedrungen. Machurons Gesicht verliert seine gesunde, gut durchblutete Farbe und nimmt eine ätherische Tönung an. Monsieur, dessen Sicht nun eingeschränkt ist, blickt auf seine an den Korb geklammerten Hände. Auch sie sind ätherisch und leuchtend geworden und feucht.

Geschickt leert Machuron noch ein paar Sandsäcke, und der Ballon bringt schnell die Wolkendecke, die über dem Wald hängt, unter sich. Nichts ist mehr zu sehen, und die Welt ist jetzt ein gasförmiger Planet, dessen dampfende Oberfläche sich in beständiger Mutation ihrer Formen befindet. Das Gefühl von Ruhe ist überwältigend, und die Stille bekommt eine nie vermutete Struktur. Im Raum ist die Stille konkret, das Einzige, was Gewicht und Konsistenz besitzt.

Aber nichts ist dort oben konstant. Schon bald geben die Wolken die Bäume im Wald frei, und der Ballon gleitet sanft über sie hinweg, berührt fast das halb entlaubte Geäst. Machuron breitet eine Karte aus und vergleicht ihre Position. Eine schlichte Feststellung, nichts als Ausdruck des menschlichen Stolzes, denn der Ballon missachtet den Menschenwillen und unterwirft sich allein den Launen des Gottes Äolus.

Ein fürchterlicher Ruck wirft Machuron und seinen Passagier im Korb zu Boden. Das Schlepptau, das vom Ballon hinunterhing, während dieser über den Wald schwebte, hat sich in einem Baum verfangen. Machuron steht auf und versucht, das Schlepptau zu befreien. Er arbeitet flink, und zum ersten Mal scheint er sehr besorgt zu sein. Nun, da er festhängt, kann der Ballon dem Wind nicht mehr zu Gefallen sein und muss dafür büßen. Die Hülle schaukelt hin und her und schüttelt den Korb wild durch. Machuron hält sich im Gleichgewicht, so gut er kann, und zerrt mit Macht an dem Tau.

Endlich löst sich das Tau. Und der Ballon macht einen schwindelerregenden Satz in die Höhe.

Machuron stürzt stolpernd zu den Ventilen. Monsieur greift ruhig zu den Ventilen und lässt sachkundig wie ein alter Fachmann Gas ab. Wir müssen ausgleichen, sonst explodieren wir, schreit Machuron.

Die Hülle wird schlaffer und verliert ihre runde Form. Der Flug ist zu Ende, schreit Machuron: Zweifellos, pflichtet Monsieur ihm bei, der Ballast ist verbraucht, und der Ballon lässt sich nicht mehr lenken. Machuron sieht den jungen Mann bewundernd an und übernimmt die Gasventile.

Der Ballon überfliegt ein dichtes Gehölz und bewegt sich weiter in Richtung einer Lichtung, auf der sich ein Bach durch die Grasfläche schlängelt. Machuron öffnet die Ventile, und der Ballon sinkt sanft neben dem Bach zur Erde. Monsieur, mit einem Fotoapparat bewaffnet, wartet kaum ab, bis der Korb den Boden berührt. Er springt auf das Gras, hebt die Kamera vors Auge und macht Aufnahmen von dem erschlaffenden Ballon. Nach der Fotoserie setzt Monsieur die Kamera ab und sieht sich um. Der Wind wiegt die Weizenfelder, und die Grillen grüßen die letzten schwülen Tage. Hinter einer Pappelreihe tauchen die Schieferschindeln eines Schlosses im Stil des 18. Jahrhunderts auf.

Der Nachmittag geht im säuselnden Wind zur Neige.

Der Park Das Schloss aus dem 18. Jahrhundert heißt Château de la Ferrière und ist im Besitz des Baron Alphonse de Rothschild. Der Baron, ein einflussreicher und angesehener Mann, ist für Alberto kein gänzlich Unbekannter. Mit seiner Landung in den Parkanlagen des Barons pflegt er gewissermaßen nur einen alten brasilianischen Brauch. Viele, viele Jahre lang wird die Familie Rothschild brasilianischen Politikern – mit der Untertasse in der Hand um Darlehen nachsuchend – als Landeplatz dienen.

Ich war ein sommersprossiges Mädchen von erst 13 Jahren, erinnert sich Jahre später die Baronin Christiane de Rothschild, Tochter des Baron Alphonse, als dieser brasilianische Herr damit begann, von Zeit zu Zeit mit den bizarresten Flugapparaten in unserem Park herunterzukommen. Aber ich habe ihn nicht persönlich gekannt, und ich glaube auch nicht, dass ich ihm je auf einer Gesellschaft begegnet bin. Zu jener Zeit verbrachte ich den größten Teil des Jahres in einem Internat in Genf, aber ich weiß, dass La Ferrière anscheinend zum Lieblingslandeplatz der Ballonfahrer wurde. Ich erinnere mich, dass mein Vater sogar zwei Männer extra dafür abgestellt hatte, dass sie den Verunglückten zu Hilfe eilten. Einer dieser Angestellten ist noch immer bei uns, Gaston, der Gärtner …

Christiane de Rothschild starb 1976 bei einem Flugzeugabsturz.

Der Gärtner Gaston starb mit 95 Jahren, von einer Lungenentzündung dahingerafft. Er erzählte, dass um das Jahr 1898 an manchen Tagen so viele herunterkamen, als ob es in La Ferrière Ballonfahrer regnete. Natürlich verletzten manche sich. In diesen Dingern zu fliegen, das konnte doch kein Mensch bei gesundem Verstand wollen. Fliegen war im Jahre 1898 nicht so wie heute, mit diesen vielen Flugzeugen, bei denen man überhöhte Preise zahlt und wenig Komfort geboten bekommt …

Im Schatten der Familie In der Wohnung im 16. Arrondissement erfährt man es erst am nächsten Tag. Die Cousins seufzen ungehalten, und Madame Dumont gerät in Panik. Sie weiß, wie man die normalen Triebe eines Jünglings zügelt. Für jede unreife Entgleisung hat sie ein Heilmittel. Aber der brasilianische Neffe ist eine Ausnahme. Er verbringt nicht die Nächte am Spieltisch, gefährdet nicht seine Gesundheit mit irgendeinem Rauschmittel, das gerade in Mode ist, und er lebt erst recht nicht sein jugendliches Ungestüm in den Armen der käuflichen Frauen aus, die es auf den Straßen der Lichterstadt zuhauf gibt.

Der verflixte brasilianische Neffe fliegt nur.

Gewisse Dinge, die ein Herr nicht tun darf Alberto geht nun in der Werkstatt von Lachambre und Machuron ein und aus. Er wird in den übelsten Cafés von Montparnasse gesehen, wo er sich mit anderen Ballonfahrern unterhält, Leuten, die in der Stadt als verantwortungslose Verrückte gelten.

Zu Madame Dumonts Missfallen ist der Neffe so tief gesunken, dass er sich sogar auf Märkten und Volksfesten zeigt. Madame meint, diese Abenteurer hätten es auf das Geld ihres Neffen abgesehen.

Gewisse Dinge, die ein Ballonfahrer tun muss Üben, und das tut Alberto. Bei jedem Aufstieg von Lachambre und Machuron ist er dabei und hilft. Und er lernt schnell. Schon bald vertrauen die Meister auf ihren gelehrigen Schüler.

Dann kommt der Tag seines ersten Alleinflugs. In Peronne, einem Städtchen im Norden, gibt es von der eingefahrenen Alltagsroutine nur einmal im Jahr Abwechslung durch den drei Tage währenden Bauernmarkt. Aus der ganzen Umgebung strömen Menschen in die Stadt, trinken Wein, tanzen und treiben Handel.

In jenem Jahr will der Ort beweisen, dass sein Markt mit der Zeit geht. Abgesehen von Seiltänzern, Feuerschluckern, Schlangenmenschen, diesen zirzensischen Attraktionen, soll auf dem Platz ein Ballon aufsteigen. Sie engagieren Lachambre und Machuron, aber in der Stadt erscheint ein kleiner, elegant gekleideter Mann, der den zusammengepackten Ballon in einem glänzenden Roadster Peugeot transportiert. Der Bürgermeister empfängt den jungen Mann mit Missfallen. Er hat zwei französische Pioniere verpflichtet, und vor ihm steht ein Ausländer mit städtischem Benehmen und erlesenem Geschmack.

Am Sonntag, dem letzten Markttag, wird der Ballon auf dem Marktplatz der Stadt vor dem Rathaus vorbereitet. Der kleine Mann ist wortkarg und gibt nur einsilbige Antworten. Er hat den Ballon fast allein hergerichtet, nur mithilfe von zwei Kutschern, die auf dem Platz auf Kundschaft warten und ein paar Sous für ihre Hilfe erhalten haben.

Als es Nachmittag wird und der Augenblick des Aufstiegs näher rückt, braut sich am Horizont ein Herbstunwetter zusammen. Der Bürgermeister wird nervös, aber der kleine Mann lässt keinerlei Besorgnis erkennen.

Bald ist der Platz von Neugierigen überfüllt, und der kleine Mann steigt ungeachtet des aufziehenden Unwetters in die Ballongondel und gibt Anweisung, das Tau loszulassen.

Der Ballon erhebt sich unter dem Beifall der Marktbesucher und steigt in die von bedrohlich schwarzen Wolken bedeckten Höhen auf. Und verschwindet.

Sturm und Drang So sind Unwetter also, denkt Alberto, während er in den Wirbel von schwarzen Wolken, die seine Sicht auf null reduziert haben, hineingezogen wird. Elektrische Entladungen flammen zwischen den Wolken auf, und das Brausen der Winde klingt, als fauche die entfesselte Natur wie eine Raubkatze. In diesem Strudel aufeinanderprallender Kräfte ist das Knallen der Donner kaum zu hören.

Nun weiß er zwar, dass es möglich ist, gegen das Gesetz der Schwerkraft anzugehen, aber der Anarchie von Unwettern zu trotzen ist verwegen. Deshalb also meiden die Vögel Unwetter, denkt er. Und er widmet sich dem Anblick der bedrohlichen Schönheit der entfesselten Elemente, während der Ballon ständig weitersteigt.

Dann Stille. Die Ruhe eines Himmels mit seinen ersten Sternen.

Der Ballon hat, wunderbarerweise unbeschädigt, die Unwetterschicht durchquert. Er schwebt in einer anderen Welt, keine scharfen Donnerschläge, Regenböen und flackernden Blitze leisten ihm mehr Gesellschaft. Jetzt ist er allein, schwebt zwischen dem Wahnwitz, der dort in der Tiefe das Land im Norden heimsucht, und der teilnahmslosen Stille der Abendsterne. Er fröstelt in der nassen Kleidung. Der Mangel an Sauerstoff erzeugt eine merkwürdige Euphorie, eine Leichtigkeit, die ihn in trügerische Nähe zu den Sternen rückt. Und jetzt sind nur Sterne da. Nichts anderes ist mehr zu sehen, die dunkle Nacht hat die Erde vollkommen ausgelöscht. Alberto bewegt sich innerhalb der vollendeten geometrischen Form einer unendlichen schwarzen Kugel.

Vom Wind getrieben, gegen die Müdigkeit und das durch den Sauerstoffmangel verursachte ständige Gefühl von drohender Ohnmacht ankämpfend, fliegt er durch die Nacht. Schreckliche Visionen zucken durch sein Bewusstsein, die Sterne scheinen sich verflüssigt zu haben und aufflackernde Blitze in fantastischen Farben herabtropfen zu lassen. Die Kugel in ihrer Schwärze ist auch kein fester Körper, sie verwindet sich, manchmal flattert sie wie ein erschlaffender Ballon oder bebt wie die keuchende Brust eines monströsen Lebewesens.

Mitten in diesen Wunderbildern schläft Alberto ein.

Auf der anderen Seite der Grenze Die kräftige Morgensonne brennt ihm auf der Gesichtshaut. Alberto wacht durstig, mit eingeschlafenen Beinen und verquollenen Augen auf. Seine nasse Kleidung ist inzwischen getrocknet, aber er fühlt sich leicht unterkühlt.

Er zieht seine Taschenuhr und stellt fest, dass er seit über 17 Stunden unterwegs ist. Eine weite, noch nicht bestellte Ackerfläche, die auf den Winter wartet, dehnt sich bis zum Horizont. Der Ballon hat viel Gas verloren und sinkt. Alberto reckt seinen müden Körper und steht auf. Er öffnet die Ventile und lenkt den Ballon dem festen Erdboden entgegen. Es ist fast acht Uhr morgens, als der Korb sanft über die Erde schrammt.

Alberto springt heraus, ergreift das Tau und bindet den Ballon an einem Baumstamm fest. Die Hülle leert sich schnell und legt sich auf den feuchtkalten Boden. Es ist sehr kalt, vielleicht zwei oder drei Grad, und eine Nebelschicht hängt über dem Feld, auf dem die Erde noch von der Ernte aufgewühlt ist. Als der Ballon sich endgültig seitwärts zu Boden neigt, lassen ein paar Murmeltiere erschrocken von den Rüben ab, die sie ausgescharrt haben, und laufen zu ihren Bauten.

Einerseits, um sich aufzuwärmen, und andererseits, um sich aus seiner Benommenheit zu lösen, macht Alberto sich daran, den Ballon abzubauen und zusammenzulegen. Er ist mit solchem Eifer bei der Sache, dass er die Bauern nicht bemerkt, die feindselig Sensen und Rechen schwingend näher kommen.

Tartarin de Tarascon Die einfachen Bauern bleiben in sicherem Abstand stehen und beraten sich. Da wird Alberto die Männer gewahr und hält in seiner Arbeit inne. Er setzt ein Lächeln auf, behält aber die Sensen und Rechen im Blick und winkt ihnen zu. Die Bauern zögern, ihre anfängliche Entschlossenheit ist erschüttert. Der beängstigende Anblick des fliegenden Monsters, das auf das Rübenfeld gefallen ist und sie in helle Aufregung versetzt hat, ist zu einer nüchternen Szene geworden. Statt der unerhörten Erscheinung steht da nun ein friedlich aussehender Herr und arbeitet an einer Art Stoffballen von ungewöhnlichem Umfang.

Ein Planwagen erscheint am Horizont und nähert sich mit hoher Geschwindigkeit der Gruppe. Heraus steigt ein katholischer Priester in abgewetzter Soutane, er hält seinen schwarzen Hut fest, der ihm vom Kopf zu fliegen droht. Es ist ein typischer Landpfarrer, alt, dickleibig und mit trägen Gesten, der sich jetzt aber bemüht, Autorität zu beweisen. Kaum ist er ausgestiegen, in der einen Hand die Peitsche und die andere am Hut, wird er von den Bauern umringt.

Dort, wo er sich befindet, kann Alberto nicht verstehen, was sie sagen, wohl aber hören, dass einige besonders aufgebrachte Bauern schroffe Worte mit dem Pfarrer wechseln. Trotz seiner äußerlichen Trägheit kann der Priester sich offensichtlich mit seinen Argumenten durchsetzen, denn die Bauern senken ihre Sensen und Rechen und lassen den Priester zu Alberto gehen. Erst als der Priester sich schon in der Nähe des eingepackten Ballons befindet, entschließen die Bauern sich, ebenfalls näher zu kommen.

Sie glauben, dass Sie mit dem Teufel im Bunde stehen, sagt der Priester. So ein Ding ist noch nie in dieser Gegend aufgetaucht.

Alberto lächelt nicht mehr, während er dem Priester klarzumachen sucht, dass der Teufel mit seinem Flug nichts zu tun habe. Der Priester akzeptiert seine Erklärung und antwortet, er habe in seiner Jugend, als er in Brüssel studierte, so manchen Ballon gesehen. Aber hier, in dieser Wildnis, seien die Menschen sehr rückständig und würden leicht gewalttätig.

In welcher Gegend von Frankreich befinde ich mich?, fragt Alberto.

Der Pfarrer sieht den kleinen Mann verblüfft an.

Hier ist nicht Frankreich, Monsieur, hier ist Belgien.

Jetzt ist es an Alberto, den Priester verblüfft anzusehen.

Belgien! Das ist ja wahnsinnig!

Der Pfarrer zuckt die Achseln und schüttelt den Kopf.

Wahnsinnig, Monsieur, ist die Fortbewegungsart, die Sie gewählt haben, um nach Belgien zu kommen.

Aus reiner christlicher Nächstenliebe erklären die Bauern sich bereit, das fliegende Monster zur nächsten Eisenbahnstation zu befördern, nachdem Alberto großzügig handvollweise französische Sous verteilt hat. Die belgischen Bauern haben nichts dagegen.

Aufregung in der Werkstatt Lachambre und Machuron sind in Panik. Die letzte Nachricht besagte, der Brasilianer sei in einem Unwetter verschwunden. Sie denken sich tausend Möglichkeiten aus, wie sie den Verwandten des jungen Mannes die schmerzliche Nachricht zukommen lassen sollen.

Aufregung im 16. Arrondissement Madame Dumont stellt fest, nicht ohne insgeheim zu toben, dass das Bett des Neffen in den beiden letzten Nächten unberührt geblieben ist. Wo mag sich der Stutzer herumtreiben? Die Cousins wissen von nichts oder beteuern aus männlicher Komplizenschaft ihre Unschuld. Madame gibt sich nicht geschlagen und befragt das Gesinde mit geziemender Diskretion. Aber wie sich erweisen soll, ist diese Mühe vergeblich.

Der Zauberlehrling Leicht erkältet taucht Madame Dumonts Neffe wieder zu Hause auf. Seine Kleidung ist eingelaufen, weil sie klitschnass geworden und dann am Körper getrocknet ist, sodass es aussieht, als wäre der junge Mann plötzlich übermäßig gewachsen. Er ist schweigend hereingekommen, schweigend hat er ein Bad genommen – und wie oft dieser Brasilianer badet –, und ohne den Mund aufzumachen, ist er wieder gegangen und in seinem lärmenden motorisierten Fahrzeug davongefahren.

In der Werkstatt der alten Ballonfahrer herrscht Totenwachenstimmung. Lachambre, der Sentimentalere, verfasst im Geiste den Brief, mit dem er den Familienangehörigen des jungen Brasilianers das Unglück mitteilen muss. Machuron, der Praktischere, rechnet sich aus, wie viele Jahre sie nun allein für die Entschädigung würden arbeiten müssen, die sie der Familie des Verschwundenen zu zahlen verpflichtet sein würden.

Und Alberto erscheint ruhig und lächelnd in der Werkstatt.

Lachambre, der Sentimentale, will den Unseligen am liebsten umbringen.

Machuron, der Praktische, schließt den unvorsichtigen jungen Mann gerührt in die Arme.

In den folgenden Wochen sorgt Machurons praktischer Sinn dafür, dass Alberto nicht einmal in die Nähe des Ballons kommt. Aber der sentimentale Lachambre verwirft sämtliche Argumente, die sein Kompagnon zu bedenken gibt.

Alberto fliegt weiter.

Inzwischen ist er in der Werkstatt so zu Hause, dass er den Ballon nehmen kann, ohne Bescheid zu sagen. So wie an einem sonnigen Sonntag, für den er die Freunde aus dem Parc des Princes zu einem Rundflug eingeladen hat. Zwei junge Männer und ein Mädchen haben zugesagt, die anderen haben mit den fadenscheinigsten Ausreden dankend abgelehnt.

Sie bringen den Ballon nach Vaugirard und nehmen reichlich Champagner und Proviant mit. Ihre Angst verstecken sie hinter einer Euphorie, die keinen Menschen täuschen kann und schon gar nicht den erfahrenen Ballonfahrer, der Petitsantôs inzwischen geworden ist.

Das Mädchen ist die Geliebte eines Stahlmagnaten.

Die beiden jungen Männer sind Besitzer von motorisierten Dreirädern und werden eines Tages ein Vermögen erben. Der ältere der beiden, mit wohlgestutztem Schnurrbart und tuberkulösem Blick, ist ein Abkömmling italienischer Fürsten.