Der Fluch der drei Hexen - Shea Ernshaw - E-Book

Der Fluch der drei Hexen E-Book

Shea Ernshaw

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Beschreibung

Während Touristen in die Stadt strömen, fasziniert von der Legende um den Fluch der drei Schwestern, werden entlang der Küste Leichen gefunden. Vor 200 Jahren wurden in einer kleinen Küstenstadt die drei Schwestern Marguerite, Aurora und Hazel als Hexen verurteilt. Man band ihnen Steine an die Füße und warf sie ins Meer. Seither erheben sich ihre Geister jeden Sommer aus ihrem wässrigen Grab, um sich an den Bewohnern der Stadt zu rächen. Sie fahren in die Körper junger Frauen und locken Männer in den Tod. Die 17-jährige Penny kümmert sich um den alten Leuchtturm. Wie viele Einheimische hat sie sich mit dem Schicksal der Stadt abgefunden. Sie weiß, dass das Meer auch dieses Jahr wieder drei Leichen ans Ufer spülen wird. Aber nur Penny sieht, was andere nicht sehen ... Wenn du etwas lesen willst, das voll gruseliger Atmosphäre und absolut fesselnd geschrieben ist, dann musst du hier zugreifen.

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Aus dem Amerikanischen von Claudia Rapp

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe Wicked Deep

erschien 2018 im Verlag Simon Schuster Books.

Copyright © 2018 by Shea Ernshaw

Copyright © dieser Ausgabe 2022 by Festa Verlag GmbH, Leipzig

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-98676-035-9

www.Festa-Verlag.de

Für meine Eltern, die meine verwegene Fantasie

Wenn es Magie auf diesem Planeten gibt, dann ist sie im Wasser zu finden.

Das Meer

Drei Schwestern trafen 1822 in Sparrow, Oregon, ein – an Bord eines Pelzhandelsschiffs namens Lady Astor, das später in jenem Jahr im Hafen gleich hinter dem Kap sank.

Sie waren unter den Ersten, die sich in der neu gegründeten Küstenstadt niederließen, und betraten das Neuland mit großen, staksenden Schritten wie Vögel mit welligem Karamellhaar und pastellfarbener Haut. Sie waren Schönheiten – zu schön, sagten die Leute im Städtchen später. Marguerite, Aurora und Hazel verliebten sich oft und üblicherweise in die falschen Männer, nämlich in diejenigen, deren Herz bereits einer anderen gehörte. Sie waren kokett und verführerisch und die Männer vermochten ihnen nicht zu widerstehen.

Aber die Einwohner von Sparrow sahen weit mehr in den Schwestern: Sie hielten sie für Hexen, die Männer mit einem Zauber belegten, um sie untreu zu machen.

Es war Ende Juni und der Mond war nicht mehr als eine dünne Sichel am verhangenen Himmel, als den Schwestern daher Steine um die Knöchel gebunden wurden, und dann wurden sie gleich hinter dem Kap in den Ozean geworfen, wo sie auf den Grund hinabsanken und ertranken. Genau wie das Schiff, auf dem sie hergekommen waren.

1

Ich besitze ein altes Schwarz-Weiß-Foto, das in den 20er-Jahren aufgenommen wurde. Darauf ist eine Frau aus einem Wanderzirkus zu sehen, die in einem riesigen Wassertank schwebt. Ihr blondes Haar wogt um ihren Kopf, die Beine sind in einer falschen Meerjungfrauenflosse verborgen, die aus metallisch glänzendem Stoff gemacht und so genäht ist, dass es aussieht, als wären es Schuppen. Sie ist zartgliedrig und engelhaft, hält mit schmalen, fest zusammengepressten Lippen den Atem in dem eisigen Wasser an. Mehrere Männer stehen vor dem gläsernen Tank und starren sie an, als wäre sie echt. So leicht getäuscht von diesem Schauspiel.

Jedes Frühjahr denke ich an diese Fotografie, wenn das Gemurmel wieder durch das Städtchen Sparrow zu wandern beginnt, das Gemurmel über die drei Schwestern, die jenseits des Hafenschlunds ertränkt wurden, hinter Lumiere Island, wo ich mit meiner Mutter lebe. Ich stelle mir vor, wie die drei Schwestern wie zarte Gespenster in den dunklen Schatten unter der Wasseroberfläche treiben, schillernd und konserviert wie die Meerjungfrau vom Tingeltangel. Strampelten sie, um über der Wasserlinie zu bleiben, als man sie vor 200 Jahren ins tiefe Wasser zwang, oder ließen sie sich vom Gewicht ihres jeweiligen Steinbrockens schnell hinuntertragen auf den kalten, felsigen Grund des Pazifiks?

Morgennebel schliert trüb und klamm über die Oberfläche des Ozeans zwischen Lumiere Island und dem Städtchen Sparrow. Das Wasser ist ruhig, als ich zum Dock hinuntergehe und mich daranmache, das Skiff loszubinden – ein Boot mit flachem Boden, zwei Banksitzen und einem Außenbordmotor. Es ist nicht ideal, um in Stürmen oder bei starkem Wind zu manövrieren, reicht aber völlig aus, um rasch in die Stadt und zurück zu gelangen. Otis und Olga, zwei orangefarbene Tigerkatzen, die vor zwei Jahren als Kätzchen auf mysteriöse Weise auf der Insel aufgetaucht waren, sind mir bis ans Wasser gefolgt und miauen hinter mir her, als würden sie meine Abfahrt beweinen. Ich verlasse die Insel jeden Morgen um diese Zeit, setze tuckernd über die Bucht, bevor die Glocke zur ersten Stunde läutet – Wirtschaft in globaler Betrachtung, ein Fach, mit dem ich niemals etwas anfangen werde –, und sie folgen mir jeden Morgen zum Dock. Der periodische Lichtstrahl des Leuchtturms schwenkt über die Insel und streift einen Moment lang eine Silhouette, die am felsigen Westufer auf der Klippe steht: meine Mutter. Die Arme verschränkt in ihrem knotigen kamelhaarfarbigen Pullover, der eng um ihren zerbrechlichen Oberkörper geschlungen ist, starrt sie auf den weiten Pazifik hinaus, wie sie es jeden Morgen tut. Sie wartet auf jemanden, der nie zurückkehren wird: meinen Vater.

Olga reibt sich an meiner Jeans, reckt den knochigen Rücken zum Buckel und hebt ihren Schwanz, will mich dazu bringen, sie hochzuheben, aber ich habe keine Zeit dafür. Ich ziehe mir die Kapuze meiner marineblauen Regenjacke über den Kopf, steige ins Boot und zerre an der Leine des Motors, bis dieser stotternd zum Leben erwacht. Dann lenke ich das Boot in den Nebel hinaus. Ich kann weder das Ufer noch den Ort Sparrow durch die trübe, feuchte Schicht erkennen, aber ich weiß, dass sich beides dort befindet.

Hohe Masten ragen wie Säbelzähne aus dem Wasser hervor. Landminen, Schiffswracks vergangener Zeiten. Wenn man sich nicht auskennt, könnte man mit dem Boot leicht in eins der Wracks geraten, von denen in diesen Gewässern immer noch ein halbes Dutzend herumspukt. Unter mir liegt ein Netzwerk aus Metall, das von einer Kruste aus Rankenfußkrebsen bedeckt ist, verrosteten Kettengliedern über zerbrochenem Bug und Fischen, die in verrotteten Bullaugen ein Zuhause gefunden haben, während das Tauwerk schon längst vom salzigen Wasser zerfressen ist. Es ist ein Schiffsfriedhof. Aber wie die hiesigen Fischer, die durch den tristen Dunst hinaus ins offene Meer tuckern, kann ich durch die Bucht mit vor Kälte zusammengekniffenen Augen navigieren. Das Wasser ist tief hier. Riesige Schiffe brachten einst über diesen Hafen Vorräte und Nachschub ins Land, aber heute nicht mehr. Jetzt blubbern nur noch kleine Fischerboote und Touristenkähne hier hindurch. Diese Gewässer sind voller Gespenster, sagen die Seeleute bis heute – und sie haben recht.

Das Skiff stößt gegen Dock elf, Liegeplatz Nummer vier, wo ich das Boot parke, solange ich im Unterricht bin. Die meisten 17-Jährigen haben Führerscheine und durchgerostete Karren, die sie auf Craigslist gefunden oder von älteren Geschwistern übernommen haben. Ich habe stattdessen ein Boot. Mit einem Auto könnte ich nichts anfangen.

Ich hänge mir die Segeltuchtasche über die Schulter, die unter dem Gewicht der Schulbücher nachgibt, und dann jogge ich die grauen, glitschigen Straßen zur Sparrow High School hinauf. Der Ort wurde erbaut, wo zwei Bergzüge sich treffen – eingeklemmt zwischen der See und den Bergen –, und das sorgt dafür, dass Schlammlawinen hier viel zu alltäglich sind. Eines Tages wird das Städtchen wahrscheinlich komplett davongespült werden. Es wird hinunter bis ins Wasser geschoben und unter zwölf Metern Regen und Schlick begraben werden. In Sparrow gibt es keine Fast-Food-­Ketten, keine Einkaufszentren oder Kinos, keinen Starbucks – wir haben immerhin eine Drive-­through-­Kaffeebude. Unser kleines Städtchen besteht abgeschirmt von der Außenwelt, in der Zeit gefangen. Wir haben eine Einwohnerzahl von sage und schreibe 2024 Seelen. Aber diese Zahl wächst jedes Jahr am 1. Juni immens an, wenn die Touristen im Ort einfallen und alles übernehmen.

Rose steht auf dem abschüssigen Rasen vor der Sparrow High und tippt etwas in ihr Handy ein. Ihre wilden, zimtroten Haare sprießen in unbändigen Locken aus ihrer Kopfhaut, was ihr zuwider ist. Aber ich habe sie immer beneidet, weil ihr quicklebendiges Haar sich nicht bändigen oder hochbinden oder mit Spangen am Kopf feststecken lässt, während meine glatten nussbraunen Haare sich eben auf keinerlei Weise locker und fröhlich in Form bringen lassen – und ich habe es wirklich versucht. Aber gerades, glattes Haar bleibt stets gerades, glattes Haar.

»Du lässt mich heute Abend aber nicht im Regen stehen, oder?«, fragt sie, als sie mich sieht; beide Augenbrauen gekrümmt, während sie ihr Handy in die einstmals weiße Schultasche fallen lässt, die mit Sharpies und breiten Farbstiften vollgekritzelt ist, sodass sich nun eine Collage aus wirbelndem Mitternachtsblau, Grasgrün und Kaugummirosa darüber ausbreitet – buntes Graffiti, das keine Stelle ausgelassen hat. Rose will Künstlerin werden – Rose ist eine Künstlerin. Sie ist fest entschlossen, nach ­Seattle zu ziehen und aufs Kunstinstitut zu gehen, wenn wir unseren Abschluss haben. Und sie erinnert mich fast im Wochenrhythmus daran, dass sie nicht allein dorthin will und ich mit ihr kommen und ihre Mitbewohnerin sein soll. Seit dem ersten High-School-­Jahr habe ich es geschickt vermie­den, mich darauf festzulegen.

Es ist nicht etwa so, dass ich nicht ebenfalls dieser verregneten, furchtbaren Stadt entkommen möchte, denn das will ich. Aber ich fühle mich gefangen, und das Gewicht der Verantwortung lastet schwer und sicher auf mir. Ich kann meine Mutter nicht auf der Insel alleinlassen. Ich bin alles, was sie noch hat – das Einzige, was sie noch in der Wirklichkeit verankert hält. Und vielleicht ist es töricht, naiv sogar, aber ich habe auch noch Hoffnung, dass mein Vater eines Tages zurückkommt. Er wird wie durch Magie auf dem Dock auftauchen und zum Haus hinaufstapfen, als wäre kaum Zeit vergangen. Und für den Fall, dass das geschieht, muss ich hier sein.

Aber nun geht unser vorletztes Schuljahr dem Ende zu und unser letztes steht bald bevor, und ich bin gezwungen, über den Rest meines Lebens nachzuden­ken und die Tatsache in Betracht zu ziehen, dass meine Zukunft womöglich genau hier in Sparrow liegt. Vielleicht werde ich diesen Ort nie verlassen. Vielleicht sitze ich fest.

Ich werde auf der Insel bleiben und den Leuten die Zukunft aus den verschmierten Überresten der Teeblätter in weißen Porzellantassen lesen, genau wie meine Mom das getan hat, bevor Dad verschwand und nie wieder zurückkehrte. Die Einheimischen lenkten ihre Boote quer durch den Hafen, manchmal heimlich unter einem geisterhaften Mond, manchmal mitten am Tag, weil sie eine dringende Frage hatten, auf die sie eine Antwort brauchten, und dann saßen sie in unserer Küche, klopften mit den Fingern ungeduldig auf dem massiven Holzblocktisch herum und warteten darauf, dass Mom ihnen ihr Schicksal enthüllte. Und nachher ließen sie gefaltete oder zerknitterte oder flach gebügelte Geldscheine auf dem Tisch, bevor sie gingen. Mom ließ die Scheine in eine Mehldose gleiten, die sie auf dem Regal neben dem Herd aufbewahrte. Und vielleicht ist dies das Leben, das mir bestimmt ist: am Küchentisch sitzen, während sich der süße Duft von Kamille oder Orangen-Lavendel-­Tee in meinem Haar festsetzt, mit dem Finger den Rand einer Tasse nachfahren und Botschaften im wirbelnden Chaos der Teeblätter finden.

Meine eigene Zukunft habe ich schon viele Male in diesen Blättern erspäht: ein Junge, der von jenseits des Meeres herübergeweht wird und auf der Insel Schiffbruch erleidet. Sein Herz schlägt wild, sein Körper ist aus Sand und Wind geformt. Und mein Herz kann ihm nicht widerstehen. Es ist dieselbe Zukunft, die ich immer wieder in den Teeblättern gesehen habe, seit ich fünf war. Damals zeigte meine Mom mir, wie man aus dem Teesatz liest. Dein Schicksal liegt am Boden einer Teetasse verborgen, hatte sie mir oft zugeflüstert, bevor sie mich ins Bett scheuchte. Und der Gedanke an diese Zukunft rührt sich jedes Mal in mir, wenn ich darüber nachdenke, Sparrow zu verlassen – so als würde die Insel mich zurückholen, weil mein Schicksal hier verankert ist.

»Ich kann dich nicht im Regen stehen lassen, wenn ich nie zugesagt habe, dass ich hingehe«, erwidere ich auf Rose’ Frage.

»Ich werde nicht zulassen, dass du schon wieder eine Swan-­Party verpasst.« Sie verlagert ihr Gewicht, schiebt die Hüfte seitlich vor und umfasst den Schultergurt ihrer Schultasche mit dem rechten Daumen. »Letztes Jahr musste ich mit Hannah Potts reden, bis die Sonne aufging, und das mache ich sicher nicht noch mal.«

»Ich werde drüber nachdenken«, gebe ich zurück. Die Swan-­Party diente immer schon einem doppelten Zweck: Sie markiert den Beginn der Swan-­Saison und feiert gleichzeitig das Ende des Schuljahrs. Sie ist ein alkoholgetriebenes Fest, eine merkwürdige Mischung aus aufgeregter Freude, von Unterrichtsstunden, Lehrern und Überraschungstests befreit zu sein, vermengt mit dem heraufziehenden Schrecken der Swan-­Saison. Üblicherweise besaufen sich die Leute viel zu sehr und niemand kann sich hinterher an irgendetwas erinnern.

»Nicht nachdenken, einfach machen. Wenn du zu lange über irgendwas nachdenkst, redest du es dir jedes Mal aus.« Sie hat recht. Ich wünschte, ich würde hingehen wollen. Ich wünschte, ich würde mir etwas aus Partys am Strand machen. Aber bei solchen Events habe ich mich nie wohlgefühlt. Ich bin das Mädchen, das auf Lumiere Island wohnt, dessen Mom wahnsinnig wurde und dessen Dad verschwunden ist. Das Mädchen, das nach der Schule nie mit den anderen im Ort herumhängt. Das Mädchen, das seine Abende lieber damit verbringt, Gezeitentabellen zu studieren und Boote in den Hafen einfahren zu sehen, als Biere zu kippen mit Leuten, die ich kaum kenne.

»Du musst dich auch nicht verkleiden, wenn du nicht willst«, fügt sie hinzu. Mich zu verkleiden war nie eine Option. Im Gegensatz zu den meisten Einwohnern von Sparrow, die ein Kostüm aus dem frühen 19. Jahrhundert ganz hinten in ihrem Kleiderschrank für die jährliche Swan-­Party bereithalten, habe ich so was nicht.

Die Warnglocke für die erste Stunde klingelt, und wir folgen der Parade der Schülerinnen und Schüler durch den Haupteingang. Der Flur riecht nach Bodenwachs und verrottendem Holz. Die Einscheibenfenster sind zugig; der Wind lässt das Glas in den Rahmen jeden Nachmittag klirren. Die Deckenleuchten flackern und summen. Keiner der Spinde schließt richtig, weil sich das Fundament um mehrere Grad geneigt hat. Hätte ich eine andere Stadt, eine andere Schule gekannt, fände ich diesen Ort vielleicht deprimierend. Aber stattdessen fühlt sich der Regen, der bei Winterstürmen durch das Dach dringt und auf Schultische und in Flure tropft, lediglich vertraut und nach zu Hause an.

Rose und ich haben die erste Stunde nicht zusammen Unterricht, also laufen wir gemeinsam bis zum Ende von Korridor A und halten vor dem Mädchenklo inne, bevor wir getrennte Wege gehen.

»Ich weiß bloß nicht, was ich meiner Mom sagen soll«, erkläre ich und kratze einen Rest Blueberry-­Blitz-­Nagellack von meinem linken Daumen. Vor zwei Wochen hat Rose mich dazu gedrängt, mir während eines unserer Filmabende die Nägel zu lackieren – nachdem sie beschlossen hatte, dass sie sich nun klassische Hitchcock-­Filme anschauen musste, um in Seattle als Kunststudentin ernst genommen zu werden. Als könnten gruselige Schwarz-Weiß-Filme ihr irgendwie die Würde einer ernsthaften Künstlerin verleihen.

»Sag ihr, du gehst auf eine Party, sag ihr, dass du tatsächlich auch ein Leben hast. Oder schleich dich einfach raus. Sie bemerkt wahrscheinlich gar nicht, dass du weg bist.«

Ich beiße mir seitlich auf die Lippe und lasse das Knibbeln an meinem Nagel sein. Die Wahrheit ist, dass es mir ein mulmiges Gefühl bereitet, meine Mom auch nur für einen Abend, eine Nacht allein zu lassen. Was, wenn sie mitten in der Nacht aufwacht und feststellt, dass ich gar nicht mehr schlafend in meinem Bett liege? Würde sie dann glauben, ich wäre ebenso verschwunden wie mein Dad? Würde sie nach mir suchen? Würde sie etwas Leichtsinniges tun, etwas Dummes?

»Sie steckt doch sowieso auf der Insel fest«, fügt Rose noch hinzu. »Wo soll sie denn hingehen? Ist ja nicht so, als würde sie einfach los und ins Wasser gehen.« Sie hält inne und wir starren einander an: Dass sie einfach ins Meer hinausgeht, ist genau das, wovor ich Angst habe. »Was ich meine«, korrigiert Rose sich, »ist, dass ich nicht glaube, dass irgendwas passiert, wenn du sie mal einen Abend allein lässt. Und du bist doch auch gleich nach Sonnenaufgang zurück.«

Ich blicke quer durch den Flur zur offen stehenden Tür meines Unterrichtsraums, wo in der ersten Stunde Wirtschaft in globaler Betrachtung ansteht und fast alle bereits auf ihren Plätzen sitzen. Mr. Gratton steht neben seinem Schreibtisch und tippt mit dem Füller auf einem Stapel Unterlagen herum, während er darauf wartet, dass die letzte Glocke läutet.

»Bitte«, fleht Rose. »Das ist die größte Nacht des Jahres, und ich will nicht wieder die Loserin sein, die solo dort auftaucht.« Ein leichtes Lispeln begleitet das Wort »solo«. Als Rose jünger war, hat sie gelispelt. All ihre S-­Laute klangen wie Schlangenzischeln. In der Grundschule haben sich die Kinder über sie lustig gemacht, wann immer eine Lehrerin oder ein Lehrer sie aufforderte, etwas laut vor der Klasse vorzutragen. Aber nach den regelmäßigen Besuchen bei einer Logopädin in Newport dreimal die Woche im ersten High-School-­Jahr war es plötzlich, als hätte sie ihren alten Körper hinter sich gelassen und einen neuen bezogen. Meine unbeholfene, lispelnde beste Freundin war wie neugeboren: selbstsicher und furchtlos. Und obwohl sich ihr Aussehen nicht wirklich verändert hatte, strahlte sie nun wie eine wunderschöne, exotische, menschliche Spezies, die mir unbekannt war, während ich genauso blieb, wie ich war. Ich habe dieses Gefühl, dass wir uns eines Tages nicht einmal mehr daran erinnern werden, wieso wir uns überhaupt angefreundet haben. Sie wird davonschweben wie ein bunt gefiederter Vogel, der am falschen Ende der Welt gelebt hat, und ich werde hier zurückbleiben, grau gefiedert und durchnässt vom ewigen Regen und flügellos.

»Na gut«, gebe ich nach, denn ich weiß, wenn ich noch eine Swan-­Party auslasse, wird sie mich vielleicht wirklich als einzige Freundin verstoßen.

Sie grinst breit. »Gott sei Dank. Ich dachte schon, ich muss dich kidnappen und hinschleppen.« Sie schiebt die Schultasche höher auf die Schulter und sagt: »Wir sehen uns nach dem Unterricht.« Als das letzte Klingeln aus den blechernen Lautsprechern über unseren Köpfen tönt, eilt sie den Flur hinunter.

Heute ist nur ein halber Schultag: erste und zweite Stunde, denn heute ist auch der letzte Tag vor den Sommerferien. Morgen ist der 1. Juni. Und auch wenn die meisten High Schools ihr Sommersemester nicht so früh legen, hat das Städtchen Sparrow den Countdown dazu schon vor Monaten gestartet. Banner, die Festivitäten zu Ehren der Swan-­Schwestern ankündigen, sind bereits auf dem Marktplatz aufgehängt und über Schaufenstern drapiert worden.

Die Touristensaison beginnt morgen. Und damit geht der Zustrom von Außenstehenden ebenso einher wie der Beginn einer gruseligen, tödlichen Tradition, die Sparrow schon seit 1823 heimsucht – seitdem die drei Swan-­Schwestern in unserem Hafen ertränkt wurden. Die Party heute Abend ist der Beginn einer Jahreszeit, die mehr bringt als nur Touristendollars. Sie bringt Folklore, überliefertes Wissen und Spekulationen und Zweifel, was die Geschichte der Stadt angeht. Aber immer, jedes Jahr unweigerlich und ohne Zaudern, bringt sie auch den Tod.

Ein Gesang

Es beginnt als leises Summen, das mit der Flut hereinrollt. Ein so schwacher Klang, dass es ebenso gut bloß der Wind sein könnte, der durch die dünnen Fensterläden bläst, durch die Bullaugen der im Hafen liegenden Fischerboote und in die Ritzen verzogener Eingangstüren. Aber nach der ersten Nacht lässt sich der Mehrklang der Stimmen nicht länger leugnen. Eine zauberhafte Hymne segelt über die Wasseroberfläche, kühl und sanft und verlockend. Die Swan-­Schwestern sind erwacht.

2

Um kurz vor zwölf Uhr mittags werden die Türen der Sparrow High aufgestoßen und eine lärmende Horde von Schülern und Schülerinnen wird in die klebrige Mittagsluft entlassen. Rufe und aufgeregtes Johlen hallen über das Schulgelände und schrecken die Seemöwen auf, die entlang der Steinmauer hocken, die den Rasen vor dem Gebäude eingrenzt.

Nur die Hälfte der Abschlussklasse hat sich überhaupt zu diesem letzten Schultag blicken lassen, aber all jene, die da sind, reißen Seiten aus ihren Heften und lassen sie vom Wind wegtragen – eine Tradition, mit der sie die Befreiung von der High School feiern.

Die Sonne steht faul und behäbig am Himmel. Sie hat sich durch den Morgennebel gebrannt und scheint nun geschlagen und erschöpft, kann weder den Boden noch unsere kalten Gesichter wärmen. Rose und ich trampeln in unseren Regenstiefeln die Canyon Street hinunter, die Jeans in die Stiefel gesteckt, damit sie trocken bleiben, die Reißverschlüsse unserer Jacken offen. Wir hoffen, dass der Tag sich noch aufhellt, die Luft wärmer wird vor der wilden Feier, die die ganze Nacht dauern wird, und ich bin nach wie vor nicht wirklich begeistert hinzugehen.

Wir biegen rechts in die Ocean Avenue ab und bleiben an der nächsten Ecke stehen, wo Rose’ Mom einen Laden hat, der dort wie eine kleine quadratische Torte steht, mit weiß gestrichenen Ziegelwänden und rosafarbenen Dachtraufen. Dort arbeitet Rose jeden Tag nach der Schule. Auf dem Schild über der Tür steht: ALBAS TORTEN FÜRS VERGESSEN in blassrosa Buchstaben, die wie gespritzter Zuckerguss aussehen auf dem sahnefarbigen Hintergrund. Aber das hölzerne Schild hat einen grünlichen Schimmer angenommen, der irgendwann weggeschrubbt werden muss. Ein ständiger Kampf gegen die salzige, schlickige Luft.

»Ich hab heute nur eine Zwei-­Stunden-­Schicht«, sagt Rose und hebt sich die Schultasche auf die andere Schulter. »Treffen wir uns um neun am Dock?«

»Klar.«

»Weißt du, wenn du ein Handy hättest wie ein normaler Mensch, könnte ich dir nachher einfach eine SMS schreiben.«

»Handys funktionieren auf der Insel nicht«, merke ich zum hundertsten Mal an.

Sie stößt genervt den Atem aus. »Was katastrophal unpraktisch für mich ist.« Als wäre sie diejenige, die den fehlenden Mobilfunkempfang ertragen muss.

»Du wirst es überleben«, erwidere ich mit einem halben Grinsen, und sie erwidert es mit einem Lächeln, bei dem die Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken und auf den Wangen das Sonnenlicht einfangen wie Sternbilder aus goldenem Sand.

Die Tür hinter ihr wird mit solchem Schwung geöff­net, dass Glöckchen und Metallstäbe klirrend gegen die Scheibe plinkern. Ihre Mom, Rosalie Alba, tritt heraus ins Sonnenlicht und schirmt den Blick mit der Hand ab, als sähe sie zum ersten Mal seit dem letzten Sommer die Sonne.

»Penny«, sagt Mrs. Alba und lässt die Hand sinken. »Wie geht es deiner Mutter?«

»Unverändert«, gebe ich zu. Mrs. Alba und meine Mom waren mal befreundet, auf ganz lockere Art. Manchmal trafen sie sich samstagmorgens zum Tee, oder Mrs. Alba kam raus nach Lumiere Island und sie und meine Mom backten Kekse oder Brombeerkuchen, wenn die dornigen Brombeersträucher wieder anfingen, die Insel zu überwuchern, und mein Dad drohte, sie alle abzubrennen.

Mrs. Alba ist auch eine der wenigen im Ort, die immer noch nach meiner Mom fragen – die es immer noch kümmert. Es ist jetzt drei Jahre her, dass mein Vater verschwand, und es ist, als hätte die Stadt ihn komplett vergessen. Als hätte er nie hier gelebt. Aber es ist so viel leichter, ihre ausdruckslosen Blicke zu ertragen, als die Gerüchte und Spekulationen mit anhören zu müssen, die in den Tagen, nachdem er verschwunden war, durch den Ort getragen wurden. John Talbot hat sowieso nie hierhergehört, hatten die Leute geflüstert. Er hat seine Frau und seine Tochter verlassen; er hat es immer gehasst, in Sparrow zu leben; er ist mit einer anderen Frau weggelaufen; das Leben auf der Insel hat ihn wahnsinnig werden lassen und so ist er ins Meer hinausgewatet.

Er war von außerhalb und ist von den Einheimischen nie ganz akzeptiert worden. Sie schienen erleichtert, als er fort war. Als hätte er das verdient. Aber Mom war hier aufgewachsen und auf die Sparrow High gegangen. Dann hatte sie meinen Vater am College in Portland kennengelernt. Sie liebten sich, und ich weiß, dass er uns niemals im Stich gelassen hätte. Wir waren glücklich. Er war glücklich.

Etwas weit Merkwürdigeres ist ihm vor drei Jahren zugestoßen. Einen Tag war er noch hier, am nächsten nicht mehr.

»Würdest du ihr das hier geben?«, bittet Mrs. Alba und streckt ihre Hand aus. Auf der Handfläche hält sie eine kleine rosa Schachtel mit einer weißen, gepunkteten Schleife.

Ich nehme sie ihr ab und lasse das Band durch meine Fingerspitzen fließen. »Welche Sorte?«

»Zitrone und Lavendel. Ein neues Rezept, an dem ich seit einer Weile experimentiere.« Mrs. Alba backt keine normalen Törtchen für die normale Lust auf Süßes. Ihre winzigen Torten fürs Vergessen sind dafür gedacht, dass man das Schlimmste vergisst, was einem zugestoßen ist. Mit ihrer Hilfe sollen schlimme Erinnerungen weggewischt werden. Ich bin nicht ganz überzeugt, dass sie das tatsächlich können. Aber Einheimische wie Sommertouristen verschlingen die kleinen Törtchen, als wären sie äußerst starke Heilmittel, Arzneien für jeden unliebsamen Gedanken. Mrs. Potts, die in einem schmalen Haus in der Alabaster Street wohnt, behauptet, dass sie sich nach dem Genuss eines besonders reichhaltigen Schokoladen-­Feigen-­Basilikum-­Törtchens nicht mehr an den Tag erinnern konnte, als der Hund ihres Nachbarn Wayne Bailey ihr in die Wade biss und sie zum Bluten brachte, was eine Narbe hinterließ, die wie ein hoch aufgetürmter Blitz aussieht. Und Mr. Rivera, der Postbote des Ortes, sagt, dass er sich nur noch vage an den Tag erinnert, an dem seine Frau ihn für einen Klempner verlassen hat, der in Chestnut Bay lebt, eine Autostunde in nördlicher Richtung entfernt. Dennoch vermute ich, dass es nur der schaufelweise hinzugefügte Zucker und die besonderen Aromen in Mrs. Albas Küchlein sind, die dir für einen kurzen Moment nicht mehr erlauben, an etwas anderes zu denken als an die Hochzeit von urtümlichem Lavendel und säuerlicher Zitrone, die nicht einmal deine schrecklichsten Erinnerungen verdrängen kann.

Als mein Vater verschwand, fing Mrs. Alba an, mir Törtchen in jeder nur vorstellbaren Geschmacksrichtung für zu Hause mitzugeben – Himbeer-­Limetten-­Tarte, Haselnuss-­Espresso-­Küchlein, Algen-­Kokos-­Schaum – in der Hoffnung, dass sie vielleicht auch meiner Mutter helfen würden zu vergessen, was geschehen war. Aber nichts hatte ihre Trauer durchbrechen können, die wie eine steife Wolke war, die der Wind nicht einfach so verwehen konnte.

»Danke«, sage ich, und Mrs. Alba zeigt mir ihr breites Lächeln voller Zähne. Ihre Augen sind wie Tümpel voller Wärme und Güte. Und ich habe mich immer getröstet gefühlt in ihrer Nähe. Mrs. Alba hat spanische Wurzeln, aber Rose’ Vater ist reinblütiger Ire, in Dublin geboren, und Rose hat es geschafft, ihr Aussehen komplett von ihm zu erben, was ihr gar nicht gefällt. »Dann bis um neun«, verabschiede ich mich von Rose, und sie und ihre Mutter verschwinden im Laden, um so viele Torten fürs Vergessen zu backen, wie sie können, bevor morgen früh die Busladungen von Touristen eintreffen.

Für mich hat sich der Vorabend vor dem Beginn der Swan-­Saison schon immer belastend angefühlt, wie eine dunkle Wolke, die ich nicht abschütteln kann.

Das Wissen um das, was kommt; der Tod, der schleichend über die Stadt hereinzieht wie ein Schicksal, dessen Klauen sich nach der Tür eines jeden Ladens und Zuhauses ausstrecken. Ich spüre es in der Luft, in der Gischt des Meeres, in den Leerstellen zwischen den Regentropfen. Die Schwestern kommen.

Alle Zimmer der drei Bed-­and-­Breakfast-­Pensionen entlang der Bucht sind für die nächsten drei Wochen ausgebucht, also bis zum Ende der Swan-­Saison, das am Tag der Sommersonnenwende um Mitternacht kommt. Zimmer mit Blick aufs Meer kosten das Doppelte von dem, was man für jene verlangen kann, deren Fenster zum Land hinzeigen. Die Leute stoßen ihre Fenster gern weit auf und treten hinaus auf die Balkone, um den Lockruf der Swan-­Schwestern zu hören, das Singen aus der Tiefe des Hafenbeckens.

Einige frühe Touristen haben bereits den Weg in den Ort gefunden und schleppen ihr Gepäck in die Lobbys oder knipsen Fotos vom Hafen. Fragen, wo sie hier den besten Kaffee oder eine Tasse heiße Suppe bekommen, denn ihr erster Tag in der Stadt erscheint ihnen üblicherweise als der kälteste. Es ist eine Kälte, die sich in ihren Knochen breitmacht und sich kaum vertreiben lässt.

Ich hasse diese Jahreszeit, so wie die meisten Einheimischen. Aber es ist nicht der Zustrom der Touristen, der mich nervt; es ist die Ausbeutung, das Schauspiel eines Zeitraums, der als Fluch auf dieser Stadt liegt.

Am Dock schmeiße ich meine Schultasche auf eine der Sitzbänke im Skiff. Entlang der Steuerbordseite ist der weiße Anstrich übersät von Kratzern und Dellen wie ein Morsecode. Mein Dad verpasste dem Skiff jedes Frühjahr einen neuen Anstrich, aber auch das wurde in den letzten drei Jahren vernachlässigt. Manchmal fühle ich mich genau wie der Bootsrumpf: voller Narben, zerbeult und dem Rost überlassen, seit er draußen auf See verschwunden ist.

Ich stelle die kleine Kuchenschachtel auf die Bank neben meine Tasche und gehe dann zum Bug, wo ich gerade die Leine losmachen will, als ich das hohle Stampfen von Schritten höre, die hinter mir das Dock herunterkommen.

Ich halte die geknotete Schlinge immer noch in der Hand, als ich einen Jungen bemerke, der mehrere Schritte entfernt stehen geblieben ist und etwas in der linken Hand hält, das wie ein zerknitterter Zettel aussieht. Sein Gesicht wird teilweise von der Kapuze seines Sweatshirts verdeckt, und von seinen Schultern hängt ein schwerer Rucksack. »Ich suche nach Penny Talbot«, sagt er. Seine Stimme ist wie kaltes Wasser frisch aus der Leitung, sein Kiefer eine harte Linie. »Mir wurde gesagt, dass ich sie vielleicht hier finden kann.«

Ich richte mich wieder auf, versuche in seine Augen zu sehen, aber über der oberen Hälfte seines Gesichts liegt ein Schatten. »Wieso suchst du nach ihr?«, frage ich zurück, denn ich bin nicht wirklich sicher, ob ich ihm sagen möchte, dass ich Penny Talbot bin. Noch nicht.

»Ich hab das hier oben im Diner gefunden … im Chowder«, erklärt er mit unsicherem Unterton, so als wäre er nicht sicher, ob er sich den Namen des Lokals richtig gemerkt hat. Das Chowder ist ein kleiner Diner am Ende von Shipley Pier. Es geht bis aufs Wasser hinaus und wird seit zehn Jahren immer wieder zum »besten Diner« in Sparrow gewählt – laut der hiesigen Zeitung, die den Namen Catch trägt, also quasi den Fang des jeweiligen Tages abzubilden verspricht. Es ist eine kleine gedruckte Zeitung, die genau zwei Angestellte beschäftigt, von denen einer Thor Grantson ist, weil seinem Vater das Blatt gehört. Thor ist derselbe Jahrgang wie ich. Während des Schuljahrs gehört das Chowder den einheimischen Jugendlichen, aber in den Sommermonaten müssen wir die abgewetzten Hocker entlang der Theke und die Tische auf der Terrasse mit den Touristenhorden teilen. »Ich suche Arbeit«, fügt er hinzu und hält mir das zerfledderte Stück Papier hin, damit ich es lesen kann, und da wird mir klar, worum es sich handelt. Vor fast einem Jahr habe ich einen Zettel an die Korkwand im Chowder gepinnt, um mir Hilfe beim Unterhalt des Leuchtturms auf Lumiere Island zu suchen, denn meine Mom war inzwischen kaum mehr in der Lage, irgendetwas zu tun, und allein kam ich nicht zurecht. Ich hatte vergessen, dass ich den Zettel dort aufgehängt hatte, und nachdem sich nie jemand gemeldet hatte, um diesen Posten zu übernehmen, und die krakelige, handschriftliche Stellenanzeige irgendwann unter anderen Flyern und Visitenkarten begraben wurde, sorgte ich eben irgendwie dafür, dass ich es allein hinbekam.

Aber nun hat dieser Kerl von außerhalb das Papier irgendwie unter dem Wirrwarr aus Zetteln, die an der Korkwand hängen, gefunden. »Ich brauche die Hilfe nicht mehr«, sage ich kategorisch, während ich die Leine ins Boot werfe und gleichzeitig unbeabsichtigt preisgebe, dass ich tatsächlich Penny Talbot bin. Ich will nicht, dass jemand von außerhalb auf der Insel arbeitet. Jemand, über den ich nichts weiß. Dem ich nicht trauen kann. Als ich die Anzeige angepinnt habe, hatte ich gehofft, dass sich ein arbeitsloser Fischer oder jemand aus meiner Schule melden würde. Aber das tat niemand.

»Du hast jemand anderen gefunden?«, vergewissert er sich.

»Nein. Ich brauche jetzt bloß niemanden mehr.«

Er streicht sich mit der Hand über den Kopf, schiebt die Kapuze zurück, die sein Gesicht halb verdeckt hat, und enthüllt blanke, tiefgrüne Augen, deren Farbe an den Wald nach einem Regenguss erinnert. Er sieht nicht aus wie ein Landstreicher, weder schmud­­delig noch so, als hätte er nur in Tankstellenwaschräumen duschen können. Trotzdem besitzt er das offensichtliche Auftreten eines Außenseiters: auf der Hut und bedacht, was seine Umgebung angeht. Er spannt die Kiefermuskeln an, beißt sich auf die Unterlippe und blickt über die Schulter zurück die Küstenlinie entlang, wo das Städtchen unter der Nachmittagssonne funkelt, als wäre es mit Glitzer besprenkelt worden.

»Bist du wegen der Swan-­Saison hier?«, will ich wissen und betrachte ihn misstrauisch.

»Wegen was?« Er erwidert meinen Blick. In jeder noch so kleinen Regung seinerseits steckt eine gewisse Härte: im Zucken einer Wimper, in der Bewegung seiner Lippen, bevor er den Mund aufmacht, um etwas zu sagen.

»Warum bist du dann hier?« Er hat offenbar keinen Schimmer, was die Swan-­Saison ist.

»Es war der letzte Ort der Buslinie.« Das stimmt. Sparrow ist der letzte Halt einer Busroute, die sich gemächlich die Küste Oregons hinaufzieht, mit Haltestellen in mehreren malerischen Küstendörfern, bis sie in Sparrow in einer Sackgasse endet. Die felsige Kammlinie steht jedweder Straße entgegen, die weiter die Küste hinaufführen könnte; der Verkehr muss daher über mehrere Meilen landeinwärts umgeleitet werden.

»Du hast dir einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht, um in Sparrow zu landen«, sage ich, während ich das letzte Tau losmache, es aber noch festhalte, um das Skiff daran zu hindern, vom Dock wegzudriften.

Er stopft die Hände in die Taschen seiner Jeans. »Und wieso das?«

»Morgen ist der 1. Juni.«

Seiner starren, unveränderten Miene entnehme ich, dass er wirklich keine Ahnung hat, in was er da gerade hineingestolpert ist.

»Tut mir leid, dass ich dir nicht helfen kann«, sage ich, statt auch nur zu versuchen, ihm all die Gründe zu erläutern, wieso es besser für ihn wäre, wenn er den morgigen Bus zurück und fort von hier nehmen würde. »Du kannst in der Fischfabrik nach Arbeit fragen oder auf einem der Fischerboote, aber die stellen normalerweise keine Leute von außerhalb ein.«

Er nickt, beißt sich erneut auf die Lippen und blickt an mir vorbei aufs Meer, auf die Insel in der Ferne. »Wie sieht es mit einer Unterkunft aus?«

»Du kannst es bei einem der Bed and ­Breakfasts versuchen, aber die sind um diese Jahreszeit normalerweise ausgebucht. Die Touristensaison fängt morgen an.«

»Am 1. Juni?«, echot er, als will er dieses rätselhafte Datum noch einmal klarstellen, das mir offensichtlich etwas sagt, ihm aber nicht.

»Ja.« Ich steige ins Boot und ziehe an der Motorleine. »Viel Glück.« Und ich lasse ihn auf dem Dock stehen, während ich quer durch die Bucht hinüber zur Insel tuckere. Ich blicke mehrfach zurück und er ist immer noch da und betrachtet das Wasser, als wäre er unsicher, was er als Nächstes machen soll, bis ich ein letztes Mal zurückblicke und er fort ist.

3

Das Lagerfeuer wirft Funken in den silbrigen Nachthimmel. Rose und ich kraxeln den unebenen Pfad zum Coppers Beach hinunter, dem einzigen Uferabschnitt in Sparrow, der nicht von Felsen und steilen Klippen gesäumt wird. Es ist ein schmaler Streifen aus weißem und schwarzem Sand, der an einer Unterwasserhöhle endet, in die sich nur wenige Jungen – die mutigsten und dümmsten – hineinzuschwimmen getraut haben, und ebenso wieder heraus.

»Hast du ihr die Torte fürs Vergessen gegeben?«, fragt Rose wie eine Ärztin, die ein Medikament verschrieben hat und nun wissen möchte, ob es schlimme Nebenwirkungen oder positive Entwicklun­gen gab.

Nachdem ich nach Lumiere Island zurückgekehrt war und nachdem ich in dem zugigen Bad gegenüber von meinem Zimmer geduscht und dann in meinen kleinen, rechteckigen Kleiderschrank gestarrt und versucht hatte, mich zu entscheiden, was ich zu dem Anlass heute Abend anziehen wollte – mich endlich für eine weiße Jeans und einen dicken schwarzen Pulli entschieden hatte, der die Kälte der Nacht abhalten wird –, ging ich in die Küche und brachte meiner Mom Mrs. Albas Törtchen fürs Vergessen.

Sie saß am Tisch und hatte in eine Tasse Tee gestarrt. »Schon wieder eins?«, fragte sie lustlos, als ich ihr das Küchlein hinschob. In Sparrow hat der Aberglaube ebenso viel Gewicht wie das Gesetz der Schwerkraft oder die Berechenbarkeit der Gezeitenkalender, und für die meisten Einheimischen haben Mrs. Albas Küchlein dieselbe Wahrscheinlichkeit, Mom zu helfen, wie eine Packung Tabletten vom Arzt. Also biss sie gehorsam kleine Happen von dem Lavendel-­Zitronen-­Gebäck und achtete dabei darauf, keine Krümel auf ihren übergroßen beigefarbenen Pullover fallen zu lassen, dessen Ärmel sie halb über die blassen, knochigen Unterarme hochgeschoben hatte.

Ich glaube nicht, dass ihr überhaupt klar war, dass heute der letzte Schultag ist, dass ich soeben mein vorletztes High-School-­Jahr abgeschlossen habe und dass morgen der 1. Juni ist. Es ist nicht so, als hätte sie jedes Gefühl für die Wirklichkeit verloren, aber die Ränder ihrer Welt sind abgestumpft, wie wenn man etwas per Fernbedienung stumm schaltet. Das Bild auf dem Fernsehschirm kann man nach wie vor flimmern sehen; die Farben sind alle noch da, aber der Ton ist weg.

»Ich dachte, ich hätte ihn heute gesehen«, murmelte sie. »Er stand am Ufer unter der Klippe und sah zu mir hoch.« Ihre Lippen bebten ganz leicht, ihre Finger ließen ein paar Kuchenkrümel auf den Teller vor sich fallen. »Aber es war bloß ein Schatten. Eine optische Täuschung«, ergänzte sie.

»Es tut mir leid«, erwiderte ich und berührte leicht ihren Arm. Ich höre immer noch das Geräusch, mit dem die Fliegentür zuschlug in der Nacht, als mein Vater das Haus verließ; ich erinnere mich, wie er aussah, als er den Pfad hinunter zum Dock lief, die Schultern von der aufstiebenden Gischt abgewandt und gebeugt, die Schritte matt und müde. Ich sah ihn in jener stürmischen Nacht vor drei Jahren gehen, und er kehrte nie mehr zurück.

Er verschwand einfach von der Insel.

Sein Segelboot war nach wie vor am Dock vertäut, seine Brieftasche auf dem Tischchen neben der Eingangstür des Hauses. Keine Spur. Keine Nachricht. Keine Hinweise. »Manchmal glaube ich auch, ihn gesehen zu haben«, versuchte ich, sie zu trösten, aber sie starrte bloß auf den Kuchenrest vor sich. Ihre Züge waren weich und weit entfernt, abwesend, als sie die letzten paar Bissen aß.

Während ich neben ihr am Küchentisch saß, konnte ich nicht umhin, mich in ihr gespiegelt zu sehen: das lange, glatte braune Haar, dieselben wässrig-­blauen Augen und tragisch blasse Haut, die an diesem trostlosen Ort zu selten die Sonne sieht. Aber während sie kultiviert und anmutig wirkt mit ihren Ballerina-­Armen und Gazellenbeinen, kam ich mir schon immer krummbeinig und linkisch vor. Als ich jünger war, habe ich mich beim Gehen etwas vorgebeugt und versucht, kleiner auszusehen als die Jungen in meiner Stufe. Selbst jetzt fühle ich mich häufig wie eine Marionette, deren Meister ständig die falschen Strippen zieht, sodass ich herumhample und stolpere und meine Hände ungeschickt vor mir hertrage.

»Ich glaube nicht, dass Kuchen sie wieder in Ordnung bringt«, sage ich zu Rose, während wir hintereinander den Pfad hinabsteigen, der von trockenem Gras und dornigen Büschen gesäumt wird. »Die Erinnerung an das Verschwinden meines Dads ist so ein harter Brocken in ihrem Kopf, dass keine noch so starke hiesige Arznei sie da rausziehen kann.«

»Tja, ich glaube nicht, dass meine Mom schon aufgegeben hat. Heute sprach sie von einer neuen Mixtur aus Bienenpollen und Schlüsselblumen, von der sie glaubt, dass sie die schrecklichsten Erinnerungen auflösen zu helfen vermag.« Wir erreichen endlich den Strand, und Rose hakt sich bei mir unter. Unsere Füße lassen den Sand aufstieben, als wir zum Lagerfeuer hinüberstapfen.

Die meisten Mädchen tragen lange, gestufte Kleider mit tiefem Halsausschnitt und dazu Bänder im Haar. Selbst Rose hat ein blassgrünes Kleid aus Spitze und Chiffon an, das über den Sand streicht, wenn sie sich bewegt, und Treibholzstückchen und Muschelschalen mitschleift.

Olivia Greene und Lola Arthurs, beste Freundinnen und die Herrscherinnen über Sparrows gesellschaftliche Elite, tanzen auf der anderen Seite des großen Lagerfeuers, als wir zur Menge hinzustoßen, offenbar bereits angetrunken, was niemanden hier überraschen dürfte. Ihre Haare besitzen den gleichen gruftigen Schwarzton, der Pony ist jeweils kurz und streng geschnitten, die Haare erst vor zwei Wochen gefärbt und in Form gebracht für die Saison. Normalerweise bleichen sie ihre Locken beinahe weiß – tragen sie lang und im Beachgirl-­Look. Der kommt wahrscheinlich in etwa einem Monat zurück, wenn die Swan-­Saison vorbei ist und sie es nicht länger für notwendig halten, sich wie der Tod auf Urlaub zu kleiden. Aber Olivia und Lola lieben das Dramatische, lieben es, sich aufzubrezeln, lieben es, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen bei jedem gesellschaftlichen Anlass.

Letztes Jahr haben sie sich gegenseitig die Nasen gepierct, ihren Eltern zum Trotz. Olivia hat einen silbernen Stecker in ihrem linken Nasenflügel, Lola einen Ring im rechten. Und ihre Nägel sind passend in makabrem Schwarz lackiert, was sich perfekt mit dem Ton ihrer Haare ergänzt. Sie wirbeln nahe dem Feuer in Kreisen herum, wedeln mit den Armen in der Luft und wiegen die Köpfe zur Seite, als wollten sie die Verkörperung einer Swan-­Schwester nachahmen. Auch wenn ich bezweifle, dass die Swan-­Schwestern vor 200 Jahren je etwas so idiotisch Aussehendes gemacht haben.

Jemand reicht Rose ein Bier, und sie gibt es wiederum an mich weiter, damit ich den ersten Schluck nehmen kann. An den Wochenenden schnappen wir uns manchmal heimlich ein paar Bier oder eine halb leere Flasche Wein aus dem Kühlschrank ihrer Eltern und lassen uns anheitern, während wir ausgestreckt auf dem Fußboden in ihrem Zimmer liegen und Musik hören. In letzter Zeit waren es Country-­Hits, unsere neuste Manie, und dazu blättern wir das Jahrbuch vom vergangenen Jahr durch und spekulieren, wer dieses Jahr mit wem etwas anfängt und wer wohl von einer Swan-­Schwester heimgesucht wird, wenn der Sommer kommt – von wem sie Besitz ergreifen wird.

Ich nehme einen Schluck aus der Flasche, lasse den Blick durch die Menge schweifen und sehe all die bekannten Gesichter, die Leute, mit denen ich seit der Grundschule gemeinsam zur Schule gegangen bin, und in mir tut sich der harsche Gedanke auf, dass ich eigentlich kaum einen von ihnen kenne. Nicht wirklich. Mit einigen habe ich mich flüchtig unterhalten: Hast du dir aufgeschrieben, welche Kapitel wir heute Abend für die dritte Stunde Geschichte bei Mr. Sullivan lesen sollen? Kann ich mir einen Stift ausborgen? Hast du ein Ladekabel fürs Handy, das ich mir ausleihen könnte? Aber jemanden von ihnen als Freund oder Freundin zu bezeichnen wäre nicht bloß übertrieben, es wäre schlicht eine Lüge. Vielleicht liegt es zum Teil auch daran, dass ich weiß, dass die meisten von ihnen diese Stadt irgendwann verlassen werden. Sie gehen aufs College und ihr Leben wird so viel interessanter sein als meins. Wir sind alle nur Schiffe, die aneinander vorüberziehen; es macht keinen Sinn, Freundschaften zu schließen, die nicht halten werden.

Und auch wenn Rose nicht versucht, in der sozialen Hierarchie der Sparrow High aufzusteigen, gibt sie sich immerhin Mühe, freundlich zu sein. Sie lächelt die Leute auf den Fluren an, fängt plappernd Gespräche mit dem Nebenmann oder der Nebenfrau am Spind an, und dieses Jahr hat Gigi Kline, die Cheerleader-­Kapitänin unserer Basketballmannschaft, sie sogar eingeladen, zum Probetraining für das Team zu kommen. Die beiden waren mal befreundet, Gigi und Rose, in der Grundschule. Sogar beste Freundinnen. Aber während jener Zeit sind Freundschaften veränderlich; nichts fühlt sich dauerhaft an. Und auch wenn sie sich nicht mehr wirklich nahestehen, gehen Rose und Gigi nach wie vor freundlich miteinander um. Rose’ liebenswürdiges Wesen ehrt sie.

»Auf die Swan-­Schwestern!«, brüllt jemand. »Und auf ein weiteres Jahr High School!« Arme recken sich in die Luft, halten Bierdosen und rote Plastikbecher hoch, und ein Chor aus Gejohle und Pfiffen erklingt und wird über den Strand getragen.

Musik wummert aus einer tragbaren Anlage, die wacklig auf einem der Holzscheite unweit des Feuers steht. Rose nimmt mir das Bier ab und drängt mir stattdessen eine größere Flasche auf. Whiskey, der durch die Menge gereicht wird. »Schmeckt furchtbar«, gibt sie zu, das Gesicht immer noch verzogen. Aber dann lächelt sie und wackelt mit einer Braue. Ich kippe einen schnellen Schluck der dunklen Flüssigkeit hinun­ter, und der Alkohol brennt in meiner Kehle und lässt Gänsehaut über meine Arme ziehen. Ich reiche die Flasche nach rechts weiter, an Gigi Kline. Sie grinst, aber nicht in meine Richtung, mich scheint sie gar nicht zu bemerken, sondern an der Flasche hinab, die sie aus meiner Hand entgegennimmt. Dann hält sie sie an ihren Mund, schluckt eine Menge mehr von dem Zeug, als ich es jemals könnte, und wischt sich über die perfekt geschminkten korallenroten Lippen, bevor sie die Flasche an das Mädchen zu ihrer Rechten weitergibt.

»Zwei Stunden bis Mitternacht«, verkündet ein Junge von der anderen Seite des Feuers, und eine weitere Welle der Rufe und Schreie frisst sich durch die Gruppe. Und diese nächsten beiden Stunden vergehen in einem Nebel aus Lagerfeuerrauch und weiteren Bieren und Schlucken Whiskey, der mit jeder Runde weniger brennt. Ich hatte nicht geplant, zu trinken oder gar betrunken zu werden, aber die Wärme, die durch meinen gesamten Körper fließt und strahlt, gibt mir ein lockeres, schwebendes Gefühl. Rose und ich wiegen uns fröhlich mit anderen Leuten, mit denen wir normalerweise nie reden würden. Die normalerweise nie mit uns reden würden.

Aber als es nicht mal mehr eine halbe Stunde bis Mitternacht ist, beginnt die Gruppe, den Strand hinun­ter zum Saum des Wassers zu taumeln. Ein paar Leute, entweder zu betrunken oder zu vertieft in ihre Unterhaltung, um den Kreis des Feuers zu verlassen, bleiben zurück, aber der Rest von uns sammelt sich wie zu einer Prozession.

»Wer traut sich, als Erster reinzugehen?«, fragt Davis McArthurs laut genug, dass es alle hören können. Seine blonden Haarstacheln sind an der Stirn nach oben gestylt, und seine Lider hängen träge herab, als will er jeden Moment ein Schläfchen machen.

Ein Raunen leiser, lauernder Stimmen wandert durch den Mob, und ein paar der Mädchen werden spielerisch nach vorn geschubst, bis ihre Füße gerade einmal knöcheltief im Wasser platschen, bevor sie hastig wieder zurückstolpern. Als könnten wenige Zentimeter Wasser ausreichen, dass die Swan-­Schwestern ihnen die Körper rauben.

»Ich mach es«, verkündet eine lallende Singsang-­Stimme. Alle recken die Hälse, um zu sehen, wer das gesagt hat, und Olivia Greene tritt vor und dreht sich im Kreis, sodass ihr pastellgelbes Kleid sich wie ein Sonnenschirm um sie breitet. Sie ist offensichtlich betrunken, aber die Gruppe feuert sie an, und sie verbeugt sich, als will sie ihre sie anbetenden Fans begrüßen, bevor sie sich wieder zum schwarzen reglosen Hafen wendet. Ohne weiter gedrängt werden zu müssen, beginnt sie, in die salzige See hinauszuwaten, die Arme ausgestreckt. Als sie bis zur Taille im Wasser ist, macht sie einen sehr plumpen Hechtsprung nach vorn, der eher wie ein Bauchklatscher aussieht. Sie verschwindet eine halbe Sekunde lang unter der Oberfläche, bevor sie wieder auftaucht und in wildes Lachen ausbricht: Ihr Haar in seinem tragischen Schwarzton klebt ihr im Gesicht wie lange Algenschnüre.

Die Menge johlt und Lola geht bis zu den Knien ins Wasser, sie drängt Olivia, sich wieder ins Flache zurückzuziehen. Davis McArthurs ruft erneut nach Freiwilligen, und diesmal dauert es nur einen kurzen Augenblick, bis eine Stimme schreit: »Ich gehe rein!«

Ich blicke rasch nach links, wo Rose aus der Menge vorgetreten ist und nun auf das Wasser zustapft.

»Rose«, rufe ich, strecke die Hand aus und packe sie am Arm. »Was tust du denn?«

»Ich geh ’ne Runde schwimmen.«

»Nein. Das darfst du nicht.«

»Ich habe sowieso nie wirklich an die Swan-­Schwestern geglaubt«, erwidert sie mit einem Zwinkern. Und dann entzieht die Menge sie meinem Griff und geleitet sie auf den kalten Ozean zu. Sie lächelt breit, als sie ins Wasser hinauswatet, an Olivia vorbei. Sie ist kaum bis zur Taille drin, da taucht sie auch schon vorwärts und gleitet unter die Oberfläche. Das Wasser kräuselt sich hinter ihr wie ein Schaudern, und alle am Strand verstummen. Mir schnürt es die Luft ab. Die Wasseroberfläche beruhigt sich wieder, und selbst Olivia, die immer noch bis zu den Waden im flachen Wasser steht, dreht sich um und beobachtet sie. Aber Rose taucht nicht wieder auf.

15 Sekunden vergehen. 30. Mein Herz beginnt, hart gegen meine Rippen zu schlagen; schmerzhaft überzeugt, dass etwas nicht stimmt. Ich löse mich aus der Menge, mit einem Mal wieder nüchtern, halte Ausschau nach Rose’ rotem Haar, das an der Oberfläche auftaucht. Aber kein Hauch bewegt das Wasser, kein Kräuseln rührt die Glätte.

Ich mache einen ersten Schritt ins Wasser, ich muss ihr hinterhertauchen. Ich habe keine Wahl. Unter dem blutlosen Halbmond durchbricht in diesem Moment etwas die Stille und sie taucht plötzlich aus dem Wasser auf, mehrere Meter weiter draußen von der Stelle, an der sie hinabgetaucht ist. Ich stoße einen erleichterten, zittrigen Seufzer hervor, und die Menge bricht in kollektives Jubeln aus. Alle heben ihre Becher, als wären sie soeben Zeugen einer unmöglichen Großtat geworden.

Rose dreht sich auf den Rücken und hebt die Arme über den Kopf, dann nach hinten hinunter, wie ein geschmeidig fließendes Windrad, und dann schwimmt sie zum Ufer, ganz locker, als würde sie im Becken ihre Bahnen ziehen. Ich rechne damit, dass Davis McArthurs wieder fragt, wer als Nächster reingehen will, aber die Gruppe ist jetzt auf Radau aus, und Mädchen platschen durch das flache, knöcheltiefe Wasser, gehen aber nie wirklich ganz hinein. Leute legen sich in den Sand, ein paar machen Dosenschießen mit dem Bier, andere schlagen ungelenk Räder ins Wasser hinein.

Rose erreicht endlich den Strand, und ich versuche, mich zu ihr durchzudrängen, aber mehrere Jungs aus der Abschlussklasse haben sich um sie versammelt, klatschen sie mit High Fives ab und bieten ihr frisches Bier an. Ich stehle mich aus der Gruppe davon. Das hätte sie nicht tun sollen, ins Wasser zu tauchen. Es riskieren. Meine Wangen glühen, als ich zusehe, wie sie sich lässig das Wasser von den Armen wischt. Sie wirkt selbstzufrieden und lächelt zu der Traube von Jungs hoch, die sich plötzlich für sie interessieren.

Das Mondlicht zeichnet einen Pfad den Strand hinauf, und ich wandere fort vom Lärm der Party. Nicht weit, nur ein Stück, damit ich wieder zu Atem komme. Ich habe zu viel getrunken, und die Welt fängt an zu schwirren und zu knistern und auch ein wenig aus dem Gleichgewicht zu kippen. Ich denke daran, dass mein Vater in einer Nacht verschwunden ist, als kein Mond zu sehen war, keine Sterne, die ihm den Weg zurück aus der Dunkelheit hätten weisen können. Hätte der Mond damals geschienen, vielleicht wäre er dann zu uns zurückgekehrt.

Ich überlege gerade, zurück zum Bootshafen zu gehen, die Party zu verlassen und zur Insel zurückzufahren, als ich den schweren Atem und die schwankenden Schritte einer Person höre, die den sandigen Strand hinauf hinter mir herstolpert. »Hey«, ruft eine Stimme. Ich fahre herum und erkenne Lon Whittamer, einen der berüchtigten Feierwütigen der Sparrow High. Er wankt auf mich zu, als stünde ich ihm im Weg.

»Hi«, erwidere ich leise und versuche beiseitezutreten, damit er seinen betrunkenen Spaziergang fortsetzen kann.

»Du bist Pearl«, sagt er. »Nein, Paisley.« Er lacht, wirft den Kopf zurück, und seine braunen Augen schließen sich kurz, bevor er sie wieder auf mich fokussiert. »Sag’s mir nicht«, befiehlt er und hält einen Finger hoch, als will er mich davon abhalten, ihm meinen Namen zu verraten, bevor er Zeit genug hatte, ihn selbst zu erraten. »Priscilla. Hmm, Pfefferminze.«

»Du zählst einfach nur Dinge auf, die mit einem P beginnen.« Ich bin nicht in der Stimmung für diesen Blödsinn, ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden.

»Penny!«, brüllt er und schneidet mir damit das Wort ab.

Ich weiche einen Schritt zurück, als er sich vorbeugt, den alkoholgeschwängerten Atem ausstößt und mir beinahe entgegenfällt. Sein dunkelbraunes Haar klebt an seiner Stirn und seine eng stehenden Augen scheinen ihm nicht mehr zu gehorchen; sie schließen sich alle paar Sekunden für ein Blinzeln. Er trägt ein neon­orangefarbenes Hemd, bestreut mit Palmen und rosa Flamingos. Lon trägt mit Vorliebe grässliche Hawaiihemden in allerlei tropisch leuchtenden Farben und mit Motiven wie exotischen Vögeln und Ananas und Hulamädchen. Ich glaube, das begann als Scherz oder vielleicht als Mutprobe im zweiten High-School-­Jahr, und dann mauserte es sich zu seinem Markenzeichen. Es lässt ihn aussehen wie einen 80-Jährigen auf Dauerurlaub in Palm Springs. Und da ich nicht glaube, dass er schon mal in Palm Springs gewesen ist, muss ihm die Hemden wohl seine Mutter online bestellen. Und heute Nacht trägt er eins seiner hässlichsten.

»Ich mag dich, Penny. Hab ich immer schon«, nuschelt er.

»Ach ja?«

»Jap. Du bist genau mein Typ.«

»Das bezweifle ich. Vor zwei Sekunden wusstest du nicht mal, wie ich heiße.«

Lon Whittamers Eltern gehört das einzige große Lebensmittelgeschäft im Ort: Lon’s Grocery, das sie nach ihm benannt haben. Und er ist bekannt dafür, ein totales Arschloch und ein Narzisst zu sein. Er selbst sieht sich als Frauenheld – ein selbst ernannter Casanova –, und das nur, weil er seinen Freundinnen Rabatt auf Make-up im mies sortierten Kosmetikregal im Laden seiner Eltern bieten kann, was er allen ­Ernstes als Trophäe benutzt, die er nur Mädchen aushändigt, die es wert sind. Aber er ist ebenso bekannt dafür, dass er seinen Freundinnen fremdgeht, und er ist schon viele Male erwischt worden, als er mit anderen Mädchen herumgemacht hat, immer in seinem aufgemotzten roten Truck mit den Chromfelgen und den dekorativen Schmutzfängern auf dem Schulparkplatz. Zusammengefasst ist er also ein Blödmann, der nicht einmal den Atem wert ist, den man braucht, um ihm zu sagen, dass er sich verpissen soll.