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»Du musst dich in Acht nehmen … Ein Sturm zieht auf.« Das Fränkische Reich im 8. Jahrhundert: An den Grenzen des Reiches werden bittere Schlachten ausgefochten, doch fernab davon wächst die junge Heilerin Aval behütet auf. Nichts scheint den Frieden ihrer kleinen Welt trüben zu können, einem Dorf am Rande eines uralten Waldes, der durchdrungen ist von verborgenen Zauberkräften. Nur eines beunruhigt Aval: Ihre Schwester Mara besucht immer wieder den Nixenweiher im Wald – einen verbotenen Ort, um den sich geheimnisvolle Märchen ranken. Als Mara eines Tages eine kostbare Halskette am Ufer des Weihers findet, beginnt Aval zu zweifeln. Haben die alten Märchen recht? Lebt eine Nixe im Weiher? Und was hat es mit dem Sturm auf sich, dessen Kommen ihr prophezeit wurde? Bald häufen sich ebenso unheimliche wie bedrohliche Geschehnisse, die nur eins bedeuten können: Die Nixe vom Waldweiher ist erwacht, bereit Rache zu nehmen für ein lange zurückliegendes Unrecht. Während Aval noch versucht, Märchen von Wirklichkeit zu unterscheiden, geraten die Menschen, die sie am meisten liebt, in tödliche Gefahr. Einzig Aval besitzt die Macht, den Fluch der Nixe zu brechen – dabei stehen ihr jedoch nicht zuletzt ihre eigenen Gefühle im Weg …
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Veröffentlichungsjahr: 2020
CAT TAYLOR
Der Fluch der Nixe
Zum Buch:
Das Fränkische Reich im 8. Jahrhundert: An den Grenzen des Reiches werden bittere Schlachten ausgefochten, doch fernab davon wächst die junge Heilerin Aval behütet auf. Nichts scheint den Frieden ihrer kleinen Welt trüben zu können, einem Dorf am Rande eines uralten Waldes, der durchdrungen ist von verborgenen Zauberkräften. Nur eines beunruhigt Aval: Ihre Schwester Mara besucht immer wieder den Nixenweiher im Wald – einen verbotenen Ort, um den sich geheimnisvolle Märchen ranken.
Als Mara eines Tages eine kostbare Halskette am Ufer des Weihers findet, beginnt Aval zu zweifeln. Haben die alten Märchen recht? Lebt eine Nixe im Weiher? Und was hat es mit dem Sturm auf sich, dessen Kommen ihr prophezeit wurde?
Bald häufen sich ebenso unheimliche wie bedrohliche Geschehnisse, die nur eins bedeuten können: Die Nixe vom Waldweiher ist erwacht, bereit Rache zu nehmen für ein lange zurückliegendes Unrecht.
Während Aval noch versucht, Märchen von Wirklichkeit zu unterscheiden, geraten die Menschen, die sie am meisten liebt, in tödliche Gefahr. Einzig Aval besitzt die Macht, den Fluch der Nixe zu brechen – dabei stehen ihr jedoch nicht zuletzt ihre eigenen Gefühle im Weg …
Zur Autorin:
Ob leidenschaftlicher Liebesroman oder märchenhafte Fantasy – Cat Taylor entführt ihre Leserinnen und Leser in vergangene Zeiten und zu faszinierenden Orten. Zu ihren Romanen lässt sie sich auf Reisen um die ganze Welt inspirieren, am liebsten schreibt sie aber in einem kleinen Cottage in den schottischen Highlands. Bei einer guten Tasse Earl Grey entstehen dort Cats mitreißende Geschichten über freche Normannen, widerspenstige Edelfräulein und heldenhafte Nixenschwestern.
Von Cat Taylor ist bisher erschienen:
Die Fitzroberts:
Der Kuss des Normannen
Der Traum des Normannen
Das Herz des Normannen
Die Fitzrobert-Schwestern:
Thyra – Entflammtes Herz
Synne – Entfesseltes Herz
Elisif – Gestohlenes Herz
Märchen und Fantasy:
Der Fluch der Nixe
Herrin vom See
Besuchen Sie die Autorin online:
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www.instagram.com/cattaylor_romance
Der Fluch der Nixe
von
Cat Taylor
Roman
Inhaltsangabe
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Epilog
Nachwort
Leseempfehlung
Impressum
Der Vollmond stand am Himmel. Silbern und fern. Wie ein kostbares Schmuckstück.
In seinem geisterhaften Licht zitterten die Schemen des Waldes. Erlen und Trauerweiden wisperten Nachtgesang, der über die Wasser des Weihers glitt.
Dunkel waren die Tiefen des Waldweihers. Dunkel und alt. Doch seine Oberfläche leuchtete silberhell, fing das Abbild des Mondes und der Sterne ein. Ein Spiegel trügerischer Schönheit.
Silbern leuchtete auch die Haut der Frau, die am Ufer tanzte.
Ihr dunkles Haar wogte um ihre nackten Schultern, so wie das Wisperlaub des Waldes um den Weiher wogte. Nichts als ein zartes Nachthemd trug sie. Ihren Mantel hatte sie abgestreift und mit einem plätschernden Lachen ihrem Begleiter zugeworfen.
Jetzt tanzte sie zu der mächtigen Eiche, die sich am Rand des Wassers erhob. Schmiegte ihren Rücken gegen den Stamm und lockte den jungen Mann mit einem süßen Wink ihres Fingers. Schon war er bei ihr, seufzte ihren Namen und sank in ihre Umarmung.
Sie bemerkten nicht die Augen, die sie aus der Stille des Waldes beobachteten.
Die Augen wussten um das Geheimnis der Frau. Sie erkannten ihr Gesicht, das sie oft am Ufer des Weihers gesehen hatten. Beinahe noch das eines Mädchens, doch der Körper, der unter den Liebkosungen des Mannes erblühte, war der einer Frau.
Sie schlang ihre Arme um ihn, drängte ihre Beine an ihn. Seine bebenden Hände wanderten zu ihrem Hals. Im Licht des Silberwassers glänzte dort ein Halsschmuck auf ihrer Haut, kostbar und golden. Das Gold schien zu glühen, zu brennen, von innen heraus eine fremdartige Lebendigkeit zu offenbaren. Doch die Frau erlaubte nicht, dass der Mann den Schmuck berührte, ließ stattdessen ihr dünnes Gewand zu Boden gleiten. Silber und Gold bannten ihn. Und er versank in ihren Küssen. Versank in ihren Liebesschwüren.
Die Augen im Wald kannten keine Scham. Sie sahen nicht fort. Sie warteten auf das Unheil, das seinen Lauf nehmen musste.
Da schälte sich eine Gestalt aus den Schatten der Trauerweiden und lief ans Ufer. Eine zweite Frau, auch sie kaum mehr als ein Mädchen. Auch sie trug nicht mehr als ein zartes Nachtgewand, aus bitteren Träumen gerissen. Tränen glänzten auf ihren Wangen.
»Wie konntet ihr?«, rief sie und wollte den Mann an sich ziehen. Doch er lag wie benommen in der Umarmung seiner Liebsten, bemerkte nichts, hielt nicht inne. »Wie konntet ihr mir das antun?«
»Du kommst zu spät.« Die erste Frau lachte ihr plätscherndes Lachen und schlang ihre silbernen Arme noch enger um ihn, drängte ihre silbernen Beine noch fester an ihn. »Jetzt gehört er mir. Mir allein.«
»Dafür wirst du bezahlen!« Die zweite Frau warf sich auf das Paar. Ihre Finger krallten sich in den kostbaren Halsschmuck, zogen daran und zerrten. Da stieß die erste ihren Liebsten von sich, packte ihre Angreiferin beim Nacken, drückte sie zu Boden. Hielt sie mit furchtbarer Leichtigkeit fest.
»Du bist es, die bezahlt, Schwester!«, flüsterte sie. Und schlug den Schädel der Wehrlosen gegen den Stamm der Eiche.
Blutstropfen fielen auf die Spiegelfläche des Weihers und zerrissen sie. Gierig sog das dunkle Wasser sie auf.
Die Augen im Wald hatten genug gesehen und schlossen sich.
Der Weiher lag still, als wäre nichts geschehen.
Mara war so schön, dass man sie stundenlang betrachten und nicht genug von ihrem Anblick bekommen konnte.
Das hatte Aval die Leute oft über ihre ältere Schwester sagen hören – wenngleich sie ihnen nicht ganz recht geben konnte. Gewiss, auch Aval fand Mara schön, mit ihren feinen, weißen Gesichtszügen und dem tiefschwarzen Haar.
So wunderschön, dass es mitunter Schmerzen bereitete, sie zu lange anzusehen.
»Es ist ihr Nixenblut, das betört und zugleich abstößt«, hatte die Haselfrau Edda einmal gemurmelt. Aber Avals Tante Rowena hatte streng die Augenbrauen gewölbt und eine passendere Erklärung gefunden: »Es ist deine Liebe zu Mara, die dein Herz bei ihrem Anblick so sehr anschwellen lässt, dass es sich wie Schmerz anfühlt. Mara ist wie ein Vöglein, hübsch, aber hilflos, und der Drang sie zu beschützen war schon immer stark in dir, Aval.«
Seit sie denken konnte, hatte Aval auf ihre Schwester achtgegeben, ihre ganzen sechzehn Lebensjahre hindurch. Denn allzu oft stand ein verträumter Ausdruck in Maras Augen, der sie alles um sie her vergessen ließ. Dann war es an Aval ihre Schwester bei der Hand zu nehmen, sie an die täglichen Pflichten im Haushalt der Burg ihres Vaters zu erinnern, sie zu den Tänzen und Geselligkeiten im Burghof oder im nahen Dorf mitzunehmen. Zaghaft wich Mara kaum einmal von Avals Seite und verließ sich stets auf ihre jüngere Schwester. Nur in einer einzigen Sache bewies sie einen eigenen, sturen Willen: Mara zog es immer wieder zum Weiher im Wald.
Es war Mai und die Tage bereits sommerlich warm. Sonnenlicht fiel durch das frische Grün der Erlen und Trauerweiden am Ufer des Weihers und malte Funken auf die Wasseroberfläche. Der Himmel, klar und blau, spiegelte sich darunter. Aval saß auf ihrem angestammten Platz, einem ausladenden Ast der Eiche, die über Jahrhunderte am Ufer gewachsen war. Der Ast ragte weit über das Wasser, aber Aval schmiegte sich an den Stamm, wo das Holz einen natürlichen Sitz formte. Wenn sie die Augen schloss, glaubte sie die Kraft des Baumes zu fühlen, die durch seine verborgenen Adern floss, durch Stamm, Äste und Blätter pulsierte. Kraft, die tief aus der Erde kam und ihr das Gefühl von Schutz und Geborgenheit gab.
Unter ihr lag Mara bäuchlings auf dem Steg, der vom Wurzelwerk der Eiche in den Weiher ragte. Ihr schönes Gesicht spiegelte sich im Wasser, eingerahmt von Eichenlaub und Sonnenstrahlen, und es schien, als betrachtete Mara sich unablässig selbst. Ihr Blick ging jedoch tiefer, weit hinab auf den Grund des Weihers, in die dunklen Wasserströme, die sich unter der gläsernen Oberfläche dahinwälzten.
»Was siehst du dort unten?«, fragte Aval, obwohl sie wusste, dass sie keine Antwort erhalten würde. »Was suchst du immerzu dort im Weiher?«
Wie gewöhnlich zuckte Mara mit den Achseln, streckte ihre Hand aus und ließ die Finger durchs Wasser gleiten. Also überließ Aval sie ihren Träumereien und wanderte stattdessen mit dem Blick über den Weiher. Libellen schwirrten über die Knospen der Seerosen, Wasserläufer sprangen hin und her. Ein Teichhühnchen zog gackernd seine Bahnen, das zwischen den Rohrkolben am gegenüberliegenden Ufer sein Nest gebaut hatte. Der Wald ringsumher leuchtete in schier unendlichen Nuancen von Grün. Ihr Vater, der Edle Herr Habilo, sagte gern, dass nur zu dieser Jahreszeit die Natur sich in all ihrer Farbenpracht zeige, solange das Laub noch jung und frisch war. Über die grünenden Bäume hinweg konnte Aval die Dächer der Rabsburg ausmachen, ihres Zuhauses, auf der Habilo der Herr war.
Vater ist nun beinahe zwei Monate fort.Ob er wohl bald zurückkehrt vom Reichstag des Königs? Welche Neuigkeiten er von dort mitbringen mag?
Der Gedanke an ihren Vater weckte das schlechte Gewissen, und unbehaglich rutschte Aval auf ihrem Sitz hin und her.
Habilo hatte verboten, zum Weiher zu gehen.
»Wir sollten bald aufbrechen, Mara. Rowena erwartet, dass wir ihr im Kräutergarten zur Hand gehen. Wenn wir zu spät kommen, wird sie wissen, dass wir am Weiher waren.«
Mara zuckte erneut mit den Schultern und tauchte ihre Finger unablässig durchs Wasser. »Nur noch ein Weilchen, Ava. Die Arbeit läuft uns nicht davon.«
Auf der Burg gab es reichlich Aufgaben, von früh bis spät, und Aval und Mara waren als Töchter des Burgherrn nicht davon ausgenommen. Arbeit im Garten oder auf den Feldern, Wasserholen, Wäschewaschen. Am Abend Spinnen und Weben, Sticken oder Nähen. Die gestrenge Rowena, die dem Haushalt der Rabsburg vorstand, fand noch für jeden Faulenzer eine Aufgabe. Umso kostbarer waren die gestohlenen Stunden, die Mara und Aval am Weiher verbrachten. Alles war friedlich und still hier. Von erhabener Schönheit.
Und dennoch … sie durften nicht hier sein.
Ihr Vater hatte nie wirklich erklärt, weshalb sie den Waldweiher meiden sollten. Sein Verbot galt nicht nur für die Schwestern, sondern für alle Bediensteten und Hörigen, die seinem Befehl unterstanden. Jedermann hielt sich daran, selbst die freien Bauern aus den umliegenden Weilern kamen niemals freiwillig auch nur in die Nähe des Waldweihers. Die Schauergeschichten der greisen Bertrade mochten ihren Teil dazu beitragen: Sie nannte den Weiher einen verfluchten Ort, an dem Wassergeister ihr Unwesen trieben.
»Wenn Vater von seiner Reise zurückkehrt, sollten wir nicht mehr so oft hierherkommen«, überlegte Aval laut und wusste gleichzeitig, dass ihre Schwester den Vorschlag in den Wind schlagen würde. Von klein auf hatte sich Mara zum Weiher gestohlen, allen Verboten zum Trotz. Wie oft hatte Rowena sie ertappt, sie ermahnt, ihnen Strafarbeiten auferlegt. Aber ob im heißen Sommer oder im eisigen Winter, Mara zog es zum verbotenen Ort, zu ihrem Platz auf dem Steg, von wo sie stundenlang versonnen ins Wasser blickte. Und Aval, der es nicht in den Sinn kam, ihre Schwester je im Stich zu lassen, begleitete sie treu und verschwiegen.
Plötzlich erhob sich Mara und begann, ganz gegen ihre Gewohnheit, am Ufer entlangzuschlendern. Nach einer Weile bückte sie sich und zog etwas zwischen den Binsen hervor.
»Was hast du da, Mara?« Aval war vom Baum geklettert und besah sich den schlammverschmierten Gegenstand, den ihre Schwester herbeitrug. Rasch kauerte sich Mara wieder auf den Steg und wusch ihren Fund. Graue Schlieren waberten durchs Wasser, aber endlich glänzte und funkelte es.
»Sieh nur, Ava. Ein Schmuckstück.« Vom Schlamm befreit hatte sich der Gegenstand in ein schweres goldenes Geschmeide verwandelt. Eine Halskette, altertümlich gearbeitet aus Spiralen, die ineinandergriffen und dann strahlenförmig auseinanderstrebten. Dazwischen saßen violette und grüne Steine, Fayencen in der Form winziger Seerosen.
»Es sieht alt aus. Und wertvoll.« Aval runzelte die Stirn. »Wie kommt das hierher?«
»Ich habe es im Uferschlamm gefunden.« Maras Augen waren plötzlich hellwach und leuchteten vor Begeisterung. »Als wäre es dort angespült worden. Ist es nicht hübsch, Ava?«
»Ich weiß nicht …« Aval tippte eine der Goldspiralen an. Im selben Moment zuckte ein Schmerz durch ihren Finger, als ob sie sich an einer Messerklinge geschnitten hätte. Ein Schauer lief ihr über die Haut, und sie machte einen Schritt zurück. »Das Ding ist mir unheimlich, Mara. Wirf es lieber zurück ins Wasser.«
»Nein!« Mara drückte den Schmuck an die Brust. »Ich will es behalten.«
»Sei nicht töricht, Mara. Denk an die Geschichten, die Edda und die greise Bertrade erzählen. Früher brachten die Leute Opfergaben zum Weiher, um die alten Götter und Geister zu beschwören. Dies wird ein solches Opferding gewesen sein. Es bringt Unglück etwas zu nehmen, das den Geistern gehört.«
»Ich glaube nicht an Geister. Ich glaube allein an den Herrn Jesus Christus, und Vater sagt, es ist Unrecht von anderen Göttern als Ihm zu sprechen.«
»Wirf es schon zurück«, sagte Aval mit Nachdruck. »Es ist ein unheiliges Ding!«
Widerstrebend gehorchte Mara, grub eine Kuhle in den weichen Uferschlick und versenkte den Halsschmuck darin. »Bist du nun zufrieden?«
Auf Avals bloßen Armen stand Gänsehaut, und sie rieb sich unbehaglich darüber. »Lass uns nach Hause gehen. Es ist spät.« Im selben Moment ertönte das Signalhorn von der Rabsburg, ein langgezogener Ton, der verkündete, dass sich Besucher näherten. »Hörst du das Horn? Vielleicht ist es Vater, der endlich zurückkehrt. Schnell, Mara!« Aufgeregt fasste Aval die Hand ihrer Schwester und zog sie auf den Pfad, der durch den Wald zum Rabsdorf führte.
Mara folgte ihr klaglos. Aber Aval entging nicht, dass sie einen wehmütigen Blick zurück zum Wasser warf. Zu der Stelle, an der das Schmuckstück schmatzend im Schlick versank.
Die beiden sprangen über das Bächlein, das im Wiesengrund unterhalb der Rabsburg plätscherte, und eilten auf den Burghügel zu.
Auf dem gewundenen Weg zur Burg holten sie einen jungen Mann ein, der von einer Schar Kinder und Gänse umringt wurde. »Fräulein Mara! Fräulein Mara!«, riefen die Kinder durcheinander und schnatterten mit den Tieren um die Wette. Es waren die Sprösslinge von Otto dem Schmied, die auf dem Wiesenhang die Gänse gehütet hatten und sie nun in Richtung Burgtor trieben. »Schnell, Fräulein Mara. Der Herr Habilo ist nach Hause gekommen.«
»Guten Abend, Fräulein Mara.« Der junge Mann lüftete seine Kappe vor Mara und versuchte vergeblich, die aufgeregten Kinder zu bändigen, denn sie waren allesamt seine jüngeren Geschwister. »Guten Abend, Ava.«
Ein wenig außer Atem kam Aval zum Stehen. »Ist es wirklich wahr, Beggo? Mein Vater ist zurückgekehrt?«
Beggo zuckte leichthin mit den Schultern, nicht ohne einen ebenso bewundernden wie verlegenen Blick auf Mara zu werfen. Aval war daran gewöhnt, dass die jungen Männer in der Burg oder im Rabsdorf Mara genauso ansahen, wie Beggo es gerade tat, vollkommen hingerissen von ihrer Schönheit, und sie störte sich nicht daran. Mara hingegen lähmte die Bewunderung regelrecht. Sofort drängte sie sich hinter Avals Rücken und senkte den Blick, wagte nicht aufzublicken oder Beggos Gruß zu erwidern. Ihre Finger umklammerten Avals Hand fester und wurden feucht vor Schweiß.
»Ich war im Dorf, um die Hufe der Ackergäule zu beschlagen«, erklärte Beggo. Er hatte ein breites Lächeln mit einer kleinen Lücke zwischen den Schneidezähnen und strahlte Mara an, unbeeindruckt von ihrer Schüchternheit. »Als das Signalhorn erklang, habe ich mich schnell auf den Rückweg gemacht. Ich habe noch gesehen, dass ein Reitertrupp den Hang hinaufjagte, mit Herrn Habilos Banner vorneweg. Sicher freust du dich über die Rückkehr deines Vaters, Fräulein Mara?«
Mara gab keine Antwort, sondern rüttelte nervös an Avals Hand.
»Dann wollen wir uns beeilen«, rettete Aval ihre Schwester, indem sie Beggo ein entschuldigendes Grinsen zuwarf und seine Geschwister anspornte: »Lauft nur zu!« Und in einem Pulk aus Kindern und Gänsefedern stürzten Aval und Mara auf den Hof, wo ein noch fröhlicheres Durcheinander herrschte.
Ihr Vater, Habilo von Rabsburg, saß hoch zu Ross. Stattlich sah er aus mit seinem glänzenden dunklen Haar, das er nach fränkischer Sitte kurz geschnitten trug, und dem ebenso dunklen und ebenso gepflegten Schnauzbart. Die Gefolgsmänner, die ihn auf der Reise begleitet hatten, waren bereits von ihren Pferden gestiegen und ließen sich von ihren Frauen und Kindern umarmen. Alle Bediensteten und Bewohner der Burg waren zusammengelaufen und winkten und grüßten ihren heimgekehrten Herrn, Wachleute, Stallburschen, Küchenmägde. Otto der Schmied, der der Burggemeinschaft als Sprecher vorstand, hielt freudestrahlend Habilos schwarzes Pferd bei der Trense, seine schwangere Frau Irmingart klatschte begeistert in die Hände. Unzählige Kinder wuselten umher, jagten Gänse, Hühner und sich selbst, Hunde bellten, Pferde schnaubten. Und am Aufgang zum Wohnturm stand Rowena, Avals Tante, wie ein ruhiger Fels in all dem Trubel. Ein Strauch Pfingstrosen wuchs neben ihr, der seine Knospen eben erst zu purpurroten Blüten geöffnet hatte. Überall auf der Burg blühte es, Schwertlilien, Flieder und Päonien in allen Farben, die Rowena gepflanzt hatte und sorgsam pflegte. Ihr dunkelblondes Haar leuchtete mit den Blüten um die Wette, und Aval glaubte die Spur eines Lächelns auf den sonst so ernsten Zügen ihrer Tante zu sehen.
»Willkommen, Herr Habilo«, setzte Otto zu einer Begrüßungsrede an. Da entdeckte Habilo seine Töchter, lachte auf und war mit einem Satz aus dem Sattel gesprungen. Rasch brach er zwei Pfingstrosen vom Strauch und winkte die beiden Mädchen damit heran.
»Maralda, mein Augenstern«, begrüßte er Mara als erste, küsste sie auf die Stirn und überreichte ihr eine der Blumen. Sie knickste und hauchte fast unhörbar: »Herr Vater, willkommen zuhause.« Wieder überkam Mara lähmende Schüchternheit, als sie sich unvermittelt im Mittelpunkt des Geschehens fand, und Aval beeilte sich an ihre Seite zu treten. »Willkommen zurück, lieber Vater. Ich hoffe, du hattest eine gute Reise?«
Habilo zwinkerte ihr zu, küsste auch sie und überreichte ihr die andere Pfingstrose. »Ava, mein Goldkind.« Wie gern hätte sich Aval zur Begrüßung in die Arme ihres Vaters gestürzt, ihn gedrückt und geherzt. Doch sie durfte keine innigere Begrüßung erwarten, als die, die der Burgherr Mara zuteilwerden ließ. Nicht vor den Augen seiner Gefolgsleute.
Aval war Habilos Lieblingskind, wenn ein Vater denn eines seiner Kinder mehr lieben konnte als das andere. Doch Mara war nicht nur die Ältere und Erbin der Rabsburg. Sie stand im Rang auch weit höher als Aval. Denn Maras Mutter war die adlige Herrin Swanalda gewesen, und Idune, Avals Mutter, nur eine einfache Frau. Swanalda hatte lange an einer geheimnisvollen Krankheit gelitten und war bald nach der Geburt ihrer einzigen Tochter Maralda verstorben. Als Aval dann nur sechs Monate später das Licht der Welt erblickte, hatte das kaum für Aufregung gesorgt, denn die Liebe zwischen Habilo und seiner Hauswirtschafterin Idune war ein offenes Geheimnis gewesen. Einige glückliche Jahre waren Habilo und Idune vergönnt gewesen, in denen sie, wenn auch nicht verheiratet, wie ein Ehepaar zusammengelebt hatten. Doch an Avals siebtem Geburtstag war auch Idune gestorben.
Die Begrüßungen rissen nicht ab, jeder wollte sich vor Habilo verbeugen oder ihm die Hand schütteln. Jovial nahm der Burgherr die Grüße entgegen, eine Tochter in jedem Arm, bis er Befehl gab, die Packpferde abzuladen, und die Mädchen auf den Wohnturm zuschob.
»Herr Habilo.« Schließlich kam auch Rowena mit ihrem Gruß an die Reihe. Immer noch stand sie neben den dunkelroten Pfingstrosen, deren Duft sie einhüllte. Sie streckte Habilo einen Becher Wein entgegen. »Nimm diesen Willkommenstrunk.«
Ihr Vater stürzte den Wein hinunter, schenkte Rowena jedoch kaum Beachtung. »Es steht alles zum Besten auf der Rabsburg?«
Avals Tante nickte knapp. »Gewiss, Herr Habilo.«
Wieder einmal wunderte sich Aval, weshalb ihr Vater stets so kühl zu Rowena sprach. Sie war Idunes Schwester und hatte nach deren Tod nicht nur die Führung des Haushalts auf der Rabsburg übernommen, sondern auch Mara und Aval erzogen. Aber in all den Jahren hatte Habilo keine Freundschaft mit Rowena geschlossen, ihr Umgang miteinander war zwar respektvoll jedoch ausgesprochen distanziert. Vielleicht, so vermutete Aval, erinnerte ihre Tante ihn einfach zu sehr an seine geliebte Idune.
»Wie war deine Reise, Vater?«, fragte Aval, als sie die Wohnstube der Burg betraten, ein geräumiger Raum mit gewölbter Decke und einem mächtigen Herdfeuer. »Wie ging es zu bei der Versammlung des Königs?«
»Es war gewiss prächtig, Vater, nicht wahr?« Mara wurde schlagartig lebhafter, sobald sie sich in der vertrauten Umgebung der Familie wusste. Die Schüchternheit fiel von ihr wie ein Umhang, den sie abstreifte und achtlos zu Boden warf. »Hast du die neue Königin gesehen? Ist sie so schön, wie die fahrenden Sänger sagen? Was hat sie für Kleider getragen?«
Habilo lachte. »Wie habe ich euch vermisst, ihr neugierigen Hühner.« Er gab Rowena Zeichen, die die Eingangstür hinter ihnen geschlossen hatte und ihm jetzt Wein nachschenkte. »Gieß den Mädchen auch einen Becher ein. Zur Feier des Tages. Es gibt große Neuigkeiten.«
Streng runzelte Rowena die Stirn, gehorchte aber und stellte Mara und Aval je einen halbvollen Becher hin.
»Was für Neuigkeiten, Vater?«, gurrte Mara und nippte am Wein. »Neuigkeiten vom Königshof?«
»Das verrate ich euch gleich. Zuerst jedoch …« Habilo begann ein verschnürtes Bündel aufzupacken, das einer seiner Begleiter auf dem schweren Esstisch abgelegt hatte. »… will ich meine Geschenke verteilen.«
Entzückt trat Mara näher, als er mehrere Bahnen schimmernden Stoffs aus dem Bündel zog. Der Stoff war weich und fließend, je ein Packen in den Farben Grün, Blau und Rot, und bewundernd ließ sie ihre Finger darüber gleiten.
»Dies ist dein Geschenk, Maralda. Man nennt den Stoff Seide. Er wird in der fernen Stadt Konstantinopel, dem Rom des Ostens, hergestellt, und es gibt nichts Weicheres auf der Welt. Am Hofe König Karls tragen die Damen Seide zu allen hohen Festen.«
Maras blaue Augen blitzten, als ihr Vater nun auch noch ein halbes Dutzend Seidenbänder auf Holzspulen hervorzog. »Du wirst dir gewiss ein paar hübsche Kleider daraus nähen können.«
»Oh danke, Vater«, rief sie und küsste ihn auf beide Wangen. »Ich danke dir, ich danke dir!«
»Für dich habe ich auch ein Geschenk, Ava«, fuhr Habilo fort und präsentierte ein Ledertäschchen. »Ich weiß, dass dir der Sinn nicht nach Schmuck und schönen Kleidern steht. Nicht so wie unserer Maralda. Aber vielleicht wirst du dennoch Freude daran haben.«
Aval, die sich im Hintergrund gehalten und auch den Wein nicht angerührt hatte, öffnete das Täschchen und zog einen Kamm daraus hervor. Er war vergoldet und kunstvoll gearbeitet, die Zinken filigran, der Griff in Form eines Vogels gearbeitet. Es mochte ein Singvogel sein, eine Nachtigall oder Lerche, die Schwingen zum Flug ausgebreitet, als wollte er sich eben in die Lüfte erheben, den Schnabel zum Gesang geöffnet. Zwei Smaragde bildeten die Augen des Vogels, die selbst im schwachen Licht des Herdfeuers intensiv leuchteten.
»Ich musste an dich denken, als ich das Stück bei einem Händler in Genf sah. Golden wie dein Haar und grün wie deine Augen, Ava. Und wie oft hast du uns nicht als Kind verletzte Vögel ins Haus gebracht, die aus dem Nest gefallen waren oder sich den Flügel gebrochen hatten, und sie wieder aufgepäppelt?«
Lächelnd wog Aval den Kamm in der Hand. »Ich danke dir sehr, Vater, auch wenn der Kamm viel zu kostbar ist. Ich werde ihn in Ehren halten.«
»Meine liebe Ava, stets so bescheiden«, meinte Habilo, dann hob er seinen Becher. »Aber nun zu den Neuigkeiten: Zur Versammlung des Königs kamen Grafen und Herren aus dem ganzen Königreich. Aus Aquitanien tief im Süden, aus Paris weit im Westen. Dazwischen ich, Habilo von Rabsburg, aus dem Chattenland an der nördlichsten Grenze des Frankenreichs. Alle erschienen wir, um vor Karl, dem König aller Franken, unseren Treueeid zu erneuern. Und es waren prachtvolle Tage in der Pfalz von Genf. Dort reichen die Berge in solche Höhen, dass selbst im Sommer ihre Spitzen schneebedeckt bleiben. Die Seen sind tief und gewaltig und klar wie der Himmel. In der Pfalz selbst war alles geschmückt, und es herrschte ein Trubel von hunderten Menschen, wie ihr ihn euch nicht vorzustellen vermögt. König Karl und seine junge Frau Hildegard hielten jeden Abend ein Festbankett mit Tanz und Gesang und Gauklern. Eines Abends traf ich dort auf den jungen Herrn Drakolf von Amanaburg, der als Panzerreiter in Diensten des Königs steht.« Gewichtig strich sich Habilo über seinen Bart. »Du erinnerst dich an diesen Namen, Maralda?«
Ein undefinierbarer Laut entrang sich Maras Lippen, ein Hicksen oder vielleicht ein Ächzen. Ihre Finger umklammerten die Spulen voller Bänder in ihrem Schoß. »Drakolf von Amanaburg …«, flüsterte sie ehrfürchtig.
»Maraldas Verlobter?«, kam ihr Aval zu Hilfe. »Wir haben seit Jahren nichts von ihm gehört, Vater.«
Habilo nickte. »Seit fünf Jahren zieht er mit dem Königshof umher, von Pfalz zu Pfalz und von Krieg zu Krieg. Er ist ein tüchtiger Bursche, und König Karl hält große Stücke auf ihn. Der König plant für den Sommer einen Feldzug gegen die Langobarden, südlich der Alpen. Doch diesmal wird Drakolf nicht an Karls Seite kämpfen. Er kehrt zurück nach Hause, hierher in den Norden, um die Grenze gegen die Sachsen zu sichern.«
»Er kommt hierher …«, flüsterte Mara fast unhörbar. Ihre Wangen hatten sich dunkel gefärbt. »Etwa auf die Rabsburg?«
»Wir sind den Weg von Genf zurück gemeinsam gereist, und ja, ich habe ihn eingeladen, den Sommer auf der Rabsburg zu verbringen. Natürlich hat er zuerst auf der Amanaburg Halt gemacht, um seine Familie zu besuchen. Doch in ein paar Tagen wird Herr Drakolf hier sein.« Habilo lächelte Mara an. »Es wird Zeit, dass du und dein Bräutigam euch kennenlernt, Maralda. Damit ihr im Herbst Hochzeit halten könnt.«
Schweigen legte sich über die Stube. Rowena war auf eine Bank an der Wand gesunken. Avals Blick wanderte zwischen ihrem Vater und Mara hin und her. Ihre Schwester atmete schwer, ihre Augen waren riesengroß geworden und glänzten, aber ob sie sich freute oder fürchtete, konnte Aval nicht erkennen.
Als keine Antwort auf seine Erklärung kam, klatschte Habilo ungeduldig in die Hände. »Das sind große Neuigkeiten. Gewiss willst du dich mit deiner Schwester beratschlagen, Mara? Tragt die Geschenke hinauf in eure Stube. Wir sehen uns zum Abendessen. Dann werde ich euch alle Fragen beantworten.«
»Aber Vater …«, wollte Aval einwenden. Doch Habilo hatte bereits die hintere Tür geöffnet und schob die Schwestern auf den Treppenaufgang zu.
»Später, Aval«, sagte er in seltsamer Hast. »Wir sprechen später miteinander.«
Kaum war die Tür hinter den beiden Mädchen zugefallen, erhob sich Rowena.
»Konntest du ihr es nicht schonender beibringen?« Besorgt zog sie ihre fein geschwungenen Augenbrauen in die Höhe. »Kaum eine Stunde bist du wieder hier und erschreckst die arme Mara zu Tode.«
Habilo lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Tür. »Schonender? Maralda und Drakolf sind einander versprochen, seit sie Kinder waren. Es sollte keine Überraschung für sie sein. Und hast du nicht gesehen, wie sehr Mara sich über die Neuigkeiten gefreut hat?«
Rowena verschränkte ihrerseits die Arme. »Gefreut? Auf mich hat sie wie ein verängstigtes Reh gewirkt. Es ist zu früh, Habilo. Mara ist noch nicht bereit für die Ehe.«
»Sie ist siebzehn Jahre alt. Das ist bereits viel zu alt für eine Braut. Die neue Gemahlin des Königs war dreizehn, als Karl sie zur Frau nahm. Soll Maralda als alte Jungfer enden wie ihre verrückte Mutter?«
»Mara ist immer noch ein Kind. Verträumt und unselbständig, wie soll sie da eine Ehefrau sein?« Als Habilo sie finster anblickte, schüttelte Rowena den Kopf. »Ich gehe hinauf und rede mit den Mädchen. Sie werden ganz durcheinander sein. Und dann musstest du sie auch noch regelrecht aus der Stube werfen.«
Sie wartete darauf, dass Habilo die Tür freigab, doch er versperrte ihr den Weg und packte stattdessen ihr Handgelenk. »Wir werden Maralda nicht verlieren, Rowena. Sie und Drakolf werden auf der Rabsburg leben, und nach meinem Tod wird er der neue Burgherr sein. So ist es seit langem abgemacht.« Seine Stimme wurde zu einem bitteren Knurren. »Du kannst also weiterhin auf deinem Küken Mara glucken.«
Stur wollte Rowena sich losreißen, aber Habilo hielt sie fest. »Rowena …« Im nächsten Moment drückte er sie mit dem Rücken gegen das raue Holz der Tür. Erschrocken schnappte sie nach Luft und erstarrte, als sich seine schwieligen Hände auf ihre Hüften legten. »Willst du deinen Herrn nicht endlich begrüßen, wie es ihm zusteht?«
»Habilo, nicht …« Sie stemmte sich gegen ihn, spürte jedoch die gewaltige Kraft seines Körpers.
»Still!« Seine Hände fanden einen Weg unter ihre Röcke, glitten mit Leichtigkeit ihre Beine hinauf. Vergeblich suchte Rowena seine Finger fortzuwischen.
»Nein Habilo! Bitte!«
»Hör schon auf dich zu wehren!« Heiß prallten seine Worte auf ihre Haut und in ihr Haar. »Du weißt doch, dass es zwecklos ist!«
»Lass mich!« Mit letzter Kraft riss sie sich los, verpasste ihm einen Stoß, sodass er einen Schritt nach hinten machte. Heftig atmend stand sie da, ebenso wie er. Sie beobachtete ihn, so wie er sie beobachtete.
Da streckte sie ihre zitternde Hand aus und ließ sie vorsichtig über seine lederne Tunika gleiten. Berührte sanft sein Kinn, befühlte seine Wangen. »Liebster«, murmelte sie. Zog ihn an sich und küsste ihn zärtlich. »Du warst zu lange fort.«
»Rowena …« Ihre Küsse wurden sogleich drängender. Habilos Hände flogen über ihren Körper, hielten sie, streichelten sie. Rowenas eigene Finger stahlen sich unter seine Tunika, seinen breiten Rücken hinauf. »Ich habe mich so sehr nach dir gesehnt, Rowena.«
»Wir dürfen das nicht tun …«, flüsterte sie, während ihr Körper sich an seinen Körper, ihre Sehnsucht sich an seine Sehnsucht schmiegte. »Nicht hier … Wenn uns jemand sieht …«
»Das ist mir egal!« Habilo zog sie so eng an sich, dass sie beide kaum noch Luft bekamen. »Sie sollen es ruhig wissen. Ich bin der Herr der Rabsburg. Ich bin das ewige Versteckspiel leid!«
»Sei vernünftig, Habilo.« Behutsam küsste sie seine Wangen. »Ich komme heute Nacht zu dir, wenn die Mädchen schlafen. Ich verspreche es.«
Widerstrebend hielt er in seinen Liebkosungen inne, und ebenso widerstrebend löste sich Rowena von ihm, brachte ihr Kleid und ihr Haar in Ordnung und öffnete die Tür.
»Zwei Monate war ich fort, Rowena«, rief Habilo ihr nach. »Ich habe keine andere Frau angesehen. Meine Gedanken waren immer nur bei dir.«
Sie hörte an seinem Tonfall, dass er die Wahrheit sprach, und ihr Herz wollte überfließen vor Zärtlichkeit.
»Ich weiß«, flüsterte sie und eilte zur Tür hinaus.
Mara rannte schluchzend die steile Holztreppe hinauf.
»Warte, Mara«, rief Aval und folgte ihr. Aber schon hatte ihre Schwester krachend die Tür zu dem Schlafgemach aufgestoßen, das sich die beiden mit Rowena teilten, schleuderte die Bahnen von Seide und die Spulen voller Bänder auf das ordentlich gemachte Bett und warf sich selbst hinterher.
»Mara …« Behutsam streichelte Aval ihr den Rücken. »Sei nicht traurig.«
Maras Atem ging schnell, und als sie sich umdrehte, war Aval darauf gefasst, in ein verweintes, unglückliches Gesicht zu sehen. Aber stattdessen lachte Mara. Ihre blauen Augen glitzerten begeistert.
»Was redest du da, Ava? Wieso sollte ich traurig sein?« Entzückt drückte sie die zarten Stoffbahnen an ihre Brust. »Ich werde bald eine Braut sein, Ava. Eine Braut. Kannst du dir das vorstellen? Oh, ich glaube, ich war noch nie im Leben so glücklich!«
»Oh …«, sagte auch Aval, weil ihr zu mehr die Worte fehlten. Mara hat gar nicht geschluchzt, erkannte sie, sondern vor Freude gejauchzt.
»Kannst du dir das vorstellen, Ava?«, wiederholte Mara, sprang vom Bett und drehte sich im Kreis. »Eine Braut … ich werde endlich eine Braut!«
Aval konnte die Begeisterung ihrer Schwester nicht teilen. Eine Braut. Warum sollte sich ein gescheites Mädchen darüber freuen, einen wildfremden Mann zu heiraten? Aber sie behielt den Gedanken für sich und rang sich ein Lächeln ab, während Mara verträumt durch die Stube tanzte.
Schon als Kind, wenn die greise Bertrade ihnen am Herdfeuer Märchen erzählt hatte, hatte Mara am liebsten diejenigen gehört, in denen schöne Jungfrauen von mutigen Helden erlöst wurden und fortan in ehelichem Glück lebten. Aval hingegen hatte die unheimlichen Geschichten bevorzugt, die von Geistern und Zauberei handelten und in denen sich der Held oder, besser noch, die Heldin durch List und Weisheit aus allen Gefahren rettete. Während Mara mit ihren Puppen ›Hochzeit‹ und ›Vater, Mutter, Kind‹ gespielt und den Holzfiguren aus Stoffresten Kleider nähte, hatte Aval kranke Tiere umsorgt, Hundewelpen, Hasen oder Vögelchen, und sich von der Haselfrau Edda die Wirkung von Heilkräutern erklären lassen. Und als Mara ab einem gewissen Alter begonnen hatte, schüchtern von diesem oder jenem hübschen Burschen zu schwärmen und jeden Abend vor dem Zubettgehen ihr Haar so lange zu kämmen, bis es glänzte, hatte Aval ihre Zeit damit verbracht, sich von Rowena in der Kunst der Wehfrauen unterrichten zu lassen und ihre Tante auf ihren Krankenbesuchen zu begleiten.
»Aus dieser Seide werde ich ein prachtvolles Kleid für meine Hochzeit nähen.« Mara hatte aufgehört zu tanzen und ließ den dunkelblauen Stoff durch ihre Finger gleiten, als wäre er Wasser. »Und vielleicht ein rotes Kleid für Herrn Drakolfs Begrüßung. Ich muss schön aussehen, wenn er mich das erste Mal sieht.«
»Du wirst schön aussehen, egal was du trägst«, versicherte Aval. »Außerdem hat Herr Drakolf dich schon einmal gesehen, erinnerst du dich nicht mehr?«
Aval selbst erinnerte sich gut an Maras Verlobung. Sie waren mit großem Gefolge zur Amanaburg gereist, die etwa einen halben Tagesritt südlich lag. Aval war beeindruckt gewesen von der Größe und Lage der Burg, einer uralten Festung auf einer Vulkankuppe, die wie ein schlafender Riese in einer grünen Ebene aufragte. Deorulf, Drakolfs Bruder und Herr der Amanaburg, hatte ihnen zu Ehren ein Fest gegeben, und die Mädchen hatten bis spät in die Nacht aufbleiben und tanzen und essen und den Sängern lauschen dürfen. Aval erinnerte sich auch, dass Mara zu Beginn der Feier krank vor Nervosität gewesen war. »Sie werden mich alle ansehen«, hatte sie geschluchzt und sich am Türrahmen des Frauengemachs festgekrallt. »Ich ertrage ihre Blicke nicht. Ich ertrage es nicht, wenn sie mich anstarren.« Aval und Rowena hatten ihr gut zugeredet, sie getröstet, mit Versprechungen gelockt, sogar gedroht. Letzten Endes hatte Rowena Mara einen Schleier über die schwarzen Zöpfe gelegt und sie verhüllt zur Verlobungszeremonie geführt. Aber Mara hatte den halben Abend gezittert und unter dem Schleier geweint. Nicht aus Furcht vor der Verlobung, sondern davor, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen.
»Damals war ich zehn«, meinte sie jetzt kopfschüttelnd. »Ein kleines Kind. Ich erinnere mich nicht.« Fahrig zog sie einen Handspiegel aus einer Truhe, ein teures Stück aus poliertem Silber, ein weiteres von Habilos Geschenken. Wann immer ihr Vater auf Reisen ging, brachte er für seine Töchter wertvolle Mitbringsel nach Hause, und die kleine Truhe quoll über von Hals- und Armketten, Broschen und Kämmen und Bändern in leuchtenden Farben.
Prüfend besah sich Mara im Spiegel. »Was ist, wenn ich Herrn Drakolf nicht gefalle? Wenn er mich nicht hübsch findet, Ava?«
Im Spiegel konnte Aval sich selbst hinter dem Abbild ihrer Schwester erkennen – und der Anblick versetzte ihr einen dumpfen Stich. Neben Maras feinen, makellosen Zügen kam Aval ihr eigenes Gesicht grob und unansehnlich vor. Ihre Haut war von der Sonne gebräunt und die Nase mit Sommersprossen übersät. Das Haar war nicht golden, wie ihr Vater liebevoll behauptete, sondern zeigte ein langweiliges Dunkelblond. Und das Grün ihrer Augen erinnerte weniger an Smaragde als vielmehr an morastige Tümpel im Wald.
»Du bist wunderschön, Mara.« Aval schluckte schwer. »Mach dir keine Sorgen.«
Im nächsten Moment ließ Mara den Spiegel sinken und befreite Aval so von dem ungnädigen Anblick. Aufgeregt hüpfte sie wieder durch den Raum. »Wie glücklich, glücklich, glücklich ich bin. Herr Drakolf ist bestimmt ein stattlicher Mann. Hat Vater nicht gesagt, dass er tüchtig ist und ein berühmter Panzerreiter?«
Seufzend begann Aval die Bänder zu ordnen, die Mara in einem Durcheinander auf dem Bett ausgebreitet hatte. »So etwas in der Art sagte er, ja.«
»Oh Ava. Du musst auch recht bald eine Braut werden.« Mara drehte sich um sich selbst, bis ihre Röcke flogen. »Wenn ich heirate, musst du es auch tun.«
»Ich … ich weiß nicht …« Aval wollte nicht zeigen, wie unwohl ihr bei dem Gedanken daran wurde. Bislang hatte ihr Vater noch keine Verlobung für sie arrangiert, und sie hoffte inständig, dass es so blieb. Am liebsten wäre es ihr, wenn auch Mara nicht heiraten müsste. Am liebsten wäre es ihr, wenn alles einfach so bleiben könnte, wie es war.
Es ist doch gut so, wie es ist, unser Leben …
»Jedes Mädchen muss irgendwann heiraten. Vielleicht bekommst du Beggo zum Bräutigam, Ottos Sohn. Er ist hübsch.« Atemlos kicherte Mara, denn auch wenn sie nie ein Wort mit ihm wechselte, hatte sie doch eine heimliche Schwäche für den jungen Schmied. »Oder Herr Drakolf kann dir einen seiner Gefolgsleute verschaffen.«
»Nein.« Energisch wickelte Aval ein weißes Band auf seine Spule und blickte zu der schmalen Pritsche hinüber, auf der Rowena schlief, während sich die Mädchen das breite Bett teilten. »Tante Rowena ist nicht verheiratet, also muss ich es auch nicht sein.«
Tante Rowena ist klug und tüchtig. Jedermann respektiert sie, obwohl sie unverheiratet ist. Wenn sie ohne einen Mann leben kann, will ich das auch tun. Ich will in allen Dingen so sein wie Rowena.
Als hätte Aval sie mit ihren Gedanken herbeigerufen, wurde die Tür geöffnet und Rowena trat ein. Streng musterte sie das Durcheinander auf dem Bett und dann, mit so etwas wie Verwunderung, die sich ausgelassen drehende Mara. »Was geht denn hier vor sich? Maralda, hör sofort auf mit der Tanzerei. Dir wird davon so übel werden, dass du spuckst.«
Lachend gehorchte Mara, torkelte und ließ sich in Rowenas Arme fallen. »Oh Rowena. Ist es nicht ein glücklicher Tag?«
Rowena warf Aval einen fragenden Blick zu, die mit den Achseln zuckte. Dann umfasste sie Maras Gesicht und befühlte ihre heißen Wangen. »Ich dachte, die Nachrichten, die dein Herr Vater gebracht hat, hätten dich erschreckt, mein Vögelchen. Aber wie es scheint, freust du dich darüber?«
»Wirst du mir helfen, die neuen Kleider zu nähen, Rowena?« Mara drückte die Seidenstoffe an sich. »Ich will für Herrn Drakolf besonders hübsch aussehen. Oh, und ich muss passenden Schmuck dazu heraussuchen.« Sofort kniete sie sich vor die Truhe und begann darin zu kramen. »Eine goldene Halskette wäre hübsch, findet ihr nicht auch?«
»Du siehst besorgt aus, Tante«, meinte Aval, denn Rowena stand mit gerunzelter Stirn da.
»Es gibt immer einen Grund zur Sorge, Aval. Das ganze Leben besteht aus Sorgen, das werdet ihr Mädchen noch früh genug lernen. Jetzt kommt, ihr sollt Walda helfen das Abendessen vorzubereiten. Herr Habilo will heute Abend alles Gefolge an seiner Tafel sehen. Ihr könnt damit anfangen, die Tische in der Stube einzudecken.«
Schon war Rowena wieder aus der Stube hinaus, Aval legte die aufgewickelten Bänder zu einem ordentlichen Haufen und wollte ihr folgen. Aber Mara stöberte immer noch in der Truhe, als hätte sie Rowena gar nicht zugehört.
»Kommst du, Mara?«
Ihre Schwester machte ein enttäuschtes Gesicht. »Ich habe nichts. Keins von meinen Schmuckstücken ist schön genug für die neuen Seidenkleider.«
»Wir haben später genug Zeit, uns darüber den Kopf zu zerbrechen. Jetzt lass uns hinuntergehen. Vater wird vieles von seinem Besuch beim König erzählen. Das willst du doch nicht verpassen.«
Seufzend erhob sich Mara und folgte ihnen. Aber auf dem Weg die Treppe hinab glaubte Aval, sie flüstern zu hören: »Das Geschmeide vom Weiher. Es war golden und prächtig. Ich hätte es mitnehmen sollen …«
Als Aval am nächsten Morgen aufwachte, war sie allein in der Schlafstube.
Rowena stand jeden Tag weit vor Sonnenaufgang auf, so wie sie auch immer erst spät zu Bett ging. Manchmal wurde sie sogar mitten in der Nacht davongerufen, wenn jemand krank geworden war oder eine Frau in den Wehen lag, denn Rowena verstand sich auf die Heilkunde und die Kunst der Hebammen. Weit über die Grenzen der Rabsburg hinaus lobten die Leute ihr Können und baten um ihre Hilfe. Manche sagten ihr hinter vorgehaltener Hand sogar die Zauberkräfte einer Haselfrau nach, doch davon wollte Rowena nichts hören. Zauberei war etwas Verbotenes im Frankenreich und Habilo ein strenger Vertreter des christlichen Gesetzes. Und Rowena würde sich niemals seinen Befehlen widersetzen.
Für gewöhnlich schlief Aval tief und fest, sodass sie kaum einmal mitbekam, wenn ihre Tante die Stube verließ. Doch dass Mara nicht neben ihr im Bett lag, wunderte sie. Schüchtern wie ihre Schwester war, wagte sie sich kaum einmal allein zur Tür hinaus und wartete jeden Morgen ungeduldig, bis Aval aufstand und mit ihr zum Frühstück in die Küche ging.
Die Sonne war gerade aufgegangen, draußen krähten die Hähne ihr Morgenlied, und vom Burghof herauf drangen geschäftige Geräusche durchs Fenster. Das Quietschen der Winde am Brunnen, das Klappern von Stalltüren. Müde kroch Aval unter den Decken hervor, wusch sich an der Waschschüssel und legte nachdenklich ihr Tageskleid an. Wo Mara nur sein mag? Ob sie vielleicht mit Rowena zum Frühstück gegangen ist?
Der Abend war spät geworden, denn Habilo hatte ausgiebig von seinen Erlebnissen am Königshof berichtet. Von Jagdausflügen, Wettkämpfen und immer wieder von Herrn Drakolf, den er stattlich und tüchtig und ehrenhaft nannte. Mara hatte an seinen Lippen gehangen und war so aufgeregt gewesen, dass sie gewiss die ganze Nacht kaum Schlaf gefunden hatte. Auch Aval war aufgewühlt. Die Ankündigung von Herrn Drakolfs Besuch hatte sie insgeheim aus der Fassung gebracht. Die Vorstellung, dass ihre Mara bald heiraten und eine Ehefrau sein würde … Alles würde sich dann ändern.
Sei vernünftig, Aval. Du wusstest, dass einmal der Tag kommen würde, an dem Mara heiratet. Du darfst ihr das Glück nicht missgönnen, sagte sie sich.
Aber ihr Herz fürchtete sich vor der Veränderung.
Als Aval das Küchengebäude betrat, das durch einen überdachten Gang mit dem Wohnturm verbunden war, fand sie dort weder Mara noch Rowena vor. Die Köchin Walda war dabei eine Gans zu rupfen, die am Abend auf den Tisch des Burgherrn kommen sollte, während die greise Bertrade am Herdfeuer kauerte.
»Wo ist Mara?« Aval sah sich stirnrunzelnd um, konnte aber außer den beiden Frauen niemanden entdecken. Für gewöhnlich herrschte rege Betriebsamkeit in der Küche, doch an diesem Morgen waren Waldas Mägde ausgeflogen und seltene Ruhe in ihrem Reich eingekehrt.
»Fräulein Mara?« Walda steckte eine Handvoll Daunenfedern in einen Sack, mit denen später Kissen oder Decken ausgestopft werden konnten. Die Köchin war eine kräftige Frau, hochgewachsen, die Wangen beständig gerötet von der Hitze der Küche. »Sie kommt doch jeden Morgen mit dir, Ava. Ich habe sie heute noch nicht gesehen.«
»Merkwürdig.« Ein seltsames Gefühl drängte in Avals Magen, und Rowenas Worte echoten in ihr: Es gibt immer einen Grund zur Sorge …
»Ich denke, ich sollte sie suchen gehen.«
»Und ich denke …« Walda ließ die halbgerupfte Gans liegen, füllte eine Schale mit dampfendem Brei und drückte sie Aval in die Hand. »… du solltest etwas essen. Setz dich zu Bertrade ans Feuer und werde erst einmal richtig wach. Ich weiß doch, dass du ein Langschläfer bist, Ava, und lieber noch im Bett liegen würdest.« Sie kniff Aval in die Wange, goss ihr einen Becher Ziegenmilch ein und machte sich wieder ans Federnrupfen. Also gesellte sich Aval zu Bertrade und kostete Waldas Haferbrei, der das Ziehen in ihrem Magen besänftigte. Vielleicht waren es doch keine Sorgen gewesen, sondern einfach nur Hunger.
Die greise Bertrade saß mit halbgeschlossenen Augen da und schien zu dösen, doch als es im Feuer knackte, stocherte sie mit ihrem rußgeschwärzten Schürstock in der Glut, warf ein neues Scheit Holz in die Flammen und grunzte zufrieden, als sie aufleckten. Beinahe den ganzen Tag saß sie hier beim Feuer, eine grimmige Hüterin der Flammen, die allein ihre alten Knochen warm zu halten vermochten. Bertrade war der älteste Mensch, den Aval kannte – außer vielleicht der Haselfrau Edda. Beide, Bertrade und Edda, verstanden sich auf das Geschichtenerzählen. Beide hatten in ihrer Jugend zu den alten Göttern gebetet, die von den christlichen Frankenkönigen verboten worden waren. Und beide wussten um ebenso wundersame wie furchtbare Geheimnisse.
»Du hast Mara wohl auch nicht gesehen, Bertrade?«, wollte Aval zwischen zwei Löffeln Haferbreis wissen. Doch die Alte döste schon wieder, und so murmelte Aval mehr zu sich selbst: »Ob sie zum Weiher gegangen ist?«
Die Halskette … Mara wird doch nicht … Das ungute Gefühl kroch in Avals Magen zurück, begleitet von einem kalten Prickeln überall auf der Haut.
»Weiher?«, krächzte es da neben ihr. Bertrade musterte Aval aus Augen, die in dem von Falten zerfurchten Gesicht frappierend jung wirkten. »Der Weiher ist ein verfluchter Ort. Ihr Mädchen solltet euch von dort fernhalten.«
»Ja, ich weiß …« Ertappt senkte Aval den Blick, aber Bertrade fuchtelte mit ihrem Schürstock auf und ab.
»Ein verfluchter Ort, oh ja. Schlimme Dinge sind dort geschehen. Schreckliche Dinge. Junge Männer sind spurlos verschwunden. Mütter haben versucht, ihre Neugeborenen zu ertränken.«
»Still!«, fuhr Walda auf. »Sprich nicht von solchen Dingen, Bertrade. Du machst dem Mädchen Angst.«
»Angst soll sie auch haben. Nur Angst wird sie vom Weiher fernhalten. Angst vor der Nixe.«
»Kein Wort mehr, Alte!« Walda donnerte einen Krug auf den Arbeitstisch, doch Bertrade wackelte stur mit dem Kopf.
»Sei gewarnt, Ava. In den Tiefen des Weihers wohnt ein Geist. Uralt und bösartig. Die Nixe des Weihers.« Ihre Hand schnellte vor, ihre trockenen, gichtkrummen Finger umschlossen Avals Arm, sodass das Mädchen unwillkürlich zusammenfuhr.
»Ich kenne deine Nixenmärchen, Bertrade.« Sie wand sich unbehaglich aus dem Griff der Alten. »Aber ich bin kein kleines Kind mehr, dem du damit Angst einjagen kannst.«
»Ha!«, kicherte die Greisin. »Diese Geschichte kennst du noch nicht, Mädchen. Und es ist kein Kindermärchen. Es ist eine wahre Geschichte. Die Wahrheit über den Waldweiher …«
Das Geschmeide kam Aval in den Sinn. Gänsehaut zog sich über ihre Unterarme beim Gedanken an das unnatürliche Stechen, das seine Berührung verursacht hatte. Beunruhigt lehnte sie sich vor. »Willst du behaupten, es lebe tatsächlich ein Wassergeist im Weiher? Eine Nixe?«
»Gewiss, Mädchen. Die Nixe vom Waldweiher. Wunderschön und betörend soll sie sein. Mächtig ihr Zauber. Listig und gierig ihr Wesen. Wer in ihren Bann gerät, gerät in sein Verderben. Deshalb geht niemand, der bei Verstand ist, zu dem verfluchten Ort.«
»Aber Mara und ich …« Aval senkte die Stimme, damit Walda sie nicht hörte. »Wir waren oft am Weiher und nie ist uns etwas geschehen. Selbst wenn es dort gefährlich wäre … Mara will immerzu dorthin gehen. Ich kann sie nicht davon abbringen.«
»Das liegt an ihrem Nixenblut.« Bertrades Augen glänzten im Feuerschein. »Sie hat es, das Nixenblut. Ebenso wie ihre Mutter, das Mädchen Swanalda, es hatte. So wie alle Frauen in ihrer Familie. Sie stammen von der Nixe ab, von dem alten Wassergeist. Ihr Blut wird sie immer hinab zum Weiher ziehen. Zu Wahnsinn und Verderben …«
»Jetzt reicht es aber!« Mit erhobenem Kochlöffel kam Walda aufs Feuer zu, ihr rundes Gesicht puterrot. »Du immer mit deinen Schauergeschichten, Alte. Willst du, dass ich dich aus meiner Küche jage?«
Bertrade lachte meckernd und stocherte mit ihrem Stock im Feuer, während Aval sich hastig erhob.
»Entschuldigt mich.« Das ungute Gefühl war in ihren Magen zurückgekehrt, das eisige Prickeln rann überall über ihre Haut. »Ich muss Mara suchen.«
Aval trat auf den Burghof, aber trotz der Morgensonne, die den Platz warm beschien, fröstelte sie noch immer.
Nixenblut … wisperte es in ihr. Wahnsinn und Verderben …
Unsinn! sagte sie sich. Das sind nur Märchen!
Wie so oft war sie hin- und hergerissen zwischen dem, was ihr Verstand ihr riet und was ihr Gefühl ihr eingab. Von Rowena hatte sie gelernt, Gerüchte und Gerede mit Skepsis zu betrachten und sich stets ein eigenes Urteil zu bilden. Die Haselfrau Edda hatte jedoch erklärt, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gab, als die menschliche Vernunft erlauben wollte. Dass in jedem Märchen ein wahrer Kern steckte. Und dass die entsetzlichsten Geschichten mitunter die wahrhaftigsten waren.
»Herrje!«, lenkte ein unterdrückter Fluch sie ab, und Aval entdeckte Irmingart, die Frau des Schmieds, am Brunnen.
Der Burgbrunnen bildete den unübersehbaren Mittelpunkt des Hofs, den die zahlreichen Gebäude der Burg wie ungleiche Wächter umringten. Niedrige, strohgedeckte Fachwerkhütten, die zugleich Werk- und Wohnstätten waren, Ställe für Pferde, Gänse und Hühner, Vorratshäuser mit tief liegenden Kellern, Rüst- und Wachkammern längs der Umfassungsmauer. Dazwischen blühten allgegenwärtig Rowenas Büsche, üppig bepflanzte Blumenkübel und schlanke Bäumchen. Der Wohnturm, in dem Habilo und seine Familie lebten, ragte als markantester Wächter über drei Stockwerke in die Höhe, ein hölzerner Bau auf einem efeubewachsenen Erdgeschoss aus Sandsteinblöcken.
Der Brunnen jedoch war das älteste Bauwerk der Burg. Sein Schacht reichte viele Fuß tief auf den Grund des Burghügels. Zur Erleichterung der Burgbewohner lag ein längliches Wasserbecken neben dem Rund des Ziehbrunnens. Jeden Morgen und Abend hievten Knechte Eimer um Eimer klaren Grundwassers herauf und füllten dieses Sandsteinbecken bis zum Rand.
Die schwangere Irmingart versuchte gerade, Wasser aus dem Becken in einen Kochkessel zu schöpfen, ihr praller Bauch behinderte sie jedoch bei jeder Bewegung, und sie ächzte und stöhnte.
»Lass mich dir helfen, Irmingart.« Schon war Aval an ihrer Seite, nahm der Frau den Kessel ab und tauchte ihn ins Wasser. »Du solltest nicht so schwere Arbeit verrichten. Nicht so kurz vor der Geburt.«
»Ach, Ava.« Irmingart lehnte sich gegen den Brunnen und rieb sich den Bauch. »Wie viele Bälger habe ich bereits? Zehn? Elf? Langsam kann ich sie nicht mehr zählen. Ich weiß gar nicht mehr, wie es ist, einmal nicht schwanger zu sein. Lass dir bloß nichts weismachen, das Kinderzeugen mag ein Vergnügen sein … das Kinderkriegen ist es auf keinen Fall.« Sie seufzte. »Aber was will ich dir erzählen? Du bist ein kluges Mädchen, Ava. So schlau wie deine Tante Rowena. Wirst du ihr zur Hand gehen, wenn meine Zeit kommt?«
»Natürlich, Irmingart.« Aval hob den schweren Kessel und ging auf die Schmiede zu.
»Eines Tages wirst du eine ebenso tüchtige Wehfrau sein wie deine Tante.« Schwerfällig unter dem Gewicht ihres Bauches watschelte Irmingart neben ihr her. »Sie lässt dir übrigens ausrichten, dass du zur Haselfrau Edda kommen sollst. Rowena ist in aller Frühe vorausgegangen. Hat irgendetwas von Garten und Kräutern erzählt.«
»War Mara bei ihr?« Sie traten über die Schwelle der Schmiede, trockene Hitze empfing sie im Inneren und klirrende Hiebe. Beggo, Irmingarts Ältester, stand am Amboss und hämmerte auf einem Stück Metall.
»Junge, nimm Ava den schweren Kessel ab«, rief Irmingart über den Lärm. Sogleich kam Beggo herbei und schenkte Aval sein blendend weißes Lächeln mit der Zahnlücke.
»Sehr gern. Guten Morgen, Ava.« Mit einer Hand griff er den schweren Kessel, als wäre er nur mit Luft gefüllt, und hängte ihn übers Kochfeuer. Er war tatsächlich ein hübscher Bursche, seine nackten Arme waren muskulös und glänzten. Unwillkürlich kamen Aval Maras Plappereien vom Abend in den Sinn. Beggo als mein Bräutigam? Was für ein Unsinn. Und selbst wenn er mir gefallen würde … er hat ohnehin nur Augen für Mara.
»Hast du vielleicht meine Schwester gesehen, Beggo?«, fragte sie. Irmingart hatte sich auf einen Schemel sinken lassen, und Beggo reichte seiner Mutter einen Becher Milch zur Erfrischung.
»Bei Rowena war sie jedenfalls nicht«, kam Irmingart mit einer Antwort zuvor. »Ist sie nicht im Turm? Sie geht ohne dich doch kaum aus der Stube, Ava.«
»Fräulein Mara ist schon vor Sonnenaufgang zum Burgtor hinaus«, sagte Beggo. »Ich habe gerade Feuerholz gehackt, da ist sie aus dem Wohnturm gekommen und in Richtung Wiesengrund gelaufen.«
»Ganz allein?«
»Ja. Ein wenig habe ich mich gewundert. Ich habe ihr noch einen ›Guten Morgen‹ gewünscht, aber wie üblich hat sie nicht geantwortet. Hatte einen ganz starren Blick. Ganz verschroben.«
»Beggo!«, schalt seine Mutter. »So sollst du nicht über Fräulein Mara sprechen!«
»Tut mir leid!« Beggo zuckte mit den Schultern. »Nichts für ungut, Ava. Aber … du weißt, wie deine Schwester ist.«
»Schon gut, Beggo.« Aval winkte ab und rieb sich nachdenklich die Stirn. In Richtung Wiesengrund war Mara gegangen. Ganz allein.
Sie ist am Weiher, wo sollte sie sonst sein. Und ich weiß, was sie dort tut …
»Ich danke euch«, rief Aval und war auch schon zur Tür hinaus. Am Burgtor grüßte sie eilig die verschlafenen Wächter, musste auf dem Platz davor wieder einmal Kindern und Gänsen ausweichen. Lief dann den grünen Hang hinab zu dem Bächlein im Wiesengrund, auf dessen anderer Seite der Wald begann. Der Wald, in dem der Weiher lag.
Nixenweiher … raunte es in Aval. Das ungute Gefühl drückte weiter auf ihren Magen, angefacht von Bertrades Geschichte. Wenn Mara nun etwas zugestoßen ist …
Getrieben sprang sie über das Bächlein. Da kam ihr vom Waldrand her Mara entgegen. Wandelte gedankenverloren durchs hohe Gras, an dem noch überall der Tau hing.
»Mara! Da bist du ja! Ich habe mir Sorgen um dich gemacht!«
Überrascht blickte Mara auf, und Aval glaubte, eine hastige Bewegung zu sehen, mit der sie etwas hinter ihrem Rücken verbarg. »Sorgen? Weshalb, Ava?«, zwitscherte sie drauflos. »Ich habe nur einen Spaziergang gemacht.«
»Du gehst nie allein fort, Mara.« Aval trat vor ihre Schwester. »Ich weiß, dass du am Waldweiher warst.« Als Mara keine Antwort gab, strich Aval ihr behutsam eine dunkle Strähne aus dem Gesicht. »Es ist schon in Ordnung. Du kannst mir ruhig sagen, dass du dort warst.«
Heftig wich Mara vor ihrer Berührung zurück. »Ich kann tun und lassen, was ich will. Es geht dich gar nichts an, wohin ich gehe!«
Auch Aval wich zurück. Vor Maras Worten, die sie wie eine Ohrfeige trafen. »Mara … ich … ich habe mir einfach nur Sorgen um dich gemacht …«
»Völlig unnötig«, blaffte Mara und wollte sich an ihr vorbeischlängeln. Die Hände hielt sie dabei fest im Rücken verschränkt. »Jetzt lass mich in Ruhe! Ich will zur Burg zurück!«
»Nein! Bleib stehen! Glaubst du, ich weiß nicht, was du am Weiher getan hast? Du hast das Halsgeschmeide geholt.« Aval verstand selbst kaum, weshalb sie der Gedanke an das Schmuckstück so beunruhigte. »Du darfst es nicht nehmen, Mara! Es ist … es ist verboten … unheilig … der Weiher …«
Die Worte wollten ihr nicht über die Lippen kommen, wollten für sie selbst kaum einen Sinn ergeben. Sie ärgerte sich über ihre eigene Unvernunft. Sie ärgerte sich über Maras Verhalten. Mehr noch, als ihre Schwester ihr einen beinahe hochmütigen Blick zuwarf.
»Ich weiß nicht, wovon du redest.«
»Und was versteckst du dann hinter deinem Rücken?« Wütend tippte Aval gegen Maras Ellbogen. »Zeig mir deine Hände.«
Maras Blick wurde noch hochmütiger. Ihre blauen Augen funkelten, wie Aval es noch nie gesehen hatte.
»Bitte sehr!« Trotzig streckte Mara ihr die Hände entgegen. Die Ärmelaufschläge ihres Kleides waren feucht, unter ihren Nägeln prangte Dreck, der wie Uferschlamm aussah. Aber ihre Handflächen waren leer. Kein goldenes Geschmeide lag darin.
