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Ambouronx erwacht und findet sich in einem ihm unbekannten Raum wieder, gezeichnet von Folter und Schmerz. Er ist ein Gefangener, dessen Qualen noch nicht vorbei sind, denn er hat es gewagt, die Irrwege des Gottkönigs anzuklagen. Der höchste Berater des Herrschers selbst hat sich ein Schauspiel ausgedacht, um ihn zu Fall zu bringen. Berauscht von Drogen werden ihm von Timalutal, dem Schöpfer, Träume aus der Vergangenheit und Zukunft, gesendet, damit er diese Prozeduren überstehen kann. Der Herrscher ist nicht bereit, wie zu einem Dimensionenwechsel gefordert, seinen Platz freizugeben. Vielmehr hat er begonnen, sich seiner Feinde systematisch zu entledigen. Sein neues Reich ist längst geplant und in der Erschaffung. Aufgebaut durch versklavte Völker und Armeen aus Kindern, die er eingesetzt hat für seinen großen Traum eines neuen Gesellschaftssystems und seiner eigenen Verherrlichung. Die Königin ist gezwungen ihren Weg zu gehen, eigene Entscheidungen zu treffen, denn bereits vor langer Zeit Getroffene lasten schwer auf ihr. Ihr Geheimnis würde das Reich in den Grundmauern zerstören. Machtlos steht sie dem keimenden Bruderkrieg geegnüber, der sich in eine offene Revolte gegen den Vater verschärft. Erkenntnisse, die ihr zugetragen werden, erfüllen sie mit Entsetzen. Ein bedeutungsvoller Fluch, den sie in sich vernommen hatte, wird zur Realität, der sie vernichten würde. Tezkatin, der Gott der Zerstörung holt sich das alte Reich zurück. Eine Sonnenfinsternis, hervorgerufen durch einen Vulkanausbruch, lässt die alte Hauptstadt und alles, was sie umgibt, in sich zusammenfallen. Dem König gelingt es nicht, zu fliehen. Mit seinem Gefolge ist er dem Tod geweiht. In seinem Todeskampf ist die letzte Hoffnung, dass seine beiden Söhne, die er in die Verbannung geschickt hat, überleben.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Sammelband
Alois Dallinger
Die 12 Blutlinien der Schöpfung
1. TLAQUASCHKUN
2. TALOXAQUTUN
3. RIMANUNCHAN
4. FOLAMUTSCUL
5. NEFESULKTZEN
6. FULKATSCHUTAN
7. TESEMETZDAXTEL
8. KEWUSPAIKLT
9. LUTLLWATLUM
10. PUHEFWUTZAK
11. SCHUTLKAWAT
12. SCHIKUWANDUXTL
Klappentext
Ein Königreich der Maya steht vor einem Zeitenwechsel. Gottkönig LEXUTEM-RAXHUN geht den Weg der Überlieferungen nicht weiter. Er erhebt sich über den Willen des Schöpfers TIMALUTAL. Doch auch seine Widersacher gehen ihre eigenen Wege. Dieser Bruderkrieg bildet den Anfang für die Entstehung neuer Reiche von Mexico bis Peru.
Der Flug des
AMBOURONX
Sammelband
Alois Dallinger
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Impressum
Texte: © Copyright by Alois Dallinger
KorrektoratLektorat: Daniela Vogel
UmschlagIllustration © Copyright by Lyn L. Hunter Illustration
Verlag: Alois DallingerReichenbachstraße 10RG80469 München
Viele Geschichten und Erzählungen handeln von den einzelnen Völkern und Religionen, die sich über Mittel- und Südamerika ausgebreitet hatten. Von den großen und bekannten Hochkulturen, wie die der Zapotheken, Maya, Olmeken, Toleteken, Inka und Azteken mit ihrer alles überdauernden Geschichte, die wir heute noch erforschen, bis zu den kleineren Boruca, Huaxteken, Mixe, Mixteken, Chichimeken, Nahua und Totonaken, um nur einige aufzuzählen. Unzählige Funde zeigen die Größe ihrer Reiche mit den Palästen und Tempeln, Wegen und Berechnungen der Gestirne, Handwerkskunst und religiöse Darstellungen, die jeden in den Bann ziehen. Viele weitere kleine indigenen Gemeinschaften hatten in den Urwäldern ihre Kultur aufgebaut und blieben dort oft unbemerkt von den anderen großen Stämmen und konnten so ihre eigene Zivilisation für einige Generationen ausleben. In den Machtspielen und kriegerischen Auseinandersetzungen mit den überlegenen und streitbaren Völkern waren sie dennoch immer unterlegen und wurden oft als Sklaven missbraucht. Manche dieser Völker waren so verfeindet, dass sie als Kannibalen ihre Feinde verspeisten. In einem Gebiet von Mexiko bis Peru hatten sich unterschiedliche Völker zu verschiedenen Zeiten weiter entwickelt und Großes erschaffen. Wenn wir nur an die Stätten der Maya, Inka und Azteken denken und uns die kolossalen Bauwerke vor Augen führen, die uns in Erstaunen versetzen, erscheint es kaum vorstellbar, wie es überhaupt möglich war, diese vor so langer Zeit zu errichten. Heute noch existieren ihre Erben in den Gebieten verstreut und leben dort als sichtbare Zeugen.
Allerlei an Informationsmaterial gibt es über diese Länder und Völker: wissenschaftliche Dokumentationen und Science-Fiction Romane, die an das Wirken von Außerirdischen glauben. Vieles ist möglich und zu erklären, anderes wird auf ewig unergründbar sein und bleiben: Rätsel für die kommenden Generationen, mit ausreichend Platz für Spekulationen.
Bei all meinen Reisen und dem Erkennen, was sich dort alles entwickelt hat und auch wieder zerstört worden ist, glaube ich an die Zusammenhänge und dass viele dieser Völker auch den gleichen Göttern zugeneigt sind. Sie passten nur deren Form und Wichtigkeit im Laufe der Zeit an. Getrieben auch von klimatischen und religiösen Veränderungen, breiteten sie sich so in diesem ganzen Gebiet aus. Reger Handel bestimmte das Zusammenspiel zwischen den Mächten. Religiöse Rituale, die trotz der Zwangschristianisierung weiter stattfanden und von den indigenen Völkern praktiziert wurden, so wie es ihre Ahnen immer schon gemacht hatten und die immer noch einen hohen Stellenwert in ihrem Leben besitzen.
Vor über dreißig Jahren habe ich die erste Reise nach Südamerika unternommen und neben Guatemala, Nicaragua, Chile und mehreren Aufenthalten in Mexiko, Peru, Venezuela in Kolumbien die Sammlung meiner Informationen beendet. Am beeindruckendsten war für mich die Reise nach Guatemala und die Erlebnisse dort, von denen ich auch heute noch oft träume und sie sind mir wie ein Auftrag vorgekommen, den ich mit diesem Buch erfüllen muss. In Kolumbien fand ich die fehlenden Schlussgedanken und nun ist es an der Zeit, dies alles in Worte zu fassen. Einen neuen Ansatzpunkt ihrer Geschichte. Aus verschiedenen Epochen und Reichen, die sich doch in vielem ähnelten und zueinander gehörten.
Nach ereignisreichen Tagen in Guatemala, von der beeindruckenden Hauptstadt San Josè mit den Spuren der Vergangenheit über die hohe Kultur in der alten Stadt Antigua – eine Stadt die so viel Zeitgeschichte in sich birgt – verwunschene Klosteranlagen, in deren Ruinen hinter jedem Stein ein anderes Geheimnis liegt, regten meine Phantasie an. Alles, was ich bis dahin über die alten Kulturen gelernt habe, erscheint mir greifbar und echt. Geschürt von den Erzählungen über den kulturellen Aufbau der spanischen Eroberer bis zu den überlieferten Riten der Mayas, die Schönen genauso wie die Grausamen. Überall sehe ich die indianischen Spuren in den christlichen Gebäuden. Erhalten durch die jahrhundertelange Ausbeutung, Versklavung und Zwangschristianisierung. Unsere Reise war gespickt mit Höhepunkten verschiedener Epochen, und aller nur vorstellbaren Naturschönheiten. Die alte Kunst der Indios: Tempelanlagen im Urwald versteckt und von den Erbauern geschützt, voller Rätsel selbst heute noch. Siedlungen an den bezauberndsten und abgelegensten Stellen des Landes aufs Exakteste geplant, von Sternendeutern und Weisen berechnet, eine Geschichte, die ins Unermessliche geht. Getrieben vom Laufe der Sterne und ihrem Kalender. Paläste, Klöster, Kathedralen, Städtebau der Eroberer, die größtenteils bereits wieder von der Natur zurückgewonnen worden sind, und die Ausgrabungen gaben Aufschluss darüber. Auch verblasste oder renovierte Kulturdenkmäler, ausgelöschte Götzenbilder und der Prunk der letzten Herrscher, ihren den Göttern gleichen Könige. Eindrücke die jeden Menschen bewegen. Daneben moderne Architektur und zweckgerechte Bauten, Regierungsprunk und gesicherte »Reichen Gettos«. Es war eine so beeindruckende Reise für alle Sinne, kaum möglich in Worte zu fassen. Farben und Gerüche auf den Märkten, in den Tempeln und Kirchen, zeitweise wie im Paradies. TIKAL, als Highlight, sollte den »krönenden Abschluss« bilden. Fragen gestellt aus meiner Phantasie und Neugierde. Im Urwald die Ausgrabungsstätte, von der ich so viel erwartet hatte. Informationen zu Land und Leuten, Geschichte, Kultur und aktuelle Lebensumstände. Es lief alles prima und problemlos, bis zum Vorabend des Abreisetages zurück in San Josè. Hurrikans! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich nie wirklich damit beschäftigt, einmal selbst in irgendeiner Art Opfer eines Hurrikans zu werden. Bilder kannte ich von den Katastrophen, Schicksalen und Auswirkungen dieser Naturgewalten. Davon selbst betroffen zu sein, ist noch einmal eine ganz andere Art des Erlebens. Mitch war sein Name, wie sich später herausstellte, einer, der verheerendsten Hurrikans, die bis zu diesem Zeitpunkt je über Mittelamerika hinweggezogen waren. Am 01.11.1998 änderte sich mein Leben.
Eindrücke aus Tikal waren das perfekte Ablenkungsmanöver, von der Fahrt durch den Urwald bis zum Betreten des »großen Platzes«, die Nordakropolis bis zu den Tempelanlagen, Stelen und Statuen, Überlieferungen, und die Rätsel, die noch nicht gelöst wurden, so viel lag hier noch unter der Erde. »Antike Stadt der Mayas« so wird Tikal gerne genannt, doch viel mehr handelt es sich um eine Oase in den dichten Regenwäldern des Peten im nördlichen Guatemala. Auf den Spuren der Mayas zu wandeln, verlassene Wege zu gehen, sich Gedanken zu machen, was hier einst wohl bedeutend war, neben den Schönheiten des Landes auch die Brutalität des Herrschergeschlechts. Allgegenwärtig waren diese Rieten, gegenzeichnet auf Stelen, den Ballspielplätzen und Überlieferungen. Hier war der sicherste Ort und hier musste ich auch bleiben, da alle anderen Verbindungsmöglichkeiten abgebrochen waren. Ein Besuch des Indio-Dorfes, aus dem die Mitarbeiter des Camps kommen, war das Ersatzprogramm.
Ein Eingangsportal aus alten Steinstelen und Opfernischen, aus denen mir Weihrauchduft in die Nase stieg. Das Zentrum bildete der Hauptplatz, an dem zum einen eine kleine Kirche stand und zum anderen die Kapelle des »MAXIMÓN«. Im ganzen Land wird dieser mit allen Lastern der Menschen gepeinigte Heilige verehrt und dient als Mittler zu Gott, da er das Leben kennt. Die Opfergaben waren Zigaretten und Schnaps, nicht selten, dass der Priester diese selbst genoss, um einen Vorteil aus seiner wichtigen Tätigkeit zu schöpfen. Hier im Dorf qualmte die Figur mindestens sieben Zigaretten, die ihm die Gläubigen angezündet in den Mund gesteckt hatten. Zusätzlich nahm der diensthabende Priester eine Flasche Maisschnaps und leerte diese in den Mund der Statue, die ihn postwendend wieder durch ihre Genitalien in ein Auffangbecken entleerte. Um dieser stickigen Luft zu entfliehen, war der Weg nach draußen die rettende Erlösung. Der Dorfälteste, der auch die Gerichtsbarkeit innehatte, zeigte sich uns nicht. Er war der Schamane und Heiler, Fremden nicht zugeneigt.
Ich ging etwas umher und sah einen älteren Mann, der auf dem Boden hockte und die Gedärme eines toten Gockels betrachtete. Um ihn nicht zu stören, wollte ich schnell umdrehen, da winkte er mich zu sich her, so als würde er mich bereits erwarten. Eine einfache Geste voller Freundlichkeit. Verbunden mit einem Lächeln, strich er mir mehrere Male mit seinen warmen, dreckigen und rissigen Händen über das Gesicht, stockte jedoch an meinen Augen und hielt inne. Ich ließ diese ungewohnten Situation zu und fühlte eine innige Verbundenheit. Er nahm meine Hände. Er schaute sie von oben und unten an, dann fuhr er die Linien darin nach, als könne er alles von mir erfahren. Eine Vertrautheit, die ich nicht kannte. Seine Augen betrachteten mich, bis er mir drei leichte Schläge auf Höhe meines Herzens gab, sich wieder setzte und seinen Gedärmen von vorher erneut seine Aufmerksamkeit schenkte. Kein weiteres Zeichen des Abschieds. Auf dem Rückweg vielen mir die kleinen Maisfladenküchen auf, einfach und doch funktionell. Eine Besonderheit und voller Tradition. Wie schon zu den Zeiten der Ahnen wurde alles andere auf der zentralen Kochstellen zubereitet, die auch der kulturelle Treffpunkt der Frauen war. In den Häusern, oder eher Hütten, die meist aus Baumstämmen und anderen Pflanzenteilen des Waldes gefertigt waren, standen die massiven, reich verzierten Holzbetten gut sichtbar an einer Seite. Gewebte Decken in allen nur denkbaren Farben und Mustern lagen darauf und als Kopfstütze diente eine Holzvorrichtung, wie dies bereits seid Generationen der Brauch war. Kissen waren in der Mitte der Hütte als eine Art Wohnzimmersofa gestapelt. Hier erfuhr ich, dass es unüblich wäre, sich zu verabschieden. Winken kannte man gar nicht. Verabschiedet wurden nur Tote oder jemand, der nicht wiederkommen sollte. Miguel, der Reiseführer, erzählte zudem, dass es in der einheimischen Sprache kein Wort für »Auf Wiedersehen« geben würde, nur ein »Komm wieder«. So fuhren wir zurück ins Camp, wo ich die Kraft der Natur auf mich wirken lassen wollte.
Entlang des Flusses ging ich gedankenverloren einen einsamen Weg, um meinen Eindrücken Raum zu geben. Jeder Schritt, den ich machte, brachte mich weiter in die Vergangenheit zurück und ich sah Dinge vor meinen Augen, die mir unbekannt waren. Warmes Gras umspielte meine Zehen und kleine Wasserperlen, entstanden durch die Feuchtigkeit des Regenwaldes, schärften meine Sinne, die laue Luft mit dem Rauschen der Blätter gewann meine Aufmerksamkeit.
Das Plätschern des Flusses trug meinen Geist weit weg zu längst versunkenen Kulturen und formte sich zu einer Stimme. Geschichten nicht wie die aus Tausendundeiner Nacht- nein vielmehr Erinnerungen, die nicht vergessen werden durften. Magische Momente unterschiedlicher Reiche mit vielen verschiedenen Herrschern und einem furchtbaren Feind. Jahrhunderte die dazwischen lagen und ein Kampf der erneut ausgetragen wurde, bis zur Vollendung damit nicht immer wieder Altes NEU erkämpft werden musste. Nein es sollte und musste beendet werden, um den Gleichklang der »Ewigen Harfe« zu erreichen, um aufzusteigen in die neue Dimension. All die Opfer sollten Ihr Blut nicht umsonst geopfert haben. Der aus Blut erbaute Weg musste fertig sein, damit kein weiteres Leid von Nöten wäre, um den Menschen ein gutes und friedliches Leben zu ermöglichen.
Aus verschwommenen Nebelgefilden entstanden Gestalten, die sich weiter formten, bis ich sie klar und deutlich erkennen konnte. Es war ein menschliches Wesen, ein weiser Mann, der mir sein Schicksal erzählen wollte, ihm gehörte die Stimme die ich hörte. Er erzählte mir Dinge die sich lange vor unserer Zeit abgespielt hatten. Seelen die keine Ruhe fanden, gefangen waren im Leid und nicht vergessen konnten. Ohne Kontrolle strömten die verschiedensten Emotionen auf mich ein. Eine Bilderflut, die ich nicht zuordnen konnte. Etwas anderes war noch hier und lebendig, suchte den Kontakt zu mir, um eine Verbindung eingehen zu können. Ein Stimmengewirr war in meinem Kopf, Laute und Silben, die ich nie zuvor gehört hatte, formten sich zu Worten, die ich nicht verstand. Es war wie ein Zeitsprung, wie ein Schalter, der umgelegt wurde, um das zu vollenden, was vor langer Zeit begonnen hatte. Wie aus dem Nichts entstanden ganze Bilder von Ländern, Städten und Palästen. Tempelanlagen, die in ihrer Schönheit kaum zu übertreffen waren. Farben und Formen die meine Seele erfreuten und mich neugierig darauf machten, es zu erforschen. Wie in einem Traum gefangen fühlte ich mich. So als ob ich einen Kinofilm real erlebte, dessen Manuskript von mir geschrieben war und gleichzeitig war ich Regisseur, Hauptdarsteller und Erzähler in einem. Meine Schritte wurden schneller, um dies alles zu sehen und zu erleben, vor allem aber zu verstehen. Ein Auftrag, dies zu schreiben, um das Vergessen nicht zuzulassen.
Das Stimmengewirr löste sich auf, bis nur noch eine klare Stimme zu hören war ... Wie ein Erzähler, der mir aufgab seine Worte niederzuschreiben ... Er diktierte mir seine Geschichte, die irgendwie zu meiner wurde. Dies in unsere Sprache zu fassen, kam mir wie eine unlösbare Aufgabe vor, doch erkannte ich mich im Erzähler wieder, als wäre ich ein Teil von ihm ... Er war ein alter Teil meiner Seele und hier am Ende der Welt fanden wir uns wieder ... Im Nichts, um Altes einer fernen anderen Welt abzuschließen ... Mich selbst zu befreien und die Signale zu empfangen, die ich schon ein Leben lang in mir trug. Wahrheiten aus unzähligen Träumen kamen mir gleichzeitig in den Sinn, eine Bilderflut durchzog meinen Kopf. Begebenheiten, die ich nur als Träumereien abgetan hatte, verbanden sich zu einem Ganzen, einer Geschichte, in der ich eine Rolle spielte. Eine Rolle, für die ich bereit sein sollte. Reelle Bilder entstanden aus den Nebelschwaden, Menschen und Gebäude erkannte ich, so als hätte ich selbst schon einmal vor ihnen gestanden. Jede Tür konnte ich öffnen und hindurchgehen, da ich mir sicher war, was sich dahinter befand. Der weise Mann nahm mich an die Hand, um mich sicher und schnell dorthin zu bringen, wo die Informationen bereits auf mich warteten. Er zeigte mir alles, was ich erblicken und erfahren sollte. Vertrauend streckte ich ihm meine Hand entgegen, um geführt zu werden. Geführt in sein Leben, seine Geschichte und seine Persönlichkeit. Viele Geräusche rissen mich aus meiner Phantasiewelt und brachten mich zurück in die Realität. Der weise Mann wollte mich noch nicht gehen lassen. Er brauchte mich, um das Vergessene wieder ans Tageslicht zu bringen, um erlöst zu werden. Die Zeichen seiner Zeit hatte er erkannt und war unfähig zu handeln. Ich war seine Stimme nach außen. Seine Worte versuchten mich immer wieder zurück zu ziehen, damit ich ihn nicht verließ, bei ihm blieb und zuhörte, lernte, entdeckte, was dereinst geschah, damals vor Hunderten von Jahren. Ich allerdings musste ins JETZT zurück.
Dann erfuhr ich, dass sich ein phantastisches Programm für den darauffolgenden Tag bot, das vor uns noch keinem Touristen gezeigt worden war. Eine Ausgrabungsstätte, Naranjo, die noch in der Entdeckungsphase war und derzeit von internationalen archäologischen Teams ausgegraben und erkundet wurde. Durch eine Spende vom Reisebüro würde uns dort jemand empfangen und herumführen. Auf unergründlichen Dschungelpfaden fuhren wir, niemand von uns hätte den Weg zurück gefunden und man sagte uns: »Wir sind in der Nähe des Dorfes, das wir gestern besucht haben und fahren nun auf einem Pfad, der speziell für die Ausgrabung angelegt wurde. Einige Familien leben hier zurückgezogen an der Zufahrt zum Ausgrabungsgelände. Sie folgen dort den alten Traditionen und versuchen, ein abgeschiedenes Leben zu führen. Durch die Teams der Archäologen und all die anderen Menschen, sind sie aber mittlerweile an Fremde gewohnt, versuchen aber uns nicht zu sehen, als seinen wir Luft und wir dürfen dies nicht als schlechte Geste sehen.« Einfachste Materialien, aus dem Urwald gewonnene Rohstoffe, als Fundament der Hütten, keine Hinweise auf Zivilisation, noch irgendwelche Besonderheiten einer Siedlungsgeschichte waren das, was ich erwartete.
Kurz darauf kamen wir auf einen schmalen Pfad, der zum archäologischen Bezirk führte. Eine Info im Geländebus war, nicht den direkten Kontakt zu den Menschen zu suchen, aus verschiedensten Gründen, nicht zuletzt wegen der Übertragung von Krankheiten und der Gefahr für uns selbst. Nachdem wir zwischen den einfachen Hütten, entlang des Pfads an das Grenztor zur Ausgrabungsstätte kamen, konnten wir schon unseren Guide erkennen, mit umgebundener Werkzeugtasche und von der Sonne gebräuntem Gesicht. Als wir bei ihm ankamen, gewann er die Gruppe schnell mit den Worten: »Hallo ihr schiffbrüchigen Archäologen! Ihr habt die Möglichkeit, hier eine größtenteils noch unerforschte Ausgrabungsstätte zu besichtigen. Es ist absolut verboten, zu filmen und zu fotografieren. Sollte dies der Fall sein, muss der Ausflug sofort abgebrochen werden und die ganze Gruppe das Gelände verlassen. Die Kamera wird einbehalten, da dies so mit dem Staat Guatemala ausgemacht ist. Nicht einmal die Archäologen dürften alleine Bildmaterial herstellen, dafür gibt es eigene Mitarbeiter, die dies katalogisieren. Es ist einfach so und wir alle, auch ich müssen uns daran halten, ohne Ausnahmen. Bitte nicht von dem gekennzeichneten Weg abweichen oder selbständig herumlaufen. Dies ist für die noch unter dem Boden versteckten Funde zu gefährlich.« Zu guter Letzt sagte er noch, dass wir die erste und wohl einzige Gruppe sein würden, die diese Stelle sehen und besuchen könnten. Es war für mindestens zehn weitere Jahre als Forschungsprojekt geplant. Die Probleme unserer Reise und zugleich eine großzügige Spende der Reiseagentur für die Ausgrabung, hätten es überhaupt erst möglich gemacht, dass wir hier wären. Einige Menschen aus der kleinen Siedlung waren ebenfalls da, arbeiteten und, kaum dass ich einige Meter gegangen war, sah ich den alten Mann vor mir. Wie am Tag zuvor berührte er mein Gesicht und ich spürte, wie der Weise der mir erschienen war, in mich eindrang, damit ich mir seine Geschichte anhörte. Dinge erkannte, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen, als hätte er nur auf mich gewartet, um das begonnen zu vollenden.
Folge mir in eine alte Zeit, in eine versunkene Welt, in mein ausgelöschtes Leben. Komme mit mir auf die Reise zu mir selbst. Lass deinen Geist fliegen.
Ich bin AMBOURONX.
Verflucht wurde ich, um für die Ewigkeit ausgelöscht zu werden. Ein Aufwiegler war ich, der es wagte, sich gegen den König zu stellen, ihn anzuklagen und seine falschen Beweggründe aufzudecken. Nichts von mir darf übrig bleiben, alle Erinnerungen an mich sollen zunichtegemacht werden. Meine Lehren und Botschaften müssen bis ans Ende der Zeitrechnung vernichtet werden. Mir bleibt nur Folter in einer schier ausweglosen Situation. Hoffen kann ich nur auf meinen Gott und auf das, was er bereits alles in mir verankert hat.Die wahre Religion und deren Ausübung versuchte ich in den Köpfen der Menschen wachzurufen. Ermahnte sie, eigene Überlegungen anzustellen. Predigte und Ermahnte unaufhaltsam.
Ein dumpfes Dröhnen der Signalhörner des Gottkönigs LEXUTEM-RAXHUN erfüllt mein Innerstes und mir kommt es vor, als würde mein Kopf von diesem unangenehmen Ton zerplatzen. Unfähig meine Ohren zu schützen durchdringen sie mich ohne Mühe und sind das Einzige, was ich in diesem Moment wahrnehme. Bewegungsunfähig gefangen im eigenen Körper. Düstere Finsternis gepaart mit allen Urängsten umgibt mich. Meine zu schmalen Schlitzen verengten Augen, kann ich nur mit Mühe öffnen und das schummrige Kerzenlicht sticht sofort bis in mein Gehirn. Schützend möchte ich meine Hände davor halten, doch ich bin unfähig dazu. Wie aus einem tiefen Schlaf gerissen, fällt es mir schwer, sofort klare Gedanken zu fassen. Einige Kontraste erkenne ich und konzentriere mich darauf, bis die Umrisse an Kontur gewinnen. Ich liege auf dem Boden mit dem Gesicht nach unten, ohne Kontrolle über meinen Körper. Durch das veränderte Schattenspiel merke ich, dass die Hornbläser von mir weichen. Quälende Laute hallen in mir nach und ich fühle mich wie volltrunken und im Drogenrausch. Eine Bitte um Hilfe, um diese Situation zu meistern, verpackt in ein kurzes Gebet, flüstere ich stumm vor mir her. Meine Augen schließe ich für zwei Atemzüge, wie es die Art der TIMALUTAL-Anhänger ist, um die Worte direkt an unseren Gott zu schicken. Eine Ruhe muss ich in mir finden, damit ich klar und logisch vorgehen kann. Das Letzte, an das ich mich erinnere, dass ich gerade zu meiner Glaubensgemeinschaft sprechen wollte. Kaum atme ich das zweite Mal aus, bin ich hellwach und mein Kopf arbeitet nun mit voller Konzentration, um Herr über die wichtigsten Sinne zu werden, doch scheitern alle Versuche meinen Körper zu bewegen. Mein Gehirn beginnt, immer rasanter zu arbeiten, um möglichst schnell wieder im Vollbesitz meiner Fähigkeiten und Kräfte zu sein. Jeder Bruchteil einer Sekunde kann mir einem Vorsprung verschaffen, den ich nicht ungenutzt lassen darf. Alte, längst vergessene und neuere, aktuelle Erinnerungen muss ich in die richtige Reihenfolge bringen. Herausfinden, worum es hier geht. Dass ich viele Feinde in der Welt der Reichen und Adeligen habe, ist mir sofort wieder in den Sinn gekommen, zudem ist die hohe Priesterschaft geschlossen gegen mich. Ist das ein Grund für meine Lage? Warum aber die Signalhörner des Gottkönigs? Immer wieder versuche ich, im Gebet eine Botschaft zu erhalten. Eine Erklärung oder eine Hilfe, um mich nicht so hoffnungslos ausgeliefert zu fühlen. Nur meine Schmerzen sind real und verstärken sich mit jedem Augenblick, zeigen die Verwundungen an mir. In welchen Zustand bin ich? Worum geht es hier? Den Lauf meines Schicksals kann ich weder beschleunigen noch verändern.
Entlang meines Kopfes durch mein Haar läuft frisches Blut und tropft zu Boden, wo sich bereits eine große Blutlache sammelt. Ein bitterer Geschmack liegt auf meinen Lippen. Mein Mund ist gefüllt mit geronnenem Blut, das ich nicht schlucken kann und das ich von einer Wange in die andere schiebe, um nicht daran zu ersticken. Meine Zunge fühlt die Zähne, wenigstens sind diese vollständig. Unbeweglich und starr versuche ich mich, mit kleinsten Bewegungen und Sinnesreizen zu erforschen. Vorsichtig, ohne meine Peiniger davon in Kenntnis zu setzen. Alles hier fühlt sich seltsam an. Wild kreisen zudem meine Gedanken weiter umher, um irgendwelche Anhaltspunkte darüber zu entdecken, was geschehen ist, wo ich bin. Was hat man mir in dieser Zeit alles angetan? Wie kann ich zu mir selbst finden, um bei klarem Verstand zu sein.
Immer heftiger werdende Schmerzen breiten sich in mir aus. Folter und Feuer haben schon mehrmals Spuren auf meinem Körper hinterlassen und so kenne ich dieses Gefühl von Bestrafungen. Unbekleidet, vollkommen nackt und schutzlos bin ich wie ein frisch geborener Säugling, der gerade von der Nabelschnur getrennt wurde. Gefangen, gefesselt und alleine, ganz alleine, nichts ahnend, was auf mich zukommt oder mir bevorsteht. Angestrengt versuche ich weiter, einen immer klareren Kopf zu bekommen. Meine Augen gewöhnen sich an das spärliche Licht. Unkontrolliert muss ich dabei blinzeln, als würde ich einen Fremdkörper aus ihnen befördern und habe Angst mich dadurch bereits zu verraten. Alles in mir wird von Sekunde zu Sekunde aktiver. Ich höre nur meinen Herzschlag, der mir sagt, du bist noch am Leben und alles muss seinen Lauf nehmen, wie es geplant ist. Es löst ein Gemisch aus Stress, Angst und einer Zuversicht aus, das ich nicht begründen kann. Vorsichtig drehe ich meinen Kopf, um aus den Augenwinkeln mehr zu sehen. Ich erkenne die fest mit Riemen geflochtenen und gebundenen Füße der anwesenden Wachen. Mein Blick wandert etwas weiter nach oben. Die Riemen gehen bis zu den Kniekehlen. Diese Art der Fußtracht war nur den höchsten der Palastwachen erlaubt. Etwas Bedeutungsvolles muss mich hier an so einem hochgestellten Ort erwarten, wenn selbst unser MAT, der Gottkönig anwesend ist. Seine Macht habe ich angezweifelt und so längst die Privilegien meiner Abstammung verspielt. Die Schuhe der Wachen lösen Bildern in meinem Kopf aus, von dem, was ich bereits alles gesehen habe, was im Namen unseres höchsten Gottes bislang an Schandtaten vollbracht wurde. Seine Entscheidungsgewalt ist getrieben von einem Drang nach Macht, Blut und Opfern.
Hierarchisch festgelegt ist jede Tracht und Uniform, jeder Stand und die Wichtigkeit einer Person im Kreise der MICHUTANG kann auf diese Weise schnell identifiziert werden. In den Tempelschulen wird dies alles zusammen mit der Glaubensrichtung von Kindesbeinen an gelehrt, und als zentrales Thema die ultimative Macht des Herrschers und seine Bedeutung für jeden Einzelnen. Kenntnisse über viele dieser Abzeichen und Schmuckstücke der Würdenträger habe ich schon früh erlernt, um zu wissen, zu welcher Klasse wir und die Menschen, die uns umgeben, gehören. Geprägt durch meine Erziehung konnte ich diese Besonderheiten tief in mir speichern und auseinanderhalten. Überproportional viel wurde im Tempel des MIGAROTL über die Wichtigkeit der Soldaten, den Beschützern des Reiches, gesprochen. Der Weg, der auch meine Zukunft bestimmen sollte, dazu wurde ich am Tage meiner Geburt erwählt. So stand ich unter dem Banner des Panthers.
Festgelegt sind für alle MICHUTANG die Farben und Stoffe, die sie tragen dürfen. Alles muss ihrer Würde entsprechend sein. Dieser Fußschutz mit der kunstvollen Flechtform ist eindeutiges Zeichen der VILANUMANAG. Sie sind mit Gold geschmückt, wie es sonst nur den höchsten Adeligen und dem Herrscher erlaubt ist. Nachdem ich die ersten Eindrücke gesammelt habe, wage ich es, meinen Blick noch weiter nach oben gleiten zu lassen, bis ich die aufwändig mit Gold verzierten KULAXTX erkennen kann. Sichtbar deuten sich darunter TIMUXASCHE ab. Sie dürfen sich nicht fortpflanzen. Fünf Stufen hat ihr Lendenschurz, nur dass er nicht ganz so lang wie der des Gottkönigs ist, dazu die in Kreuztechnik gebundene Sandalen. Es muss sich um die geheime Leibgarde des Königs handeln, die WATU-MAT-VILANUMANAG. Weiter versuche ich, meinen Blick zu schärfen, um zu erkennen, welches Zeichen an dem Gürtel herabhängt. Die Mehrzahl dieser Symbole aus unserem Reich kenne ich nur zu gut. Ich muss sie mir gar nicht in den Sinn rufen, sie sind präsent. Eine lange goldene Kette hält den um den Bauch gewickelten Lendenschurz und daran hängt an der Verlängerung der Enden eine große, runde, goldene Platte, auf der sichtbar die fünf Sonnen der MICHUTANG zu sehen sind. Das Symbol des Herrschers, unseres Königs. Genauer muss ich sie betrachten.
PTALANAUS erzählte mir davon, dass es im Palast weit mehr als die normalen Wachen gäbe, von geheimen Einheiten sprach er und wie diese funktionieren. Er, mein wahrer Freund, Lehrer und Ausbilder. Er fehlt mir in diesem Augenblick, an dem ich an ihn denke, seine Wärme und Liebe. Seine Prophezeiungen würden zu Wahrheiten werden, doch dazu muss ich erst das Hier und Jetzt begreifen. Ein unvergängliches Bild von ihm ist in mir. Jeden noch so kleinen Punkt seines Gesichts kann ich in mir wachrufen. Dieses Bild ist mein Ausweg und nimmt mir die Angst.
Ich denke weiter zurück, an die Leibgarde des Königs. Sie werden »Goldene Gottessoldaten« genannt, fällt mir ein. Die irdischen Soldaten TIMALUTALs, um seinen Gesandten auf Erden zu schützen. Eine Einheit der besonderen Art, beeindruckend und erschreckend zugleich. Jegliche persönlichen Bedürfnisse wurden ihnen in ihrer Ausbildung und Erziehung abtrainiert. Sie wurden dem Gottkönig geweiht und zu seinem Wohle erzogen und ausgebildet. Ihr ganzer Lebensinhalt ist nur auf diese Aufgabe reduziert dem Herrscher zu dienen und seine Befehle auszuführen. Die andauernde Gehirnwäsche, die sie von Anfang an mit bekommen, zeigt schnell Wirkung und formt sie zu den Soldaten, die sie sein müssen. Die Sonne strahlt durch sie noch mehr, durch ihre goldenen Brustpanzer, Nasenmasken und den großen Ohrringen. Sie sollen die Macht des Königs widerspiegeln. Seine reinste Abstammung muss durch alles, was ihn umgibt, repräsentiert werden. Nur Schönes und Perfektes darf in seiner Umgebung sein.
In all dem trostlosen »Hier und Jetzt« erkenne ich den göttlichen Willen, dem ich mich unterworfen habe, und Mut keimt in mir auf. In demselben Augenblick wird mir von dem Wächter zu meiner Linken ein solcher Tritt mit seinem Fuß in das Gesicht verpasst, dass ich benommen sofort wieder den Blick senke und auf den Boden starre. Erst jetzt ist mir klar, dass weitere Personen hier im Raum sind, die ich zuvor nur erahnt habe. Geräusche, die ich ausgeblendet hatte, dringen nun wieder stärker in meine Ohren. Das leichte Vibrieren von Schritten erweckt meine Aufmerksamkeit und ich bin in Alarmbereitschaft. Kühles Metall berührt ohne jede Vorwarnung mein Gesicht. Schaudernd zucke ich zusammen. Es läuft mir kalt über den Rücken. Schon wieder wollen die Hörner meine Konzentration stören, meinen Kopf quälen. TIMALUTALs Atemübung kann mich stärken und meine Ohren verschließen. Zweimal tief ein und ausatmen, die Augen schließen und um seinen Beistand bitten. Ein gebetsgleiches Atmen, das mich beruhigen und frei machen wird. Die Signalhörner verstummen, nichts von ihren Trägern berührt mehr mein Gesicht. Bis jetzt habe ich noch keine Stimme vernommen. Mein Hörvermögen ist von mir zum Schutz ausgeblendet worden und darf nun seine Arbeit wieder aufnehmen. Das Stimmengewirr um mich herum wird lauter, bis der schrille Ton einer kleinen Bambusflöte erklingt und alles verstummt. Diese Stille nutze ich, um meine Gedanken so schnell und so weit wie möglich in eine Reihenfolge zu bringen. Die Energie aus Überlieferungen und Information, die ich in mir finde, sagt mir: Gehe zurück in die Zeit der Prophezeiung der vergessenen Weisen. Dort findest du alles, was du brauchst. Mir ist klar, was das bedeutet. Ich kenne diese Lehrer und deren Lehren, bin selbst ein Teil davon. Ohne es zu wollen, wurde ich hineingestoßen, um die Wahrheit zu sehen und diese zu verstehen. Das alte Wissen gepaart mit den neuen Erkenntnissen muss ich vereinen, die Falschheit beim Namen nennen, und die wirkliche Anbetung und den wahren Willen vorantreiben. Mich erneut auflehnen gegen diesen lügnerischen Herrscher und seiner Priester. Alte Prophezeiungen versuche ich, in mir hervorzurufen. Alles, was ich bereits getan habe, meine eingeschlagenen Wege, um aus dieser blutrünstigen und unmenschlichen Kultur zu entfliehen. Nicht nur einmal habe ich gegen unser Recht und unsere Gesetze verstoßen. Mich aus den Zwängen und Riten befreit, um den wahren Glauben an TIMALUTAL zu verkündet. Alle Lügen nannte ich beim Namen und prangerte sie an. Hielt nichts zurück, um meine Botschaften zu verkünden, und wenn die Anzahl meiner Glaubensbrüder auch klein war, so fand ich dennoch immer wieder Gehör. Macht dazu, hatte ich nicht zuletzt durch den König und die Priesterschaft, die sich an meinen Gedankengängen bereichern wollten. Sie gaben mir das Zepter in die Hand, um meine Gedanken auf fruchtbaren Boden fallen zu lassen. Fehler die sie in meiner Kindheit gemacht hatten und später durch öffentliche Folterungen und Anschuldigungen zu korrigieren versuchten. Das machte mich nur stärker. Ich äußerte mich über das, was sich falsch im Reich regte, ohne die Konsequenz zu fürchten. TIMALUTAL war mit mir, denn er bestimmte mein Handeln. LEXUTEM-RAXHUN hat es sicherlich schon oft bereut, mich nicht sofort, gleich zu Beginn meiner Mission, entfernt zu haben. Nun bin ich zu einem größeren Feind geworden, als er es wahrhaben will.
Sein Vater war anders als er, von meinen Fähigkeiten angetan, Dinge aus einem anderen Zusammenhang zusammenzufügen, um einen neuen Blickwinkel darauf zu setzen. Früh versuchte er mich in seinem Sinn zu erziehen und durch Aufmerksamkeiten gefügig zu machen. Seinem Weg sollte ich folgen. Mein Vater war zutiefst damit zufrieden und erkannte die Möglichkeiten, die sich ihm durch diese Bevorzugung eröffneten. Schon damals hätten der gehende und der kommende Herrscher erkennen müssen, dass ich ihnen Probleme bereiten würde, ich nicht so einfach umzuerziehen und mundtot zu machen wäre. Mein freier Kopf ermöglicht es mir, voranzukommen, Aktionen zu durchschauen. Andere erkannten bereits hier ein Problem für die Zukunft. Dennoch konnte in mir auch eine Chance, weiter in das Geschehen positiv einzuwirken durch meine so vielschichtige Denkweise, liegen und jung an Jahren war ich zudem noch gut formbar. Die geeigneten Lehrer und Ausbildungen würden mich sicherlich zu dem werden lassen, was FEXU-RACHUNAG in mir sah, was er besitzen wollte.
Eine Möglichkeit, mein Wissen anzuzapfen für seine eigenen Ideen, denn ich trage das Gedächtnis meiner Ahnen in mir, deutlich sichtbar und wenn ich in Trance bin, kann ich die Antworten auf die unterschiedlichsten Fragen finden. Ob es ein Segen oder Fluch ist, habe ich immer wieder zu hinterfragen versucht, sicherlich ist es der mir vorbestimmte Weg, den ich akzeptieren muss. Ich habe es genossen, von einer besonderen Bedeutung zu sein, und mochte es, wie meine Eltern mich deswegen behandelten. Als einziges Kind habe ich zu widersprechen gewagt, wenn ich etwas als falsch erachtete. FEXU-RACHUNAG konnte damit umgehen, war er sich doch sicher, die Kontrolle nicht zuletzt durch meinen Vater über mich zu haben. Zu spät bemerkte er, dass ich nicht so formbar war, wie er dachte. Eine weitaus höhere Macht leitete mich und zeigte die Verfehlungen der Herrscherdynastie und der Adelsfamilien an. Meine Gedanken, Worte und Taten musste er unter Kontrolle bringen. Ich ließ mich nicht einschränken oder kontrollieren. Ein Prediger war ich, der bei Zusammenkünften die königlichen Befehle anzweifelte und für die Priester oft nur deren Nutzen und Vorteile bekannt gab. So war es klar, dass ich mich früher oder später in so einer Lage wiederfinden würde. Mein Kopf droht von dem Druck darin schier zu zerplatzen.
Erste Wörter bringen meine Aufmerksamkeit hierher zurück, handeln von Anschuldigungen und Beschimpfungen. Konzentriert versuche ich, die Stimmen zu separieren, um einen Kontext zu erkennen. Soll ich hingerichtet werden? Was wartet auf mich? Quälende Fragen in mir. Die Angst um diejenigen, die meinen Glauben teilen, macht sich in mir breit, doch weiß ich auch, dass sie zueinanderstehen und sich gegenseitig helfen und schützen. Diese Hoffnung habe ich. Wir sind schon öfter unter Druck geraten und haben es dennoch immer wieder geschafft, durch TIMALUTALs Hilfe unsere Gemeinschaft und Brüderlichkeit zu stärken. Die Rettung im Glauben, die mir stets die nötige Kraft gab. Es ist ein Generationenprojekt, das ich vor mir habe, seit der Zeit als ich noch ein Kind war. Jetzt versuche ich, mich gegen den Herrscher zu stellen. Ich fordere den Umbruch in seinem Leben, seinen Gedanken und seinen Plänen. Ich sprach ihn direkt an und er wurde zu meinem wütenden Gegner. Er dachte immer, er könne alles lösen, allein durch die Macht, die er durch sein Geburtsrecht und die höchste Blutlinie innehat. Schon als Kind konnte ich das so nicht akzeptieren. Lange verstand ich nicht, was diese Macht, die er einfach so hatte, in mir auslöste. Eine gelebte Ungerechtigkeit sah ich jedoch bereits früh darin. Mein Vater verbot mir dieses Denken, wollte mich auf Linie bringen, wie es meiner Pflicht entsprach. Nur konnte ich es nicht abstellen oder mir das Zweifeln verbieten. Ich möchte alles hinterfragen, um es unter den verschiedensten Gesichtspunkten zu betrachten.
Kaum schaffe ich es, das geronnene Blut in meinem Mund auszuspucken, werde ich von den beiden Wachen ohne Vorwarnung an den Armen gepackt. Sie ziehen mich mehrere Meter über den Boden und richten mich auf, sodass ich nun direkt vor LEXUTEM-RAXHUNs Thron stehe, dem den Göttern gleichgestellten Gottkönig von ganz TARINUGTLU, der Hauptstadt des Reiches MARINUNG. Der Thron alleine spiegelt schon die Würde, Macht und Größe des Herrschers wider, kostbar geschmückt mit Stoffen und Edelsteinen. Gebaut aus wuchtigen Baumstämmen, die kunstvoll geschnitzt und verziert sind und so hoch aufgestapelt wurden, dass sein Kopf noch alle überragt, selbst wenn er sitzt und alle zu ihm aufschauen müssen. Vier Diener können den Sitz wie eine Sänfte bewegen und drehen, damit der Herrscher einen jeden sehen und sein Wohlgefallen zeigen kann, indem er den Sprechenden ansieht, sich ihm zuwendet, oder sich abwendet und ihm den Rücken zukehrt. In diesem Falle hat der Redner sofort zu verstummen, wenn er nicht Gefahr laufen will, seine Zunge zu verlieren. Die Sänftenträger reagieren auf kleinste Zeichen der Augen des Herrschers und sind die einzigen Diener hier im Saal. Die Plätze im Raum sind genau aufgeteilt: Die hohen Priester in der einen Ecke und die Adeligen in der anderen, in einer weiteren befinde ich mich. Zentral vor der Letzten, thront der Gottkönig auf seinem Sitz, überschaut alle und hat alles vollständig im Blick. Eingespielte Rituale führt er nur zu gerne auf, um nicht nur die Macht, die er hat zu demonstrieren, nein auch weil er es genießt, dies immer wieder für sich selbst zu gestalten. Er ist der Herrscher und nur mit und durch ihn ist Leben überhaupt möglich. Furchteinflößend will er wirken. Geschminkt ist sein Gesicht wie das eines Jaguars. Der XUTWUTKUX ist fest in seiner Nase verankert und hat sie bereits so verformt, dass sie der seines Krafttieres ähnelt. In ihr hängt seine goldene Nasensichel, wie auch sein ganzer Körper nur so vor Gold glänzt. Sein Würdemantel, den er weit aufgerissen und nach hinten geworfen hat, damit auch sein aus purem Gold gefertigter Brustharnisch gut sichtbar ist, hängt etwas schief über seiner Schulter und droht herunterzurutschen. Jede Geste wirkt gekonnt eingesetzt, auch wenn ich kaum etwas erkennen kann. Meine Augen haben sich noch nicht an das Licht dieser Umgebung gewöhnt. Der lange fünfstufige Lendenschurz reicht fast bis zu seinen Knien, bedeckt eines davon, während das andere frei sichtbar ist. Hohe Sitzschuhe verstecken seine Zehen und nur die Schnürung, die sie mit den Füßen verbindet, ist erkennbar. Feine mit Goldfäden gesponnene Schnüre passen sich in voller Harmonie seinen Beinen an. Stützen würden sie ihn wohl kaum, wenn er sich erheben wollte. Sein Prachtstück ist die aus purem Gold gefertigte Jaguarmaske in seiner linken Hand. Immer wenn er nichts sagt, hält er sich diese vor sein mit Erdfarben geschminktes Gesicht, das dem eines Jaguars perfekt gleicht. Krallen und Zähne hängen an schweren Ketten um seinen Hals. Ich kann seinem überheblichen Blick nicht ausweichen, will ihn mit derselben Waffe schlagen, die er versucht, bei mir einzusetzen, seinem Blick standhalten und meine Augen nicht abwenden. Voller Konzentration fokussiere ich einen kaum sichtbaren Punkt im rechten Auge des Herrschers. Wie ein kleiner, grünlicher, dreieckiger Einschluss ist dieser Fleck, auf den ich mit ganzer Kraft starre und der mir die Verwundbarkeit und Vergänglichkeit des Gottkönigs zeigt. Warum mir gerade jetzt dieser Fleck auffällt, obwohl ich so weit weg von ihm stehe, kann ich nur als Zeichen deuten, dass mein Gebet erhört wurde. Nie zuvor, selbst wenn ich ihm ganz nahekam, habe ich diesen Makel gesehen. So kann ich seinen vernichtenden Blicken trotzen. Nervös spielt er mit seiner Maske in der Hand und zwingt sich, diese nicht vor sein Gesicht zu halten. Festgehalten von den Palastwachen, stehe ich noch immer starr vor dem Thron, bewegungslos bis auf den Kopf. Es ist eine angespannte Situation. Kein Geräusch ist zu hören, nicht einmal meinen eigenen Herzschlag kann ich vernehmen. Fest ist mein Blick mit dem des Gottkönigs verbunden, da macht er erneut eine Handbewegung und ein neuer Redeschwall mit Beleidigungen und Demütigungen ergießt sich über mich. Laute Rufe, die mich ängstlich erschaudern lassen sollen, doch all dies macht mir nichts aus. Meine seherische Gabe ist wie eine Schutzwand, die mich umgibt. Alles prallt daran ab. Tief schaue ich in seine Seele. Meine Augen geben mir die nötige Sicherheit, die ich nun auch ausstrahle. Mehr als das Sichtbare sehe ich jetzt.
Bespuckt werde ich von den Menschen um mich herum, die wild gestikulieren, um mich anzuklagen. Der Sohn der Götter selbst ist hier der Richter. An mir muss er seine Macht demonstrieren, meine Ideologie vernichten, sie ausmerzen und mich vollkommen zerschlagen. Regungslos sind seine Soldaten und stehen pflichtbewusst an ihren Plätzen. Sie sind nur das Beiwerk und warten auf seine weiteren Befehle. Er bereut sichtlich, mich noch am Leben zu wissen.
Dieser wuchtige Raum vermag es nicht, mich zu erschrecken, denn der Helfer an meiner Seite steht weit über dir, König. Hinter deinem Rücken entsteht etwas, das du nicht mehr aufhalten kannst und alles Falsche, was in dir ist, wird sich zeigen, offensichtlich werden für alle. Mit diesen Gedanken kann ich mich beruhigen, zuversichtlich werden, denn, ob ich am Leben bleibe oder nicht, ist längst nicht mehr wichtig. Meine Botschaft wurde bereits geteilt, so wie ich sie von PTALANAUS weitergegeben habe. Unersättlicher Optimismus, der mir gerade Kraft gibt und die Schmerzen in mir unwichtig und fast bedeutungslos macht. Prophezeiungen, die ich schon vergessen glaubte, fallen mir nun ein. Ermöglichen mir, meine mentale Stärke zu lenken. Geschichten, welche ich aus meinen Träumen kenne, scheinen sich nun zu erfüllen. Die Zeit ist gekommen, um neue Wege zu gehen und zu zeigen, was der Wille des höchsten Gottes ist. Der Weg ist vor mir, ich werde ihn betreten, um den Sinn meines Lebens zu vollenden. Allein die Gedanken daran geben mir die Kraft und Zuversicht, um stark zu sein, für die Menschen, die mir vertrauen. Dieser Herausforderung muss ich mich stellen. Mein ganzes Leben lang bin ich schon dafür gerüstet worden, den Willen des höchsten Gottes zu erfüllen und meine Ängste zu bezwingen. TIMALUTAL ist mit mir, denn ich bin sein Werkzeug. In mir ist keine Leere, sondern volles Leben und meine Gedanken kreisen um das Wissen des göttlichen Zeitalters. Niemand kann mir etwas anhaben, was nicht geplant wäre.
Ohne irgendetwas stehe ich vor dem Thron des Herrschers mit meinem geschundenen Körper, blutverschmiert und dreckig, wirke nach außen schutzlos und zerbrechlich. Eigentlich sollte ich vor Angst zittern und um Gnade flehen, doch eine weitaus größere Macht umgibt mich. Meinen Kopf senke ich nicht, falle nicht auf meine Knie, um den Mann, der meine Zukunft entscheiden kann, anzuflehen. Wende meine Blicke nicht ab von ihm. Im Gegenteil! Starr und voll auf den König fokussiert schaue ich ihn immer weiter an. Ich erkenne alles, was er ist oder vorgibt zu sein. Unser stummer Kampf ist von kurzer Dauer, bis ich ihn geschlagen habe, besiegt mit seiner eigenen Waffe. Seine Augen möchten den Meinen ausweichen, doch muss er seine Stärke demonstrieren. Seine Wimpern schlagen auffällig oft zusammen. Das rechte Auge zuckt nervös und unkontrolliert. Er wird verlieren, das weiß ich in diesem Moment. Ich bin nicht allein, sondern bewaffnet mit einer höheren Macht. Allen zeige ich, wer ich bin und für was ich einstehe. LEXUTEM-RAXHUNs Jaguar Nase bebt nervös durch die breiten Nasenlöcher, bläht sich auf. Die zarten Goldfiguren, die kunstvoll an den kleinen Anhängern befestigt sind, spiegeln seine Würde in jedem Detail wider. Die Nasenmaske flirrt, jede Regung kann ich wahrnehmen. Ich habe seine Schutzmauer durchbrochen, bekomme die Oberhand. Er ist bemüht, sich diese Niederlage nicht anmerken zu lassen. Überspielt dies durch ein weiteres zur Schau stellen seiner Jaguarkraft, seiner göttlichen Macht. Ich habe diesen kleinen Kampf zwischen uns gewonnen, bin ihm nicht ausgewichen und trotze ihm.
All dies muss sich im Palast des Herrschers abspielen, denn nirgendwo anders wäre solch ein Prozess möglich, kommt es mir weiter in den Sinn. Ein verborgener Raum, ein Gerichtssaal, doch wo? Was war hier schon alles geschehen? Von einem versteckten Saal für Verhöre habe ich weder etwas gehört noch gesehen.Außer den Sänftenträgern des Königs sind keine weiteren Bediensteten für mich sichtbar anwesend oder tätig. Nur er mit seiner Leibgarde und eine geballte Zuhörerschaft, die sich gegen mich verbündet hat. Wie kamen sie alle hierher und wie kommen sie danach wieder hinaus? In welchen Teil des Palastes können wir nur sein?
Fragen über Fragen, die mir in den Kopf schießen.
Ohne ein Wort der Warnung packen mich zwei Wachen, zwingen mich durch Stockhiebe auf meine Kniekehlen auf den aus großen Quadern bestehenden Untergrund, um mich dann kopfüber vollständig auf ihn zu pressen. Unsanft drückten sie mir den Kopf ganz flach darauf, bis meine Nase knirscht, ein Blutschwall aus ihr hervorquillt und sie wohl dabei bricht. Der Boden des geheimen Gerichtssaals von TARINUGTLU hatte einmal mehr Blut abbekommen und Beschuldigungen gehört, die nur aus Lügen bestanden, das erkenne ich in diesem Augenblick. Fühle das Leid, das sich hier bereits abgespielt hat, obwohl ich zuvor nichts von dessen Existenz wusste. Die Willkür der Herrscherschicht in diesem Land ist unbeschreiblich und sie haben die Macht ein jedes Leben auszulöschen. Oft wünscht ein Angeklagter sich einen schnellen Tod, doch die Abartigkeiten der Menschen hier kennt keine Grenze. Sie haben Spaß daran zu quälen und zu foltern. Keiner der Anwesenden hier im Gerichtssaal im großen Tempelpalast hat Mitleid mit mir, meine Anklage wird gesprochen, ohne dass ich sie höre, mich verteidigen kann oder überhaupt zu Wort komme. Längst war dies alles abgesprochen und nun ist es nur noch ein Schauspiel, damit sich alle anderen amüsieren können und auf meine Kosten ein neues Opfer zu erhalten. Ein undurchsichtiges Spiel wird mit mir gespielt. Der König lässt mich durch einen Fingerwink wieder in meine Ecke schleifen. Welches Ergebnis soll dieses offene Experiment bringen?
Die Stunden der Anklage vergehen. Unbeschreibliche Demütigungen werden mir angetan, von denen die lauten Beschimpfungen an mir abprallen, ohne dass ich zucke. Angespuckt zu werden und als weit weniger als Dreck zu gelten, zeigt auch keinerlei Wirkung auf mich. Lediglich als Urinal missbraucht zu werden, ist grausam. Es gelingt mir dabei nicht, mein Schaudern zu unterdrücken. Trotzdem kann ich es ertragen, weil ich es muss. Mit Urin besudelt zu werden, ist das Zeichen der Unwürdigkeit einer Person. Die unterste Stufe der Sklaven und Verurteilten, zu der ich gerade gehöre. Jedermann kann seine Notdurft auf mir verrichten. Es gibt immer jemanden für die Drecksarbeit, der auf einen tritt, wenn man schon am Boden liegt. Keinerlei Rechte werden mir zugestanden, denn ich soll gebrochen werden. Die Wachen stehen neben mir und versuchen, selbst nicht angespritzt zu werden und sich zu schützen, indem sie sich so weit wie möglich zur Seite wegdrehen. Angeekelt vor dieser Erniedrigung, zu der sie nicht gehören wollen. Immer noch keine Fürsprache für mich. Im Wechselspiel meiner Gedanken und Empfindungen versuche ich, so wachsam wie möglich zu bleiben. Ich kann kaum tiefer sinken, egal was mir noch widerfährt. Alle sind Augenzeugen davon, was mit mir geschieht, wie ich gerichtet werde, von ihm, dem König. Er hat die Gewalt über mich und alle anderen hier und seine Pläne sind längst geschmiedet.
Erneut werde ich geholt und hochgezogen, um vor dem Herrscher zu knien. Ich muss mir den Raum hier ganz genau einprägen, die Entfernung einschätzen, die Himmelsrichtung, um nicht orientierungslos zu werden. Fensterlos und stickig ist der Gerichtssaal. Das Licht der Kerzen und Öllampen erhellt ihn fast wie Tageslicht. Die goldglänzenden Verzierungen an den Wänden schimmern durch das Kerzenlicht noch ehrfurchteinflößender, als die Größe des Raumes es ohnehin schon macht. Ich erkenne Ornamente und Fabelwesen darin. Malereien die von der Macht und Großzügigkeit unserer Herrscherdynastie erzählt, für alle sichtbar an den Mauern, unsere Abhängigkeit vom Gottkönig als zentrales Thema. Ich möchte nicht hinsehen, doch versuchen meine Augen, etwas darin zu erkennen. Noch mehr als an die Botschaft der Bildnisse, denke ich an die herstellungsweise und die Kunst, die sich dort verbirgt.
Eine alte überlieferte Relieftechnik, »SCHIKUKAVU«, deren Basis Lehm und Stroh war, doch im großen Palast wurde auch Blut von Tieren und noch bevorzugter von menschlichen Opfern beigemischt. Ein wenig Wasser unseres heiligen Flusses MARINUMANUNG wurde zum Schluss dazugegeben, bis die Masse, zu langen Bahnen gerollt, in die Sonne zum Antrocknen gelegt wurde. Sobald sie schnittfest war, wurden kunstvolle Schnitt- und Schnitzbereiche herausgearbeitet und mit einem aus Eiern und Maismehl gefertigten Klebstoff an die Mauern und Decken befestigt, um dort das endgültige Aussehen zu bekommen. Es war eine große Ehre, für Künstler und Baumeister an den Königshof gerufen zu werden, nicht zuletzt da er jeden der ihn zufriedenstellte, reich belohnte. Doch wenn er unzufrieden war, konnte er in seinem Zorn auch das Leben des jeweiligen Schuldigen einfach auslöschen.
Ich entdecke an den Wänden große aus diesem Material gearbeitete Bilder-Erzählungen, die die Vormachtstellung unseres Gottkönigs bekräftigen und seine Macht als Sohn TIMALUTALs mit der Kraft der Sonne und des Mondes zeigen. Das Volk wäre dem Untergang geweiht, wenn es ihm nicht Dienen würde, so wie es seit jeher überliefert wird. Ein jeder Herrscher baute darauf seine Herrschaft und Regierung auf. Doch keiner bisher auf so gnadenlose Weise wie LEXUTEM-RAXHUN. Die Bilderzyklen sind reich verziert, prunkvoll und kostbar mit Gold veredelt. Selbst hier im Gerichtssaal wird seine Herrlichkeit dargestellt. Er thront über allem und hebt sich durch diese Künste noch eindrucksvoller empor. Der König als zentrales Thema dieser Werke, der Sohn der Götter, abstammend von der reinsten Blutlinie, zum Segen aller.
Eine kleine Bewegung seines Fingers genügt und meine Wachen ziehen mich vom König weg, zurück in die besudelte Ecke. Gezielt holt sich mein Unterbewusstsein alle zur Verfügung stehende Information aus dem, was sich mir bietet. Von der königlichen Familie bis zu den unterschiedlichen Tempelbauweisen. Die Arbeit meines Gehirns ermöglicht es mir, eine Schutzbarriere aufzubauen, damit mein Innerstes keinen Schaden nimmt.
Kämpferische Szenen sind an den Wänden dargestellt, Kriege und Wohlstand, für die man dem Herrscher danken muss. Überall sehe ich Gold verzierten Mahnungen, Bilder der Herrschaft des Königs und seiner Vorfahren. Einunddreißig Generationen und genau so viele Gottkönige die das Geschlecht der RIMANUNCHAN seit der dritten Dimension führen und ernähren. Einer war brutaler als der andere. Das war es, was sie gleich machte. Mittler waren sie zwischen der göttlichen und irdischen Welt und forderten dafür neben dem Gehorsam die Opferbereitschaft eines jeden. LEXUTEM-RAXHUN ist nun der einunddreißigste Gottkönig. Er ist die einunddreißigste Sonne, die dem Volk Wohlstand beschert. Sein Nachfolger ist sein erstgeborener Sohn, LEMUT-RAMUXATL, der zweiunddreißigste in dieser Reihe. In dieser Dimension wohl auch der Letzte bevor der Sprung in die vierte Dimension kommt und mit ihr ein neues Geschlecht, ein neues Reich und eine neue Blutlinie emporsteigt. Er wollte seinen Sohn immer schon davor schützen und sich selbst natürlich auch. Die Relevanz ihres Machterhalts nimmt sie gefangen, trübt ihre Sinne und das alarmgesteuerte Vorgehen gegen mich soll das, was sich bereits im Volk regt, beenden. Alles ausmerzen, was ihnen schaden könnte. Furchtlos gehe ich meinen Weg, in dem Wissen, nicht in Vergessenheit zu geraten, denn Kenntnis ist in mir.
Viele Aufzeichnungen der vorangegangenen Dimensionen wurden beim großen Sprung in die neue Zeitrechnung vernichtet und ausgelöscht. Nur wenig wurde in Geschichten verpackt und so am Leben gehalten. Eine erklärliche Angst vor der Zukunft, die ihm innewohnt, denn das wird auch das Schicksal seiner Blutlinie. LEXUTEM-RAXHUN weiß dies und tut alles, um das bevorstehende Ende abzuwenden. Sein ganzes Bestreben ist darauf ausgerichtet und lenkt seine Taten wie die seiner Ahnen zuvor. Diese Zeitrechnung muss einen Anfang mit dem Namen RIMANUNCHAN haben. Das ist das Wichtigste für ihn. Um jeden Preis triebt er es voran, auch wenn es nicht den Befehlen und Gesetzen entspricht, doch das ist ihm egal. Sein Wille ist der alles Entscheidende, so wurde er erzogen, denn sein Vater ebnete bereits seinen Weg dorthin, traf Vorbereitungen, die sich nun als nützlich erweisen. Er hat längst die Pläne in die Tat umgesetzt und sich über den göttlichen Willen gestellt. Das, was ich ihm vorwerfe, entspricht der Tatsache. Das weiß ich, doch die anderen hier haben keine Ahnung und verstehen nichts von dem, was ich zu sagen habe. So ist es besser zu schweigen und alles zu ertragen, was mich hier erwartet. Der König hat seinen eigenen Plan, den er verwirklicht. Bereit für den Sprung in die neue Dimension, muss sein Vorhaben, der kompletten Neuausrichtung, rechtzeitig vollendet sein. Nichts und niemand, darf sich ihm in den Weg stellen. Seine Pläne ziehen große Kreise. Dort, wo es für ihn dienlich ist, hält er sich an die überlieferten Gesetze, andernfalls ist er bereit viele Leichen in Kauf zu nehmen. Ich kenne einige seiner Vorhaben.
Das Land muss vor dem Dimensionenwechsel an WUTUSAL-UTL, den Gott der irdischen Natur, zurückgegeben werden. TEZKATIN-UTL wird anschließend, alles von Menschen Erschaffene auslöschen, um eine Dimension zu Ende zu bringen. Nur so ist ein Neuanfang im Gleichgewicht der Energie, möglich. Fest geregelt ist dieser Ablauf, denn alles ist nur für eine gewisse Zeit von den Göttern gegeben. Das neue Reich und das neue Zeitalter sind dann frei von Altlasten, da die nächsten Generationen gereinigt sein müssen von dem, was ihre Vorfahren mit sich trugen, damit die Zeitrechnung und die Geschichte der MICHUTANG einen regelrechten Neustart machen können. Eine Dynastie dankt ab, um für ein neues, von TIMALUTAL für würdig befundenes Herrscherhaus, den Weg zu ebnen. Es wird für die folgende Dimension die Herrschaft übernehmen und somit vom höchsten Gott selbst unter den Adligen durch seinen ersten Priester erwählt werden, um von nun an das Herrschergeschlecht zu stellen. Dieser Priester wird dann als Einziger den göttlichen Willen in Bezug auf den neuen Herrscher deuten können und diesen aus den ersten Blutlinien, benennen. Aus dem Tod entsteht Leben und ein König macht seinen Platz für den nächsten frei.
Hier will LEXUTEM-RAXHUN seine Macht einsetzen, um für seine geplanten Änderungen ein vorbereitetes Schlachtfeld vorzufinden, den Lauf der Zeit zu seinen Gunsten zu verändern und alle Fäden in seiner Hand zu halten. Seine Vision treibt ihn an. Nur die letzte Aufzeichnung der TUTNATA werden als Anhaltspunkt der wichtigsten Zahlen in die neue Dimension mitgenommen. Die alten Riten werden verändert und neue Formen des Lebens und Glaubens halten während der großen Umsiedlungszeiten Einzug. Darauf baut das neue Wissen für das Volk auf. So behält er die Kontrolle. Die Bauern wiederum bleiben zeitweise länger auf ihren Höfen, um die Versorgung des Reiches auch während des Umzugs zu garantieren. Für einen gewissen Zeitraum hängt das Überleben der neuen Gesellschaftsstruktur von dem, was die Alte erwirtschaftet hat, ab. Die Bauern sind kein Teil des städtischen Lebens und dessen Gepflogenheiten. Sie sind dem Gesetz der Nachhaltigkeit der »Sieben« unterstellt, in dem ihr Leben geordnet ist. Es sind andere Regeln als die der Armeen und doch genauso strikt in ihrer Einhaltung.
XATSCHEBLOX, das Heer der Läufer des Herrschers ist ausgenommen von den Veränderungen. Sie sind längst schon in die Geschichte der Wandlung eingebaut und ein wichtiger Teil davon geworden. Eine Basis, auf der viele Berechnungen beruhten. Die Versorgung und Überwachung müssen uneingeschränkt weiterlaufen. Ihr Netzwerk darf auf keinen Fall gestört werden. Die Kontrolle über das alte und neue Reich mit einem ausgeklügelten spinnennetzförmigen Straßensystem priorisiert werden. Ihr Können ist eine der wichtigsten Säulen in der Zeit der Erneuerung und sie sind zugleich die Wegweiser für das entfernte Reich, die neue Heimat der MICHUTANG. Die ersten Bauern werden dann bereits in dieser Richtung angesiedelt sein und für die Versorgung alles vorbereiten. Immer wieder gibt es Neue, die aus der siebten Generation sind. Sie sind auf eine Art unabhängig und auf andere ihrem König verpflichtet, um für das Reich zu sorgen, indem sie Vorräte in ausreichender Menge erzeugen. Viele begeben sich schon auf die lange Reise und gehen einer neuen Verpflichtung nach, um die Böden fruchtbar zu machen und den Ackerbau mit den über hundert verschiedenen Kartoffel- und Getreidearten voranzutreiben. Den Willen des Königs zu erfüllen, den sie selbst erst nach ihrer Ankunft verstehen werden.
Erzählungen darüber kenne ich und manches habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Die militärische Macht, die er erweitert hat. Vieles ist anders als es in den Geschichten von den vergangenen Zeiten, erzählt wird. Wenige Überlieferungen gibt es und das Wichtigste davon ist in dem PTALULUXATU, dem Heiligen Kalender der Zeitrechnung und der Könige beschrieben. Ihnen wird die außergewöhnliche Fähigkeit angedichtet und die Kraft, die sich in ihrem Blut befindet. Es bleiben dennoch immer einige Geheimnisse und Hinweise auf die alte Dimension in den Köpfen einzelner zurück. Dies will LEXUTEM-RAXHUN auf alle Fälle, so gut wie nur irgendwie möglich, vermeiden. Er braucht eine Veränderung in der Berufung der Blutlinie. Diese Bestimmung muss er außer Kraft setzen und einen veränderten göttlichen Willen darüber anzeigen. Sobald der neue Herrscher gewählt ist, wird er von allen anderen in Trance gesungen, um seine Anweisungen von TIMALUTAL zu bekommen, wie und wo er regieren soll. Ganze Städte wurden deshalb umgesiedelt, mussten sich neu finden. Eine neue Form des Zusammenlebens in einem neu zu gründenden Reich, an einem Ort, der für die MICHUTANG vorherbestimmt war. In den alten mündlichen Überlieferungen wird auch erwähnt, auf welche zum Teil brutale Art dies vonstattenging.
LEXUTEM-RAXHUN hat viel weitreichendere Pläne, von denen ich weiß und meine Mission ist es, dies zu verhindern. Alles bekannt zumachen, damit dieser Irrweg allen klar wird und somit der Verrat am höchsten Gott. Ich kann in die Zukunft blicken und seine Pläne deutlich vor mir sehen. Seine Beweggründe und was sich daraus schon längst ergibt. Mein Wissen aus der Vergangenheit gibt mir weitere Aufschlüsse vor dem, was uns bevorsteht. Die Zeit der Besinnung und des Umkehrens ist gekommen, wie es schon in den Zeitaltern zuvor der Fall war. Zurückzublicken und das Gute zu sehen. Die Großzügigkeit unseres Schöpfers zu erkennen, aus den hunderten verschiedenen Maissorten, die er uns zum Überleben geschenkt hat, als wichtigstes Grundnahrungsmittel zusammen mit den Bohnen- und Kartoffelsorten. Eine Artenvielfalt und ein Reichtum an Geschmacksrichtungen, in einem Land, das so fruchtbar ist. Immer noch arbeiten die Bauern und bestellen die Felder, wie sie es seit Generationen machen. Wenig Neues hat sich hier eingefunden, anders in den stetigen Erneuerungen der Baukunst mit den mathematischen Formeln und Berechnungen. Auch die zunehmende Verarbeitung der unterschiedlichsten Materialien.
Obsidianwerkzeuge, glänzend schwarz und scharf geschliffen finden sich nicht nur als Hilfsmittel in den Küchen wieder, sondern verändern die Jagd und Beute. Zudem können sie als Waffen für das Militär genutzt werden. Die Kristallstrukturen sind deutlich zu sehen und dieser magische Glanz gibt das vulkanische Feuer wieder, aus dem es entstanden ist. Dies ermöglicht eine brutalere Art der Kriegskunst. Von den einfachen Tempelbauweisen gelang den Baumeistern und Architekten der Sprung zu hohen Pyramidenbauten. Neue Techniken, die durch die höhere Entwicklung unserer Zivilisation deutlich sichtbar sind, eine Weiterentwicklung in allen Bereichen. Die Webkunst nahm zu und das Farb- und Musterspektrum. Damit stieg auch die Sucht nach Reichtum und als Mensch, einer höheren Schicht anzugehören. Großskulpturen und wuchtige Kolossalköpfe wurden durch Stelen mit feinsten Inschriften und Zeichen abgelöst, um die Grenzen des Reiches zu kennzeichnen. Reliefartige Skulpturen und Bildnisse, die immer exakter erkennbare Menschen und Geschichten darstellten und erzählten, Botschaften übermittelten. Von der Feuer- und Erdmutter kam es zur Anbetung der vier Herzen und TISCHIMANAKUMs selbst.
Am Anfang waren es einfache Hütten mit einer kreisrunden Feuerstelle in der Mitte und einem als Kamin fungierenden Dacheinschnitt. Nun bauen wir feste Häuser und Paläste aus Ziegelsteinen, Tempel und Pyramiden. Auch unsere bescheidenen Knotenfrisuren veränderten sich zu aufwendigen Zöpfen und hochgebunden Frisuren, veredelt durch kostbare Goldnadeln. Offene große Ohrlöcher werden mit Pflöcken aus Ton geschmückt. Weitere Errungenschaften unserer Juweliere aus Gold und Edelsteinen sind nur den privilegiertesten Schichten vorbehalten und zeigten so noch deutlicher den Reichtum des Einzelnen. Herausgeputzt wie die schillerndsten Tiere sind sie, nutzten die Schönheiten, um alle zu beeindrucken. Früher dienten einfache Erdfarben aus Lehm und Pflanzenteilen dazu, gestalterisch wirken zu können. Heute ziert uns alle das Zeichen der Jaguarmenschen, denn unser Herrscher ist der große Jaguar. Er ist nun nicht mehr nur ein gottgleicher König. Er ist ein Gott. Kaum noch etwas erinnert an die alten Formen. Dieses Wissen sollte ausgelöscht werden durch eine neue Zeitrechnung. Auf den Stelen an den Grenzen ist das Reich des Jaguars deutlich zu sehen, wie Tatzen sind die Hände und Beine dargestellt. Weit aufgerissen als Warnung für alle Eindringlinge sein Maul, mit nach unten gezogenen Mundwinkeln, die seine Gefräßigkeit noch mehr andeuten. Der König mit seinen übernatürlichen Kräften schützt sein Königreich und warnt alle Fremden davor, es zu betreten.
Mein König hat sich entfernt von diesem Weg und sich über alles gestellt. In uns wenigen, die dem ersten Glauben folgen, sah er lange keine Gefahr. Über Generationen wurde das neue Reich gegründet und aufgebaut. Tote säumten den Weg. Alle mussten den Frondienst für die Götter erfüllen. Sklaven und einfache Menschen starben zu Tausenden. Die neue Dynastie musste ihren Weg und die damit verbundenen Aufgaben erst erlernen. Von jetzt auf gleich waren sie die Herrscher. Geboren aus dem Tod eines untergegangenen Reiches und der Geburt des Neuen. Die Wahl durch den alten König war dessen Abdankung und ab diesem Zeitpunkt war er nur noch der erste Berater des neuen obersten Herrschers bis zu seinem Tod.
LEXUTEM-RAXHUN wollte früh diese Geschichte ändern. Er war nicht bereit, diese Pflicht auf sich zu nehmen und sich selbst hinten anzustellen. Seine Blutlinie war die stärkste der zwölf großen Linien der Schöpfung und die Einzige, die das Recht hatte, weiter zu regieren. Das war TIMALUTALs Wille. Die Anwärter auf die neue Dimension musste er dennoch, wie es überliefert war, ausbilden und in seine Geheimnisse einweihen. Er konnte allerdings entscheiden, was er ihnen beibrachte. Sein Plan war voller Gefahr und musste um jeden Preis durchgesetzt werden. Aus diesem Kreis der Anwärter suchte er sich immer wieder einige aus, um sie zu gefährlichen Manövern zu treiben und sich ihrer zu entledigen, auf die eine oder andere Weise. Nur die Stärksten konnten überleben, das war allen bewusst und keiner nahm Anstoß an dieser Praktik, wollten den Vertrauensverlust nicht riskieren. Sie waren unfähig darin seine Absichten zu deuten, da jeder der Auserwählten auch eigene Ziele hatte, die er vorantreiben wollte, um seinen Ausgangspunkt zu festigen. Alles hat der König längst durch seine verschiedensten Machenschaften infiltriert. Er hat sich viele Geheimnisse zu eigen gemacht, um alle leiten zu können, ohne dass diese auch nur den geringsten Gedanken daran verschwendeten, nur für die Ziele des Herrschers missbraucht zu werden. Größtenteils müssten demnach die Vorbereitungen für die neue Dimension schon gemacht worden sein. Nicht nur die Planungen dafür, die bereits FEXU-RACHUNAG anfertigen ließ.
