Der fremde Punkt - Mario A. Lorenz - E-Book

Der fremde Punkt E-Book

Mario A. Lorenz

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Beschreibung

Der fremde Punkt ist ein Lese- und Schaubuch mit über hundert Illustrationen des Autors. Die sieben Erzählungen schildern jeweils einen realen Sachverhalt, der allerdings zwangsläufig zu absurden Folgerungen führt. Die zahlreichen Kurzgeschichten verbringen den Leser in völlig unterschiedliche Bereiche des Lebens. Meist sind es dort äußerst präzise Formulierungen, die einem Text erst sein eigentliches Dasein ermöglichen.

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2026

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INHALT

ERZÄHLUNGEN

Der fremde Punkt

Der Wahrsager

Der Spender

Der Arzt

Der Nasenbohrer

Der Banause

Das Gespenst

KURZGESCHICHTEN

Die Kiste

Eine kurze Fahrt durch die Zeit

Das verschwundene Rätsel

Toms Geschichte

Eine Verbesserung

Der echte Insulaner

Das Treffen

Die Kartenlegerin

Ludwig Meisters Tod

Das Bergeversetzen

Das Gesetz

Der Abschied

Der Glaube

Der Mut

Das Kleid

Das Denkmal

Die Jutetasche

Der Nachbar

Eine Geschichte

Die Parallele

Das Erkennen

Geschichten

Der Schnörkel

Das Buch

Der Unmensch

Der Bauchladen

Die Geschichte

Der Schreiber

Die Suche

Vor dem Gesetz

Der Fluch

Der Satz

Der Mensch

Im Laden

Der Hunger

Der Ast

Die Heimat

Das Opfer

Geschichte vom Popler

Das Rüschlikon

Das Ergebnis

Das Lied

Die Bühne

NACHWORT

ABBILDUNGEN

ERZÄHLUNGEN

Der fremde Punkt

Das Weltall war vollkommen in sich geschlossen. Aber da war noch ein Punkt.

Diese Geschichte erzählt die Zeit im Sommer, als die Zeitungen nicht wußten was zu berichten und während der jemand etwas Unglaubliches gefunden haben wollte. Alle Daheimgebliebenen waren damals furchtbar aufgeregt, wie man nur aufgeregt sein kann, um danach wieder ganz ruhig weiterzumachen wie zuvor. Da nichts geschehen war, hatten sich die Köpfe der Journalisten nur zu schnell an dieses Nichts angepaßt, und es fiel ihnen nichts mehr ein, worüber sie denn schreiben hätten können. Wenn man nur einen Anhaltspunkt hätte. Irgend einen Punkt eben, es hätte gar nicht so viel sein müssen. Als dann jemand gerade diesen Punkt fand, waren sie dann alle um so mehr erstaunt. Es soll im Universum ein Punkt aufgetaucht sein, der dort eigentlich gar nicht hingehörte. Ein fremdartiger aber unendlich kleiner Körper. Einige Messungen hatten nicht gestimmt, und so kam man auf diesen Verdacht. Gab es im Universum nur einen Punkt zu viel oder zu wenig, dann war es nicht mehr das Universum. Und kam auch nur ein Punkt zu viel in das Universum, um sogleich wieder zu verschwinden, wie um seine Existenz noch einmal zu korrigieren, dann war es auch nicht mehr das Universum. Und verschwand ein Punkt genau zu der Zeit, in der er gekommen war, dann war er nicht der Punkt. Recht schnell wurde Entwarnung gegeben, es gab diesen Punkt gar nicht. Aber als die Diskussion über diesen Punkt erst entfacht war, gab es so schnell kein Zurück mehr.

Ja, ein solcher Punkt kann wohl nur durch Worte isoliert werden. Wenn er nicht an sich schon ein Wort sein will. Der Punkt war so glaubhaft, immer so sehr derselbe, daß er sich nur über die Zeit retten konnte, indem er ständig anders aussah. Ansonsten hätte er die ganzen Moden nicht überlebt. Caspar Schulte aus der Nummer drei war es ähnlich ergangen, als er ständig seine Frauen wechselte, damit sie auch nach sechzig Jahren noch immer gleich aussahen. Sozusagen die selben waren. Der Punkt konnte noch nicht einmal so etwas wie existieren, da er doch unendlich klein war. Da konnte man mit ihm machen was man wollte. Weil er unendlich klein war, existierte er wohl gleich hundertmal nicht oder eben so oft nicht, wie man das wollte. Man konnte sich also jederzeit herausreden, ganz gleich, was man über den Punkt sagte oder vor einem Tag gesagt hatte. Wenn es ihn gäbe, dann hätte er sich praktisch längst in sich auflösen müssen, so furchtbar klein wie er war. Aber es gab ihn nun einmal nicht. Man hatte doch Entwarnung gegeben. Gott sei Dank. Denn wenn man sich den Punkt auch nur als einen Menschen hätte vorstellen können, er wäre grauenhaft ausgedorrt gewesen. Aber so war er eben ein Punkt, und ein solcher konnte vieles vertragen. Was war überhaupt ein Punkt? Das Wort Punkt und somit vielleicht auch schon der Begriff steht doch bereits vollständig in der Frage. Vielleicht sollte man zuerst diese Frage befragen. Und anschließend die Antwort, die sich aus dieser Befragung ergab. Der Punkt selbst, wenn er denn sprechen könnte, würde bestimmt ebenfalls nichts Klügeres empfehlen können.

Nach der Entwarnung wäre man das kleine unsinnige Pünktlein gerne losgeworden, das mußte jeder verstehen. Doch man selbst war bereits zu sehr in diesem Punkt wohnhaft geworden. In diesem Punkt hatte man recht und in allen anderen möglicherweise auch, aber was hatte man denn davon.

Fräulein Liese öffnete die Tür, und da stand mitten in ihr ein Mann, der diese Tür beinahe ganz ausfüllte, und sagte nur Einen schönen guten Tag, ich bin der Punkt. War der kleinste Punkt der Erde und der Welt eine Seele? Niemals, denn dann gäbe es doch so viele kleinste Punkte. Und das konnte nicht sein. Der fremde Punkt mußte etwas anderes sein. Um ihn sehen zu können, war er natürlich viel zu klein. Er benötigte einen Körper um sich herum. Einen ganz natürlichen Körper. Man mochte den Eindruck gewinnen, je kleiner der Punkt war, um so eher hatte er nötig, um sich herum einen besonders großen Körper zu besitzen. Wie beleibt er doch war. Das Fräulein näherte sich ihm, sah ihn genauer an, und bemerkte beinahe nur Fleisch an ihm. Prall gefüllt wie Würste war dieser Punkt. Liese hätte einen Nervenzusammenbruch erleiden müssen, wenn der Punkt so einfach in die Wohnung marschiert wäre, er hatte allerdings seine spezifische Vorgeschichte, und Einzelheiten dazu entnehme man der Presse. Fräulein Liese wollte sich den Punkt jetzt genau ansehen. Die ungeheure Chance wahrnehmen, die sich da nun geboten hatte. Kein normaler Mensch wäre in ihre Tür getreten, um zu behaupten, er sei ein Punkt. Sie spekulierte, wenn sie ehrlich war, auch ein wenig mit der Möglichkeit, als patente Hausfrau, dem Punkt oder was es war, seine Existenz auszureden. Ihn gewissermaßen wieder auf seine Beine zurückzustellen und ihn etwas zu beruhigen. Ihn wieder Mensch werden zu lassen. Letzten Endes ihm eine ordentliche Roulade mit Klößen vorzusetzen.

Diesem Theoretiker, diesem Hund! Aber er hatte ja schon so viel gegessen. Umso mehr geht noch hinein, dachte die Liese, und verschwand in der Küche, während der Punkt vorsichtig und langsam in die Wohnung eindrang, als hätte er eine Menge Würde zu verlieren. Doch in der Tat, es ging noch etwas in ihn herein. Die halbe Nation hatte sich um den Punkt gestritten wie um das Ungeheuer von Loch Ness, auch noch lange nach jeder Entwarnung, aber Liese packte die Sache jetzt an. Obwohl ihr in der Nachbarschaft kein Wort entging, ihr eigenes schon gar nicht, war sie nun plötzlich ganz still und stellte einen Teller nach dem anderen auf den Tisch. Als ihr die Zutaten ausgegangen waren, fragte sie den Punkt, nicht, Sie wollten nur etwas essen? Aber so leicht machte ihr der Punkt die Sache selbstverständlich nicht. Er war ja ein Hund. Einer, der offensichtlich viel mehr wollte. Nun gut, dachte sie, Leib und Seele sind denn jetzt zu Genüge beisammen gehalten, ich werde dem Kerl schon seinen Punkt austreiben. Damit dieser Spuk endlich vorübergeht. Es half alles nichts. Weder das Aufräumen der Küche, noch die Haselnußrute, selbst der Nachtisch, konnten etwas ausrichten. Nun hieß es nur noch eins. Den Punkt zu einem Psychologen bringen. Doch das wollte die Liese natürlich nicht, sie mochte ja keine Wissenschaftler, und was hätte sie persönlich davon. Genauso gut konnte sie den Hund wieder auf die Straße jagen, von der er gekommen war.

Nein. Sie hatte eine andere Idee. Hausfrauen haben immer eine Idee. Selbst wenn sie keine Idee haben, können sie genau das machen, was sie gemacht hätten, wenn sie eine Idee hätten. Wenn also das Eine nicht geht, so muß das Andere gehen, sagte sie leise zu sich selbst. Sie wollte ihn sein Fleisch herunter hungern lassen, um endlich an sein Inneres zu kommen. Nicht an seine Seele, sondern an diesen ominösen Punkt, dessen Nichtexistenz sie unbedingt beweisen wollte. Das war natürlich nicht ihr Ernst. Er selbst sollte das für sie tun. Er ganz persönlich. Sie würde nie jemanden verhungern lassen, um Gottes Willen. Nun war das inzwischen aber so, daß der gute Herr Punkt verstorben war, er hatte zu viel gegessen, zumindest behauptete er das: der Punkt in mir ist tot, wir können das Ganze beenden. Ich bin wieder ein ganz normaler Mensch. Liese fiel nicht darauf herein, weswegen sollte sie das auch: und wenn ich für Sie kochen müßte wie keine Andere, ich krieg Sie schon noch tot, Sie Angeber, Sie wissen doch gar nicht, was das ist, tot zu sein. Im Krieg gab es Tote, man war froh, wenn man verschimmeltes Brot zu essen bekam. Essen Sie nur. Bei mir hat noch keiner das Essen verweigert. Und wenn Sie sich tot gegessen haben, dann werden Sie noch lange genug schlank sein, heraus mit dem Punkt jetzt, Sie werden nicht glauben, was ich zu kochen im Stande bin, wenn ich meine Geduld verloren habe! Doch der Hunger kam beim Essen. Der Punkt verschlang alles was die Küche der armen Liese nur hergab.

Wissen Sie, mein Fräulein, ich kann Ihnen den Punkt nicht geben. Er gehört zu mir wie eine Seele oder wie so etwas ähnliches. Ich kann ihn nicht heraustrennen, weil er außerhalb des Universums ist. Auch springt er immerzu umher, einmal zum Einen und einmal zum Anderen. Bei mir ist er besonders oft, weil ich einen solchen Leib habe. Bin ich tot oder lebendig, Sie müssen mir schon glauben, sonst kommen wir nicht weiter. Sehen Sie, wie viel Gesundheit und wie viel Spannkraft er für sich hat, mein schöner Leib, obwohl ich immer nur gegessen habe? Aber ja, der Leib, das Fräulein hatte ihn die ganze Zeit über gar nicht beachtet, so sehr war sie mit diesem Punkt beschäftigt gewesen. Du hast recht, sagte sie, so kommen wir nicht weiter. Ich werde deinen Leib gestalten und formen, bis endlich dieser Punkt uns beiden innewohnt, und dann werde ich mich in dem Städtchen auf eine Apfelsinenkiste stellen und laut ausrufen, daß ich der Punkt bin und meinetwegen auch, daß du der Punkt bist. Und so werde ich dann mit meinem besten Wissen und Gewissen über das Wesen des Punktes berichten, und alle armen Geschöpfe werden dann zuhören müssen. Und nun iß zuerst einmal etwas, ich habe noch nie jemanden gesehen, der so viel essen kann wie Sie. Wir sind das beste Team. Die Rouladen wurden immer größer und länger und dicker und die Klöße dem entsprechend. Liese hätte damit eine berühmte Köchin werden können, denn ihre monströsen Gerichte wurden schließlich auch alle gegessen, noch dazu von einem einzelnen Menschen, wer konnte so kochen. Aber das Fräulein Liese hegte überhaupt kein Interesse daran, eine derartige Karriere zu machen, das war zu kurios, nichts wirklich Ordentliches, und sie wollte außerdem ja noch diesen schrecklichen Punkt besiegen, das war beileibe kurios genug.

Je weniger etwas da ist, ja je weniger allgemein etwas ist, umso mehr streiten sich die Leute darum, wie um einen seltenen Edelstein: Punkt oder nicht, rief Liese, und bot dem ominösen Punkt das Du an. Es hat doch alles keinen Sinn mehr. Iß einfach weiter. Und das ließ sich das Pünktlein nicht zweimal sagen. Je mehr Fleisch er nun um sich hatte, um so eher bestand doch die Chance, daß der Punkt ausgerechnet in ihm zu suchen sei. Wo hätte man sonst großartig suchen sollen, wenn nicht jedesmal zuallererst bei ihm. Im Städtchen traute sich ohnehin niemand mehr, dem Punkt zu widersprechen, viel zu groß und kräftig war sein Körper inzwischen geworden. Je mehr der außerkosmische Punkt in den Köpfen verblaßte, um so eher dachten die Leute nun an den großen dicken Herrn Punkt, sobald das Wort Punkt irgendwo erschien. Für einfachere Gemüter war der Herr Punkt nahezu ein Erlöser. Wer verzweifelt über das Wesen eines Punktes nachdachte, konnte, mit ein wenig Glück freilich, die schlichte Antwort erhalten, das sei der Mann von der Liese. Die beiden hatten nämlich so gut wie geheiratet, und sie waren eben das, was Gott verbunden hatte. Wenn man in oder an einem Punkt zweifelte, konnte man ihn einfach verwerfen. Doch wenn eben dieser Punkt eine Person war, was tun!

Keiner traute sich ernsthaft, noch überhaupt etwas anzuzweifeln. Nicht wegen der Größe oder wegen der Stärke des Herrn Punktes. Man war Schritt für Schritt in eine absurde Angelegenheit geraten, aus der man ohne die Zuhilfenahme weiterer Absurditäten nicht mehr herausfand. Schlimmer: sollte jemand irgend etwas daran kritisieren wollen, er kam noch nicht einmal bis zum Gartentor. Denn alles war ganz normal, irgendwann kam die gute Liese heraus und schimpfte, man solle endlich ihren Mann in Ruhe lassen, und ansonsten hole sie die Polizei. Polizei oder nicht, es lief ohnehin alles ins Leere. Nichts war derart gutbürgerlich und selbstverständlich wie das Ehepaar Punkt, wie es genannt wurde, ohne sich auch nur ansatzweise etwas dabei zu denken. Hatte endlich ein Außenseiter geglaubt, eine Definition für den Punkt gefunden zu haben, dann mußte er sich anhören, man wisse bereits ganz genau, was er meine, denn es war der Herr aus der Nummer Vier, eine Person, die nicht nur mit ihrem Namen für den Punkt stand und diesen Punkt auch nicht nur verkörperte. Er war ganz einfach mit dem Punkt zu identifizieren und somit bereits der Beweis für alles was der Punkt war. Die Leute hatten sich daran gewöhnt wie an den Heiligen Geist. Es mag ja sein, daß Andere sich eine Medaille umhängten mit dem Bild des Erlösers, der sie vom Grübeln über unsinnige Dinge befreite, ja der sie von vorneherein davon abhielt. Im Städtchen hatte das niemand nötig. Alles war normal geblieben, man blieb im Fall des Falles bei der Muttergottes.

Eintönig oder besonders gutbürgerlich war es in dieser kleinen Stadt jedoch nicht, zumindest von außen betrachtet. Da war ein Mann, ein seltsamer Mann mit einem Punkt bei sich. Kein Spinner, aber eben auch niemand mit einem tätowierten Punkt. Das Nachdenken über ihn schien tabu zu sein. Alles war sehr merkwürdig. Für die Bewohner andererseits war das nichts als Touristenkram. Man selbst müßte doch alles am besten wissen, und der Herr Punkt ohnehin. Diese Touristen, wie man sie nannte, interessierten eigentlich niemanden, und man tat auch gar nichts für sie. Man wollte seine Ruhe haben. Wenn der Sommer vorüber sein sollte, würde es wieder genug kuriose Nachrichten geben. Wenn einer von außerhalb nur das Wort Punkt erwähnte, brach zumeist schon ein Gelächter aus. Wenn einer Schlaues über den Begriff Punkt äußerte, und mochte es noch so schlau sein, schmunzelte man und ließ den anderen schlicht in dem Glauben, den Herrn Punkt aus der Vier gäbe es gar nicht. Man grinste nur wie: und wir haben ihn doch! Wie einer, der das Original eines Gemäldes in seinen Besitz gebracht hatte, von dem bisher nur Kopien bekannt waren. Vielleicht sogar auch wie einer, der Gott persönlich kannte, im Gebet oder wo auch immer. Im Städtchen wohnte der eigentliche Punkt, der Punkt, der keinen anderen mehr nötig hatte, ja sogar der, der eigentlich überhaupt keinen Punkt mehr nötig hatte.

Nun arbeitete der Herr Punkt im Städchen in einem Bestattungsunternehmen, denn das war der einzige Weg, einigermaßen unauffällig und natürlich zu wirken, wenn man einen ungewöhnlich großen Körper hatte. Die Trauernden waren meist mit sich selbst beschäftigt und nahmen den Sargträger kaum wahr. Ferner war es ihnen durchaus angenehm, einen vitalen Körper zu betrachten, bei all der Trauer und bei all dem Tod. Nicht zu vergessen, die schweren traditionellen Eichensärge verlangten immer wieder nach genau einem solchen Körper. Nicht auszudenken, wenn einer der Särge ausrutschen und in die Grube donnern würde, da nahm man lieber die seltsame Größe und Breite des Herrn Punkt in Kauf. Der Herr Punkt mußte auch immer der Herr Punkt bleiben, denn die in der Regel etwas verwirrten Hinterbliebenen benötigten einen einfachen und schlichten Namen, um nicht weiter darüber nachdenken zu müssen. Sie schafften doch oft nicht einmal die unbequeme Treppenstufe zur Leichenhalle. Auch wenn man das im Städtchen nie sagen würde, aber alles sollte ein kleinwenig sein wie in einer Psychiatrie. Die Menschen mußten beruhigt werden, und man machte es ihnen so einfach wie möglich.

Der unendlich kleine Punkt, der ebenso für das Universum taugte wie für die möglichen Bereiche außerhalb dieses Universums, war da genau das richtige. Nicht umsonst heißt es bei jeder Hypnose: konzentrieren Sie sich immerzu auf einen Punkt. Wer zu wenig Phantasie hatte, um sich auf einen Punkt zu konzentrieren, was immer das sein sollte, der stellte sich diesen Herrn Punkt vor, der im Dienst stets einen schwarzen Zylinder trug. Meistens war wichtig, die Beteiligten möglichst wenig wahrnehmen zu lassen, auch wenn alle Menschen unterschiedlich sind. In besonders schwierigen Fällen war sogar das zwanghafte Grübeln über jeglichen Punkt willkommen, um die Teilnehmer noch notdürftig ablenken zu können. Der Punkt, um den sich, wenn man nicht aufpaßte, rasch seltsame Gerüchte bildeten, trotz aller Normalität und Natürlichkeit, wirkte wie ein immer gleiches Beruhigungsmittel. So wie das Haldol ein Medikament ist, das stets gleich bleibt, so viele unterschiedliche Personen auch damit behandelt werden. Man konnte allein schon von daher mit Fug und Recht sagen, der Punkt sei ein Punkt.

Daß der Punkt, der eigentliche, im Städtchen wohnte, daran hatte man sich allerdings derart gewöhnt, daß schon nach fünf Jahren niemand mehr davon ablassen konnte. Da hatte sich eine Tradition eingeschlichen, wie sie schleichender und unbestimmter nicht mehr sein konnte. Andererseits kam eine Tradition im Städtchen kaum natürlicher und selbstverständlicher daher. An der guten Muttergottes, auch wenn das unter den gegebenen Umständen keiner zugeben konnte, hatte es ja noch Zweifel geben können, aber am Herrn Punkt mit dem schwarzen Zylinder, wer wollte an ihm vorbei. Schon gar, wenn man zwanghaft an den Punkt glaubte, was durchaus vorgekommen war. Aber dieses geheimnisvolle Schmunzeln, das war nun doch ein kleinwenig einzigartig gewesen. Wie wenn jemand nach der Wahrheit suchte und dann ein anderer denkt: ich hab sie schon. Und wie wenn der, der glaubt, er hätte sie, gar nicht erst prüfen müßte, ob er sie tatsächlich hat. Man muß kein Experte sein, um ein Original zu erkennen, wenn man gesehen hat, wie der Künstler es malte. Man muß keine Ahnung haben von Punkten, um einen Punkt zu sehen. Und man muß erst recht keine Ahnung von Punkten haben, um Behauptungen aufzustellen. Im Städtchen hatte man sich vor Behauptungen gehütet, zu schnell konnte man sich blamieren an einem Ort, an dem alle sich kennen. Man traute sich nicht einmal, über die unbefleckte Empfängnis etwas zu äußern, selbst wenn es das Frömmste sein sollte.

Jede Entgleisung in die eine oder die andere Richtung konnte gefährlich werden. Der Punkt hatte nicht verkündet, daß er der außerkosmische Punkt sei, um damit aufzufallen, sondern um sich in sich zu verstecken. Auch nutzte ihm das für die Sterbebegleitung, denn zahlreiche Klienten klammerten sich vor dem Sterben geradezu an den Körper, wenn auch nicht unbedingt an den eigenen, der ohnehin schon ganz eingefallen war. Der Körper des Punktes war klar und einfach in seiner Existenz und in seiner Symbolik. Obwohl er ein Punkt war, so klein, daß sich jede Konzentration darauf schon von selbst erübrigte, war sein Körper groß und kräftig, wie gesagt, und der Sterbende konnte sich in seinen Rücken hineinkrallen, wenn es sein mußte. Sein Lieblingssatz war auch gar nicht Ich bin der Herr Punkt, sondern, wie einmal jemand feststellte: Wenn es sein muß. Damit könnte er den festen Glauben an den Punkt gemeint haben, meinetwegen auch an den außerkosmischen, aber das war reine Spekulation. Er sagte einfach nur den Satz, ohne irgendeine Rücksicht darauf zu nehmen, wer ihn gerade hörte, wie es schien. Was sollte man auch für jeden Menschen eigene Sätze sprechen, wenn man das für sich selbst doch auch nie getan hatte. Gerade auch, wenn der Sterbebetrieb so gut am laufen war. Einen derartigen Betrieb am Leben zu erhalten, mußte einem schon einiges an Pietätlosigkeit abverlangen, zumindest aber ein gerüttelt Maß an Rücksichtslosigkeit. Der Sarg wurde behandelt wie ein Stück Holz, wie man zugab. Über den Umgang mit der Leiche sagte man nichts, sonst wäre alles zu schwierig geworden.

Wenn ein robuster monströser Körper an etwas glaubte, etwas sagte oder nur seinen Zylinder berührte und aufsetzte, das war schon etwas gewesen. Wenn die Roulade mit den Klößen durchaus im Einklang mit der Natur eine Körperlichkeit schuf, von der man sich zu Lebzeiten etwas hätte anschneiden können, dann war das etwas, ganz ohne jeden schlechten Witz. Wenn man bestimmte Sätze immerzu wiederholte, bei jedem Klienten, bis sie an traditioneller Substanz gewonnen hatten, dann war das etwas. Man wollte nur dieses Etwas, um das dazugehörige Schmunzeln tätigen zu können, wenn man einen wahrhaft guten Gesichtsausdruck machen wollte zum Sterben. Gesunde Kost war ein Fremdwort im Städtchen, etwas für Kranke oder Schwache.

Überhaupt war Gesundheit etwas für Kranke. Wie der Herr Punkt für alle etwas war und nur nichts für die Freunde von Punkten. Selbstverständlich mußte alles sein. Mit Klößen. Wie man es immer gemacht hatte, noch als das Wort Gesundheit gar nicht existierte. Wie auch der Punkt in seiner Winzigkeit und Schwäche existierte oder nicht. Und der Tod war nur etwas für Lebende, höchstens bis zum letzten Kloß, von alledem war man im Städtchen überzeugt.

Der Kommissar setzte sich mehr oder weniger ungebeten auf einen Stuhl: Kripo Stallstatt. Wohnt hier eine Person mit dem Künstlernamen Herr Punkt, Fräulein Liese Antoni? Andreas Forst mit bürgerlichem Namen? Das Fräulein Liese schaute sich in ihrer Stube um, wie um nach einem freundlicheren Kommissar Ausschau zu halten. Da sie niemanden sah, antwortete sie: ja natürlich. Er wird heute Abend von der Arbeit kommen. Er ist hier für die Totenruhe zuständig, da ist immer das meiste los. Aber warten Sie doch nur ein paar Minuten. Er wird gleich hier sein. Selbstverständlich hatte ich noch nie mit der Polizei die Ehre. Ist denn etwas vorgefallen? Es ist sicher wegen dem Punkt, nicht wahr, aber der Herr Punkt, wie ihn hier alle nennen, hatte schon immer diesen winzigen Punkt in sich gespürt, also seit ich ihn kenne, so ein paar Jahre eben. Ich kann mir nicht vorstellen, was Sie nach all den Jahren jetzt noch von ihm wollen. Hat er einen winzigen Diamanten verschluckt oder wieso Sind Sie hinter dem Punkt her? Nein, antwortete der Kommissar, als besagter Punkt gerade eintrat. Herr Kommissar!

Machen wir es kurz, fuhr dieser fort, Sie werden verdächtigt, den lange geplanten Versuch unternommen zu haben, die Wissenschaft zu manipulieren, die Presse verrückt zu machen und halb Stallstatt zu betrügen. Also: was haben Sie von diesem Zirkus? Die Polizei sucht immer nach Motiven, das wissen Sie ja. Fräulein Liese unterbrach: er freute sich, daß er etwas essen konnte. Es hat Klöße gegeben. Klöße hat er gegessen. Und sonst? Eine Roulade. Klöße oft mehrmals am Tag, sehen Sie sich ihn an, es hat ihm nicht geschadet. Wegen Klößen, das war alles? Nein, nicht daß Sie denken, ich hätte sonst nichts anderes gekocht. Das genügt. Was Sie mit ihren Klößen machen, interessiert mich nicht. Hatte es denn über die Zeit irgendeinen Anlaß gegeben, sich bei Ihnen als Punkt vorzustellen? Er hat es einfach getan, ich dachte zunächst, es sei sein bürgerlicher Name. Der Herr Punkt. Immer korrekt hatte er sich verhalten. Die gesamte Zeit über. Der Künstler führt den Titel Inhaber eines universumfremden Punktes, ist der Name denn geschützt? Überhaupt nicht. Allerdings ist er irreführend, denn manche Leute in der Stadt glauben, Andreas Forst, der Punktemacher, sei von außerhalb, fern jeder Vorstellungskraft. Und ist er damals nicht auch von außerhalb ihrer Stadt gekommen? Liese wurde recht laut: ja und, worauf wollen Sie denn hinaus mit dem Blödsinn, der Herr Punkt hat uns immer alle befreit, von seinem Punkt und von den Punkten der anderen, und jetzt stellen Sie ihm nach, mir platzt der Kragen. Ich habe ihm ein paar Klöße auf den Tisch gestellt, auch wenn es Sie nicht interessiert. Er freute sich, daß er etwas essen konnte, das habe ich doch schon gesagt. Na dann, auf Wiedersehen, ich werde sie im Auge behalten. Wahrscheinlich war Ihr Mann ein Trittbrettfahrer, der sich vor ein paar Jahren auf den Fremden Punkt aus der Presse konzentriert hatte.

Daß der mir nicht wiederkommt, stöhnte die Liese, irgendwo lief immer etwas schief, entweder erschien ein Kommissar oder man hatte wirklich etwas angestellt. Er kam natürlich wieder, sogar mehrmals, aber er konnte dem Punkt nichts nachweisen. Dennoch hatte er versucht, dem Punkt alles madig zu machen, was mit dessen Eigenschaft als Punkt zu tun hatte: Ist ein Punkt in seiner originalen Größe nicht immer etwas flüchtig? Sind Sie etwa flüchtig? Vor dem Gesetz? Vor welcher Konsequenz flüchten Sie? Sehen Sie, wenn Sie, wenn nur ein Punkt von Ihnen von außerhalb des Universums käme, dann hätte er aus dem Nichts kommen müssen,

denn es gibt kein weiteres Universum. Sie sind also im besten Fall ein willkürlich gewählter Punkt. Wenn Ihnen das reicht, bitte, das ist nichts mehr für die Polizei. Machen Sie, was Sie wollen. Das Fräulein Liese jedoch gab ihm noch ein paar Worte mit auf den Weg: Sie haben das Stallstatter Schmunzeln außer Acht gelassen. Kein anderes Schmunzeln gestaltet sich derart wie das Stallstatter. Wenn man glaubt, man hätte eine Wahrheit, ob sie nun zutrifft oder nicht, ganz für sich allein, wie eingeschlossen, bei sich zuhause im Wohnzimmer. Dieses spezifische Schmunzeln, das nur hervorgerufen werden kann, wenn ein Punkt in seiner Art einzigartig ist, legt einfach nah, daß es diesen Punkt geben muß. Und selbst wenn es ihn nicht gibt, dann ist doch etwas da, das ihn dazu drängt, geboren zu werden.

Aber das Fräulein Liese hatte doch recht, Seelen entstehen doch auch ständig neu und werden nicht wiederverwendet. Und so entsteht auch das Universum stets neu, und der fremde Punkt, der von außerhalb kam, was sollte mit ihm schon sein, er kam aus einem vergangenen Universum. Die Polizei, das waren schon recht seltsame Realisten. Wenn sie anfingen, Unrecht zu haben, verabschiedeten sie sich sofort. Hätten sie doch wenigstens ein paar Klöße probiert. Natürlich durfte man dem Kommissar nicht Unrecht tun. Alles was existierte, kam einst von außerhalb. Aus einer vergangenen Zeit. Warum also nicht auch dieser Punkt. Und wenn es das Stallstatter Schmunzeln gab, dann sollte man es den Stallstattern auch lassen. Und wenn sich jemand als Punkt ausgab, vielleicht war die Seele ebenfalls eine Art Punkt. Man sollte die Stallstatter endlich in Ruhe lassen. Sie konnten doch auch nichts dafür, daß die Presse damals diesen ominösen außerkosmischen Punkt aufgriff, mit dem sie die Leute verrückt machte. Man hatte sich ins Bockshorn jagen lassen. Am Ende des Bockshornes befindet sich immer ein nie zu erreichender Punkt.

Eines war klar, eines Tages würde man zwar nicht die Seele, wohl aber den Punkt in einem Reagenzglas isolieren können. Momentan hatte man einfach noch nicht die richtigen Begrifflichkeiten, um so etwas überhaupt anzuerkennen, geschweige denn ordentlich zu beschreiben. In hundert Jahren, wenn sich die Gesellschaft weiter entwickelt haben würde, wäre endlich die Bahn frei für einen derartigen Beweis. Ein Punkt in einem Glas. Sicherlich nicht allein, sondern in einer Trägerflüssigkeit, aber ein Punkt in einem Glas, ganz für sich allein. Der weltweit erste Beweis dafür, daß es den unendlich kleinen Punkt wirklich gibt. Den Stallstatter Punkt. Auch wenn er nicht unbedingt in Stallstatt ins Glas gelangt sein sollte. Wissenschaftler wollen immer etwas Neues herausfinden, nach Möglichkeit etwas, das zunächst sowohl in der Praxis, als auch in der Theorie bislang als unmöglich galt. Übrigens war der Stallstatter Punkt inzwischen in mehreren Nachschlagwerken aufgetaucht. Im Lexikon der absurden Theorien, in der Enzyklopädie des Unnützen, und so weiter. Immerhin, es schien ihn zu geben. Man tat, als ob er ein Begriff wäre, den man anführen konnte.

Allgemein war es schwer, auch nur irgendetwas als Realität anzuerkennen. Ein paar Klöße zu verzehren war legitim, aber sie anzuerkennen, wie sollte das funktionieren? Die Roulade erkannte die Klöße und die Klöße die Roulade, mit menschlichem Verstand war da nichts mehr auszurichten. Jedenfalls gab es im Städtchen nun ein kleines Restaurant Zum Stallstatter Punkt, obwohl der Herr Punkt in Stallstatt und auch anderswo alles andere als bekannt war. Man erzählte sich immer nur seine Geschichte. Das war wie eine Verschwörung. Keiner wollte konkret über den Punkt sprechen, wenn dadurch dessen Privatsphäre angegriffen werden konnte. Das hatte Ausmaße angenommen, wie sie eigentlich nur zu verzeichnen waren, wenn einer behindert war und im Keller versteckt wurde. Allerdings hätte der Stallstatter Punkt ohne eine derartige Geheimhaltung auch nichts getaugt. Der Punkt lief überall im Städtchen herum, und alle hatten vergessen, ob er es wirklich war, so die Sachlage. Man interessierte sich auch gar nicht mehr dafür, ob es den Punkt gab oder ob es ihn geben konnte, sondern beinahe nur noch dafür, wer dahintersteckte. Sozusagen, welche Person er war. War er der Bestatter? War er nur ein Mitarbeiter des Bestatters? War er der Bestatter mit dem monströsen Körper, der bei dem Fräulein Liese wohnte? Dieses Wissen war jedenfalls verloren gegangen und einem umso tieferen Glauben in jede Richtung gewichen.

Für die einfachen Leute von Stallstatt war es angenehmer, über Personen oder meinetwegen auch über Dinge zu rätseln, als über solch unsinnige Sachen wie Punkte. War der Punkt also der Bestatter? In welcher Hausnummer wohnte er denn wirklich? Was konnte er selbst darüber wissen, wer er wirklich war? Spekulationen und Klatsch machen die Runde, am guten Ende wußte niemand mehr auch nur das Geringste. Übrig blieb allein noch der Stallstatter Punkt. Man war sich nicht klar darüber, ob das ein Wort war oder ein Begriff, eine Person oder eine Figur, eine Erzählung oder ein Roman. Man kannte nur die Speisekarte des Stallstatter Punktes. Dort gab es die berühmten Stallstatter Klöße, eine Spezialität des Hauses, deren Rezept natürlich geheim war. Die Gäste befanden sich im angeregten Gespräch, man spekulierte auch immer wieder über den Namen des Gasthauses, inzwischen war man sich sicher, er könne nur davon kommen, daß der Stallstatter Punkt eben nur ein Örtchen war, an dem man gemütlich zusammensitzen konnte.

Aber auch die Phantasie sollte nicht zu kurz kommen. Was war ein Ort? Ein echter Ort muße doch ein Kloßrezept haben, wenn man sich nicht irrte. Ein Ort ohne eigenes Kloßrezept war kaum vorzustellen. Überhaupt mußte ein Ort allgemein immer rund sein. Im Mittelalter entstanden, hatten sich die Orte um einzelne Gebäude herum entwickelt, wie man meinte, um immer größer zu werden, um zu guterletzt eine ringförmige Schutzmauer zu beanspruchen. Auf diese Weise tauchten Orte immer wieder auf wie Pilze oder wie Punkte, wie man sich das vorstellte. Sie beanspruchten ein Rezept, wie auch alles andere ein Rezept haben mußte. Wenn auch manche dachten, es sei umgekehrt, so war doch das Rezept nie vor dem Kochen da. Denn zuerst mußte gekocht werden, um zu einem Rezept finden zu können. Und so mußte auch zuerst der Punkt gefunden werden, um wissen zu können, was ein Punkt ist. Also: wie hieß der Punkt? Wie war seine Adresse? Wo arbeitete er? Wie sah er aus, hatte er einen kräftigen Körper, was war seine Lieblingsspeise? Und immer so weiter. Dann wußte man, was ein Punkt war.

Allgemein war der Punkt eigentlich das einzig Wahre, trotz der vielen unsinnigen Fragen um ihn herum. Hatte man etwas anderes als den Punkt, etwa einen Kloß, dann kam immer die Frage, woran man denn erkennen würde, daß es überhaupt ein Kloß war. Und eine der ärmlichen Antworten darauf war dann meistens: am Teig. Nun war der Teig noch kein Kloß, aber gut. Doch damit nicht genug, man wollte gerne noch wissen, woran man den Teig erkannte und immer so weiter. Dann folgten Fragen zur Größe der Klöße. Bei einem Punkt hingegen konnte man sich solche Unsicherheiten komplett schenken. Es gab nichts, an dem man einen Punkt erkannte. Man machte nur stellvertretend einen Kreis, den man ausfüllte. Nicht einmal das. Man machte eigentlich gar nichts. Entweder man glaubte daran, daß es den Punkt gibt oder nicht. Der Punkt war wie Gott. Nun gut, vielleicht nicht so unheimlich wie er. Und auch nicht ganz so unvorstellbar. Auch gab es keine Bibel, in der ausdrücklich verboten wurde, sich eine Vorstellung vom Punkt zu machen. Doch wie sollte man sich eine Vorstellung machen von etwas, zu dem es keine Fragen gab. Von etwas, das eigentlich ganz klar war, wenn es dieses Etwas gab. Ja selbst wenn es dieses Etwas, diesen Punkt, nicht geben sollte, dann wäre die Vorstellung davon ganz klar, ohne jede Frage. Der Punkt läßt einfach keine Fragen mehr zu.

Stattdessen fragte man in Stallstatt immerzu nach dem Herrn Punkt. Wie geht es Ihnen? Haben Sie gut geschlafen, was macht die Arbeit? Man grübelte nicht um den Punkt herum, sondern man fragte ihn lieber gleich selbst. Zugegeben, niemand wußte genau, ob er überhaupt der Punkt war, aber auch das konnte man ihn höflich selbst fragen. Warum auch nicht. Vielleicht bekam man ja eine Antwort. Sind Sie etwa fest oder schon flüssig? Doch die eigentliche Frage in einer Kleinstadt war natürlich die, ob man an Gott glaube. Und das war, zugegeben, eine ganz wunderbare Frage, weil sie die bejahende Antwort schon für sich bereithielt. Hätte man etwas anderes antworten wollen, dann hätte das eine riesige Diskussion entfacht, aus der am Ende keiner als Sieger hervorgehen könnte, ja es war noch nicht einmal ein Unentschieden zu erwarten. Aber mit einem Ja hatte man Ruhe, selbst wenn man es nicht einmal aussprach. Denn in Stallstatt wurde ein Glaubst du an Gott? Immer nur mit einem Glaubst du an Gott? beantwortet, als ob alles selbstverständlich wäre. Es war wie ein Grüß Gott. Es war nett gemeint und mehr nicht.

Allgemein handelte es sich dabei um eine recht weitläufige Frage, die einem besonders viel Raum ließ, wenn man sie mit einem Ja beantwortete. Gemeinsam würde man schon gute Gründe finden, wenn es unbedingt sein müßte. Notfalls fragte man den Punkt oder dachte sich irgendetwas anderes aus, man würde schon zurechtkommen. Gut zurechtkommen. Ohnehin war der Stallstatter ein aufrichtiger Mensch, der selbst noch in seinen Notlügen versuchte, möglichst ehrlich zu sein, und gerade auf letzteres war er selbstverständlich besonders stolz. Beinahe so sehr wie auf den Herrn Punkt, soweit man ihn überhaupt kannte oder sich an ihn erinnern konnte. Der Punkt existierte genauso viel oder genauso wenig wie er nicht existierte. Das war zwar bei allen anderen Dingen auch so, aber bei dem Punkt wurde es eben besonders deutlich. Der Kommissar kam nicht wieder, aber auch der Punkt war plötzlich weggezogen. Ein Mitarbeiter des Einwohnermeldeamtes hatte das im Städtchen herumerzählt. Und jetzt erst begann der Punkt, in Stallstatt wirklich zu existieren. Jetzt, wo er keine Wiederworte mehr geben konnte, wenn man sich die eine oder die andere Geschichte über ihn erzählte.

Nun entwickelten sich die spannendsten Legenden über diesen Punkt, der, ganz seiner Erscheinung zum Trotz, doch immer ein ganz normaler Mensch gewesen war. Der Punkt sei so klein gewesen, daß man in seinem Körper kein Leben erkennen konnte. Und noch allerlei andere neunmalkluge Legenden tauchten auf. Doch eher die Geschichten, die den Punkt als einen unauffälligen Menschen darstellen sollten, machten deutlich, daß dem nicht so war. Denn am Ende solcher Geschichten hieß es jedesmal: aber er war doch ein Punkt, wer berücksichtigt denn, daß er ein Punkt war? Bei aller Natürlichkeit und Normalität, er war eben ein Punkt. Behauptete jemand, wir Menschen seien doch alle Punkte, wenn man es so wollte, kam sofort eine verneinende Antwort: wie kann man einen Menschen oder überhaupt ein Lebewesen einfach als Punkt bezeichnen, ohne jeden Grund und ohne jede Rechtfertigung! Das kann man doch nicht machen wie bei dem Herrn Punkt, der das schon immer gewesen ist. Bei ihm war das selbstverständlich anders. Bei ihm hätte man sich rechtfertigen müssen, wenn man ihn nicht als Punkt bezeichnet hätte.

Aber wo war der Punkt hingegangen! Unter seiner angeblichen neuen Adresse war er nicht aufzufinden, er war jetzt so klein geworden, daß er sich beinahe aufgelöst hatte. Erst jetzt vermißte man ihn wirklich. Immer wenn jemand sagen wollte, daß früher alles besser war, hieß es: als der Punkt noch ein Punkt war, da war die Welt noch in Ordnung. Ja, als der Punkt noch ein Punkt war, da war alles noch richtig und logisch und einleuchtend. Mit dem Punkt hätte es diese und jene Ungerechtigkeit nie geben können. Sogar die Klöße waren besser, auch wenn das mit dem Punkt nichts weiter zu tun hatte, aber sie waren tatsächlich besser. Die berühmteste Geschichte, die man sich über den Punkt erzählte, war die vom unsichtbaren Fremden: Ein Mann konnte jederzeit unsichtbar werden, als ob er einfach zur Tür hinaus gegangen wäre. Und die Augenzeugen spürten in diesem Moment nur noch, daß in ihrem Leib plötzlich eine Art Punkt fehlte. Das fühlte sich an wie eine Erbse im Bett, nur umgekehrt. Dieser fehlende Punkt, dieses koboldartige Löchlein im Körper, drohte, den ganzen Menschen zu verschlingen. In der Weltordnung schien plötzlich ein Teil zu fehlen. Sie war ungültig geworden. Es nutzte nichts mehr, zu behaupten, man sei doch gesund und heil, wenn es auch vollkommen der Wahrheit entsprach. Wenn man gesund war, dann war das Löchlein eben in der Gesundheit und quälte einen weiter wie zuvor.

Vielleicht war das ein albernes Märchen, es kam darauf an, was man daraus zu machen gedachte. Gedeutet wurde dieses Märchen meistens mit der Annahme: du hast doch keine Schuld. Verursacht hat das nur der Mann, der aus der Tür herausging. Was kannst du schon dafür, wenn irgendwo ein Punkt fehlt. Ein unendlich winziger Punkt in der Weltordnung. Wenn du eine Schuld hättest, dann wärst du der einzige auf der Welt, der mit so etwas wie einem Punkt überhaupt umgehen kann. Ja, du wärst ein wahrer Held, im positiven oder im negativen Sinn, was machte das noch! Je mehr man den Punkt vergaß, um so wilder wurden die Geschichten, ja um so mehr wurde er überhaupt präsent. Man traute sich wirklich allerhand. Der Punkt als solcher verlor nun wirklich alles Bürgerliche und alles Gesittete und all das Übrige. Er war jetzt wirklich der Punkt geworden. Fast sogar ohne jeden Körper. Man begriff immer noch nicht, warum er gegangen war. Hier in Stallstatt hatte er doch einen Beruf. Als Punkt konnte er fast alles machen und fast alles werden. Er brauchte sich um seine Zukunft keine Sorgen mehr machen.

Der Punkt tauchte erst wieder auf, als er plötzlich schwer krank geworden war, wenn er auch nicht in Stallstatt aufgetaucht war. Aber möglicherweise war er nun gefragt wie nie. Jeder wollte ihm helfen, und sein Aufenthaltsort war zu einer wahren Pilgerstätte geworden. Man ging allerdings nicht zu ihm, um Heilung von ihm zu erhoffen, sondern um zu versuchen, den Punkt zu heilen. Das war zumindest die offizielle Version. Eigentlich führte man natürlich noch etwas ganz anderes im Schilde. Man wollte dabei sein, wenn der Punkt starb. Man hatte sich immer vorgestellt, was nun geschehen könnte, wenn der Herr Punkt plötzlich nicht mehr leben sollte. Würde ein Punkt übrig bleiben? Einer der, selbst völlig unsichtbar, merkwürdige Schlieren am Himmel hinterließ? Allgemein, würde sich nach dem Tod des Herrn Punkt irgendetwas ändern? Die Pilgerfahrt zum Punkt war geradezu zwanghaft geworden. Ständig fragte einer den Punkt, ob er noch etwas zum Weiterleben brauchte. Ständig tanzte jemand um ihn herum. Der Punkt hatte keine Ruhe mehr, aber vielleicht war er in Bewegung besser zu erkennen als in Ruhe.