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Der Hellseher ist in einiger Hinsicht die Geschichte eines Menschen, der schon alles weiß. Doch wie soll der damit leben, ohne vor Langeweile sein Bewußtsein zu verlieren, und wohin wird ihn dieses Problem führen? Weiß er überhaupt etwas? Jedes Hellsehen hat natürlich seine ganz eigenen Konsequenzen, und der Held trägt sie dem entsprechend auf seine eigene Art und Weise. Eine tragische Geschichte.
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Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2026
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INHALTSVERZEICHNIS
Der Hellseher
Anhang
Absoluter Realismus
Grundzüge der Funktionalistischen Hermeneutik
Die Kreuzwegstationen
Wenn alles vollkommen dunkel war, mein Auge sah hell.
Eine seltsame Sache
Nehmen wir einmal einen einfachen Satz: Das Häuschen ist klein. Nun ist das Wort klein doch absolut überflüssig, weil jedes Häuschen schon vorher klein sein muß, wenn es überhaupt ein Häuschen sein will. Es sei denn, das Häuschen sollte noch kleiner als klein gemacht werden, aber das wäre Unsinn. Die letzte Konsequenz dieses Umstandes dürfte nur ganz wenigen bekannt sein. Gehen wir einmal davon aus, daß, alles in allem, alles ist wie es ist. Wäre dann nicht jedes Adjektiv, jede Beschreibung vollkommen übertrieben? Wenn doch ohnehin schon alles ist wie es ist? Jeder Versuch, zu bestimmen, was längst besteht, so zu tun, als ob man für das Ding ein Wort bräuchte, könnte als der große Beginn einer jeden Fehlerhaftigkeit angesehen werden. Die gesamte Welt ist, wenn man wirklich die Welt meint, stets so folgerichtig, daß nichts mehr dazwischen paßt, nicht einmal ein Wort. Die ganze Welt folgt ganz sich selbst, das eine dem anderen. Und das ist alles an Begründung. Doch es ist eben auch schon alles an Beschreibung. Überall Häuschen. Aber sie sind nicht Häuschen weil sie klein sind, sondern nur weil sie da sind. Nun gut, dann nehmen wir Zahlen. Zwei plus zwei ist vier. Ist das nicht lächerlich? Die zwei und die zwei sind doch schon die vier, wozu dann überhaupt noch sagen, daß es vier sind! Einen schlimmeren Blödsinn kann es doch gar nicht mehr geben. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Dieser Satz ist genauso doof, er verrät allerdings sofort, daß er nur Unsinn ist. Alles andere jedoch wird aufrecht erhalten. Beinahe wünscht man sich, ein Eichhörnchen zu sein und nicht weiterzudenken. Schwindelig wird einem. Die Welt ist nicht immer schön, aber sie ist nun einmal vollkommen. Und kein Wort kann sie in ihrem Lauf auch nur unterbrechen. Du öffnest ein Fenster zur Straße, und du siehst da die Karren fahren, eine nach der anderen, und du bekommst eine Idee davon, wie doch alles aufeinander folgt. Obwohl gerade zwischen diesen Karren immer kleine Lücken sind. Denn die Welt hat keine Lücken. In den Lücken schwebt Luft oder so was, jede Beschreibung und jede weitere Bestimmung wäre selbstverständlich lächerlich.
Um es deutlicher zu sagen, das Wort Haus ist lächerlich. Es versucht, ein Haus zu benennen, sicherlich, da ist nichts Unrechtes daran. Allerdings, wenn es das Haus wirklich gibt, wieso dann sagen, daß es ein Haus ist! Wenn es das Haus hingegen nicht gibt, um so unnötiger und um so alberner dann das Wort. Angenommen also, es gibt ein Haus. Meinetwegen auch ein Haus, wie es anders kein Haus sein kann. Und angenommen, es gibt da noch ein Wort, wie es das Wort Haus nicht anders sein kann. Was soll dann das Ganze. Und was soll die Logik. Wenn die Welt schon ihre Logik für sich hat. Die Blätter fallen nicht, weil da ein Baum ist und es Herbst geworden ist. Die Blätter fallen, weil vor ihnen welche fielen und das eine nach dem anderen folgt. Nichts weiter. Manchmal folgt auch einem Blatt ein Ast, doch das ist dasselbe. Wie manchmal einer Drei eine Fünf folgt, ohne Grund, aber unmöglich mit einer Begründung. Manchmal sind das drei Äste und fünf Blätter, das tut nichts zur Sache. Nie muß der Drei die Vier folgen. Sicherlich, nie ist die Drei die Vier, aber die Drei ist eben auch nicht die Drei, egal wie oft man es wiederholt. So ist eben die Welt, und wer könnte ihr das verübeln, solange er ständig diese furchterregenden Fehler macht! Du sitzt in der Bahn und da ist ein Kind und das sagt immer wieder: im Herbst fallen die Blätter. Immer wieder. Geht es dir auf die Nerven? Wahrscheinlich wirst du es gar nicht bemerken, nach dem Kind sehen, wie schön es ist. Du wirst fahren, ankommen, fahren, was immer du tun wirst und was immer du denkst, es wird kein Wort dazwischen passen. Jetzt nicht mehr denken? Das wäre ein Fehler. Denn auch dieser Unsinn gehört dazu. Die Welt ist eben so. Das wissen wir doch. Würde vielleicht noch ein Gott zwischen unsere Gedanken passen, ein undefinierbarer Gott? Und wenn ja, wie. Paßt er in unser Handeln oder paßt er überhaupt irgendwo oder irgendwie? Wenn es allgemein jemanden geben sollte, der etwas zu sagen hatte, so war es der Beter, der Hellseher. Der Jemand, der sich davon abgewandt hatte, immerzu sein Denken zu bemühen, wenn es ein Problem gab. Derjenige welcher, von seiner Innerlichkeit her, eine geistige Welt zu bieten hatte, in der die Dinge noch schienen wie sie waren. Wahrhaftig, wie es immer hieß. Dieser Hellseher wohnte in einem Büro in einem alten Haus und besaß nur die wenigen Gegenstände, die er für sein persönliches Leben und für seinen Beruf unbedingt brauchte. Ansonsten hatte er nichts und wollte auch nichts. Seine Kunden, die mit ihren größeren und kleineren Problemen zu ihm kamen, ließen für ihn eine Spende da, je nach Geschmack, oft auch Geld. Da er schon älter geworden war, hatte sich bereits ein hübsches Sümmchen angesammelt, aber er machte sich eben nichts daraus. Für ihn zählte nur das nötigste, und zählen wollte er so oder so nicht.
Das Hellsehen als solches war natürlich noch kein Beruf, keine Tätigkeit. Es war sogar noch eher ein bestimmter Zustand, als eine Tätigkeit. Wollte ein Hellseher tätig werden, da mußte er schon etwas anderes daraus machen. Mit der Hellsichtigkeit konnte anderen Menschen geholfen werden, man mußte sie in eine Form bringen, sie konnte einfließen in eine Art Lebensberatung oder in ein spezielles Heilsystem oder in einen ähnlichen Unsinn. Ein Weg mußte gefunden werden, um den Leuten das hell Gesehene zu überbringen, kostete es auch, was es wollte. Diese Helligkeit bedurfte einer Inszenierung, so wie bestimmte Dinge einer Beleuchtung bedurften, nur umgekehrt. Als Hellseher konnte man alle möglichen Berufe ergreifen, sogar den eines Rechtsanwalts oder den eines Bürgermeisters, nur mußte man wissen, daß nie etwas Anständiges daraus werden wollte. Immer war man ein Sonderling. Es gab nur ganz wenige Hellseher, für die das nicht zutraf. Überhaupt wurden die meisten von ihnen Heilpraktiker. Der Hellseher war ein einfacher Mann, oft etwas grob, nie so geartet, daß man ihm seine besonderen Fähigkeiten ansah. Wenn doch, dann immer nur aufgrund einer merkwürdigen falschen Bescheidenheit, hinter der sich etwas Beunruhigendes, ja geradezu Verdachterregendes verbergen mußte. Der Hellseher war jedoch eines sicher, nämlich allezeit stabil. Er änderte praktisch nie seine Richtung, und seine Wahrheit war stets die Helligkeit. Er war geradezu besessen von jeder Art von Wahrheit, ja er beschwor diese Wahrheit und dieses Licht von überall her herauf, und das war der Grund dafür, daß sich die Hellseher untereinander erkannten. Wie bei Heilpraktikern üblich, waren diese voll ausgebucht, niemand konnte sagen warum, man ging einfach dorthin, wie um überhaupt erst einmal da zu sein. Die Wartezimmer waren alle überfüllt, möglicherweise auch wegen der ungünstigen Organisation.
Eine Kundin
Der Hellseher kam in sein Büro, und da saß schon eine Frau vor seinem Schreibtisch, von der er sofort wußte, daß sie mehr von ihm wollte als nur eine Ehe oder was es sonst noch alles gab. Sie hatte ihre Haltung in Bereitschaft gegeben, als säße sie an einer Schulbank, jederzeit offen für das was man ihr jetzt sagen mochte. Jederzeit darauf eingerichtet, daß ihr Leben dann endlich weitergehen könnte. Aber der Hellseher blieb still. Er hatte ja noch nicht einmal hinter dem Schreibtisch Platz genommen. Er schien nun abzuwarten, bis die Frau ihm ihre Fragen stellte, aber nein, er wollte lieber selbst etwas sagen. Die Frau war sehr schön, hatte etwas Helles, wie er meinte, obwohl Haare und Augen recht dunkel gewesen sein mußten. Was er ihr sagte, weiß heute keiner mehr, er selbst hatte es als Erster vergessen. Hellseher sagen manchmal etwas, gewissermaßen aus der Helligkeit heraus, das ohne Verbindlichkeiten auskommt. Es ist einfach da, ganz gleich warum und weswegen. Die Frau jedenfalls hatte danach etwas ihre zarten Arme bewegt, als ob sie etwas notieren wollte, hatte dem Hellseher etwas Geld hingelegt und das Büro mit gemäßigter Geschwindigkeit verlassen, das wußte er noch. Eine weitere Person fegte zum Hellseher herein, als ob es um Sekunden ginge und rief noch auf dem Weg: Hellseher, Sie müssen mir helfen. Ich habe vor einiger Zeit jemanden umgebracht und komme eben vom Gericht, und man hat mich freigesprochen. Aber ich habe solche Schuldgefühle. Der Hellseher unterbrach sofort, um keine Zeit zu verlieren: hatte es etwas gegeben, das zwischen Ihnen und der Tat geschehen ist? Nun ja, antwortete die Person, vor der Tat hatte ich noch Blumen gegossen. Nein, fuhr der Hellseher fort, ich meine gar nichts was dazwischen geschehen ist. Ich meine gar nichts was Sie mit der Tat auf konventionelle Weise verbinden könnte. Ich meine etwas, das wie eine Mauer zwischen Ihnen und der Tat stand. Wie eine undurchdringliche Mauer. Eine Mauer, fragte die Person und begann wild in ihren Hosentaschen zu kramen, kaum ein Mensch konnte jetzt nervöser sein, was nur für eine Mauer? Mit derartigen Antworten konnte die Person nicht dienen. Hoffentlich war die Frage nicht zu wichtig, um Hilfe erhalten zu können.
Wenn nichts Sie trennte von der Tat, dann hat es auch nie eine Schuld für Sie geben können! Der Hellseher war beinahe autoritär, ja ärgerlich geworden. Die Person indes schien sich immer weiter zu verkleinern. Sie stand jetzt geradezu in einer Ecke des Raumes, als ob sie sich unbedingt auflösen wollte. Doch wenn sie gleich das Büro verließ, war sie so oder so verschwunden. Der Hellseher war wiederum ganz ruhig geworden: sehen Sie, wenn Sie jetzt hergehen und die Tat ungeschehen machen, und lassen Sie mich ausreden, wenn Sie das also machen, dann wird Ihnen das Universum zusammenbrechen. Es wird Ihnen um die Ohren fliegen, es wird einfach aufhören zu existieren. Denn nehmen Sie etwas fort aus dem Universum, sei es nur ein kleines unbedeutendes Krümelchen, dann ist es nicht mehr das Universum. Die Person kam aus ihrer Ecke hervor: wie sollte ich denn meine Tat rückgängig machen? Ginge das überhaupt? Schon wieder wurde der Hellseher ärgerlich: das geht Sie gar nichts an, ob das überhaupt ginge. Sie werden es so oder so nicht machen, und Schluß jetzt damit. Wenn Sie mir genau jetzt nicht glauben, dann haben wir nichts mehr miteinander zu schaffen. Aber die Person war schon befreit und legte frohen Mutes ihre Spende auf den Schreibtisch. Der Hellseher zeigte sich nun ebenfalls zufrieden. Endlich Ruhe. Die Leute immer mit ihren Worten. Ich war schuld. Wenn er das nur schon hörte. Nichts als Worte. Nur noch mit Worten konnte man diese bekämpfen, und sie auszutreiben war letztlich nur eine Frage der puren Kraft gewesen. Sollte man doch die Worte den Richtern überlassen, gerade doch auch, wenn sie einen ohnehin freisprachen. Selbst noch die Richter gingen einem auf die Nerven. Recht sprechen. Recht und sprechen, das paßte doch gar nicht. Recht ja, aber immer dieses Sprechen. Der Hellseher hingegen sah hell. Er sah immer nur hell.
Er war doch selbst auch einmal vor einem solchen Richter gewesen. Dieser hatte ihn verurteilt, weil er einen Säugling ohne Heilerlaubnis heilen wollte, dabei wollte er nur hellsehen wie er das immer tat, ohne schlechte oder gar gute Absichten, wieso also unerlaubtes Heilen? Er zahlte seine Strafe und ging. Es war gut investiertes Geld, wie sich später noch herausstellte. Als die Person also die Klinke der gepolsterten Tür ergriff, um sobald zu verschwinden, zeigte sich schon die nächste, als ob sie die vorige verwandeln hätte wollen. In der Tat war sie das genaue Gegenteil ihrer Vorgängerin, unglaublich still, wie jemand, der eine Hühnerzunge hatte und jetzt Heilung suchte. Wir wissen ja inzwischen alle, daß die allermeisten Krankheiten psychische Ursachen haben. Diese Person jedoch sagte gar nichts. Selbst ihr Gruß war eine bloße Geste, fast schon unverschämt. Sie tänzelte in die Mitte des Büros und platzierte sich dort wie ein Jemand, der vor einen Röntgenschirm trat, um sich von allerlei Helligkeit durchleuchten zu lassen. Sie wollte nicht reden. Was wollte sie denn! Aber der Hellseher machte sich an seine Arbeit. Er wußte doch alles. Er schaute nicht einmal auf zu der Person. Er schaute einfach ins Helle: so ganz ohne Gruß? Mit der Tür ins Haus, so wie der andere Besuch eben? Sie sind wohl still? Damit ich Ihre Gelenke besser knacken höre? Aber was rede ich. Der Hellseher war eigentlich selbst auch kein Sprecher, sondern ein Beter. Wenn er gewissermaßen mit Gott sprach, dann sollte das ohne ein Wort geschehen, mochte man auch noch so viel Inhalt transportieren. Das Gebet wird anders formuliert als der Satz. Im Gebet hört man nur die Wahrheit und keine gekünstelten Wortfiguren. Alles Unwahre wird von vorneherein gelöscht. Kaum einer kann deswegen bestehen vor dem Herrn, aber wenn einer ganz still ist, dann legt er ihm das Wahre in den Mund, heißt es.
Die Person verblieb noch immer vor ihrem Röntgenschirm. Wie ein guter Arzt mit seinem Stethoskop alles mögliche hört, so kann der Hellseher mit seinem Verzicht auf beide Augen alles mögliche sehen. So hatte der Hellseher nicht die Erscheinung der Person im Blick, sondern stets die gesamte Situation im Weltall. Aber nicht weil das Ganze das Wahre war, nein, das Ganze ist niemals wahr, es ist eine Katastrophe, es sind immer nur kleine Teile einigermaßen wahr, die es herauszuhorchen gilt. Kleine Dinge, die in sich stimmen, ein Amulett oder ähnliches Zeug. So wollte der Hellseher nicht, daß über die Probleme geredet wurde. Man sollte ihnen allenfalls einen Namen geben, das war bereits ein großer Kompromiß. Er wollte nicht, daß seine Kunden sich um Kopf und Kragen redeten, denn das hätte höchstens dazu geführt, daß er sie für diesen oder jenen dummen Fehler verurteilte. Stattdessen unterbrach er die Personen fast immer, wenn er den Eindruck hatte, sie wolle ihm etwas erzählen. Sollten derartige Erzählungen auch noch so sehr in sich stimmen, trugen sie doch zu den Problemen, zum gesamten Problem, gerade einmal gar nichts bei. Im Gegenteil, je mehr etwas für sich stimmte, um so eher störte es die tiefere Sicht. Es stellte sich vor die Probleme, wie um sie mit irgendwelchen Wahrheiten abzuschirmen. Nichts war schlimmer als eine Wahrheit, die da wo sie war nicht hingehörte. Wahrheiten allgemein waren gefährlich. Wie lupenreine Diamanten spiegelten sie ein Ganzes vor, das ganzer war als das Ganze. Worte stimmten in sich, solange sie im Wort blieben. Und eine Eins blieb eine Eins, solange sie nicht eine andere Eins war. Der Hellseher jedoch mußte nun ein Signal geben, daß er verstanden hatte. Nicht daß die Person am Ende noch dumme Erklärungen abgab oder dumme Fragen stellte. Um so mehr, weil kein Mensch ja dumm war: naja, dann wollen wir mal, und schon war er in seinem Gebet versunken. Die stille Person spürte ein angenehmes Gefühl in ihren Beinen. Die Gelenke. Waren es die Gelenke? Jedenfalls dort wo nun einmal die Gelenke waren. Sie erweckte den Anschein, mitzubeten, doch sie hatte sich gar nicht getraut. Sie wollte nichts falsch machen, sonst hätte sie nicht hierher gehen müssen und hätte allein beten können. Sie hätte auch in eine Gebetsgruppe gehen können, aber wer weiß, was das für Leute waren. Sie hatte ein gutes Gefühl bei dem Hellseher, wenn er auch nur ein Lebenshelfer war.
Ein altes Theater
Wie gesagt, können Hellseher, gerade wenn sie eine Lebensberatung durchführen, gerne etwas grob sein. Nicht nur weil sie Autoritäten darstellen. Sie hatten oft etwas Urwüchsiges, etwas Natürliches, durchaus auch etwas Knorriges, und sie dachten von sich, sie seien besonders reif. Um so mehr hatten sie es nötig, mindestens zweimal im Jahr ein Theater zu besuchen, um sich im Rahmen einer Oper selbst dahingehend zu inszenieren, daß man Kultur hatte. Der wahre Hellseher sollte eigentlich ein Künstler sein, aber was machte beim Hellsehen schon wahr oder unwahr, Hauptsache man war wenigstens Hellseher. Das nächstgelegene Theater war die Stätte, an der bestimmte Stücke immer wieder gespielt wurden. Als ob ein Stück um so wahrhaftiger wurde, je öfter man es spielte. Und das war noch nicht einmal so falsch, denn ein solches Stück konnte nicht auf einmal wahrgenommen werden. Und dennoch, immer wieder das Selbe, wie eine Situation, die weder richtig da war, noch daß sie enden wollte. Ferner existieren Dinge manchmal eben erst, wenn sie so oder so oft wiederholt werden. Was existiert etwa das Graben, wenn man am Ende doch kein anständiges Loch gegraben hatte. Da muß man so lange graben, so lange das Graben wiederholen, bis man einen Graben hat. In dem Theater hing einem das Stück schon zu den Ohren heraus, sobald man das Haus zu betreten wünschte. Ja man bildete sich ein, die ganze Architektur sei eigentlich für das Stück gebaut worden. Das Theater war das Stück, und das Stück war das Theater. Wenn auch alles gewaltsam eingefügt zu sein schien, die Besucher sahen das schon nicht mehr. Sie fühlten sich ja selbst als ein Teil des Ganzen.
Allgemein war das Theater recht abgenutzt. Wie oft hatte man dort schon alle Schnörkel abgeklopft, um die Räume zu befreien. Und wie oft wurden sie wenig später, in unterschiedlichen Abwandlungen, wieder eingefügt. Eine permanente Ebbe und Flut. Wie um zu sagen: was immer geschieht, es wird immer dasselbe Theater bleiben. Alles ist ohnehin dasselbe, wenn es auch nie das Gleiche ist, aber dasselbe ist alles. Die Welt war schon immer die selbe, sogar als wir noch nicht auf ihr waren. Wie oft wurde das selbe Stück gespielt, bis es endlich etabliert war. So daß darüber gesprochen werden konnte wie über etwas, das es tatsächlich gab. Etwas, das nicht erst zusammengebracht werden mußte. Es wurden ja manchmal kleinere Stücke aufgeführt, von denen ein Jahrzehnt später keiner mehr etwas gewußt haben wollte. Eine Aufführung nach der anderen war nötig, um überhaupt sagen zu können, daß man sie aufgeführt hatte. Jedem natürlich denkenden Menschen mußte dieses Theater auf die Nerven gehen. Aber wer dachte schon so. Immerhin war es, wenn man innerlich abwesend war, einigermaßen unterhaltsam. Besonders an der Decke war ständig etwas, das man noch nicht gesehen hatte. Die Verzierungen waren so versteckt angebracht, daß der Besucher an ihnen stets Neues entdeckte, ohne daß sie ausgetauscht werden mußten. Das Theater war eines der berühmtesten. Jeder konnte die Stücke fast auswendig, das war das ganze Erfolgsgeheimnis. Berühmtheit kommt nicht etwa von Qualität. Von Quantität schon eher. Was am meisten aufgeführt wird, ist berühmt. Was wiederholt wird, bis es ordentlich auf die Nerven geht, wird sicher berühmt, ohne zwangsweise berüchtigt sein zu müssen. Ich erspare mir an dieser Stelle, Beispiele dafür anzuführen. Aber noch mehr, wenn sie mit Schmerz verbunden sind, finden viele Dinge einen besonders tiefen Eingang in das menschliche Gemüt. Der Hellseher kann da gar nichts für.
Immer wieder müssen die Elektronen um die Atomkerne kreisen, damit ein Stoff bestehen kann, ja wenigstens entstehen kann. So lachhaft wie einem solche Wiederholungen auch vorkommen mögen. Ist ein lupenreiner Diamant nicht noch viel eher lächerlich, etwa wenn er tief im Boden liegt und niemand ihn finden kann? Je schöner er ist, um so lachhafter. Wieder und wieder entstehen Edelsteine unter hohem Druck tief unter der Erde. Wunderschöne Steine. Überall diese leuchtenden Farben, wo es ganz dunkel ist. Für nichts, möchte man meinen, denn viele dieser Steine wurden nie gefunden. Ein Buch wurde gelesen, aber wie oft wurde das selbe Buch noch nicht gelesen! Wie vergebens das Schreiben war. Aber auch das Theater, das man immerzu ansah, wurde durch diesen Umstand nicht besser. Ganz anders, wenn der Hellseher in die Loge kam. Dann waren alle immer so glücklich. Er war ein kräftiger geheimnisvoller Mann, der seine Helligkeit und seinen Glanz für sich hatte. War an ihm etwas nicht so schön, so rätselte man, weswegen das wohl so sei. Aber nie hatte man deshalb an ihm gezweifelt. Jeder Theaterbesucher wollte in seiner Nähe glücklich sein, und wer kein Glück hatte, bildete es sich ein. Ging es endlich zum Applaus, klatschten alle fröhlich in die Hände und riefen nach einer Zugabe. Ich weiß gar nicht, wie lange der Hellseher eigentlich nichts mehr gegessen hatte. Er tat dann immer selbstgefällig, als ob er nie etwas essen müßte, wie eine bestimmte Sorte von Heiligen. Nun, wenn er das nötig hatte, sei es ihm verziehen. Schließlich hatte er alles, sein ganzes Leben, nur für andere veranstaltet. Der Lebenshelfer. Vorbild mußte er sein. Auch dort eben, wo er von Natur aus keines sein konnte. Auf jeden Fall sollte das so sein. Er war hier nicht wie die Natur, die nur für sich selbst bestand.
Hellseher sind schon von sich aus Personen, die anderen helfen. Über sich selbst wissen sie ja schon das Meiste. Wenn sie überhaupt etwas hellsehen können, dann immer nur als einen Teil des Ganzen, des Universums oder des Weltalls, wenn man es so will. Wenn dieses Ganze auch noch so widersprüchlich und unsinnig sein sollte. Vielleicht genügt für das Ganze auch vollkommen, das Ganze zu sein. Ohne weiteres. Gewissermaßen ohne alles. Ungerechterweise wurde der Hellseher, der das Universum in gewisser Hinsicht vertrat, oft für das Widersprüchliche dieses Ganzen verantwortlich gemacht. War er denn so eng mit dem Kosmos verbunden, daß derartige Anschuldigungen gerechtfertigt waren? Möglicherweise. Aber anders hätte der Mensch eben keinen Hellseher gehabt. Man wirft den Hellsehern vor, sie seien chaotisch und, im schlimmsten Fall, etwas verschroben. Das trifft eventuell auf die ganz echten Hellseher zu, die nur noch über Kunst kommunizieren können, aber auf andere nicht. Nein, der vorbildliche Hellseher, der anderen leuchtet, führt ein extrem streng geregeltes Leben. Des Morgens steht er früh auf, das kam aus dem Buddhismus oder es war aus dem bürgerlichen Leben gegriffen, und frühstückt. Einige Langschläfer spotten gelegentlich, er würde seine Bananen grün essen, um auch hier besonders früh dran zu sein. Der Hellseher benahm sich also sehr unauffällig, wie das die meisten Hellseher taten. Das Hellsehen mußte auch praktiziert werden wie etwas völlig Normales, das man nebenbei tat, wie das Verrücken von Stühlen oder das Atmen. Extravaganzen einzubauen mußte hier schwerfallen. Hellsehen mußte sein wie das Sehen, entweder man sah etwas oder nicht. Das war ganz einfach und nichts das man unbedingt lernen mußte oder konnte.
