Der Front entkommen - Barbara Bonhoff - E-Book

Der Front entkommen E-Book

Barbara Bonhoff

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Beschreibung

Als Soldat Karl im Frühjahr 1945 erkennt, dass das Deutsche Reich den Krieg nicht mehr gewinnen kann, verlässt er seine Einheit in Ostpreußen. Er macht sich auf den Weg Richtung Heimat, ständig in der Gefahr, entdeckt und als Deserteur hingerichtet oder von russischen Soldaten erschossen zu werden. Da der Landweg von der Roten Armee versperrt ist, kämpft er sich durchs Wasser, schwimmend oder sich an Balken festhaltend, bis er von einem Rettungsschiff aufgenommen und auf die Halbinsel Hela gebracht wird. Als blinder Passagier schafft er es bis Kiel, gerät in britische Kriegsgefangenschaft, kann aber entkommen. Er versucht, sich in Zügen und zu Fuß bis Stuttgart, dem Wohnort seiner Eltern, durchzuschlagen, angetrieben von der Angst, ohne Entlassungspapiere aufgegriffen und in Gefangenschaft zurückgebracht zu werden.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 170

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Barbara Bonhoff, geboren 1956 in Müllheim/Baden, wohnhaft in Freiburg/Breisgau, studierte Bibliothekswesen an der Fachhochschule für Bibliothekswesen in Stuttgart, Europäische Ethnologie, Ethnologie und Urgeschichtliche Archäologie an der Universität Freiburg.

Barbara Bonhoff

Der Front entkommen

Der lange Weg nach Hause

 

© 2019 Barbara Bonhoff

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7482-3509-5

Hardcover:

978-3-7482-3510-1

e-Book:

978-3-7482-3511-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

Mit letzter Kraft kämpfte er sich vorwärts. Er konnte jetzt nicht mehr unterscheiden, ob das, was er wahrnahm, tatsächlich geschah oder ob es sich um Trugbilder handelte. Aus der Ferne meinte er, das Läuten von Kirchenglocken zu hören, was Erinnerungen wach rief, die ihm in Bruchstücken vor Augen traten: Seine Hochzeit vor zwei Jahren und das Glück, das er dabei empfunden hatte, die Taufe seines Patenkindes, beides Gelegenheiten, zu denen er Urlaub von der Front erhalten hatte. Auch als sein Pferd unter ihm tödlich getroffen zusammengebrochen war, hatten jenseits des Gefechtsgebietes Glocken geläutet. So schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden diese Szenen wieder. In seinen Ohren pfiff ein unangenehm hoher Ton, der vom Dröhnen von Flugzeugen aus der Ferne überlagert wurde. Am Horizont sah er schwarzen Rauch aufsteigen. Immer häufiger schluckte er Wasser und hatte Mühe, die Augen offen zu halten.

Kapitel 1: Fluchthilfe

Gretel war sofort hellwach. Im Zimmer war es stockdunkel. Sie hielt den Atem an und lauschte. Da war es wieder, das Klirren am Fenster, dann ein zweites und ein drittes Mal. Das verabredete Zeichen! Irene hatte Steinchen gegen die Scheibe geworfen. Heute war es endlich wieder soweit! Es war lebensgefährlich, was sie vorhatten. Sollten sie erwischt werden, würde Gretel zum zweiten Mal im Gefängnis landen. Nochmals würde es ihrer Mutter nicht gelingen, sie herauszuholen und vor der Verschickung ins KZ zu bewahren. Wie sie das damals gemacht hatte, wusste sie nicht. Ihre Mutter, eine überzeugte Nationalsozialistin mit guten Kontakten zu Parteigrößen, weigerte sich, darüber zu sprechen, blockte Fragen ab. Sie warf die Steppdecke ans Fußende ihres Bettes, stand auf und huschte zum Fenster, bemüht leise aufzutreten, um keine Geräusche zu verursachen. Sie ließ kurz eine Taschenlampe aufflammen, um Irene zu signalisieren, dass sie sie gehört hatte, zog sich an, nahm ihren Rucksack und tastete sich die Treppe hinunter. Das Knarzen musste im ganzen Haus zu hören sein. Aber niemand rührte sich. Aus der Küche holte sie sich ein paar gekochte Kartoffeln vom Vortag und füllte ihre Wasserflasche auf. Sie kritzelte eine Nachricht auf den Notizblock im Flur: „Gehe nach Kandern und treffe mich mit Anneliese. Sie dort gerade zu Besuch. Bin rechtzeitig zurück, um beim Bedienen zu helfen“.

Vermutlich würde dies keiner glauben, aber das spielte im Moment keine Rolle.

Ihre Schritte auf den Pflastersteinen des Kirchplatzes hallten durch die leere Gasse. Am mondlosen Firmament funkelten die Sterne, im Osten waren die Berge des Schwarzwaldes zu erahnen, der Kirchturm ragte als schwarze Silhouette in den Himmel. Schweigend liefen Gretel und Irene nebeneinander her, jede in ihre Gedanken versunken. Gretel musste an ihre Mutter denken, die ihr mit Enterbung gedroht hatte, sollte sie das noch einmal machen. Aber sie konnte nicht anders, auch wenn sie dabei ihr Leben aufs Spiel setzte. Irgendjemand musste diesen Menschen beistehen. Sie war nie ängstlich gewesen. Schon als Kind war sie zum Entsetzen ihres Großvaters auf dessen wildestem Pferd davon galoppiert. Nervenkitzel übten für sie einen besonderen Reiz aus, außerdem erfüllte es sie mit Stolz und Befriedigung, den Nazis eines auszuwischen. Sie wollte den Verfolgten helfen, unschuldigen Menschen, die niemandem etwas zu Leide getan hatten. In den Augen der Machthaber waren sie minderwertig, weil sie keine Arier, sondern Juden oder Zigeuner waren. Oder sie wurden gejagt, weil sie geäußert hatten, dass Hitler sein Volk ins Verderben führte und der Krieg nicht zu gewinnen sei.

Irene, eine Freundin aus Schulzeiten, war überzeugte Christin und Mitglied der bekennenden Kirche und sah es als ihren Auftrag, sich dem mörderischen Regime entgegenzustellen. Auch sie war bereit, alles zu riskieren.

Heute waren sie zum ersten Mal gemeinsam unterwegs. Gretel sollte ihr einen neuen Weg zeigen. Sie wusste, dass sie ihr voll vertrauen konnte, dennoch gestaltete sich der Kontakt in letzter Zeit etwas schwierig. Früher hatten sie Irenes Hektik, ihren Drang, ständig in Bewegung zu sein, ihre schnelle und laute Art zu sprechen, nicht gestört. Während der Kriegsjahre konnte Gretel dies jedoch oft nur schwer ertragen. Irene selbst schien das gar nicht aufzufallen. Sie bemerkte auch jetzt nicht, dass Gretel Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten. Erst auf Gretels leisen Zuruf „Irene, nicht so schnell!“, verlangsamte sie ihren Gang.

Als sie Vögisheim verlassen hatten, begann es im Osten langsam hell zu werden. In einiger Entfernung krähte ein Hahn, vereinzelt zwitscherte ein Vogel. Bald stieg die Sonne als großer, roter Feuerball hinter den Bergen auf. Nie zuvor war ihr der Weg zum Steinbruch, dem verabredeten Treffpunkt, so weit vorgekommen, vor allem das letzte Stück schien kein Ende zu nehmen. Der Pfad wurde immer steiler und unwegsamer. Der Regen der letzten Tage hatte den Boden ausgewaschen und tiefe Furchen gegraben. Sie konzentrierte sich so sehr auf ihre Schritte, dass sie den Läufer, der ihnen entgegen kam, erst bemerkte, als er fast an ihnen vorbei gehastet war. Es war Walter aus dem Unterdorf. Er rannte den Berg hinunter, stolperte, fing sich jedoch wieder. Er wirkte völlig verstört, schien nichts wahrzunehmen, registrierte auch den Gruß der beiden Frauen nicht. Er murmelte ununterbrochen etwas vor sich hin. Gretel verstand lediglich: „Nein. Nein. Nicht Agathe.“

Gretel war Agathe, einer Freundin, zu der sie nicht mehr viel Kontakt hatte, kürzlich begegnet. Walter war der Cousin von Agathe. Er hatte vor ein paar Wochen nach einer Schussverletzung Genesungsurlaub erhalten, müsste aber eigentlich längst wieder an der Front sein.

Agathe war Witwe, ihr Mann Gottfried war gefallen. Vor etwa vierzehn Tagen war sie ins Gasthaus Ochsen gestürmt. Gretel hatte wenige Minuten zuvor ihren Dienst als Bedienung in dem von ihrer Mutter geführten Lokal angetreten. Agathe wirkte völlig verzweifelt und verwirrt und wollte unbedingt sofort mit Gretel sprechen. Sie redete auf sie ein, sah durch sie hindurch und nahm sie nicht wirklich wahr: „Alles war umsonst, die Opfer, die vielen Toten, alles völlig sinnlos. Jemand – ich kann nicht sagen wer’s war – hat mir verraten, dass alles verloren ist, dass wir den Krieg nicht mehr gewinnen können. Nazi-Deutschland wird untergehen. Die Feinde werden sich bitter rächen und Hitler zum Tode verurteilen. Was soll ich denn nur ohne den Führer und ohne Gottfried tun? Ohne sie hat doch alles keinen Wert mehr. Ja, Gottfried hat’s gut. Er ist von allem erlöst und hat das ganze Elend hinter sich gelassen.“

Gretel versuchte, sie zu beruhigen und zu trösten, aber was sie auch sagte, ihre Worte erreichten sie nicht, sondern prallten an ihr ab.

Das ungute Gefühl, das Gretel beschlichen hatte, als sie Walter begegnet waren, verstärkte sich, als sie den Steinbruch völlig verwaist vorfanden. Sie war sich ganz sicher, dass sie sich genau an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt verabredet hatten. Irgendetwas stimmte nicht. Sie schauten sich um, liefen in den Wald hinein, blieben immer wieder stehen und lauschten, fanden aber niemanden. Gretel hätte nicht sagen können, wieso es ihr derart widerstrebte, auch in dem etwa 150 Meter entfernten Häuschen nachzusehen. Die dunkle Bretterhütte war größer, als sie sie in Erinnerung hatte. Das Ziegeldach musste kürzlich ausgebessert worden sein. Ein paar helle Ziegel hoben sich deutlich von den übrigen ab. Der offene Eingangsbereich, eine Veranda, ausgestattet mit einer Bank und einem Tisch, war sauber und aufgeräumt. Die Fenster waren mit Klappläden verschlossen, die Eingangstür war angelehnt. Gretel stieß sie ein wenig weiter auf und ging hinein. Irene setzte sich auf einen Baumstumpf.

Das Spiel von Licht und Schatten, ausgelöst durch die wenigen Sonnenstrahlen, die durch die Fensterläden drangen, wirkte gespenstisch. Im Halbdunkel herrschte ein Chaos aus umgestoßenen Stühlen, Flaschen, Tassen und Tellern, leeren Dosen, zerrissenen Büchern und Zeitungen und einem Fahrrad, dem das Vorderrad fehlte. Gretels Rucksack streifte einen Blecheimer, der laut scheppernd herunter fiel. Eine Katze schoss an ihr vorbei, streifte ihr Bein und rannte nach draußen. Sie erschrak so sehr, dass sie erstarrt stehen blieb. Sie wäre am liebsten ebenfalls hinausgestürmt, zwang sich aber, bis zum hinteren Raum zu gehen. Es stank nach Schimmel, kaltem Rauch und Urin. Staub kitzelte ihre Nase. Sie rief „Ist hier jemand?“, aber niemand antwortete.

Bis auf das Klappern der Fensterläden im Wind und dem Gurren einer Taube war nichts zu hören. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Als sie den Pulverdampf roch, spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Der Raum wirkte wesentlich ordentlicher, fast wie ein Wohnzimmer. Auf dem Stuhl und der alten Chaiselongue lagen Kinder. Der Kopf des einen lag auf der Lehne, die Hände waren über dem Bauch gekreuzt, die Fußspitzen berührten den Boden. Das Zweite lag auf dem Sofa, ein Arm und ein Fuß hingen hinunter. Sie wirkten, als ob sie schliefen. Sie beugte sich zu ihnen hinab und schrie auf, als sie sie erkannte. Es waren Klara und Annegret, die Töchter von Agathe. Vorsichtig berührte sie die Körper. Sie waren kalt, die Gelenke steif und unbeweglich. Als sie sich wieder aufrichtete, entdeckte sie eine Frau, die auf dem Teppich saß und sich an die Wand lehnte. Der Kopf war nach vorne gefallen und ruhte auf der Brust. Gretel ging in die Hocke, um das Gesicht sehen zu können. Das, was davon übrig geblieben war, genügte, um zu erkennen, dass es Agathe war. Dann fiel ihr Blick auf die Wand hinter der Toten. Sie war blutverschmiert, verklebt mit Hautfetzen, Haaren, Hirnmasse und Knochensplittern. Auf dem Boden lag eine Pistole. Erneut schrie sie laut auf. Knirschend zerbarsten Scherben von Glas und Porzellan unter ihren Füßen in kleinere Teile, als sie aus der Hütte flüchtete. Beinahe hätte sie Irene umgeworfen, die, alarmiert durch Gretels Schreie, auf sie zu rannte.

„Nicht weiter, nicht weiter, geh raus!“

Gretel packte sie am Arm und zog sie mit sich. Vor der Hütte sank sie auf den Boden, zitterte und fror. Sie konnte nicht mehr sprechen, helle Punkte tanzten vor ihrem Gesicht, während ihr langsam schwarz vor Augen wurde. Gedämpft, wie durch Watte, hörte sie Irenes ängstliche Stimme: „Gretel, Gretel, was ist, was ist los?“

Sie war nicht in der Lage, zu antworten. Irene legte den Arm um sie und drückte sie an sich. Gretel wusste nicht, wie lange sie, nur halb bei Bewusstsein, auf dem Boden gesessen hatte. Irgendwann rief Irene: „Da hinten, schau, sie kommen!“

Langsam kam Gretel wieder zu Kräften. Sie musste sich zusammenreißen. Den Menschen in der Hütte konnte sie nicht mehr helfen, aber das Überleben dieser Familie hing von ihr ab. Ohne sie würden sie den Trampelpfad nicht finden. Als sie langsam, sich an Irene festhaltend, aufgestanden war, hatten sie die Hütte erreicht. Wilhelm – sein Deckname, die wahre Identität kannte sie nicht – hielt in der rechten Hand einen Wanderstock mit blauer Schleife als Erkennungszeichen. Seine linke Hand umschloss die eines etwa sieben Jahre alten Mädchens, das einen großen Teddybären an sich drückte. Es hatte schulterlange, blonde Locken. Seine großen graublauen Augen, umrahmt von auffallend langen dunklen Wimpern, blickten Gretel verstört an. Mit seiner Lederhose, den schweren Winterschuhen und der Schirmmütze war es wie ein Junge gekleidet. Die Mutter, Codenamen Olga, stand hinter den beiden. Der lange, etwas enge schwarze Rock und die spitzen Halbschuhe mit den etwa drei Zentimeter hohen Absätzen waren eher für einen Stadtbummel als für einen Marsch durch den Wald geeignet. Unter ihrem grauen Kopftuch zeichnete sich ein Dutt ab. Das Gesicht war hochrot, die schmalen, blassen Lippen zusammengepresst, die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen.

„Entschuldigung“,

Wilhelm war so schnell gelaufen, dass er nicht gleich weitersprechen konnte. „Es ging nicht eher. Ich hab‘ alles versucht.“

Er war auffallend klein, Olga war einen Kopf größer. Alles an ihm war grau, sein Mantel, der bis fast auf den Boden reichte, Wollschal, Hut und Sonntagsschuhe. Selbst sein Teint war gräulich, was ihn schwach und kränklich wirken ließ. Seine feste Stimme und seine aufrechte, schulterbetonte Körperhaltung vermittelten jedoch einen anderen Eindruck. Sie ließen auf einen Menschen schließen, der es in einem früheren Leben gewohnt war, Anordnungen zu treffen und Befehle zu erteilen.

„Die Kleine war mir in die Hütte gefolgt. Bevor ich’s verhindern konnte, hat sie die Toten gesehen. Sie ist schreiend heraus in den Wald gerannt. Sie rannte und rannte, einfach drauflos. Wir holten sie erst ein, als sie hingefallen war. Sie wollte auf keinen Fall zur Hütte zurückkehren und klammerte sich an einen Baum. Ich musste sie mit Gewalt losreißen.“

„Ich weiß, ich hab’s gesehen, ich war auch drin. Wir müssen so schnell wie möglich hier weg“, erwiderte Gretel.

Etwa 100 Meter vom Steinbruch entfernt stießen sie auf den Pfad, der hinter dem Gebüsch nicht zu sehen war. Sie zwängten sich zwischen den Hecken hindurch und hasteten den Weg entlang. Nicht immer gelang es Gretel, sich vor zurück schnellenden Zweigen zu schützen. Äste zerkratzen ihre Arme und Beine und ruinierten ihre Strümpfe. Wilhelm und Olga waren in ihrem Schuhwerk nicht sehr trittsicher, stolperten über Wurzeln und Steine, an feuchten und glitschigen Stellen gerieten sie ins Rutschen. Olga stürzte, schlug sich das Knie auf, stand auf, lief weiter und achtete nicht darauf, dass es blutete. Das Mädchen rannte in seinen schweren Schuhe behände und leichtfüßig, ohne zu quengeln oder zu klagen, als wollte es so schnell wie möglich dem grauenvollen Bild in der Hütte entfliehen.

Sie erreichten einen breiten Forstweg, eine der Stellen, an der die Gefahr groß war, gesehen zu werden. In der Nähe befand sich eine Quelle mit einem Brunnen, aus der angeblich besonders mineralreiches Wasser sprudelte. Immer wieder kamen Bewohner der umliegenden Ortschaften und füllten Wasser ab. Als sie aus den Bäumen heraustraten, war niemand zu sehen oder zu hören. Sie folgten dem breiten Weg ein paar Meter, bis sie an den Punkt kamen, an dem der Pfad weiterging. Auch dieser lag hinter Bewuchs verborgen und war nur wenigen bekannt. Sie hatten den Eingang gerade erreicht, als Gretel in der Ferne ein Brummen hörte. „Schnell, beeilt Euch! Es kommt ein Auto!“, rief sie den Nachfolgenden zu. In dem Moment, als Irene, das Schlusslicht der kleinen Gruppe, hinter den Sträuchern verschwunden war, hörte Gretel, dass ein Wagen an ihnen vorbeischoss. Steinchen spritzten zur Seite und trafen ihre Beine.

Der Weg war nun weniger abschüssig, sodass Wilhelm und Olga das Gehen leichter fiel. Er war jedoch teilweise so überwuchert, dass Gretel Mühe hatte, dem Verlauf zu folgen. Obwohl die Temperaturen angenehm waren, schwitzte sie so sehr, dass ihr der Schweiß in den Augen brannte. Auch war ein Stein in ihren Schuh eingedrungen und rieb an ihrem kleinen Zeh.

Sie machten nur zweimal kurz Rast, damit sich das Mädchen ausruhen, etwas essen und trinken konnte. Gretel nutzte die erste Pause, um das Steinchen aus ihrem Schuh zu entfernen. Sie verspürte weder Hunger noch Durst und nahm auch ihre Erschöpfung kaum wahr, zu groß war die Angst, nicht rechtzeitig am Treffpunkt, einem alten Holzkreuz, anzukommen. Die Fluchthelfer, die sie und Irene ablösen und die Familie in die Schweiz bringen sollten, würden nicht lange warten. Gretel kannte keine Einzelheiten, sie wusste lediglich, dass der Zeitplan unbedingt eingehalten werden musste. Das Kreuz befand sich etwas abseits des Weges. Kurz bevor sie es erreichten, rannte ihnen eine junge Frau entgegen. „Endlich! Ihr seid viel zu spät dran. Länger hätte ich nicht mehr gewartet.“

Gretel hatte jemand ganz anderen erwartet. Dieser Schweizerin war sie noch nie begegnet. Als sie direkt vor ihr stand, sah sie, dass sie höchstens 18 Jahre alt sein konnte. Mit ihren langen, dunkelblonden Zöpfen sah sie wie eine Pennälerin aus. Es fehlte lediglich der braune, lederne Schulranzen. Stattdessen trug sie einen Rucksack aus grünem Stoff, auf den seitlich eine Schweizer Flagge eingestickt war. Sie wirkte sehr nervös und unsicher. Als sie Gretels Überraschung bemerkte, erklärte sie: „Urs konnte nicht kommen, deshalb hat er mich geschickt“. Noch bevor Gretel etwas erwidern konnte, fuhr sie fort: „Wir müssen sofort weiter“. Sie nahm das Kind an der Hand und eilte zum Pfad hinunter. Wilhelm und Olga hasteten hinterher.

Die Übergabe verlief so schnell, dass Gretel und Irene sich nicht von der Familie verabschieden konnten. Wilhelm drehte sich nach wenigen Metern um und rief: „Vielen, vielen Dank!“

Gretel konnte gerade noch antworten: „Gern geschehen, alles Gute!“, dann war die Gruppe hinter einer Kurve verschwunden.

Diesmal verspürte sie keine Erleichterung, ihre Schützlinge wohlbehalten übergeben zu haben. Sie hoffte, dass der Backfisch mit seiner Aufgabe nicht überfordert war und in brenzligen Situationen nicht die Nerven verlieren würde. Noch war die Familie nicht in Sicherheit, hatte die Grenze nicht überschritten und konnte in letzter Minute aufgegriffen werden. Wussten Wilhelm und Olga, dass die Kleine ihre Rettung sein würde, sollten sie in der Schweiz gefasst werden, bevor sie ihr Ziel, einen Bauernhof in den Alpen, erreicht hatten? Gretel hatte es nicht glauben können. Lediglich Personen, die ein Kind dabei hatten, durften in der Schweiz bleiben und kamen in ein Lager. Die anderen wurden zurückgeschickt, oft in den sicheren Tod.

Sie dachte auch an die Toten in der Hütte. Die Bilder, die sie zuvor verdrängt hatte, kamen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, wieder in ihr Bewusstsein. Wie verzweifelt, aber auch verblendet musste Agathe gewesen sein? Die Kleinen hätten ihr Leben noch vor sich gehabt.

Die ersten Gäste hatten gerade Platz genommen, als Gretel den Gasthof betrat. Ihre Mutter sprach sie nicht auf die Notiz an. Ihr Blick verriet aber, dass sie ahnte, was Gretel getan hatte. Diese hatte gehofft, sich in die Arbeit stürzen und die schrecklichen Szenen vergessen zu können. An diesem Abend gab es aber kaum ein anderes Gesprächsthema als Agathe, die sich umgebracht und ihre beiden Töchter mit in den Tod genommen hatte. Gretel vermied es, soweit es ihr möglich war, sich an der Unterhaltung zu beteiligen.

Als sie kurz nach Mitternacht zu Bett ging, fand sie lange Zeit keinen Schlaf. Sie fragte sich, ob sie Agathe nicht hätte helfen können und wie es Karl, ihrem Mann, ging, der an der Ostfront kämpfte.

Ihre erste Begegnung stand ihr deutlich vor Augen. Sie hatte den jungen Mann nie zuvor im Gasthaus Ochsen gesehen. Er war sehr schlank, etwas größer als sie, das runde Gesicht von einem dunklen Lockenkopf umrahmt. Zusammen mit zwei Kameraden setzte er sich an den Tisch neben der Eingangstür. Als sie an ihm vorbei ging, drehte er den Kopf in ihre Richtung und sagte zu seinen Kumpels: „Die werde ich heiraten!“

„Was fällt ihnen ein?“, fuhr sie ihn wütend an. Ohne ihm die Chance zu geben, darauf zu reagieren, drehte sie ihm den Rücken zu und ging zur Theke.

Aber er sollte Recht behalten. Etwa zwei Jahre später, im Frühjahr 1941 kurz vor Karls 25. Geburtstag, traten sie vor den Traualtar.

1939 war Karl von seiner Tätigkeit als technischer Kaufmann in Stuttgart abberufen und nach Feldberg, ein Dorf in Südbaden wenige Kilometer von Gretels Zuhause entfernt, geschickt worden, um seinen Reichsarbeitsdienst abzuleisten. Er stürzte bei Waldarbeiten und brach sich den Fuß. Man quartierte ihn in der Nähe des Gasthofs ein. Auf Bitten seines Vorgesetzten brachte sie ihm das Mittagessen. Jedes Mal strahlte er sie mit großen braunen Augen an. Seinem Charme, seiner Herzlichkeit und Dankbarkeit konnte sie nicht widerstehen. Es dauerte nicht lange, und sie hatte sich bis über beide Ohren in ihn verliebt.

Jetzt wusste sie nicht einmal, ob er noch am Leben war. War er verwundet und lag irgendwo im Lazarett? Litt er unter Hunger und Schmerzen? Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Erst der Gesang einer Nachtigall durchbrach ihr Grübeln, ließ sie zur Ruhe kommen und ins Reich der Träume hinübergleiten.

Kapitel 2: An der Front

„Halt, stehen bleiben!“, brüllte der Oberleutnant.

Der Soldat schien die Rufe nicht wahrzunehmen. Er rannte aus dem Lager hinaus, ohne auf seine Umgebung oder den Untergrund zu achten. Im Laufen riss er sich die Uniformjacke vom Leib, schmiss die Waffe auf den Boden, zog sich den Helm vom Kopf und schleuderte ihn von sich. „Der Krieg ist verloren! Der Führer verheizt uns! Alles Lügen!“, stieß er hervor. Er stürzte, grub seine Hände in den Boden und gab unverständliche Laute von sich. Hauptwachtmeister Karl hätte nicht sagen können, ob er weinte oder lachte. Kameraden rannten auf ihn zu, halfen ihm auf und brachten ihn ins Lager zurück. Erneut schrie der Oberleutnant: „Wehrkraftzersetzung! Die Strafe wird sofort vollstreckt! Müller erschießen Sie ihn!“