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Die Erzählung spielt in den 1970-er Jahren. Die Generation, die in der Phase des Wirtschaftswunders geboren wurde, ist erwachsen geworden. Manche kopieren die Werte ihrer Eltern, andere lehnen sie aus Prinzip ab, und wieder andere suchen einen eigenen Weg zwischen materiellem Spießertum, linksradikalem Fanatismus und der Unbeschwertheit der Flower-Power-Bewegung. Es herrscht Freiheit, sie lässt alle Träume zu. Aber welche will und kann man leben?
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Seitenzahl: 393
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das Buch
spielt in den 1970-er Jahren. Die Generation, die in der Phase des Wirtschaftswunders geboren wurde, ist erwachsen geworden. Manche kopieren die Werte ihrer Eltern, andere lehnen sie aus Prinzip ab, und wieder andere suchen einen eigenen Weg zwischen materiellem Spießertum, linksradikalem Fanatismus und der Unbeschwertheit der Flower-Power-Bewegung. Es herrscht Freiheit, sie lässt alle Träume zu. Aber welche will und kann man leben?
Die Autorin
Friederike Gahm wurde1954 in Wetzlar geboren. Während ihrer Schulzeit lebte sie in Stuttgart, wurde schon früh süchtig nach Büchern, übte sich auch selbst im Schreiben, initiierte eine Schülerzeitung und plante für sich eine Zukunft als Journalistin.
Sie studierte Jura sowie Volks- und Betriebswirtschaft in Tübingen und Frankfurt.
Nach ihren Diplomabschlüssen war sie zunächst in einer internationalen Consulting-Firma tätig. Die Arbeit gefiel ihr so gut, dass sie den Schritt wagte, sich als Unternehmensberaterin selbständig zu machen, auch wenn es den Abschied vom Journalismus bedeutete. Sie arbeitete viele Jahre vor allem auf dem Sektor der internationalen Zusammenarbeit und beriet Organisationen in Afrika, Asien und Südamerika.
Die Literatur blieb immer ihr Refugium, und ihre Literaturauswahl wurde durch die vielen internationalen Kontakte ungewöhnlich facettenreich. Nun ist es Zeit, nicht mehr nur zu lesen, sondern auch wieder aktiv zu schreiben.
Der Frühlingsschläfer
Friederike Gahm
© 2020 by Friederike Gahm
Autor: Friederike Gahm
Umschlaggestaltung, Illustration: Theo Schmidt
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN:
978-3-347-07970-0
978-3-347-07971-7
978-3-347-07972-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.d-nb.de.
1
Na, sagt mein Alter Ego verdächtig freundlich, wie fühlst du dich? Ich versuche es mit Ignorieren, aber mein Alter Ego ist hartnäckig. Mies, brumme ich schließlich. Mein Alter Ego schweigt befriedigt. Es ist so zufrieden, dass es sich sogar ein Siehst-Du verkneifen kann. So benimmt man sich nicht, fährt es nach einer Weile fort und zieht vorwurfsvoll die Augenbrauen hoch. Ich widerspreche nicht, was es mir natürlich als Zustimmung auslegt. Was gedenkst du zu tun, erkundigt es sich. Ich bleibe stumm. Du könntest doch, schlägt mein Alter Ego spöttisch vor, deinen Sinn fürs Dramatische austoben. Du könntest zum Beispiel auf die Beerdigung gehen, in Schwarz gekleidet, sodass deine blonden Haare, auf die du so stolz bist, voll zur Geltung kommen, und reuig am offenen Grab niedersinken. Du wärst sicher rührend ergreifend, glaubst du nicht? Hör auf, sage ich böse. Mein Alter Ego lächelt erfreut und schweigt. Ich habe ihn schließlich nicht umgebracht, knurre ich, oder willst du mir das vielleicht vorwerfen? Nein, entgegnet mein Alter Ego ganz sanft. Ich kann auch nichts dafür, wenn dieser Mensch wie ein Irrer Auto fährt und sich beim Überholen den Schädel einrennt, verteidige ich mich unwillig. Oder bin ich vielleicht gefahren? Nein, sagt mein Alter Ego immer noch sehr freundlich, so riskant würdest du natürlich nie fahren. Du bist eine vorzügliche Autofahrerin, fährst rücksichtsvoll und defensiv, beachtest die Verkehrszeichen - es sei denn du hast schlechte Laune, so wie gestern zum Beispiel. Ich sehe aus dem Fenster und versuche unbeteiligt zu fragen, ob dies eine Diskussion über meine Fahrkünste sei. Leider nein, antwortet mein Alter Ego. Ich sehe weiterhin aus dem Fenster und stelle fest, dass der Wald langsam einen zarten Grünschimmer bekommt, es wird endlich Frühling. Genau, sagt mein Alter Ego, es wird Frühling, und Norbert ist tot. Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich nichts dafür kann, fahre ich meinen Quälgeist an. Natürlich, bestätigt er, natürlich, aber du kannst etwas für Silvester.
Unzweifelhaft kann ich für Silvester an sich nicht verantwortlich gemacht werden. Hätte ich irgendeinen Einfluss auf die Existenz dieses Tages, so würde ich ihn ersatzlos aus dem Kalender streichen, denn er verdirbt mir regelmäßig die Gemütlichkeit der Nachweihnachtszeit. Kurz vor dem Jahresletzten macht sich eine sehr eigenartige und unerfreuliche Stimmung in mir breit, die sich am Ultimo zu ihrer Höchstform entwickelt. Sie setzt sich zusammen aus einer gewissen Unzufriedenheit mit dem, was war, und aus einem bisschen Angst vor dem, was wird. Hinzu kommt der mahnende Zeigefinger der Vergänglichkeit, der zwar täglich drohen möchte, doch nur am Jahresende die ihm gebührende Wichtigkeit zugestanden bekommt. Unbehaglich werden diese Gefühle allerdings erst dadurch, dass man sie mit Jubel, Trubel, Heiterkeit paaren muss, denn an Silvester ist Stimmung angesagt.
Vielleicht würde ich diesem Datum etwas weniger skeptisch entgegensehen, wenn ich aus der Erinnerung einige gelungene Silvesterfeiern aufzählen könnte. Das ist leider nicht der Fall. Bereits in meiner Kindheit, wo sich der fragliche Tag wenigstens dadurch auszeichnete, dass ich bis Mitternacht aufbleiben durfte, fehlte es bei mir an innerer Fröhlichkeit. Der Abend des Jahresletzten lief stets sehr zeremoniell im Hause meiner Großeltern ab und begann mit einem Karpfenessen. Zwar war meine Großmutter eine hervorragende Köchin, doch gelang es auch ihr nicht, meinen Geschmack an diesem grätigen Ungeheuer in Blau zu wecken. Ich mogelte mich daher durch das Festessen, indem ich meinen Hunger an Kartoffeln stillte, die auf meinem Teller kleine Inseln in einem Buttersee bildeten, und heuchelte möglichst glaubhaft Begeisterung für den Fisch, den ich vorsichtshalber so ungeschickt von Haut und Gräten befreite, dass nicht mehr allzu viel zum Essen übrig blieb. Dabei verhielt ich mich unauffällig-manierlich, um keine Aufmerksamkeit auf mich oder meinen Teller zu lenken. Diese Anstrengung ließ sich relativ einfach überstehen, wenn ich an den Nachtisch dachte, der zum Glück ebenso unvermeidlich zu Silvester gehörte wie der lästige Karpfen. Er war eine raffinierte Mischung aus Orangensaft, Wein, Eiern und Sahne, zu herrlich, um nur als Orangencreme bezeichnet zu werden. Wenn die Schüssel mit dem ersehnten Inhalt endlich auf den Tisch kam, machte ich dem Karpfen in Gedanken eine lange Nase; ich löffelte mein Dessert mit aller Hingabe, um den Genuss völlig auszukosten. Jedes Jahr stieß es erneut auf Verwunderung, dass ich - sonst eine recht mäßige Esserin - nach dem schweren Hauptgang noch so viel Süßes verzehren konnte.
Dieser kulinarische Höhepunkt hätte von mir aus das Ende dessen sein können, was man Silvester nennt. Leider fing es aber gerade danach erst richtig an, seine reiche Palette an Nuancen der Langeweile zu entfalten; nach dem Essen begann die zähe Warterei bis Mitternacht. Mein Großvater versuchte vergeblich, die Zeit durch Fernsehen zu verkürzen. Jede einzelne Minute beharrte auf ihrem Recht. Und so warteten wir - zunächst zusammen mit dem Zigeunerbaron, später als Zaungäste einer Silvesterparty, auf der sich alle beneidenswert glänzend amüsierten. Ich hätte ohne Zögern das Taschengeld mehrerer Wochen geopfert, um einmal an einem solchen Fest teilzunehmen. Natürlich war diese Idee illusorisch, und mir blieb nichts anderes übrig, als mich in einem rauschenden Abendkleid auf einen Phantasieball zu denken, dessen Kulissen viel prächtiger waren als die dürftige Fernsehdekoration. Meine Träumereien wurden nicht oft unterbrochen. Hin und wieder stand meine Großmutter auf, um für Nachschub an Wein zu sorgen oder irgendwelche Knabbereien aufzufüllen. Ihr Kommen und Gehen hätte ich wohl kaum bemerkt, wenn sich nicht meine Mutter jedes Mal genötigt gefühlt hätte, der alten Dame wortreich ihre töchterlichen Dienste für derartige Gänge zu offerieren. Mich bezog sie in die Angebote ein - mit hochgezogenen Augenbrauen, dass ich nicht von selbst darauf gekommen war. Ob diese Pflichtübungen meiner Mutter tatsächlich eine Hilfe waren, bezweifle ich, aber sie schaffte es dadurch, eine Unruhe zu verbreiten, die meiner Stimmung den Rest gab.
Kurz vor Mitternacht erschien endlich das Zifferblatt einer Uhr auf dem Bildschirm, überdimensional und hässlich. Man durfte aufatmen; die Prozedur war bald überstanden. Während ich hoffnungsvoll den Sekundenzeiger beobachtete, kam im Wohnzimmer allgemeine Betriebsamkeit auf. Zunächst wurde das Licht angeknipst, meine Großmutter holte ein vorbereitetes Tablett mit Sektgläsern herbei, mein Großvater verglich den Zeigerstand der großen, ehrwürdigen Standuhr im Wohnzimmer mit der nüchternen Fernsehuhr, und mein Vater bekam die Sektflasche in die Hand gedrückt, begleitet von dem alljährlichen Ratschlag meiner Mutter, sofort mit dem Entkorken zu beginnen, damit der Knall genau auf die Sekunde erfolge. Mein Vater grunzte eine Antwort, ließ sich bei der Zeremonie nicht reinreden, zelebrierte sie mit einer Kunstpause, bevor er endlich anfing, den Draht gemächlich aufzuzwirbeln. Dieser Moment war immer wieder spannend, auch wenn ich aus Erfahrung wusste, dass der Korken exakt auf den letzten Schlag, den die alte Standuhr in dem Jahr von sich geben sollte, aus der Flasche schießen würde.
Dann ließ man die Gläser klingen, wünschte sich Glück und schien allseits sehr erleichtert, dass man nun wieder 365 Tage Zeit hatte, bis es galt, die nächste Silvesterfeier in Angriff zu nehmen. Während draußen die ersten Leuchtraketen am Himmel aufstiegen und die Glocken das neue Jahr einläuteten, entwickelte sich eine schüchterne Fröhlichkeit. Ich nippte langsam an meinem Sekt, den ich fast so gern mochte wie die Orangencreme; ganz allmählich kroch eine wohlige Müdigkeit in mir hoch. Der ungewohnte Alkohol sprudelte meine Silvesternöte hinweg; der Jahreswechsel war überstanden. Ich meinte, plötzlich einen Zipfel Glück erwischt zu haben und fühlte eine beschwingte Feierlichkeit angesichts des Neuen, das soeben begonnen hatte. Die Erwachsenen unterhielten sich lebhaft über dies und das. Ich beobachtete sie aus meiner schillernden Seifenblase heraus und schnappte nur vereinzelte Wortfetzen auf.
Wenn die erste Stunde des neuen Jahres vorbei war, gingen wir gewöhnlich nach Hause. Wir wohnten in einem Stuttgarter Vorort, nur wenige Minuten von meinen Großeltern entfernt, und der Rückweg durch die klare, kalte Januarnacht war nur kurz, leider viel zu kurz. Wenngleich Spaziergänge von mir normalerweise unwillig absolviert wurden, hätte ich in der Neujahrsnacht gern mehrere Kilometer zurückgelegt. Unterwegs hoffte ich, dass niemand etwas sagen würde, um nicht die merkwürdig mystische Stimmung zu stören, die diese Nacht auszustrahlen schien. Vielleicht lag es an der ungewohnten nächtlichen Stille, gepaart mit meiner Müdigkeit, dass mir alles so geheimnisvoll erschien; vielleicht wirkten die Sterne nur deshalb so leuchtend, weil ich sie sonst zu einem Zeitpunkt betrachtete, an dem die Umgebung noch viel heller war; vielleicht war es auch bloß der Sekt, der mich besonders empfindsam machte. Jedenfalls fühlte ich auf dem Heimweg, dass die Nacht und ich eine unerklärliche Einheit bildeten. Ich war ganz allein mit ihr, und sie gehörte ausschließlich mir, bis von außen etwas in diese Harmonie einbrach und sie zerstörte. Schon irgendeine überflüssige Bemerkung genügte, und alles war vorbei. Wenn ich Glück hatte, beendete erst das Anschalten der Hausflurlampe meine Euphorie, dieses einzigartige Gefühl, dieses absolute Liebesempfinden - so bedingungslos, dass es nicht lange währen konnte. Bis zum letzten Augenblick blieb es vollkommen. Es existierte oder existierte nicht und war in seiner Kompromisslosigkeit von jedem äußeren Einfluss zerstörbar. Ich versuchte, diesen Zustand in mir zu bewahren, um ihn vor dem Einschlafen noch einmal ganz für mich allein zu erleben. Es gelang nie.
Wenn ich im Rückblick die Silvestererlebnisse einem bestimmten Jahr zuordnen will, ist mir dies unmöglich. In der Erinnerung scheint sich alles an einem einzigen langen Abend abgespielt zu haben, irgendwann Ende der sechziger Jahre. Verschiedene Fernsehprogramme gehen ineinander über, verschiedene Sänger kämpfen wie ein Mann gegen unendliche Minuten, verschiedene Tänzer verschmelzen zu einem Riesenballett. Auch weiß ich nicht zu sagen, wie viele dieser so genannten Feiern ich miterlebt habe. Vielleicht waren es fünf, vielleicht sechs; auf jeden Fall waren es zu viele.
2
Als meine Großeltern nicht mehr lebten, änderte sich die Silvesterprozedur. Der erste Jahreswechsel, der anders zu werden versprach und auch wirklich ganz anders wurde, gab sich besonders verheißungsvoll. Ich war inzwischen neunzehn Jahre, stand unmittelbar vor dem Abitur und war außerdem unsterblich in einen meiner Lehrer verliebt. Er unterrichtete nicht nur mittelhochdeutsche Minnelyrik in meiner Klasse, sondern hatte auch noch den selben Vornamen wie der Dichter Walther von der Vogelweide - nur ohne h. Diesen kleinen Stilbruch übersah ich großzügig. Er war Anfang dreißig, groß und schlank, unverheiratet und ohne Konkurrenz in einem Lehrerkollegium, in dem die wenigen Vertreter des männlichen Geschlechts bereits kurz vor der Pensionierung standen. Es ist wohl nicht verwunderlich, dass ich mich in ihn verliebte und mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit versuchte, ein Tête-à-tête einzufädeln; verwunderlich ist vielmehr, dass meine phantasievollen Bemühungen schließlich Erfolg hatten und Walter bei einem Glas Wein, fernab von Schule, Kollegen, Eltern und sonstigen Störfaktoren meinte, er sei ebenfalls in mich verliebt. Zu diesem Geständnis ließ er sich an einem Spätherbsttag hinreißen. Der Himmel war aus blauer Seide; ich hatte das Glück entdeckt. Aber mein himmelblaues Glück blich ziemlich schnell aus. Es wurde fleckig. Ich weigerte mich, die Wandlung zur Kenntnis zu nehmen. Unter üblichen Bedingungen wäre ich des Flirts wahrscheinlich längst überdrüssig gewesen, aber hier spielte der Reiz des Verbotenen mit. Jedes Treffen baute sich auf einem fein gesponnenen Lügennetz auf, vor jedem Telefonanruf galt es, ungeahnte Hindernisse zu überwinden, jeder tiefe Blick während des Unterrichts brachte den Nervenkitzel mit sich, ob ihn noch ein Dritter bemerken würde. Nichts war selbstverständlich; Langeweile und Gewohnheit bekamen keine Chance. Das Leben war aufregend wie nie. Außerdem erhielt ich indirekten Zugang zum Lehrerzimmer, denn mein Angebeteter war redselig und ließ sich bereitwillig aushorchen. Ich war über allen Lehrerklatsch bestens informiert und betrachtete meine Schulumgebung mit der freundlichen Herablassung der Wissenden.
Zu Beginn der Weihnachtsferien lud Walter mich zu einem gemeinsamen Silvester ein. Mein Glück war sofort wieder von ungetrübtem Himmelblau. Wir würden bei ihm zu Hause feiern, dachte ich, träumte von Zärtlichkeit und von Minne. Es überraschte mich sehr, als sich herausstellte, dass er mit mir zu einem Silvesteressen gehen wollte - offensichtlich ganz ohne die üblichen Bedenken, gemeinsam etwas vor den Augen der gefürchteten Öffentlichkeit zu unternehmen. Diese Ankündigung übertraf alle Erwartungen. Ich versuchte mir vorzustellen, dass wir wie jedes normale Liebespärchen zusammen tanzen würden, und war ganz sicher, dass alle meine bisherigen Silvesterträumereien kläglich waren, verglichen mit dem, was nun kommen sollte. Die Zeit schlich. Am liebsten hätte ich einige Tage aus dem Kalender gestrichen. Weihnachten, sonst das glänzende Ereignis des Jahres, verblasste vor dem Bevorstehenden. Weder Gabentisch noch Tannenbaum gelang es, mich vollkommen in ihren Bann zu ziehen. Selbst der spannende Moment, als meine Eltern ihre Päckchen auswickelten, die ich zuvor wie immer stundenlang eingepackt und verziert hatte, büßte gehörig an Reiz ein. Weihnachten war nur noch Nebensache. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ihm etwas anderes den Rang abgelaufen. Weihnachten war erwachsen geworden.
Die Tage danach vergingen wesentlich schneller. Ich dachte lange über eine offizielle Silvestergestaltung nach, die elterlichen Bedenken standhalten konnte. Leider war mein Vorzeigefreund, den ich vor allem als Alibi für meine anderweitigen Verabredungen missbrauchte, zum Jahresende verreist und hatte diese Tatsache auch noch überall herumerzählt. Ich musste mir also etwas Neues einfallen lassen. Es schien mir ratsam, möglichst nahe bei der Wahrheit zu bleiben, und so konstruierte ich eine Party, die bei jemandem aus meiner Klasse stattfinden sollte. Fortuna war mir wohlgesonnen; wider Erwarten gaben sich meine Eltern mit meinen recht fragmentarischen Informationen zufrieden und hakten nicht weiter nach. Ich konnte ungestört zur Detailplanung übergehen. Einen ganzen Nachmittag verbrachte ich in der Stadt, um einen symbolträchtigen Talisman zu finden, den ich Walter um Mitternacht geben wollte. Dabei strapazierte ich die Geduld mehrerer Verkäuferinnen, durchlitt die Qual der Wahl und kaufte schließlich einen winzigen Elefanten aus Jade, für den ich willig einen unverschämten Preis bezahlte. Natürlich musste rechtzeitig überlegt werden, was ich am bewussten Abend anziehen würde. Ich probierte alle in Frage kommenden Möglichkeiten durch. Nach vielem Hin und Her fiel meine Wahl auf das edelste Kleid, das ich besaß, ein Seidenes. Es war dem Anlass angemessen. Diese Entscheidung wurde allerdings durch das Fehlen einer passenden Strumpfhose gefährdet, sodass ich schließlich meine letzten Ersparnisse zusammenkratzen musste, um ein besonders hauchdünnes Paar zu erstehen.
Während dieser minutiösen Vorbereitungen befand ich mich in ständiger Euphorie, durchlebte sämtliche Stadien der Vorfreude und genoss die Weltumarmstimmung aller Verliebten. Schon waren die vier Tage nach Weihnachten vorüber, ein nieseliger, grauer Silvestermorgen zog vorbei, und es war soweit: Ich konnte anfangen, mich zum Ausgehen fertig zu machen. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, nicht zu früh mit dem Anziehen anzufangen, war ich viel zu früh fertig und sortierte immer wieder den Inhalt meiner Handtasche im Kampf gegen die letzte halbe Stunde. Sie verstrich langsam, aber sie ging vorbei. Und dann war es wirklich Zeit aufzubrechen. Endlich. Ich verabschiedete mich von meinen Eltern unter sehr vagen Andeutungen, wann mit meiner Rückkehr zu rechnen sei. Mein Vater, normalerweise in diesem Punkt auf größte Genauigkeit bedacht, zeigte sich ungewohnt großzügig - es war ja Silvester.
Draußen schlug mir ein nasskalter Wind ins Gesicht, aber es regnete nicht mehr. Wir hatten uns in Walters Wohnung verabredet, denn er hielt es für zu riskant, mit dem Auto in der Nähe meines elterlichen Domizils, sozusagen vor der Höhle des Löwen, zu warten. Ich sah das natürlich ein, wie ich alles einsah, was Walter sagte. Sicherheitshalber machte ich sogar einen Umweg, ging ein Stückchen in Richtung Straßenbahnhaltestelle, schlug erst an der nächsten Ecke einen Haken und eilte meinem eigentlichen Ziel entgegen. Walter wohnte in einem abgelegenen, kleinen Nachbarvorort, zu dem es keine öffentliche Verkehrsverbindung gab. Das bedeutete für mich eine reichliche halbe Stunde Fußweg, denn an ein Taxi war nach Anschaffung der teuren Strumpfhose nicht zu denken. Obwohl ich sehr schnell ging, fast rannte, kroch die Kälte schon nach kurzer Zeit in mir hoch. Meine dünnen Lackschuhe bestanden aus vielen kunstvoll verschlungenen Riemchen, waren sehr elegant und für das Waschküchenwetter denkbar ungeeignet. Auch der Hauch von einer Strumpfhose war nicht als Bekleidung für einen Winterspaziergang gedacht. Die Zehen wurden erst feucht, dann steif, und an meinen Beinen piksten unzählige kleine Nadeln.
Die Nacht war dunkel; Sterne und Mond versteckten sich hinter einer beinahe lückenlosen Wolkendecke. Ich war froh, dass die schlecht beleuchtete Landstraße wenigstens einen asphaltierten Fußweg hatte, sonst wäre ich wesentlich langsamer vorangekommen. Unterwegs begegnete ich niemandem. Nur wenige Autos fuhren vorbei. Eines hielt sogar an, und ein älterer Herr fragte, ob er mich irgendwohin mitnehmen könnte. Er schaute mitleidig-verwundert auf meine Schuhe, meinte es wohl gut, aber angesichts der Einsamkeit war mir seine Hilfsbereitschaft suspekt. Ich bekam es mit der Angst zu tun, lehnte das Angebot hastig ab. Er schüttelte den Kopf und fuhr weiter. Ich versuchte, nicht daran zu denken, was meine Eltern sagen würden, wenn sie mich bei meiner abendlichen Wanderung sähen, und setzte meinen Weg unverdrossen fort. Endlich sah ich die Lichter des nächsten Ortes, noch weitere fünf Minuten, und ich stand vor Walters Wohnungstür. Bevor ich auf den Klingelknopf drückte, brachte ich meine Haare so weit in Ordnung, wie das mit steif gefrorenen Fingern möglich ist. Dann erst klingelte ich.
Walters Begrüßung fiel lauwarm aus. Er nahm kaum Notiz von mir, bot mir endlich einen Whisky an. Ich nahm ihn pur, um mich aufzuwärmen und um eine gewisse Niedergeschlagenheit zu bekämpfen, die mich plötzlich befallen hatte. Da saß ich nun in einer Sofaecke, hatte nicht einmal einen Begrüßungskuss bekommen, nippte an meinem Whisky, dachte an Minnelyrik und hatte nur eine dünne Zigarette, um mich daran festzuhalten. Walter plauderte vor sich hin, erzählte von dem Lokal, wo wir gleich hinfahren würden - ein verschwiegenes, kleines Landhaus, wo keine bekannten Gesichter zu befürchten waren. Es klang viel versprechend, sogar sehr viel versprechend. Langsam tauten meine Zehen und Finger auf; langsam wurde mir wohler; langsam kam sogar die Freude auf den Abend wieder. Plötzlich lachte Walter auf und berichtete, wie sich seine Geschwister über die sonderbare Wahl des Restaurants gewundert, aber angesichts seiner Lage volles Verständnis gezeigt hatten. Ich würgte schnell den Whisky hinunter, den ich gerade im Mund hatte, um mich nicht daran zu verschlucken. Diese rege Anteilnahme der Geschwister - ein Bruder und eine Schwester waren hin und wieder erwähnt worden - ließ wohl darauf schließen, dass sie an unserer Silvesterfeier teilhaben wollten. Mir verschlug es die Sprache. Ich wagte weder zu fragen, ob meine Folgerung richtig sei, noch mein Erstaunen über diesen neuen Aspekt zu zeigen, sondern war nur bemüht, meine Enttäuschung zu verstecken, sie zusammen mit einem besonders großen Schluck hinunterzuspülen. Auf einmal verbreitete der Whisky keine wohlige Wärme mehr, sondern brannte im Magen. Ich stellte fest, dass es eine ziemlich billige Sorte war.
Walter merkte von alldem nichts; er suchte die Eintrittskarten. Er suchte immer irgendetwas, was mich nicht mehr wunderte, seit ich das Chaos in seiner Wohnung kennen gelernt hatte. Auf den wenigen Sitzgelegenheiten stapelten sich Bücher, unkorrigierte Hefte, Schallplatten; über der Sessellehne lümmelte eine Hose; der Tisch war von schmutzigem Geschirr, zwei randvollen Aschenbechern und mehreren Bananenschalen beansprucht; hinter einem wunderschönen alten Meißen Wandteller klemmten Kontoauszüge. Es sah genauso aus, wie man das von einem Junggesellen-Haushalt erwartet. Ich fand diese Unordnung genial, zog allerdings in meinen eigenen vier Wänden eine gewisse Systematik vor. Walter suchte immer noch, hatte mittlerweile das Badezimmer erfolglos abgegrast und dehnte seinen Aktionsradius auf die Küche aus. Er war viel zu beschäftigt, um mich zu beachten oder gar zu beobachten. Ein freudiger Ausruf nach geraumer Weile verriet, dass das Gesuchte endlich aufgetaucht war; es hatte in einer Küchenschublade gelegen. Wo war nun wieder das Jackett? Erneute Sucherei. Zu Walters großer Überraschung hing es ordentlich im Kleiderschrank; damit hatte er nicht gerechnet. Inzwischen war die Zeit nicht stehen geblieben. Walter, der Suchende, stellte es überrascht-entsetzt fest und trieb zur Eile. Er drückte mir meinen Mantel in die Hand, viel zu beschäftigt, um mir hineinhelfen zu können, weil er die Jagd nach Haus- und Zündschlüssel antreten musste. Nach weiteren hektischen fünf Minuten saßen wir endlich im Auto.
Die Fahrt dauerte länger, als ich erwartet hatte. Walter bemühte sich, die Zeit, die er mit Suchen verbummelt hatte, wieder aufzuholen, und traktierte seinen alten Volkswagen auf das Äußerste. Obwohl ich diesen Fahrstil von ihm schon gewöhnt war, sträubten sich mir mehrfach die Haare, zumal er von der Senderwahl im Radio, der Suche nach einer vollen Zigarettenschachtel und sonstigen Nebensächlichkeiten wesentlich stärker in Anspruch genommen war als vom Straßenverkehr. Er redete ohne Unterlass, ohne etwas zu sagen, war von krampfhafter Munterkeit erfüllt, erzählte lebhaft von seinen Geschwistern. Mein Verdacht, dass in Kürze eine Familienfeier stattfinden würde, erhärtete sich drastisch. Offensichtlich sollte ich vorab in groben Zügen in die Familienverhältnisse eingeweiht werden. Walter berichtete von den Anfangsschwierigkeiten seines Schwagers im Westen, von Arbeits- und Wohnungssuche, und mir fiel erst in diesem Zusammenhang wieder ein, dass alle gerade im Herbst über Prag aus der DDR gekommen waren: die Schwester mit Mann und einjährigem Kind, der Bruder ohne weiteren Anhang. Ich ertappte mich bei dem unfreundlichen Gedanken, dass ich Verwandte, die im Osten geblieben wären, vorgezogen hätte, erschrak fast im selben Moment pflichtschuldig über meinen Egoismus und bemühte mich, das Ganze positiv zu betrachten. Beim Anzünden einer Zigarette durchfuhr mich plötzlich eine ganz neue Idee, die mich so faszinierte, dass ich mir fast die Finger verbrannte. Vielleicht hatte Walter diese Familienversammlung initiiert, weil er gewisse ernste Absichten hegte und mich allen vorstellen wollte; vielleicht war er vorhin bei der Begrüßung so merkwürdig erschienen, weil er ganz einfach nervös war? Je länger ich über diese Erklärung nachdachte, desto plausibler erschien sie mir. Meine Gleichgültigkeit an den geschilderten deutsch-deutschen Problemen verwandelte sich schlagartig in rege Anteilnahme. Während ich mir noch sehr phantasiereiche Variationen über den weiteren Verlauf des Abends ausmalte, bogen wir auf den Parkplatz des Restaurants ein. Ah, sie sind schon da, sagte Walter und zeigte auf ein geparktes Auto. Ich war nun gar nicht mehr enttäuscht, dass sich mein Annahme tatsächlich bewahrheitete, sondern eher aufgeregt und sehr gespannt darauf, alle kennen zu lernen.
An der Garderobe standen drei Personen, die den Eindruck machten, als wüssten sie nicht genau, wo sie hingehörten. Ihre Kleidung schien vom vorletzten Winterschlussverkauf zu stammen. Es konnte sich nur um die eben noch so unerwünschten Ostflüchtlinge handeln. Ich setzte mein herzlichstes Lächeln auf, um wortlos meine hässlichen Anfangsgedanken wieder wettzumachen. Der Bruder hieß Bernd, war einiges älter und etwa einen halben Kopf größer als Walter; seine Schwester Ulrike sah ihm ziemlich ähnlich, trug aber eine Brille, die ihre Augen überdimensional vergrößerte; Schwager Thomas schließlich wirkte trotz seiner schwarzen Haare genauso grau und linkisch, wie ich mir damals als echtes, arrogant-gedankenloses Wirtschaftswunderkind einen DDR-Bürger vorstellte. Alle drei redeten sehr sächsisch und waren offensichtlich erleichtert, dass Walter endlich da war, um die Tischbestellung zu regeln. Auch ich war erleichtert, denn ich fühlte mich in meiner Erwachsenenrolle noch ganz und gar nicht wohl, und die Unsicherheit der anderen ließ meine Selbstsicherheit beträchtlich wachsen. Verstohlen musterte ich die drei, fast enttäuscht, dass sie nicht exotischer aussahen. Alles östlich der Mauer war mir gleichbedeutend mit Sibirien und wurde mit entsprechendem Desinteresse abgetan. Zu Hause kam das Thema DDR nur einmal im Jahr auf, nämlich an Weihnachten, wenn mein Vater zum Zeichen des Gedenkens Kerzen ins Fenster stellte. Ich empfand diese Geste als Gefühlsduselei; sie erschien mir peinlich und angesichts der leicht entflammbaren Gardinen nicht ungefährlich. Alle Jahre wieder verfielen mein Vater und ich in eine längere Diskussion über Sinn und Unsinn dieser Aktion. Am vergangenen Heiligabend war das obligate Streitgespräch erstmals ausgefallen, da das Kerzenlicht nicht hinter meinen Schleier aus Verliebtheit dringen konnte. Solchen Leuten wie diesen drei galt also die Kerzendemonstration. Ich dachte, warum eigentlich nicht? Walter hatte inzwischen einen Kellner gefunden und löste mit ihm zusammen das Tischproblem. Kurz darauf wurden wir in das gut besetzte Restaurant geführt. Es war mit Luftballons und bunten Girlanden geschmückt; eine kleine Kapelle spielte. Alles sah genauso aus, wie bei den Fernseh-Silvesterfeiern, aber dieses Mal feierte ich mit.
Wir bekamen einen Tisch mitten im Lokal zugewiesen. Kaum saßen wir, da glaubte Walter, einige Tische vor sich die Mutter einer Mittelstufenschülerin zu erkennen. Wir standen wieder auf, wechselten die Plätze mit Ulrike und Bernd. Walter saß nun mit dem Rücken zu der vermeintlichen Gefahr. Wir vertieften uns in die Speisekarte. Die Menüfolge klang vielversprechend - kein Karpfen bedrohte meine Silvesterstimmung. Ich hatte Hunger und freute mich auf das Essen. Walter blätterte unschlüssig in der Weinkarte herum, schien nicht recht bei der Sache zu sein, schaute auffallend oft und lange in eine bestimmte Richtung, las in der Karte weiter, sah wieder hoch. Was ist los, frotzelte sein Schwager, sitzt dort vielleicht dein Direktor? Walter lachte gezwungen und entgegnete, es sei nicht ganz so schlimm. Aber er war sich absolut sicher, dass das harmlos aussehende Pärchen zwei Tische weiter die Eltern einer Problemschülerin waren, die ihn erst vor zwei Wochen in der Sprechstunde besucht hatten. Er schlug vor, an einen anderen Platz, möglichst in Ecklage, umzuziehen. Der Kellner wurde gerufen, musste jedoch zu seinem Bedauern mitteilen, dass kein anderer Tisch für fünf Personen frei war. Um Walter zu beruhigen, wandte ich ein, dass diese Eltern mich noch nie gesehen hätten und somit auch die Zusammenhänge nicht kennen konnten. Die anderen pflichteten mir bei, er jedoch zeigte sich von meiner Argumentation nicht überzeugt, reagierte unwillig. Die Mutter der Mittelstufenschülerin schien ihm nun doch das kleinere Übel zu sein. Wir nahmen unsere ursprüngliche Sitzordnung wieder ein. Thomas sächselte vergnügt, ob sich Walter nicht sicherheitshalber unter den Tisch setzen wollte. Alle lachten, nur Walter nicht. In diesem Moment kam die Vorspeise, und das Thema Sitzordnung wurde nicht weiter vertieft.
Die Mahlzeit verlief schweigsam. Die Unterhaltung bestand im Wesentlichen aus Kommentaren zu den einzelnen Gerichten, beschränkte sich auf ausgezeichnet, sehr gut und sonstige Beifallsbekundungen. Ich sah zu den umliegenden Tischen; dort amüsierte man sich besser. Nach der ersten Flasche Wein lockerte sich die Stimmung endlich. Die Schwester erzählte von ihrem Baby. Walter zollte diesen Berichten patenonkelhafte Aufmerksamkeit. Ich fühlte mich verpflichtet, weibliches Interesse zu mimen, wenngleich ich Kleinkinder eher als schreiende Störenfriede betrachte. Selbstverständlich hob sich der Knabe, von dem gerade die Rede war, entscheidend von seinen Altersgenossen ab; selbstverständlich legte er für einen Einjährigen erstaunliche Intelligenz an den Tag und war in jeder Hinsicht überdurchschnittlich. Ich hörte gelangweilt weg.
An den anderen Tischen war man mit dem Essen bereits fertig und ging zum Tanzen. Bei uns stand noch die Nachspeise aus, dann wäre der offizielle Teil überstanden, dachte ich. Endlich wurde das Dessert serviert. Die Teller leerten sich löffelweise, wurden wieder abgeräumt. Wir saßen unverändert an unserem Tisch, auf dem jetzt nur noch Gläser standen. Ich wartete und wartete. Alle schienen auf ihren Stühlen angewachsen zu sein. Thomas machte endlich einen Anfang und führte seine Frau aufs Parkett. Ich schöpfte neue Hoffnung. Walter rührte sich nicht; mir riss der Geduldsfaden. Ich fragte vorsichtig, ob wir nicht auch tanzen wollten. Walter brummte, er habe keine Lust. Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben, und wagte ein leises warum nicht? Es blieb unbeantwortet in der Luft hängen. Walter unterhielt sich angeregt mit seinem Bruder. Ich schien nicht vorhanden zu sein, obwohl ich zwischen den beiden saß. Vielleicht war ich aus Glas, unsichtbar und zerbrechlich; vielleicht würde ich zu Scherben zerfallen, wenn ich mit den Knöcheln auf den Tisch schlug. Ich probierte es aus. Leider zerfiel ich zu nichts, sondern blieb sitzen. Vielleicht träumte ich und würde gleich aufwachen, es wäre Silvestermorgen und ich würde mich den ganzen Tag auf einen schönen Abend freuen. Aber nein, auch das nicht, ich wusste genau, dass ich nicht träumte. Ich wollte es nur nicht glauben.
Die Kapelle machte eine Pause. Thomas und Ulrike kamen vom Tanzen zurück. Er sah gar nicht mehr grau und linkisch aus, sondern wirkte sehr verliebt und glücklich, und sie schien trotz ihres hässlichen Kleides viel besser in den vergnügten Trubel zu passen als ich mit meinem teuren Seidenen. Na, ihr Trantüten, sagte Thomas und sprach es natürlich „Draandüden“ aus, ihr wollt wohl den ganzen Abend hier herumsitzen und dummes Zeugs reden. Mit einem Lächeln in meine Richtung meinte er, er hätte sich westdeutsche Mädchen anders vorgestellt, als er noch drüben wohnte. Aber ich sei wohl schon so oft zum Tanzen gewesen, dass ich keine Lust mehr dazu hätte. Ich schluckte und lächelte zurück - bloß nichts anmerken lassen! Ich war froh, als die Musik wieder einsetzte. Die beiden verschwanden, um weiterzutanzen. Walters Bruder war wohl mittlerweile aufgefallen, dass der Abend für mich recht langweilig sein musste. Ich finde, es ist eine Schande, wandte er sich an mich, wenn man neben so einem hübschen Mädchen sitzt, und nicht tanzt. Damit nahm er meine Hand und zog mich in Richtung Tanzfläche davon. „Eviva España“, spielte die Kapelle zum wiederholten Male. Bernd tanzte zwar nicht gut, aber immerhin, er tanzte. Er machte überhaupt einen netten Eindruck. Walter ist wohl nicht in Form heute, sagte er tröstend und fand Silvester einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt für solche Formtiefs. Ich wusste nichts zu erwidern. Bernd überging mein Schweigen taktvoll und fuhr mit seiner Plauderei fort. Die Tanzpause kam viel zu schnell. Wir kehrten an unseren Tisch zurück. Walter saß unverändert dort, hatte allerdings inzwischen eine volle Flasche Wein vor sich stehen; er war nie sehr zurückhaltend, was den Alkohol anging, aber an diesem Abend trank er besonders viel.
Erneut setzte das ein, was man Unterhaltung nennt. Dieses Mal ging es um irgendwelche Anverwandte und Bekannte, mit denen ich nichts anzufangen wusste. Der eine war gestorben, noch ganz jung, die andere war schon lange verheiratet und hatte inzwischen drei Kinder. Ich langweilte mich, wie ich es bei den vorangegangenen Silvesterfeiern getan hatte. Aber dieses Mal war es nicht die vertraute Langeweile. Dieses Mal war es schlimmer. Früher hatte ich mich in freundlicher Umgebung gelangweilt; hier geschah es im kalten Nichts. Früher hatte ich mich wenigstens in meine Träume flüchten können; hier gab es nichts mehr zu träumen. Früher konnte ich mich geben, wie ich war; hier musste ich mich zusammennehmen und meine ganze Konzentration darauf verwenden, dass ich ebenso amüsiert aussah, wie die anderen. Meine Gesichtsmuskeln schmerzten vor Anstrengung. Ich wusste endgültig, dass etwas in die falsche Richtung lief, aber warum? Ein Blick auf die Uhr - kurz nach elf. Noch fast eine ganze Stunde durchhalten, lächeln, durchhalten, fast sechzig Minuten, wie viele Sekunden?
Thomas, den die Familienneuigkeiten als angeheiratetes Mitglied wohl auch nicht allzu sehr interessierten, forderte mich zum Tanzen auf. Ich hatte keine Lust mehr, traute mich aber auch nicht abzulehnen und ging mit; vielleicht würde wenigstens die Zeit schneller verstreichen. Ich tanzte so schlecht wie noch nie. Meine Füße vollführten irgendwelche Schritte, die Musik nahm ich gar nicht wahr. Ich stolperte hinter meinem Tänzer her, dessen Vorstellungen von westdeutschen Mädchen dadurch wohl restlos erschüttert wurden. Und plötzlich verstand ich zum ersten Mal, was es bedeutet, wenn einem das Herz stehen bleibt. Es war keine dumme Redensart. Mein Herz hörte tatsächlich auf zu schlagen. Alles in mir war leer, taub und tot - ein sekundenlanger Tod. Walter, der die ganze Zeit nicht ein einziges Mal mit mir getanzt hatte, dieser Walter schwebte vergnügt mit seiner Schwester an mir vorbei. Mit äußerster Willensanstrengung schaffte ich es wegzusehen. Ich wusste, ich durfte nicht hinschauen, sonst würde ich schreien, in Tränen ausbrechen oder sonst etwas Unkontrolliertes tun. Irgendwie machte ich weiter, irgend etwas in mir ließ mich einen Fuß vor den anderen setzen, irgendwann saß ich wieder am Tisch. Dann gab es plötzlich lauten Jubel. Es war Mitternacht. Man wünschte mir ein gutes neues Jahr, viel Glück für das bevorstehende Abitur, man stieß an, man küsste sich. Walter küsste mich auf die Wange, aber das war nicht mehr ich, die er jetzt anlachte. Es musste sich um irgendein anderes Mädchen handeln. Dieses Mädchen küsste ihn zurück, gab ihm ein Päckchen, das ich irgendwann schon einmal gesehen haben musste; dieses Mädchen stand mit allen anderen auf und ging vor die Tür. Draußen war es sehr kalt ohne Mantel. Ich fror erbärmlich in meinem dünnen Kleid und stellte fest, dass das fremde Mädchen wieder verschwunden war. Es war weg. Da standen nur Walter, Bernd, Ulrike, an Thomas gekuschelt, und ich. Das war alles. Die Nacht war immer noch ungewöhnlich dunkel. Ob es noch Sterne gab; wo war mein Freund, der Mond? Vereinzelte Feuerwerkskörper knallten, ein bisschen buntes Licht, dann wieder die Dunkelheit. Wir gingen nach drinnen zurück. Ich sonderte mich von den anderen ab, ging in die Toilette und betrachtete mich im Spiegel. Ich sah mich lächeln. Ich sah mir in die Augen; es waren tatsächlich meine großen, graublauen Augen. Sie blickten unbeteiligt zurück. Ich wartete auf Tränen; es kamen keine. Da zog ich mir die Lippen nach und ging wieder ins Restaurant.
Walter war gerade damit beschäftigt, die Schleife von seinem Päckchen zu reißen. Natürlich war er zu ungeduldig, um sie ordentlich aufzuknoten. Er rollte das Papier auf. Der Talisman fiel auf den Tisch. Walter nahm ihn in die Hand. Ein Elefant, sagte er, hübsch! Hat er irgendeine besondere Bedeutung? Nein, erwiderte ich schnell, nein, er hat mir nur gefallen. Hübsch, wiederholte Walter, und legte den Jadeelefanten zwischen die Papierabfälle. Er wirkte sehr klein, ein kleiner, nackter Elefant. Er würde dort liegen bleiben und mit dem Papier im Müll enden oder herunterfallen und dabei auf dem Steinboden zerbrechen, denn er war fragil gearbeitet. Er tat mir Leid.
Eine zweite Flasche Sekt wurde gebracht. Alle waren jetzt sehr angeregt, auch der Mann, der neben mir saß. Ich beteiligte mich lebhaft an der Konversation. Mein Gott, sagte Thomas, du bist ja auf einmal eine richtige Stimmungskanone! Ich lachte laut und erzählte einen schlüpfrigen Witz, weil ich solche Witze nicht mag. Thomas wusste auch einen. Ulrike lächelte säuerlich. Dem Mann neben mir fiel ebenfalls ein passender Beitrag ein. Erneutes Gelächter. Wir waren der lustigste Tisch im Lokal. Der Mann neben mir war in Hochform. Er hatte drahtige, rötlichblonde Haare und Sommersprossen. Seine Augen wirkten wässrig und wimpernlos. Ich fand ihn hässlich. Der Mann neben mir hatte den Vornamen Walter - wie der mittelalterliche Dichter und Sänger - nur ohne h.
Gegen zwei Uhr brachen wir auf. Ausgiebige Verabschiedung, Händeschütteln, dann stiegen wir in die Autos. Die Türen schlugen zu. Walter war immer noch sehr aufgeräumt. Das war ein richtig netter Abend, sagte er. Ich glaube, den drei neuen Westbürgern hat es auch gefallen. Und das Essen war doch toll, oder? Ja, antwortete ich, sehr toll, alles sehr toll. Walter verfiel in einen längeren Monolog, ich sah aus dem Fenster. Häuser zogen vorbei, nur wenige Fenster waren noch erleuchtet. Dann eine Allee, in wohltuender Monotonie, Pappeln rechts, Pappeln links, dann wieder ein paar Häuser. Ich sah weiter aus dem Fenster und merkte, wie ich Hass empfand. Nicht dass ich Walter gehasst hätte; mein Gefühl für ihn war einfach in nichts umgeschlagen. Ich wusste nicht einmal genau, wann, aber er war mir seit diesem Moment so gleichgültig, wie einem ein Mensch gleichgültig sein kann. Nein, ihm gegenüber konnte ich keinen Hass spüren. Ich hasste mich, hasste mich für meine kindische Verliebtheit, für meine romantischen Scheuklappen, für meine schafsgleiche Duldsamkeit, und vor allem hasste ich mich, weil es jemand geschafft hatte, mich zu demütigen. Ich überlegte, wie ich noch bis zum Abitur fast täglich den Anblick eines Mannes ertragen sollte, der mich jedes Mal, ohne es zu ahnen, an diese Niederlage erinnern würde. Wie viele Deutschstunden musste man in drei Monaten absolvieren? Wie oft würde man seiner Erinnerung in der Pause über den Weg laufen? Stumm versprach ich dem ersten Stern, den ich in dieser Nacht erblickte, mich nie wieder zu verlieben, nie wieder verwundbar zu sein. Jedes Mal, wenn ich Walter sehen würde, wollte ich in Drachenblut baden und alle Lindenblätter sorgfältig aus meiner Nähe schaffen. Ich dachte, dass man nicht Minnelyrik auswendig lernen musste, sondern das Nibelungenlied. Ich han aus alten mären wunders viel geseit… Als wir vor der Wohnung meiner Eltern ankamen, verabschiedete ich mich höflich-kühl und bedankte mich für den schönen Abend. Es klang nicht einmal ironisch.
3
Sagenhaft, meldet sich mein Alter Ego zu Wort, sagenhaft, wie du vom Thema ablenken kannst. Darf ich mir trotzdem die Frage erlauben, was diese Reminiszenzen sollen? Ich bin ehrlich empört. Du hast doch von Silvester angefangen, verteidige ich mich. Mein Alter Ego schüttelt verärgert den Kopf. Ich habe Norbert und Silvester erwähnt, sagt es. Von Walter war nie die Rede. Erlaube mal, protestiere ich, da besteht doch ein unmittelbarer Zusammenhang. Du kannst nicht ernstlich behaupten, das eine Silvester hätte mit dem zweiten nichts zu tun. Es war doch geradezu Voraussetzung. Das eine Silvester ist immer Voraussetzung für das nächste, bemerkt mein Alter Ego spöttisch. Unsinn, kontere ich, du weißt ganz genau, dass ich das nicht zeitlich, sondern inhaltlich meine. Ohne die Ereignisse des ersten Silvesters, wäre das zweite und vor allem seine Folgen so nie eingetreten. Ach so, entgegnet es mir gedehnt, du stellst also gerade logische Abhängigkeiten fest. Wenn ich recht verstehe, soll das heißen, du hättest nicht getreten, wenn du nicht zuvor getreten worden wärest? Genau so ist es, stimme ich zu. Sehr interessant, mein Alter Ego klingt zynisch. Du hast wohl soeben ein neues Naturgesetz entdeckt: Tritte bewirken Gegentritte - eine moralische Variante des physikalischen Grundsatzes actio et reactio. Soll ich Beifall klatschen? Plötzlich wird sein Tonfall schneidend. Du hast einiges übersehen bei deiner Scheinlogik. Erstens muss niemand einen erhaltenen Tritt wieder austeilen, zweitens darf er nicht jemanden treten, der ihm nichts getan hat, und drittens ist es völlig unzulässig, zehn Tritte für einen erlittenen austeilen zu wollen. Reicht das, um deine vermeintliche Kausalität zu widerlegen, fragt es, immer noch sehr erbost. Ich fühle mich zu Unrecht angegriffen und wende ein, dass ich mein Verhalten keinesfalls entschuldigen, sondern nur erklären wollte. Mein Alter Ego zeigt sich nicht im geringsten beeindruckt. Alles Erklärbare ist entschuldbar. Wer erklärt, heischt nach Verständnis, und Verständnis ist Entschuldigung, fährt es ungerührt fort. Sei also wenigstens ehrlich! Ich denke nach und kann nicht von der Hand weisen, dass Erklärung und Entschuldigung grundsätzlich viel miteinander zu tun haben. Trotzdem, beharre ich, will ich in diesem konkreten Fall mit der Erklärung keineEntschuldigung herbeiführen, sondern nur eine objektive Beurteilung meines Verhaltens ermöglichen. Sonst entstünde ja ein völlig verzerrtes Bild. Mein Alter Ego seufzt. Natürlich, schnauft es, nur eine objektive Beurteilung, die bei jedem Menschen auf Verständnis stoßen wird, und schon sind wir wieder bei der Entschuldigung. Ich bin ziemlich zermürbt von dem Hin und Her. Bei wem sollte ich mich denn entschuldigen wollen, stoße ich ratlos hervor. Vielleicht erinnerst du dich doch lieber einmal an das richtige Silvester, schlägt mein Alter Ego etwas besänftigt vor.
Das richtige Silvester war genau ein Jahr später. Abgesehen von meiner mittlerweile chronischen Silvesterabneigung, stand es auch sonst unter ungünstigen Vorzeichen. Ich war aus meinem Elternhaus ausgezogen, um in Tübingen mit dem Jurastudium anzufangen. Nicht nur das provinzielle Tübingen war eine herbe Enttäuschung, auch das Studium lief nicht so an, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wir waren über tausend Studenten im ersten Semester, ich kannte kaum jemanden in dieser anonymen Masse und fühlte mich entsprechend fremd. Zu allem Unglück hatte ich mir in der ersten bürgerrechtlichen Klausur ein „Mangelhaft“ eingehandelt, das ich noch nicht verdaut hatte. Bisher hatte ich mit Fünfern wenig Bekanntschaft gemacht und fühlte mich in meiner Eitelkeit gekränkt. Misserfolg will gelernt sein, besonders wenn man ihn als ungerecht empfindet. Mir blieb unklar, was ich falsch gemacht haben sollte; es schien in diesem sonderbaren Fach weder ein Richtig noch ein Falsch zu geben. Unzureichende Begründung, stand unter meiner Arbeit, obwohl ich mich acht DIN-A4-Seiten darin versucht hatte. Der knappe Kommentar war niederschmetternd und genauso aussagekräftig wie gar keiner. Alles schien gegen mich zu sein in dieser engen, unzugänglichen Stadt. Tübingen wollte mich nicht. Ich suchte das Tor, durch das ich Einlass finden würde, ohne zu wissen, wo ich mit meiner Suche anfangen sollte.
Froh, dieser unbequemen Situation über Weihnachten zu entrinnen, fuhr ich zu meinen Eltern, die inzwischen in eine andere Stadt gezogen waren. Aber dort wartete die nächste Enttäuschung. Das neue Elternhaus zeigte kein vertrautes Gesicht; es war fremd. Zwar hatte ich nach wie vor ein eigenes Zimmer, zwar standen dort auch meine früheren Möbel, aber es war nicht mein Zimmer. Auch als ich meinen umfangreichen Kleinkram ausgepackt und eingeräumt, als der Teddybär wieder gutmütig-dick auf dem Bett thronte, änderte sich nichts daran. Der neue Raum war nicht mein Zimmer. Er war viel kleiner als mein Zimmer, bei weitem nicht so sonnig und wirkte mit seiner weißen Raufasertapete nüchtern und sachlich.
Es ist nicht verwunderlich, dass auch Weihnachten unter diesen Umständen sehr zu wünschen übrig ließ. Wenigstens stapelten sich im Wohnzimmer keine Kisten mehr, aber ansonsten war alles noch vollkommen provisorisch. Von Feierlichkeit keine Spur! Im Fenster standen keine Kerzen, gegen die ich zum ersten Mal nichts vorzubringen gehabt hätte, denn an diesem Weihnachten hätten sie keine Gardinen gefährden können. Es gab kein Festessen. Es gab nicht einmal einen Tannenbaum. Die Geschenke überreichten wir uns im Glanz der elektrischen Beleuchtung. Weihnachten war eigentlich kein Weihnachten. Ich war sonderbar wütend, ratlos und verstört. Wo war mein Zuhause? War es diese Tübinger Studentenbude mit ihren zusammengewürfelten Sperrmüllmöbeln, war es mein so genanntes Elternhaus hier in Frankfurt? Oder hatte es sich einfach in Nichts aufgelöst?
Das unvermeidliche Silvester passte ausgezeichnet in diese Stimmung; mir grauste mehr denn je vor dem Tag. Meine Eltern waren zu Freunden nach Mainz eingeladen; ich selbst kannte in der neuen Umgebung natürlich niemanden. Damit stand fest, dass ich das bevorstehende Jahresende allein mit mir verbringen würde. Angesichts der trüben Gesamtlage fand ich mich nicht einmal die schlechteste Gesellschaft. Ich konnte ungeniert vor mich hin muffeln, notfalls - wie viele Silvester praktiziert - fernsehen, endlich aus Erfahrung wissend, dass ich als bloße Beobachterin des munteren Treibens nicht das Geringste verpasste. Dieses Mal waren allerdings meiner Phantasie von vornherein die Flügel gestutzt, denn in Ballträumereien würde ich mit Sicherheit nicht verfallen. Eine derartige Silvestergestaltung würde nicht nur triste sein, sie war obendrein gefährlich. Sie würde gewisse vorjährige Vorfälle minutiös zurückholen, die ich endlich aus meinen Gedächtnis verbannt zu haben glaubte. Da mir keine Alternative einfiel, beschloss ich, Silvester dieses Mal einfach ausfallen zu lassen. Ich würde den Tag mit totaler Nichtbeachtung strafen. Neujahr könnte ich eventuell trotzdem feiern - gegen Neujahr gab es nichts einzuwenden. Vielleicht konnte ich endlich den nächtlichen Spaziergang machen. Vielleicht käme dabei sogar mein früheres Neujahrsglück wieder. Vielleicht. Es war eine gute Idee, Silvester einfach nicht stattfinden zu lassen. Zum ersten Mal sah ich gelassen zu, wie sich andere mit Knallbonbons und Feuerwerkskörpern eindeckten, kam mir selbst sehr abgeklärt vor. Einen Tag bevor es so weit war, wurde meine Strategie durch einen Telefonanruf zunichte gemacht. Die Mainzer Freundin meiner Mutter rief an und richtete mir aus, ihre Tochter samt Ehemann würden mich herzlich zu sich nach Hause einladen. Schließlich könnte ich Silvester doch nicht ganz allein verbringen. Aus der Traum! Ich sagte zu.
In einer halben Stunde geht es los, rief meine Mutter aus dem Bad. Ich lag auf meinem Bett, las und gab vor, nichts gehört zu haben. Zwei Minuten später stand sie in der Tür. Du bist ja noch nicht einmal umgezogen, stellte sie mit leicht erhobener Stimme fest. Bedauernd klappte ich mein Buch zu. Eigentlich war es nur ein Schmöker; trotzdem war ich im Moment sehr daran interessiert, wie er wohl ausging. Ich rollte mich gemächlich vom Bett, um mich zum Kleiderschrank zu begeben. Meine Mutter wurde zusehends ungeduldig.
Ich öffnete die Schranktür, gab vor, die Kleiderauswahl zu erwägen. In Wirklichkeit überlegte ich, ob mir ein gut inszenierter kleiner Krach vielleicht einen ruhigen Abend bescheren könnte. Ich brauchte nur noch ein bisschen herumzutrödeln, und meine Mutter würde aus der Haut fahren. Der Zeitpunkt war von der sich mehr und mehr vertiefenden Falte zwischen ihren Augenbrauen so genau abzulesen wie von einer Uhr. Die Sache hatte allerdings einen Haken; mein Vater war ausnahmsweise auch zu Hause und folglich in die Rechnung mit einzubeziehen. Seine Reaktionen waren schwer vorauszusagen. Ich verstand mich nicht auf diese Kunst, wusste nur, dass man ihn besser nicht an der Nase herumführt. Der dramaturgische Effekt Krach entwickelte sich durch ihn zur unbekannten Größe; schlimmstenfalls konnte er sogar die Formen einer ernsthaften Auseinandersetzung annehmen. Dieses Risiko erschien mir so hoch, dass ich lieber versprach, in zehn Minuten fertig zu sein. Zieh dir etwas Hübsches an, sagte meine Mutter, schon wieder versöhnt, ich habe gehört, es soll auch ein sehr netter junger Mann eingeladen sein. Damit verschwand sie. Ich hielt die Luft an. Auch das noch! Mir hatte die herzliche Mainzer Bekannte davon natürlich nichts erzählt. Nette junge Männer, von Müttern angepriesen, erwecken schon an normalen Tagen mein Unbehagen; nette junge Männer an Silvester ließen dieses Unbehagen in entschiedene Abneigung umschlagen. Ich holte mit Bedacht einen älteren Faltenrock aus dem Schrank und zog dazu eine weiße Bluse an. Der Spiegel zeigte mir eine unauffällige, langweilige graue Maus. Ich grinste sie zufrieden an. Das war genau die richtige Aufmachung für nette junge Männer.
Natürlich war meine Mutter von meinem Anblick nicht entzückt. Da ich vorsichtshalber erst kurz vor der Abfahrt wieder in Erscheinung trat, verpuffte ihr Protest. Manchmal verstehe ich dich wirklich nicht, murmelte sie resigniert. Letztes Jahr hast du stundenlang vorm Spiegel gestanden und dieses Jahr nun wieder das andere Extrem. Man weiß nie, woran man bei dir ist. Ich nahm ihr übel, dass sie das vergangene Silvester erwähnen musste. Schlecht gelaunt stieg ich ins Auto.
Nach einer knappen Stunde Fahrt kamen wir in Mainz an. Mein Vater kannte den Weg und kurvte zielstrebig um zahlreiche Ecken einer Häusersiedlung. Vor einem Eckreihenhaus, das genauso aussah, wie alle Häuser in dieser Straße, hielt er an. "Albrecht und Waltraud Schmiedel" stand auf einem blanken Messingschild. Bestimmt wird es jede Woche geputzt, dachte ich gehässig; meine Laune hatte sich nicht gebessert. Noch bevor jemand von uns dazu kam zu klingeln, ging die Tür auf. Offensichtlich war unsere Ankunft schon bemerkt, vielleicht sogar beobachtet worden. Großes Begrüßungshallo im Flur, Albrecht nahm die Mäntel ab, Waltraud die Blumen. Das ist also eure Tochter, sagte sie zu meinen Eltern, und betrachtete mich von oben bis unten. Ich fand sowohl die Bemerkung als auch den Musterungsprozess überflüssig. Wir wurden ins Wohnzimmer geführt und setzten uns. Albrecht verschwand,
