10,99 €
Finn Schliemann rettet sich auf ein Dach, als die norddeutsche Kleinstadt Thule, in der er aufgewachsen ist, von einer gewaltigen Flut überrascht wird. Über den Trümmern seiner Heimat, unter einer gnadenlos brennenden Sonne und mit dem Lärm des sprudelnden Wassers im Ohr beschwört er die verdrängten Bilder seiner Kindheit herauf: Finn hat einen toten Vater, einen behinderten Bruder und wenige Freunde. Einzig Tille, ein wachstumsgestörter Albino, Diego, ein fetter Junge, dem ein Zeh fehlt, und der für sein Alter riesige Baumann geben sich mit ihm ab. Als Finn eines Nachmittags in die Hände der örtlichen Rowdys zu geraten droht, tritt Katja auf den Plan und in sein Leben. Sie ist phantasievoll, selbstbewusst und mutig. Die Geschichten, die sie sich ausdenkt und die die beiden in einem Buch festhalten, bereichern Finns Welt: Sie selbst sei Zeitreisende, Thule ein bedeutungsvoller mystischer Ort, eine Art Achse im Raum-Zeit-Gefüge, die von einer Gruppe von Männern – Agenten des «Büros» – überwacht werde, um den Verlauf der Geschichte gemäß einer geheimnisvollen Agenda zu gewährleisten. Doch was als Spiel beginnt, dringt immer tiefer in ihr Leben: Sie entdecken Symbole auf Wänden, im Dorf lebende Männer tauchen auf 100 Jahre alten Fotografien auf, und Finns sprachunfähiger Bruder formuliert orakelhafte Hinweise. Katja treibt dieses Spiel auf die Spitze und landet schließlich in der Psychiatrie. Finn zieht sich zurück. Erst Jahre später, auf dem Dach gestrandet, greift er ihre Geschichten wieder auf. Denn Katja hat diese Flut kommen sehen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 766
Veröffentlichungsjahr: 2016
Nis-Momme Stockmann
Roman
Finn Schliemann rettet sich auf ein Dach, als die norddeutsche Kleinstadt Thule, in der er aufgewachsen ist, von einer gewaltigen Flut überrascht wird. Über den Trümmern seiner Heimat, unter einer gnadenlos brennenden Sonne und mit dem Lärm des sprudelnden Wassers im Ohr beschwört er die verdrängten Bilder seiner Kindheit herauf:
Finn hat einen toten Vater, einen behinderten Bruder und wenige Freunde. Einzig Tille, ein wachstumsgestörter Albino, Diego, ein fetter Junge, dem ein Zeh fehlt, und der für sein Alter riesige Baumann geben sich mit ihm ab. Als Finn eines Nachmittags in die Hände der örtlichen Rowdys zu geraten droht, tritt Katja auf den Plan und in sein Leben. Sie ist phantasievoll, selbstbewusst und mutig.
Die Geschichten, die sie sich ausdenkt und die die beiden in einem Buch festhalten, bereichern Finns Welt: Sie selbst sei Zeitreisende, Thule ein bedeutungsvoller mystischer Ort, eine Art Achse im Raum-Zeit-Gefüge, die von einer Gruppe von Männern – Agenten des «Büros» – überwacht werde, um den Verlauf der Geschichte gemäß einer geheimnisvollen Agenda zu gewährleisten. Doch was als Spiel beginnt, dringt immer tiefer in ihr Leben: Sie entdecken Symbole auf Wänden, im Dorf lebende Männer tauchen auf 100 Jahre alten Fotografien auf, und Finns sprachunfähiger Bruder formuliert orakelhafte Hinweise. Katja treibt dieses Spiel auf die Spitze und landet schließlich in der Psychiatrie. Finn zieht sich zurück. Erst Jahre später, auf dem Dach gestrandet, greift er ihre Geschichten wieder auf. Denn Katja hat diese Flut kommen sehen.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2017
Copyright © 2016 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Umschlaggestaltung any.way, Hamburg,
nach einem Entwurf von Anzinger | Wünschner | Rasp, München
ISBN 978-3-644-04981-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
www.rowohlt.de
Für Joy
Und dann kam das Wasser.
Ich weiß noch: Bis zuletzt blieb bei allen ein Gefühl, das sei alles nur ein riesiger Witz. Ein grotesk aufgepumpter Aprilscherz. Gleich würde ein exzentrischer Milliardär mit seinem Schlauchboot hinter einem Baum hervorgerudert kommen und in sein Megaphon brüllen: «Haha – ihr hättet eure Gesichter sehen müssen!»
Eine Katastrophe.
Hier –
An dem Ort, an dem «Ausnahmezustand» und «Katastrophenschutz» statistisch hinter Wörtern wie «Dünkel» und «Großwildtranquilizer» rangierten.
«Katastrophe» – das bedeutete, auf dem Sofa wegnickend BBC-Reportern dabei zuzusehen, wie sie mit Helikoptern über landkartenartig fern erscheinende Erdbebengebiete flogen, während der Rippenbraten in der Röhre langsam anfing, lecker zu riechen. «Katastrophe» – das war das, was als aufgeschlagene Zeitung im Geräteschuppen lag und worüber man «Hast du schon mitgekriegt? Was für eine Scheiße» zu seinem Nachbarn sagte, bevor man auf den Rasentraktor stieg –
Aber jetzt standen die Menschen auf den Dächern und warteten auf Rettung, während tote Senioren und Tiere wie graues Obst in den umspülten Baumkronen hingen und Vögel an ihren Augen pickten. Kinder weinten in der Ferne. Hunde bellten ertrinkend.
Über Nacht war das Wasser gestiegen, was an sich schon ungewöhnlich war und was niemand hier jemals erlebt hatte[*]. Niemand hatte jemals eine Katastrophenübung mitgemacht, es gab keine Signalraketen, keine Rettungswesten, keine Dieselgeneratoren, keine Besenkammern voll mit Notkonserven, keine Telefonnummern, die man laminiert und neben das Telefon geklebt hätte, keine Funkgeräte, keine Thermodecken – ja noch nicht mal Worte gab es in den Köpfen der Menschen hier für all das. Also brach irgendwann am frühen Morgen offenbar der Deich, und das Wasser rollte – wie eine große geduldige Verarschung – über den Ort, ohne dass auch nur eine Sirene losging.
Jetzt war es später Nachmittag, und wir standen zu dritt bei Baumann (den alle nur Dogge nannten) auf dem Dach und tranken wartend Bier aus der einzigen Notfallkiste des Dorfes, während die Welt nur noch aus schmutzigem Wasser zu bestehen schien. Einen knappen Meter unter uns schwamm all das vorbei, was Stunden zuvor noch sortiert und sauber in Gärten und Wohnungen gestanden hatte: Klimageräte, Billardqueues, Wasserpumpen von Aufstellpools. Bei den Gedels floss die Garderobe aus dem Fenster – es sah aus, als würde sich das Haus übergeben. Ich kniff meine Augen zusammen: Da unten fraß sich das Lacostekrokodil mit winzigen Bissen in ein Polohemd. Durch die Hauptstraße zogen Delfinschwärme aus Plastik. Aufgeblähte Hemden flatterten im Wind. Sporttrophäen glänzten wie geheime Schätze auf dem Grund der braunen Soße, an ihrem Sockel lösten sich die blechernen Plaketten ab –
All das teure Zeug war innerhalb von Stunden zu Müll geworden.
Passfotos auf einer Korkpinnwand schwammen vorbei. Ein primitives Boot mit Bildern von Menschen, die jetzt vielleicht tot waren. Mit Kugelschreiber waren Herzen auf die Augen gemalt – daneben Bilder von Boybands, aus Zeitschriften herausgerissen, mit Hörnern und Schnurrbärten bemalt. Ein rosafarbenes Tagebuch mit einem winzigen Vorhängeschloss. Ein aufgedunsener hölzerner Jubiläumsbierkrug aus dem Allgäu. Ein Kontoauszugsordner – völlig unangebracht und unsensibel stand «Spesen 1997» darauf. All das war gar nicht zum Schwimmen gemacht. Aufgeweicht und blass trudelte es vorbei.
Vielleicht gab es ja noch irgendwas, das zu gebrauchen war, dachte ich. Aber ich war so müde und betrunken, dass ich das Gefühl hatte, meine Augen schwämmen da mit – irgendwo in dieser grobstückigen Suppe der über Jahre so sorgfältig angeschafften und parzellierten Individualgegenstände wirbelten sie herum, wie Lotteriekugeln in der Trommel: Ade, ihr kleinen Augen, ihr braucht mich jetzt nicht mehr. Viel Glück, treibt davon! In den wenigen Lücken des fast blickdichten Müllteppichs schnappten sie kurze Bilder von einem hageren Typ auf einem Dach auf: Unbeweglich mit gebogenem Rücken wie ein kackender Hund, das Hemd am Körper klebend und mit Gänsehaut von der Hitze auf der weißen muttermalfleckigen Haut stand er da.
Ein fleischgewordenes Satzzeichen in dem sinnlosen Gebrabbel des Wassers.
«Mach’s gut, Finn», riefen sie mir zu.
Ich war so unglaublich müde. Das war der heißeste Sommer seit Jahren. Obwohl mir nichts peinlicher war als mein dünner weißer Oberkörper (vor allem vor der schönen Jütte), zog ich mir das Hemd aus und machte mir daraus den wohl widerlichsten Turban der Welt.
Das hätte niemand geahnt, dass die Dächer der Häuser dieser Siedlung mal Inseln wären und als Inseln so unbewohnbar sauber, so glatt, stabil und seelenlos. Obwohl die Menschen um uns herum ertranken: Die deutschen Dächer sangen ihre Lieder in ihrer deutschen Baumarktsprache: Dachziegel, Witterungsschutz, Giebelbekleidung. Da konnte sich nirgends ein «Sterben wie die Fliegen» reinschummeln. Zu unseren Füßen: schrankenloser Realsozialismus des Hausrats. Die Terkels, die mit den Brodersens einen Grabenkrieg um die Grundstücksgrenze geführt hatten, vereinten sich in ihren sich wild verheiratenden Gartengeräten, die von der einen in die andere Garage gespült wurden, wo sie sich zu einer großen Blechdüne auftürmten.
Ich sah die Menschen auf den anderen Dächern in der Ferne fast unbeweglich verharren. Als hätten sie sich für ein prätentiöses Kunstprojekt mit dem Titel «Unbegreiflich» für einen extrem gut ausgestatteten chinesischen Fotokünstler aufgestellt. So standen wir, füreinander nur Strichmännchen in der Ferne, alle zusammen auf unseren sauberen, stabilen Dächern. – Gerettet und verloren zugleich –
Ich dachte an Katja (aber um sie machte ich mir keine Sorgen), ich dachte an Diego, an meinen Vater und am stärksten – was mich überraschte – an meinen Bruder. Ob er es wohl geschafft hatte? Reini hätte heute Morgen mit den paritätischen Werkstätten Kartoffeln ernten sollen. Er und die anderen Jungs «mit hohem Unterstützungsbedarf». Aber eigentlich war ich mir sicher, dass er okay war: Das Heim war das höchste Haus im Ort, und das Einzige, was Reini wirklich ausgezeichnet konnte, war schwimmen. Ich stellte mir vor, wie er prustend lange Bahnen zwischen den Häusern schwamm und den Leuten auf den Dächern sein käsiges «Reini grüüüßt» zurief.
Das Bier aus Dogges Notfallkiste war schon fast leer. Jütte kochte uns Dosenravioli auf einem kleinen blauen Gaskocher. Dogge zog seine riesigen Stiefel aus und hängte seine schwarzen Füße ins Wasser.
«Warum hast du eine Notfallkiste auf dem Dach?», fragte Jütte.
«War doch klar», sagte er mit träger Zunge.
«Was?»
«Das Ganze.»
Er griff in die Kiste und holte ein in einen erstaunlich soliden selbstgenähten Schoner eingeschlagenes Gewehr hervor.
«Du hast eine Waffe in der Kiste!?», fragte Jütte empört.
«Jep», sagte Dogge.
«Was willst du denn mit einer Waffe, verdammte Axt!»
«Schießen», sagte er, «und bei Gelegenheit angeben.»
«Ich glaub es nicht: eine Waffe, er hat eine Waffe auf dem Dach!»
Sie ging zur Kiste und wühlte eine Weile darin herum.
«Du hast eine Notfallkiste … mit einer waffenscheinpflichtigen Waffe auf dem Dach … aber kein … Wasser?»
«Wasser», wiederholte Dogge, als sei das Wort ein sumerisches Rätsel, und lud die Flinte.
Jütte setzte sich, ernst und dunkel funkelnd, auf die andere Seite des Daches und schaute in Richtung Sonne. So viel Licht. Eine Million Lumen. Eine Milliarde, Trilliarde Lumen. Eine Welt aus Wasser und Licht. Nur hinter dem Schornstein war ein blasser Schatten, um den sich ein paar erschöpfte Krähen stritten.
Ich hatte Krämpfe in den Augenlidern. Saurer Schweiß lief mir von der Stirn. Als das Licht langsam rot wurde, wusste ich zuerst nicht, ob mir die Augen bluteten oder es tatsächlich endlich Abend war. Ist das eine Sonne oder eine glühende Zigarre, die uns ein boshafter Gott aus Langeweile an die Stirn drückte, während er uns beim Schmelzen zusah? Ich hatte das Gefühl, wir wären schon ewig auf dem Dach. Aber nein, es waren ja nur wenige Stunden. Hatten wir einen Tag übersprungen?
Über den Untiefen des Hochwassers zogen graue Wolken in eigenartigen Formationen auf – irgendeine Kraft ließ sie schwer hin und her taumeln, wie ein betrunkener Mann. Tonnen von Insektenleibern – Millionen ihre Auferstehung feiernde Mücken, Käfer, Motten. Ich stellte mir vor, was Dogge wohl unternehmen würde mit seiner Schrotflinte, wenn die jetzt gesammelt auf uns zufliegen würden. Als hätte er meinen Gedanken gehört, stieß er einen besoffenen Kampfschrei aus und schoss in die Luft.
«Danke, Dogge, und herzlichen Glückwunsch», sagte Jütte, «zehn Jahre Konzerte ohne Hörschutz haben’s nicht geschafft, dafür musste nur mal ein Vollidiot, mit dem ich auf einem Dach festsitze, grundlos eine Waffe abfeuern.»
Dogge verbeugte sich.
«Dieser Scheiß ist gefährlich!»
Ein Kind weinte in der Ferne. Etwa 200 Meter von uns und noch weiter von den meisten anderen Häusern entfernt entdeckten wir es in der Krone eines schrägstehenden Baums. Absolut unerreichbar. Dogge war hinüber. Schielte schon. Und sah mindestens 15 Jahre älter aus, als er war (was bei seinen 33 Jahren wirklich eine erstaunliche Verfallsleistung im Zusammenspiel von Sonne und Alkohol bedeutete). Er hatte noch einen Flachmann in seiner Jackeninnentasche, aus dem er ständig kleine Schlucke nahm. Aber das bemerkten wir erst viel zu spät.
Er feuerte noch einmal. Dahinten traf er mit einem müden Puff ins Wasser, nicht mehr, als würde man in ein Kissen schlagen.
«Baumann!», schrie Jütte.
Vorne, wo Frau Garres vor ihrem Schlaganfall gewohnt hatte, schoss er eine schöne, ebenförmige Tonsur in einen Baum, und 20 Meter vor uns und zu unserer großen Überraschung, denn die Schrotflinte machte etwa untertassengroße Schleifen vor seinem Gesicht, traf er einen Hund, exakt in die Flanke. Er ging sofort, nachdem ihm der Hinterleib explodiert war, ohne Jaulen oder irgendwas unter, so plötzlich und lautlos, dass ich unweigerlich lachen musste –
«Vorm Ertrinken gerettet», sagte Dogge sehr ernst.
Dann patrouillierte er auf dem Dachgiebel. Immer hin und her. Die Marseillaise summend. Hin und wieder posierte er mit der Waffe und bat mich, doch mal ein Foto zu machen – es hätte uns wahnsinnig gemacht, wenn wir nicht so erschöpft gewesen wären. Er sprach murmelnd von der «heiligen Logik» seiner Treffer. Und davon, dass es Zufälle nicht gäbe.
«Nein – das ist ganz bestimmt kein Zufall. Wisst ihr, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist für das hier? Wie könnte so was zufällig passieren?»
Er führte seine Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis zusammen, guckte hindurch und sagte bedeutungsschwanger:
«Aber na ja, was wisst ihr schon davon» –
Jütte setzte sich neben mich.
«Bald wird es dunkel. Wenn er schläft, sollten wir die Flinte einfach ins Wasser werfen.»
«Okay», sagte ich nur.
«Wie geht’s dir?», fragte sie und strich mir über die Stirn.
«Ich weiß nicht», sagte ich. Und ich wusste es wirklich nicht. Mich hatte das Ganze zwar überrascht, dann aber auch wieder nicht: Katja hatte es angekündigt, und ohnehin: Ich hatte es kommen sehen. Vielleicht nicht unbedingt genau das, aber etwas in der Art. Es hatte an den Dorfgrenzen, an den Hecken, hinter den Häusern, an den Rändern der glatten Biographien gelauert. Jetzt, wo es da war, was konnte man da noch sagen, was konnte man noch tun? Die Zukunft war auf eine erbärmliche Größe zusammengeschrumpft, jede Lücke war voll mit einer gewaltigen, sich krachend ausdehnenden Gegenwart.
«Ich übernehm die erste Wache», sagte Jütte.
Das Wasser gurgelte, das Kind schrie – wenn man versuchte, genauer hinzuhören, flüchtete sich das eine in den Krach des anderen, und trotzdem konnte man nichts davon überhören, selbst wenn man sich die Ohren zuhielt. Ein Gespei, ein pausenloses Geblubber. Gekreisch. Gesprudel. Und die Ohren machten daraus ein Geklingel, ein Tuten, ein Läuten, ein Pfeifen – eine ungestalte Orchestermusik. Ewig alles so still hier, und dann diese betäubende Lautstärke. Als hätte sich die Welt all die Jahre eine brennende Streitrede verkniffen, die jetzt schnell rausmusste.
Ich war total im Arsch. Aber Jütte lächelte sogar.
«Es ist wirklich verrückt», sagte sie.
«Was?», fragte ich stumpf.
«Dass so was hier passiert –
Und dass Baumann darauf vorbereitet ist …»
Mir kam alles verrückt und sinnlos vor. Für was hatten wir uns letzte Woche noch so sehr angestrengt? Ich hatte es vergessen. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, dass es einen Ort gab, an dem die Menschen nicht auf ihren Dächern standen.
«Warum beeilst du dich so?», dachte ich und schaute in die Millionen sich vorbeipressender Kubikliter Wasser. «Du hast doch alle Zeit der Welt.
Du machst die Zeit. Du bist die Zeit.»
Mich überkam plötzlich ein seltsamer Gedanke: Hat das eigentlich irgendjemand aufgeschrieben? Hat das jemand fotografiert? Diese kolossale Gewöhnlichkeit. Diese kolossale Ereignislosigkeit. Diesen Ort hier – am Rande von allem. Gerade werden alle Zeugen und Beweise vernichtet – dass es das jemals gab.
«Verzeih mir», blubberte das Wasser.
Ich legte meine Stirn auf die Knie und schloss die Augen. Am Übergang zu einem plötzlichen Schlaf kam mir ein Bild. Da türmt sie sich vor mir auf. Hoch und groß und schön: In der Mauer der Geschichte werden viele schwere, schöne Steine verbaut. Marmor und Basalt. Kristall und Sandstein. Granit und Quarz. Unverrückbar, gut gehauen und solide liegen sie übereinander. Schwer und faul. Selbstfroh lächelnde Riesen. Aber in einer der wenigen, winzigen Lücken zwischen den fast perfekten, edlen Quadern, da gibt es einen Ort: Thule. Und in dem Ort, da gibt es Bushaltestellen, die durchnummeriert sind. Und eine türkische Imbissbude mit Nackensteaks vom Schwein. Dahinten: Änderungsschneiderei Inge Kohn. Gegenüber: Cartridgeworld Druckerparadies. Eine Wärmeleitungsbaustelle, gegen die die Geschäftsführer in der Ladenzeile Unterschriften sammeln. Eine Mettbrötchen essende Trauergemeindetraube vor der Gemeindehalle. Die Pension «Dörpskrog», die seit kurzem «Bei Franky» heißt, was aber eh keiner sagt, sodass sie eigentlich nie so hieß – weil es niemand gesagt hat, bevor sie untergeht. Der wegrostende Freizeitpark einen halben Kilometer vorm Ortseingang. Vor ihm patrouillieren Parkplatzwächter mit Parkplatzwächteruniformenstolz. Ein paar Touristen lesen die Plaketten am Rathaus. Aber da steht nur, wann dieses gebaut wurde und welcher Bürgermeister jenes in Auftrag gab. Und wann das letzte Hochwasser war.
Im achtzehnten Jahrhundert. Abzulesen an einem Pfahl, der jetzt zweieinhalb Meter unter dem momentanen Wasserspiegel lag. Oder wahrscheinlich abgeknickt und davongerissen worden war.
Und dann plötzlich: Katja. Wie sie mir zulächelt und sagt: «Na, Finn, was hab ich gesagt?»
Sie winkt mich zu sich, als würde sie sagen: «Dummkopf – nicht am Rand stehen bleiben. Weiter rein. Weiter rein.»
Ich fühle mich leicht und verzweifelt zugleich. Wo bist du?
In dieser seltsamen Wolke von mir auf die Stirn zufliegenden Bildern merkte ich plötzlich, dass Jütte Dogge anschrie. Er hatte mit seiner Flinte auf das Kind gezielt, das plötzlich sehr laut und verzweifelt in Richtung Sonnenuntergang heulte. Es schrie immer wieder: «Kann nicht, kann nicht, kann nicht, kann nicht, kann nicht.» Den Namen seiner Mutter. Manchmal «Wasser». Hauptsächlich aber unverständliches, verzweifeltes Wimmern und Weinen.
«Ziel nicht auf das Kind», sagte Jütte, ohne auch nur eine Sekunde den Blick vom Abzug zu nehmen.
«Kennt ihr eigentlich …» – Dogge fiel fast in den Schornstein, aber behielt das Kind ruhig im Visier – «Kennt ihr eigentlich den Gödel’schen Unvollständigkeitssatz?»
«Lass das Kind», sagte Jütte etwas lauter, «das ist nicht lustig.»
«Der erste Satz sagt, dass jedes hinreichend mächtige formale System entweder widersprüchlich oder unvollständig ist.»
Dogge spannte den Hahn.
«Der zweite Satz sagt, dass jedes hinreichend mächtige konsistente formale System die eigene Konsistenz nicht beweisen kann.»
«Lass das sofort!», schrie Jütte.
«Kennt kaum jemand – den Unvollständigkeitssatz.»
Die Flinte vor Dogge wurde jetzt ganz ruhig und gerade. Ein Pfeil in Richtung Kind.
«Dabei zeigt er eigentlich – und das ist das Verrückte –, dass es Aussagen gibt, die man weder beweisen noch widerlegen kann.»
«Baumann», schrie Jütte.
«Beziehungsweise: dass unser Denken, unser sogenanntes logisches Denken, von Grund auf falsch ist und man sich damit den Weg zur wirklichen Wirklichkeit nur versperrt.»
«Verflucht – Baumann!»
«Aber das will halt niemand wahrhaben.»
Dogge atmete tief ein.
Schloss sein linkes Auge.
Atmete aus.
Und schoss.
Was der tumbgesoffene Dogge, erst drei Sekunden nachdem sich das letzte von vier Echos verzogen hatte, merkte, war, dass Jütte den Gewehrlauf runtergerissen, er sich dadurch selbst in den Fuß geschossen und auf diese Weise den kleinen Zeh des rechten Fußes abgetrennt hatte, der nun als roter, klumpiger Brei mit einem Stück Stiefel und einem Fetzen seiner geschmacklosen Simpsonssocke (auf der, über Dogges mächtigen Knöchel gespannt, ein deformierter und grau gewordener Bart «Ay Caramba» sagte) in einem etwa sieben Zentimeter großen Fleck vor ihm lag. Die Flinte war vor seine Füße gefallen, aber er stand noch immer mit gekrümmtem Abzugsfinger da, was theoretisch ziemlich lustig war – denn eigentlich war das ja ein Bugs-Bunny-Klassiker. Als ginge es darum, einen komplexen lateinischen Satz zu übersetzen, starrte Dogge an sich herab. Jütte sah ihn eine Weile mit versteinertem Gesicht an, bevor sie ein «Du Arschloch» rauspressen konnte. Dann gab sie ihm drei Ohrfeigen. Dogge rieb sich die Wange und setzte sich plump hin.
Wir schwiegen.
Das Weinen des Kindes wurde noch grauenhafter. Jütte schickte mir einen wütenden Blick. Mir fiel plötzlich auf, dass ich mich überhaupt nicht gerührt hatte. Dass ich die ganze Zeit nur dagesessen und wie betäubt zugesehen hatte. Erst jetzt kam mir der Gedanke, dass das noch eine Möglichkeit war: sich zu bewegen. Ich fühlte mich wie ein Tourist im eigenen Körper.
«Tut mir leid, Jütte, ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Die Sonne …»
Sie setzte sich stumm vor Dogges Fuß und begann, ihn zu verbinden.
«Vollidioten.»
Dogge lag jetzt auf dem Rücken und redete, halb im Suff, halb im Schmerz, wirres Zeug.
«Ändert auch nix an der Sache, wenn der Zeh ab ist.»
Eine aufgerissene Kuh zog an uns vorbei, in deren Eingeweide sich ein Blitzableiter verhakt hatte. Ich stellte mir vor, wie jemand unter mir eine kupferne Plakette anschraubte: «1982–2012». Nur mal kurz in die Weltsoße gedippt. Gerade lang genug, um es zur Klimax der Verwirrung zu schaffen.
«Was ist schon ’n Zeh –
wenn der Kosmos kotzt», sagte Dogge.
«Halt jetzt mal das Maul», sagte Jütte sanft und streichelte ihm die Stirn.
Das Weinen des Kindes wurde immer grauenhafter. Es war nicht auszuhalten.
Ich wusste nicht mehr, ob das Wasser schrie oder das Kind rauschte. Nur hin und wieder schlüpfte ein Wort aus der Stimme und erinnerte einen daran, dass das ja ein Mensch war, kein irres Tier. Ich starrte in das Wasser. Wie war das alles noch mal passiert?
Wo fing das an und wann?
Das Wasser floss oder drückte oder zog oder schob – oder bewegten wir uns durch Wasser oder alles zusammen? Ich wusste es nicht mehr. In der Hitze auf dem Dach verknotete sich alles. Das Schreien des Kindes, das Wasser, die Sonne, die Mücken, Dogges Jaulen, das Wasser, die Schrotflinte, das Wasser und das Wasser, das Wasser. Wie lange hatte ich schon nicht mehr geblinzelt? Meine Augäpfel waren große, glühende Murmeln.
«Schau nicht weg», sagte etwas. Es war das Wasser. Es flüsterte mir ins Ohr.
«Erinnerst du dich?»,
säuselte es,
«als du von Stein zu Stein gesprungen bist?
Als du in deinen Schuh fasstest, und es war ein Frosch darin?
Erinnerst du dich, wie die Hecken rochen? Erinnerst du dich an den kühlen Teppich im Keller und die Carrerabahn? Wie du mit deinen Kumpels in ein Glas gespuckt hast, um zu sehen, wie lange es dauert, bis es voll ist?
Wie es nach Gras roch und nach Erde? Erinnerst du dich an die Schnecken, die im Eimer ertrunken sind, und an den Schimmel im Besen? Erinnerst du dich an das Heu und an die trockenen Stromschläge aus den Zäunen, die ihr als Mutprobe angefasst habt?
An die Verstecke, von denen niemand etwas wusste außer euch.»
«Wisst ihr, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass das hier passiert?», fragte jemand von der Seite.
«Schau nicht weg!», sagte das Wasser ruhig,
«Hör auf meine Stimme:
Memoriam.
Erinnerst du dich an das Fahrrad, mit dem du über die Straßen gejagt bist?
Erinnerst du dich an das Knirschen der nassen Steine am See?
Erinnerst du dich an all die Farbe? Erinnerst du dich daran, wie unendlich groß die Welt sich ausdehnte und wie sie plötzlich zu schrumpfen anfing?
Wann war das?»
Mir war, als wär das Wasser überall in mich eingedrungen.
Es lag mir als Teppich auf der Netzhaut, als Geschmack auf der Zunge, als Geräusch in den Ohren, als Schmerz in meinem Kopf.
«Erinnerst du dich an all die Möglichkeiten?
An die tausend Leben, die du nicht gelebt hast?
Die wie Baumstämme im Wasser aufragten.
An denen du vorbeigetrieben bist. Nach denen du fast gegriffen hättest.
Erinnerst du dich, wie es anfing?
Das alles?
Du?»
Gerade als ich dachte, jetzt löse ich mich auch auf und fließe mit dem Wasser davon, oder eher: Ich fließe schon längst da unten und das Wasser hockt auf dem Dach und starrt zu mir herunter –
Da tauchte aus dem Chaos ein Gegenstand auf, den ich mit einem Stich in der Brust sofort erkannte: Tilles Fernglas.
«Erinnerst du dich?
Wie aus dem Chaos Ordnung wurde und aus der Ordnung Chaos und aus dem Chaos Ordnung.
Wie alles zusammenhängt?
Unsichtbar für die anderen, aber schon knapp unter der Oberfläche verbunden.»
Ich hatte es schon ganz und gar vergessen, aber als ich es sah, wusste ich: Das war es. Kein Zweifel. Auf dem linken Objektiv hatte es einen Bruch, der das Glas in drei verschieden große Stücke teilte. Tille war das Fernglas auf einen Stein gefallen. Ich erinnerte mich an sein Gesicht in dem Augenblick, als es passierte. Wie alles Blut mit einem Schlag daraus wich.
«Erinner dich.»
Das Fernglas war nur für eine Sekunde zu sehen, tauchte dann wieder unter und 15 Meter weiter hinten auf, verhedderte sich dort mit seinem Lederband an einem Ast und tanzte auf dem Wasser.
«Erinner dich.»
Gerade wollte ich aufstehen und sehen, ob ich es nicht vielleicht erreichen könnte – da riss es plötzlich ab und trieb davon.
«Erinner dich.»
Von der Seite hörte ich noch mal einen Schuss (oder bildete ich mir das ein). So was wie einen Startschuss: Denn während ich dem Fernglas hinterherstarrte, überkam mich das verrückte Gefühl, es trieb nicht mehr mit dem Strom den Fluss hinab und von uns davon – sondern verlangsamte seine Fahrt.
Immer mehr. Hielt schließlich für einen Augenblick an.
«Die Wahrscheinlichkeit, dass das alles hier passiert, liegt doch bei 1 zu 5000000», sagte Dogge.
Und bewegte sich dann langsam zurück.
Erst drückte es sich mühevoll gegen den reißenden Fluss.
Ein wütender Schwimmer. Dann wurde es schneller.
«1 zu 5000000 – und trotzdem war es klar.»
Schneller und schneller.
Glitt es den Strom hinauf.
«Willst du mir sagen, du erinnerst dich nicht?»
Floss zurück in eine fensterlose Asservatenkammer, in der es jahrelang neben einem Bruder Spielzeugtrecker und einem alten D-Mark-Bestand abgelegt gewesen war, bevor das Wasser beim Hereinplatzen den Staub abwusch.
«Zufall?
Wer glaubt denn an Zufall? Solche Dinge passieren doch andauernd.»
Floss noch weiter zurück. Zu dem Zeitpunkt, als es dem sich zu Tode erschreckenden Tille aus der Hand auf einen Stein gefallen ist und dem Molekülgitter des Objektivglases eine heftige Erschütterung versetzt hat, sodass es irreparabel zerbrochen ist.
«Du erinnerst dich nicht?»
Und noch weiter zurück, als ein Mann mit einer Säufernase das Fernglas zwischen zwei zugestaubte Plastikblumen auf eine Fensterbank gestellt hat, Tille eindringlich verbot, es zu nehmen, und der es sich eine halbe Stunde später, als der Mann schlief, von dort gegriffen hat, um vor uns damit anzugeben.
Ja: Vielleicht fing es tatsächlich da an.
«Nein? …»
«Ich erinner mich genau!»
Plötzlich war es ganz still. Es dauerte ewig, bis ich bemerkte, warum.
Das Kind weinte nicht mehr. Es war dunkel.
Am 26.7.1992 um 14:00 Uhr klingelt das ansonsten schweigsame Telefon im Haus der Badinskys und weckt Tilles Vater, Erik Badinsky, aus seinem flachen Säuferschlaf. Zunächst unfähig, das Geräusch zuzuordnen, stöhnt er «Verdammte Scheiße» auf eine Art, dass wir uns den Geruch seines Atems genau vorstellen können. Wir hören, wie er dumpf durchs Wohnzimmer stolpert. Und rennen los. Das Gras schneidet in unsere Schienbeine. Dogge, Tille und ich rennen vor, Diego schnaufend hinterher. Wie selbstverständlich man als Kind überall hinrennt, wie ein gefälliges Fallbeispiel in einer kybernetischen Beweisführung. Wie immer auf unserer Route biegen wir in das Feld ein. Vor mir sehe ich die Schneisen, die Tille und Dogge in das Korn rennen. Da ein kleiner, da ein großer Tunnel. Ich zögere für den Bruchteil einer Sekunde. Wehre mich gegen meine erste Entscheidung. Zwänge mich dann durch den kleineren. Und genieße das Gefühl, einer Vorherbestimmung entkommen zu sein.
Wir fräsen durch das Korn.
Tille schreit weiter vorne irgendwas. Er ist hyperaktiv – aber das hieß 1992 in Thule noch «Zappelphilipp», und statt einer Therapie haute ihm sein Vater, wenn es gar nicht mehr ging, einfach ordentlich auf die Fresse (was so drei-, viermal die Woche passierte). Worauf Tille immer versuchte, nur innerlich zu zappeln, oder – wenn gar nichts mehr ging – unten in der Garage seines Vaters die Hand in den Schraubstock eindrehte. Ameisen mit Feuerfüßen gehen ihm über die Schläfen und rufen: Let’s dance, Tille Badinsky.
Tille schreit viel, wenn wir unterwegs sind. Zum Beispiel:
«Bei der Macht von Castle Grayskull – ich habe die Kraft!», oder: «Sonderangebot, Sonderangebot, Alarm: Sonderangebot» – verspultes Zeug, als würde jemand plötzlich von irgendwo auf ihn zugreifen und ihm schrille, oftmals diskreditierende Aussagen soufflieren. Aber dann kommen da wieder andere Dinge. Skurrile Formeln. Mathematische Sätze. Die er manchmal zuckend mit Stöcken in die Erde schreibt. Plötzliche Blitze von weit her. Wie die Geister von Genies, die kurz und sinnlos in seinen armen, dünnen Körper fahren, um mit ihrer unaushaltbaren Übergröße anzugeben.
Er rennt vor und wieder zurück. Und wieder vor und zurück. Auf seinen dünnen weißen Beinen. Gleich brechen sie ab, denkt man. Das Fernglas schaukelt um seinen Hals, wie eine viel zu große Medaille, für deren Verleihung er allein schon wegen des aberwitzigen Größenverhältnisses zwischen ihm und ihr (das ihn in eine groteske Winzigkeit verschiebt) nicht in Frage kommt. Seltsamerweise stelle ich ihn mir immer so vor – mit dem Fernglas um den Hals. Dabei hat er es nur hier und heute und nur ein Mal. An diesem einen Tag, an den ich mich plötzlich wieder so klar erinnere. Er hat es von der Fensterbank genommen. Seinem Vater ist das Fernglas «was wert», und deswegen steht es da. Er nimmt es nur selten mal auf, um im Garten aus viel zu großer Nähe irgendwelche Vögel zu beobachten. Schwankend steht er da, guckt durchs Fernglas und sagt irgendwas Fachmännisches: «Die Wildenten sind früh», oder: «Interessante Balzmaserung», mit dem fadenscheinigen Duktus des viel zu schlecht blendenden Trinkers. Dann stellt er es zurück auf die Fensterbank. Eigentlich hat er es nur, weil sein eigener Vater eins hatte, das auch auf einer Fensterbank stand (und das er nicht anfassen durfte). Er denkt vielleicht, dass Väter so was brauchen. Dass es irgendwie zum Projekt dazugehört. Im Gegensatz zu Geduld oder Interesse oder regelmäßigen Mahlzeiten oder verständlichen Wesenszügen oder einer partiellen Nüchternheit während der Tagesstunden der Arbeitswoche. Tilles Mutter ist 89 an Brustkrebs gestorben. Seitdem trinkt sein Vater. Eigentlich schon vorher. Aber seitdem mit gutem Grund und gewissermaßen vom Dorf akzeptiert, weil, was soll man auch tun. Obwohl sie einen ziemlich coolen Garten haben, halten wir uns selten bei ihnen zu Hause auf. Nur wenn sein Vater schläft. Und wenn er aufwacht, sind wir weg. Wir haben alle Angst vor seinem Vater. Am meisten Tille.
«Konzentrieren, konzentrieren, konzentrieren», ruft er sich oft zu.
«Ruhig sein, ruhig sein, ruhig sein», dann wird ein Lied draus:
«Kooooonzentrieren – Ruuuuuuu-u-huig sein
Konzentrieren – Ru-uh-hu-u-hu-u-huuuuu
Bu hu hu.
Ba du hu hu
Yeah, yeah, yeah
Yeha, yeah, yeah
Teenage Mutant Ninja Turtles go!»
Ich bin 10 – Diego 12, Dogge 13 (wie alt ist Tille noch?).
Diego und Dogge unterhalten sich weiter hinten schnaufend über Automarken:
«BMW und Audi sind am coolsten», sagt Diego.
«BMW ist bayrisch, Alter!» (Alles, was südlicher als Hannover liegt, ist verpönt und verhasst.)
«Trotzdem: BMW ist auch cool.»
«Das sagst du nur, weil dein Vater aus Bayern kommt», sagt Dogge.
«Mein Vater kommt nicht aus Bayern, sondern aus Venezuela.»
«Ja, aber dein Vater ist in Bayern aufgewachsen und hat Weißwurst gefressen und Kartoffelsalat ohne Mayonnaise. Er hat sich über Auswärtssiege der Bayern gefreut und diese ganzen anderen Verbrechen am guten Geschmack für deutsche Wesenszüge gehalten.»
«Mein Vater hat sechs Monate in Stuttgart gewohnt. Und dann ist er hier hingezogen», sagt Diego mit der hochfrequenten Stimme, die sich immer dann zeigt, wenn er sich aufregt. «Er wohnt hier seit 25 Jahren!»
«Bayern ist Bayern, scheißegal ob Stuttgart oder München oder wie der ganze Scheiß da unten heißt.»
Diego glüht unter seiner braunen Haut und hält sich seine dicken Finger an die Brust – die Geste einer alten Frau. Vielleicht hat er sie sich bei seiner Oma, bei der er wohnt, so oft angucken müssen, bis sie sich bei ihm ins Präkognitive geschummelt hat. Er drückt die abgespreizten Finger gegen seinen braunen Fleischpudding, sodass sich zwei Echauffiertheitsfalten an seinem Hals bilden, zwischen denen sich der Schweiß rauspresst. Speckaugen, die Specktränen weinen. Es sieht tatsächlich aus, als hätte er ein Altfrauendekolleté (das geradezu nach einer Perlen- oder Korallenkette schreit). Dazu kriegt er dieses Gesicht, als würde er sagen: «Wollt ihr noch einen Pfannkuchen, Jungs?», zugleich lieb und voll von feinen Vorwürfen.
Ich sehe uns ganz deutlich. Da laufen wir, Thules Resterampe: ein humpelnder Leptosom, der wegen seiner fetten Weiblichkeit und seiner indigenen Herkunft gehänselt wird. Ein kreidebleicher und spindeldürrer Junge mit roten Locken, der sich gelegentlich auf den Kopf schlägt, um die Kontrolle über sich selbst wiederzubekommen. Und ich – der Typ mit dem behinderten Bruder, der zugezogenen Mutter, dem toten Vater, der sozusagen den Rest thematisch abdeckt. Nur Dogge war einigermaßen cool. Riesengroß und stark. Es gab eigentlich nur einen Grund, warum er sich mit uns abgab. Und das war, weil er Diego in einem Wutanfall den Zeh des rechten Fußes zertrümmert hatte, sodass er abgenommen werden musste.
Das Feld reißt ab, und dann tut sie sich vor uns auf: die Kulisse unserer Kindheit. Das offene, kahle, deichnahe Thule. Wir sind auf dem Weg zum Kanal. Wir wollen Piraten spielen. Also: Ich und Tille hoffen, dass es sich ergibt, dass wir Piraten spielen (denn wir sind seit «Tip Top Totenkopf» von EAV große Piratenfans). Das ist auch der Grund, warum Tille ein brennendes Interesse für das verbotene Fernglas entwickelt hat. Diego und Dogge wollen eigentlich nur schnitzen, Messer werfen und Dinge zerstören. Vielleicht kokeln oder rauchen.
Der Kanal liegt auf der landwärtigen Deichseite. Er mündet in einen kleinen, künstlichen See vor einem alten Schöpfwerk, das ganz ohne menschliche Hilfe zu laufen scheint. Drum herum Heide, Salzwiesen und schmale Gräben, in denen schwarze Aale schwimmen. Die Landschaft wirkt sediert. Wir krabbeln als Käfer auf ihrem Rücken rum, aber an dieser Stelle scheint sie überhaupt keine Nerven zu haben. Das hier ist Hornhaut. Die Sonne scheint, trotzdem ist es kalt. Der Wind pfeift laut, egal zu welcher Jahreszeit, weil das Land hier so flach ist. Mit jeder künstlichen Erhebung fängt er einen auf Jahrtausende angelegten Grundrechtstreit an. «Deutschland pfeift hier durch die Zähne», hat mein Großvater immer gesagt. «Deutschland weiß von dem Ganzen hier nix», sagte meine Mutter dann immer, «und selbst wenn: Das hier ist keinesfalls in der Nähe vom Kopf.»
Sie hat es hier gehasst. Vom ersten Tag an. Unsere ganze Familie, außer meinem Bruder Reini, der hier seltsam aufblühte, einen richtigen Wortschatz entwickelte und gut gelaunt Kartoffeln erntete. Wäre er nicht gewesen. Sie wäre nach einem halben Jahr gegangen. So wurden es 15.
Hinter dem Deich hört man das Meer wie ein gedämpftes Schnarchen. Gott schläft. Die Grashalme sind hart und breit. Schafe stehen in der Ferne. Die dümmsten Tiere. Oder extrem kluge Pilze. Wie man will. Egal wie stabil die Laune ist. Ein blökendes Schaf und der pfeifende Wind schaben sie dir raus und pflanzen da Melancholie und – bei jedem Menschen über 30 – ganz automatisch Gedanken über verpasste Chancen und Ausweglosigkeit. Diese Landschaft ist wie eine Versinnbildlichung von allem, was sich hier abspielt, denke ich. Als hätte irgendjemand die Spitzen abgeschnitten. Von dem Land. Von den Leuten. Von den Ereignissen. Und irgendwie bekomme ich das Gefühl – schon früh –, dass wir daran mitarbeiten. Durch bloßes In-der-Welt-Sein – hier an diesem Ort. Wo aus guter Jungsknete immer nur wieder die gleichen idiotischen Kugeln gedreht werden. Als wäre Gott ein autistisches Kind. So wie Reini. Das an der redundanten Wiederholung von der ewig gleichen einfallslosen Scheiße das größte Vergnügen hat. Wie es wohl sein muss, woanders zu sein, in einer anderen Landschaft? In der man seine Wege, seine Routen planen muss, statt auf einem Plateau zu sein, das einem keine Wahl abverlangt?
Warum sind wir hier? Macht es Spaß, hat es einen Sinn, vertreibt es die Zeit? Nein. Wir sind hier, um unseren Job als Heranwachsende mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen, so gut es geht, zu erfüllen. Und ja – was wir hier am Schöpfwerk machen, ist langweilig. Aber es ist mehr als das, was unter Aufsicht im Dorf möglich wäre. Und das ist, in seiner kargen Form, eine Art Luxus der Verhältnismäßigkeiten.
An der Schöpfwerkmauer sammeln sich die Sedimente landjugendlicher Ausbruchsbemühungen: Reste runtergebrannter Lagerfeuer, Zigarettenschachteln, Bierdosen, Oldesloer Doppelkornflaschen, Böller, aufgedunsene Superillus. Das hier, der alte Bunker und die Bushaltestelle im stillgelegten Norden des Dorfes, sind die einzigen Zufluchtsorte, die es für uns gibt. Die Rebellionsversuche der Jugend sind zwar hier auch radikal. Aber irgendwie verpufft alles. Zwischen den tiefhängenden Wolken und dem flachen Land reicht ein Möwenschrei, um jede Grenzauslotung kleinzumachen. Es wird jemand blutig geprügelt oder landet mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus? Es verstäubt sich in der Kulisse. Harmlos. Alles harmlos. Alles gut. Hier der Deich, da das Meer. Elektrische Zäune. Pferdetränken. Tau auf den Halmen. Der Geruch von Tannennadeln. Traktorspuren. Ein Meer von Möwen, deren Wut über die Wurmzipfel in der gepflügten Erde in der Ferne gerade noch für ein kleines Echo reicht. Und in dieser seltsamen Atmosphäre geht und steht, spricht und ruft, denkt und fühlt man auf eine bestimmte Art. Wie Pflanzen in einem Gewächshaus unter den gleichen Bedingungen auf eine vergleichbare Art und Weise wachsen und vergleichbare Tomaten und Gurken abwerfen.
Wir geraten in einen seltsamen Modus. Alles läuft Schritt für Schritt und in stillschweigendem Einverständnis ab. Tille guckt durch sein Fernglas und schreit: «Da, dahinten kommen sie – Scheiße, verfluchte Scheiße, Wale, Schwerter, Feuer, Wildschweine, Fackeln.» Ich klettere auf einen umgekippten Baum. Dogge schmeißt in plötzlicher Wut – wir wissen kurz nicht, ob gespielt oder echt – einen Ziegelstein gegen die Backsteinwand des Schöpfwerks. Diego benutzt das abstehende Geäst, um den Baumstamm zu steuern.
«Alle rauf – alle rauf.»
«Nein, ich muss noch die Angreifer abwehren», rufe ich einen thematischen Vorschlag.
«Los jetzt», insistiert Diego, «– wir müssen einparken.»
«Einparken?», frage ich.
«Yes, yes – rauf, schnell!»
Diego imitiert das Geräusch eines zurücksetzenden Lkw. Es ist ein anarchistisches Knäuel von Sujets, völlig chaotisch – und absolut vereinbar.
«Kommt jetzt mal da runter», sagt Dogge. «Lass uns mal was anzünden.»
In den Sicherheitsgittern vor dem Schöpfwerk sammelt sich der Müll. Styropor von alten Bojen, Plastikflaschen, Einkaufstüten. All das Zeug, das in das Kanalsystem um Thule reingerät, landet früher oder später hier. Dogge legt sich mit dem Bauch auf die gemauerte Uferkante und pult was von dem Zeug raus. Er holt eine Dose Haarspray und ein Feuerzeug aus der Tasche. Diebesgut von Edeka. Im Wert von einer Mark fünfundsiebzig. Er gräbt eine kleine Kuhle und legt das Plastik rein. Ein kleines Plastiklagerfeuer. Dann sprüht er das Ganze gründlich ein und zündet es an.
«Wer bescheuert genug ist, atmet das ein.»
Tille hält die Nase über das schwarz qualmende Feuer und inhaliert.
«Irgendwie riecht das lecker. Wie Marzipan oder so.»
Für einen Augenblick wirkt Tille richtig entspannt. Wir anderen machen es nach. Mir wird schwindlig. Dogge zeigt uns einen Vogel.
«Meine Fresse – seid ihr dämlich.»
Und wir sind es.
Dogge hat einen «Prince Adam» – also die schwächliche, lila angezogene, noch nicht transformierte Version von He-Man. Er kokelt ihm den rechten Fuß an, bis der in die Flamme tropft. Meine ganzen frühkindlichen Erinnerungen riechen nach Plastik. Die frühjugendlichen nach verbranntem Plastik. Die Jungs starren ins Feuer. Die Flammen kriechen über ihre zu Scheunentoren gewordenen Pupillen direkt ins Gehirn und legen da alles lahm. Ich hab meine Kamera dabei und mache ein Foto, wie die drei um das schäbige Lagerfeuer hocken. Mit dem Kopf auf den Knien. Diego wie eine fette Marilyn Monroe mit zur Seite gelegten Beinen, die Hand auf dem Oberschenkel. Mein Kopf wird ruhig und klar. Ich sehe mir die Kamera an. Sie liegt wie ein Stein in meiner Hand. Ganz schwer und irgendwie überraschend tatsächlich: das gebürstete Aluminium. Die kleine Delle an der Ecke. Das winzige Sucherfenster, das gelbschwarze Ränder bekommen hat. Die kleinen schwarzen Punkte auf der Vorderseite, Fliegenkot. Alles Dinge, die ich tausendmal gesehen, aber nie gesehen habe. In meinem Rausch bin ich total erstaunt: aus was sich diese Kamera zusammensetzt. Aus wie vielen Tausenden Momenten. Für die mir total der Blick fehlt. Ich sehe immer nur das stumpfe Jetzt – und denke es mir wie ein logisches Ende. Aber die Ereignisse sind in Wahrheit nicht aufgezogen wie auf einer Perlenkette. Nein, denke ich: Sie fliegen blind füreinander durch die Wirklichkeit. Sind voneinander total unabhängig. Und dass sie sich treffen, nicht nur im Raum, auch in der Zeit, und zusammen eine Geschichte, einen «Verlauf» bilden, das ist so unendlich unwahrscheinlich. Und es ist unendlich unwahrscheinlich, dass mir diese Kamera heute hier so in der Hand liegt, ich sie betrachte und diese Gedanken denke. Wie hoch hätte jemand die Wahrscheinlichkeit kalkuliert vor 13,8 Milliarden Jahren? Ich weiß nicht, ob ich es genauso denke, ich bin ja ein Kind. Aber ich denke es so in der Art: Es ist verrückt, dass das funktioniert. Dass es funktioniert, ohne durcheinanderzugeraten. Und dass es von allen möglichen Wegen diesen nimmt. Und dass man sich einfach nicht dagegen wehren kann.
Ich fühle über den Riss in dem roten Druckknopf. Ich erinnere mich an den Moment, an dem er kaputtgegangen ist, und plötzlich – als würde sich mit einem Mal ein kleines Fenster auftun, ja ich bin regelrecht erschrocken – wird mir klar, dass mein Vater diese Kamera mal in der Hand gehabt hat. Zu einem Zeitpunkt, als es seine Hand noch gab. Als sie noch Teil seines lebendigen Körpers war und er gesprochen und sich durch die Welt bewegt hat – und die Vorstellung, dass er tot ist, dass er in der Erde liegt und verwest, abwegig und fern war. Es ist wie ein luzider Augenblick, an dem sich der Schleier lüftet und der Moment, in dem die Kamera von seiner Hand in meine gleitet, so klar erscheint, dass ich das Gefühl habe, er ist ganz in der Nähe. Ich muss mich nur ein Stück bewegen, einen kleinen Schritt hinter den Vorhang tun, und ich bin wieder da –
Ich frage mich, ob ich, wenn ich in der Vergangenheit etwas anders gemacht hätte, mich anders verhalten hätte, etwas am Lauf der Dinge hätte ändern können. Dann gibt es einen kurzen Schmerz. Als wäre das ganze Leben unlebbar. Eine gigantische Anmaßung. Aber im nächsten Moment ist er schon vorbei – und da ist nur noch die alte Kamera in meiner Hand. Abgegriffen und speckig. Und die Erinnerung an meinen Vater ist nur noch dieselbe alte Erinnerung in meinem Kopf. Blass und fragwürdig, weil ich sie so oft hervorgeholt habe: Er steht da (oder sitzt er? Fahren wir Auto?), gibt mir die Kamera und sagt: «Agfamatic Pocket-4000.» «Ah», sage ich, denn ich ahne nicht, dass das hier gerade ein bedeutender Moment ist. Es ist ein stinknormaler Moment für mein Erinnerungs-Ich. Mein Erinnerungs-Ich streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht und ignoriert und verpasst das Sakrale. «Wenn du jeden Tag ein Foto machst, kannst du dich später an alles erinnern, was in deinem Leben wichtig gewesen ist.»
Von ihm allerdings konnte ich kein Foto machen. Denn bevor ich in der Stadt einen passenden Film – Kassettenfilm – kaufen konnte, war er schon nicht mehr da.
Das Feuer geht aus. Der Bann ist gebrochen.
Tille schlägt vor, dass wir Verstecken spielen[*]. Die anderen lachen wie von Sinnen. «Verstecken!»
«Ja – ihr versteckt euch, und ich suche euch mit dem Fernglas.»
Eigentlich spielen wir jedes Mal Verstecken. Es so zu nennen ist allerdings ein Fauxpas schlimmster Sorte. «Verstecken» ist ein Kinderspiel. «Sich zu verstecken» allerdings ein zum Standardrepertoire gehörendes Detail eines vollständigen Nachmittags. Wenn es sich von selbst ergibt. Dogge wirft Tille zur Bestrafung für seine Dummheit auf den Boden zum Muskelreiten. Der kreischt wie unter einem Anfall. Zwei Minuten später rennen wir alle in unterschiedliche Richtungen und versuchen im variationsarmen Flachland ein gutes Versteck zu finden. Dogges Verstecke sind die besten, denn er ist stark und wendig und klettert mühelos irgendwo rauf, traut sich in spinnenverseuchte Löcher oder offene Gullis. Diegos Verstecke sind die schlechtesten. Er steht kichernd hinter Ecken und ruft: «Komm doch, du Spasti!» Ich finde das Spiel eigentlich scheiße, weil ich es nicht verstehe: Wenn einer der Versteckten seinen Teil des Spielziels erreicht und wirklich so gut versteckt ist, dass er nicht gefunden wird, ist eigentlich das ganze Spiel kaputt. Nein: Man kann sich nur gefällig verhalten und seinen Aufenthaltsort nach einer Weile preisgeben. Oder sich in seinem Versteck langweilen und den Sucher maßgeblich frustrieren. Diese zusammengeheuchelte Grundlage des Spiels kam mir schon als Kind vor allen Dingen gesellschaftsvorbereitend vor. Als gäbe es eine stille Abmachung, der alle folgen, und das Spiel ist nur ein stumpfer und überflüssiger Teil davon. Und es ist gerade dieses Gefühl von einer riesigen Vorherbestimmung, das wie eine boshafte Kröte auf unseren Biographien hockt und mich und uns an diesem Ort durch die Welt drückt, dass ich manchmal so einen unwiderstehlichen Drang habe, es zu durchbrechen. Ich habe dazu richtige Strategien entwickelt: Wenn ich Lust habe, einer Spinne ins Netz zu pinkeln, widerstehe ich dem Drang und tu’s nicht. Oder wenn ich irgendwo pünktlich erscheinen muss, warte ich extra noch mal zwei Minuten, bevor ich reingehe. Vielleicht sind die Steine im Mosaik klein, und man sieht das Bild, das man legt, erst, wenn es fertig ist und aus dem nötigen Abstand (so wie mir diese ganzen kleinen Schritte an jenem Tag, an dem Tille das Fernglas genommen hat, klein und harmlos und allerweltsartig vorkommen). Ich glaube, es gibt diese Momente. In denen man an einer Gabelung steht und sich entscheiden muss. In denen man sein Schicksal gestalten kann, wenn man dafür durchlässig ist (oder zumindest ist es das, was mich Katja später immer glauben lassen wollte).
Und das ist so ein Moment: Aus dem Augenwinkel sehe ich Dogge die Regenrinne vom Schöpfwerk hochklettern. Diego kniet kichernd hinter einem Kieshaufen, keine drei Meter von dem zählenden Tille entfernt. Er hält das für ein gutes Versteck. Weil es «zu naheliegend ist, dass jemand draufkommt». Statt, wie es sonst meine Art ist, einfach hinter der Regentonne am Schöpfwerk zu warten, bis ich endlich gefunden werde, gehe ich auf die andere, die windige Seite des Deichs. Zum Meer. Es führt eine kleine, schiefe Treppe hinauf. Zwischen dem aufgesprungenen Beton wachsen Disteln. Ich genieße das Gefühl, dass jeder meiner Schritte ein bedeutender Einschnitt in den Verlauf unser aller Geschichte ist. In diesem Gefühl trete ich auf die Disteln, aber sie sind so starr und hart, dass sie sich sofort wieder aufrichten. Verrückt, wie unbeirrbar hier alles existiert. Als ich mit dem Kopf den Scheitelpunkt des Deichs erreiche, drückt sich mir der feuchte Wind ins Gesicht, steigt in meine Kleidung, bis in die Unterhose. Ich sehe mich noch einmal um. Hinter mir sehe ich die Jungs als kleine Punkte um das Schöpfwerk herumzappeln. Von hier oben nicht mehr als eine unbedeutende Unterbrechung in einer riesigen Gleichförmigkeit. Für einen Augenblick weht der Wind in die andere Richtung, drückt mir in den Rücken, als wolle er mich über den Deich schieben. Ich bleibe kurz stehen. Aus weiter Ferne höre ich Tilles hochfrequentes «Ich komme». – Dann tauche ich mit drei Schritten in den Nebel ein und fühle mich tatsächlich, als wäre ich versteckt. Und zwar um niemals jemals gefunden zu werden. Von niemandem. Nein: als wäre ich nicht mehr da. Und es ist überhaupt nicht bedrohlich, nicht mehr da zu sein. Es fühlt sich gut an. Alles in mir ist plötzlich still. Diese ganzen Gedanken – ausgeschaltet. Verwirrung – ausgeschaltet. Fragen – ausgeschaltet. Auch diese stur in mir hängende Trauer wegen meines Vaters, das Gefühl, ausgeliefert zu sein, Reinis den Tag, die Wochen, das Jahr durchtaktender Zustand, der meine Mutter auspresst wie eine Zitrone und ihr Gesicht immer grauer, immer fremder werden lässt – für einen wunderschönen Moment ausgeschaltet. Alles ist gut: Ich muss nur einfach immer in diesem Nebel weiterlaufen, denke ich. Die Feuchtigkeit läuft mir über das Gesicht, der Nebel ist fast schon ein Sprühregen. Verrückt, denke ich. So dicht hab ich ihn noch nie erlebt. Er tropft mir von der Nase, von den Haaren, den Händen. Vor mir erkenne ich etwas Schwarzes. Das Meer, denke ich. Aber ich will nichts sehen. Ich will für einen Moment einfach nur mal meine Ruhe – und als hätte mich der Nebel verstanden, zieht er über die dunkle Fläche, und alles ist wieder ein angenehmer grauer Brei, der auf mich zufließt, mich einhüllt, in mich eindringt. Ja – bis hinter meine Augen, bis in mein Gehirn, das die Feuchtigkeit aufsaugt wie ein gieriger, trockener Schwamm. Ich gehe mit weit aufgerissenen Augen. Aber ich sehe gar nichts mehr. Warum bin ich hier noch mal reingegangen? Egal. Der Nebel schluckt nicht nur mich, er schluckt alles. Auch die Geräusche nimmt er in sich auf und spuckt sie, wie es ihm gerade passt, wieder aus. Mal höre ich die Jungs ganz nah, dann wieder ganz gedämpft und fern. Ich trete in etwas Nasses. Als ich nach unten sehe, bemerke ich, dass ich nicht mal meine Füße sehen kann. Jetzt frisst er auch mich, denke ich gleichmütig. Ne: sogar fast ein bisschen interessiert und heiter. Haps, haps, meine Beine sind schon weg. Sehr gut. Weiter. Irgendwann werde ich irgendwo ankommen. Oder auch nicht. Mal sehen. Es ist nicht anders, als zu schlafen. Mein Körper spielt eine völlig untergeordnete Rolle. Dass ich immer noch gehe, bemerke ich erst, als da noch etwas anderes Dunkles vor mir auftaucht. Erst denke ich, ich täusche mich, aber als ich näher komme, zeigt sich immer genauer: In dem Nebel klaffen zwei schwarze Risse, die sich rechtwinklig schneiden. Vor mir erscheint langsam, aber sicher ein großes schwarzes Kreuz. Mitten im Nebel. Es kommt schwankend auf mich zu. Aber nein, das sind deine Schritte, du gehst immer noch – du bewegst dich schwankend darauf zu. Aber auch als ich einen Moment stehen bleibe und es ansehe, bleibt dieses Schwanken, wie ein leichter, angedeuteter Tanz. Dann reißt eine dicke Nebelschwade ab. Und ich sehe, das Kreuz ist ein Mädchen, das seine Arme ausgebreitet hat, während es über die meerwärtige Brüstung der Schleusenöffnung balanciert. Ich stehe direkt vor ihr. Keine fünf Meter entfernt. Es sieht für einen verrückten Moment aus, als würde sie durch den Nebel rückenschwimmen. Dann reißt der Wind die Schwade noch weiter auf, und vor mir tauchen, entzaubernd und klar, der Deich, der Strand, die Schleuse auf. Ich dachte, ich wäre ewig gelaufen. Jetzt zeigt sich: Es waren nur wenige Meter. Ich habe es nicht mal zu dem dünnen, steinverseuchten Streifen Sand geschafft. Das Nasse, das ich gespürt habe, war eine Pfütze, in die ich getreten bin. Ich stehe da, und mein Name, mein Leben, meine Gedanken, all das Profane – kriecht in mich zurück, und ich bin wieder Finn Schliemann. Finn Schliemann mit einem nassen Turnschuh.
Alles ist wieder ganz klar und da. Und in der Mitte von allem: sie. Auch ganz klar, nein, noch klarer. Ich entdecke, dass sie mich entdeckt hat, nein, dass sie mich nicht nur entdeckt hat, dass sie mich sieht. Ein Blick ohne Umwege. Wie ein Laserstrahl. Statt, wie es sonst meine Art ist, wenn ich von jemandem angesehen werde, peinlich berührt nach unten zu gucken, schaue ich zurück. Ich kann nicht anders. Sie hat einen starken, ernsten Blick, wie von einer Katze. Nicht böse oder hart. Einfach klug und wach. Ihr hängt eine Strähne ins Gesicht. Ich weiß, was für ein dummes Klischee das ist: Aber wie sie da oben steht, mit den abgespreizten Armen auf der schmalen Brüstung, mit dieser Strähne im Gesicht und diesem Blick, in einer maximalen Körperspannung – fühlt es sich so an, als sei die Zeit stehengeblieben. Als wäre alles kurz unterbrochen und würde darauf warten, dass sie ein Zeichen gibt, dass es weitergehen kann. Dann lässt sie die Arme sinken, und ihre Lippen bewegen sich ohne Geräusch. Ich erschrecke mich, als ich feststelle: Sie meint mich.
«Was?», formen meine Lippen.
Sie wiederholt es.
«Was?», frage ich noch einmal ohne Ton.
Wieder spricht sie die Worte. Diesmal glaube ich es zu verstehen:
«Renn!»
Erst jetzt bemerke ich, dass unten an der Brüstung zwei Jungs stehen, zu ihr hochsehen und ihrem Blick langsam folgen wie einer Schnur, die zwischen ihr und mir gespannt ist. Auf meiner Seite der Schnur steht alleine und durcheinander ein durchnässter bald 11-Jähriger, der vor allem eines ausstrahlt: Unterlegenheit. Dann treffen sich für eine unangenehme Sekunde unsere Blicke. Gerade im Vergleich zu den wirren und plumpen Blicken der Jungs wird der Blick des Mädchens noch direkter. Seltsam: Lächeln die Jungs? Ich bin verwirrt. Etwas weiter hinten im Nebel entdecke ich plötzlich noch jemanden. Vielleicht einen Mann. Aber er bewegt sich von uns weg – und in der nächsten Sekunde ist er nur noch ein vager Umriss. Dann frisst ihn der Nebel mit einem Biss. Ich sehe wieder zu dem Mädchen, aber etwas versperrt meine Sicht. Es sind die beiden Jungs, die entschieden und, wie ich jetzt feststelle, tatsächlich ein wenig lächelnd auf mich zulaufen. Nun erkenne ich ihre Gesichter. Sehe ihre mit Wasser vollgesogenen Synthetikdaunenjacken. Ihre harten, großen Hände, wie Paddel (und wie sie laufen, sieht es tatsächlich ein bisschen aus, als würden sie ihre groben Körper durch die Welt rudern).
Es sind die Baschis. Sie haben im Dorf viele Namen. Busstellen-Baschis. Böller-Baschis. Bier-Baschis. Bruce-Lee-Baschis. Brecher-Baschis. Vor allen Dingen aber: Boxer-Baschis, denn ihr Onkel hat einen Boxsack in seiner Wohnung, an dem sie mit ihm trainierten. Von den drei Brüdern sind der große und der kleine da. Der mittlere fehlt oder ist nicht in Sicht. Aber zwei reichen. Scheiße. Der kleine Baschi hält eine Art Zaunlatte, der große ein Butterfly-Messer. Sie rennen auf mich zu. Ich sehe mich um, entdecke, dass ich komplett alleine bin, erkenne, was für eine idiotische Zeitverschwendung es gewesen ist, mich umzusehen, und renne los. In meinem Kopf rechne ich meine Chancen aus. Gott sei Dank kommen verschiedene Faktoren günstig zusammen: Ich bin schnell. Der große Baschi ist fett. Der kleine ist ohne den großen feige. Und hinter dem Deich bin ich zumindest nicht mehr ganz alleine. Nach ein paar Metern merke ich, dass es etwas gibt, das ich in meiner Rechnung nicht berücksichtigt habe: meinen nassen Turnschuh. Es ist verrückt schwierig, mit zwei Extrakilos am rechten Fuß zu rennen. Auch meine Jacke fühlt sich an, als würde sie mein Gewicht verdoppeln.
«Ey, du Ficker, bleib mal bitte kurz stehen – ehen – hen – n», höre ich die Stimme des großen Baschis mit einem metallischen Echo gegen die Brüstung hinter mir schlagen. Schon eine seltsame Formulierung, denke ich, wo doch ganz klar ist, zu welchem Zweck ich stehen bleiben soll. Zu demselben wie bei jedem unserer Zusammentreffen. Um ihrem grundlosen Zorn auf mich ein Ventil in Form überbordender physischer Gewalt zu geben. Es sind ca. acht Meter zwischen uns. Kurz glaube ich, die Distanz verringert sich. Und es ist wohl auch so. Der Große hat zwar eine Kondition wie ein Dialysepatient, ist aber sprintstark. Ja: Es sind für einen grauenhaften Moment nur fünf Meter. Der Kleine wirft seine Zaunlatte nach mir. Ich spüre, wie sie mein Ohr streift. Auf der Treppe vergrößert sich der Abstand, damit habe ich gerechnet, denn die kleinen Stufen sind nichts für die Motorik des großen Baschis. Außerdem ist davon auszugehen, dass er, obwohl er gerade erst 14 geworden ist, selbst jetzt um halb vier nachmittags etwas getrunken hat. Ich höre sie fluchen. Noch mal wird etwas nach mir geworfen. Es ist nur eine Dose. Mit einem unspektakulären Geräusch trifft sie mich am Hinterkopf. Trotzdem: Es tut verdammt weh. Ich laufe weiter. Und weiter und weiter. Wie wenn ein Krauler seinen Kopf eine Millisekunde zum Atmen aus dem Wasser hebt, sehe ich mich mit kurzen Blicken um. Scheiße, ich kann die Jungs nicht entdecken. Aber ich drehe mich auch nach ihr um. Ob sie über den Deich gegangen ist? Nein – ich ahne oder denke oder fühle: Du entfernst dich gerade von ihr. Sie ist auf der anderen Seite, und du entfernst dich jetzt von ihr, und das ist auf eine unbekannte Art und Weise schmerzhaft, dass das Gefühl, entkommen zu sein, kein Stück dagegen anstinken kann. Die Baschis stehen unten am Deich und verschnaufen. Es ist noch nicht vorbei. Ich muss die anderen finden und warnen. Besonders Diego ist eine leichte Beute in diesem Terrain. Die Jungs sind nicht mehr am Schöpfwerk. Ich laufe über den dürren Schotterweg Richtung Hauptstraße, die offizielle Route vom Deich zum Dorf. Von hier sind es ungefähr zwei unbefestigte Kilometer in total offenem Gelände: Felder, Weiden, dürr bewachsene Heide. Ich laufe eine Weile, denke schon, ich habe sie verloren, dann sehe ich sie an der Seite in einem Graben hocken. Sie rauchen eine HB von Tilles Vater. Diego entdeckt mich und kreischt: «Mann – wir haben dich überall gesucht.» Ich denke für eine Millisekunde: «Ja – das ist doch der Sinn von diesem Scheißspiel.» Sage aber: «Am Deich sind die Baschis. Und sie sind hinter mir her.» Sie überlegen kurz, ob das ein Witz irgendeiner Art ist, sehen sich um und entdecken die beiden Punkte am Fuß des Deichs. Baumann sieht mich starr an. Er ist der Einzige, der nicht hysterisch wird. Ganz ruhig und fast genussvoll gedehnt sagt er: «Und das, was du für das Richtige in dieser Situation hältst, du – der einzig gute Läufer von uns –, ist, sie genau hierherzuführen. Zu einem wachstumsgestörten Albino, einem fetten Kind, dem ein Zeh fehlt, und mir, der den beiden entweder helfen kann, euch zu verprügeln, oder für immer im Dorf die Schwuchtel ist, die sich für Loser einsetzt.»
Ich sage: «Nein – oder: ja.»
Baumann sagt nach einer akkurat gesetzten Pause: «Idiot.»
Tille und Diego werden panisch. Sie stehen auf und tanzen um Baumann herum. Der bleibt kühl, aber beschleunigt seine sonst ruhigen Bewegungen leicht. Wir sehen uns um. Es gibt nicht viele Möglichkeiten. Vor allen Dingen nicht in der unmittelbaren Umgebung.
Baumann sagt: «Wir gehen zum See.»
«See? Was für ’n See?», fragt Diego.
«Der Anglersee.»
«Okay – und der ist wo?»
Baumann zeigt in Richtung eines Gestrüppknäuels, ungefähr 50 Meter im Gelände, von dem ich immer dachte, es sei eine Art Vogelkoje.
«Das ist ein See?»
«Ja», sagt Baumann, «oder: war mal einer. Ist ziemlich zugewachsen. Aber ich glaube, wir können uns irgendwie reindrücken.»
Baumann läuft los, wir anderen hinterher.
«Halt», sagt Baumann, hält an und zeigt auf mich. «Du bleibst schön hier und lenkst die von unserer Spur ab.»
«Was?», rufe ich. «Lenke die von eurer Spur ab?»
«Ja», sagt er.
«Was für ein Quatsch. Wie soll das aussehen, ‹Lenke die von eurer Spur ab›? Das hier ist nicht Knight Rider.»
«Ich kann dir ganz genau sagen, wie das aussieht. Du stellst dich hin und wartest. Und wenn die hier sind, läufst du los und schüttelst sie ab. Dann kommst du zum See, und wir warten zusammen, bis die Luft rein ist.»
Ich sehe die anderen an. Ihre Blicke sagen auf eine erschlagende Art und Weise: «Ja – halten wir für eine gute Idee.» Der kommunale Gedanke in der Praxis. «Aber komm nur, wenn du dir absolut sicher bist, dass sie nicht sehen, wie du da reingehst, weil, sonst führst du sie direkt zu uns.» Im nächsten Moment sind sie weg. Und ich bin tatsächlich alleine und warte auf die beiden Punkte, die keine Punkte mehr sind, sondern entschieden gehende Striche. Scheiße. Das ist einer dieser Momente. Ein Moment, in dem etwas Großes in der Luft liegt, das man sich nicht gewünscht hat. Das man noch nicht mal geahnt hat. Und das man trotzdem irgendwie gemacht hat. In solchen Momenten riecht es anders, ist die Beleuchtung anders, ist das Gefühl auf der Haut anders, verändern sich das Gehör und die Gedanken. Die Luft schmeckt nach Metall, und unten im Magen, oben in der Nase, hinter der Stirn fängt es zu vibrieren an – fast so, als würde einen ein böser Geist mit seinem schwarzen Finger da berühren. Das Gefühl kommt immer zusammen mit der Einsicht eines schlimmen Fehlers, so schlimm, dass er die Welt auf zwei Möglichkeiten zusammenschrumpfen lässt: Entweder man schafft es, die Nerven zu behalten, geht die richtigen Schritte und kommt da irgendwie raus. Oder man gerät in Panik und ist erledigt. Du bist gefangen an diesem spezifischen Ort und zu dieser spezifischen Zeit, es gibt keinen Ausweg – und das Schlimmste: Du bist auf dich selbst angewiesen, um da rauszukommen. Auf dich selbst, also den Menschen, dem du am wenigsten zutraust. Den man, wäre man jemand anders, niemals um Hilfe bitten würde. Das sind die Momente, in denen das Wort «Tatsache» seine volle Bedeutung entfaltet.
Das erste Mal, als ich dieses Gefühl bewusst wahrgenommen habe, war im Schwedenurlaub. Ich war mit einer Jugendgruppe in Småland Kajak fahren. Klugerweise hatten mich meine Eltern mit einer ganzen Gruppe fast drei Jahre älterer Jungs weggeschickt (weil da «noch ein Platz frei war»), was dazu führte, dass ich nicht nur fast totgemobbt wurde, sondern auch pausenlos überfordernd beschämt war aufgrund der pubertären Gespräche, Ereignisse, Gerüche. Deshalb versuchte ich mich
