19,99 €
Alles beginnt an einem Winterabend im ländlichen Ontario mit dem Wurf eines Schneeballs. Der zehnjährige Dunstable Ramsay muss sich sputen, rechtzeitig nach Hause zu kommen. Sein Freund Percy Boyd Staunton, mit dem ihn eine lebenslange Freund- und Feindschaft verbinden wird, hat noch einen letzten Schneeball geformt, den er ihm hinterherwirft. Dunstable duckt sich weg, und das eisige Geschoss landet auf dem Rücken der hochschwangeren Mrs. Dempster, die ihren Sohn Paul viel zu früh auf die Welt bringt. Das Schneegeschoss verbindet in dieser schicksalhaften Minute für immer das Leben dieser drei Jungen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 515
Veröffentlichungsjahr: 2019
Robertson Davies
Der Fünfte im Spiel
Roman
Aus dem Englischen von Maria Seifert
DÖRLEMANN
Die Originalausgabe »Fifth Business« erschien 1970 bei The Macmillan Company of Canada Limited, Kanada. eBook-Ausgabe 2019 Überarbeitete Übersetzung Alle Rechte vorbehalten © The Estate of Robertson Davies, 1970 © 2019 Dörlemann Verlag, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf Umschlagillustration: Dave Rheaume, Guests arrive for a party on a winter night at the Billings Estate in Ottawa, Canada Porträt Seite 5: © Roger Tillberg/Alamy Stock Photo Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-03820-968-3www.doerlemann.com
Robertson Davies
Jene Charaktere, die als Fünfte im Spiel weder die Rolle des Helden noch der Heldin, weder die des Vertrauten noch die des Bösewichtes verkörperten, aber trotzdem wesentlich waren für die Enthüllung oder Lösung des Knotens am Ende, wurden in den alten Dramen und Opern Animateure genannt. Den Träger dieser Rolle bezeichnete man häufig als Animateur.
Thomas Overskou, Den Danske Skueplads
Meine lebenslange Verbundenheit mit Mrs. Dempster begann am 27. Dezember 1908, um siebzehn Uhr achtundfünfzig, als ich gerade zehn Jahre und sieben Monate alt war.
Den Zeitpunkt kann ich deshalb mit absoluter Sicherheit angeben, weil ich an jenem Nachmittag mit meinem lebenslangen Freund und Feind Percy Boyd Staunton rodeln war und wir gestritten hatten, da sein schöner neuer Weihnachtsschlitten nicht so schnell fuhr wie mein alter. Schwere Schneefälle kamen in unserem Teil der Welt nie vor, aber an diesen Weihnachten waren sie so ergiebig gewesen, dass die längsten Halme verdorrten Grases in den Feldern beinahe zugedeckt waren. Bei solchem Schnee war sein Schlitten mit den hohen Kufen und der albernen Steuervorrichtung schwerfällig und blieb leicht stecken, während mein kaum geschwungenes altmodisches Gefährt wohl fast noch über blankes Gras geglitten wäre.
Der Nachmittag war erniedrigend gewesen für ihn, und wenn Percy sich erniedrigt fühlte, wurde er rachsüchtig. Seine Eltern waren reich, seine Kleider vornehm, und seine Handschuhe waren aus Leder und stammten aus einem Laden in der Großstadt, während meine die Mutter gestrickt hatte. Es war daher offensichtlich falsch, dass sein prachtvoller Schlitten nicht schneller fahren sollte als meiner, und wenn ein solches Unrecht in Erscheinung trat, dann ärgerte sich Percy. Er lästerte über meinen Schlitten, spottete über meine Handschuhe und wurde zuletzt ganz direkt und sagte, sein Vater sei besser als meiner. Statt ihn zu ohrfeigen, was in einer Rauferei hätte enden können, die womöglich unentschieden oder gar mit meiner Niederlage ausgegangen wäre, sagte ich, gut, dann würde ich eben heimgehen und er könne das Feld für sich allein haben. Das war schlau, denn ich wusste, dass bald Zeit zum Abendessen war, und eine unserer Hausregeln besagte, niemand dürfe je aus welchen Gründen auch immer zu spät zum Essen kommen. So hielt ich mich denn an die Hausregel, indem ich Percy sich selbst überließ.
Als ich zurück ins Dorf ging, folgte er mir und rief mir neue Beschimpfungen nach. Ich torkle beim Gehen wie eine alte Kuh, spottete er, meine Wollmütze sei unfassbar lächerlich, mein Arsch sei riesig und schwabble beim Gehen und mehr von derselben Sorte, denn er hatte nicht gerade eine lebhafte Fantasie. Ich sagte nichts, wusste ich doch, dass ihn das mehr ärgerte als jede Entgegnung und dass er bei jeder Beschimpfung das Gesicht verlor.
Unserem Dorf fehlten respektable Ausläufer, es war so klein, dass man unvermittelt im Zentrum stand. Ich rannte unsere Straße entlang und beschleunigte das Tempo, nachdem ich angeberisch auf meine Ein-Dollar-Weihnachtsuhr geschaut (Percy besaß eine Uhr, durfte sie aber nicht tragen, weil sie zu wertvoll war) und entdeckt hatte, dass es siebzehn Uhr siebenundfünfzig war, gerade noch früh genug, um ins Haus zu gehen, mir die Hände mit dem geräuschvollen Geplätscher zu waschen, das meinen Eltern offenbar gefiel, und um sechs auf meinem Platz zu sitzen, den Kopf zum Tischgebet gesenkt. Zu diesem Zeitpunkt rotierte Percy vor Wut, und ich wusste, ich hatte ihm das Abendessen verdorben und wahrscheinlich den ganzen Abend. Da geschah das Unerwartete.
Vor mir auf der Straße gingen Reverend Amasa Dempster und seine Frau. Er hatte ihren Arm genommen und neigte sich in der für ihn typischen Beschützermanier zu ihr. Der Anblick war mir vertraut, da sie immer um diese Zeit einen Spaziergang machten, nach Einbruch der Dunkelheit und wenn die meisten Leute beim Abendessen saßen, denn Mrs. Dempster erwartete ein Baby, und in unserem Dorf war es nicht üblich, dass sich schwangere Frauen dreist auf der Straße zeigten – nicht wenn sie einen Rang zu verkörpern hatten, und die Frau des Baptistengeistlichen verkörperte selbstverständlich einen Rang. Von Zeit zu Zeit hatte Percy Schneebälle nach mir geworfen, und ich war jedes Mal ausgewichen. Wie alle Jungen hatte ich einen Instinkt für heranfliegende Schneebälle, und ich kannte Percy. Ich war sicher, dass er versuchen würde, einen letzten schmachvollen Schneeball zwischen meinen Schultern zu landen, bevor ich ins Haus entweichen konnte. Eben als ich flott – nicht hastig, aber auch nicht zögerlich – einen Schritt vor die Dempsters machte, holte Percy aus, und der Schneeball traf Mrs. Dempster auf dem Hinterkopf. Sie stieß einen Schrei aus und glitt, sich an ihren Gatten klammernd, zu Boden. Vielleicht wäre er imstande gewesen, sie aufzufangen, hätte er sich nicht augenblicklich umgedreht, um zu schauen, wer den Schneeball geworfen hatte.
Ich wollte ins Haus laufen, aber Mrs. Dempsters Schrei ließ mich erstarren. Ich hatte noch nie einen Erwachsenen im Schmerz aufschreien gehört, und der Laut klang für mich furchtbar. Im Stürzen brach sie in aufgeregtes Weinen aus, und plötzlich lag sie auf dem Boden, ihr Mann kniete neben ihr, hielt sie in seinen Armen und redete in Koseworten zu ihr, die mir fremd und peinlich erschienen. Nie zuvor hatte ich verheiratete Leute – oder auch nur irgendwelche Leute – in ungeniert zärtlichen Worten miteinander reden hören. Ich war mir bewusst, dass ich einer »Szene« beiwohnte, und vor Szenen hatten mich meine Eltern immer schon als sehr schweren Verstößen gegen die Schicklichkeit gewarnt. Gaffend stand ich da, bis mich Mr. Dempster gewahrte.
»Dunny«, sagte er – ich hatte nicht gewusst, dass er meinen Namen kannte –, »leih uns deinen Schlitten, damit ich meine Frau nach Hause bringen kann.«
Ich empfand Reue und Schuldgefühle, denn ich wusste, dass der Schneeball mir gegolten hatte, aber daran schienen die Dempsters nicht zu denken. Er hob seine Frau auf meinen Schlitten, was keinerlei Mühe machte, denn sie war klein und mädchenhaft zart, und während ich den Schlitten zu ihrem Haus zog, ging er, äußerst unbeholfen über sie gebeugt, nebenher, stützte sie und murmelte mit sanfter Stimme Zärtlichkeiten und Ermutigungen, denn sie weinte in einem fort, wie ein Kind.
Ihr Haus lag nicht weit entfernt – wirklich nur um die Ecke –, aber als ich dort zusah, wie Mr. Dempster seine Frau hineintrug, während ich, mittlerweile unerwünscht, draußen blieb, war es ein paar Minuten nach sechs, und ich würde zu spät zum Abendessen kommen. Ich raste nach Hause (nur einen Augenblick am Unfallort innehaltend), wusch mir die Hände, schlich auf meinen Platz am Tisch und brachte, den unerbittlich fragenden Blick meiner Mutter fest erwidernd, meine Entschuldigung vor. Ich verlieh meiner Geschichte einen leicht historischen Anstrich, indem ich mich fest, aber nicht sinnwidrig auf meine eigene Rolle als die des barmherzigen Samariters berief. Jede Auskunft oder Mutmaßung über das Woher des Schneeballs unterdrückte ich, und zu meiner Erleichterung verfolgte Mutter diesen Aspekt nicht weiter.
Mrs. Dempster interessierte sie viel mehr, und als das Abendessen vorüber und das Geschirr gewaschen war, sagte sie zu meinem Vater, sie werde nur eben zu den Dempsters gehen und nachsehen, ob sie helfen könne.
Oberflächlich betrachtet war das ein merkwürdiger Entschluss, denn wir waren natürlich Presbyterianer, und Mrs. Dempster war die Frau des Baptistenpfarrers. Nicht dass es zwischen den Konfessionen in unserem Dorf irgendwelche Feindseligkeiten gegeben hätte, aber es verstand sich von selbst, dass jede sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerte und erst, wenn eine Situation aus dem Ruder lief, Hilfe von außen holte. Meine Mutter jedoch galt in bescheidenem Maß als Expertin in Schwangerschafts- und Entbindungsangelegenheiten. Dr. McCausland hatte ihr einmal das große Kompliment gemacht zu sagen, Mrs. Ramsay wisse ihren Verstand zu gebrauchen. Diese Fähigkeit stellte sie bereitwillig fast jedem zur Verfügung, der es nötig hatte. Und der armen, schwachen Mrs. Dempster, die noch keine einundzwanzig war und sich denkbar schlecht zur Predigerfrau eignete, gehörte ihr Mitgefühl, wenn sie es auch nie offen zeigte.
Sie ging also zu den Dempsters, und ich las im Weihnachtsjahrbuch des Boy’s Own Paper und mein Vater las etwas, das kompliziert aussah und kleingedruckt war, und mein älterer Bruder Willie las Die Kreuzfahrt der Cachalot, alle um den Dauerbrandofen geschart, mit den Beinen auf dem vernickelten Schutzblech, bis wir Jungen um halb neun ins Bett geschickt wurden. Ich schlief nie rasch ein und lag wach, bis unten die Uhr halb zehn schlug und ich kurz darauf meine Mutter zurückkommen hörte. In unserem Haus gab es ein Ofenrohr, das vom Wohnzimmer in den Korridor im ersten Stock hinaufführte, und dieses Rohr stellte einen ausgezeichneten Schallleiter dar. Ich schlich in den Korridor – Willie schlief wie ein Murmeltier –, näherte mein Ohr dem Rohr so weit, wie es die Hitze erlaubte, und hörte meine Mutter sagen: »Ich bin nur gekommen, um ein paar Sachen zu holen. Ich werde wahrscheinlich die ganze Nacht ausbleiben. Bring mir alle Babydecken aus dem großen Koffer und geh dann sofort hinunter zu Ruckle und lass dir eine große Rolle Watte aus dem Laden geben – die beste, die er hat – und bring sie zu den Dempsters. Der Doktor sagt, wenn die Rolle nicht groß genug ist, dann soll man zwei nehmen.«
»Willst du damit sagen, dass es kommt?«
»Ja. Zu früh. Warte nicht auf mich.«
Aber natürlich wartete er auf sie, und es war vier Uhr früh, als sie heimkam, ernst und gefasst, wie ich aus ihrer Stimme schloss, als ich sie miteinander reden hörte, bevor sie zu den Dempsters zurückging – weshalb, wusste ich nicht. Und auch ich lag wach, schuldbewusst und mit einem merkwürdigen Gefühl in der Magengrube.
So kam Paul Dempster, dessen Ruf Sie zweifellos kennen (obwohl er ihn sich nicht unter diesem Namen erworben hat), am frühen Morgen des 28. Dezember 1908 auf die Welt.
Mit Absicht habe ich die Geburt Paul Dempsters an den Anfang meines Berichtes an Sie, lieber Herr Direktor, gestellt, da so vieles, was noch folgen soll, darin seine Ursache hat. Aber warum schreibe ich überhaupt an Sie, werden Sie sich fragen. Weshalb sehe ich mich nun, nach einer beruflichen Verbindung von so vielen Jahren, in denen ich über meine persönlichen Angelegenheiten Schweigen bewahrt habe, veranlasst, Ihnen eine Erklärung wie diese zu geben?
Der Grund ist, dass mich der idiotische Artikel im College Chronicle vom Sommer 1969 tief getroffen hat. Nicht allein der grundsätzliche Mangel an Bildung, der aus ihm spricht, empört mich (wenn ich auch der Ansicht bin, dass die Vierteljahresschrift einer berühmten kanadischen Schule ein höheres Niveau haben sollte), sondern vielmehr die Tatsache, dass darin ein Bild von mir gezeichnet und der Öffentlichkeit vorgeführt wird, das mich als einen typischen alten Schullehrer zeigt, der mit Tränen in den Augen und einem Tröpfchen an der Nase in den Ruhestand wankt. Aber der Artikel spricht für sich selbst, und hier gebe ich ihn wieder in seiner ganzen Geistlosigkeit.
EIN LEBEWOHL DEM KORKEN
Das Besondere an diesem Schulschluss war im Juni das Abendessen zu Ehren von Dunstan (»Korki«) Ramsay, der nach fünfundvierzig Jahren der Tätigkeit an dieser Schule, davon die letzten zweiundzwanzig Jahre als Direktorstellvertreter und Fachvorstand für Geschichte, in den Ruhestand tritt. Mehr als einhundertachtundsechzig Senioren, darunter etliche Parlamentarier und zwei amtierende Minister, waren anwesend, und unsere tüchtige Diätspezialistin Mrs. Pierce hat sich mit dem wirklich ausgezeichneten Bankett, das sie für diese Gelegenheit vorbereitete, selbst übertroffen. »Korki« war gut in Form trotz seiner Jahre und des Herzinfarkts, der ihn nach dem Tod seines lebenslangen Freundes Boyd Staunton, D. S. O., C. B. E., uns allen als Senior dieser Schule und Vorsitzender unseres Schulverwaltungsausschusses bekannt, ans Bett gefesselt hatte. Mit fester Stimme, um die ihn manch jüngerer Mann beneiden könnte, erzählte er von seinen langen Jahren als Lehrer und Freund unzähliger Jungen, von denen viele heute einflussreiche und prominente Positionen bekleiden. »Korkis« Karriere kann jungen Lehrern gleichzeitig als Beispiel und Warnung dienen, denn wie er sagte, kam er 1924 mit der Absicht an die Schule, nur ein paar Jahre zu bleiben, und nun sind fünfundvierzig daraus geworden. Während dieser Zeit hat er zahllosen Schülern, von denen sich nun viele an den Universitäten Kanadas, der USA und Großbritanniens einem eingehenden Studium des Gegenstandes widmen, Geschichte, wie er sie betrachtet, gelehrt. Vier Vorstände von historischen Instituten an kanadischen Universitäten, ehemalige Schüler »Korkis«, waren als Ehrengäste geladen, und einer von ihnen, Dr. E. S. Warren von der Universität Toronto, zollte dem »Korken« umfassende und kritiklose Anerkennung, wobei er dessen unermüdlichen Enthusiasmus lobte und in humorvoller Weise auf die Verdienste hinwies, die sich »Korki« um die Erforschung des Grenzlandes zwischen Historie und Mythos erworben hat.
Auf Letzteres spielte insgeheim auch das Geschenk an, ein schöner Kassettenrekorder, der »Korki« am Ende des Abends übergeben wurde und der gleichzeitig der Hoffnung Ausdruck verleihen soll, dass er uns mit Hilfe dieses Geschenkes einige seiner Erinnerungen an eine frühere und zweifellos weniger verworrene Ära der Schulgeschichte zugänglich macht. Bänder, auf denen die schöne Rede des Direktors zu Ehren von »Korki« aufgezeichnet ist, lagen bei, ebenso wie ein Band, auf dem der Schulchor ein Kirchenlied singt, das »Korki« ganz besonders schätzen müsste – nie passender als zu dieser Gelegenheit – »Für all die Heiligen, die ruh’n von ihren Plagen«. Und damit wünscht die Schule: »Lebe wohl und alles Gute, Korki! Du hast der Schule in deiner Zeit und Umwelt nach besten Kräften gedient! Wohl getan, du braver und getreuer Knecht!«
Hier steht es, Herr Direktor, wie es unverändert aus der Feder jenes unsäglichen Dummkopfes Lome Packer, Magister Artium und Anwärter auf einen Doctor Philosophiae, geflossen ist. Muss ich meine Entrüstung noch weiter erklären? Werde ich darin nicht zu dem erniedrigt, was Packer fraglos in mir sieht: zu einem senilen, einstmals großen Mann, der, nur mit einem seichten »Welt-von-A-bis-Z«-Konzept der Geschichte bewehrt und mit einem Mythos-Tick – was immer dieser Einfaltspinsel Packer unter Mythos auch verstehen mag – durch fünfundvierzig Jahre des Lehrens gewankt ist?
Ich beschwere mich nicht, dass mein Victoria-Kreuz keine Erwähnung gefunden hat, genug ist in der Schule darüber gesagt worden zu einer Zeit, da solche Ehrungen das Prestige eines Lehrers noch hoben. Ich glaube jedoch, dass man auf meine zehn Bücher hätte hinweisen können, von denen zumindest eines in sechs Sprachen übersetzt worden ist und eine Verkaufszahl von über einer Viertelmillion Exemplaren aufweist, während ein anderes wachsende Bedeutung im Rahmen der Mythenforschung gewinnt, eines Gebiets, das Packer in komischem Licht zu sehen versucht. Übergangen wird die Tatsache, dass ich der einzige Protestant bin, der Beiträge für die Analecta Bollandiana schreibt, und zwar seit sechsunddreißig Jahren, obwohl Hippolyte Delehaye selbst meiner Arbeit Anerkennung gezollt hat, und dies auch schwarz auf weiß. Was mich jedoch aufs Höchste erbost, ist der herablassend-gönnerhafte Grundton des Artikels – als hätte ich nie ein Leben außerhalb des Klassenzimmers geführt, mich nie zur vollen Größe eines Mannes erhoben, nie gejubelt oder geklagt, Liebe oder Hass gekannt, kurz, als sei an mir nie etwas gewesen, was außerhalb des Fassungsvermögens eines Esels wie Packer liegt, der mich seit vier Jahren flüchtig kennt. Packer, der mich in die Vergessenheit stößt mit zusammenhanglosen Bibelzitaten und dabei, religiös ungebildet wie er ist, nicht einmal abzuschätzen vermag, welch krasser Unverschämtheit er sich schuldig macht. Packer mit seinem wissenschaftlichen Geschichtsbegriff! Gott im Himmel! Packer, der nicht wissen kann und sich auch keinen Begriff davon machen könnte, dass das Schicksal ebenso wie meine eigene Persönlichkeit mir die notwendige, wenn auch niemals ruhmreiche Rolle des Animateurs, des Fünften im Spiel, zugeteilt haben, der wahrlich nie begreifen könnte, was es mit dem Fünften im Spiel auf sich hat, nicht einmal, wenn ihm der Träger dieser Rolle in seinem eigenen unbedeutenden Lebensdrama begegnete.
So sehe ich mich denn veranlasst, während ich in diesem Haus in den Bergen – einem Haus, das selbst hinter vielen Täuschungen die Wahrheit birgt – meine Kraft wiederkehren fühle, Ihnen, Herr Direktor, eine Erklärung abzugeben, denn Sie stehen jener merkwürdigen Schulwelt vor, in der ich scheinbar eine so klägliche Figur gemacht habe. Aber was ist das für eine Aufgabe!
Betrachten Sie das, was am Anfang dieser Schrift steht: Habe ich auch nur ansatzweise das vermittelt, was in jener außergewöhnlichen Nacht geschehen ist, als Paul Dempster geboren wurde? Ich bin ziemlich sicher, dass meine kleine Skizze von Percy Boyd Staunton genau zutrifft, aber wie verhält es sich mit meiner Person? Ich habe immer über Autobiografien und Memoiren gespottet, in denen der Verfasser am Anfang als liebenswerter, verständiger kleiner Bursche daherkommt, mit Einsichten und Erfahrungen weit jenseits seines Alters, die er aber dem Leser mit falscher Naivität präsentiert, ganz so, als möchte er sagen: »Was war ich doch für ein kleines Wunder, und dabei noch ein richtiges Kind.« Können sich die Schriftsteller denn überhaupt vorstellen oder getreulich in Erinnerung rufen, was ein Junge ist?
Ich kann es mir vorstellen, und die fünfundvierzig Jahre, in denen ich Jungen unterrichtete, haben mich darin noch bestärkt. Ein Junge ist ein Mann im Kleinen, und wenn er auch mitunter bemerkenswerte Tugenden und Eigenschaften an den Tag legt, die um ihrer Kindhaftigkeit willen reizend erscheinen, so ist er doch ebenso Ränkeschmied, Egoist, Verräter, Judas, Gauner und Schuft – kurz, ein Mann. O diese Autobiografien, in denen der Verfasser affektierte Posen einnimmt wie die eines David Copperfield oder eines Huck Finn! Falsch, falsch wie die Schwüre der Dirnen!
Gelingt es mir, aufrichtig über meine Kindheit zu schreiben? Oder wird sich jene widerwärtige Eigenliebe einschleichen, die sich so oft in eines Mannes Bild von seiner Jugend mischt, und die Geschichte verfälschen? Ich kann es nur versuchen. Und gleich zu Anfang muss ich Ihnen das Dorf beschreiben, in dem Percy Boyd Staunton, Paul Dempster und ich zur Welt kamen.
Das Dorfleben ist während der letzten Jahre von Film und Fernsehen so eingehend erforscht worden, dass Sie wahrscheinlich davor zurückscheuen, noch mehr darüber zu hören. Ich werde mich so kurz wie möglich fassen, denn nicht durch eine Anhäufung von Details soll mein Bild entstehen, sondern durch die Betonung dessen, was meiner Meinung nach betont gehört.
Es gab eine Zeit, da schilderte man Dörfer als Orte, in denen lächerliche, liebenswerte Einfaltspinsel hausten, unberührt von der Weltläufigkeit des Stadtlebens, wenn auch manchmal schlau in bäuerlichen Belangen. Später wurde es üblich, Dörfer darzustellen als dem Laster verfallen, insbesondere solch sexuellem Laster, wie es einen Krafft-Ebing überrascht hätte, in Wien zu begegnen. Man glaubte, dass hinter den Spitzenvorhängen und auf den Heuböden Inzest, Bestialität, Sadismus und Masochismus wüteten, während auf den Straßen eine steife Frömmigkeit zur Schau getragen wurde. Unser Dorf machte auf mich nie diesen Eindruck. Es bot dem Betrachter mehr Vielfalt, als Leute aus größeren und kultivierteren Orten gemeinhin annehmen, und wenn auch Sünde, Torheit und Rohheit existierten, so zeigten sich doch gleichzeitig Tugend, Würde und sogar Vornehmheit.
Es hieß Deptford und lag am Fluss Thames, ungefähr fünfundzwanzig Kilometer östlich von Pittstown, unserer Kreisstadt und dem nächsten großen Ort. Die offizielle Einwohnerzahl betrug fünfhundert, mit den Bewohnern der umliegenden Bauernhöfe zählte der Bezirk wahrscheinlich an die achthundert Seelen. Es gab fünf Kirchen: die anglikanische, arm, aber im Ruf, eine geheimnisvolle soziale Vorrangstellung innezuhaben; die presbyterianische, zahlungsfähig und – hauptsächlich von ihren eigenen Mitgliedern – als intellektuell angesehen; die methodistische, zahlungsunfähig und inbrünstig; die baptistische, zahlungsunfähig und erlöst; die römisch-katholische, rätselhaft für die meisten von uns, aber eindeutig zahlungsfähig, da sie regelmäßig und unserer Meinung nach ganz unnötig neu gestrichen wurde. Wir hielten uns einen Anwalt, der gleichzeitig Friedensrichter war, und den Bankier einer privaten Bank, denn damals gab es so etwas noch. Wir hatten zwei Ärzte: Dr. McCausland, der im Ruf stand, klug zu sein, und Dr. Staunton, Percys Vater und auch klug, aber in Sachen Grundbesitz – er besaß Pfandbriefe, die sich auf eine beachtliche Summe beliefen, und etliche Anwesen. Wir hatten einen Zahnarzt, einen armen Tropf ohne fachliches Können, dessen Frau ihm zu wenig zu essen gab und der in den sicherlich schmutzigsten Arbeitsräumen ordinierte, die ich je gesehen habe, und schließlich einen Tierarzt, der trank, aber sich einer Situation gewachsen zeigen konnte. Wir hatten eine Konservenfabrik, die geräuschvoll und fieberhaft arbeitete, wenn es irgendetwas zu konservieren gab, sowie eine Sagemühle und einige Läden.
Eine Familie namens Athelstan, die im frühen 19. Jahrhundert mit Nutzholz ein Vermögen gemacht hatte, nahm den führenden Rang im Dorf ein. Sie besaß Deptfords einziges dreistöckiges Haus, das, von den übrigen abgesondert, auf dem Weg zum Friedhof stand. Die meisten Häuser waren aus Holz, und einige standen auf Pfählen, denn der Thames trat häufig aus den Ufern. Eine von den noch lebenden Athelstans wohnte gegenüber von uns, eine arme, geisteskranke alte Frau, die von Zeit zu Zeit ihrer Pflegerin entkam und auf die Straße lief, sich dort niederwarf, eine Staubwolke aufwirbelnd wie eine Henne, die ein Sandbad nimmt, und laut schrie: »Helft mir, Christenmenschen!« Normalerweise bedurfte es der Pflegerin und zumindest einer weiteren Person, um sie zu besänftigen. Während meine Mutter oft in solcher Weise half, war es mir versagt, denn die alte Dame mochte mich nicht – ich schien sie an einen falschen Freund aus vergangenen Tagen zu erinnern. Aber da ich ihren Geisteszustand interessant fand und nur zu gern ein Gespräch mit ihr begonnen hätte, rannte ich immer zu Hilfe, wenn sie einen ihrer Ausbrüche in die Freiheit unternahm.
Meine Familie genoss ein bescheidenes Ansehen, denn mein Vater war Eigentümer und Redakteur der lokalen Wochenzeitung The Deptford Banner. Es war kein sehr gedeihliches Unternehmen, aber dank der Akzidenzdruckerei konnten wir unseren Lebensunterhalt bestreiten, ohne Mangel leiden zu müssen. Wie ich später erfuhr, machte mein Vater als Besitzer in keinem einzigen Jahr einen Bruttoumsatz von fünftausend Dollar. Er war nicht nur Herausgeber und Redakteur, sondern auch Chefmechaniker und Drucker. Ein melancholischer junger Mann namens Jumper Saul und ein Mädchen namens Nell Bullock gingen ihm bei diesen Tätigkeiten zur Hand. Es war eine brave kleine Zeitung, geachtet und gehasst, wie eben eine anständige Lokalzeitung sein sollte. Der Leitartikel, den mein Vater gleich an der Setzmaschine verfasste, wurde jede Woche aufmerksam gelesen. In gewisser Hinsicht waren wir also die geistigen Führer der Dorfgemeinschaft, und mein Vater saß neben dem Friedensrichter in der Büchereiverwaltung.
Somit repräsentierte unser Haushalt im Dorf die bessere Lebensart, und wir hielten etwas auf uns. Ein gewisser Teil dieses Selbstwertgefühls rührte daher, dass wir Schotten waren. Mein Vater war als junger Mann aus Dumfries gekommen, aber die Familie meiner Mutter lebte bereits seit drei Generationen in Kanada, ohne auch nur ein Jota unschottischer zu sein als zu der Zeit, da die Großeltern Inverness verließen. Bis mindestens fünfundzwanzig hielt ich die Schotten für das Salz der Erde, denn auch wenn es nie laut ausgesprochen wurde, galt dies in unserer Familie als unumstößliche Tatsache, die keiner näheren Erläuterung bedurfte. Die deutliche Mehrheit der Deptforder war aus dem Süden Englands nach West-Ontario ausgewandert, und es überraschte uns also nicht, dass sie sich von uns, den Ramsays, gesunden Menschenverstand, Umsicht und die richtige Einstellung zu praktisch allen Dingen erhofften.
Zur Sauberkeit, zum Beispiel. Meine Mutter war sauber – also, die war vielleicht sauber! Unser Abort gab im Dorf den hygienischen Ton an. In Deptford hatten wir nur Brunnen, und deshalb wurde in einem als »Zisterne« bezeichneten Behälter neben dem Küchenbereich Wasser für alle möglichen Zwecke heiß gemacht. Jedes Haus hatte seinen Abort, und diese Aborte reichten von verfallenen, stinkenden Hütten bis zu ziemlich eleganten Bauwerken, von denen das unsere natürlich zu den schönsten gehörte. Seit Aborte rar geworden sind, hat man sich viel über sie lustig gemacht, aber sie waren keineswegs lächerliche Gebäude, und wenn sie einem nicht zur Schande gereichen sollten, mussten sie intensiv gepflegt werden.
Neben diesem Tempel der Hygiene besaßen wir für den Fall, dass jemand krank war, ein »chemisches Klosett«. Das war allerdings so unberechenbar und übelriechend, dass es einem nur zusätzliche Qualen bescherte und man es daher selten benutzte.
Das ist fürs Erste alles, was über Deptford gesagt werden muss, jede weitere notwendige Ergänzung wird sich als Teil meiner Geschichte von selbst ergeben. Wir waren ernsthafte Leute, die in ihrem Gemeinwesen nichts vermissten und sich den Bewohnern größerer Orte in keiner Weise unterlegen fühlten. Dagegen blickten wir voll lächelnder Herablassung auf das sechs Kilometer entfernte Bowles Corners mit seinen einhundertfünfzig Einwohnern. In Bowles Corners zu leben, dachten wir, das musste wirklich hoffnungslos bäurisch sein.
Die ersten sechs Monate in Paul Dempsters Leben waren die vermutlich aufregendsten und angenehmsten im Leben meiner Mutter und die zweifellos schlimmsten in meinem. Im Jahr 1908 hatten Frühgeburten noch weit geringere Überlebenschancen als heute, aber Paul war die erste Herausforderung dieser Art, die an die Geburtshilfe-Erfahrung meiner Mutter gestellt wurde, und sie nahm sie mit all ihrer Entschlossenheit und Klugheit an. Sie war keineswegs, das möchte ich klarstellen, Hebamme oder Fachkraft – einfach eine Frau mit gesundem Hausverstand und Herzensgüte, der die Autorität der Krankenpflege und das Geheimnis, das die besonderen weiblichen Aufgaben damals noch umgab, gefielen. Während dieser sechs Monate verbrachte sie die meiste Zeit des Tages und nicht wenige Nächte bei den Dempsters. Andere Frauen halfen, wenn sie konnten, aber meine Mutter war die unbestrittene Hohepriesterin, und Dr. McCausland war so freundlich zu bemerken, dass er den kleinen Paul Dempster ohne sie nie wohlbehalten an die Ufer dieser Welt hätte ziehen können.
Ich lernte alle Einzelheiten der Gynäkologie und Geburtenhilfe, so wie sie meinem Vater nach und nach beigebracht wurden, der Unterschied bestand allein darin, dass er meiner Mutter bequem neben dem Wohnzimmerofen gegenübersaß, während ich barfuß und im Nachthemd oben am Ofenrohr stand, von Gewissensbissen geplagt und manchmal angeekelt von den Dingen, die mir neu und schauderhaft in den Ohren klangen.
Paul kam ungefähr achtzig Tage zu früh, soweit dies Dr. McCausland abschätzen konnte. Als meine Mutter auf der Bildfläche erschien, versuchte der Ehemann gerade unbeholfen mit den hysterischen Weinkrämpfen fertigzuwerden, die der Schock bei Mrs. Dempster ausgelöst hatte. Kurz darauf zeigten sich deutliche Anzeichen, dass sie gebären würde, und man schickte nach Dr. McCausland, der sich jedoch auf einem Krankenbesuch befand und erst eine Viertelstunde vor der Geburt eintraf. Weil das Kind so klein war, kam es rasch für ein erstes Kind und sah so erbärmlich aus, dass der Arzt und meine Mutter erschraken, was sie einander allerdings erst einige Wochen später eingestanden. Es war charakteristisch für die Zeit und den Ort, dass niemand daran dachte, das Kind zu wiegen, aber Reverend Amasa Dempster es nach einem kurzen Wortwechsel mit Dr. McCausland sofort taufte. Dies entsprach keineswegs den Dogmen seines Glaubens, aber er war nicht so richtig bei sich und gehorchte wahrscheinlich Instinkten, die stärker waren als die Lehrsätze aus dem Priesterseminar. Nach Schilderung meiner Mutter wollte Dempster das Kind ins Wasser tauchen, aber Dr. McCausland verbat ihm das strikt, weswegen der erregte Vater mit einer Besprengung vorliebnehmen musste. Während der Zeremonie hielt meine Mutter das Kind – nun Paul benannt, da Dempster in der Eile kein anderer Name einfiel –, eingewickelt in das heißeste Handtuch, das sie aufgetrieben hatte, so nahe an den Ofen, wie sie nur konnte. Paul muss jedenfalls etwas weniger als eineinhalb Kilo gewogen haben, denn genau das wog er zehn Wochen später, wobei er während dieser ganzen Zeit, soviel man sehen konnte, nur wenig zugenommen hatte.
Meine Mutter gehörte eigentlich nicht zu den Leuten, die sich lang bei unschönen oder makabren Dingen aufhalten, aber über Pauls Hässlichkeit verbreitete sie sich gegenüber meinem Vater fast mit so etwas wie Faszination. Er war rot, natürlich, alle Babys sind rot. Aber er war faltig wie ein winziger alter Mann, und sein Kopf, sein Rücken und ein großer Teil seines Gesichts waren mit langen, wuchernden schwarzen Haaren bedeckt.
Seine Proportionen schockierten meine Mutter, denn die Gliedmaßen waren winzig klein, er schien nur aus Kopf und Bauch zu bestehen. Finger und Zehen wiesen fast keine Nägel auf. Sein Schreien klang wie das Maunzen einer kranken Katze. Aber er lebte, und man musste schnell etwas mit ihm unternehmen.
Dr. McCausland war noch nie ein Baby untergekommen, das so bestürzend früh geboren wurde, aber er hatte von solchen Dingen gelesen, und während meine Mutter Paul so nahe ans Feuer hielt, wie es die Sicherheit erlaubte, machten sich er und der arg mitgenommene Vater ans Werk, um ein Nest zu bauen, das so weit wie möglich dem glich, was der Säugling bis dahin gewohnt gewesen war. Es erfuhr mehrfache Umgestaltungen, aber schließlich kam ein Gebilde aus Zellstoff und Wärmflaschen – anfangs von einigen heißen Ziegelsteinen unterstützt – und einem Zeltaufbau zustande, in das der Dampf aus einem Kessel geleitet wurde. Das Wasser im Kessel musste sorgsam bewacht werden, damit es weder verkochte noch gar das Baby verbrühte. Der Doktor wusste nicht, wie man das Kind füttern sollte, aber gemeinsam mit meiner Mutter entwickelte er eine Konstruktion aus dem gläsernen Kolben einer Füllfeder und einem weichen Wattebausch. Damit pumpten sie gewässerte und gezuckerte Milch in Paul hinein, und Paul pumpte sie kraftlos geradewegs wieder hinaus. Zwei Tage lang behielt er keine nennenswerte Nahrung, aber von dem Zeitpunkt an, da sein Erbrechen eine Spur kraftvoller wurde, stand für meine Mutter fest, dass er ein Kämpfer war, und sie entschloss sich, mit ihm zu kämpfen.
Unmittelbar nach der Geburt befassten sich der Doktor und meine Mutter mit dem Baby. Mrs. Dempster wurde der Obhut ihres Gatten überlassen, und dieser tat für sie das, was er am besten beherrschte, nämlich neben ihrem Bett kniend lauthals zu beten. Der gute Amasa Dempster war ein äußerst ernsthafter Mann, und weder sein Milieu noch seine Ausbildung hatten ihm Feingefühl beigebracht. Er flehte Gott an, Er möge, wenn Er nun schon einmal die Seele der Mary Dempster zu sich nehmen müsse, dies in Milde und Barmherzigkeit tun. Er erinnerte Gott daran, dass der kleine Paul getauft und die kindliche Seele somit gerettet und bestens dafür gerüstet war, gemeinsam mit seiner Mutter die Reise in den Himmel anzutreten. Dies führte er mit so viel Beredsamkeit aus, wie er nur aufbringen konnte, bis sich Dr. McCausland gezwungen sah, ihm die Leviten zu lesen, und zwar in Ausdrücken, die ein wortkarger Presbyterianer verwendet, wenn er einem gefühlvollen Baptisten die Leviten liest. Diese Wendung – »die Leviten lesen« – stammte von meiner Mutter. Sie unterstützte das Verhalten des Doktors voll und ganz, denn es verschaffte ihr die Befriedigung, die ein wahrer Schotte empfindet, wenn er sieht, wie einer zu Recht getadelt und zurechtgewiesen wird. »So ein Theater zu machen, und das direkt am Bett dieses Mädchens, während sie um ihr Leben kämpft«, sagte sie zu meinem Vater, und ich sah das heftige Kopfschütteln vor mir, das ihre Worte begleitete.
Heute frage ich mich, ob Mrs. Dempster wirklich um ihr Leben kämpfte. Spätere Ereignisse haben bewiesen, dass sie stärker war, als man annehmen würde. Aber in jener Zeit herrschte die allgemeine Meinung, dass eine Gebärende zwangsläufig sehr nahe an den Rand des Grabes geriet, und das dürfte, trotz aller mir bekannten gegenteiligen Beweise, im damaligen Stadium der medizinischen Wissenschaft der Wahrheit entsprochen haben. Aber für den armen Dempster muss es sicherlich so ausgesehen haben, als läge seine Frau im Sterben. Er hatte sich während des ganzen Geburtsvorgangs im Zimmer aufgehalten, er hatte sein abstoßendes, missgestaltetes Kind gesehen, er war vom Doktor und der guten Nachbarin herumgestoßen und -gehetzt worden. Er war zwar Pfarrer, natürlich, aber im Grunde seines Herzens war er ein verängstigter Bauernjunge, und ich kann es ihm heute nicht übelnehmen, wenn er die Nerven verlor. Er gehörte zu jenen Menschen, die das Schicksal dazu bestimmt zu haben scheint, ihr ganzes Leben über gequält und an den Rand gedrängt zu werden, aber als er so neben Marys Bett kniete, hielt er sich zweifellos für einen ebenso wichtigen Akteur in diesem Drama wie jeder andere. Darin liegt nun eben eine der Grausamkeiten in diesem Schauspiel des Lebens, dass wir uns alle als Hauptdarsteller sehen und es kaum je wahrhaben, wenn wir einmal tatsächlich nur Nebenfiguren oder gar Statisten sind.
Welches Durcheinander während der folgenden Monate in unserem Haushalt herrschte, werden Sie sich ja vorstellen können. Mein Vater beklagte sich nie darüber, denn er war meiner Mutter ergeben, hielt sie für eine großartige Frau und hätte sie nie auch nur im Mindesten daran gehindert, diese ihre Großartigkeit zu verwirklichen. Oft und oft saßen wir bei irgendeinem Resteessen, damit Klein-Paul beim Füllfederkolben seine Chance erhielt, und als schließlich der große Tag gekommen war, an dem der Säugling einen nennenswerten Teil dessen behielt, was man ihm einflößte, freute sich, glaube ich, mein Vater mehr als meine Mutter.
Die Wochen vergingen, und Pauls runzelige Haut war nicht mehr so durchscheinend und gerötet, seine weit auseinanderstehenden Augen öffneten sich und schweiften umher, nicht sehend, aber sicher nicht blind, und er strampelte ganz leicht mit den Beinen, wie ein richtiges Baby. Würde er jemals kräftig werden? Dr. McCausland konnte keine Prognosen stellen, er war der Inbegriff schottischer Vorsicht. Aber meine Mutter mit ihrem löwengleichen Kampfgeist glaubte bereits fest daran, dass Paul seine Chance haben würde.
Während dieser Wochen durchlitt ich Seelenqualen, die mir heute, da ich sechzig Jahre zurückblicke, ungeheuerlich erscheinen. Ich habe seither schlimme Zeiten erlebt und sie mit all der Leidensfähigkeit eines erwachsenen Mannes ertragen, weshalb ich mir auch keine törichten und sentimentalen Behauptungen über das Leiden eines Kindes anmaßen will, aber ich scheue heute noch davor zurück, mir einige jener Nächte ins Bewusstsein zu rufen, in denen ich nicht einzuschlafen wagte und betete, bis mir der Schweiß ausbrach, dass Gott mir mein ungeheures Verbrechen vergeben möge.
Ich war vollkommen davon überzeugt, verstehen Sie, dass ich an der Geburt von Paul Dempster, so klein, so schwach und so mühselig, die Schuld trug. Wäre ich nicht so schlau gewesen, so hinterlistig, so boshaft, genau in dem Augenblick, als Percy Boyd Staunton jenen Schneeball auf mich geworfen hatte, vor die Dempsters zu springen, hätte er Mrs. Dempster nicht getroffen. Ob mir nie der Gedanke gekommen ist, dass die Schuld bei Percy liegen könnte? Doch. Aber genau hier ergab sich eine psychologische Schwierigkeit. Als ich ihn nach jenem unseligen Nachmittag das erste Mal wieder traf, gingen wir vorsichtig aufeinander zu, wie Jungen es nach einem Streit tun, und er schien einem Gespräch nicht abgeneigt. Ich erwähnte Pauls Geburt nicht unvermittelt, sondern lenkte nur allmählich auf dieses Thema über und war verblüfft, ihn sagen zu hören: »Ja, mein Pa sagt, McCausland hat mit diesem allein alle Hände voll zu tun.«
»Das Baby ist zu früh gekommen«, sagte ich, um ihn auf die Probe zu stellen.
»Was du nicht sagst!«, erwiderte er und blickte mir fest in die Augen.
»Und du weißt, weshalb«, sagte ich.
»Nein, das weiß ich nicht.«
»Doch, du weißt es. Du hast diesen Schneeball geworfen.«
»Ich habe einen Schneeball nach dir geworfen«, erwiderte er, »und ich glaube, du hast anständig was abbekommen.«
Die unverhohlene Frechheit seines Tons verriet mir, dass er log.
»Willst du damit sagen, dass du das glaubst?«, fragte ich.
»Da kannst du Gift darauf nehmen«, sagte er. »Und auch du solltest es lieber glauben, wenn du schlau bist.«
Unsere Blicke trafen sich, und ich wusste, dass er Angst hatte, wusste aber auch, dass er kämpfen würde, lügen, alles eher als das eingestehen, was ich wusste. Und ich hatte keine Ahnung, was ich dagegen tun konnte.
Ich war also allein mit meiner Schuld und litt darunter. Als das Kind von Presbyterianern wusste ich ziemlich viel über Verdammung. Unter den Büchern meines Vaters gab es ein Dante’sches Inferno mit den Illustrationen von Doré. Bücher dieser Art wurden damals überall auf dem Lande gelesen, und niemand war sich vermutlich darüber im Klaren, dass Dante ein Katholik war. Früher hatte ich bei Betrachtung dieser Bilder ein wollüstiges Schaudern empfunden, nun aber wusste ich, dass sie meine tatsächliche Situation widerspiegelten und das, was einen Jungen wie mich nach diesem Leben erwartete. Ich gehörte zu den Verdammten. Heutzutage misst man einer solchen Aussage offensichtlich keine Bedeutung mehr bei, aber für mich damals war das alles vollkommen real. Es nagte an mir und quälte mich, ja, ich verzehrte mich sogar bis zu einem gewissen Grad, und sosehr die Dempsters meine Mutter auch beanspruchten, verabsäumte sie es nicht, mir regelmäßig Lebertran zu verabreichen. Obwohl mein physisches Leid nicht allzu groß war, so litt doch meine Seele erheblich, und das lag an meiner damaligen Lebensphase. Ich war knapp elf Jahre alt und früh entwickelt, sodass ich bereits die ersten Wandlungsprozesse der Pubertät durchmachte.
Wie gesund im Geiste scheinen Kinder heute zu sein! Oder ist das nur ein heuchlerischer Glaube unserer Zeit? Ich weiß es nicht. Aber in meiner Kindheit machte die allgemeine Einstellung zu sexuellen Dingen jedem Jungen, der wie ich von einem tiefen Ernst und Misstrauen gegenüber allen Genüssen des Lebens durchdrungen war, das Heranwachsen sicherlich zur Hölle. So war’s also: Ich sah mich nicht nur als Ziel schmutziger Tuscheleien von Seiten der anderen Jungen, sondern wurde außerdem von dem Verdacht gequält, meine Eltern könnten irgendwie in diesem Schweinepfuhl von Sex, der in meinen Gedanken allmählich überwältigende Ausmaße angenommen hatte, mit drinstecken, und war überdies noch direkt verantwortlich für einen rohen sexuellen Vorgang – die Geburt eines Kindes. Und was für eines Kindes! Abstoßend, hinfällig, die Karikatur eines lebendigen Geschöpfes. In der wilden Verstiegenheit meines Denkens glaubte ich bald, mehr Verantwortung für Paul Dempsters Geburt zu tragen als seine Eltern selbst, und wenn dies je an die Öffentlichkeit käme, würde ein schreckliches Verhängnis über mich hereinbrechen. Teil dieses schrecklichen Verhängnisses würde zweifellos die Verstoßung durch meine Mutter sein. So unerträglich dieser Gedanke für mich auch war, ich konnte mich seiner nicht erwehren.
Mein Kummer wurde nicht leichter, als mir mindestens vier Monate nach Pauls Geburtstag Folgendes aus dem Ofenrohr – jetzt kühler, da sich bereits der Frühling näherte – entgegendrang:
»Ich glaube, der kleine Paul kommt durch. Er wird seine Zeit brauchen, sagt der Doktor, aber er wird es schaffen.«
»Das muss dich doch freuen. Es ist zum Großteil dein Verdienst.«
»Oh nein! Ich habe nur getan, was ich tun konnte. Aber der Doktor hofft, dass sich weiterhin jemand um Paul kümmert. Seine Mutter ist dazu sicherlich nicht in der Lage.«
»Wird sie sich nicht erholen?«
»Es sieht nicht danach aus. Es war ein schrecklicher Schock für die arme kleine Person. Und Amasa Dempster will einfach nicht begreifen, dass es Zeiten gibt, in denen es besser ist, den Mund zu halten und auf Gott zu vertrauen, statt mit ihm zu reden. Glücklicherweise scheint sie vieles von dem, was er sagt, nicht zu verstehen.«
»Soll das heißen, dass sie nicht mehr ganz richtig im Kopf ist?«
»Sie ist so still und freundlich und liebenswürdig wie immer, die arme kleine Seele, aber sie ist einfach nicht ganz da. Der Schneeball hat sicherlich Schreckliches bei ihr angerichtet. Wer, glaubst du, könnte ihn geworfen haben?«
»Dempster hat es nicht gesehen. Ich glaube nicht, dass man es je erfahren wird.«
»Ich habe mich oft gefragt, ob Dunstable mehr darüber weiß, als er durchblicken lässt.«
»Auf keinen Fall, er weiß, wie ernst die ganze Sache ist. Wenn er irgendetwas wüsste, wäre er schon damit herausgerückt.«
»Wer immer es war, der Teufel hat seine Hand geführt.«
Ja, und der Teufel hat sein Ziel gewechselt. Mrs. Dempster war nicht mehr ganz richtig im Kopf! Ich schlich ins Bett, voller Zweifel, ob ich die Nacht überleben würde, und gleichzeitig von schrecklicher Angst vor dem Sterben geplagt.
Ah, wäre es nur das Sterben gewesen! Hölle und Folter zugleich, aber man weiß wenigstens, woran man ist. Hingegen leben zu müssen mit einer solchen geheimen Schuld, das verlangt einem alles ab. Je mehr Zeit verstrich, desto schwieriger wurde es für mich, Percy Boyd Staunton zu beschuldigen, dass er den Schneeball geworfen hatte, dessentwegen Mrs. Dempster jetzt nicht mehr richtig im Kopf war. Seine freche Weigerung, die Verantwortung zu übernehmen, schien meine eigene Schuld zu vergrößern, war sie doch nun zu einer Schuld der Verheimlichung wie auch der Tat geworden. Mit der Zeit jedoch schien Mrs. Dempsters Einfältigkeit nicht so schrecklich zu sein, wie ich zuerst befürchtet hatte.
Meine Mutter mit ihrem untrüglichen Hausverstand traf den Nagel auf den Kopf, als sie sagte, Mrs. Dempster sei immer noch so wie vorher, nur sei sie es jetzt mehr als zuvor. Als Amasa Dempster in dem Frühjahr, das den Weihnachtsfeiertagen von Paul Dempsters frühzeitiger Geburt vorangegangen war, seine kleine Braut in unser Dorf gebracht hatte, waren sich die Frauen einig gewesen, dass aus der da nie und nimmer eine Predigerfrau werden konnte.
Ich habe schon erwähnt, dass man in unserem Dorf vieles entdecken konnte, was typisch ist für die menschliche Natur, aber dennoch nicht alles, und etwas, was auffallenderweise fehlte, war der Sinn für Ästhetik. Wir waren alle zu sehr die Nachfahren zäher Pioniere, um dergleichen für wünschenswert zu halten oder zu fördern, und wir sprachen abschätzig über Qualitäten, die in einer kultivierteren Gesellschaft als Werte hochgehalten wurden. Mrs. Dempster war nicht hübsch – mit Hübschheit konnten wir etwas anfangen und räumten vorsichtig ein, dass sie ein erfreuliches, wenn auch unnützes Attribut für eine Frau war –, aber ihr sanftes Gesicht und die zarte Tönung ihrer Haut verliehen ihr etwas Außergewöhnliches. Meine Mutter, die kräftige Gesichtszüge besaß und durch und durch resolut war, sagte, Mrs. Dempster habe ein Gesicht wie eine Schale voll Milch. Mrs. Dempster war klein und schmächtig, und nicht einmal die Kleider, die der Frau eines Predigers angemessen waren, konnten verbergen, dass sie eine mädchenhafte Figur und einen leichten Schritt hatte. Während ihrer Schwangerschaft umgab sie ein rosiger Hauch, der mit dem Ernst ihres Zustandes unvereinbar zu sein schien. Es schickte sich für eine schwangere Frau absolut nicht, so viel zu lächeln, und sie hätte zumindest etwas gegen diese wehenden Haarsträhnen unternehmen können, die sich so oft der vorschriftsmäßig strengen Anordnung zu widersetzen schienen. Sie war ein liebes kleines Ding, aber würde diese sanfte Stimme wohl jemals eine heikle Versammlung der Frauenrunde dominieren können? Und warum lachte sie so häufig, wenn niemand sonst irgendeine Veranlassung dazu sah?
Amasa Dempster, der für einen Prediger eigentlich immer recht verständig gewirkt hatte, war ganz vernarrt in seine Frau. Er ließ sie nicht aus den Augen, und man konnte beobachten, wie er vom Brunnen vor ihrem Haus eimerweise Wasser zum Wäschewaschen hineinschleppte. Dabei wusste doch jeder, dass dies Frauensache war, und zwar bis zum letzten Monat der Schwangerschaft. Wenn man beobachtete, wie er sie ansah, musste man sich fragen, ob der Mann nicht eine Schraube locker hatte. Man könnte meinen, er mache ihr noch den Hof, anstatt Anstalten zu treffen, sich endlich an Gottes Werk zu machen und seine fünfhundertfünfzig Dollar per annum zu verdienen, denn so viel zahlten die Baptisten ihrem Prediger und stellten ihm außerdem noch ein Haus zur Verfügung, eine nicht ganz ausreichende Menge an Brennmaterial und zehn Prozent Rabatt auf alles, was er in einem Baptisten-Laden kaufte – und in einigen anderen Läden, die die »Geistlichkeit ehrten«, wie es hieß. (Natürlich erwartete man von ihm, dass er, des guten Beispiels wegen, der Kirche genau ein Zehntel zurückerstattete.) In weiten Kreisen verlieh man der Hoffnung Ausdruck, dass Mr. Dempster nicht einen Narren aus seiner Frau machen möge.
Gestrenge Reden wurden in unserem Dorf nicht immer von gestrenger Tat begleitet. Meine Mutter, der man sicherlich niemals Milde gegenüber ihrer Familie oder der Welt vorwerfen konnte, gab sich große Mühe, Mrs. Dempster zu helfen – ich will nicht sagen, sich mit ihr anzufreunden, denn Freundschaft zwischen so ungleichen Naturen wäre undenkbar gewesen, aber sie versuchte, ihr »die Grundbegriffe beizubringen«. Was immer man unter diesen rätselhaften weiblichen Grundbegriffen auch zu verstehen hatte, sicherlich ging es dabei um die Anleitung zu vielen von meiner Mutter gekochten Köstlichkeiten, die sie, als sie bei der jungen Braut hereinschneite, ganz zufällig dort zurückließ, sowie nicht bloß um das Leihen, sondern um die unmittelbare Vorführung solcher Gerätschaften wie Teppichspanner oder Trocknergestelle für Spitzenvorhänge und schließlich um die Kunst, mit Zeitungspapier Fenster zu polieren.
Weshalb hatte Mrs. Dempsters Mutter ihre Tochter nie auf diese Seiten des Ehelebens vorbereitet? Es stellte sich heraus, dass sie bei einer vermögenden Tante aufgewachsen war, die ein Dienstmädchen hatte, und wie sollte man wohl aus so weichem Metall eine Predigerfrau schmieden? Wenn mein Vater meine Mutter wegen der Menge an Nahrungsmitteln, die sie den Dempsters brachte, neckte, war sie beleidigt und fragte, ob sie die Leute etwa verhungern lassen sollte, während dieses Mädchen die Grundbegriffe lernte? Aber das Mädchen war langsam, und die Antwort meiner Mutter darauf lautete, dass man in diesem Zustand von ihr nicht erwarten konnte, schnell zu sein.
Nun sah es allerdings nicht danach aus, als würde sie das Handwerk einer Hausfrau je erlernen. Sie erholte sich nur allmählich von Pauls Geburt, und während sie wieder zu Kräften kam, kümmerte sich ihr Mann um die häuslichen Dinge, unterstützt von Nachbarsfrauen und der Witwe eines Baptisten, für deren gelegentliche Dienste er mühsam eine ganz geringe Summe aufbringen konnte. Als der Frühling kam, war Mrs. Dempster körperlich wieder völlig gesund, ließ aber durch nichts erkennen, dass sie sich an die Arbeit zu machen gedachte. Sie putzte ein wenig und kochte auch ab und zu ungeschickt und lachte wie ein Kind über ihre Fehler. Sie flatterte um das Baby herum, und als es sich aus einer unförmigen Kreatur in einen winzigen, aber deutlich einem Christenmenschen ähnlichen Säugling verwandelte, war sie so entzückt wie ein kleines Mädchen über eine Puppe. Sie stillte ihn nun – meine Mutter und alle Nachbarn mussten zugeben, dass sie es gut machte –, aber der Ernst, den man von einer stillenden Mutter erwartete, fehlte ihr. Der Vorgang machte ihr Spaß, und manchmal, wenn man das Haus betrat, saß sie da und zeigte alles her, obwohl ihr Ehemann zugegen war, ganz so als hätte sie nicht einmal genug Verstand, ihre Kleider zu ordnen. Ich traf sie ein- oder zweimal so an und starrte mit den gierigen Augen eines heranwachsenden Jungen auf sie, aber sie schien mich nicht zu bemerken. Und so entstand immer mehr der Eindruck, dass Mrs. Dempster nicht ganz richtig im Kopf war.
Man konnte also nichts tun, als den Dempsters so weit wie möglich zu helfen, ohne irgendwelche einem korrekten Verhalten zuwiderlaufende Neigungen gutzuheißen oder zu bestärken.
Meine Mutter schickte mich zwei-, dreimal die Woche und sonntags, wenn nötig, zu den Dempsters, um Holz zu hacken und aufzustapeln, Schnee wegzuräumen, Gras zu mähen, den Gemüsegarten zu jäten oder mich sonst wie nützlich zu machen. Ich musste auch auf das Baby aufpassen, denn meine Mutter wurde die Angst nicht los, dass das Baby unter Mrs. Dempsters Aufsicht ersticken oder aus dem Korb fallen oder sich auf andere Weise verletzen könnte. Wie ich bald erkannte, bestand keinerlei Gefahr dieser Art, aber indem ich die Anweisungen meiner Mutter befolgte, verbrachte ich viel Zeit in der Gesellschaft Mrs. Dempsters, die über meine Sorge um das Baby lachte. Sie schien nicht auf den Gedanken zu kommen, dass es unter ihrer Obhut Schaden erleiden könnte, und heute weiß ich, dass sie recht hatte und dass meine Wachsamkeit aufdringlich und plump gewesen sein muss.
Für ein Baby zu sorgen, ist eine Sache, während die Erfüllung der Pflichten einer Predigerfrau eine andere ist, und dafür zeigte Mrs. Dempster nicht die geringste Eignung. Ein Jahr war nun seit Pauls Geburt vergangen und seit ihr Ehemann für jeden zum »armen Pfarrer Dempster« geworden war, zu einem Mann, der die Bürde einer einfältigen Frau und eines Kindes von zarter Gesundheit zu tragen hatte, und man wunderte sich allgemein, wie er es schaffte, sich durchzuschlagen. Ein Mann mit fünfhundertfünfzig Dollar im Jahr brauchte sicherlich eine sparsame Frau, und Mrs. Dempster verschenkte alles. Einmal kam es zu einer Kraftprobe, als sie einer Frau, die ihr ein paar Laibe Brot gebracht hatte, eine Ziervase schenkte. Die Vase gehörte zum Mobiliar des Pfarrhauses, nicht zum persönlichen Besitz der Dempsters. Die Frauen der Kirchengemeinde empörten sich über diesen Akt geistloser Großzügigkeit und verlangten von Amasa Dempster, er solle seine Frau zum Nachbarn schicken, um die Vase zurückzuverlangen, und wenn dies klein beigeben hieße, dann müsse sie eben klein beigeben. Aber er wollte seine Frau nicht demütigen und machte sich selbst auf diesen unangenehmen Weg, was ihm jedermann als Schwäche auslegte, die Schlimmeres nach sich ziehen würde. Eine der mir von meiner Mutter anbefohlenen Aufgaben bestand darin, auf den Verandapfosten der Dempsters nach Kreidezeichen zu suchen, und sollte ich welche entdecken, sie wegzuwischen. Solche Kreidezeichen stammten von Landstreichern, die damit andere ihresgleichen darauf aufmerksam machten, dass man in diesem Haus ein großzügiges Almosen erwarten durfte, und vielleicht sogar Geld.
Nach ungefähr einem Jahr wurden es die Frauen in unserem Dorf leid, den Baptistenpfarrer mitsamt seiner Frau zu bedauern, und sie gewannen allmählich die Überzeugung, dass er ebenso einfältig war wie sie. Wie bei vielen geächteten Menschen prägte sich ihre Wunderlichkeit auch immer deutlicher aus. Aber meine Mutter schwankte nicht eine Minute, ihr Mitleid war zeitlich nicht beschränkt. Folgerichtig wuchsen meine Arbeiten für die Dempsters im selben Maße, wie sie, in gewisser Hinsicht, zu Familienpflichten wurden. Mein Bruder Willie half ihnen kaum. Er war zwei Jahre älter als ich, seine Schularbeiten hatten Vorrang, und außerdem ging er jetzt nach der Schule in die Druckerei des Banner, um sich nützlich zu machen und das Handwerk zu lernen. Aber unsere Mutter war ebenso wachsam wie immer, und mein Vater, in dessen Augen sie nichts falsch machen konnte, war mit allem, was getan wurde, vollkommen einverstanden.
Es war mir oft lästig, den inoffiziellen Wachhund für die Dempsters zu spielen, und es trug nicht gerade zu meiner Beliebtheit bei. Aber damals wuchs ich rasch und war kräftig für mein Alter, sodass mir nicht viele meiner Schulkameraden etwas direkt ins Gesicht zu sagen wagten, aber ich wusste, sie sagten genug hinter meinem Rücken. Percy Boyd Staunton war einer von ihnen.
Er nahm in unserer Schulwelt einen besonderen Platz ein. Es gibt Leute, die sich schon in ihrer Jugend den Anschein von etwas Höherem verleihen und von ihrer Umgebung als bedeutend angesehen werden. Ebenso groß wie ich und ziemlich massig, war er dick, ohne direkt fett zu sein. Er war besser gekleidet als wir und besaß ein interessantes Taschenmesser, das mit einer Kette an seiner Knickerbocker befestigt werden konnte, und ein Tintenglas, aus dem kein Tropfen herausrann, wenn man es umwarf. Sonntags trug er einen Anzug, der am Rücken einen modischen Dragoner aufwies. Er hatte einmal die Canadian National Exhibition in Toronto besucht und atmete überhaupt eine bessere Luft als wir anderen.
Er und ich waren Rivalen, und obwohl er mir, was die Vorzüge der Person und des Vermögens anging, überlegen war, so besaß ich doch die schärfere Zunge. Ich war grobknochig und trug Kleider, die häufig schon Willie vor mir getragen hatte, aber ich hatte eine Begabung für sarkastische Bemerkungen, die in unserer Gruppe gemeinhin als »Knaller« bekannt waren. Wenn man mich zu sehr reizte, konnte es geschehen, dass ich »einen Knaller losließ«, und da unsere Gemeinschaft ein gutes Gedächtnis hatte, blieben solche bissigen Witze unvergessen und wurden noch Jahre später zitiert.
Für Percy hatte ich schon einen Knaller auf Lager, sollte er mich jemals ärgern. Ich hatte gehört, wie seine Mutter meiner Mutter erzählte, dass die beste Version seines Namens Percy Boyd, die er als lieber kleiner Junge, der gerade sprechen lernte, hervorbrachte, Pissi-Popo gelautet hatte und dass sie ihn in Augenblicken überschwänglicher Zärtlichkeit immer noch so nenne. Ich wusste, wenn ich ihn nur ein einziges Mal im Schulhof Pissi-Popo nannte, dann hatte er ausgespielt; der Selbstmord bliebe ihm wahrscheinlich als einziger Ausweg. Dieses Bewusstsein verlieh mir das Gefühl, Macht in Reserve zu haben.
Ich konnte es brauchen. Etwas von der Wunderlichkeit und Einsamkeit der Dempsters hatte bereits auf mich abgefärbt. Weil ich doppelte Arbeit leisten musste, versäumte ich viele Spiele, an denen ich gern teilgenommen hätte. Wenn ich zwischen ihrem Haus und dem unseren mit diesem und jenem und wieder einem anderen Gegenstand hin- und herschlich, begegnete ich sicherlich einem Freund. Oft stand Mrs. Dempster in der Tür, wenn ich nach Hause rannte, winkte und dankte mir mit einer Stimme, die mir gespenstisch erschien und dazu angetan, nicht Mrs. Dempster, sondern mich zum Gespött zu machen, wenn jemand mithörte, was oft geschah. Ich war besonders empfindlich für Spott von Seiten der Mädchen geworden und wusste, dass mir irgendjemand den Spitznamen »Pflegerlein« gegeben hatte. So nannten sie mich allerdings nicht offen.
Dies war das Schlimmste an meiner Situation. Ich wollte mit den Mädchen, die mich kannten, auf gutem Fuß stehen. Ich glaube, ich wollte, dass sie mich bewunderten und mich in irgendeiner nicht näher bestimmten Hinsicht für großartig hielten. Nach Percy waren genügend Mädchen verrückt, sie sandten ihm am 14. Februar verliebt Valentinsgeschenke, nicht namentlich gekennzeichnet, aber mit handschriftlichen Zeilen, die die Adressatin verrieten. Mir schickte kein Mädchen je einen Valentinsgruß, außer Elsie Webb, von uns allen »Spinne Webb« genannt wegen ihres linkischen und schaukelnden Gangs. Ich wollte Spinne Webb nicht, ich wollte Leola Cruikshank, die Korkenzieherlocken trug und es so hinreißend vermied, einem in die Augen zu sehen. Aber meine Gefühle für Leola wurden verdrängt durch meine Gefühle für Mrs. Dempster. Leola wollte ich als Siegestrophäe, aber Mrs. Dempster füllte allmählich mein ganzes Leben aus, und je merkwürdiger ihr Betragen wurde, je mehr sie das Dorf bemitleidete und ablehnte, desto heftiger wurde meine Leidenschaft.
Ich dachte, ich sei in Leola verliebt, was für mich so viel hieß wie, dass ich sie geküsst hätte, wenn ich sie in einem stillen Winkel angetroffen hätte und sicher gewesen wäre, dass niemand je dahinterkommen würde, und wenn es mir gelungen wäre, im rechten Augenblick all meinen Mut zusammenzunehmen. Aber wenn ich heute zurückblicke, so weiß ich, dass ich in Mrs. Dempster verliebt war. Nicht auf die Art, wie manche Jungen in erwachsene Frauen verliebt sind, sie aus der Ferne bewundern und sich an Fantasien ergötzen, in denen die ältere Frau als idealisiertes Wesen erscheint, sondern auf eine schmerzliche und unmittelbare Weise. Ich sah sie jeden Tag, ich verrichtete in ihrem Haus niedrige Dienste, und ich war beauftragt, auf sie aufzupassen, damit sie keine Dummheiten machte. Darüber hinaus fühlte ich mich durch die Gewissheit an sie gebunden, verantwortlich zu sein für ihren verirrten Geist, ihre zerrüttete Ehe und ihr schwächliches Kind, das die ganze Freude ihres Lebens war. Ich hatte sie zu dem gemacht, was sie war, und unter solchen Umständen musste ich sie entweder lieben oder hassen. Und ich liebte sie auf eine Weise, die für mein Alter oder meinen Erfahrungshorizont bei weitem zu herausfordernd war.
Da ich sie liebte, musste ich sie verteidigen, und wenn die Leute sagten, sie sei verrückt, sah ich es als meine Pflicht an, ihnen zu sagen, dass sie selbst verrückt seien und dass ich ihnen eine in die Fresse hauen würde, wenn sie das noch einmal sagten. Glücklicherweise war einer der Ersten, der mir so entgegentrat, Milo Papple, und mit dem war nicht schwer fertigzuwerden.
Milo war unser Schulclown, der Sohn Myron Papples, des Dorffriseurs. In höher entwickelten Gemeinwesen sind Friseure oft Männer mit üppigem Haarschopf oder Männer, die einer Glatze eine ganz besondere Eleganz zu verleihen wissen, aber Myron Papple besaß keinen solchen äußeren Reiz. Er war klein und dick, von birnenförmigem Wuchs, und hatte die Hautfarbe und die Haare eines Schweines der Chester-White-Rasse. Er hatte nur eine hervorstechende Eigenschaft: Er steckte jeden Morgen fünf Kaugummis in den Mund und kaute den Klumpen, bis er seinen Laden am Abend schloss, und jedem Kunden blies er, während er rasierte, stutzte und redete, Pfefferminzatem ins Gesicht.
Milo war eine Miniaturausgabe seines Vaters und galt bei uns allen als Witzbold. Sein Repertoire an Scherzen war klein, aber von zeitloser Dauer. Er konnte auf Abruf rülpsen, und er tat es auch. Er konnte auch auf Abruf furzen, mit einem anhaltenden, wimmernden Klageton, und wenn er dann zornig in der Klasse herumschaute und flüsterte: »Wer war das?«, hätte unsere Heiterkeit Chaucer alle Ehre gemacht, und die Lehrerin war gezwungen, eine gezierte Miene aufzusetzen, so als wäre sie zu fein für eine Welt, in der solche Dinge möglich waren. Sogar die Mädchen – sogar Leola Cruikshank – hielten Milo für einen Witzbold.
Eines Tages wurde ich gefragt, ob ich nach der Schule Ball spielen wollte. Ich sagte, ich hätte etwas zu tun.
»Natürlich«, sagte Milo, »Dunny muss sofort ins Irrenhaus hinüber und Gras mähen.«
»Ins Irrenhaus?«, fragten einige, die langsam von Begriff waren.
»Klar. Zu den Dempsters. Das ist nun das Irrenhaus.«
Für mich hieß es, jetzt oder nie. »Milo«, sagte ich, »wenn du das noch einmal sagst, hole ich einen dicken Korken und stopfe ihn dir hinten hinein, und dann wird niemand mehr über dich lachen.« Dabei ging ich drohend auf ihn zu, und in dem Augenblick, als Milo abhaute, wusste ich, dass ich für diesmal Sieger geblieben war. Der Witz über Milo und den Korken wurde von unseren Sprüchesammlern sorgsam bewahrt, und man achtete darauf, dass er ihn nicht vergaß. »Wenn man einen Stöpsel in Milo steckte, würde niemand mehr über ihn lachen«, pflegten diese schamlosen Ährenleser auf den Feldern der Schlagfertigkeit fallenzulassen und schallend dabei zu lachen. Lange Zeit sagte niemand mehr vor mir »Irrenhaus«, aber manches Mal spürte ich, dass sie es gern sagen würden, und ich wusste, dass sie es hinter meinem Rücken sagten. Dies vertiefte mein Gefühl der Isolation – des Vertriebenwerdens aus der Welt, der ich angehörte, in die merkwürdige, unselige Welt der Dempsters.
Die Zeit brachte eine weitere Isolation. Mit dreizehn hätte ich das Druckergewerbe erlernen sollen. Mein Vater war geschickt und flink, und Willie geriet ihm nach. Aber ich hatte im Betrieb zwei linke Hände, lernte nur langsam die Anordnung der Lettern in den Setzkästen, stellte mich ungeschickt an beim Schließen einer Form, ging schlampig mit der Tinte um, verschwendete viel Papier und war wirklich für nichts so richtig zu gebrauchen außer zum Reglettenschneiden und Druckfahnenlesen, was mein Vater sowieso niemandem außer sich selbst zutraute. Der Druckerkniff, alles verkehrt und von hinten nach vorn zu lesen, gelang mir nie, und ebenso wenig lernte ich, wie man einen Bogen richtig faltete. Alles in allem war ich im Betrieb hinderlich, und weil mich dies demütigen musste und mein Vater ein gütiger Mann war, suchte er nach einer anderen ehrenwerten Aufgabe, damit ich ihm aus dem Weg ginge. Nun war der Vorschlag gemacht worden, dass unsere Dorfbücherei an einigen Nachmittagen in der Woche geöffnet sein sollte, damit die pflichtbewussteren Schüler sie unter Umständen benutzen konnten. Man suchte deshalb jemanden für die Stelle eines Hilfsbibliothekars, da die eigentliche Bibliothekarin während des Tages dem Lehrberuf nachging und von einer so großen Einschränkung ihrer Freizeit nicht begeistert war. Ich wurde für diese Stelle ausersehen, die mir keinen Pfennig eintragen sollte, da die Ehre als hinreichender Lohn angesehen wurde.
Mir passte das wunderbar. Drei Nachmittage in der Woche öffnete ich unsere Ein-Zimmer-Bücherei im oberen Stock des Gemeindehauses und spielte den Herrn über jeden Schüler, der auftauchte. Einmal hatte ich das verwirrende Vergnügen, für Leola Cruikshank etwas im Konversationslexikon nachschlagen zu dürfen, da sie einen Aufsatz über den Äquator schreiben sollte und nicht wusste, ob dieser oben darüber oder mittenherum lief. An den meisten Nachmittagen jedoch tauchte niemand auf, bzw. diejenigen, die auftauchten, gingen wieder, sobald sie das Gesuchte gefunden hatten, und die Bücherei gehörte mir allein.
Die Büchersammlung war nicht sehr groß, alles in allem umfasste sie vielleicht fünfzehnhundert Bände, von denen grob ein Zehntel Kinderbücher waren. Das jährliche Budget betrug fünfundzwanzig Dollar, wovon ein großer Teil für die Abonnierung von Zeitschriften aufgewendet wurde, die der Friedensrichter, der auch Vorsitzender der Büchereiverwaltung war, lesen wollte. Bei Neuerwerbungen handelte es sich somit meist um Schenkungen aus irgendwelchen Nachlässen, und außerdem erhielten wir von unserem Auktionator die Bücher, die er nicht an den Mann brachte. Davon wählten wir diejenigen aus, die uns gefielen, und schickten den Rest weiter an die Grenfell-Mission, nach dem Grundsatz, dass die Wilden ohnehin alles lasen.
Dies hatte zur Folge, dass wir recht merkwürdige Schriften besaßen, von denen die merkwürdigsten in einem versperrten Schrank außerhalb des Hauptraumes aufbewahrt wurden. Darunter befand sich ein medizinisches Werk mit einer furchterregenden Radierung, die einen Uterusprolaps zeigte, eine andere, die einen Krampfaderbruch darstellte, sowie das Porträt eines Mannes mit üppigem Haar und Schnurrbart, aber ohne Nase, was mich zu einem lebenslangen Feind der Syphilis machte. Meine ganz besonderen Schätze waren Die Geheimnisse der Taschenspielerei und Magie von Robert-Houdin und Moderne Magie
