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Der ganz 'normale' Alltag erweist sich in bestimmten Situationen als interessanter als erwartet. Hier in diesem Buch begegnen wir Menschen, die diese Erfahrung machen. Sei es die kolumbianische Mutter, die in einem fremden Land das Geld für ihre Familie verdient, oder die ostdeutsche Witwe, die nach dem Tod ihres Mannes in den Westen flieht. Aber auch das zufällige Treffen des jungen Mannes mit seiner ehemaligen Freundin oder der Alltag des Verkäufers im Bahnhofskiosk finden ihren Weg hier in die Seiten. Haben Sie Mut und begeben Sie sich auf die Suche nach dem Ungewöhnlichen im Alltäglichen. Vielleicht haben Sie auch schon einmal dem einen oder anderem Gedanken nachgehangen. Oder ist Ihnen das Zusammentreffen mit dem nächtlichen Anhalter gar nicht so fremd wie erwartet?
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2019
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DER GANZ „NORMALE“ ALLTAG
Dies ist also die erste Ausgabe meines Buches, und ich sehe mich genötigt, ein paar erklärende Worte an den Anfang zu setzen.
Begonnen habe ich das Schreiben Ende der Siebziger Jahre. Angefangen habe ich mit einigen unbeholfenen Gedichten, die ich jedoch nicht zu veröffentlichen gedenke. Dann folgten einige Geschichten, in denen ich Beziehungsprobleme verarbeitete. Nun, diese gehören nun einmal in den ganz ‚normalen’ Alltag.
Als ich 1985 für ein Jahr zum Arbeiten nach London ging, traf ich natürlich auf eine Menge neuer Leute aus verschiedenen Ländern und deren interessante Lebensgeschichten. Einige von ihnen erzähle ich hier in diesem Buch in Ausschnitten und leicht aufbereiteter Weise weiter.
Aber auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland ließ ich es mir nicht nehmen, die Erinnerungen meiner Freunde und Bekannten und meine eigenen Gefühle und Gedanken in Geschichten zu verarbeiten. Diese halten sie nun in Ihren Händen.
Doch nicht nur Anekdoten gibt es hier zu lesen. Einige Texte entsprangen im Laufe der Zeit auch meiner mitunter ausufernden Fantasie. Bei manchen ist es unschwer sie zu erkennen, bei anderen werden Sie sich sicher fragen, ob ich es wohl doch so erlebt habe. Teilweise hat die Zeit schon die Umstände, unter denen die Texte entstanden, verändert. Deutschland ist wiedervereinigt, Südafrika hat die Apartheid abgeschafft, und im Allgemeinen gibt es immer weniger Raucher.
Zum Schluß wünsche ich Ihnen noch viel Vergnügen bei Ihrer Entdeckungsreise durch meinen ganz ‚normalen’ Alltag. Ich hoffe, Sie sind offen genug, wenn der ein oder andere Lebensweg nicht ganz so gradlinig verläuft, wie Sie vielleicht erwarten.
Die Sonne geht hinter den grünen Bergen Kolumbiens unter, als Padre Sebastiano an seinem Schreibtisch Platz nimmt. Mit zitternden Fingern öffnet er Marias Brief, der ihn heute Morgen erreicht hat. Maria, eines seiner Schafe, die Gott ihm zu hüten gab. Sie war ein Kind, als Padre Sebastiano in dem kleinen Dorf in den Bergen ankam. Er hatte sie aufwachsen sehen und er teilte eine lange Zeit seines bewegten Lebens mit ihr.
Viele Leute in dem Dorf waren arm und verbesserten ihr geringes Einkommen durch das Pflücken und Schälen von Kaffeebohnen. Marias Eltern gehörten auch zu ihnen, denn sie hatten sieben Kinder zu versorgen. Padre Sebastiano erinnert sich, wie Marias Mutter auf der schäbigen Straße stand und nach dem Kind suchte. Ja, es stimmte. Padre Sebastiano hatte Maria wenige Minuten vorher gesehen, wie sie in den Wäldern unter den großen Blättern eines Farns schlief. Er hatte sie nicht geweckt, denn was in der Welt war noch so friedlich, wie der Anblick des schlafenden Mädchens.
Padre Sebastiano lehnt sich in seinem Lehnstuhl zurück, als er das Motorengeräusch des Flugzeugs hört, das jeden Abend das Dorf überfliegt. Maria liebte das Flugzeug. Jeden Tag sah er sie auf dem kleinen, staubigen Marktplatz stehen und in den Himmel zeigen.
"Was machst Du da?" fragte Padre Sebastiano das Mädchen.
"Das Flugzeug anschauen." antwortete sie.
"Du magst es?" interessierte den Gottesmann.
Sie nickte. "Ja. Wenn ich groß bin, reise ich mit ihm."
Er hatte über ihre Antwort gelacht. Aber Maria hielt Wort. Sie war mit dem Flugzeug gereist. Weit weg, in ein fremdes Land. Und sie hatte ihre Söhne verlassen. Nein, Padre Sebastiano weiß, dass sie keine schlechte Mutter ist. Er hatte sie mit ihren Kindern gesehen. Nie zuvor hatte er eine Mutter kennengelernt, die ihre Kinder so liebte wie diese. Aber sie musste gehen. Die Leute sind arm, und Maria muss das Geld für ihre Familie verdienen.
Er erinnert sich an die regnerische Nacht, als Maria an seine Tür klopfte. Dort stand sie, heulend und am Leben verzweifelt. Sie hatte ihren Freund verloren, der sie verließ, als er hörte, dass sie schwanger war.
"Du wusstest, dass es eine Sünde war?", hatte Padre Sebastiano sie gefragt.
Sie nickte und weinte. "Aber, Padre, ich liebe diesen Jungen und dachte, er wäre derjenige, mit dem ich mein Leben teilen könnte."
Padre Sebastiano kannte das Problem. Maria war nicht das erste seiner weiblichen Schafe, welches mit siebzehn schwanger wurde. Und Maria schien Glück zu haben, als sie einen Mann fand, der sie heiratete und das Kind adoptierte. Aber das Leben hatte kein Mitleid mit ihr. Maria war Witwe, bevor das erste Jahr ihrer Ehe zu Ende ging. Und sie war erneut schwanger.
Padre Sebastiano kümmerte sich um sie und ihre Kinder. Es war wunderbar, zu sehen, wie sie ihren Söhnen beibrachte, was im Leben wichtig ist und was man vergessen kann. Das Leben ist nicht leicht für eine unverheiratete Frau in einem kleinen Dorf in Kolumbien, aber Maria war eine Idealistin.
Eines Nachts stand sie wieder vor seiner Tür, heulend und schrecklich nervös.
"Ich muss gehen!", war alles, was sie sagen konnte.
Padre Sebastiano wunderte sich. "Warum?"
"Weil ich eine bessere Zukunft für meine Kinder möchte. Sie sollen Shorts für den Sommer und Schuhe für den Winter haben. Sie sollen Zeit haben, um in die Schule zu gehen, und werden, was sie werden wollen. Ich weiß, dass sie das hier nicht bekommen können. Aber wir sind arm, und ich muss das Geld dafür verdienen."
Es war das letzte Mal, dass er sie sah, bis zu dem Tag, als sie abfuhr. Er sah die Tränen in ihren Augen, als sie in den Bus stieg. Und auch ihre Söhne weinten. Es war ein trauriger Tag für alle, denn die meisten Leute in dem Dorf kannten Maria. Niemand war wie sie. Sie war einer der wenigen Menschen, die andere selbst in den Momenten tiefster Trauer aufmuntern können.
Padre Sebastiano liest noch einmal die letzten Zeilen ihres Briefes:
'Ich habe gelernt, die Freiheit der kolumbianischen Wälder zu vermissen. Jetzt, nachdem ich alle Gesellschaftsklassen kennengelernt habe, weiß ich, dass nur die Armen allein zu leben wissen.
Leben und Gesundheit sind die Güter dieser Erde, welche nicht mit Geld zu bezahlen sind. Und nur die Armen allein wissen, wie man sie genießen kann.'
Schon seit Stunden war Johnny mit seinem Truck auf den staubigen Autobahnen in Richtung Heimat unterwegs, als ihm einfiel, dass sich sein Hochzeitstag am morgigen Mittwoch wieder einmal jähren würde. Vor vierzehn Jahren hatte er seiner Helga das Jawort gegeben, und seit dieser Zeit führten sie eine glückliche Ehe, mit all ihren Höhen und Tiefen, die das Leben so mit sich bringt. Daher lenkte Johnny sein eisernes Ross an der nächsten Ausfahrt von der Schnellstraße und steuerte in die ruhige Kleinstadt, die sich hier an den Rand der grauen Großstädte des Ruhrgebiets anschloss.
Es war bereits einige Minuten nach sechs, und so fand er nur mit wenig Glück noch einen Blumenladen, vor dem eine junge Verkäuferin das bunte Blütenmeer zusammenräumte, um es in das Geschäft zu bringen. Als sie den großen, dunkelblonden Mann aus dem Führerhaus seiner metallicblauen Maschine springen sah, hielt sie jedoch einen Moment inne und beobachtete abwartend, was er nun tun würde.
Johnny lächelte sie an, wobei sich um seine meerblauen Augen einige Fältchen zeigten, und schritt langsam über die Straße auf sie zu. Ein wenig verlegen setzte das Blumenfräulein den Eimer, den es hielt, ab und vergrub ihre Hände in den Taschen ihres Kittels, damit der Mann nicht sehen konnte, wie sie vor Aufregung zitterte.
"Kann ich Ihnen helfen," sprach sie den Fahrer an und hob trotzig ihr Kinn, um ihre Unsicherheit zu überspielen.
"Ich hätte gerne Rosen." antwortete er ihr und schob seine Schlägermütze weit in den Nacken.
"Na, das hört sich aber sehr nach einem schlechten Gewissen an." bemerkte das Fräulein und musterte ihn verschmitzt grinsend von der Seite.
Johnny lachte über ihre vorlaute Äußerung. "Nein, nur Hochzeitstag."
"Nur?" wunderte sich die Verkäuferin. "Ist Ihre Frau so schlimm?"
"Nein," Johnny schüttelte den Kopf. "Ganz im Gegenteil. Sie ist die beste Ehefrau der Welt."
"Sie Glücklicher." entgegnete das Fräulein und führte den Mann in den Laden. "Wie viel Rosen sollen es denn sein? - Leider habe ich nur noch rote Rosen da."
"Das macht überhaupt nichts." winkte der Trucker ab. "Rot ist die Farbe der Liebe. - Ich hätte gerne alle, die sie noch haben."
Leise zählend band das Fräulein die Blumen zusammen.
"Vierzehn," sagte sie schließlich laut. "Es sind genau vierzehn Stück."
"Das passt ja prima." freute sich Johnny. "Morgen ist unser vierzehnter Hochzeitstag."
"Na, wenn das kein Glück bringt." kommentierte die Verkäuferin und tippte den Preis in ihre Kasse.
Während Johnny die Blumen bezahlte, öffnete sich die Ladentür und ein kleines, braunhaariges Mädchen schlich herein.
"Ich hätte gern eine Rose," bat sie das Fräulein und sah sie aus großen, dunklen Augen an. "Eine Rose für Mami, bitte.“
Verlegen schüttelte die Verkäuferin den Kopf. "Ich hab' leider keine Rosen mehr. Der Herr hat die letzten Rosen gekauft."
"Aber ich hab' ihr doch eine Rose versprochen." flüsterte das Kind kaum hörbar und senkte traurig den Kopf. Eine dicke Träne rollte über ihre Wange. "Mami hat Rosen so gern."
Beschämt hockte sich der große Mann neben das zierliche Mädchen und strich ihr die Träne aus dem Gesicht. "Soll ich Dir eine von meinen Rosen geben?"
Stumm nickte das Kind. "Bitte."
"Schön, dann bekommst Du eine von mir." schlug der Mann vor. "Aber erst bringe ich Dich zu Deiner Mami."
Gerührt sah die Verkäuferin dem ungleichen Paar nach, das Hand in Hand die Straße vor ihrem Laden überquerte.
"Ist das Dein Auto?" fragte das Mädchen bewundern, als sie Johnnys Truck erblickte. Ihre dunklen Augen leuchteten vor Freude. "Das ist aber groß."
"Das muss ja auch eine ganze Menge Zeug transportieren." erklärte Johnny.
"Was für Zeug?" wollte die Kleine wissen.
"Nun, Maschinen, Autoteile, Rohre - alles, was für ein kleines Auto zu schwer ist."
"In echt?“ staunte das Mädchen, während es auf den Beifahrersitz krabbelte.
"In echt." bestätigte Johnny lächelnd und nahm hinter dem Steuer Platz. "Wo müssen wir denn hin?"
"Erst mal geradeaus." deutete die Kleine. "Und dann nachher um die Kurve."
"Aber Du kennst den Weg?" interessierte Johnny.
"Klar." nickte das Mädchen. "Ich geh' ihn jeden Tag."
"Na schön, dann wollen wir los." Johnny startete den Motor seiner Maschine.
Erschrocken saß die Kleine für einen Moment still da, doch dann lachte sie wieder. "Boooh, macht der aber einen Krach."
Auf der kurzen Strecke, die Johnny nach den Anweisungen seiner neuen Freundin zurücklegte, erfuhr er von 'Willy mit den bunten Autos' und von 'Rudi mit dem dicken Ball', von 'Susi mit den roten Zöpfen', und zu guter Letzt, das seine kleine Begleiterin Anna hieß.
"Wir sind da." jubelte die Kleine, als sie sich einer hohen Hecke näherten. "Bitte, halt' an."
Johnny stoppte seinen Truck und sah über den Rand der grünen 'Mauer'. Dahinter lag ein Friedhof. Schweigend stieg der große Mann aus und hob Anna aus dem Führerhaus. Das Mädchen lief sofort auf das große Tor in der Hecke zu, doch an der Pforte wand sie sich noch einmal um.
"Wo bleibst Du denn, komm schon." rief sie voller Ungeduld.
Johnny nahm die Rosen und folgte dem Kind. Zielstrebig huschte Anna durch die Reihen, und dem Mann fiel es schwer mit der Kleinen Schritt zu halten. Schließlich stoppte sie vor einem Grab mit einem weißen Stein und kniete sich auf den grasbewachsenen Weg.
"Hallo, Mami." begrüßte sie das gepflegte Stückchen Erde, unter dem, wie auf dem Stein zu lesen war, eine junge Frau begraben lag. "Schau mal, was ich Dir mitgebracht hab. - Rosen, Mami, die hast Du doch so gern."
Und während Anna Helgas Rosen in einer Vase auf dem Grab ordnete, wobei sie ihrer Mama unentwegt von ihren Freunden, vom Papi und von ihren Erlebnissen erzählte, blickte Johnny hinauf in die untergehende Sonne und sprach ein leises Gebet. In seinen blauen Augen schimmerte es feucht.
Birdie war ein Mädchen, das in einer sogenannten 'normalen' Familie geboren wurde. Aber sie war nicht so 'normal', wie sie sein sollte. Birdie lernte früh, dass 'leben' 'kämpfen' heißt, denn ihre Eltern nahmen den Spruch vom 'Krieg der Geschlechter' allzu wörtlich. Nahezu jeden Tag fochten sie ihre Schlachten, und niemals fragten sie dabei nach dem Kind. Birdie lernte ihr Heim zu hassen und aus dem Nest zu fliehen. Sie fühlte sich in den Straßen mehr Zuhause, als in ihrem Elternhaus.
Eines Tages geschah, was geschehen musste. Ihre Eltern ließen sich scheiden, und Birdie musste wählen, bei wem sie bleiben wollte. Aber wussten ihre Eltern denn nicht, dass sie alle beide liebte? Sie wollte nicht wählen. So traf der Richter eine Entscheidung. Birdie wuchs bei ihrer Mutter auf. Aber sie vermisste ihren Vater. Und sie hasste ihn auch, denn er hatte sie verlassen, sein kleines Mädchen.
Birdie begann mit den Jungen des Viertels herumzuziehen. Sie mochte es nicht, aber bei den Burschen konnte sie ihre Wut abreagieren. Sie lernte, dass 'leben' 'kämpfen' heißt. Und sie lernte zu kämpfen. Mit ihren Händen und mit Worten.
Die Leute fingen an, sie als ein 'vulgäres Frauenzimmer' zu bezeichnen. Aber Birdie stört sich nicht daran. Sie fühlt, dass es falsch ist. Sie ist nur einsam.
In ihr ist eine tiefe Einsamkeit. Und diese Unsicherheit. Ja, das ist richtig. Sie wünscht sich jemanden, der sie liebt und der sie beschützt. Aber Birdie hat Angst, Angst, dass sie wieder einmal wählen muss. Wissen die Leute den nicht, wie weh es tut, wenn man zwischen den Menschen, die man liebt, wählen muss? Birdie denkt, dass die Antwort 'nein' ist.
Aber sie hofft weiterhin, dass eines Tages jemand kommt, der durch ihre raue Schale einzubrechen versucht und liebt, was er vorfindet: ein ängstliches, warmherziges Mädchen, mit einem Gefühl für romantische Momente und eine lebenslange Liebe.
Margarethe steht am Fenster ihrer Küche und schaut hinaus in den Garten, wo ihre Enkel auf dem kleinen Rasen spielen.
'Glückliche Kinder', denkt sie für einen Moment und versucht sich an ihre eigene Kindheit im fernen Westpreußen am Ufer des Frischen Haffs zu erinnern. Acht Jahre war sie dort nahezu unbeschwert glücklich gewesen, doch dann drängte sich dieser grausame 'Zweite Weltkrieg' mit seinen Unbilden auch in ihre friedliche Kinderwelt. Sie verlor zuerst ihre Mutter, die an Hungertyphus starb, dann ihren Vater, der kurz nach Kriegsende durch einen tragischen Unglücksfall ums Leben kam, und schließlich auch ihre Heimat, aus der sie zusammen mit einer ihrer beiden Schwestern vertrieben wurde.
Aber nach einigen unruhigen Zeiten in ihrem jungen Leben fand sie ein neues Zuhause in den friedlichen Tälern der Schweiz. Wieder traf sie auf Menschen, die sie mochten, und ihre unsicher scheinende Zukunft bekam ein neues Ziel. Hier, im Schatten der Berge, konnte sie eine hotelfachliche Ausbildung durchlaufen und erfolgreich abschließen, ehe sie die Härte des Lebens erneut schwer traf. Die geliebten Pflegeeltern, die sie wie ihr eigenes Kind behandelten und sie sogar adoptieren wollten, wurden bei einem schweren Verkehrsunfall getötet. Margarethe blieb wieder einmal allein und verunsichert zurück.
Doch mit der Verbissenheit eines verzweifelten Menschen, der nach einem Licht im Dunklen sucht, folgte sie einer Idee. Sie wollte Sprachen lernen, und wo geht das besser, als in den Ländern, in denen man diese Sprachen spricht. Erneut packte sie ihre Sachen zusammen, und ließ einen Teil ihrer Vergangenheit hinter sich zurück. Sie entschied sich für Großbritannien, um ihre spärlichen Englischkenntnisse aufzufrischen und zu verbessern.
Und wie der Zufall es will, traf sie hier einen Menschen, der ein ähnlich unruhiges und zerrissenes Leben führte wie sie. Jemanden, der sich auch nach einem Ort der Ruhe und der Ordnung eines friedlichen Heimes sehnte. Nach langem Zögern nahm sie seinen Antrag an und schuf mit ihm das Nest für ihre vier Kinder, das sie selbst immer entbehren musste. Sicher, auch in ihrer Ehe gab es die kleinen und großen Krisen, die eine Partnerschaft im Laufe der Jahre mit sich bringt, doch sie beide waren stark genug, ihre Gemeinschaft aufrecht zu erhalten und nicht bei den ersten Schwierigkeiten das Handtuch zu werfen.
Aber mit den Kindern wuchsen auch die Probleme. Nicht alle entwickelten sich so, wie Margarethe es sich für sie erhofft hatte. Plötzlich hieß es für sie, ihre eigenen Ansichten und Vorurteile zu überwinden oder sich gegen eines ihrer Kinder zu entscheiden, denn ihr ältester Sohn war schwul. Doch ihre Instinkte waren stärker als ihr Verstand. Es war doch ihr Fleisch und Blut, von ihr geboren. Und so kämpfte sie sich durch, selbst auf die Gefahr hin, ihren Mann zu verlieren. Erfreulicherweise brach ihre Entschlossenheit seinen Stolz, und sie fanden alle drei wieder zueinander.
Zu ihrer Beruhigung entwickelten sich die Freundschaften ihrer beiden Töchter weniger kompliziert und führten sie schon bald vor den Traualtar. Margarethes Familie wurde größer, ohne dass sie etwas tun musste. Inzwischen ist sie dreifache Großmutter, und ein weiteres Enkelkind befindet sich bereits auf dem Weg in diese Welt.
Nur ihr Jüngster lebt zurzeit noch mit ihr und ihrem Mann zusammen, doch auch er beginnt sich allmählich von ihnen zu lösen. Seit dem vergangenen Jahr durchläuft er eine handwerkliche Ausbildung, und hat bereits nebenbei seinen Führerschein gemacht.
Das Husten ihres Mannes, der vor dem Fernseher im Wohnzimmer sitzt, reißt Margarethe aus ihren Gedanken. Rasch fährt sie sich mit den Fingerspitzen der rechten Hand über die tränenfeuchten Augen, ehe sie zu ihm geht.
'So ist halt das Leben.', schießt es ihr durch den Kopf, während sie auf der Armlehne seines Sessels Platz nimmt und ihren Arm um seine Schulter legt. Verwundert sieht er zu ihr auf. Schweigend streicht Margarethe ihm mit den Fingern durch sein grau gewordenes Haar.
'Ja,' denkt sie. 'Das ist wohl so, nicht wahr.'
Hanni stand am Fenster und sah hinunter auf die Straße. Das erste Mal seit Langem nahm sie sich die Zeit, die Siedlung genauer anzusehen. Das erste und zugleich letzte Mal. Denn morgen würde Hanni sie verlassen. Für immer? Wer wusste das genau. Das lag nicht in Hannis Hand. Das war Sache einer unmenschlichen Politik.
Hanni setzte sich an den Wohnzimmertisch. Um diesen Tisch hatte sich jahrelang ihr Leben abgespielt. Hier, diese Wohnung, war ihr und ihrem Mann kurz nach der Hochzeit zugeteilt worden. Hier hatte sie ihre beiden Söhne geboren. Hier waren ihre Kinder aufgewachsen. Und hier starb ihr Mann nach langer schwerer Krankheit.
Hanni erinnerte sich an die vielen schönen Jahre, die sie zusammen mit ihm verbracht hatte. Nächstes Jahr hätten sie ihre Silberhochzeit gefeiert, doch der Tod kannte keine Gnade. Nicht einmal diese kleine Freude gönnte er ihnen beiden. Wenigstens starb ihr Mann mit einem Lächeln auf den Lippen, während sie sich ausmalten, wie alles ablaufen würde. Sogar ihre Schwester Doris aus dem Westen hatte sich für die Feier angesagt gehabt. Aber leider verloren sie den Wettlauf mit der Zeit, und nun war Hanni allein.
Obwohl ihre Söhne sie tatkräftig unterstützten, wollte es ihr nicht mehr gelingen, ihr Leben ohne ihren Mann ins Gleichgewicht zu bringen.
Und dann kam die Einladung von ihrer Schwester. Plötzlich war es Hanni klar. Sie wollte weg! Weg von hier, wo ihr Leben so voller Erinnerungen war. Erinnerungen an die erste Liebe, die Verlobung, die Hochzeit, die Geburten ihrer Kinder, deren Kinder- und Jugendzeit, die ersten Freundinnen der Söhne, deren Hochzeiten, die ersten Enkel, die Krankheit ihres Mannes und sein Tod. Freud und Leid in ständigem Wechsel, wobei jedoch die schönen Stunden schwerer wogen. Schade, das sie nun vorbei waren.
Hanni knipste das Licht im Wohnzimmer aus und ging ins Schlafzimmer. Vor dem Bett stand ihr Gepäck. Zwei Koffer und eine Reisetasche waren alles, was ihr von 24 Jahren Ehe blieben. Mehr hätte sie auch nicht mitnehmen können, ohne aufzufallen. Allein das dicke Paket Dokumente auf dem Boden der Reisetasche bereitete ihr Angst. Was wäre, wenn man sie an der Grenze kontrollieren würde, wenn sie ihre Sachen auspacken müsste?
Hanni starrte an die Zimmerdecke, an die das Licht der Straßenlaterne die Schatten der Bäume warf. Sie fuhr mit der flachen Hand über das Laken des leeren Bettes neben ihr. Tränen stiegen ihr in die Augen. Ach, Hans, wenn Du noch da wärst. Nie vorher wäre sie auf den Gedanken gekommen, alles hier zu verlassen. Aber so allein kam ihr alles grau und kalt vor. Wie schön hatte es doch da ihre Schwester im Westen.
'Komm, komm!' hallte es in die Leere hinein, die der Tod ihres Mannes in Hanni zurückgelassen hatte. Wie ein unaufhörliches Rufen durchdrang es alle Gedanken, die Hanni durch den Kopf gingen.
Und erst, als sie am nächsten Morgen neben ihrem Sohn im Auto saß, wurde es langsam schwächer. Aber jetzt war es zu spät, um die Reise abzublasen. Man erwartete sie im Westen, und Hanni war fest entschlossen zu gehen.
Frank, ihr Sohn, weinte, als er sich von ihr verabschiedete. Ein letztes Mal nahm sie ihn in den Arm.
"Mach's gut, Mutti." flüsterte er.
Sie gab ihm einen herzlichen Kuss auf die Wange. "Leb wohl, Frank."
Langsam rollte der Zug aus dem Bahnhof von Ilmenau. Hinter ihr blieb ihre Heimatstadt zurück, dann der gesamte Thüringer Wald.
Der Beamte an der Grenze kontrollierte freundlich aber genau ihre Papiere. Hannis Herz schlug bis hinauf in den Hals und das Luftholen fiel ihr schwer. Eigentlich hätte der Grenzer es klopfen hören müssen, so dröhnte es in ihren Ohren.
Dann setzte der Zug sich wieder in Bewegung und durchquerte die sichtbare Barriere, die die beiden deutschen Staaten trennt. Eine Zentnerlast fiel von Hanni ab, und sie atmete tief durch.
Gott sei Dank, endlich im Westen, endlich geschafft!
Weißt Du was das heißt: Einsamkeit?
