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Ein Wohlfühl-Roman für alle Sinne über zwei Frauen, zwei Leben und die Liebe zum Kochen: Lassen Sie sich von Kirsty Manning und ihrer charmanten Heldin Pip Arnet auf eine unvergessliche kulinarische Reise in den "Garten der Düfte" entführen. Die Meeresbiologin Pip liebt ihre Heimat Tasmanien, den Duft nach Meer und Eukalyptus, die Weinberge und die regionalen Köstlichkeiten. Und doch zieht es sie in die Ferne. Von Wissensdurst getrieben heuert die Hobbyköchin bei einem spanischen Spitzengastronom an. Im Gepäck hat Pip wenig mehr als ihre Leidenschaft für vorzügliches Essen und das mittelalterliche Rezepte-Büchlein einer gewissen Artemisia, das sie in einem alten Kupfertopf entdeckt hat. Wer war die geheimnisvolle Frau, die mit großem Einfallsreichtum solch köstliche Rezepte niedergeschrieben hat? Und was ist aus Artemisias Liebe zu ihrem italienischen Gewürzhändler geworden? Von den windumtosten Stränden Tasmaniens führt Pips Reise ins Baskenland, auf ein Weingut in der Toskana und in die Brasserien von Paris, bis sie in dem verwunschenen Garten eines französischen Klosters auf die Spur von Artemisa trifft ... "Lässt Ihnen das Wasser im Munde zusammenlaufen!" Australian Women's Weekly
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Seitenzahl: 540
Veröffentlichungsjahr: 2018
Kirsty Manning
Roman
Aus dem australischen Englisch von Sonja Rebernik-Heidegger
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Kirsty Manning wuchs in New South Wales im Südosten Australiens auf. Sie studierte Literatur und Kommunikation und arbeitete über zehn Jahre lang in der Verlagsbranche.
2007 bauten Kirsty und ihr Mann ein Haus in einem alten Kastanienwäldchen in den australischen Macedon Ranges. Zusammen pflanzten sie einen Obstgarten, legten einen Gemüsegarten an, erschufen lange Kräuterwege voll Salbei und Rosmarin, flochten aus Zweigen Beetumrandungen und schichteten unzählige Steinmauern auf.
Kirsty liebt es, mit ihren drei Kindern zu kochen, und besitzt mehrere große Kupfertöpfe – allesamt Familienerbstücke. Sie sind zwar nicht einfach unterzubringen, aber dafür perfekt, um Konfitüren, Chutneys und Suppen zu kochen (und manchmal auch anbrennen zu lassen).
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Danksagung
Quellen
Für Alex,
der immer die Hand in Richtung Horizont streckt und meint: »Nichts wie los!«
s’ ist von der Rose die Geschichte, –
Wo Künst’ der Minn’ ich all’ berichte.
Der Stoff ist neu und gut daran. –
Gott geb’, daß dies nun leiden kann
Sie, der zu Lieb’ ich es erdacht;
Sie hat so hohe Ehr’ und Macht,
Hat sich der Lieb’ so werth erweist,
Daß sie mit Recht die Rose heißt.
Das Gedicht von der Rose, Guillaume de Lorris
Es war ein seltsames Verlobungsgeschenk. Familienerbstücke hin oder her, normalerweise waren solche Geschenke nicht rußgeschwärzt und staubbedeckt. Pip musste niesen, als sie begann, die vier Kartons mit den uralten Kupfertöpfen auszupacken. Sie waren mit Wasserflecken übersät, sodass das sanfte Morgenlicht, das von ihnen reflektiert wurde, Regenbögen auf die weißen Wände des winzigen Cottages warf, in dem früher die Gutsarbeiter untergebracht worden waren. Einige der Töpfe waren so groß, dass Pip all ihre Kraft aufbringen musste, um sie aus dem Karton zu hieven. Sie hob einen der Deckel, und ihr Blick fiel auf das geschwärzte Innere, wo der Lauf der Zeit seine Spuren hinterlassen hatte.
Die Töpfe hatten früher einen festen Platz hoch oben auf dem Küchenschrank ihrer Eltern gehabt. Sie standen dort, als Pips Mutter Mary ihr zeigte, wie man Pasta ausrollt und Apfel-Chutney zubereitet, und auch, als ihr Vater sie dazu anspornte, ihre Mathematik-, Chemie- und Biologiehausarbeiten ordentlich zu erledigen.
»Willst du sie nicht doch lieber in den Kartons lassen, bis wir mit dem Rest des Cottages fertig sind?«, fragte Jack und biss in seinen Apfel.
»Vertrau mir, diese Töpfe machen es erst zu einem richtigen Zuhause«, erwiderte Pip und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Abschiedskuss auf die Lippen zu drücken. »Ich werde heute erst einmal alles auspacken – Megs hilft mir.«
Jack verschluckte sich beinahe. »Na, dann viel Glück.«
Pip richtete gerade ihr erstes gemeinsames Zuhause mit Jack ein, und den Anfang machte die winzig kleine Küche – keine leichte Aufgabe, wenn man die begrenzte Anzahl blassgrüner Holzschränke und die unbegrenzte Anzahl guter Ratschläge bedachte, die ihr ihre ältere Schwester (die gerade im Wohnzimmer Staub wischte) sicher bereitwillig erteilen würde.
Pip zog das Küchenfenster auf und sah hinaus zu den hochgewachsenen Zypressen, die stolz zwischen ihrem alten Cottage mit der Holzfassade und dem herrschaftlichen Ashfield House in den Himmel ragten. Das zweistöckige Haupthaus im georgianischen Stil erhob sich über die Bäume, und der cremefarbene Giebel aus Gusseisen stieß gemeinsam mit dem Fahnenmast in den strahlend blauen Himmel des australischen Herbstes. Vier breite Erkerfenster führten auf die sanften Hügel des Weingutes hinaus. Auf die ordentlichen, in Rot, Purpur und Gelb getauchten Reihen der Rebstöcke, die sich bis hinunter zu den grauen Fluten des D’Entrecasteaux-Kanals erstreckten. Jacks Eltern wohnten im Haupthaus, und Jack plante – mit Pips Einverständnis –, sie langsam aus dem Weingut auszubezahlen und schließlich die Häuser zu tauschen, wenn seine Eltern dazu bereit waren.
Grinsend hob Pip eine kleine Bratpfanne aus einem Karton. Im Moment war sie schon glücklich darüber, mit Jack in das kleine Cottage zu ziehen.
Jack hatte ihr letzten Monat einen Antrag gemacht. Einen ganzen Tag lang hatte er Pip bei starkem Wind geholfen, heimische Muscheln und Sedimentproben in der North West Bay zu sammeln. Am Ende hatte er die vor Kälte zitternde und schlammverschmierte Pip in die Arme genommen und sie gebeten, zu ihm in das einfache Cottage auf dem Weingut zu ziehen.
Pip hielt sich lieber am Meer als in geschlossenen Räumen auf, und Jack hatte ihr versprochen, mit der Hochzeit und neuen Projekten zu warten, bis sie im November ihre Doktorarbeit abgeschlossen hatte. Er wollte ihr ein Regal für die Veranda bauen, in dem sie ihre Ausrüstung für die Bodenprobenentnahme unterbringen konnte, und außerdem noch einige Haken für ihre Taucherausrüstung montieren, damit sie diese nicht mehr zwischen der Universität und dem Strand hin- und herkarren musste. Er wollte alles tun, um ihr auf den letzten Metern zu helfen.
Doch diese Woche hatte Jack plötzlich anders geklungen. Ihr Plan war zunichtegemacht worden, als seine Eltern sie darüber unterrichteten, dass ein Konsortium umliegender Weingüter Ashfield House kaufen wollte und ihnen bereits ein fantastisches Angebot unterbreitet hatte.
Pip wischte den Staub von der Pfanne und hielt sie ins Licht, um den Glanz zu bewundern, bevor sie sie seufzend auf die Anrichte stellte. Sie fröstelte, als ein kalter Lufthauch zum Fenster hereindrang. Der Herbst hatte in diesem Jahr bereits früh dem Winter Platz gemacht. Die Obstbäume, die die schiefe Veranda umgaben, waren beinahe kahl, und grüne Granny-Smith-Äpfel lagen unter einer Schicht gelblicher Blätter auf dem Rasen verstreut. Die alten Töpfe würden sich sicher als praktisch erweisen, um Chutney zuzubereiten oder die Äpfel zu dünsten. So konnte sie mit einem einzigen Topf ein ganzes Regal füllen!
Hinter dem Zaun nahmen die ordentlichen Reihen der Pinot-Noir-Stöcke langsam einen goldenen Farbton an. Pip entdeckte Jack, der zwischen zwei Reihen entlangschritt, und nahm sich einen Moment lang Zeit, um seine breiten Schultern und die langen, gebräunten Beine zu bewundern, die aus seinen blauen Lieblingsshorts ragten. Trotz der Kälte bestand Jack darauf, Shorts bei der Arbeit zu tragen. Selbst im Winter, wenn es morgens kaum mehr als null Grad hatte. Pip spürte Wärme und Liebe in sich aufsteigen, während sie Jack beobachtete, wie er mit großen Schritten in Richtung des tiefgrauen Kanals ging und dabei immer wieder einen Ast zurück hinter den gespannten Draht steckte oder ein Blatt abriss, das eine üppige Traube verdeckte.
Sie lächelte, ehe sie erneut lautstark niesen musste. Der Staub aus den Kartons hatte sich in der ganzen Küche verteilt und kitzelte sie in der Nase.
Wie auf ein Stichwort hin stand plötzlich Megs in der Tür. Sie trug eine perfekt sitzende grüne OP-Maske, stieß ein missbilligendes Schnauben aus und schüttelte den Kopf, als ihr Blick auf die Töpfe fiel, die Pip gerade auspackte. »Das ist doch lächerlich. Einige der Töpfe sind größer als dein Badezimmer. Der da …«, sie deutete auf einen großen Bottich mit einem leichten Grünstich, »… ist eigentlich ein Kessel, den man übers Feuer hängt. Hast du vor, auf dem örtlichen Jahrmarkt zu kochen? Was hat Mum sich nur dabei gedacht?«
Ja, was eigentlich? Pip knallte den Deckel auf einen der Töpfe. Megs war seit vier Jahren mit ihrem Chirurgenkollegen Will verheiratet, und ihre Eltern hatten ihr bis jetzt nicht einmal einen Teelöffel vermacht. Doch nachdem Pip ihren Eltern via Skype mitgeteilt hatte, dass Jack und sie endlich ein Hochzeitsdatum für Dezember festgesetzt hatten und erst einmal zusammenziehen würden, hatte Mary ihr die Töpfe geschickt.
Megs las die Karte, die neben einem Karton auf der Arbeitsplatte lag. »Gratulation, Pip und Jack. Ich dachte, diese Töpfe wären das perfekte Verlobungsgeschenk. Etwas Altes, um auf euch achtzugeben. In Liebe, Mum.«
»Ich finde diese Töpfe wunderschön«, erklärte Pip und zog eine weitere Bratpfanne aus dem Karton. »Das fand ich immer schon. Auch wenn sie ein wenig … ähm … unpraktisch sind.«
Megs hob eine Augenbraue, rückte ihre Maske zurecht und kehrte ins Wohnzimmer zurück, um weiter Staub zu wischen. Man mochte meinen, das Cottage mit der Holzfassade wäre eine Gefahrenzone. Pip war froh, dass Jack und sie letzte Woche sämtliche Räume mehrmals mit weißer Farbe gestrichen und Hunderte Risse im Verputz ausgebessert hatten. Trotz Megs’ Paranoia fühlte sich das Haus nun sehr viel frischer an. Selbst der Farbgeruch wurde vom Duft der Schwarzholzakazien- und Eukalyptusäste überlagert, von denen Pip ganze Armladungen entlang des Zaunes hinter dem Haus geerntet hatte, um sie schließlich in ihre Probeneimer aus Edelstahl zu stellen. Sie verliehen den Räumen einfach eine fröhlichere Ausstrahlung.
Pip fuhr mit dem Finger am Rand der kleinsten Pfanne entlang, bis ein Summen ertönte. Sie lehnte sich an die Anrichte, die Jack aus den alten Holzdielen des Wollschuppens zusammengezimmert hatte. Zuerst hatte Pip sich nicht vorstellen können, wie aus den rauen, unförmigen Latten, die hinter dem Schuppen aufgestapelt waren, einmal ein Küchenmöbel werden sollte, doch Jack hatte sie so lange mit Sandpapier bearbeitet, bis sie vollkommen glatt waren. Anschließend hatte er sie noch mit ein wenig Leinöl poliert, sodass sie die dunkelbraune Farbe von Leatherwood-Honig angenommen hatten. Pip strich gedankenverloren über das gemaserte Holz, während sie all die Dinge durchging, die sie in diesem Monat noch erledigen musste.
Sie hatte noch keine Zeit gefunden, den Stapel Brautmagazine durchzusehen, den Megs ihr gebracht hatte – ihre wissenschaftliche Datensammlung zu vervollständigen war Pip wichtiger als die Suche nach einem Brautkleid. Es war hingegen schwer gewesen, die Speisekarte zu ignorieren, die ihr aufgeregter Küchenchef Dan für die Hochzeit zusammengestellt hatte. Den Zettel voller Suppenflecken hatte Dan ihr letzten Dienstag während ihrer Pause im Zest in die Hand gedrückt.
»Ich glaube, ich brauche eine Gehaltserhöhung, Chef. Wie soll ich mir das mit dem mageren Gehalt einer Küchenhilfe leisten können?«, witzelte sie.
Pip warf einen Blick auf die Hochzeitsspeisekarte, die auf dem ehemals langweiligen Kühlschrank klebte, den sie mit Tafelfarbe aufgepeppt hatte:
Hochzeitsmenü
für
PIP ARNET UND JACK RODGERS
Canapés
Pazifische Felsenaustern
Pfannkuchen mit Pekingente und Hoisin-Sauce
Crostini mit geräuchertem Aal und Feigenmus
Crêpes mit zuckergeräuchertem Lachs oder Regenbogenforelle
Torteletts mit Kräutern der Provence und Parmesan
Entrées
In der Pfanne gebratener antarktischer Schwarzfisch
Jakobsmuscheln mit Safran
Geeiste Tomatensuppe
Beilagen
Glasiertes Grüngemüse der Saison
Kartoffeln vom Grill mit Rosmarin und Meersalz
Hauptgang
Knusprige Entenbrust an Spinat, Kartoffelbrei, Pilzen und Portweinsauce
Gegarte Ashfield-House-Lammschulter an Fenchel, gedünsteten Linsen, geröstetem Knoblauch und Rosmarinjus
Geflügelgalantine mit Haselnüssen, Kresse, Oliven, Rettich und Haselnuss-Vinaigrette
Gebackene Pilztortellini mit Gruyère
Dessert
Hochzeitstorte mit frischem Beerenkompott und Schlagsahne
So weit, so Standard. Pip hatte sich noch für keine Hochzeitstorte entschieden. Jack war jedenfalls für Schokolade, weil – wie er meinte – einfach jeder Schokolade mochte.
Pip hatte die Speisekarte ein wenig abgeändert und heimische und saisonale Fische – wie etwa einen mit der Angel gefangenen Couta oder einen tasmanischen Hapuka – hinzugefügt. Außerdem fehlten Kräuter wie Thymian, Basilikum und Fenchel, um das Menü aufzupeppen. Zum Schluss hatte sie Dan noch gebeten, die Jakobsmuscheln, die pazifischen Felsenaustern und den Lachs zu streichen. Gegrillte heimische Muscheln und einige der kleineren australischen Dreiecksmuscheln – Pipis genannt – würden sich gut als Vorspeise eignen. Sie würde selbst ein paar Eimer voll in der North West Bay sammeln. Aber waren Muscheln für eine Hochzeit glamourös genug?
Pip warf einen Blick auf den großen, mit wasserdichten Datenblättern bedeckten Tisch. Neben den Hochzeitsvorbereitungen musste sie auch an ihre Arbeit denken. Nach zweieinhalb Jahren hatte sie das Gefühl, kurz vor einem Durchbruch zu stehen. Das unberührte tasmanische Meer und die Küstenlandschaft waren weltbekannt für ihre kostbaren Meeresfrüchte, doch sie wurden von lästigen Eindringlingen bedroht, unter anderem von bestimmten Muschelarten, die aus Europa eingeschleppt worden waren. Pip hatte es sich zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, wie es dazu kommen konnte, und Strategien zu entwickeln, die Invasion zu verhindern. Sie musste die perfekten Umweltbedingungen bestimmen. Ein Gleichgewicht finden.
Doch letzte Woche waren plötzlich Ungereimtheiten in ihren Datensätzen aufgetaucht, und nun musste sie ganze Testreihen wiederholen, bevor der Winterregen einsetzte. Zusätzliche Proben bedeuteten, dass das Budget explodierte und es zu Verspätungen kommen würde. Pip war jedoch fest entschlossen, rechtzeitig abzugeben. Ihre Doktorarbeit nahm jede Zelle ihres Gehirns in Anspruch und kostete sie sehr viel mehr Energie, als sie sich eingestehen wollte. Die Hochzeitstorte würde noch ein wenig warten müssen.
Am Vortag hatte Pips wissenschaftliche Betreuerin ihr bei einem Milchkaffee und einem halben Blaubeer-Muffin in ihrem spartanischen Büro mitgeteilt, dass das Budget für Forschungen in den Bereichen Umwelt und Klimawandel gekürzt werden würde.
»Es tut mir leid. Es gibt keinen Aufschub mehr, Pip«, sagte Imogen, und ihre blauen Augen blickten sie entschuldigend an.
»Aber Jack hat eine Geschäftsreise nach Italien gebucht – und es sieht so aus, als müssten wir das Weingut jetzt gleich kaufen, auch wenn wir eigentlich erst in einer Ewigkeit damit gerechnet haben …« Pip sah zur Decke hinauf und blinzelte. Sie wollte vor ihrer Betreuerin auf keinen Fall die Fassung verlieren.
»Ich weiß, ich weiß«, erwiderte Imogen nickend und warf ihr ein mitfühlendes Lächeln zu. »Und dann hast du ja auch noch eine Hochzeit zu planen.« Ihre langen Finger zupften an dem Muffin herum. »Ich habe versucht, mit den Institutsleitern und sogar mit dem Dekan zu sprechen.« Imogen zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. »Sie wissen noch nicht, welche Bereiche in den nächsten drei Jahren subventioniert werden. Aber es soll auch Einschnitte im IMAS geben.« Imogen arbeitete sowohl mit dem Institut für Marine und antarktische Forschungen als auch mit der Universität zusammen.
»Wenn du eine Postdoktorandenstelle willst, dann musst du deine Arbeit bis November einreichen, okay?«
»Aber …«
»Keine Ausreden! Du bist überaus klug, Pip. Deine Forschung ist bahnbrechend. Wir könnten es sogar schaffen, diesen Teil des Kanals zu säubern. Aber ich kann nichts mehr für dich tun …«, sie tippte mit dem Zeigefinger auf ihre Unterlagen, »… solange du uns nicht beweist, dass du deine Arbeit abschließen kannst. Wir haben dir bereits zusätzliche Zeit eingeräumt, weil deine vorläufigen Ergebnisse so außergewöhnlich waren. Aber mehr gibt es leider nicht.« Imogen senkte den Kopf und sah Pip über den Rand ihrer Brille hinweg an. Ihre Stimme klang freundlich, aber bestimmt. »Komm schon, Pip. Nimm die Sache einfach in die Hand und bring sie zu Ende. Ich verstehe, dass die Arbeit im Labor hart sein kann – mein Gott, das haben wir doch alle einmal durchgemacht.« Sie verdrehte die Augen. »Und Italien läuft dir doch nicht davon!«
Pip nickte und ließ sich in den Stuhl zurücksinken. Welche Zukunft konnte sie Jack schon bieten? Es gab keinerlei Garantie, dass sie einen Job oder eine Forschungsstelle erhielt, wenn sie ihren Doktortitel in der Tasche hatte. Falls sie ihn jemals bekam. Jack hatte bereits Pläne für den Rest des Jahres gemacht, doch sie musste noch mehr Daten sammeln. Wie sollte sie beides unter einen Hut bringen?
Selbst wenn sie und Jack mit dem Angebot des Weinbaukonsortiums für Ashfield House gleichzogen, würde Pips derzeitiges Einkommen aus gelegentlichen Lehraufträgen und dem Job als Küchenhilfe niemals reichen, um die fürchterlich hohen Hypotheken und ihren Studienkredit zurückzuzahlen. Ganz zu schweigen von den dringend notwendigen Reparaturarbeiten an den bröckelnden Wänden, den Natursteinbögen und dem übergroßen Gusseisengitter der Veranda. Und der neuen Weinbergbepflanzung. Pip wurde schwindelig – es fühlte sich alles viel zu gehetzt und gezwungen an. Zu unsicher.
Zwischen ihren Unterlagen und den herrlichen alten Töpfen blieb keine einzige freie Stelle, um etwas abzustellen. Jack dachte vermutlich, Pip wäre hier die invasive Meeresspezies.
Megs, die inzwischen zurück in die Küche gekommen war, folgte Pips Blick auf den Boden, wo mehrere Stapel mit Diagrammen lagen, die mit schwarzem Stift in Großbuchstaben beschriftet waren: LI, HARRY und TAJ. »Was ist denn das hier?« Sie deutete auf die Stapel.
»Stipendiaten. Ich habe das Mentoring der drei übernommen und helfe ihnen mit ihren Proben.«
Pip liebte es, den Anfängern dabei zuzusehen, wie sie sich durch Eimer voller Muscheln wühlten und versuchten, jede Spezies aufgrund ihrer Größe oder des Farbtons der Schale zu klassifizieren. Wie sie Basalfäden zählten, so dünn wie Seide; wie sie eine Napfschnecke ins Licht hielten und ihre Finger über die winzigen gelben Furchen gleiten ließen, die die Schale umrandeten; oder wie sie die perfekte grauweiße Spirale der Elefantenschnecken nachzeichneten. »Ich nehme Taj nächste Woche mit zu euch, bevor wir am Sonntag zusammen zu Abend essen. Ich helfe ihr, einige Sedimentproben in der Gezeitenzone zu sammeln. Im Watt vor eurem Haus.«
»Brrr. Es wird sicher eiskalt.«
Pip warf einen Blick auf den Papierkram und zuckte mit den Schultern. Sie war leider nicht mehr oft draußen unterwegs, seit sie mit der Datenauswertung begonnen hatte.
»Pip«, begann Megs vorsichtig. »Meinst du nicht, dass du schon genug um die Ohren hast?« Ihr Blick glitt über die vielen Kartons im Zimmer, bevor er erneut auf die Stapel mit den Diagrammen fiel. »Es erscheint mir irgendwie seltsam, dass du dir die Zeit nimmst, Studenten bei ihrer Arbeit zu helfen, wo du doch selbst so viel zu tun hast.« Sie hielt kurz inne. »Ich wollte dir damit nicht unterstellen, dass du, was deine akademischen Ambitionen betrifft, nicht klarkommst. Bitte entschuldige! Ich meinte bloß, dass du dir dieses Jahr schon viel zu viel aufgeladen hast. Du hilfst Jack im Weingarten und den Studenten bei ihrer Arbeit, du planst eine Hochzeit und übernimmst für mich das Babysitten – wofür ich dir übrigens sehr dankbar bin!«
Megs hatte wie immer ins Schwarze getroffen. Pip warf einen schnellen Blick den Flur entlang in das Gästezimmer, wo die kleine Chloé in ihrem Reisegitterbett schlief. Ihre Nanny Eva war bei ihr, und es war kein Mucks zu hören. Vielleicht waren sie beide eingeschlafen.
»Megs, ich werde meinen Doktor machen. Keine Sorge, das steht ganz oben auf meiner Liste.« Pip schluckte die unangenehmen Schuldgefühle hinunter, während sie einen mittelgroßen Topf auspackte. Er war perfekt, um Pink-Eye- und Kipflerkartoffeln darin zu kochen. Sie hielt den Topf mit beiden Händen hoch, um ihn ihrer Schwester zu zeigen. Megs schüttelte den Kopf.
Megs war dürr, aber äußerst zäh – ein schnittiges ebenholzschwarzes Vollblut, im Gegensatz zu Pip, die eher einem robusten Arbeitspferd glich –, doch im Moment schien Megs kaum genug Kraft zu haben, um Chloé hochzuheben. Die Tatsache, dass sie sich von einem Kaiserschnitt erholen musste, war vermutlich auch nicht von Vorteil. Als ihre Mutter Mary – die als Hebamme und Wochenbettkrankenschwester arbeitete – das letzte Mal aus Victoria zu Besuch gekommen war, hatte sie Megs angefleht, sich noch ein wenig länger beurlauben zu lassen.
Doch Megs hatte mit ernster Miene geantwortet: »Mum, ich bin Unfallchirurgin. Ich verbringe mein halbes Leben in der Notaufnahme. Will ist Chefarzt der Chirurgie. Ich denke, das Thema hatten wir schon mal.«
Pip hatte letzte Woche den Fehler gemacht, Megs zu fragen, ob sie eigentlich genug Schlaf abbekam.
Die Antwort ihrer Schwester war barsch ausgefallen: »Verdammt noch mal. Jetzt fang du nicht auch noch damit an! Mum hat mich dasselbe gefragt. Niemand fragt Will, ob es ihm gut geht und wie er es schafft, Arbeit und Baby unter einen Hut zu bekommen.«
Normalerweise war es nicht Megs’ Art, zu fluchen. Pip wusste, dass sie ihre Schwester nicht unter Druck setzen durfte, aber es kam ihr vor, als würde Megs die Situation nicht richtig einschätzen. Immerhin hatte Will keinen Kaiserschnitt hinter sich und stillte auch nicht. Soweit Pip es beurteilen konnte, war er überraschend gut darin, das Baby zu baden, die Windeln zu wechseln, in Babysprache zu reden und sich als Daddy zum Narren zu machen, aber trotzdem …
Pip hatte beschlossen, Megs öfter zu besuchen. Sie wollte sich um das Baby kümmern, damit ihre Schwester auch mal einen ruhigen Spaziergang unternehmen konnte. Oder einen Kaffee trinken. Trank Megs im Moment überhaupt Kaffee, oder stand der auf ihrer Verbotsliste? Megs brauchte Sonne, Essen und Ruhe. Dagegen war doch nichts einzuwenden, oder?
»Pip! Hörst du mir überhaupt zu?« Megs schnippte vor Pips Gesicht mit den Fingern. »Hier bin ich.«
»Ja, ich höre dir zu«, erwiderte Pip lächelnd.
»Ich meine bloß, dass du Prioritäten setzen musst, wenn du deine Arbeit vor der Hochzeit zu Ende bringen willst.« Megs berührte Pips Arm und sprach sanft weiter. »Hey, ich weiß, du machst dir Sorgen wegen der Übernahme des Weingutes. Es ist eine große Entscheidung, die selbst mir schlaflose Nächte bescheren würde.« Sie lachte matt. »Und das will etwas heißen!«
Pip drückte die Hand ihrer Schwester. Sie war gerührt darüber, dass Megs gerade einen auch nur annähernd menschlichen Zug zugegeben hatte.
»Aber was soll dieser Plan, dass ihr beide nach Italien fliegt?«, fragte Megs, und ihre Stimme klang wieder so streng wie immer.
»Jack will sich ansehen, wie in der Toskana Wein gemacht wird. Er möchte herausfinden, ob wir hier ähnliche Methoden anwenden können.« Pip schämte sich zu sehr, zuzugeben, dass Jack die Flüge ohne Rücksicht auf ihren sich immer wieder ändernden Forschungsplan gebucht hatte. In letzter Zeit hatte Pip das Gefühl, als müsste sie ihr Leben ständig Jacks Plänen unterordnen – als wäre ihre Doktorarbeit bloß eine Art Hobby.
»Und was genau kannst du dazu beitragen?«
Pip lächelte so angestrengt, dass ihr Kiefer schmerzte. »Es ist eine große Verpflichtung. Wir müssen uns sicher sein.« Sie schüttelte den Kopf. Sie war sich überhaupt nicht sicher.
Außer, was Jack betraf.
»Willst du etwas essen?«, fragte Pip, um das Thema zu wechseln. Megs und Will hakten ihre Ziele ab wie andere Leute die Punkte auf ihrer Einkaufsliste – in ihrem Leben gab es keine Unsicherheiten. Es war sinnlos, Megs ihre Zwangslage zu erklären; sie würde es nicht verstehen.
Sie bedachte Megs mit einem mürrischen Blick, bereute ihre schlechte Laune jedoch sofort. Ihre Schwester sah vollkommen fertig aus. Ihre Haut war blass und beinahe durchsichtig, und selbst ihre Skinny-Jeans saßen am Hintern viel zu locker. Man konnte Megs’ Alter an den dunklen Ringen unter ihren Augen ablesen. Pip würde ihr etwas Leckeres kochen. Vielleicht konnte sie ihre Schwester sogar davon überzeugen, sich nach dem Essen ein Weilchen im Gästezimmer auszuruhen? Sie hatte das Bett erst gestern Abend mit frischen weißen Laken bezogen – in denen sie dann schließlich auch geschlafen hatte. Allerdings wollte sie im Moment nicht weiter über den Grund dafür nachdenken. Es war eine dumme Umzugskabbelei gewesen, mehr nicht.
Pip würde darauf bestehen, dass sich Megs später eine Stunde lang ausruhte. Es war lieb von ihr, dass sie hergekommen war, um Pip beim Auspacken und Einräumen zu helfen, aber als sie sich umsah, wurde ihr bewusst, dass es ohnehin nur die Töpfe, ein paar Taschen mit Kleidung, drei Chardonnay-Kartons mit Tabellen und Notizen und die Taucherausrüstung draußen auf der Veranda zu verstauen gab. Sie würde bloß noch diese wunderschönen Kupfertöpfe aufstellen, und dann würde sie ihnen allen Jacks Lieblingsmittagessen zubereiten: getoastete Sandwiches mit Corned Beef, Käse und sauer eingelegten grünen Tomaten. Pip hob einen schweren Saucentopf aus dem Karton, doch der Deckel saß fest. Sie musste ihn allerdings herunterbekommen, um den letzten kleinen Topf im Inneren unterzubringen.
»Megs, gib mir doch bitte ein Messer.« Sie klemmte sich den Topf zwischen die Beine, um ihn zu fixieren, und versuchte, den Deckel mit einem Buttermesser auszuhebeln, doch wenig später stand die Klinge im rechten Winkel ab.
Pip lachte. »Der wehrt sich ganz schön. Könntest du mir bitte einen Schraubenzieher aus Jacks Werkzeugkasten dort drüben in der Ecke geben?«
Megs reichte ihn Pip mit einem Stirnrunzeln. »Sei vorsichtig, sonst stichst du dir noch ein Loch in die Hand.«
Pip zwängte den Schraubenzieher unter den Deckel und bewegte ihn hin und her. Als das Werkzeug über das Metall schrammte, klang es wie die leeren Tauchflaschen, wenn sie sie über den Rand des kleinen Bootes zog. Das Geräusch ließ sie zusammenzucken. Sie packte den Griff und zog fest daran.
Unter dem Deckel stieg der Geruch von altem, modrigem Kupfer hoch, doch sie nahm auch eine kaum merkliche holzige Note wahr. Im Inneren des schwarzen Topfes lag eine Papierrolle, etwa so lang wie ihre Hand und von einem braunen Band zusammengehalten. Pip zog das mysteriöse Päckchen vorsichtig heraus. Sofort fielen einige süß duftende, blassrosa Blütenblätter und ein vertrocknetes Pflanzenstück heraus, das aussah wie Wermut – Artemisia. Es war offensichtlich gepresst worden, als es noch saftig war. Aber wie lange war das schon her? Mittlerweile hatten die fedrigen Farnwedel ihre Chlorophyllpigmente verloren, waren hart geworden und hatten einen silbernen Farbton angenommen. Sie erinnerten Pip an die zarte französische Spitze, die sie für ihr Brautkleid ins Auge gefasst hatte.
Pip hielt das Farnkraut vorsichtig ins Licht. Der Aufbau des Blattes war schlichtweg perfekt, genauso wie die geschwungenen Linien einer Muschelschale. Jede Form der Natur war in ihrer Einzigartigkeit makellos. Sie hob das zarte Blatt an die Nase und nahm den etwas bitteren und hölzernen Geruch mit einem Hauch Süßholz – und einer Menge Staub – in sich auf, bevor sie es behutsam auf die hölzerne Anrichte legte. Ihre Mutter hatte in ihrem Garten in Mount Macedon immer Wermut gepflanzt, denn der kräftige Geruch legte sich auch in den Federn der Hühner ab, wenn sie an den Pflanzen vorbeistreiften, und hielt Flöhe und Läuse fern. Wenn Mary den Verdacht hegte, dass die Mädchen Würmer hatten oder die beiden unter Bauchschmerzen litten, bekamen sie manchmal auch eine Tasse Wermuttee zu trinken. Vor allem pflückte Mary die silbrigen Pflanzen jedoch, um sie im Wohnzimmer aufzustellen, sodass sich das Licht in den Glasvasen fing.
Pip nahm die Schriftrolle, öffnete das Band und rollte sie vorsichtig auf der Arbeitsplatte aus. Es handelte sich um etwa ein Dutzend blassbraune Blätter. Das hier war doch sicher kein Pergament, oder etwa doch? Was auch immer es war, es sah jedenfalls uralt aus.
»Hier, Megs. Sieh dir das an.« Sie hielt die braunen Blätter nacheinander vor das Küchenfenster. Sie waren relativ dick, aber durchsichtig. Sie konnte sogar die einzelnen Fasern erkennen, und der Anblick erinnerte sie an Mikroalgen in Petrischalen, wenn sie sie durch das Mikroskop betrachtete.
»Es sieht aus wie handgemachtes Papier. Wie wunderschön! Ich frage mich, wie alt es wohl sein mag.« Pip drehte die Seiten um und betrachtete die Tintenbuchstaben. »Das ist Französisch.«
Megs griff über die Anrichte und in ihre Handtasche, um Pip ein Paar OP-Handschuhe zuzuwerfen. »Zieh die hier an, damit du das Papier nicht beschädigst. Wir wollen doch nicht, dass die Seiten auseinanderfallen.«
»Kaum zu fassen, dass du OP-Handschuhe mit dir herumschleppst. Das ist ja gruselig«, sagte Pip, während sie in die Handschuhe schlüpfte.
Pip warf einen Blick auf die oberste Seite. »Hmmm. Ich glaube nicht, dass es ein Brief ist. Eher eine Art Liste.« Sie las die verschnörkelte Überschrift. Die Tinte war verblasst und die Schrift übermäßig geschwungen, doch sie konnte sie gerade noch entziffern.
»Eau de rose. Das ist einfach: Rosenwasser. Pour faire un lot de bon hypocras. Ich glaube, das bedeutet: Eine Menge … von irgendetwas. Guter Hypocras. Was auch immer das ist.«
Sie überflog den Rest. »Cinamonde, gingembre, garingal, vin de Beaune – das ist Burgunder, Pinot. Ich glaube, es ist eine Art Rezept, vielleicht für Gewürzwein. Vielleicht ist das mit Hypocras gemeint?«
»Vielleicht.« Megs trat hinter Pip und legte das Kinn auf die Schulter ihrer kleinen Schwester, um ebenfalls zu lesen. »So etwas haben wir im Französischunterricht jedenfalls nicht durchgenommen.«
»Ich glaube, du hast vom Französischunterricht ohnehin nicht viel mitbekommen.«
»Nun ja, ich hatte eine Eins minus. War also nicht ganz so perfekt. Wie auch immer, ich arbeite als Chirurgin. Die meisten meiner Patienten sind bewusstlos. Da braucht man kein Französisch.«
»Und da fragen sich die Leute, was heutzutage mit den Ärzten los ist«, sagte Pip lachend und schüttelte den Kopf, während sie die anderen Seiten durchging. Die nächste Überschrift lautete: Marzapane. Marzipan? Und die nächste: Crespes. Sie war sich bereits ziemlich sicher, dass damit Crêpes gemeint waren, als sie die erste Zeile las: Prenez de la fleur et déstrempez d’œufs tant moyeux comme aubuns, osté le germe …
»Ich glaube, es ist zum Teil auf Latein. Oder Italienisch. Eine seltsame Mischung aus Französisch und Latein, würde ich sagen.«
»Warte, ich sehe mir das Latein an. Ich verstehe ein wenig davon.«
Pip wandte sich um und hob die Augenbraue. »Seit wann verstehst du Latein?«
»Medizin. Anatomie.«
»Gut, dann weiß ich auf alle Fälle mehr als du. Ich kenne mich mit Pflanzen und Tieren aus. Zoologie.« Pip richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Seiten. »Ich habe keine Ahnung, woher die hier stammen«, meinte sie und hielt sie noch einmal ins Licht, als würde sie eine Probe begutachten. Das Papier begann zu leuchten, als bestünde es aus feinen Härchen. Es fühlte sich fest an, obwohl es ganz offensichtlich schon sehr alt war.
Pip legte die weichen, schlammfarbigen Pergamentseiten auf die Anrichte, rollte sie wieder ein und verknotete das Band. »Unsere Eltern besitzen diese Töpfe schon seit Ewigkeiten, aber sie haben sie anscheinend nie geöffnet. Sonst hätte Mum vermutlich von diesen Notizen gewusst, nicht wahr?« Pip ging zu der hölzernen Weinkiste in der Ecke des Wohnzimmers und durchwühlte die Flaschen mit den Konservierungsmitteln, die Messbecher, Netztaschen, Siebe und Sonden, bis sie ein sauberes, tausend Milliliter fassendes Probenglas fand. »Hier drin sind sie jedenfalls geschützt und trocken, bis wir herausgefunden haben, worum es sich handelt.«
Aus dem Gästezimmer am Ende des Flurs drang plötzlich verzweifeltes Babygeschrei.
»Ich hole sie!«, meinte Pip, bevor sie eilig die Schriftrolle in das Glas steckte und den Staub von ihrem T-Shirt klopfte.
»Nein! Lass Eva das machen – du bist ja vollkommen verdreckt. Was, wenn sie Asthma hat? Oder eine Hausstauballergie?«
Das Weinen verstummte allmählich, und zwei Minuten später kam Eva ins Zimmer und wiegte eine sichtlich beruhigte Chloé im Arm. Pip schlüpfte aus ihrem staubigen Arbeitsshirt, sodass sie nur noch ein weißes Top trug, wusch sich die Hände und eilte dann zur Nanny, um ihr das Baby abzunehmen.
»Komm her, Chloé. Kuschel doch ein wenig mit deiner Tante Pip.« Sie schloss die Augen und atmete den süßen Hefegeruch des Babys ein, während sie sich an Chloés Kopf schmiegte. Sie spürte die zarten Haare auf ihrer Wange und kicherte über das unverhältnismäßig laute Schmatzen, das Chloé von sich gab, als sie eifrig an ihrer Faust lutschte. »Hat sie vielleicht Hunger? Sie macht ja ganz schön Lärm.«
»Zieh ihr die Faust besser aus dem Mund! Ich will nicht, dass sie einen Überbiss entwickelt. Ich werde mir ein Handtuch ausleihen und mich schnell duschen, damit ich sie füttern kann. Eva, kannst du bitte ein Fläschchen in einem Topf auf dem Herd für mich wärmen? Aber nimm einen kleinen Topf, nicht eines dieser verrückten Dinger.« Stirnrunzelnd deutete Megs auf die alten Töpfe.
»Wir haben eine Mikrowelle. Auch in unserem Cottage hat die moderne Technik Einzug gehalten, weißt du?«
»Keine Mikrowelle!«, befahl Megs. »Sie verteilt die Hitze ungleichmäßig, und Chloé könnte sich den Mund verbrennen.«
»Entschuuuldige!«, erwiderte Pip, warf einen Blick auf Eva und verdrehte die Augen. Eva lächelte schüchtern und machte sich an die Arbeit.
Pip drückte Chloé einen Kuss auf den Scheitel und rieb müde ihre Wange über das Babyhaar, während sie ihren Finger in die weichen schwarzen Locken in Chloés Nacken schob. Sie atmete tief ein und wiegte sie sanft vor und zurück, während sie versuchte, das vage Gefühl zu verdrängen, dass gerade etwas furchtbar schieflief.
Jack war derjenige gewesen, der darauf bestanden hatte, einen Hochzeitstermin festzulegen. Pip wusste nicht, wozu die Eile. Es war doch allen klar, dass sie früher oder später heiraten würden. Und dann hatte er auch noch den Flug gebucht, ohne sich vorher mit ihr abzusprechen. Pip verstand, warum er das Gefühl hatte, dringend nach Italien zu müssen. Er war aufgeregt, und Pip wollte ihn unbedingt begleiten. Wer hätte das nicht gewollt? Doch Imogen hatte eisern daran festgehalten, dass Pip keinen weiteren Aufschub erhielt.
Was sollte Pip bloß tun? Wie konnte sie Jack unterstützen und gleichzeitig ihre Doktorarbeit fertigstellen?
Pip tröstete sich mit einem sanften Griff um Chloés niedliches Beinchen. Das nächste Jahr lag vollkommen im Ungewissen. Ihre Forschungen waren wichtig. Den meisten Menschen fiel es nicht gerade schwer, das Geschehen im Meer einfach zu ignorieren. Wer interessierte sich schon für benthische Wirbellose? Sie würden es jedenfalls niemals auf die Titelseite der Zeitung schaffen. Aber Pips Herz schlug für diese Tiere. Sie fühlte sich diesen Kreaturen und dem Meeresgrund, den nie jemand zu Gesicht bekam, sehr verbunden. Wenn sie ihre Studien jetzt abbrach, ohne bewiesen zu haben, dass ein Umdenken notwendig war, wie sähe der D’Entrecasteaux-Kanal, den sie so wunderbaren Babys wie Chloé hinterlassen würde, dann aus?
Aber warum tat Jack so, als wäre sie schwierig? Als würde sie nichts auf die Reihe bekommen?
Im Moment wusste Pip bloß, dass sie Jack unglaublich liebte, doch ihre Pläne standen im vollkommenen Gegensatz zueinander. Vielleicht sollte sie ihre Haltung zu ihrer Arbeit neu überdenken, um den Hochzeitstermin einhalten zu können? Denn darum ging es ja in der Ehe, nicht wahr? Um Kompromisse.
Der Duft der Rosenblüten und des Artemisia-Zweiges erfüllte das Wohnzimmer und drang in Pips Nase. Der schwere, süße Geruch nach Schattenblume und Anis, mit einem erdigen, bitteren Unterton.
Pip öffnete die Augen und entdeckte Jack, der im Türrahmen lehnte, sodass seine breiten Schultern ihn beinahe ausfüllten. Er hatte den Kopf zur Seite geneigt, seine dunklen Locken fielen ihm in die Stirn, die blauen Augen blickten sie neugierig an, und ein unverwechselbares Grinsen zog sich von einem Ohr zum anderen.
Wie lange stand er wohl schon dort?
Andreas war an diesem frostigen Morgen besonders dankbar für den wärmenden Geruch des Rosenwassers auf seiner Haut. Er zog energisch an den Fahrleinen, um seinen Wagen zu verlangsamen, während er sich dem gusseisernen Eingangstor näherte. Es stand weit offen, denn heute würden den ganzen Tag über Fuhrwerke aus dem Dorf ein und aus fahren. Der bucklige Pförtner trat näher, um im ersten Licht der Morgendämmerung einen Blick auf sein Gesicht zu werfen. »Rein mit dir«, meinte der Alte und nickte als Zeichen des Wiedererkennens, als der junge Épicier seine Kapuze zurückschlug.
Andreas lächelte, nickte ebenfalls und gab seinen beiden herrlichen schwarzen Warmblütern mit einem Zügelschlag zu verstehen, dass sie weitergehen sollten. Er war heute Morgen in Eile und wollte die Waren so schnell wie möglich liefern, damit noch genug Zeit blieb, sein Geschenk zu übergeben.
Sie durften sich nicht erwischen lassen.
Er fuhr an der mächtigen Steinscheune mit den zwei identischen viereckigen Wachtürmen vorbei, die zu seiner Linken aufragte. Er hatte gehört, dass die Frauen und Kinder der angrenzenden Ländereien während der letzten blutigen Wochen des Kreuzzuges Zuflucht hinter den dicken Mauern der Scheune gefunden hatten – in der stinkenden Hitze zusammengepfercht, während das Dorf in Brand gesteckt und ihre Brüder, Ehemänner und Söhne der Reihe nach ausgeweidet oder gehängt wurden.
Heute standen die Holztüren jedoch weit offen, und mehrere Mönche in trostlosen braunen Kutten fegten Armladungen feuchten Strohs von den Steinplatten und stopften es durch ein winziges Fenster in den benachbarten Schweinestall. Das alte Stroh würde dafür sorgen, dass sich der Gestank nach Dung und verdreckten Tieren nicht in der Hitze des Tages in der Scheune ausbreitete, wenn die Hochzeitsgäste schließlich eintrafen. Wer wollte schon auf dem Weg zum schönsten Fest des Jahres Dung riechen? Auf einem Fest zu Ehren des gefechtsmüden Chevaliers von Boschaud, Besitzer des Châteaus de Boschaud, und der schönen Demoiselle Rose, Tochter des Herzogs von Clinchy. Es wäre wohl kaum ein gutes Vorzeichen. Mit ein wenig Glück würden die Mönche anschließend noch Armladungen Lavendel und Rosmarin verteilen. Zumindest, wenn Artemisia in dieser Angelegenheit etwas zu sagen hatte. Er erschauderte vor Kälte und Vorfreude.
Hinter dem Schweinestall befanden sich die Käfige mit den Hähnen, Enten und Hühnern, die lautstark den neuen Morgen begrüßten. Sie hatten Glück gehabt, denn ihre Verwandten hingen bereits ausgeblutet auf Haken in der Küche, um schon bald auf dem Drehspieß zu landen. Andreas lief das Wasser im Munde zusammen.
Er wurde aus seinen Überlegungen gerissen, als sich die Pferde schließlich dem Château selbst näherten. Die aufgehende Sonne traf auf die Granitmauern und drang in jede Ecke, sodass es aussah, als wäre das Haus plötzlich wie durch Zauberei mitten in den weitläufigen Gärten erschienen. Er spürte dieselbe Sonne auf seinem Rücken und hielt die Pferde an, um den Anblick zu genießen, den ihm das Licht offenbarte.
Das Château schien sehr viel fachmännischer erbaut als die anderen Burgen entlang des Plateaus, und er nahm an, dass es ursprünglich dazu gedacht gewesen war, das Blut der Boschauds zu schützen und zu verteidigen. Es war ein dreistöckiges, rechteckiges Gebäude, flankiert von zwei runden Mauertürmen mit denselben konischen Schieferdächern wie die der Türme im Hauptteil der Festung. Zwischen den beiden runden Türmen erhob sich ein viereckiger Turm, der die anderen ein wenig überragte und aussah, als wäre er erst nachträglich hinzugefügt worden. Andreas konnte gerade noch das winzig kleine Fenster unter dem Dachvorsprung ausmachen. Er hatte sich immer gefragt, wofür ein so kleiner Raum wohl verwendet wurde.
Ein weiteres Mal ließ er den Blick über die klaren Linien des Châteaus schweifen. Natürlich war es sehr schlicht, doch er hätte nichts dagegen gehabt, es sein Eigen zu nennen.
Zwei Wachhunde lagen ausgestreckt auf dem weitläufigen, mit Steinen gepflasterten Vorplatz und genossen die Sonne, bevor auch für sie der Tag begann. Eine grüne Rasendecke erstreckte sich bis zur Grenzhecke in der Ferne. Roter und gelber Mohn, Mutterkraut, feine Gräser, Weizenhalme, Löwenzahn und Gänseblümchen glitzerten im Tau und wiegten sich in der sanften Morgenbrise – eingefasst von einem kreisrunden Kiesweg, so breit, dass zwei Fuhrwerke nebeneinander fahren konnten. Dahinter entdeckte Andreas einige gebückte Mönche, die plaudernd mit ihren Hacken das Gras von den Steinplatten vor dem Eingang entfernten. Auch die riesige Linde inmitten des Feldes hatte man sorgfältig zurechtgestutzt. Das war aber auch langsam Zeit geworden. Sowohl der Rasen als auch der Baum hatten mittlerweile ein wenig ungepflegt ausgesehen, und das wollte an einem so bedeutungsvollen Tag wie heute gewiss niemand. Andreas pfiff vor sich hin und tippte mit den Fingern auf das kleine Päckchen, das unter seinem Hemd verborgen war. Ja, dachte er, während er sanft mit den Zügeln schlug, heute wird ein wirklich vollkommener Tag.
Anstatt der breiten Straße zum Haupteingang zu folgen, bog Andreas auf den schmaleren Zuliefererweg ab, der am südlichen Mauerturm vorbei bis direkt vor die Küche und die Kühlkammer führte. Er warf einen Blick auf die Fuhrwerke seiner Kaufmannsgesellen aus dem Dorf. Der Oyer, der sich auf das Grillen von Gänsen verstand, entlud gerade ein Dutzend der gebratenen und in Leinen geschlagenen Tiere. Wenn das Tuch erst einmal entfernt wurde, würde die Haut darunter golden und das Fleisch zart und saftig sein. Der Duft nach Nelken und Muskat verriet, dass das Geflügel unter dem Leinen noch immer warm war. Andreas lief das Wasser im Munde zusammen. Er hatte heute keine Gelegenheit gehabt, seine übliche Schüssel grüne Porée und eine Scheibe Schinken zum Frühstück zu essen, bevor er seine Waren aufgeladen hatte.
Neben dem Wagen des Oyers stand der Karren des Boulangers. In seinen hohen Weidekörben stapelten sich Hunderte kleiner weißer Brötchen. Daneben lagerten Unmengen der weniger verlockenden Tellerbrote – jene schalen, getrockneten Fladen, die zum Servieren der Speisen verwendet wurden. Die Körbe wurden von drei untersetzten Burschen abgeladen. Andreas lehnte sich hinüber und schnappte sich augenzwinkernd eines der weichen Brötchen.
»Merci.«
Andreas lachte, als der Bäcker mit missmutigem Gesicht nach seiner Hand schlug, während er nach einem zweiten Stück greifen wollte.
Etwa zwei Meter entfernt stand der klapprige Karren des Oubloyers. Offensichtlich hatte die Küche im Dorf eine Wagenladung Oblaten als Beilage für die Suppen bestellt. Andreas hatte keine Ahnung, warum man sich die Mühe gemacht hatte. Oublies schmeckten wie Pergament. Es war reine Zeitverschwendung. Das Maultier, das neben ihm angebunden war, schien ihm zuzustimmen, denn es schnaubte und stampfte angewidert mit den Hinterhufen auf. Der blonde Oubloyer trug die Kisten der Reihe nach in die Küche und nickte zur Begrüßung, als er an Andreas vorbeikam. Alle waren viel zu beschäftigt damit, ihre Waren anzuliefern, um Zeit für ein paar freundliche Worte zu haben.
Auf der Fahrt von Châlus zum Château waren einige Deckel von Andreas’ Terrakottatöpfen gesprungen. »Sacrebleu!«, fluchte er. Er hätte sich die Zeit nehmen sollen, sie mit Wachs zu versiegeln. Er hatte Glück gehabt, dass nichts herausgeschwappt war. Andreas ging um den Wagen herum und atmete den süßen Duft ein, ehe er die Deckel wieder aufsetzte. Die Hälfte der Töpfe enthielt sein besonderes Rosenwasser, das er mit Muskat, Zimt und Myrrhe verfeinerte. In den anderen Töpfen befanden sich Zucker und Salz. Das Rosenwasser – das auf Festen wie diesem zum Händewaschen verwendet wurde – wurde nach einem Geheimrezept hergestellt und war in den Châteaus der Umgebung sehr begehrt.
Sein Großvater hatte ihm einmal erzählt, dass ein längst verstorbener Pater das Rezept von den Kreuzzügen aus dem Osten mitgebracht hatte. Der Legende der Familie de Vitriaco zufolge entstammte es direkt den Händen Ibn Sıˉnaˉs. Doch das war natürlich Unsinn. Es war in der Familienküche in Genua entstanden. Trotzdem waren solche Gerüchte nicht schlecht fürs Geschäft.
Andreas grinste, als der Küchenjunge Jacobus aus der Küchentür direkt auf ihn zugelaufen kam.
»Bonjour, Monsieur de Vitriaco!«, sagte Jacobus und nickte. »Sie sind etwas zu spät dran. Die Töpfe mit den Gewürzen müssen in die Küche, aber die Töpfe zum Händewaschen sollen die Treppe hinauf in den großen Saal. Abt Roald hat mir aufgetragen, Ihnen behilflich zu sein. Wir sollten uns besser beeilen. Er ist wieder einmal auf Streit aus. Der fette Bastard hat mir heute schon zwei Mal eins auf die Nase gegeben. Er hat furchtbar üble Laune. Er schlug mich mit der geschlossenen Faust und meinte: Rute und Strafe gibt Weisheit; aber ein Knabe, sich selbst überlassen, macht seiner Mutter Schande. Was auch immer das zu bedeuten hat.« Der Junge zuckte mit den Schultern. »Ich lebe nicht bei meiner Maman und schufte wie ein Pferd. Das ist doch sicher keine Schande, Monsieur, nicht wahr?« Das Gesicht des Jungen war vollkommen mit Ruß und Schweiß bedeckt, dennoch warf er Andreas einen trotzigen Blick zu.
»Ach, Jacobus – das Buch der Sprichwörter wurde wohl wieder einmal missverstanden. Und Abt Roald hat immer schlechte Laune. Warum sollte man auch eine Hochzeit feiern und ein Festessen genießen, wenn man stattdessen allen das Leben schwer machen kann? Bloß weil sich unser rechtschaffener Kaplan für ein Leben ohne Frau entschieden hat, müssen wir doch nicht alle leiden. Der Herrgott hält dich des Nachts nicht warm.« Er kicherte. »Und dem Morgenlob beizuwohnen muss grausam sein. Sieh zu, dass du eine bessere Art findest, den Tag zu begrüßen, wenn du erst einmal älter bist.« Er zerzauste dem Kind liebevoll die Haare. »Und jetzt an die Arbeit, mein Junge.«
Andreas und der schmächtige Knabe entluden den Karren, um ihn schließlich mit den leeren Gefäßen zu beladen, die Andreas im Gegenzug erhielt. Als sie fertig waren, klebte sein blasses Leinenhemd an seinem Rücken.
»Ich muss jetzt gehen, Monsieur«, seufzte Jacobus. »Ich bin der glücklose Tropf, der heute am Fournier stehen darf. Und ich soll Hildegard bei der Brotsauce und der Aioli rühren helfen.« Er schüttelte ergeben seine schmutzigen blonden Haare, und Andreas tat der Junge irgendwie leid. Vor Jacobus lag ein schrecklicher, schweißtreibender Tag, denn er musste vor dem Feuer stehen und den Kohlen Luft zufächeln. Auch wenn er sich deswegen schuldig fühlte, hoffte Andreas sehr, dass der Junge wenigstens seinen Kopf von den Töpfen fernhielt. Bei der außerordentlichen Hitze in der Küche befürchtete er, dass die Läuse des Knaben direkt in die Saucen springen könnten.
Bevor sich Jacobus davonmachte, lehnte er sich noch näher an Andreas heran und flüsterte: »Artemisia ist gerade durch das seitliche Tor geschlichen, um ein paar Kräuter für ihre Entremets zu sammeln. Unter dem Quittenbaum, in der Nähe des Teiches. Abt Roald wird sie verfluchen, wenn er herausfindet, dass sie die Küche so lange verlassen hat. Er ist furchtbar wütend, obwohl Artemisia und Hildegard gestern bis spät in die Nacht damit beschäftigt waren, die Saucen und Süßspeisen zuzubereiten. Bitte sagen Sie ihr, sie soll sich beeilen.«
Jacobus wandte sich ab, eilte durch den riesigen Torbogen und verschwand in der Küche. Andreas blieben nur noch das Klappern der Tonkrüge und Töpfe hinter den Mauern und die trägen Pferde und Maultiere vor der Tür, die mit den Schweifen nach ihm schlugen.
Er schlich um den Turm herum und kletterte auf einen Karren, von dem gerade zahlreiche Eichenfässer abgeladen worden waren, die nun aufgereiht neben der hohen Steinmauer standen. Der Stempel verriet, dass sie aus Rivesaltes stammten. Ausgezeichnet. Er fand, dass ein süßer Muskatwein besser geeignet war, ein Festessen zu beginnen, als die herbe, trockenere Grenache, die einem geradewegs in den Kopf fuhr, sodass man schließlich zu betrunken war, um die restlichen Gänge zu genießen. Andreas war hocherfreut, dass der Chevalier de Boschaud dem geizigen Schatzhalter des Anwesens – Abt Roald – keine Beachtung geschenkt und seine Börse zu diesem Anlass ein wenig weiter geöffnet hatte als üblich.
Es würde herrlich werden.
Sein Blick glitt die Steinmauer entlang. In der Ferne sah er einen Schatten, der sich rasch durch eine kleine Tür in den von einer Mauer umgebenen Garten bewegte und die Lavendelbeete durchquerte.
Als Artemisia aus dem Schatten der Mauer trat und das Sonnenlicht auf sie fiel, erkannte er das verblasste Rosa ihres zerknitterten Leinenkleids. Es passte gut zu ihrer dunklen Haut und dem langen dicken Zopf. Artemisia ging gebückt und kämpfte mit dem großen, kegelförmigen Weidenkorb auf ihrem Rücken. Andreas wollte zu ihr laufen und ihr anbieten, ihn zu tragen, doch er wusste, dass sie ihn wie ein lästiges Kind davonscheuchen würde. Schlimmer noch. Sie würde ihn vermutlich verfluchen.
Stattdessen sah Andreas zu, wie sie sich die Lindenallee entlang in das Herz des Klostergartens begab. Er war für die Mönche angelegt worden, die in dem Kloster auf der gegenüberliegenden Seite des ummauerten Gartens lebten, und wurde auf vier Seiten von in Form gebrachten Hainbuchenhecken begrenzt. Er war in vier gleich große Bereiche unterteilt und mit Rebstöcken bepflanzt, aus denen Verjus und Wein gewonnen wurden. In seiner Mitte befand sich ein großer Spiegelteich.
Artemisia hielt inne, ließ die Schultern nach vorn sinken und den Korb zu Boden gleiten. Dann setzte sie sich auf die Weidenbank und lehnte sich mit dem Rücken an die Quittenlaube. Als Andreas sah, wie Artemisia den Kopf zum Gebet senkte, hoffte er, dass ihre Gebete seinen eigenen glichen. Er warf einen Blick auf die Sonne und zählte die Stunden, bis das Festessen vorüber war und sie ihr Geheimnis nicht mehr länger für sich behalten mussten.
Jack beobachtete Pip, die mit ihrer Stipendiatin Taj nach vorn gebeugt bis zu den Knien im Watt der Stinkpot Bay stand. Er selbst half gerade Pips Schwager Will, das kleine silberne Boot durch den feinen Sand und den Schlamm zu ziehen, damit sie ausfahren konnten, um Plattköpfe zu angeln. Der Rumpf zog eine Rille hinter ihnen her, während sie das Boot durch den Schlick ins tiefere Wasser schleppten.
Das Wasser um Jacks Knöchel war eiskalt, ein untrüglicher Beweis dafür, dass der Winter bevorstand. Um sich von der Kälte abzulenken, ließ er den Blick über die weißen Schaumkronen und das flache Wasser des Wattenmeeres entlang der North West Bay schweifen.
Üblicherweise war dieser Abschnitt des Küstenvorlandes geschützter als der Großteil des D’Entrecasteaux-Kanals, wo der Wind ständig an Fahrt aufnahm und zischte und brannte wie Peitschenhiebe.
Die Ebbe stand kurz bevor, und der Nordwestwind wurde langsam stärker, weshalb sie sich wohl besser beeilten, denn die Tage wurden ebenfalls immer kürzer. Hinter der breiten Bucht ragte der Mount Wellington in den Himmel und sah aus wie ein gigantischer Elefant, dessen Kopf in den Wolken steckte. Es kam in letzter Zeit selten vor, dass der ganze Berg zu sehen war, und heute hatte sich der Himmel von einem blassen Rosa zu einem wütenden Grau verdunkelt. Es braute sich ein Sturm zusammen.
Sie navigierten das Boot durch die aus dem seichten Wasser ragenden Felszungen, und Jack warf einen Blick über die Schulter, um Pips gebräunte Beine und die straffen Oberschenkel zu bewundern, als sie sich nach vorn beugte, um im nassen Sand nach Muscheln zu suchen. Sie trug verblichene, abgeschnittene Jeans, eines seiner dunkelgrünen Arbeitsshirts und eine alte graue Polarfleecejacke, um sich gegen den Wind zu schützen. Trotz der alten Klamotten und dem schwächer werdenden Licht schien Pip regelrecht zu strahlen.
Taj beobachtete Pip, die ihr gerade zeigte, wie man das Rohr zur Probenentnahme im Sediment platzierte. Aus der Ferne sah das Werkzeug wie der Überrest eines grauen Bewässerungsrohres aus Plastik aus. Es arbeitete mit einer komplizierten Sogwirkung und musste in genau der richtigen Tiefe eingesetzt werden. Lachen klang über das Wasser, als Taj versuchte, einen Netzbeutel zu füllen, und alles danebenging. Als der letzte Beutel gefüllt und in einer zwanzig Liter fassenden Plastiktonne verstaut war, gab Pip Taj ein Daumenhoch, richtete sich auf und sah ihr nach, wie sie zurück an Land ging. Dort angekommen winkte Taj Pip zum Abschied zu, verlud die Tonne in ihr Auto und fuhr los.
Als Pip Jack entdeckte, begann sie zu grinsen und winkte ihm mit beiden Armen begeistert zu.
»Warte mal kurz«, meinte Jack zu Will, bevor er über das Watt auf Pip zulief, um ihr einen sandigen Kuss auf die Lippen zu drücken.
Pips Nase war wie üblich eiskalt. Das Blut drang scheinbar nicht bis in die Spitze vor. Jack streckte die Hand aus und rubbelte ihre Nase warm, bevor er seine marineblaue Wollmütze abnahm und sie ihr sanft über den Kopf zog. Anschließend steckte er die kastanienbraunen Haarsträhnen darunter, die ihr der Wind ins Gesicht wehte. Pip hob den Kopf, und ihre grünen Augen blickten direkt in seine, ehe sie ihm zum Dank fröhlich einen schnellen Kuss auf die Lippen drückte. Die Sommersprossen auf ihrer Stirn, der Nase und den Wangen wurden jeden Sommer mehr. Und jedes Mal machte sie Witze darüber, dass sie eines Tages zu einer geschlossenen Fläche verschmelzen würden. Er legte beide Daumen auf ihren Nasenrücken und ließ sie über die Sommersprossen auf ihren Wangen und unter ihren Augen gleiten, wo sich dunkle Ringe und Unsicherheit eingeschlichen hatten. Er wünschte, er könnte sie einfach mit den Fingern wegwischen. Stattdessen atmete Jack Pips Geruch nach Schlamm, Eukalyptus und Meersalz ein, legte beide Hände auf ihre kräftigen Schultern und drückte sie liebevoll an sich.
»Du bist ja vollkommen durchgefroren. Du solltest mit Megs ins Haus hochgehen. Und ein heißes Bad nehmen.«
»Mir geht es gut. Ich hatte ganz vergessen, dass es eine Weile dauern kann, bis man die Probenentnahme beherrscht. Aber Taj hat jetzt den Dreh raus. Sie hat sogar einige meiner Proben mitgenommen, um sie für mich zu analysieren, was ich echt nett finde.«
»Na ja, immerhin warst du an einem Sonntag zwei Stunden lang hier draußen, um ihr zu helfen.«
»Was hat denn das damit zu tun?« Pip zog irritiert die Nase kraus.
»Ich wollte damit bloß sagen, dass du ebenfalls echt nett zu ihr warst. Vor allem, wo du die Zeit auch mit mir im Bett hättest verbringen können!«
Pip legte den Kopf ein wenig zurück, und die Sonne fiel auf die Sommersprossen auf ihrer Nase. »Sicher.« Ihre Stimme klang mit einem Mal angespannt. »Aber die Proben mussten nun einmal in dieser Woche entnommen werden. Es tut mir leid, dass es nicht in deinen Terminplan gepasst hat.« Sie lächelte gezwungen. »Ich hole noch ein paar Muscheln fürs Abendessen. Wir sehen uns dann im Haus.« Dann nahm sie ihren roten Eimer und ging mit hängenden Schultern über das Schlickwatt davon.
Jack fand, dass Pip müde aussah. Sie brauchte dringend eine Pause. Genau deshalb hatte er auch ihren Arbeitsurlaub gebucht – er hatte angenommen, dass sie begeistert sein würde. Es würde ihr sicher guttun. Und es gab schließlich kein romantischeres Land als Italien. Er freute sich wirklich sehr darauf, mit Pip die Gegend um Lucca zu erkunden, doch sie seufzte immer bloß, wechselte das Thema oder verließ das Zimmer, wenn er davon zu sprechen begann. Er suchte doch nur nach einer Möglichkeit, das Weingut zu kaufen – und ihre gemeinsame Zukunft zu sichern. Warum legte sie nicht mehr Begeisterung an den Tag?
Es war Jacks großer Traum, Ashfield House und die Weinberge zu kaufen und mit Pip zu bewirtschaften. Zunächst hatte er ihr zwar versprochen, dass sie bis nach der Hochzeit damit warten würden, sodass Pip ihre Doktorarbeit abschließen und eine Anstellung finden konnte, aber zu seiner Überraschung hatten die Nachbarn ein Angebot abgegeben, was bedeutete, dass sie seine Eltern bereits jetzt auszahlen mussten. Seine stets hart arbeitende Mutter Sarah hatte die Hände gerungen, als sie ihnen die Neuigkeiten überbracht hatten. Sie hatte Jack und Pip gebeten, doch »einmal darüber nachzudenken«. Mit dem Geld aus dem Verkauf des Anwesens könnten die Rodgers Jack und Pip helfen, irgendwo anders einen Neuanfang zu wagen.
Jacks großer und überaus stämmiger Vater Max, der beinahe das gesamte Wohnzimmer des Cottages einnahm, verlagerte sein Gewicht von einem Bein aufs andere. »Junge …« Er schüttelte den Kopf, auf dem sich bereits eine Glatze zu bilden begann, und kniff besorgt die Augen zusammen. »Ich weiß, dass Pip und du uns auszahlen wollt. Und wir wollten ja warten.« Er seufzte. »Aber dieses Angebot … Nicko hat auch einen Blick darauf geworfen …«
»Na toll«, unterbrach Jack ihn. »Und was sagt mein cleverer älterer Bruder dazu, der auf der anderen Seite der Erde in seinem schicken Büro hockt? Das würde ich wirklich zu gerne wissen.«
Es stellte sich heraus, dass das Weinbaukonsortium plante, Ashfield House in ein Luxushotel mit einem marmorgetäfelten Bistro und einem eigenen Bereich für Weinverkostungen umzubauen. Pip und Jack hatten einfach nicht das nötige Kapital, um sich einem solchen Angebot entgegenzustellen – wie sollten sie dagegen ankommen?
Jack musste also schnell reagieren und Veränderungen in Angriff nehmen. Einen Finanzier finden. Was bedeutete, dass er in die Toskana reisen musste, um zu sehen, wie die Trauben dort geerntet und gekeltert wurden, wie lange man die Schalen in den Fässern ließ, um die besondere dunkelrote Färbung des Weines zu erzielen, und wie man verschiedene Hefen verwendete, um bestimmte Geschmacksrichtungen zu erhalten.
Wenn er Ashfield House schließlich übernahm, sollte eine Mischung aus Innovation und alten toskanischen Keltertechniken die Kassen zum Klingen bringen. Besserer Wein. Mehr Profit.
Wie sollte er die Finanzen sonst in den Griff bekommen, ohne dass sein Bruder seine schmierigen Finger im Spiel hatte?
»Du zuerst, ich halte das Boot.« Will drückte das silberfarbene Boot an seinen Oberschenkel, während Jack sich hineinschwang. Jack wartete, bis Will am Bug Platz genommen hatte, bevor er den Motor startete und sie über die Wellen dahinglitten.
Er warf einen Blick zurück auf Pip, die nach vorn gebeugt den schlammigen, unebenmäßigen Sand beäugte und mit einem Stück knorrigem Treibholz darin herumstocherte. Es war etwas anderes als das Rohr zur Probenentnahme, das sie sonst immer mit sich herumschleppte. Ihr Arbeits- und Studienplan war so unflexibel wie die Gezeiten, aber seit sie den ersten Teil ihrer Doktorarbeit fertiggestellt hatte, war sie ruhelos geworden. Er hörte oft, wie sie mitten in der Nacht den kleinen Flur des Cottages auf und ab wanderte, wenn sie dachte, er würde schlafen. Oder sie rollte sich im Bett auf die andere Seite und tat so, als würde sie schlafen, obwohl ihr scharfer, flacher Atem ihm etwas anderes verriet.
Ein Urlaub würde ihr guttun, so viel war sicher. Er konnte einfach nicht verstehen, warum sie so irritiert – und sogar ein wenig verärgert – reagiert hatte, als er ihr von der Italienreise erzählt hatte.
Jack grinste, als Will begann, die Angelruten aufzuteilen und die Ausrüstung zu überprüfen. »Warte lieber noch, bis wir um die Ecke sind, Will. Du willst doch nicht, dass sich ein Angelhaken in deinen begnadeten Händen verfängt, oder?« Er gab etwas mehr Gas, um seinen Standpunkt deutlich zu machen.
»Meine Hände sind nicht begnadet, Jack. Sie leisten ehrliche Arbeit!«
»Ha! Arbeit! Hast du eigentlich den Sandkasten fertig gebaut? Wenn das so weitergeht, macht Chloé vorher noch ihren Führerschein. Wollte Megs nicht, dass der Garten vor Chloés Geburt fertig wird?«
»Ich arbeite daran«, sagte Will und lachte. »Nur keine Eile.«
»Ja klar. Und deine Hände sind so weiß wie Bettlaken. Die sind wohl noch nie im Leben mit Dreck in Kontakt gekommen.«
»Ich nehme das als Kompliment. Und außerdem werde ich nachher den Tintenfisch ausnehmen, okay?«
»Aye, aye, Herr Doktor! Ich hoffe, du leistest bei deinen Patienten bessere Arbeit als …«
Der Rest des Satzes wurde von einem Windstoß davongetragen. Jack atmete ein weiteres Mal tief ein, wappnete sich gegen den eisigen Wind und nahm direkten Kurs auf das offene Wasser. Er hatte noch nie gehört, dass Pip sich über einen Sonnenbrand, Graupelschauer oder den eisigen Wind beklagt hätte – und sie blieb auch nie morgens länger im Bett. Kein einziges Mal.
Er musste sich besser abhärten. Jack wusste nicht, an wie vielen Tagen Pip vor der Morgendämmerung aus dem Bett gesprungen war, um noch vor der Flut am Strand zu sein. Und sie war immer dem Wetter entsprechend gekleidet: Im Winter trug sie einen sieben Millimeter dicken Neoprenanzug, eine Kapuzenjacke und feste Stiefel und im Sommer einen Ganzkörperbadeanzug, damit die tasmanische Sonne ihre helle Haut nicht verbrannte.
Er liebte es, wenn Pip nach Sonnenuntergang mit einem Eimer voll heimischer Muscheln oder Pipis fürs Abendessen nach Hause kam – oder, wenn er Glück hatte, sogar mit einigen kleinen Austern oder Miesmuscheln. Manchmal tauchte sie auch an ihrem »Geheimplätzchen« vor einer Felszunge nach Abalonen, doch lieber ließ sie die Tiere in Ruhe. Sie befürchtete, dass auch andere Taucher dort einfallen würden, wenn sie die genaue Position preisgab.
Pip bearbeitete das Fleisch der Abalonen immer mit einem Hammer und schnitt es anschließend so dünn, dass es beinahe durchsichtig war. Danach briet sie es auf seiner Campingplatte scharf an und rundete das Gericht mit einem Spritzer Zitrone ab. Es war magisch. Sie machte dasselbe auch mit den riesigen Jakobsmuscheln, die allerdings erst nach Ostern Saison hatten – abgesehen von der Sache mit dem Hammer.
An solchen Abenden tranken sie ein paar Flaschen Bier oder Cider zum Essen und saßen auf der Holzveranda, von der aus man das Weingut überblickte. Pip erzählte dann, ohne Luft zu holen, von ihren Proben und spekulierte über die Ergebnisse. Fragte ihn nach seiner Meinung. Sie redeten gemütlich über alle Mögliche, und Pip legte den Kopf in den Nacken und musste immer herzhaft lachen, wenn er versuchte, die Namen der verschiedensten in der Gezeitenzone lebenden Tiere richtig auszusprechen. Polychaete-Würmer. Anapella cycladea.
In den letzten Monaten im Labor hatte sie jedoch jegliche Energie verloren. Erst gestern Abend hatte sie ihn angefaucht, als er ihr angeboten hatte, sich ihre Resultate anzusehen. Er hatte Steaks gegrillt, während sie über den Küchentisch gebeugt dasaß, ihre Daten analysierte und ihn einfach ignorierte. Als er den Tisch gebaut hatte, hatte Pip gelacht und gemeint, dass er viel zu groß für die winzige Küche in ihrem Cottage wäre. Kurz darauf hatte sie jedoch mit einem Wasserglas voll Rosmarin, den sie im Gemüsegarten seiner Mutter gepflückt hatte, Anspruch darauf erhoben, und nun war der Küchentisch zu ihrem Lieblingsarbeitsplatz geworden.
Seit Pip von der Feldarbeit zur Laborarbeit übergegangen war und – er verzog das Gesicht – vor allem, seit sie dem Hochzeitstermin zugestimmt hatte, hatte es keine solch gemütlichen Abende mehr gegeben. Pip war fest entschlossen, ihre Arbeit noch vor der Hochzeit fertigzustellen, obwohl es Probleme mit den Daten gab und sich das Arbeitspensum somit erhöht hatte. Warum konnte sie ihre Arbeit nicht einfach nach der Hochzeit abgeben?
Jack atmete tief ein. Es ging um Pips Abschluss. Und sie würden ja bald heiraten, nicht wahr? Außerdem stand der Winter bevor. Vielleicht nahm er die Sache zu persönlich? Sobald die Sonne wieder schien, würden auch die Wochenenden zurückkehren, an denen sie entlang des Grates in die Wineglass Bay wanderten, um dort zu zelten und um Mitternacht nackt ins Wasser zu springen.
Er warf einen Blick zurück auf Pip, die von dem Licht, das auf die Klippen fiel, eingefangen wurde.
»Alles okay?«, brüllte Will, um den Wind zu übertönen. »Du warst eine Minute lang wie weggetreten. Und ich dachte, Megs und ich hätten Probleme. Der Schlafmangel und so. Wartet bloß, bis ihr beide ein Baby habt.«
