Der Garten der Qualen: Erotik Klassiker - Octave Mirbeau - E-Book

Der Garten der Qualen: Erotik Klassiker E-Book

Octave Mirbeau

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Beschreibung

In "Der Garten der Qualen" entführt uns der französische Autor Octave Mirbeau in eine sinnliche und gleichzeitig verstörende Welt, die an den Schnittstellen von Lust und Leiden, Erotik und Abgründigkeit spielt. Der Roman, der 1899 veröffentlicht wurde, zeichnet sich durch einen eindringlichen und oft lyrischen Stil aus, der die Leser dazu bringt, sich mit den tiefsten Abgründen der menschlichen Psyche auseinanderzusetzen. Mirbeau nutzt eine facettenreiche Symbolik und allegorische Elemente, um die Komplexität der menschlichen Begierden und die Absurditäten der Gesellschaft seiner Zeit zu reflektieren, was das Buch sowohl zu einem erotischen Klassiker als auch zu einer scharfen gesellschaftskritischen Analyse erhebt. Octave Mirbeau, ein bedeutender Schriftsteller und Kritiker des Fin de Siècle, war bekannt für seine provokanten Themen und seinen unerschütterlichen Mut, gesellschaftliche Normen in Frage zu stellen. Seine eigenen Erfahrungen, als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns und als Journalist, prägten seine Sichtweise auf das aus der Not geboren erotische Verlangen und die Untiefen der moralischen Doppelmoral seiner Zeit. Mirbeau entschloss sich, die dunklen Seiten der Erotik in seinen Werken zu ergründen, und "Der Garten der Qualen" ist ein herausragendes Beispiel für diese literarische Auseinandersetzung. Für Leser, die sich für die Abgründe menschlicher Emotionen und das Zusammenspiel von Erotik und Gesellschaftskritik interessieren, ist "Der Garten der Qualen" ein unverzichtbares Werk. Mirbeaus meisterhaftes Spiel mit Sprache und Symbolik bietet nicht nur einen fesselnden Einblick in die menschliche Psyche, sondern regt auch zum Nachdenken über die sozialen Normen und Tabus an, die auch im modernen Zeitalter von Bedeutung sind. Dieses Buch verspricht, jeden Leser herauszufordern und zu bereichern. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Octave Mirbeau

Der Garten der Qualen: Erotik Klassiker

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Stefan Meier
EAN 8596547762102
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Der Garten der Qualen: Erotik Klassiker
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen berauschender Schönheit und abgründiger Grausamkeit spannt sich in Der Garten der Qualen die existenzielle Frage, ob Begehren die Gewalt verklärt oder ob Gewalt das Begehren entlarvt, als ein flirrender, beunruhigender Schwebezustand, in dem Natur, Kunst und Macht zu einem unwiderruflichen Pakt zusammentreten und der Blick der Betrachtenden – zugleich angezogen und abgestoßen – sich seiner eigenen Verantwortung nicht entziehen kann, während der Weg durch exotische Pracht und kultivierte Brutalität die dünne Haut der Zivilisation tastend prüft und der Leser sich in eine Zone tastbarer Sinnlichkeit und moralischer Unsicherheit versetzt sieht.

Octave Mirbeaus Roman, erstmals 1899 auf Französisch veröffentlicht, gehört zur fin-de-siècle-Literatur und verbindet Elemente des erotischen Dekadenzromans mit politischer Satire und philosophischer Parabel. Das Werk spielt überwiegend in einem imaginierten China, in dessen üppigen Gärten und amtlichen Apparaten sich eine Ästhetik der Strafe entfaltet. Trotz der exotischen Kulisse richtet der Text seinen Blick unablässig nach Europa zurück und befragt dessen Selbstgewissheiten. Als Grenzgänger zwischen Reiseerzählung und Pamphlet irritiert Mirbeau bewusst die Gattungsgrenzen, um eine verstörende, zugleich sinnliche und analytische Lektüreerfahrung herzustellen, die ihren Ursprung in den kulturellen Spannungen einer von Krisen und Umbrüchen geprägten Jahrhundertwende hat.

In der Ausgangssituation begleitet der Leser einen europäischen Erzähler, der den vertrauten Kontinent verlässt und in eine östliche Metropole gelangt, wo er an der Seite einer enigmatischen Begleiterin in soziale Kreise vordringt, die an Pracht, Reichtum und Intellektualität ebenso überborden wie an Kälte und Berechnung. Schritt für Schritt öffnet sich vor ihm eine Landschaft, in der kultivierte Natur zur Bühne für Macht und Begierde wird. Die Handlung treibt weniger durch Ereignisse als durch Beobachtung, Dialog und die hypnotische Anziehung eines Ortes voran, dessen Schönheitsversprechen untrennbar mit dem Wissen um Verletzbarkeit und Strafe verschmolzen ist.

Der Ton ist wechselhaft zwischen sarkastischer Klarheit und schwärmerischer Bildkraft, die Prosa reich an sensorischen Details, botanisierenden Metaphern und blitzenden Aperçus, die wie Nadeln die Oberfläche der Selbstzufriedenheit punktieren. Mirbeau entwirft eine bewusst unstete Erzählerstimme: mal brüchig, mal überlegen, mal fasziniert, mal angewidert. Die Form wirkt hybrid – ein Mosaik aus Reisebeobachtung, Gesellschaftsskizze, philosophischem Exkurs und visionärer Tableaukunst. Dadurch entsteht ein Leseerlebnis, das zugleich berauscht und beunruhigt: Die Sätze duften, schillern und verführen, während sie unmerklich in moralische Abgründe kippen, sodass die ästhetische Lust stets von der Frage nach Mitschuld, Distanz und Komplizenschaft begleitet wird.

Zentrale Themen kreisen um Macht und Körper, um die Verwandlung des Leidens in Spektakel und um die Frage, wie Erotik sich in einer Welt artikuliert, die Gewalt ordnet, ritualisiert und ästhetisiert. Der Text legt die Mechanik der Objektifizierung offen: Wer betrachtet, wird zum Teil des Apparats; wer genießt, tastet an Grenzen, die politisch, ethisch und sinnlich zugleich sind. Der koloniale Blick, die Faszination für das sogenannte Exotische und die Justiz als choreografierte Grausamkeit werden nicht dekoriert, sondern analysiert. Mirbeau interessiert, wie eine Zivilisation ihre Brutalität als Natur, Ordnung oder Kunst tarnt – und welche Bilder sie dafür erzeugt.

Gerade darin liegt die Aktualität des Buches: Es beleuchtet die Verführungskraft des Bildes und die Logik des Schaulustigen in einer Öffentlichkeit, die Gewalt konsumiert, kanalisiert und in Erzählungen verwandelt. In Zeiten globaler Medien, kuratierter Feeds und permanent verfügbarer Schocks wirkt Mirbeaus Analyse der Verwandlung von Schmerz in Stil erschreckend gegenwärtig. Das Werk sensibilisiert für die Rhetoriken, mit denen Herrschaft sich legitimiert, und für die feinen Übergänge zwischen Empathie, Kälte und Genuss. Wer es liest, begegnet nicht nur einer historischen Provokation, sondern einem Spiegel der eigenen Blicke, Wünsche und blinden Flecken.

So behauptet Der Garten der Qualen seinen Rang als Klassiker der erotischen und zugleich politischen Literatur weniger durch die Erfüllung vertrauter Erwartungen als durch deren systematische Unterwanderung. Es ist ein Buch, das fordert: sprachlich opulent, gedanklich scharf und unversöhnlich im Blick auf die Knotenpunkte von Schönheit, Macht und Schmerz. Ohne auf skandalisierende Effekte angewiesen zu sein, entwickelt es eine nachhaltige Unruhe, die das Nachdenken über Verantwortung, Freiheit und den Wert des Körpers anstößt. Für heutige Leserinnen und Leser bleibt es damit ein intensiver, verstörend klarer Prüfstein unseres Umgangs mit Bildern, Lust und Gewalt.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Octave Mirbeaus Der Garten der Qualen, 1899 erstmals veröffentlicht, verbindet politische Satire, psychologische Studie und eine düstere Liebesgeschichte. Erzählt wird aus der Perspektive eines desillusionierten Europäers, der im Kreis gebildeter Zeitgenossen scharf mit den Idealen von Fortschritt, Moral und Strafjustiz abrechnet. Der Auftakt etabliert das Leitmotiv einer Zivilisation, die ihre eigene Gewalt hinter Reden über Humanität verbirgt. Vor diesem Hintergrund stellt der Roman die Frage, ob Gemeinschaften, die sich als aufgeklärt verstehen, nicht gerade durch ihre Institutionen Grausamkeit kultivieren. Der nüchterne Ton und die spöttische Analyse bereiten eine Reise vor, die Erkenntnisversprechen und Verführungsgefahr zugleich in sich trägt.

Desillusioniert verlässt der Erzähler Europa und reist in den Fernen Osten, getrieben von Fluchtlust und Neugier. An Bord lernt er Clara kennen, eine wohlhabende, ebenso gebildete wie exzentrische Engländerin. Zwischen ihnen entsteht eine von Ironie, geistigem Schlagabtausch und körperlicher Anziehung geprägte Nähe, die das weitere Geschehen bindet. In einer südchinesischen Hafenregion, die als Projektionsfläche europäischen Kolonialblicks dient, finden beide ein Terrain, das für Grenzerfahrungen prädestiniert ist. Das Setting löst den Erzähler aus gewohnten moralischen Koordinaten, während Clara ihn gezielt in eine Ästhetik der Intensität einführt. So verlagert sich der Roman von Reisebeschreibung zur Laborstudie eines gefährlichen Begehrens.

Zentrum der Handlung wird ein abgeschirmter Ort, den Einheimische wie Fremde gleichermaßen fasziniert betrachten: ein sorgfältig gepflegter Garten, der an eine Hinrichtungsstätte grenzt und mit ihr verwoben ist. Dort entfalten sich Rituale der Bestrafung, die von präziser Ordnung, Stille und einer paradoxen Schönheit umgeben sind. Pflanzen, Steine und Wasserläufe rahmen Szenen der Gewalt, wodurch Natur und Kultur unheimlich ineinandergreifen. Der Erzähler beobachtet, zunächst mit skeptischer Neugier, wie Zucht, Zierde und Zerstörung ein ästhetisches System bilden. Der Ort wird zur Bühne, auf der die Begriffe von Kunst, Recht und Lust ihre Konturen verlieren, ohne dass eindeutige Antworten greifbar wären.

Clara fungiert als Deuterin dieses Schauplatzes. Sie spricht von Harmonie, Form und Vollendung, wenn der Erzähler noch mit Abscheu ringt. Ihre Faszination für die kalkulierte Grausamkeit lenkt beide in eine Spirale aus Anziehung und Distanzierung. Er fühlt sich zugleich angezogen von ihrer geistigen Brillanz und abgestoßen von der Kälte ihres Blicks. Dadurch verschiebt sich der Konflikt ins Intime: Was als flirtende Komplizenschaft begann, wird zur Prüfung moralischer Grenzen. Der Erzähler wird zum Komplizen der Betrachtung, dessen passives Sehen Verantwortung erzeugt. Das zentrale Spannungsfeld entfaltet sich zwischen der Verlockung ästhetischer Intensität und dem Bedürfnis nach ethischer Selbstbehauptung.

Über die Episoden im Garten hinaus entfaltet der Roman eine umfassende Anklage gegen die Selbsttäuschungen der Moderne. Mirbeau kontrastiert europäische Bekenntnisse zu Vernunft, Fortschritt und Recht mit Praktiken der Willkür, wie sie in Kolonialherrschaft, Strafritualen und ökonomischer Ausbeutung zutage treten. Die exotisierte Kulisse dient dabei nicht der folkloristischen Distanz, sondern als Spiegel, in dem sich westliche Heuchelei schärfer erkennen lässt. Wissenschaftliche Sprache, administrativer Ton und ästhetische Kategorien werden entlarvt als Vokabular, das Gewalt verwaltet, normalisiert und schmückt. Der Text verknüpft sinnliche Wahrnehmung und politisches Urteil, um die Leserinnen und Leser in eine unbequeme Selbstbefragung zu führen.

Die Abläufe im Garten steigern sich zu Szenen, die das Paar auseinander- und zugleich zusammenführen. Während Clara konsequent die Logik der Form verteidigt und darin Ekstase sucht, erlebt der Erzähler einen wachsenden Riss zwischen Begehren und Gewissen. Die bisher abstrakte Kritik an Zivilisation und Recht wird für ihn zur persönlichen Bewährungsprobe. Entscheidende Wendepunkte entstehen, wenn das Zuschauen nicht länger als bloße Neugier zu rechtfertigen ist und Konsequenzen fordert. Die Atmosphäre verdichtet sich, Anspielungen auf Grenzüberschreitungen häufen sich, und die Beziehung droht an ihrem eigenen Experiment zu zerbrechen. Wie daraus eine letzte Entscheidung erwächst, bleibt bis zuletzt in der Schwebe.

Der Garten der Qualen endet nicht mit einer beruhigenden Moral, sondern mit einer anhaltenden Irritation über die Nähe von Eros und Gewalt, Kunst und Verbrechen, Schönheit und Herrschaft. Mirbeau hinterlässt das Bild einer Zivilisation, die ihre dunkelsten Impulse ästhetisiert und als Fortschritt ausgibt. Die übergeordnete Aussage richtet sich weniger auf Einzelfiguren als auf Strukturen: Institutionen, Worte und Bilder können zum Werkzeug der Verrohung werden, wenn sie nicht durch Gewissen gebrochen sind. Gerade in dieser Verbindung aus Anziehung und Abwehr liegt die nachhaltige Wirkung des Werks, das als fin-de-siècle-Provokation bis heute zu Widerspruch und Selbstprüfung herausfordert.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Octave Mirbeaus Der Garten der Qualen erschien 1899 im Paris der Dritten Republik, einer Epoche zwischen Belle-Époque-Glanz und politischen Erschütterungen. Prägende Institutionen bestimmten das öffentliche Leben: das Parlament mit seinen wechselnden Kabinetten, eine einflussreiche Armee, die katholische Kirche trotz wachsender Antiklerikalisierung, die expandierende Kolonialverwaltung sowie eine kampfstarke Presse. Industrialisierung und Urbanisierung beschleunigten soziale Gegensätze, während nationale Prestigeprojekte und Ausstellungen Fortschritt feierten. In diesem Spannungsfeld aus Modernisierung, Machtkämpfen und moralischer Rhetorik entwickelte Mirbeau als Journalist und Schriftsteller eine scharfe Aufmerksamkeit für Gewalt, Heuchelei und Lust als Triebkräfte der Gesellschaft, die den Roman inhaltlich und tonal rahmen.

Die literarische Landschaft der 1890er Jahre war von Décadence, Symbolismus und einem späten Naturalismus geprägt. Autoren wie Joris-Karl Huysmans, Stéphane Mallarmé, Émile Zola, aber auch Pierre Louÿs etablierten Stile, in denen Kunstkult, künstliche Paradiese, Sexualität und Verfall verhandelt wurden. Medizinische und ästhetische Diskurse über Perversion, Hysterie und Nervenkunst schufen ein Klima, in dem Grenzüberschreitungen als Erkenntniswege galten. Mirbeau verband investigative Reportage, satirische Polemik und eine Bildsprache der morbiden Sinnlichkeit. Der Garten der Qualen steht damit in einer fin-de-siècle-Tradition, die die Verbindung von Schönheit und Grausamkeit untersucht und die moralischen Masken der bürgerlichen Kultur freilegt.

Zentraler Hintergrund ist die Dreyfus-Affäre, die Frankreich von 1894 bis 1906 polarisierte. Falsche Verurteilung, militärische Geheimjustiz, antisemitische Kampagnen und die Macht der Presse kulminierten 1898 in Zolas Anklage und 1899 im Prozess von Rennes. Mirbeau gehörte zu den Dreyfusards, publizierte in einflussreichen Blättern wie L’Aurore und La Revue blanche und unterzeichnete Petitionen zugunsten der Wiederaufnahme. In diesem Klima der institutionellen Verblendung und medialen Gegengewalt gewinnen Motive von Schuld, Strafe und öffentlicher Inszenierung besondere Schärfe. Der Roman spiegelt die Entzauberung staatlicher Autorität und sondiert, wie politische Mythen Grausamkeit legitimieren, ohne konkrete Fälle direkt nachzuerzählen.

Die 1890er waren in Frankreich von anarchistischen Attentaten und scharfer Repression geprägt. Die Bombenanschläge von Ravachol, Auguste Vaillant und Émile Henry lösten 1893 bis 1894 die sogenannten lois scélérates aus, die Presse- und Vereinsfreiheit einschränkten. In Presse und Literatur wurde über Mittel und Grenzen politischer Gewalt heftig gestritten. Mirbeau vertrat libertäre Empfindlichkeiten, kritisierte Autoritarismus und soziale Härten und thematisierte Arbeitskämpfe etwa in seinem Drama Les Mauvais bergers 1897. Vor diesem Hintergrund wirkt der Roman als Versuch, die Logik von Strafe und Abschreckung bis zu ihren Konsequenzen auszuleuchten und die Sprache der Macht polemisch zu demaskieren.

Der internationale Rahmen ist von Hochimperialismus geprägt. Frankreich konsolidierte sein Indochina-Reich und unterwarf Madagascar 1895 militärisch, das 1896 zur Kolonie wurde, während Europa in China nach den Opiumkriegen über Verträge und Konzessionen Zugang zu Häfen wie Kanton erhielt. Die Niederlage Chinas im Sino-Japanischen Krieg 1894–1895, gescheiterte Reformen 1898 und die Spannungen vor dem Boxeraufstand 1899–1901 befeuerten in Europa das Interesse an chinesischer Politik und Strafpraxis. Reiseberichte und Missionsschriften verbreiteten Darstellungen extremer Strafen. Der Roman nutzt einen chinesischen Schauplatz in literarischer Funktion, nicht als ethnografische Darstellung. Orientalistisches Wissen zirkulierte in Zeitschriften, Lesekabinetten und Vorträgen.

Zeitgleich disputierte Frankreich über Strafe und Modernität. Die Guillotine blieb Symbol staatlicher Souveränität; Abschaffungsdebatten gewannen an Fahrt, ohne die Todesstrafe zu beseitigen. Kriminalanthropologie und Sozialmedizin – von Cesare Lombroso bis zur Lyoner Schule um Alexandre Lacassagne – klassifizierten Tätertypen und verknüpften Kriminalität mit Biologie und Milieu. Mit Max Nordaus Degeneration rückten Diagnosen der Entartung in den Mainstream. Zeitungen berichteten sensationshungrig über Gewalt, Justiz und Sexualdelikte. Diese Diskurse bildeten einen Resonanzraum, in dem die im Roman exponierten Themen von Schmerz, Lust und Bestrafung von vielen Lesern unmittelbar als zeitgenössisch erkennbar waren.

Die Bild- und Ausstellungskultur der Belle Époque verknüpfte Ästhetik und Herrschaft. Die Pariser Weltausstellungen 1889 und 1900 präsentierten koloniale Pavillons, ethnografische Schaustellungen und üppige botanische Arrangements, die das Fremde als Spektakel ordneten. Mirbeau, ein einflussreicher Kunstkritiker und Förderer von Künstlern wie Monet und Rodin, kannte die Mechanismen dieser Schaustellung. Der luxuriöse Garten als Motiv im Roman steht im Kontext imperialer Botanik und der musealen Bändigung der Natur. Damit berührt das Buch ein verbreitetes fin-de-siècle-Motiv: die Nähe von kultivierter Schönheit und Gewalt, wie sie in Bildkünsten, Literatur und populären Medien häufig verhandelt wurde.

Als Le Jardin des supplices 1899 erschien, provozierte das Buch lebhafte Debatten über Anstand, Kolonialismus und politische Moral. Zeitgenössische Kritiker registrierten den Skandalton, aber auch die Präzision einer satirisch geschärften Prosa, die journalistische Beobachtung in extreme Imagination überführt. Innerhalb von Mirbeaus Werk steht es zwischen publizistischer Intervention und Romanexperiment und flankiert spätere Erfolge wie Das Tagebuch einer Kammerzofe. In der Rückschau lässt sich der Garten der Qualen als Kommentar zur Epoche lesen: ein fin-de-siècle-Dokument, das die Allianz von Eros, Macht und Gewalt freilegt und die Selbstbilder der europäischen Moderne nachhaltig irritiert.

Der Garten der Qualen: Erotik Klassiker

Hauptinhaltsverzeichnis
Widmung
Einleitung
1. Theil: Die Forschungsreise
Einleitung
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
2.Theil: Der Garten der Qualen
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.

Widmung

Inhaltsverzeichnis
Den Priestern, Soldaten, Richtern, den Menschen, die Menschen erziehen, leiten und beherrschen, widme ich diese Blätter, voll von Mord und Blut.

O. M.

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Mehrere Freunde waren eines Abends im Hause eines unserer berühmtesten Schriftsteller vereint. Nachdem sie ein köstliches Diner genommen hatten, stritten sie über das Thema des Mordes, ich weiß nicht aus welchem Anlaß, wahrscheinlich ohne jeden Grund. Es waren alles Männer; Moralisten, Dichter, Philosophen, Ärzte, kurz ausnahmslos Leute, die sich frei aussprechen durften, wie es ihnen ihre Phantasie, ihr Tollpunkt oder ihr Widerspruchsgeist eingab, ohne befürchten zu brauchen, daß sie plötzlich jenes Entsetzen und Verblüfftsein zu sehen bekämen, das schon der geringste, ein wenig gewagte Gedanke auf dem bestürzten Gesicht eines Notars malt. – Ich sage Notar, wie ich Advokat oder Portier sagen könnte, durchaus nicht in verächtlichem Sinne, sondern um die mittlere Norm des französischen Denkvermögens anzuführen. Ein Mitglied der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften[1] bemerkte mit vollkommener Seelenruhe, als ob es sich darum gehandelt hätte, seine Meinung über die Vorzüge der Zigarre, die er rauchte, zu äußern:

– Meiner Treu! ... ich glaube allerdings, daß der Mord am meisten die Menschheit in Anspruch nimmt und beherrscht und alle unsere übrigen Thaten davon abzuleiten sind ...

Man machte sich auf eine lange theoretische Begründung gefaßt. Er aber verstummte.

– Selbstverständlich! ... stimmte ein gelehrter Darwinianer bei ... Der Grundsatz, den Sie da aufstellen, mein Lieber, ist eine jener ewigen Wahrheiten, wie sie der sagenhafte Herr de La Palisse[2] tagtäglich entdeckte ... Da Mord sogar die Basis unserer sozialen Einrichtungen, folglich auch die dringendste Nothwendigkeit des civilisierten Lebens ist ... Wenn es keinen Mord mehr gäbe, würden auch keinerlei Regierungen mehr bestehen, infolge der bewunderungwürdigen Thatsache, daß das Verbrechen im Allgemeinen, der Mord im besondern, nicht nur für sie eine Entschuldigung, sondern sogar ihre alleinige Daseinsberechtigung vorstellt ... Wir würden sonst in vollster Anarchie leben, in einem Zustande, den man sich gar nicht vorstellen kann ... Infolge dessen ist es unerläßlich, weit davon entfernt den Mord zu vernichten, ich sage, es ist unerläßlich ihn mit Verständnis und Ausdauer zu pflegen ... und ich kenne kein besseres Culturmittel als Gesetze.

Und als Jemand Einspruch erhob, äußerte der Gelehrte, in fragendem Tone:

– Aber ich bitte Sie! sind wir unter uns, und sprechen wir ohne Rückhalt und Heuchelei, oder nicht?

– Um des Himmelswillen! ... bemerkte der Hausherr beruhigend ... benutzen wir ausgiebig die einzige Gelegenheit, da es uns gestattet ist, unsere heimlichen Gedanken zum Ausdruck zu bringen, da ich in meinen Büchern und Sie in Ihren Collegien dem Publikum nur Lügen vorsetzen dürfen.

Der Gelehrte schob sich noch tiefer in die Polster seines Sessels, streckte die Beine aus, die ihm, da er sie zulange gekreuzt hatte, eingeschlafen waren und den Kopf zurückgebeugt, die Arme herabhängend, den Bauch von einer glücklichen Verdauungsthätigkeit geliebkost, blies er Rauchringe zur Decke empor und begann endlich von Neuem:

– Übrigens wird der Mord zur Genüge ganz von selbst gepflegt ... genauer ausgedrückt, ist er nicht das Resultat irgend einer Leidenschaft, auch nicht die pathologische Form der Entartung. Er ist ein Lebensinstinkt, der in uns wohnt ... der in allen organischen Wesen wohnt und sie gleich dem Geschlechtstriebe beherrscht ... Und dies ist so wahr, daß die längste Zeit sich diese beiden Instinkte so eng verbinden, so vollkommen ineinander aufgehen, daß sie gewissermaßen nur den einen und gleichen Instinkt bilden, daß man wirklich nicht mehr weiß, welcher von beiden uns dazu treibt, Leben zu geben, oder zu nehmen, welcher Mord und welcher Liebe ist. Ich habe die Beichte eines ehrenwerthen Mörders entgegengenommen, der Frauen tödtete, nicht um sie zu berauben, sondern um sie zu vergewaltigen. Sein Sport bestand darin, daß die Verzückung der Fleischeslust des einen, genau mit der Verzückung des Todes der andern zusammentraf: »In diesen Augenblicken, sagte er zu mir, stellte ich mir vor, ich sei ein Gott und schüfe die Welt.«

– Oho! rief der berühmte Schriftsteller ... wenn Sie Ihre Beispiele von den gewerbemäßigen Meuchelmördern herbeiholen!

Der Gelehrte entgegnete sanft:

– Wir sind eben alle mehr oder weniger Meuchelmörder ... Wir haben alle im Geiste analoge Gefühle gespürt, minder heftig, das will ich allenfalls glauben ... Der angeborene Drang nach Mord wird gezügelt und seine körperliche Heftigkeit gemildert, indem ihm gesetzlich gestattete Ausflüsse zur Verfügung stehen, die Industrie, der Colonialhandel, der Krieg, die Jagd, der Antisemittismus ... Weil es eben gefährlich ist, sich ihm ohne alle Mäßigung außerhalb der Gesetze zu überliefern, und weil die moralische Befriedigung, die man dadurch erhält, schließlich das doch nicht aufwiegt, daß man sich den gewöhnlichen Folgen dieser That aussetzt, der Verhaftung ... den Unterredungen mit den Richtern die stets ermüdend und jedes wissenschaftlichen Interesses bar sind ... schließlich der Guillotine ...

– Sie übertreiben, unterbrach ihn der Mann, der zu erst gesprochen hatte ... Nur für Mörder ohne Eleganz, ohne Geist, für impulsive und rohe Patrone, die keinerlei Art von Psychologie besitzen, ist Mord eine gefährliche That ... Ein intelligenter Mensch, der nachzudenken versteht, kann mit unantastbarer Ruhe jeden Mord, der ihm gutdünkt, begehen. Er ist der Straflosigkeit sicher ... Die Überlegenheit seiner Combinationen wird stets die Routine der polizeilichen Nachforschungen erfolgreich bekämpfen und sagen wir es frei heraus, auch die Armseligkeit der kriminalistischen Verhöre, in der sich unsere Untersuchungsrichter gefallen ... In dieser Hinsicht, wie in jeder andern, müssen eben die Kleinen für die Großen die Zeche bezahlen ... Nicht wahr, mein Lieber, Sie geben sicher zu, daß die Zahl der unaufgedeckten Verbrechen ...

– Und der geduldeten ...

– Und der geduldeten Verbrechen ... das wollte ich ja eben sagen, Sie geben sicher zu, daß diese Zahl tausendmal größer ist als die der entdeckten und bestraften Verbrechen, über die die Zeitungen mit seltsamer Weitschweifigkeit und einem widerlichen Mangel von Philosophie schwätzen? ... Wenn Sie dies zugeben, müssen Sie auch einräumen, daß der Gensdarm kein Abschreckungsmittel für die Intellektuellen des Mordes ist ...

Zweifellos. Aber darum handelt es sich nicht ... Sie verschieben die Frage ... Ich sagte: der Mord ist eine normale – und keineswegs eine außergewöhnliche – Function der Natur und jeglichen Lebewesens. Es ist folglich haarsträubend, daß die Gesellschaft unter dem Vorwande die Menschen zu regieren, sich das ausschließliche Recht, sie zu tödten angemaßt hat, zum Schaden der Individualitäten, denen allein dieses Recht inne wohnt.

– Sehr richtig! ... pflichtete ein liebenswürdiger, redseliger Philosoph bei, dessen Vorlesungen in der Sorbonne allwöchentlich ein auserlesenes Auditorium herbeiziehen ... Ich glaube meinerseits nicht, daß ein menschliches Geschöpf existirt, das nicht – wenigstens geistig – etwas von einem Mörder an sich hat ... Sehen Sie: mir macht es zuweilen Spaß, in Salons, in Kirchen, auf den Bahnhöfen, auf den Terrassen der Kaffeehäuser, im Theater, kurz überall wo Menschenmengen vorbeiziehen und sich ansammeln, vom Gesichtspunkt mörderischen Aussehens, die Physiognomien zu beobachten ... Sie tragen im Blicke, auf dem Nacken, in der Schädelform, an den Kinnbacken und den Wangen, kurz an irgend einer Stelle ihres Individuums, ausnahmslos sichtlich die Merkmale jenes physiologischen Factums, das man Mord nennt, an sich ... Das ist keine Verirrung meines Geistes, wenn ich Ihnen hier erkläre, daß ich keinen Schritt thun kann, ohne Mord zu streifen, ohne ihn unter den Augenlidern aufflammen zu sehen, ohne seine geheimnißvolle Berührung an den Händen, die sich mir entgegenstreckten, zu fühlen ... Vorigen Sonntag begab ich mich nach einem Dorfe, in dem gerade Jahrmarkt stattfand ... Auf dem großen Platze, der mit Laubwerk verziert war, mit blumengeschmückten Thriumphbogen und vielfarbenen Masten, konnte man aller Arten der bei diesen Volksunterhaltungen üblichen Belustigungen finden ... und unter der väterlichen Obhut der Behörden amüsirte sich eine Menge braver Leute ausgezeichnet ... Die Karoussels, die Rutschbahnen und Schaukeln übten nur sehr wenig Anziehungskraft auf die Menge aus. Vergebens quitschten die Leierkasten ihre lustigsten Weisen und verführerischen Melodien. Andere Vergnügungen fesselten diese Menge in Festesstimmung. Die Einen schossen mit dem Gewehr, oder mit Pistolen, ja mit der alten guten Armbrust auf Scheiben, die menschliche Gesichter darstellten. Andere brachten mit Ballwürfen Marionetten, die jämmerlich auf Holzbalken aufgestellt waren, zur Strecke; Andere schlugen mit Hämmern auf eine Platte, wodurch in patriotischer Weise ein französischer Seemann in Bewegung gesetzt wurde, der mit seinem Bajonett am Ende eines Balkens einen armen Hova oder einen bedauerlichen Dahomeyer durchbohrte ... Überall gab es unter den Zelten und in den kleinen beleuchteten Buden Darstellungen des Todes, Parodien von Metzeleien, Aufführungen von Hekatomben ... Und diese braven Leute waren überglücklich!

Jeder begriff, daß der Philosoph losgelassen war[1q] ... Wir richteten uns so gut es eben gieng ein, um die Lawine seiner Theorien und Anekdoten über uns ergehen zu lassen. Er fuhr fort:

– Ich habe sogar bemerkt, daß diese friedfertigen Vergnügungen seit einigen Jahren ansehnlich an Ausdehnung zugenommen haben. Die Freude am Tödten ist größer geworden und hat sich mehr verallgemeinert, in demselben Maaße wie die Sitten sanfter werden – denn die Sitten werden sanfter, das läßt sich nicht bezweifeln! ... Einstmals, als wir noch Wilde waren, zeigten diese Jahrmarktschießstände eine eintönige Armseligkeit, die jämmerlich anzusehen war. Es wurde nur auf Pfeifen geschossen, sowie auf ausgeblasene Eier, die auf einem Wasserstrahle tanzten. In den luxuriösesten Etablissements gab es allerdings Vögel, doch die waren aus Gips ... was für ein Vergnügen kann man daran finden, frage ich Sie? ... Heute hat sich der Fortschritt geltend gemacht, für jeden ehrenwerthen Mann ist es angänglich, sich für zwei Sous die köstliche und civilisatorische Aufregung eines Meuchelmordes zu verschaffen ... Und überdies kann man dabei auch noch bunte Schüsseln und Kaninchen gewinnen ... An Stelle der Pfeifen, der Eierschalen, der Vögel aus Gips, die in thörichter Weise zerbrachen, ohne uns eine blutige Vorstellung zu suggerieren, hat die Phantasie des fahrenden Volkes Gesichter von Männern, Frauen und Kindern gesetzt, die sorgfältigst ausgeführt und angezogen sind, wie es sich gebührt ... Darauf hat man diese Figuren mit Bewegungs- und Laufmechanismen versehen ... Durch eine geniale Maschinerie gehen sie glücklich hin und her, oder fliehen entsetzt. Man sieht sie einzeln oder in Gruppen, in Landschaften auftauchen, Mauern erklettern, in Burgthürme einsteigen, aus Fenstern springen und durch Fallthüren erscheinen ... Sie funktioniren gleich wirklichen Menschen, sie bewegen die Arme, die Füße und den Kopf. Einzelne scheinen zu weinen ... Einzelne gleichen armen Leuten ... einzelne sehen wie Kranke aus ... Es gibt auch welche, die mit Gold gleich märchenhaften Prinzessinnen bekleidet sind. Man kann sich wahrhaftig vorstellen, daß sie Vernunft, Willen und Seele besitzen ... daß sie lebend sind! ... Einige Figuren nehmen sogar pathetische, beschwörende Haltungen an ... Man glaubt sie sagen zu hören: »Gnade! ...Tödte mich nicht! ...« Folglich ist es ein entzückendes Gefühl, sich vorzustellen, daß man Wesen, die sich bewegen, die vorwärts schreiten, die Schmerz fühlen und um Gnade flehen, tödten kann! ... Und während mau auf sie das Gewehr oder die Pistole richtet, hat man im Munde einen Geschmack wie von warmem Blut ... Welche Lust, wenn der Ball diese scheinbaren Menschen enthauptet! ... Welcher Reiz liegt darin, wenn der Pfeil die Papierbrust durchbohrt, und die kleinen Leiber leblos zu Boden streckt, in der Lage eines Leichnams ... Jeder regt sich auf, wird mordlüstern und läßt sich Muth zusprechen ... Man hört nur noch Worte der Zerstörung und des Todes: »Gib' ihm nur den Rest! ... Ziel' auf sein Auge ... Ziel' auf's Herz ... Der hat sein Theil! ...« So gleichgültig diese braven Leute gegen Kreisscheiben und Pfeifen sind, so sehr begeistern sie sich, wenn das Ziel ein menschliches Bild vorstellt. Die Ungeschickten werden ärgerlich, nicht gegen ihre Ungeschicktheit, sondern gegen die Figur, die sie verfehlt haben ... Sie bezeichnen sie als einen Feigling, überhäufen sie mit gemeinen Beschimpfungen, wenn sie unverletzt hinter dem Thor des Burgthurmes verschwindet ... Sie fordern sie heraus: »Komm' nur, du elender Schuft!« und dann beginnen sie wieder darauf loszuschießen, bis sie sie getödtet haben ... Beobachten Sie nur diese braven Leute ... in diesem Augenblick sind es durchaus Mörder, Wesen, die von dem Gelüst zu tödten einzig und allein beherrscht werden. Die menschenmordende Bestie, die eben noch in ihnen schlummerte, ist vor der Illusion, daß sie ein lebendes Geschöpf vernichten könnten, erwacht! Denn das Männchen aus Pappe oder Holz, das vor der Coulisse hin- und hergleitet, ist für sie kein Spielzeug, kein Stückchen vernunftlosen Stoffes mehr ... Wenn sie die Figur hin- und hergleiten sehen, leihen sie ihr unbewußt eine Bewegungsfähigkeit, ein fühlendes Nervensystem, Gedanken und Vernunft, kurz all' das, was man so wollüstig gern vernichtet, mit so köstlicher Wildheit durch Wunden, die man ihm zugefügt hat, verbluten sieht ... Sie gehen sogar so weit, daß sie das Männchen mit politischen oder religiösen Meinungen ausstatten, die den ihren entgegengesetzt sind, daß sie ihm vorwerfen, ein Jude, Engländer oder Deutscher zu sein, um noch einen speziellen Haß zu diesem allgemeinen Haß gegen alles Leben hinzuzufügen und so durch eine persönliche, äußerst erquickliche Rache das instinktive Vergnügen am Tödten zu verdoppeln.

Hier legte sich der Hausherr ins Mittel, der aus Höflichkeit gegen seine Gäste, oder in der barmherzigen Absicht, unsern Philosophen und uns selbst ein wenig ausschnaufen zu lassen, lässig einwendete:

Sie sprechen nur von rohen Gesellen, von Bauern, die, wie ich zugeben will, im Banne ständiger Mordlust stehen ... Aber es ist nicht möglich, daß Sie dieselben Beobachtungen an »kultivirten Geistern«, an »polizeilich geschulten Naturen,« an Mitgliedern der guten Gesellschaft zum Beispiel, gemacht haben, die in jeder Stunde ihres Daseins Siege über den Urinstinkt und die wilden Gelüste des Atavismus davon tragen.

Darauf antwortete unser Philosoph lebhaft:

– Gestatten Sie ... Was sind denn eigentlich die Gewohnheiten und die bevorzugten Vergnügungen der Leute, die Sie »kultivirte Geister und polizeilich geschulte Naturen« nennen, mein Lieber? Das Fechten, das Duell, wilde Sports, das schändliche Taubenschießen, Stierkämpfe, die verschiedenen Übungen des Patriotismus, die Jagd ... alle diese Dinge sind in Wirklichkeit nur Rückschritte zur Epoche des antiken Barbarenthums, als der Mensch – wenn man sich so ausdrücken darf – im Punkte seiner moralischen Kultur mit den riesigen Raubthieren, denen er nachstellte, auf gleicher Stufe stand. Man braucht sich übrigens nicht darüber beklagen, daß die Jagd die ganze schlecht umgeformte Überlieferung alterthümlicher Sitten überlebt habe. Sie ist eine bedeutende Ableitung, durch die die »kultivirten Geister und polizeilich geschulten Naturen,« all' dem was in ihnen noch immer an Zerstörungslust und blutiger Leidenschaft besteht, ohne uns damit größeren Schaden zuzufügen, freien Lauf lassen. Sonst könnten Sie versichert sein, daß »die kultivirten Geister« statt den Hirsch zu hetzen, das Wildschwein abzufangen und unschuldiges Geflügel in den Kleefeldern niederzumetzeln, auf unsere Spuren ihre Meute hetzen und daß uns die »polizeilich geschulten Naturen« lustig mit Flintenschüssen niedermachen würden, welche Bethätigung sie nie verfehlen, wenn sie durch irgend eine Art und Weise zur Macht gelangt sind; sie thun dies mit mehr Entschlossenheit und – wir müssen das freimüthig anerkennen – mit weniger Heuchelei, als die auf niedrigerer Stufe stehenden ... Ach, hoffen und wünschen wir, daß das Wildpret nie aus unsern Haiden und Wäldern verschwände! ... Es ist unsere Schutzwache und gewissermaßen unser Lösegeld ... An dem Tage, da es plötzlich verschwinden würde, müßten wir rasch zu dem heiklen Vergnügen »der kultivirten Geister« seine Stelle einnehmen. Der Fall Dreyfus[3] stellt uns ein bewunderungswürdiges Beispiel dafür vor, ich glaube: nie wurde die Lust am Morde und die Freude an der Jagd auf Menschen so vollkommen und cynisch offen gezeigt ... Unter den außergewöhnlichen Vorkommnissen und scheußlichen Thaten, zu denen sie täglich seit Jahresfrist Anlaß gaben, bleibt die Verfolgung des Herrn Grimaux durch die Straßen von Nantes der charackteristische Zug, der den »kultivirten Geistern und polizeilich geschulten Naturen« alle Ehre macht, die diesen großen Gelehrten, dem wir die hervorragendsten Untersuchungen in der Chemie verdanken, schmählichst beschimpften und mit dem Tode bedrohten ... Man muß sich stets daran errinnern, daß der Bürgermeister von Clisson, auch ein »kultivirter Geist«, in einem offenen Briefe Herr Grimaux das Betreten seiner Stadt verbot und sein Bedauern darüber aussprach, daß die modernen Gesetze ihm nicht gestatten, ihn »hoch und kurz zu henken« wie es Gelehrten in den schönen Zeiten der früheren Monarchien zukam ... Darin wurde der ausgezeichnete Bürgermeister von allem unterstützt, was Frankreich an entzückenden »Mitgliedern der guten Gesellschaft« zählt, die, wie unser Wirth sagt, in jeder Stunde ihres Daseins Siege über den Urinstinkt und die wilden Gelüste des Atavismus davontragen. Bemerken Sie übrigens auch, daß sich aus den Reihen der kultivirten Geister und polizeilich geschulten Naturen fast ausschließlich die Offiziere rekrutiren, daß heißt Leute, die weder schlechter noch dümmer als die andern sind und sich frei ihren – übrigens allgemein geachteten – Beruf wählten, bei dem die ganze geistige Anstrengung darin besteht, an einer menschlichen Person die verschiedensten Vergewaltigungen vorzunehmen, die vollständigsten, die sichersten Mittel für Raub, Zerstörung und Mord zu entfalten und zu vervielfachen ... Gibt es nicht Krigsschiffe, die man mit den durchaus loyalen und der Wahrheit entsprechenden Namen Devastation (Verwüstung) ... Furor ... Terror ... ausgestattet hat? ... Und ich selbst? ... Ja sehen Sie! ... ich habe die Gewißheit, daß ich kein Scheusal bin ... Ich glaube ein normaler Mensch zu sein, mit zärtlichen Neigungen, höheren Gefühlen, überlegener Kultur und dem Raffinement der Civilisation und Geselligkeit ... Na also, und wie oft habe ich in meinem Innern die gewaltthätige Stimme des Mordes knurren hören! ... Wie oft fühlte ich aus der Tiefe meines Lebens in einem Blutstrome nach meinem Hirn das Verlangen, das wilde, heftige und fast unbesiegliche Gelüst zu tödten, steigen! ... Glauben Sie nicht, daß dieses Gelüst sich in einer leidenschaftlichen Krise offenbart habe, von überlegtem Jähzorn begleitet worden sei, oder sich durch niedrige Habsucht entwickelt habe .... Nichts von alledem ... Dieses Gelüst entsteht plötzlich, kraftvoll, ohne Rechtfertigung in mir, aus keinerlei Ursache und bei keinerlei Anlaß ... Auf der Straße zum Beispiel, vor dem Rücken eines unbekannten Spaziergängers ... Ja, es gibt Rücken auf der Straße, die den Dolch herbeirufen ... Weshalb? ...

Nach diesem unvorhergesehenen Geständnis verstummte der Philosoph einen Augenblick lang und sah uns mit furchtsamer Miene an ... Dann begann er von Neuem: