Der Garten von St. Nicola 1 - Ruth Lindenthal - E-Book

Der Garten von St. Nicola 1 E-Book

Ruth Lindenthal

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Beschreibung

Jana und Pippa Sommerer bewirtschaften erfolgreich die traditionsreiche Gärtnerei ihrer Vorfahrinnen. Als sie unschuldig in finanzielle Schwierigkeiten geraten, versuchen sie den Familienbetrieb gegen verschiedene Spekulanten zu schützen. Welche Rolle spielt der undurchsichtige Geschäftsmann Leon Wildner in dieser Sache? Und wie passt Simon, der neue Lehrer von St. Nicola, ins Bild?

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Der Garten von St. Nicola

RUTH LINDENTHAL

Copyright © 2014 Ruth Lindenthal

All rights reserved.

ISBN: 1494461927

ISBN-13: 978-1494461928 

INHALT

Danksagung

i

1.

Kapitel

1

2.

Kapitel

12

3.

Kapitel

26

4.

Kapitel

37

5.

Kapitel

47

6.

Kapitel

57

7.

Kapitel

68

8.

Kapitel

78

9.

Kapitel

88

10.

Kapitel

99

11.

Kapitel

110

12.

Kapitel

120

DANKSAGUNG

Wie immer gebührt mein Dank in erster Linie meiner treuen Leserschaft, die Woche für Woche auf meinem Blog ein neues Kapitel erwartet, kommentiert und

mitgestaltet.

Vielen Dank für seine Geduld, wenn ich geistig eher in St. Nicola weile statt in unserem echten Leben und für sein immer wertvolles Feedback meinem geliebten Mann.

1. Kapitel

Gleich nach der langen Kurve der Bundesstraße, wenn man links über den Bach abbiegt, befindet sich seit gut 99 Jahren die Gärtnerei Sommerer. Janas Ur-Urgroßmutter Käthe war die ersten Bäuerin in der Gegend, die ihren normalen Vorgarten um ein Vielfaches erweiterte. Damals pflegte sie die Rosenzucht des Schlosses und entdeckte dort ihre Liebe zur Hege schöner Pflanzen. Ihr Mann, Ignaz, fand das allerdings keineswegs notwendig, und war nicht begeistert, dass Käthe so viel Zeit im Schlossgarten verbrachte, und dass sie dann sogar einen Teil ihres eigenen Landes für die Herrschaften dort oben, wie Ignaz die Grafenfamilie nannte, aufwandte. Doch bald änderten sich die Zeiten, das Land entschied sich zur Demokratie, eine Republik wurde ausgerufen, der Adel verjagt, ein Bauer kaufte dem fliehenden Grafen das Schloss ganz billig ab, und das Land wurde unter den Bauern des Ortes verteilt. Die Männer zogen in den ersten, furchtbaren Krieg, und die Frauen sahen zu, dass sie ihr Überleben und ihr täglich Brot sicherten. Als durch den Krieg immer wieder Felder verbrannten und das Saatgut knapp wurde, gründete Käthe das erste Saatgut-Archiv der Region. Käthes und Ignaz' Sohn Luis übernahm den Grund und versuchte zusammen mit seiner Frau Hedwig den Bauernhof wieder zu beleben, da kam schon der zweite Krieg, wieder waren alle Männer im Sold des Staates, die Felder lagen brach, und die Frauen bauten Gemüse und Kartoffeln an, um sich und ihre Kinder durchs Leben zu bringen. Fremde aus der Stadt wurden einquartiert, und kurz, bevor er im Kampf fiel, heiratete Luis, der später Janas Großvater werden sollte, Martha, die damals bereits mit Janas Vater guter Hoffnung war. Von der Geburt des Jungen erfuhr Luis nichts mehr. Martha war im siebenten Monat, als der Wehrmachtsbrief kam. Nach dem Wunsch seines Vaters, den sie kaum zwei Jahre gekannt hatte, nannte sie den Knaben Peter.

Immer waren es die Frauen gewesen, die die Gärtnerei betrieben und die Sammlung der Pflanzensamen gepflegt hatten, und auch in dieser Generation sollte es wieder so sein. Peter liebte die Feldarbeit und überließ die Gärtnerei, die ab den sechziger Jahren zu wachsen und zu florieren begann, ganz seiner immer noch aktiven Mutter Martha und seiner jungen Frau Ilse, einer gelernten Gärtnerin. Als sich die Gärtnerei Sommerer aber innerhalb des Wirtschaftswunders etablierte und Kunden und Geschäftssegmente dazu gewann, ließ er sich von Ilse überzeugen, dass es sich rentierte als Familie an einem Strang zu ziehen. Inzwischen war auch schon Tochter Jana geboren. Sie wurde von Kindesbeinen an mit der Arbeit vertraut gemacht und lernte die Kunst des Gärtnerns und der Pflanzenhege von der Pike auf. Als einige Jahre später sein zweites Töchterchen Pippa geboren wurde, entdeckte Peter erst mit Begeisterung die Vaterrolle, so dass die nun schon recht alte Martha, Ilse und die jugendliche Jana den Betrieb ohne jede männliche Unterstützung fest in ihren Frauenhänden hatten. Als Jana fünfzehn war, wurde sie von Martha in die Geheimnisse des Saatgut-Archivs eingeführt und staunte voller Ehrfurcht, wie viele alte und aussterbende Arten hier noch am Leben gehalten und sorgsam gepflegt wurden. Von überall im Land kamen Menschen, um bei Martha zu lernen und Samen oder Pflänzchen für ganz besondere Sorten von Gemüse oder auch Zierpflanzen zu erwerben.

Als Jana 21 war und Pippa 15, passierte das Unglück: Martha, Ilse und Peter kamen am Rückweg von einer großen Gartenausstellung in Judenburg bei Nacht und Nebel am Gaberl mit ihrem Transporter von der Straße ab, und alle drei verunglückten tödlich. So jung noch, und schon stand Jana nicht nur mit der Verantwortung für eine große Firma, sondern auch mit einer pubertierenden Schwester da, um die sie sich nun allein kümmern musste.

Seit diesem tragischen Unfall waren sieben Jahre ins Land gegangen. Obwohl die Firma florierte, fühlte Jana die Verantwortung der Steuern und Versicherungszahlungen heuer besonders bedrückend. Im Jahr zuvor hatte es eine große Dürre gegeben, und fast alle Pflanzen waren verendet. Zum Glück hatte Jana das Archiv immer weiter gepflegt und auch von allen ihren Eigenzüchtungen wieder Setzlinge machen können. Trotzdem überlegte sie jetzt, eine Versicherung gegen Dürre abzuschließen. Die war allerdings sehr teuer, und die Verluste vom letzten Jahr waren so groß, dass alle Rücklagen aufgebraucht waren. Jana wusste, dass die Prämien ihre derzeitigen Mittel überstiegen.

Während sie im Verkaufslokal der Gärtnerei über dem Anbot der Versicherung grübelte und sich fragte, wie sie das Unmögliche möglich machen konnte, öffnete sich die Tür, und ein Mann kam, einen kleinen Hund an einer langen Leine, mehr herein gestürzt denn gegangen. Offensichtlich hatte ihn der Welpe mit der ungestümen Wildheit eines ungezähmten Tieres überrascht und hinter sich her geschleift. Schneller als Jana schauen konnte, hatte der Kleine Vasen und Ständer umgestoßen. Scherben fielen klirrend auf den Steinboden, und nun sprang der Welpe auf den Kassentisch, wo es ihm gelang, alle Papiere hinunter zu fegen, nachdem er sie mit seinen erdigen Pfoten zerwühlt und völlig verschmutzt hatte. Dann sprang er Jana an, die in den Bürostuhl zurückfiel und hilflos versuchte das Tier abzuwehren. Schon saß das Fellknäuel auf Janas Schoß und leckte ihr begeistert das Gesicht ab.

"Liebe auf den ersten Blick", sagte der Mann. "Ich muss mich für das Chaos entschuldigen, ich komme natürlich dafür auf."

"Ich wäre ihnen dankbar, wenn sie ihr Viech erst einmal von mir herunter holen würden." Der Hund setzte einen traurigen Blick auf. "Auch wenn er süß ist, der kleine Chaot." Jetzt sich Janas Mundwinkel gegen ihren Willen ganz von selbst hoch. Das Lächeln wollte ihr zwar fast vergehen, als sie das gesamte Chaos im Verkaufsraum erblickte, aber dem Charme des Welpen war schwer zu widerstehen.

Der Mann hatte bereits begonnen, die umgeworfenen Ständer wieder aufzustellen. Aus der hintersten Ecke nahm er sich einfach einen Besen und begann die Scherben aufzukehren.

"Lassen Sie nur, ich mach das gleich" sagte Jana. "Halten Sie lieber den kleinen Wildfang fest." Sie nahm den Welpen auf den Arm, hielt ihn am Halsband und reichte ihn seinem Besitzer.

"Ich hänge ihn draußen an", sagte der Mann und trug den sich windenden Welpen hinaus.

***

Während Jana noch versuchte wieder Ordnung in das Chaos zu bringen, öffnete sich die Tür zum zweiten Mal. Es war aber nicht der Kunde von vorhin, sondern Janas Schwester, Pippa. Ohne jegliches Erstaunen über die Unordnung stieg Pippa über die Scherben und umgestoßenen Tischchen und steuerte den hinteren Bereich an, der zum Wohnhaus der beiden Schwestern führte, während sie einen knappen Gruß murmelte.

Pippa war 22 Jahre alt und hatte sich ihre dunkelbraunen Haare vor wenigen Wochen zu einem flotten Bob abschneiden lassen. Sie war schlank und sehnig wie ihre Schwester, vielleicht zehn Zentimeter größer, und normalerweise voller Energie.

Aber nach einem langen Tag im Kindergarten von St. Nicola, wo sie seit Anfang September ihre eigene Gruppe leitete, wirkte sie ausgelaugt und erschöpft.

"Hilfst du mir schnell?" fragte Jana die Schwester.

"Lass mich in Ruh, Jana, ich war den ganzen Tag auf den Beinen, ich will nix als Ruhe, eine Tasse Schokolade und meine Couch."

Jana zuckte mit den Schultern. Natürlich verstand sie Pippa. Auch sie selbst war müde, wenn ein langer Tag voll harter körperlicher Arbeit sich neigte. Sie hätte sich so sehr gewünscht, dass Pippa eine Ausbildung als Gärtnerin gemacht und sich gemeinsam mit ihr um den Familienbetrieb gekümmert hätte, aber seit dem Tod der Eltern wollte Pippa mit der Gärtnerei Sommerer nichts mehr zu tun haben.

Es war, als wäre Pippa immer noch böse auf die Eltern, weil sie sie so plötzlich verlassen hatten. Jana hatte oft und oft versucht mit ihr darüber zu reden. Schließlich war ein Autounfall so etwas wie Höhere Gewalt, und die Eltern hatten ihre Töchter nicht mit Absicht im Stich gelassen.

Als der Kunde von vorhin seinen Hund endlich angehängt hatte und wieder herein kam, war Jana fast schon fertig mit den Aufräumarbeiten. Pippa bereitete sich inzwischen in der Küche ihren Kakao zu.

"Es tut mir wirklich leid, dass Flocki sich so schlecht benommen hat. Gestatten Sie, Ben Thaler mein Name." Er reichte ihr die Hand, und sein Händedruck war warm und fest. "Ich bin Landschaftsarchitekt und habe die Gärtnerei Sommerer jetzt schon von vielen Seiten empfohlen bekommen. Ich suche einen verlässlichen Lieferanten für meine Projekte. Glauben Sie, Sie haben die Kapazität für größere Aufträge? Und darf ich mir im Glashaus ansehen, was Sie auf Lager haben?"

"Es kommt darauf an, wie groß und wie dringend Ihre Aufträge jeweils sind. Bitte sehen Sie sich nur einfach überall um. Sie wissen ja, die Türen immer schließen, aber da Sie vom Fach sind, brauche ich mir wohl keine Sorgen zu machen." antwortete Jana. "Wenn Sie nur den Hund draußen lassen."

"Ich hab mich gleich ganz schlecht eingeführt bei Ihnen, gell? Das tut mir leid. Ich habe Flocki vor zehn Tagen auf einem Autobahnparkplatz gefunden, an einen Baum gebunden, kein anderes Auto weit und breit. Er hat mir so leid getan. Ich wollte ihn erst bei einem Tierschutzheim abgeben, aber dann hat er mich mit seinem Spezial-Hundeblick angesehen und es war um mich geschehen."

"Ach, jetzt verstehe ich auch, warum er noch nicht erzogen ist. Das dauert natürlich."

"Ich fange nächste Woche mit ihm in der Hundeschule an, aber bis dahin... Ich hatte noch nie einen Hund. Ich gebe ihm zwar Befehle, aber er ignoriert mich einfach."

Pippa schaute herein und stellte die dampfende Tasse auf dem Tresen ab.

"Hunde sind wie kleine Kinder, die brauchen eine starke, liebevolle Hand." mischte sie sich ins Gespräch ein.

"Körperlich stark wäre ich ja, und ich mag ihn auch. Aber die Strenge scheint mir zu fehlen. Vielleicht sind Frauen dafür von Natur aus besser geeignet." Mit einem fragenden Blick sah er Jana an.

"Hier können Sie ihn nicht lassen", wehrte sie ihn schmunzelnd ab, "Machen Sie sich keine Hoffnungen. Gehen Sie nur schön in die Hundeschule mit ihm, vielleicht lernen Sie dort beide etwas. Und lassen Sie ihn bei Geschäften lieber draußen."

Inzwischen hatte Flocki, der wohl ahnte, dass von ihm die Rede war, herzzerreißend zu heulen begonnen. Pippa stürzte sofort hinaus und streichelte ihn, was er sich nur allzu gern gefallen ließ. Er sprang an ihr hoch und versuchte, ihr das Gesicht abzulecken.

"Er hat wahrscheinlich Angst, sobald er angebunden wird, dass man ihn wieder aussetzt."

"Ich verstehe. Aber dann muss er lernen sich zu benehmen."

"Sie haben Recht. Und jetzt zum Thema. Ich habe hier eine Liste von Pflanzen, die ich drüben in Köppling für einen großen Garten brauche. Wie schnell könnten Sie die liefern?"

Jana las sich die Liste durch. "Das Meiste habe ich da, das könnten Sie sofort mitnehmen. Die zwei hier", sie zeigte auf zwei exotische Namen, "müsste ich bestellen, aber ich kann ihnen einen guten Preis dafür machen, weil die Bestellung insgesamt so groß ist."

Ben zeigte auf den Lieferwagen, der draußen stand. "Dann nehme ich einmal alles mit, was sich ausgeht. Den Rest kann ich morgen nachmittag holen. Und die Bestellungen hol ich dann halt, sobald Sie mir bescheid geben."

Jana machte sich an die Arbeit, zeigte ihm die verschiedenen Pflanzen, und zu zweit schleppten sie sie die Töpfe aus den Glashäusern.

Pippa streichelte inzwischen hingebungsvoll den Hund. Die beiden schienen sich bereits gut angefreundet zu haben. Doch als Jana an Flocki vorbei gehen wollte, lief er ihr nach, sah sie mit großen, bittenden Augen an, schmiegte sich an ihre Beine und winselte leise.

"Er hat einen Narren an Ihnen gefressen." sagte Ben. "Ich kann's verstehen..."

Sie hatten nun alles, was im Lieferwagen Platz hatte, aufgeladen und Ben Thaler setzte den Hyundai gerade vorsichtig zurück, als ein schwarzes Aston Martin Cabrio in die Einfahrt brauste und die Kurve nahm, dass der Kies nur so spritzte. Ben konnte gerade noch rechtzeitig den ersten Gang einlegen und nach vorne ausweichen.

Ein auffällig gut aussehender Mann um die vierzig stieg aus. Er schien nicht bemerkt zu haben, dass er soeben um Haaresbreite einem Unfall entgangen war. Lächelnd sah er sich um. "Schön ist es hier", nickte er Jana zu. Die versuchte sich von ihrem Schrecken zu erfangen und sah den Mann nur mit großen Augen an.

"Kennen Sie die Besitzer dieser Gärtnerei?" fragte der Mann jetzt, während Ben kopfschüttelnd und Jana zuwinkend seinen Lieferwagen vom Parkplatz fuhr.

"Das bin ich." sagte Jana trocken. Nicht selten sahen die Leute eine Frau in ihr, die viel zu jung war, um eine so große Firma zu leiten. Dass sie sich diese Verantwortung nicht freiwillig aufgebürdet hatte, wussten ja nur die Bewohner von St. Nicola. Ihre Kundschaft kam aber von einem weiten Umkreis her.

"Wie schön, Sie kennen zu lernen. Ich darf mich vorstellen: mein Name ist Leon Wildner. Ich hoffe, wir können bald einmal miteinander ins Geschäft kommen." Jana überlegte, ob Leon Wildner auch Landschaftsarchitekt war, denn so wirkte er eigentlich gar nicht. Aber Kunden konnte sie immer brauchen.

***

Leon Wildner war mit dem Bürgermeister von St. Nicola gut bekannt, und hatte von diesem erfahren, dass es der Gärtnerei Sommerer finanziell nicht besonders gut ging, dass allerdings der Grund, auf dem die Gärtnerei angesiedelt war, im Laufe der letzten Jahrzehnte um ein Vielfaches im Wert gestiegen war.

Leon war Autohändler, und er plante, hier, in der Weststeiermark, ein exklusives Geschäft aufzumachen. Er wollte sich nicht mehr nur in der Stadt aufhalten. Sein neu ausgearbeitetes Geschäftskonzept sah landschaftliche Schönheit vor, vor deren Hintergrund die Autos sich nicht nur optisch gut machen würden, sondern die gleichzeitig auch die Assoziation von Freiheit beim Fahren erzeugte. Er hatte sich auf Cabriolets spezialisiert und verkaufte nur das Edelste vom Edelsten. Seine Kunden würden hierher anreisen, und er wollte Events und Präsentationen hier vor dem Hintergrund der wildromantischen Landschaft inszenieren. Es gab ein nettes und luxuriöses Hotel im Ort, den Goldenen Krug, wo er selbst auch gerade logierte. Sollte er das Sommerer-Grundstück an sich bringen können, strebte er eine Kooperation mit dem Hotel an. Der Bürgermeister war von seinen Plänen ziemlich angetan, würde der Autosalon doch eine geldsatte Klientel anziehen und auf diesem Weg Umsätze und Steuern für die Gemeinde einbringen.

Allerdings war der Grund schon seit vielen Generationen im Besitz der Familie Sommerer. Und Jana hing an dem Erbe ihrer Vorfahrinnen, also musste man sehr strategisch vorgehen.

Nun hatte Leon Wildner gerade die Chefin vor sich, über die der Bürgermeister nichts weiter erzählt hatte, als dass sie eine tüchtige Gärtnerin war, und er war mehr als erstaunt, dass es sich um eine so junge und so hübsche Person handelte. Vielleicht war es ja möglich, dem Geschäftlichen auch noch ein bisschen Privatvergnügen hinzuzufügen. Leon hatte viele Verehrerinnen, aber von seiner letzten Freundin hatte er sich schon vor zwei Monaten getrennt, und es wäre schön, wieder einmal mit einer interessanten Frau auszugehen.

"Wollen Sie mich herumführen, liebe Frau Sommerer?" fragte er nun charmant. "Wenn es Ihre Zeit erlaubt, natürlich."

"Ich wollte gerade zusperren, aber wenn Sie warten, bis ich den Schranken geschlossen habe, dann nehme ich mir gern Zeit für einen zukünftigen Kunden." sagte sie mit einem freundlichen Lächeln. Müde sieht sie aus, dachte Leon. Diese Frau braucht jemanden, der sie verwöhnt. Verstohlen warf er einen Blick auf ihre Hände - kein Ring. Das war gut, denn er hatte keine Lust, sich mit wütenden Ehemännern herum zu schlagen. Das hatte er schon zu oft erlebt, und er war nun reif genug, um offensichtlich vermeidbaren Schwierigkeiten tunlichst aus dem Weg zu gehen. Er selbst war einst ein lausiger Ehemann gewesen, das war ihm heute bewusst. Aber das war schon so lange her, dass es sich anfühlte, als wäre es in einem anderen Leben gewesen.

Inzwischen hatte die hübsche junge Frau die Einfahrt zum Parkplatz abgesperrt und bat ihn in den Verkaufsraum.

"Ich weiß ja nicht, was genau Sie suchen?" Sie schien eine Antwort zu erwarten, aber er nickte ihr nur freundlich zu. "Hier herinnen habe ich die kleineren Pflanzen und die Schnittblumen. Wir können dann noch hinüber in die Glashäuser gehen, da gibt es dann größere Pflanzen und Jungbäume. Im anderen meine Spezialzüchtungen. Und ganz hinten haben wir das Saatgut-Archiv. Sind Sie an Saatgut auch interessiert? Meine Ur-Urgroßmutter hat es seinerzeit angelegt, und es ist von Generation zu Generation gepflegt worden. Wir halten hier mit Sicherheit die meisten seltenen und beinahe ausgestorbenen Sorten der Region als Saatgut. Dafür ist die Gärtnerei Sommerer berühmt und ich bin stolz darauf, diese Tradition weiter pflegen zu können."

"Und Sie führen den Betrieb ganz allein?" fragte Leon.

"Zeitweise beschäftige ich Hilfskräfte, aber der Umsatz trägt keine festen Mitarbeiter. Wir sind halt doch sehr vom Wetter abhängig, da muss man scharf kalkulieren und darf keine allzu großen finanziellen Verpflichtungen eingehen."

"In meinem Geschäft ist das zum Glück anders", erwiderte Leon. "Egal ob schönes Wetter oder nicht, unsere Umsätze mögen zwar ein bisschen mit der Weltwirtschaft schwanken, sind aber doch recht beständig."

"Darf ich fragen, in welcher Branche Sie arbeiten?" fragte sie nun gespannt.

Deine Hoffnungen könnte ich erfüllen, Kleine, dachte Leon sich, nur vielleicht auf eine andere Art als du jetzt noch ahnst. Er nahm ihre Hand und hauchte einen angedeuteten Kuss darauf. "Das würde ich Ihnen gern bei einem feinen Abendessen erzählen. Haben Sie heute schon etwas vor?"

In ihrem Gesicht las er ihre Überraschung, und einen kurzen Moment glaubte er, mit seinem Charme gelandet zu sein, dann schien sie sich sofort in sich zurück zu ziehen.

"Heute geht es wirklich nicht. Sie können mich gern anrufen, wenn Sie wieder in der Gegend sind." sagte sie zurückhaltend. "Meine Geschäftsnummer finden Sie im Telefonbuch."

Leon war beeindruckt. Noch selten hatte eine Frau seiner magischen männlichen Ausstrahlung nicht sofort nachgegeben. Er war es gewohnt zu kommen, zu sehen und zu siegen. Nicht nur, dass er Jana interessant und attraktiv fand, jetzt war auch sein Jagdinstinkt geweckt.

"Ich werde so lange anrufen, bis Sie ja sagen." versprach er und ließ sich von ihr den Schranken für die Ausfahrt öffnen.

2. Kapitel

Leon Wildner hatte seine Ankündigung eingehalten. und Jana musste sich eingestehen, dass sie beeindruckt war. Jeden Vormittag um Punkt halb elf hatte er angerufen und sie um ein Rendezvous für den Abend gebeten. Fünf Mal hatte sie abgelehnt, aber heute Vormittag dachte sie plötzlich: warum eigentlich nicht? Schon viel zu lange war sie nicht mehr ausgegangen. Die jüngere Schwester wie eine Tochter aufzuziehen kostete Kraft, und keiner ihrer Verehrer hatte Lust gehabt, sich mit den Launen einer kapriziösen Pubertären mehr als nötig auseinander zu setzen. Janas letzter Freund hingegen hatte sich bewundernde Blicke für die aufblühende Jüngere gar nicht zu verkneifen versucht, und hatte letztendlich sogar einen unmoralischen Vorschlag gemacht, der beide Schwestern schockierte und abstieß. Damals hatte Jana sich geschworen die Hände von Männern zu lassen, bis Pippa selbst in festen Händen war. Leider war es noch nicht so weit, und Jana hatte sich an das Alleinsein nicht nur gewöhnt, sondern es auf eine Art sogar zu genießen begonnen. Seit damals war sie nie wieder mit einem Mann auch nur zum Essen ausgegangen, geschweige denn zum Tanz oder ins Kino. Aus Vorsicht hielt sie das Tor zu ihrem Herzen fest verschlossen. Doch nun war ihr Widerstand brüchig geworden.

Es ist doch nur ein Abendessen, redete sie sich selbst zu. Ein Essen mit einem gut aussehenden und interessanten Mann, der aussah, als könne er es sich durchaus leisten, sie schön auszuführen, und der vielleicht ein zukünftiger guter Kunde war. Jana hatte noch nicht herausgefunden, was Leon Wildner eigentlich in der Gärtnerei gesucht hatte. Bis jetzt hatte er noch keine einzige Pflanze erstanden. Und doch fühlte sie, dass er größere Pläne hatte.