Der GAU - Laurenz di Longo - E-Book

Der GAU E-Book

Laurenz di Longo

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Beschreibung

Terroranschlag auf ein deutsches Atomkraftwerk?! Polizei und Staatsanwaltschaft bekommen es mit einem der mächtigsten Wirtschaftskartelle zu tun. Die PaCon, eine verbrecherische Wirtschaftsorganisation, die das Grobe für eines der größten Wirtschaftskartelle erledigt, bedient sich radikaler Mittel. Gemeinsam mit Terroristen planen die Drahtzieher rücksichtslos Anschläge auf Atomanlagen in Deutschland und Frankreich. Sie nutzen gezielt Schwachstellen, die ihnen in deutschen AKWs bekannt sind, um ihre Ziele zu erreichen ... Packend und detailreich beschreibt der Roman ein erschreckend realistisches Szenarium und seine Folgen. Di Longo wirft aber auch einen Blick hinter die Kulissen skrupelloser Wirtschaftsnetzwerke und deren Verflechtung mit der Politik. Polizei, Staatsanwaltschaft und Geheimdienste fahnden nach den Terroristen, den Drahtziehern und deren Helfern. Gleichzeitig versuchen Polizei und Staatsanwaltschaft die Schuldigen in Industrie, Behörden und Politik zur Rechenschaft zu ziehen. ... Wird das gelingen?

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Seitenzahl: 490

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Laurenz di Longo

Der GAU

Roman

Für Dominic, meinen viel zu früh verstorbenen Enkelsohn.

Handlung und handelnde Personen sind frei erfunden. Etwa vorhandene Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen und Orten des Geschehens wären rein zufällig und liegen nicht in der Absicht des Verfassers.Die beschriebene Technik orientiert sich jedoch an realen Kernkraftwerken.

Danksagung:Ohne das Verständnis meiner Familie und den unermüdlichen Ansporn nebst Verbesserungsvorschlägen durch meine Lektorin, Frau Hildegard Führing, wäre dieser Roman nicht möglich geworden.

ImPrint eBook, Münster 2012

© 2011 ImPrint Verlag, Mü[email protected]

Umschlaggestaltung unter Verwendung eines Fotos von© Thomas Bethge - Fotolia

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-936536-91-1

KAPITEL 1

DIE FIRMA

Seit seiner Genesung von der schweren Herzoperation litt Thomas Hansen manchmal unter einem Phänomen, das er in jungen Jahren nicht gekannt hatte, dem Föhn. Einem warmen trockenen Wind, der aus Süden kommend, die Alpen überquerend als stetig wehender Fallwind das Alpenvorland überfällt und bei vielen Menschen Kopfschmerzen oder andere Reaktionen verursacht. Doch im Laufe des Abends war er zu einem lauen Lüftchen abgeflaut, sodass nur noch die Blätter in den Bäumen raschelten. Thomas Kopfschmerzen hatten nachgelassen und damit seine Reizbarkeit, die sich in ihm wegen der Urlaubsunterbrechung aufgestaut hatte. Die Firma hatte ihn aus dem Urlaub zurückgerufen, weil einer seiner Mitarbeiter wegen eines Unfalls ausgefallen war und wichtige Verhandlungen anstanden. Die weißblau schimmernden Berge sah man schon den ganzen Tag über so nahe, als stünden sie am Stadtrand von München. Dieser Anblick hatte bei dem Bergfex ebenfalls zur Besserung seiner Laune beigetragen. Der Rest seiner Verärgerung legte sich schlagartig, als er in der Tageszeitung las, dass ausgerechnet die Maschine über dem Mittelmeer abstürzte, mit der Hedwig und er während des Urlaubs weiter fliegen wollten. Hätte ihn Werner, sein Chef, nicht zurückgerufen, wären er und seine Frau jetzt unter den toten Passagieren.

Der hochgewachsene Diplom Ingenieur Thomas Hansen wirkte, trotz einer vor zwei Jahren überstandenen Herzoperation verhältnismäßig jung und vital. Die bis auf leichte Geheimratsecken dichten Haare des 59-Jährigen durchzogen da und dort graue Strähnen. Und die braunen, ins Blau schimmernden Augen, in dem fast kantig wirkenden Gesicht, unterstrichen seine eindrucksvolle Erscheinung. Der Leiter der Konstruktion und Prüfgeräteentwicklung, in der Neuaubinger Firma Nuclear Engineering, konstruierte und entwickelte mit einem Team von Spezialisten, Prüfgeräte und Systeme zur ferngesteuerten, zerstörungsfreien Prüfung und Inspektion von Kernkraftanlagen. Der Industriepark im Münchner Stadtteil Neuaubing ist Sitz der Firma. Hier haben sich schon vor Jahren einige Hightech Firmen des Münchner Raumes angesiedelt.

Hansen hatte sein Haus vor 25 Jahren an den Waldrand von Gräfelfing gebaut, heute steht es inmitten einer Villensiedlung. Seinem Chef, Werner Barosinsky, gehörte das Nachbarhaus. Die beiden Häuser mit nach Südwesten vorgelagerten glasüberdachten Terrassen und Balkonen in den oberen Stockwerken standen in einem gemeinsamen Garten. Barosinsky war nicht nur der Chef von Thomas, beide Männer waren schon seit ihrer Studienzeit an der TU München befreundet.

Zwischen den Grundstücken der Hansens und Barosinskys lag nur ein lang gestreckter Steingarten, den Hedwig Hansen und Margot Barosinsky liebevoll pflegten. Die beiden Ehefrauen der Freunde hatten ihn mit mehrfarbigem Polsterphlox, Steinkraut, Blaukissen und weißen Schleifenblumen bepflanzt. Kleine Stauden oder die Rispen von Palmlilien unterbrachen das Bild da und dort. Nahe am Haus durchbrach ein schmaler Plattenweg den Steingarten. Nicht nur die Enkelkinder der beiden Familien benutzten ihn häufig, auch die Erwachsenen, wenn sie sich gegenseitig besuchten. Denn zu der Männerfreundschaft gehörten auch ihre Frauen. Hedwig und Margot gehörten schon zur Studienzeit zur Clique.

Hedwig Hansen, eine recht jung gebliebene sehr gepflegte Frau, wirkte oft melancholisch. Doch wenn sie durch ihre Enkelkinder, Tomi und Margret, abgelenkt wurde, änderte sich ihr Verhalten in fröhliche Ausgelassenheit. Die Kinder und ihre älteste Tochter Katrin wohnten im oberen Stockwerk. Brigitte Hansen, die jüngste Tochter von Thomas, ein junges Mädchen mit 22 Jahren, war Vaters Nesthäkchen. Lang aufgeschossen, etwas mollig, war sie sehr sportlich. Sie spielte seit Beginn des Studiums in der Damenhockeymannschaft der TU-München. Andreas Huber Junior, ihr Verlobter, Oberleutnant der Bundeswehr, gehörte fast schon zur Familie. Thomas Hansen, der sehr viel unterwegs sein musste, hatte im Gegensatz zu Hedwig nur sehr wenig von seinen Lieben.

Am Abend nach seiner Rückkunft aus Tunis saßen Margot und Werner Barosinsky bei Hansens auf der Terrasse. Sie waren rüber gekommen, um den glücklichen Urlaubsausgang von Thomas und Hedwig zu feiern. Scherzhaft meinte Werner: „Ihr habt heute wohl euren Hochzeitstag?“ „Nein, aber doppelten Geburtstag nach der Absturzkatastrophe“, erwiderte Thomas. Hedwig servierte zum Abendessen T-Bone Steak mit grünem Pfeffer auf heißer Steinplatte. Dazu junge grüne Bohnen und Butterkartoffeln. So richtig ein Schlemmermahl zum Feiern. Thomas spendierte aus seinem Keller eine gute Flasche Wein, die das Essen abrundete. Hedwig hatte sich bei der Zubereitung wieder einmal selbst übertroffen.

Aus dem Garten hörte man das Zirpen einer Grille. Von irgendwo aus dem Apfelbaum klang der Gesang einer Drossel. Der Wein tat ein Übriges und hob die Stimmung. Sie unterhielten sich über ihre Enkelkinder, die im hinteren Gartenteil Tischtennis spielten. Der warme Sommerabend verlief eigentlich sehr geruhsam und harmonisch, bis Werner nach dem zweiten Glas Wein anfing, vom Kernkraftwerk Leibstadt zu sprechen. Er schilderte Schwierigkeiten in der Anlaufphase der Prüfung und dass es außerdem im Schweizer Kernkraftwerk am Wollensee, Verzögerungen gegeben habe. „Könnt ihr das nicht morgen im Büro besprechen?“, murrten Hedwig und Margot. „Muss denn das jetzt sein? Wo wir endlich einmal wieder gemütlich zusammensitzen!“ Verärgert zogen sich die Frauen ins Wohnzimmer zurück. Schließlich wussten sie aus bitterer Erfahrung, dass die Männer ab jetzt den ganzen Abend nur noch fachsimpeln würden. Dass Thomas wieder in die Schweiz sollte, war Hedwig nach den ersten Sätzen sowieso klar geworden.

Am nächsten Morgen fuhr Thomas, nachdem er aus dem Büro ein paar Unterlagen geholt hatte, ziemlich zeitig los. Kurz hinter Basel zweigte er ab und machte einen Abstecher nach Leibstadt. Eines seiner Prüfteams war dort vor vier Tagen angereist und hatte Schwierigkeiten gemeldet. Als Thomas dort ankam, hatte sein Team die Anlaufschwierigkeiten schon selbst überwunden. Thomas fuhr deshalb ohne große Unterbrechung weiter.

Auch im Kernkraftwerk Mühleberg am Wollensee war nach anfänglichen Schwierigkeiten die Prüfung wieder in vollem Gange. Ein Teil des Teams prüfte gerade die Nähte an den Kühlwasserstutzen. Parallel dazu lief die Prüfung der Inneneinbauten, die hinkte seit zwei Tagen hinter dem Zeitplan her. Thomas war nur froh, dass die Ursachen dafür nicht von seiner Firma verantwortet werden mussten. Die Verzögerung hatte das Kraftwerk zu vertreten und würde also für den zeitlichen Mehraufwand zahlen müssen. Die Arbeiten zogen sich hin, denn auch bei der parallel laufenden Innenprüfung ergaben sich Verzögerungen. Sein Team hatte vergrößerte Anrisse im Mantel der Kernumhüllung gefunden und die mussten zweifelsfrei durch Größenbestimmung mit Nachfahrten erhärtet werden. Das waren zwangsläufig Verzögerungen, welche zwar die Kosten erhöhten, für die das Kraftwerk aber aufkommen musste. In der Schweiz fuhr man den Reaktor, obwohl die Risse schon 1990 bekannt waren, mit später angebrachten manschettenartigen Zugankern. Doch jetzt waren die Risse größer geworden, was in Deutschland zu einer sofortigen Stilllegung geführt hätte. Die Schweizer nahmen das nicht so ernst, sie begnügten sich mit Zugankern.

Schon seit Jahren wohnte Thomas während der Revisionen mit seinem Team im Aarberger Hotel Krone. Täglich fuhren sie die 20 km bis zum Kraftwerk, denn in dessen naher Umgebung konnte man während der Revision, weder Gasthäuser noch Hotels oder Pensionen zu einigermaßen vertretbaren Preisen finden. Zur Revision hielten sich einige Hundert Ingenieure, Techniker- und Mechanikerteams im Kraftwerk auf und mussten in der Umgebung untergebracht werden.

Die Männer hatten zu Abend gegessen und nun saß die Tagschicht zusammen mit Thomas, ihr Bierchen trinkend, in der Abendsonne vor dem Hotel. Der Marktplatz von Aarberg wirkte wie ein übergroßes, rechteckiges Atrium, umgeben von alten Häusern und Hotels. Die Torbögen an den beiden Stirnseiten des Platzes bereichern die idyllische Kulisse. Wären da nicht die störenden Blechattribute der Neuzeit, hätte man meinen können, jeden Moment zöge eine mittelalterliche Karawane durch den Torbogen in das Geviert und mischt sich in bunter Vielfalt unter das Volk.

In dem Geviert war es windstill und bis in die Nachtstunden warm. Hotels und Restaurants hatten Tische und Stühle auf den breiten Gehsteig gestellt, sodass der Innenraum des Platzes einem großen Freiluftrestaurant glich. Die Männer saßen bis in den späten Abend vor dem Hotel und genossen die Gastfreundschaft der Eidgenossen, die man sich recht gut bezahlen ließ. Der Abend dämmerte bereits, als sich zwei fesche Schweizerinnen zu ihnen gesellten. Rulis, der griechische Ingenieur, hatte sie am Vorabend im Nachbarort aufgerissen und hierher eingeladen.

Mit fortschreitendem Abend flossen einige Bierchen durch die Kehlen. Ein paar Monteure und Techniker zogen Rulis wegen der Mädchen auf. Es war zu offensichtlich, dass sein Ferrari-Cabrio die Damen beeindruckt hatte. Die Stimmung stieg, bis der Eine oder Andere am Limit angelangt, sich zurück zog. Irgendwann waren die beiden Mädchen, Rulis und einer der Mechaniker verschwunden. Aber das fiel nur Thomas auf. Doch das Privatleben seiner Mitarbeiter ging ihn nichts an.

Thomas und Detlef Haller, der Ultraschallspezialist, setzten sich noch eine Weile abseits. Sie diskutierten die Vergrößerung der gefundenen Risse im Kernmantel. Detlef erzählte ihm, dass er inzwischen drei Risse mit beträchtlicher Länge und Tiefe in verschiedenen Schweißnähten gefunden habe. „Kann man das überhaupt verantworten? In Deutschland hatte ein wesentlich kleinerer Haarriss von 60 mm Länge zur Stilllegung des KKW Würgassen geführt. Die Risse hier sind sehr viel länger und haben eine Tiefe von 80 % der Wandstärke erreicht.“ „Ist das nicht unverantwortlich?“, meinte Detlef. „Schon, doch die Schweizer Behörden sehen das viel gelassener.“ Auch Thomas zog sich jetzt zurück und ermahnte den Rest: „Treibt es nicht mehr so bunt, morgen müsst Ihr wieder fit sein.“

Nach dem Frühstück fuhr das Team zum Kraftwerk. An der Abzweigung, gleich hinter dem Damm des Wasserkraftwerkes, wurde die Straße gesperrt. Zwei Gendarmen wollten Thomas und seine Leute nach Mühleberg umleiten, doch Thomas hielt. Er erklärte den beiden Beamten, dass er und sein Team im Kraftwerk arbeiten und wohl oder übel die einzige Zufahrt dorthin benutzen müssten. Die Polizisten ließen sich ihre Papiere zeigen. Einer rief das Kraftwerk über Funk. Nach einem kurzen Gespräch fragte er Thomas nach der Nummer seines Kraftwerksausweises. Thomas nannte sie ihm und durfte passieren. Genauso erging es seinen anderen Kollegen.

Am Werkparkplatz wurden sie von einem Uniformierten eingewiesen. Auf dem Weg zur Pforte bot sich Thomas ein kurioses Bild. Vor der Zufahrt zum Werktor stand ein LKW mit den gelb-schwarzen Strahlenwarnzeichen und Transparenten von Greenpeace. Am Tor hatten sich mehrere junge Leute angekettet. Die wurden gerade durch eine andere Gruppe Aktivisten, vom Lkw herunter verpflegt. Quer zur Einfahrt standen mehrere gelbe Tonnen mit dem Strahlenwarnzeichen. Zwei Polizei-Offiziere und ein paar Polizisten standen am Straßenrand, sie beobachteten in aller Ruhe, was sich da vor dem Kraftwerkstor abspielte.

Die Fremdarbeiter der Frühschicht standen mit einem Herrn der Werkleitung diskutierend abseits, aber alles war frei von Hektik und Aggressivität. Weder die Greenpeace Aktivisten noch die Polizisten waren in Aufregung. Thomas hatte ähnliche Situationen in Deutschland ganz anders erlebt.

Auf dem Flachdach des Wachgebäudes stand ein gelbes Zelt mit dem Strahlenwarnzeichen und einer Aufschrift. Eine Gruppe Aktiver saßen am Dachrand davor. An der Wand des Wachgebäudes hing ein Transparent vom Dach. Es forderte: „Schließt das Schrottkraftwerk, es gefährdet uns und unsere Kinder.“ Die Wache stand mit sechs Mann und drei Hunden auf der Innenseite des Tores, dahinter einige Schichtarbeiter, die nach Hause wollten und nicht raus konnten.

Thomas unterhielt sich mit einem Beamten der Kantonspolizei und fragte ihn, wie das überhaupt geschehen konnte. „Warum hat die Kraftwerkswache die Blockade nicht verhindert?“ „Ja wissend Sie, der Lkw ist wie ein normales Zulieferfahrzeug in den frühen Morgenstunden vorgefahren. Plötzlich sind einige Männer abgesprungen, haben Keile unter die Drehtüren des Eingangs geschlagen und so die Wache nach außen blockiert. Andere haben das große und kleine Tor mit Ketten am Holm umschlungen und dadurch verhindert, dass es geöffnet werden konnte. Dann haben sich einige Leute an die Tore gekettet. Ein anderer Trupp sprang vom Lkw-Dach, auf das Flachdach des Wachgebäudes und nahm mit dem Transparent der Wache die Sicht nach außen. Eine weitere Gruppe mit einem Schweißgerät hatte die Drehtüren am Bodenblech festgeschweißt, anschließend verschweißten diese Männer Tore und die Kettenverschlüsse. Schließlich haben die Aktivisten in aller Ruhe die Fässer aufgestellt und mit Bolzenschussgeräten im Straßenbelag verankert.“

„Als nach zehn Minuten die ersten, alarmierten Gendarmen ankamen, war schon alles vorbei. Niemand konnte in das Kraftwerk rein oder raus und Gewalt wollten wir nicht anwenden.“ Dreißig Minuten, nachdem Thomas am Kraftwerk angekommen war, fuhren zwei höhere Polizeioffiziere und Mannschaftswagen der Kantonspolizei aus Bern vor. Gemeinsam mit der Kraftwerksleitung beschlossen die Offiziere, vorerst nichts zu unternehmen. Anfänglich hatte die Wache versucht, die Demonstranten mit starken Wasserstrahlen aus Feuerwehrschläuchen zu vertreiben, aber mit wenig Erfolg.

Als schließlich die ersten Fremdfirmen-Monteure anfingen zu murren, sie befürchteten Lohnausfall, wollte die Kraftwerksleitung eine Konfrontation zwischen den Arbeitern und den Aktivisten vermeiden. Deshalb schickte man die Frühschicht der Fremdfirmen, zum etwa 400 Meter entfernt liegenden Wasserkraftwerk des Konzerns. Dort wurden die Männer mit Getränken und belegten Brötchen bei Laune gehalten. Später, nachdem ein Sprecher der Kraftwerksleitung verkündete, dass Mitarbeiter von Fremdfirmen keine finanziellen Verluste erleiden würden, sorgte eine Besichtigung der Turbinen und des Kraftwerkmuseums für Beschäftigung. Auch für Thomas und seine Männer boten die Turbinen und Generatoren des Wasserkraftwerkes, die in großen Kavernen der Staumauer standen, interessante Einblicke.

Gegen Mittag fuhren einige Kleinbusse der Berner Zentrale vor, sie brachten alle Beschäftigten auf Umwegen zum hinteren Teil des Wachgebäudes, wo eine von der Polizei bewachte Leiter an ein Fenster angelegt worden war. Durch dieses Fenster konnten alle, die im Werk arbeiten mussten, einsteigen und abends das Werk wieder verlassen.

Am nächsten Morgen, als das Prüfteam am Kraftwerk ankam, war der Spuk vorbei. Die Polizei hatte nachts, in einer Blitzaktion ohne Probleme das Gelände geräumt. Die Schweizer Öffentlichkeit erfuhr von dem Vorfall erst, als alles vorbei war. Rundfunk und Fernsehen berichteten über die Aktion mit Bildern, die das Kamerateam der Polizei zur Verfügung gestellt hatte.

Nach der Ergebnisbesprechung unterhielt sich Thomas mit dem Kraftwerksleiter über den Vorfall. Er erfuhr von ihm, dass sich Kraftwerksleitung, Polizei und die Greenpeace Aktivisten gleich zu Anfang abgesprochen hatten. Man ließ die Aktivisten einen Tag gewähren, wodurch eine gewaltlose Räumung möglich wurde. Die Bilder und Filme des Presseteams konnten ohne provozierenden Inhalt und in bester Qualität von den Medien veröffentlicht werden. Damit hatte Greenpeace erreicht, was es wollte. Durch eine freiwillige Nachrichtenbeschränkung der Medien konnte verhindert werden, dass die Aktivisten plötzlich Zulauf durch Chaoten bekamen.

Thomas schüttelte nur den Kopf und meinte. „Ich habe Besetzungen durch Kraftwerksgegner auch bei uns schon erlebt. In Deutschland wäre ein friedlicher Verlauf wie dieser, kaum denkbar gewesen. Rundfunk- und Fernsehreporter hätten sich mit Sicherheit auf die Sensation gestürzt und sich an der Berichterstattung nicht hindern lassen. Die Aktion wäre sofort nach der Veröffentlichung und durch schnell anreisende Chaoten und Randalierer aus dem Ruder gelaufen. Eine derartige Demonstration hätte man dann nur noch mit Gewalt und massivem Polizeieinsatz beenden können.“

Nachdem in der Schweiz die Prüfung zur Zufriedenheit weiterlief und keine Komplikationen mehr zu erwarten waren, übergab Thomas die Leitung an Hannes Abeling, seinen Stellvertreter. Thomas musste zurück nach München. Im Büro angekommen, führte ihn sein erster Weg zu Werner. Nach dem Klopfen trat Thomas ein. Werner sah auf und legte die Papiere, die er gerade bearbeitet hatte, zur Seite. Fragend sah er Thomas an. Nach Begrüßung und einigen Anmerkungen zur Fahrt gab Thomas einen kurzen Bericht über die Prüfung im Schweizer Kernkraftwerk. Anschließend meinte Thomas: „Ich weiß nicht, ob ich meinem Gefühl raum geben soll, aber seit meinem Aufenthalt in der Schweiz habe ich das Gefühl ich werde beobachtet.“ „Du auch? Seit letzter Woche habe ich das gleiche Gefühl“, schob Werner nach, „will uns da jemand am Zeug flicken? Wir sollten das weiter im Auge behalten.“ „Aber bei uns gibt‘s doch nichts zu holen, trotzdem sollten wir vorsichtig sein“, erwiderte Thomas.

Schließlich reichte ihm Werner wortlos das Angebot, das er für das Kraftwerk Schwümme ausgearbeitet hatte. Thomas überflog es und meinte nach einer Weile: „Eine ganze Menge Holz 3,5 Millionen. Sollte ich nicht selbst ins Kernkraftwerk fahren?“ „Ich glaube, das wäre das Beste“, meinte Werner. Am Nachmittag sah Thomas in seiner Abteilung nach dem Rechten, gab Anweisungen und fuhr am folgenden Morgen nach Schwümme. Werner Barosinsky hatte ihn bei Werner Münster angekündigt. Der ist als Ingenieur und Leiter der Qualitätssicherung für die Durchführung der zyklischen Prüfungen zuständig, die innerhalb von vier Jahren an allen Komponenten wiederholt werden müssen.

Thomas erläuterte das Angebot, soweit das überhaupt erforderlich wurde. Das Kernkraftwerk Schwümme gehörte zur „ATOMSTROM-ERZEUGER AG“, (kurz Ato-Strom) dem Betreiber mehrerer Atomkraftwerke. Zu den Verhandlungen wurden die Kaufleute des Konzerns hinzugezogen. Und weil Kaufleute andere Vorstellungen von Notwendigkeiten haben, als Techniker, gestalteten sich die Verhandlungen schwieriger als nötig. Kaufleute wollen den Preis drücken und das Problem des hohen Personalaufwands wegen der radioaktiven Strahlung kleinreden. Möglich werden derartige Arbeiten sowieso nur beim Wechsel der Brennelemente, aber selbst dann sind Aufenthalte an bestimmten Prüforten wegen der hohen Strahlung, täglich nur für wenige Minuten zulässig. Das heißt aber, man benötigt bis zu 6-mal so viel gleich qualifiziertes Personal, das nacheinander die erforderlichen Auf- und Abbauarbeiten der Geräte ausführen kann. Die Geräte selbst laufen nach dem Aufbau ferngesteuert und kameraüberwacht.

Thomas verhandelte zwei Tage lang um ein ziemlich großes Prüfvolumen bei einem Auftragswert von rund 3,2 bis 3,5 Millionen Euro. Thomas übernachtete deswegen in Schwümme. Abends rief er zu Hause an und erkundigte sich, wie es Hedwig und den Kleinen ging. Vor seiner Herzoperation hatten sich beide Eheleute wegen der Trauer um den Tod ihres vierjährigen Sohnes auseinandergelebt. Das hatte sich jetzt geändert. Seit ihre älteste Tochter Katrin, nach der Scheidung mit den beiden Kindern, zu ihnen in die kleine Dachgeschosswohnung gezogen war, überwand Hedwig endlich ihre Trauer. Tomi und Margret halfen dabei unbewusst mit und retteten so die Ehe der Hansens. Am Vormittag brachte Thomas im Kraftwerk die Verträge unter Dach und Fach und fuhr dann zurück nach München.

In Neuaubing angekommen, ging er in Werner Barosinskys Büro. Gut gelaunt wedelte er vor Werners Schreibtisch mit einem Packen Aufträge. Denn er brachte nicht nur die Verträge für die Prüfung der Reaktor Inneneinbauten mit, sondern zusätzlich noch drei weitere, für die Außenprüfung von Einschweißstutzen am Reaktordruckbehälter. Die Revisionen sollten parallel zum nächsten Brennelementwechsel laufen.

Seit Inbetriebnahme dieses Kraftwerks hatte es zum ersten Mal eine Firma geschafft, mit den Preisen der Nuclear Power plant Association (NPA) gleichzuziehen. NPA war der größte Konkurrent von NE bei den Prüfungen und hatte erbittert um diesen Auftrag gekämpft. Doch Thomas hatte, trotz erheblicher Schwierigkeiten, dieses Mal die Verträge an Land gezogen. Er brauchte preislich nicht einmal bis ans Limit zu gehen. In den vorangegangenen Jahren hatten sich Thomas und Werner, aber auch andere Firmen vergeblich bemüht, Aufträge für die Innenprüfung zu realisieren. NPA hatte NE immer wieder unterboten und deshalb auch den Zuschlag erhalten.

Thomas und Werner hatten dazu ihre eigenen Theorien entwickelt. Werner meinte: „Die Preise von NPA können nicht marktgerecht sein. Ich glaube, dass NPA firmenpolitische Dumpingpreise fährt, um alle Konkurrenten auszuschalten.“ Und Thomas stimmte ihm zu. „Seit der Basisprüfung haben wir doch immer wieder vergeblich versucht, den Prüfauftrag zu bekommen. Doch dieses Mal war es anders. Wir waren mit NPA preislich annähernd gleich. NPA hatte uns nochmals unterboten, aber Werner Münster ließ sich davon nicht beeindrucken. Obwohl seine Kaufleute anfänglich dagegen waren, hatten sie ihm zustimmen müssen. Münster hatte ihnen die positiven Ergebnisse und Erfahrungen, die er in anderen Kraftwerken des Konzerns mit unseren Geräten gemacht hatte, überzeugend dargestellt“, erzählte Thomas. „Da half auch der Bestechungsversuch von NPA nichts. Münster war darüber so verärgert, dass er deren Chefingenieur einfach rauswarf. Du hättest mal sehn sollen, wie Bednarz und einer seiner Kaufleute wie begossene Pudel abzogen.“

Erst viel später sollte Werner und Thomas klar werden, warum NPA selbst dann noch, wenn mit der Prüfung Verluste gemacht wurden, unbedingt den Auftrag haben wollten.

KAPITEL 2

DAS KARTELL

Orwell Wudroff war der mächtigste Mann der sogenannten Panamaconnection (PaCon). Sie war Teil einer der größten Interessengruppen der Wirtschaft. In ihr waren einige Wirtschafts-, Finanz- und Öl-Imperien der Welt, zur „Global Economy Finance Coalition of Oil, Energy and Montan“ (GEFCOEM) mit Sitz in Houston zusammengeschlossen. In diesem Imperium ist die Panamaconnection eigentlich die Organisation fürs Grobe.

Die GEFCOEM entstand aus dem Zusammenschluss von Großkonzernen des süd- und nordamerikanischen Kontinents. Sie kontrollierte bereits die Wirtschaft großer Teile des pazifischen Raumes und beherrschte deren Finanzmärkte. Im Rahmen der Globalisierung wollten sich die GEFCOEM jetzt auch verstärkt um den nordatlantischen Raum, besonders aber um Europa kümmern. Die PaCon diente dabei den ganz großen Konzernbossen als Werkzeug, wodurch sie vermieden, dass ihre Konzerne selbst in Erscheinung traten. Die PaCon wird immer dann eingeschaltet, wenn Dinge durchgeführt werden sollen, die höchst zweifelhaften bis kriminellen Charakter haben und Wudroff war ihr Boss.

Am gleichen Tag, an dem die Meldung des Flugzeugabsturzes über dem Mittelmeer durch die Ticker lief, saß Wudroff eine Zigarre rauchend hinter seinem riesigen Schreibtisch. Protzig wie ein Despot aus dem Mittelalter, hielt er die dicke Zigarre wie ein Zepter seiner Macht zwischen seinen Fingern. Kurz, wulstig, mit dicken Ringen überladen erinnerten die Finger an Weißwürste. Sein rundes, aufgedunsenes, von Ausschweifungen gezeichnetes Gesicht, gehörte zu einem Kopf, der wie ein massiver Klotz über einen feisten Stiernacken, auf einen gedrungenen Körper drückte. Er lag mehr als er saß, in dem breiten Ledersessel. Die Beine auf der Tischplatte gekreuzt, zeigte er seine nicht gerade vornehmen Art. Die düster dreinblickenden, eng stehenden Augen, deren Brauen sich über der Nase fast berührten, schienen ins Leere zu blicken. Seine zusammengekniffenen Lippen hatte er über dem Kinn nach vorn geschoben. Die schwarzen, mit grauen Fäden durchwirkten Koteletten, verdüsterten seinen Gesichtsausdruck noch zusätzlich.

Seit einer Weile starrte er aus dem Fenster, das die ganze Breite seines Büros einnahm. In der obersten Etage des Konzerngebäudes gab es den Blick über Panama City frei. Der reichte bis zu den in der Ferne sichtbaren Kanalanlagen, vor denen sich die Schiffe stauten, die langsam zur Schleuse bugsiert wurden. Andere wurden mit der Kanalbahn in die Schleuse gezogen.

Trotz Klimaanlage rann Wudroff der Schweiß von der Stirn, den er mit einem großen weißen Seidentuch abtupfte. Aus dem Barfach seines Schreibtisches fingerte er ein Kristallglas hervor und goss sich einen kräftigen Schluck Bourbon ein. Eine der wenigen Tätigkeiten, die er selbst erledigte. Schließlich wollte er vermeiden, dass jemand merkte, wie viel er wirklich trank. In Wudroffs Kopf stauten sich unheilvolle Gedanken. Er wandte ihn auf seinem kurzen Stiernacken zur Seite und verfolgte mit düsterem Blick die abwärts weisende Kurve der Gewinne seines Verantwortungsbereichs. Schon seit dem massiven Einstieg der Europäer in den globalen Markt rutschten die Gewinne stetig in den Keller. Schon zum zweiten Mal hatte er von Coolmann, einem der mächtigsten Bosse der GEFCOEM einen bösen Rüffel einstecken müssen. Zwar stiegen die Gewinne, immer wieder einmal etwas an, aber über längere Zeit fiel die Kurve mit beängstigender Konstanz, stärker als sie zwischenzeitlich stieg. So durfte das nicht weiter gehen. „Ich muss etwas unternehmen“, knurrte er. „Die Europäer versauen uns unseren Anteil am Weltmarkt und drücken unsere Gewinne. Woran liegt das?“ Er starrte gegen die massive, getäfelte Mahagonidecke. „Wer konnte denn auch ahnen, dass die Europäer die Globalisierung so ernst nehmen? Die sollte doch hauptsächlich uns weltweit die Märkte öffnen.“

Genau so war es mit den schnellen Spekulationsgewinnen. „Diese Hedgefonds brachten zwar anfänglich hohe Renditen, aber wie sicher waren sie wirklich?“, grübelte er. „Entstand da nicht eine riesige Finanzblase, die durch nichts mehr gedeckt war?“ Wudroff hatte sich lange mit seinem Finanzexperten unterhalten. „Hatte der womöglich recht, als er mir riet, lieber sichere, europäische Werte zu bevorzugen? Man munkelte in Finanzkreisen, dass der Staat immer mehr Geld in Umlauf brachte, und ausländisches Kapital aufnahm, um den Krieg im Irak zu finanzieren.“ Hinter vorgehaltener Hand hatte ihn einer der zum Kartell gehörenden Banker wissen lassen, er solle seine Risikopapiere von Lehmann Brothers abstoßen und dafür sichere europäische Werte kaufen. „Du wirst sehen“, hatte der gesagt, „die Europäer kaufen bei Lehmann wie die Wilden, spekulative Papiere mit hohen Renditen. Sie nehmen dafür Kredite auf und verkaufen gute, sichere Wertpapiere mit niedrigen Ausbeuten oder verpfänden sie als Sicherheit für die Kredite. In Europa kursieren bereits mehr faule Papiere, von Lehmann Brothers, als bei uns in den Staaten.“ „Und was ist, wenn die platzen?“ „Dann liegt der ganze Schrott in aller Welt, hauptsächlich aber in Europa.“ „Und was ist, wenn die Europäer oder Asiaten den Braten riechen und die Papiere wieder verkaufen?“ „Dann sinkt ihr Wert. Also werden sie diese so lange wie möglich halten wollen.“ „Und wenn die Hedgefonds nicht genügend Renditen abwerfen?“ „Dann werden die Zinsen erhöht!“ „Ja, aber dann kommen doch die Gläubiger mit den Krediten in Zahlungsschwierigkeiten und in diesem Fall auch die Banken, die kriegen ihr Geld nicht zurück, weil die Immobilien im Wert sinken.“ „Dann müssen eben die Banken Kredite aufnehmen, natürlich zu höheren Zinsen, und so schaukelt sich der Kreislauf immer weiter auf, bis die Blase platzt.“ „Und dann?“ „Dann gehen erst ein paar kleinere Banken und dann größere Pleite. Damit aber die ganz großen nicht Pleite gehen, muss der Staat eingreifen.“ „Nein, nein noch nicht, dann leihen sich unsere Banken erst in anderen Ländern die Gelder gegen das Versprechen hoher Renditen und geben ihnen dafür als Sicherheit wertlosen Schrott.“ Das merken doch die Anderen.“ „Eben nicht, diese Konglomerate aus verschiedensten Paketen, aus Hypotheken, Schuldverschreibungen und Beteiligungspapieren sind so bunt zusammengewürfelt, dass sie kein Mensch mehr beurteilen kann. Also werden die Geschäfte auf Vertrauensbasis abgeschlossen.“ „Und wenn diese Blase platzt?“ „Dann ist es nicht unser Geld, das verbrannt wird, sondern das der Kleinanleger hier, der Europäer und Asiaten dort.“ „Das ruiniert doch unsere Volkswirtschaft und ihr Ansehen, es treibt die Steuerzahler auf die Barrikaden.“ „Nicht wenn es die Regierung clever anstellt. Die wird die Banken, die mit amerikanischem Kapital arbeiten, stützen. Die Banken, die hauptsächlich mit europäischem oder asiatischem Kapital handeln, die wird sie pleitegehen lassen.“ „Damit zahlen die Anderen die Zeche.“ „Du hast es begriffen. Warum sind die auch so blöd und fallen auf diesen Trick rein.“

Diese Unterhaltung ging Wudroff durch den Kopf und er beschloss dem Rat zu befolgen: „Ich werde Hedgefonds und Derivate abzustoßen und dafür sichere europäische Unternehmensaktien kaufen. Sollte dabei etwas schief gehen, so werden die europäischen Regierungen diese Papiere oder ihre Wirtschaft stützen müssen.“ Auf der überdimensional großen Sprechanlage seines Schreibtisches leuchtete das rote Lämpchen der Konferenzschaltung. Nach einer Weile beugte sich Wudroff ächzend vor und drückte einen Knopf. Der Bildschirm flammte auf und zeigte die drei größten Bosse des Zusammenschlusses. Zwangsläufig musste er mit ihnen sprechen. Er war dafür verantwortlich, dass sich europäische Konzerne nicht im Bereich der GEFCOEM einnisten konnten, um Gewinne abzuschöpfen. Wudroff bekam einen riesigen Rüffel und wurde zu einer Konferenz zitiert. Anschließend knisterte seine miese Laune förmlich durch das ganze Gebäude.

Wudroff hatte kaum aufgelegt da drückte er einen anderen Knopf. „Manuela!“, brüllte er ins Mikrofon. Fast augenblicklich öffnete sich die Leder gepolsterte, schalldichte Doppeltür seines Büros. Schreibblock bewaffnet kam die Gerufene, Hüften schwingend durch die Tür. Ihre aufreizenden Formen betonend, stellte sich Manuela provozierend neben ihren Chef. Wudroff, der sonst ihren Reizen nicht abgeneigt war, klatschte ihr mit seiner fleischigen Hand, wie bei seinen Pferden auf den Hintern, dass es knallte. Manuela schrie beleidigt auf! „Zieh deinen perversen Arsch ein und setz dich, wir haben zu tun!“, brüllte er. „Schreib!“ Konsterniert setzte sich Manuela und zog die Lippen zu einem beleidigten Flunsch. Dann legte sie ihre Beine übereinander und begann mit den Fußspitzen wippend zu schreiben.

Wudroff diktierte ein Fernschreiben, das alle wichtigen Mitglieder des Kartells nach New York zur Konferenz rief. „Und lasse es verschlüsseln.“ Wudroff, der sich in New York öfter aufhielt als in Panama, hatte dort eine ständige Suite im Panama Ressort. Das Panama, eines der größten Vergnügungshotels für gestresste Manager, gehörte natürlich auch dem Konzern. Anschließend ließ er sich mit dem Schweizer, dem für Europa zuständigen Leiter des Bereichs ‚Ausland Aufklärung‘, verbinden und beauftragte ihn, für diese Sitzung entsprechendes Anschauungsmaterial vorzubereiten. Er wollte die vorbereiteten Charts noch vor der Konferenz sehen und erläutert bekommen. Deshalb bestellte er den Schweizer erst nach Panama und anschließend nach New York zur Konferenz.

In der GEFCOEM, dieser fast die ganze Welt umspannenden Organisation, drehte sich fast alles um Erd-Öl, -Gas, Edelmetalle, Geld, Rohstoffe und Macht. Oft ging es um Drogen, Waffen und Kriegsgerät. Häufig auch um Geldwäsche oder Ähnliches. Diese Art der Geschäfte wurde dann etwas diffiziler gehandhabt und zusammen mit anderen illegal verlaufenden Aktionen durch die PaCon wahrgenommen. Dabei galt es immer die Interessen und Belange der beteiligten Großkonzerne zu beachten, um gefährliche Konflikte mit Regierungen zu vermeiden. Konnte man sich, je nach eigener Interessenlage, anpassen? Dann war das O. K. Lief etwas den eigenen Vorstellungen entgegen, dann musste auch manchmal nachgeholfen werden. Politiker wurden durch Lobbyisten beeinflusst, manchmal durch Finanzierung ihrer Wahlkämpfe, auch durch Bestechung oder Erpressung. Egal wie, Hauptsache sie vertraten, anschließend die gewünschten Interessen, der jeweiligen Konzerne. Wenn es gar nicht anders ging, wurden sie eben aus dem Verkehr gezogen. Die Belange des eigenen Volkes, Landes oder gar einzelner Menschen, scherte die Connection wenig. Am allerwenigsten dann, wenn es sich nicht ums eigene Volk handelte. Schließlich verdiente man sich ja an Konflikten goldene Nasen. Man war immer bereit, Konflikte zu schüren. Dem Kartell und seinen Machern war es dabei völlig egal, wie viele Menschen dabei drauf gehen oder zugrunde gerichtet werden.

Nicht nur die Großindustrie, weltumspannende Konzerne und Großbanken, eifern um die Vormachtstellung in der Welt, sondern auch Regierungen. Sie liefern sich hinter den Kulissen, in aller Stille Schlachten, ohne Rücksicht auf Verluste. Dabei geht es um nicht weniger als um Macht und Einfluss auf allen Gebieten. Die dazu eingesetzten Mittel spielten dabei eine untergeordnete Rolle und stehen außer jeder Kontrolle, wenn nur der zu erwartende Erfolg stimmt. Die Konzerne machten große Anstrengungen, um auf eigene Politiker und auf die anderer Staaten Einfluss zu nehmen. Die Waffenlobby ist in erster Linie an möglichst vielen, großen Konflikten interessiert, denn gerade in Spannungs- und Kriegsgebieten braucht man Waffen, Munition und anderes Kriegsmaterial. Es wurde nur immer schwieriger und kostspieliger, die amtlichen Hemmnisse zu umgehen. Trotzdem waren die wenigsten Auftraggeber der PaCon am Frieden interessiert. Am Frieden konnte man nicht genug verdienen. In diesem Zwielicht mischen nicht nur Politik und Geheimdienste mit, sondern auch private Dienste im Auftrag ihrer Geldgeber.

Sie treiben Spionage und Gegenspionage sowohl, auf politischem wie militärischem Sektor, als auch wirtschaftlich. Wobei heute die Wirtschaftsspionage auf allen Gebieten die militärische bei Weitem übertrifft. Dazu kommen gezielte Desinformationen bis hin zu Verleumdungskampagnen, wenn sie nur den eigenen Zielen nutzen. Wenn es einzelnen Interessengruppen der GEFCOEM nötig erschien, schreckten sie auch nicht vor Erpressung, Mord, Entführung oder anderen Scheußlichkeiten zurück. Für derartige Aufgaben haben sie ja die PaCon und ihre Handlanger. Viele dieser Handlanger sitzen sogar in staatlichen Organisationen oder Behörden.

Im Konferenzraum der Präsidenten Suite, im 36. Stock des New Yorker Panama Hotels, tagten hinter verschlossenen Türen, abgeschirmt durch Bodyguards, die drei wichtigsten Bosse der GEFCOEM, umgeben von ihren engsten Mitarbeitern. Unter ihren Beratern saßen Vertreter aus den Vorstandsetagen von Großbanken. Dazu gehörten auch Mitarbeiter und Lobbyisten, die mit großem Einfluss, bei ihren Regierungen ein- und ausgingen. Außerdem waren einige Vorstände und Vorsitzende der Aufsichtsräte großer Tochter Konzerne aus der ganzen Welt zusammengerufen worden. Einige kamen aus asiatischen, aber auch aus arabischen Ländern. Ein Großteil stammte aus den Zentralen Nordamerikas und Kanadas. Sicher war dabei nur eines, viele von ihnen waren nur Statisten. Außer den drei Großen hatten nur wenige wirklich etwas zu sagen. Aus Europa kam nur einer, und der war kein Boss eines Konzerns, sondern Leiter des Bereiches ‚Auslandaufklärung Europa‘, einer harmlosen Umschreibung von Wirtschaftsspionage, Patentklau, Agitation und Sabotage. Man befürchtete wohl, dass aus diesem illustren Kreis etwas durchsickern konnte, falls Führungskräfte europäischer Konzerntöchter eingeladen worden wären.

Die Bosse, und ihre Handlanger, die hier zusammensaßen, waren die Drahtzieher größter wirtschaftlicher Schweinereien. Sie wollten nicht nur, sie hatten bereits erhebliche Macht, nicht nur im eigenen Land. Viele Regierungen kleinerer Staaten tanzten den Reigen bereits mit, manche wussten es nur noch nicht. Andere ahnten es, aber wollten es gar nicht so genau wissen. Den Machthabern und Politikern dieser Staaten war es egal, wer ihre Bankkonten füllte, wichtig war nur, dass der Preis stimmte und sie dabei einen ruhigen Schlaf behielten.

Die Organisation wollte ihre Macht und ihren Einfluss festigen und erweitern. Nur aus diesem Grunde waren ihre Mitglieder zusammengerufen worden. Bisher hatte die GEFCOEM Einfluss auf die Finanzmärkte im Mittleren und Fernen Osten, in Asien, Indochina, Afrika und Lateinamerika. Und selbst in Nordamerika, ihrem eigenen Land, nahmen sie größten Einfluss. Mancher Politiker tanzte nach ihrer Pfeife und wenn nicht? Eine Kugel war billig. Ihr Einfluss reichte bis in die höchsten Zentren der Macht und bis in die Geheimdienste. Die größte Gefahr ging aber von den großen Investmentbanken aus, die immense Gewinne mit dubiosen Geschäften machten. Sie verlagerten die Risiken immer weiter nach außen, ohne dass ihnen von den Regierungen Einhalt geboten wurde. Ja, die Regierung stärkte ihnen sogar den Rücken, in dem sie die Forderungen der Europäer, die immer stärker nach Regulierung der Kapitalmärkte riefen, abblockte.

Im Augenblick wollten sie nicht nur ihre Absatzgebiete ausbauen und verteidigen, sondern auch Handelshemmnisse und noch bestehende Einschränkungen für den Kapitaltransfer beseitigen. Sie brauchten billige Rohstoffe und Energie. Alles drehte sich um Rohstoffe und die Kontrolle der Finanzströme. Außerdem wurden der Organisation die Europäer und deren Wirtschaft in letzter Zeit zu mächtig. Was würde erst geschehen, wenn sich in Europa die Regierungen nicht nur auf dem Papier, sondern wirklich einig werden und eine wirkliche Wirtschaftsunion bilden. Wenn sich der Euro als deren Währung weltweit durchsetzt? Was geschieht, wenn der Euro den Dollar als Leitwährung verdrängen sollte, weil sich verschiedene Länder vom Dollar abkoppeln? Das muss verhindert werden.

Die Europäer entzogen sich ja jetzt schon immer mehr dem Einfluss der amerikanischen Regierung und damit gleichzeitig, dem Einfluss großer Konzerne westlich des Atlantiks. Ja, einige europäische Regierungen tanzten nicht einmal mehr nach der Pfeife der Großmachtpolitik der USA. Im Besonderen sind die Mittel- und Westeuropäer, nach der ersten Rezession und zu Beginn der Globalisierung, in größtem Maße in die Einfluss- und Absatzgebiete des Kartells eingebrochen. Das wollte, und durfte man nicht länger dulden. Auch die immer weiter fortschreitende Einigkeit der Europäer untereinander barg die Gefahr der Abkoppelung in sich. Die Konferenzteilnehmer vertraten allgemein die Meinung: „Wofür haben wir denn die Rating Agenturen? Man sollte versuchen angeschlagene europäische Staaten, über ruinöse Bewertungen, kreditunwürdig zu machen. Damit könnte man sie in den Ruin treiben, in der Hoffnung, dass sie den Euro mitreißen. Das würde Europa nicht verkraften und die Idee von einem wirtschaftlich vereinigten Europa auf Augenhöhe mit den USA zunichtemachen.

Vorbeugend hatte man in Island und in Großbritannien Agitatoren eingesetzt. Die sollten in der Bevölkerung Abneigung gegen die europäischen Einigungsverträge und den Euro schüren, um damit die Abstimmungen zu beeinflussen.

Den Machern des Kartells war es vorher schon gelungen, Schwierigkeiten in die asiatischen Finanzmärkte zu tragen und daraus Kapital zu schlagen. Jetzt musste die tatsächliche, europäische Einigung verhindert werden. Ein starkes vereinigtes Europa, mit einer starken Währung wollte man nicht. Als Einzelstaaten waren sie auf den Schutz Amerikas angewiesen und konnten bequem in deren Strategie eingebaut werden. Bei einem vereinten Europa entstand aber neben China Russland und Japan ein weiteres Industriemachtgebilde, das man nicht wie bisher ignorieren konnte.

Der Versuch eine Einigung zu verhindern war in Europa, bisher großenteils gescheitert. Also musste das Kartell seine Aktivitäten in Mitteleuropa verstärken, und andere Prioritäten setzen. Das galt im Besonderen für Frankreich und Deutschland den Motoren des Ganzen, die immer öfter, auch politisch, andere Wege gingen. Deutschland war auf dem besten Wege Export Weltmeister zu werden, das würde die Gewinne des Kartells weiter beschneiden.

Nach der Begrüßung wandte sich Orwell Wudroff an die Anwesenden: „Meine Herren, die Panama-Group beobachtet schon lange argwöhnisch die Aktivitäten der Europäer. Im Besonderen aber die der Deutschen und Franzosen auf den Weltmärkten. Für uns wird es in Europa immer schwieriger entscheidenden Einfluss zu behalten. Deutschland als Mittelpunkt Europas und nach dem es durch den Fall der Mauer zur größten Industriemacht Europas wurde, liegt zu nahe an den Märkten im Osten. In Russland und in China schlummert ein riesiger Markt, den wir uns für die Zukunft eröffnen müssen. Die Märkte in Osteuropa werden wir den Westeuropäern nicht kampflos überlassen.“

Wudroff unterbrach sich kurz und nippte an seinem Glas. „Ich habe den Leiter des Bereiches ‚Ausland Aufklärung Europa‘, aus Frankreich, zur Berichterstattung kommen lassen. Er ist für die Beobachtung der europäischen Märkte und der dortigen Wirtschaft zuständig.“ Der Angesprochene mit dem Decknamen „Der Schweizer“, berichtete nun aus seiner Sicht. Er teilte zunächst mit, dass es trotz größter Anstrengungen noch nicht gelungen sei, Teile der deutschen Börse zu übernehmen selbst unter Einschaltung der englischen Börse und kapitalkräftiger Fonds.

Er teilte mit, dass die europäischen Großkonzerne, die Medien- und Pharmaindustrie, einschließlich der Automobilkonzerne, die Globalisierung im wahrsten Sinne des Wortes ernst nehmen. Wudroff ergänzte: „Uns ist es zwar gelungen auch in ihre Konzerne einzubrechen, als Beispiel möchte ich die pharmazeutische Industrie nennen. Doch die Europäer verstehen unter Globalisierung nicht, wie ursprünglich von uns angedacht, nur die weltweite wirtschaftliche Ausweitung unserer Wirtschaftsinteressen, nein! Die Europäer erdreisteten sich, in die amerikanischen Wirtschaftsdomänen und Märkte einzubrechen. Sie konnten sich Anteile an Unternehmen hier in den Staaten sichern, um über diese, in unseren ureigensten Märkten Fuß zu fassen. Ja, sie haben auf einigen Gebieten sogar die Aktienmehrheit erlangt, was selbst die PaCon nicht verhindern konnte.“

Ein Vertreter der Kommunikationsindustrie fuhr dann fort: „Neuerdings versuchen die Europäer, bei der Vergabe von UMTS Lizenzen, unsere, zum Kartell gehörenden und bietenden Konzerne gegeneinander auszuspielen. Dabei wollten die europäischen Regierungen kräftig absahnen.“ „Meine Herren!“ Meldete sich der Vorstand eines der größten Medienkonzerne der Neuen Welt. „Hier bietet sich für uns doch eine der besten Möglichkeiten, auf Kosten der Europäer unser eigenes Süppchen zu kochen!“ „Richtig! Das haben wir auch vor.“ Plötzlich herrschte Stille im Raum. Alle Augen richteten sich erwartungsvoll auf Wudroff.

„Bieten wir mit, versuchen wir die europäische Konkurrenz in schwindelnde Höhen zu puschen.“ „Nun, so einfach, wie Sie sich das vorstellen, wird das wohl nicht werden Mr. Wudroff. Die Europäer sind ja auch nicht blöd“, warf Steven Gordon, ein Ölmulti ein. „Im Gegenteil, es ist relativ einfach. Lassen Sie mich kurz das Ganze an einem Chart erläutern.“ Dazu ließ Wudroff eine Folie nach der anderen, die der Schweizer erstellt hatte, auflegen und auf die Leinwand projizieren. Wudroff erläuterte …“

Nach einer halben Stunde war man sich einig. Der Dreh- und Angelpunkt für diesen Deal war die deutsche Börse, dort brauchen wir die Aktienmehrheit. Das ist allerdings bisher fehlgeschlagen. Also versuchen wir zuerst die deutsche, italienische und französische Telekom und ein paar kleinere europäische Medien Konzerne unter unseren Einfluss zu bekommen. Gehören die erst zu uns, bestimmen wir, wo es lang geht. Wir können dann tendenziell über die Medien und den Markt die Bevölkerung beeinflussen. Haben wir erst die Medien und ihre Internetnetze, ist es ein Leichtes, daraus alle Informationen einschließlich Industriespionage abzuschöpfen. Wir könnten dann auch ihre Wahlen beeinflussen. In Italien ist das ja dem dortigen Medienmogul, mit seinem Presseimperium, schon gelungen. Außerdem brauchen wir mehr Einfluss auf ihre Schlüsselindustrien. Das sind, zumindest in Deutschland, aber auch in den anderen europäischen Staaten, die Automobil- und chemischen Industrien. Auch bei den Stahlkonzernen und den Werften müssen wir die Aktienmehrheit erlangen. Wenn es sein muss durch feindliche Übernahmen. Die Elektronische und IT-Komponente ist sowieso in vielen Fällen von uns abhängig.

Nach zwei Stunden konspirativer Sitzung war man sich einig, dass noch andere Maßnahmen ergriffen werden müssen. Aber vorläufig war das zuletzt behandelte Kapitel für Wudroff und die Bosse abgehandelt.

„Meine Herren darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten. Bevor wir uns dem Thema Energie widmen, genehmigen wir uns einen kleinen Imbiss. Kaviar, Hummer und Sonstiges, werden nebenan gereicht. Um die europäische Energiewirtschaft kümmern wir uns später.

KAPITEL 3

PROBLEME

Im Sekretariat von NE läutete das Telefon. „Nuklear Engineering, Mayer, was kann ich für Sie tun?“ Werner Münster vom Kernkraftwerk Schwümme meldete sich. Er wollte Thomas Hansen sprechen. „Tut mir leid, Herr Hansen ist nicht im Hause.“ „Dann geben Sie mir bitte Herrn Barosinsky.“ „Moment, ich verbinde.“

Werners Telefon läutete. Seine Vorzimmerfee fragte, ob sie Münster durchstellen kann. „Ja, natürlich.“ „Barosinsky“ meldete er sich. „Münster!“, klang es aus der Leitung. „Grüß dich Werner! Wie geht’s?“ „Ich grüße dich! Mir? Danke, der Nachfrage, gut und dir? Was verschafft mir die Ehre?“ „Ich kann nicht klagen. Eigentlich wollte ich ja Thomas sprechen, der ist aber, wie ich hörte, nicht im Hause. Bei dir bin ich ja auch an der richtigen Adresse.“

In diesem Metier kannten sich fast alle persönlich, und viele duzten sich, weil sie in den meisten Fällen schon jahrelang zusammenarbeiteten. „Es geht um unseren Beratervertrag mit Euch. Ich möchte eigentlich, dass Thomas wenn möglich, schnell zu uns kommt. Die Behörde verlangt von uns, dass wir die Reaktordeckelbolzen bei der nächsten Revision mit prüfen. Entweder prüfen wir jeweils vier Stehbolzen, bevor wir den Flutkompensator aufsetzen und vier nachher. Oder wenn es mit aufgesetztem Flutkompensator möglich wäre, alle 32 Bolzen nacheinander, parallel zu den anderen Prüfungen. Wir würden dadurch Zeit gewinnen und bräuchten nicht jedes Jahr, vor und nach der Flutkompensator Montage, die Bolzen prüfen, um den Vier Jahres Zyklus einzuhalten. „Ihr habt doch so ein Bolzenprüfgerät? Oder täusche ich mich da?“ „Nein, nein du hast schon recht Werner. Wir haben eins entwickelt. Ob es allerdings für Eure Bolzen passt, kann nur Thomas selbst entscheiden. Es wurde eigentlich für ein anderes Kraftwerk gebaut. Aber so weit ich weiß, lässt es sich mit relativ geringem Aufwand umrüsten. Dazu braucht man nur ein neues Gestänge und die entsprechenden Ultraschallköpfe. Ob das allerdings mit dem aufgesetzten Kompensator möglich ist, kann ich Dir nicht sagen, das kann nur Thomas. Wie eilig ist die Sache?“ „Nun das hängt davon ab, wie lange Ihr zum Neu- oder Umbau braucht. Die Bolzenprüfung soll auf alle Fälle gemeinsam mit der nächsten Revision laufen. Und zwar sofort, nach dem der Reaktordeckel abgenommen wurde und bevor der Flut Kompensator aufgesetzt wird. Es wäre allerdings sinnvoll, wenn jemand von Euch, am besten Thomas selbst kommen könnte.“

Werner unterbrach das Gespräch und fragte im Vorzimmer nach, wann Thomas aus Schweden zurück erwartet wird. Dann schaltete er sich wieder um. „Hallo Werner, bist Du noch dran?“ „Sicher!“ „Ich höre gerade, dass Thomas übermorgen zurückkommen wird. Ich versuche ihn zu erreichen, er könnte dann auf dem Rückweg bei Dir vorbei schauen. Für alle Fälle schicke ich einen unserer Techniker zu Euch. Der kann inzwischen die Maße abklären, sodass sich Thomas, wenn er bei dir ist, nur noch um das Zusammenspiel mit dem Kompensator zu kümmern braucht. Über einen schnellen Umbau des Gerätes kann nur er selbst entscheiden“. „O. K. Werner, du sagst mir noch Bescheid, wann euer Techniker, und Thomas kommen?“ „Klar! Mache ich. Ich muss nur vorher mit Thomas sprechen. Du hörst von mir, so bald ich Bescheid weiß. Gruß an deine Frau.“ „O. K., das wär’ s. Ebenfalls Grüße zurück.“ Werner Münster hängte ein. Barosinsky schob seinen Sessel zurück, trank noch schnell einen Schluck Kaffee, und ging in die Konstruktion zu Friedrich Weihrich.

„Herr Weihrich, sind Sie bitte so gut und stellen Sie die Konstruktionsunterlagen für das Bolzen Prüfgerät zusammen. Sie fahren Morgen nach Schwümme und überprüfen, ob wir mit unserem Gerät ohne große Veränderungen, eine Bolzenprüfung fahren können. Herr Hansen wird dort zu Ihnen stoßen. Wenn Sie alle Unterlagen haben, geben Sie mir Bescheid. Bis dahin weiß ich auch, wann Hansen im Kraftwerk eintreffen wird.“

Werner Barosinsky hatte Thomas telefonisch gebeten, auf dem Rückweg aus dem schwedischen Forsmark, über Göttingen zu fahren und in Schwümme vorbei zu sehen. Thomas flog deshalb mit der SWF von Stockholm bis København. Dort nahm er die Nachtverbindung nach Hamburg und fuhr von dort mit dem Zug nach Göttingen, das er morgens um halb sieben, erreichte. Er frühstückte in einem Bäckerei-Kaffee und ließ sich dann mit einem Taxi ins Kraftwerk fahren.

In Schwümme erwarteten ihn Münster und Weihrich. Sein Techniker hatte anhand der Zeichnungen alles abgeklärt und festgestellt, dass die Änderungen nur geringfügig sein würden. Der Flutkompensator stand neben dem Abklingbecken. Dass ihr Gerät an der Kegelaufweitung des Flutkompensators nicht vorbei kommen würde, sah Thomas auf den ersten Blick. Der Kegel steht dem Prüfgestänge und Motor im Wege. Wollten sie ohne Neubau auskommen, müssten die Bolzen vor dem Aufsetzen des Flutkompensators geprüft werden. Sie benötigen außer anderen Prüfköpfen dann nur eine Verlängerung des Gestänges. Für eine Neukonstruktion würde die kurze Zeit nicht reichen. Schließlich verabredete Hansen mit Münster, dass ihm NE noch in den nächsten Tagen ein Angebot schicken würde, und fuhr mit Weihrich mit zurück nach München.

Während der Fahrt sprachen sie über die bevorstehende Geräteänderung. Danach wandte sich Weihrich an Hansen: „Was ich immer noch nicht so ganz verstanden habe, wofür braucht man eigentlich den Flutkompensator, und wie funktioniert der?“ Thomas überlegte einen Augenblick. „Wissen Sie Weihrich, solange der geschlossene Reaktor in Betrieb ist, bleibt der Schacht über dem Reaktordruckbehälter trocken. Rund um den Reaktordruckbehälter verläuft ein ca. 30 cm breiter Ringspalt, der mit Isoliermatten gefüllt ist, um den Beton vor der Hitze zu schützen. Neben dem Reaktor befinden sich, rechts und links des trockenen Schachtes, große Wasserbecken, ähnlich wie in einer Schwimmhalle nur sind die sehr viel tiefer. Ihr Boden liegt weit unter der Flanschkante des Reaktors. Die Oberkante der Becken ist so hoch, dass später, wenn bei geöffnetem Reaktor der Kompensator eingefahren und geflutet worden ist, ca. zehn Meter Wasser über den Brennelementen stehen. Diese Becken sind mit hochentsalztem und deionisiertem Wasser gefüllt. Das kleinere Becken dient bei Siedewasserreaktoren zum Lagern der Inneneinbauten, wie Wasserabscheider und Dampftrockner. Die müssen zum Brennelementewechsel aus dem Reaktor entfernt werden. Das andere Becken dient der Lagerung und Kühlung der abgebrannten Brennelemente. Die müssen darin so lange stehen bleiben, bis Strahlung und Wärmeentwicklung so weit abgeklungen sind, dass sie in Castoren transportiert werden können. Sie wissen ja, Wasser ist ein sehr effektiver, natürlicher Schutz vor radioaktiver Strahlung. Der Schacht zwischen diesen beiden Becken, in dem der Reaktor steht, ist trocken und zu den anderen Becken mit seitlichen Schleusen abgedichtet. Er hat eine Bodenöffnung, durch die der Reaktordeckel gezogen werden kann.“

Wird der Reaktor zur Revision abgeschaltet und ist er so weit runtergekühlt worden, dass an ihm gearbeitet werden kann, werden nach der Druckentlastung die sehr großen Muttern von den Stehbolzen geschraubt, und der Deckel abgehoben. Der Reaktordeckel strahlt nur sehr gering, wird abgewaschen und neben dem Becken abgestellt. Sie haben ja gesehen, dass der Flutkompensator oben und unten mit Flanschen versehen ist. Er wird eingehoben und anstelle des Deckels auf den Druckbehälter gesetzt. Der trichterförmige Flutkompensator sitzt mit dem kleineren Flansch auf dem Reaktordruckbehälter und dichtet mit seinem oberen Flansch das noch trockene, mittlere Becken nach unten ab. Ist er anstelle des Deckels aufgesetzt und dicht verschraubt, wird das Becken über dem offenen Reaktor geflutet. Der Ringraum um den Reaktordruckbehälter und das Containment bleiben trotz Flutung trocken, sodass darin gearbeitet werden kann. Steht das Deionat dann in allen drei Becken gleich hoch, werden die Trennschleusen zwischen den Becken gezogen und eine Verbindung zu den Seitenbecken eröffnet.“

„Warum eigentlich?“ Wollte Weihrich wissen. „Über den Brennelementen stehen jetzt 10 Meter, hochentsalztes (deionisiertes) Wasser. Zum Brennelementewechsel muss zuerst der über den Brennelementen stehende, stark strahlende Wasserabscheider mit Dampftrockner angehoben werden und unter Wasser im Abstellbecken abgestellt werden. Danach stehen wieder ca. 10 Meter Wasser darüber. Auf die gleiche Weise werden die abgebrannten Brennelemente gezogen und im Zweiten, dem Abklingbecken, abgesetzt. Das heißt, alle stark strahlenden Teile bleiben tief genug unter Wasser und werden rundum durch Wasser abgeschirmt und gekühlt. Wegen der Höhe des über dem Reaktor stehenden Wasserspiegels herrscht am Beckenrand für gewöhnlich, die geringste Strahlung. Das sollten Sie sich für die Zukunft merken. Aber das wird Ihnen Ihr Vater sicher beim nächsten Einsatz beibringen“, meinte Thomas. Der Sohn von Günther Weihrich war erst seit einem Jahr in der Firma. Sein Vater dagegen schon fast 15-Jahre und ein alter Hase.

Weihrich benutzte die Gelegenheit, um Thomas zu fragen, wie hoch die Gefährdung durch Strahlung wirklich sei. Thomas hatte Weihrich im Kraftwerk beobachtet. Er hatte bei ihm verschiedentlich Strahlenängste bemerkt, die relativ groß zu sein schienen. Deshalb versuchte er, ihm die Angst etwas zu nehmen. „Ach wissen Sie Weihrich, jede Strahlenquelle ist im gewissen Maß gefährlich, es kommt nur darauf an, wie stark sie ist, und wie lange man ihr ausgesetzt wird.“ Später kamen die Beiden, auf eine bevorstehende Großdemonstration im Wendland zu sprechen. „Ich glaube um die Endlagerung geht es eigentlich gar nicht“, meinte Thomas. „Die wird sein müssen ob wir wollen oder nicht. Sie ist wegen der hoch radioaktiven Stoffe ein Langzeitproblem, das gelöst werden muss. Trotzdem werden wir mit dieser Gefährdung leben müssen.“

„Die wesentlich akuteren und gravierenderen Gefahren sehe ich in den Folgen der Atompolitik. Die Probleme liegen nicht so sehr in der Technik, die ist inzwischen ein ganzes Stück fortgeschritten. Die Atomindustrie müsste sich nur an das technisch Mögliche halten und ohne Druck von außen, freiwillig nachrüsten. Dann wäre ein Großteil der Ängste in der Bevölkerung erst gar nicht entstanden. Und wenn sich die Betreiber auch noch korrekt an die Gesetze und Vorschriften halten würden, wäre mir weniger Angst. Nach heutigem Stand der Technik ist es sicher sinnvoll, einen Teil der neueren Kernkraftwerke entsprechend nachzurüsten. Für eine Übergangszeit wäre das vertretbar. Aber alle älteren Kernkraftwerke, besonders die mit Siedewasserreaktoren müssten zugunsten regenerativer Energien stillgelegt werden. Das wäre vernünftig und macht Sinn.“ „Und warum tun sie es dann nicht?“ „Ja wissen Sie Weihrich, das ist so eine Sache mit der Gier und Begehrlichkeit. Das Nachrüsten ist den Konzernen zu teuer. Da kriegen einige den Hals nicht voll genug. Den Konzernen kommt es nur auf Gewinnmaximierung an, und die Regierung spielt indirekt dabei auch noch mit. Denn sie will von dem Milliarden Gewinnen der Atomindustrie, die nach den Abschreibungen durch Laufzeitverlängerung gemacht werden, einen Teil abhaben. Sie merkt nur nicht, oder will es nicht merken, dass ihr die Großkonzerne längst das Heft des Handelns aus der Hand genommen haben.“

„Ich glaube, aus Angst vor den Konsequenzen hatten unsere Politiker der Atomindustrie, insbesondere den großen Konzernen zu große Zugeständnisse gemacht. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass unsere Regierung erpresst wurde.“ „Das ist doch gar nicht möglich? Oder doch?“ „Gesetzt den Fall, das Finanzministerium will mehr von den Gewinnmilliarden abschöpfen. Was würden Sie als Boss eines der großen Stromerzeuger dazu sagen?“ Weihrich überlegte kurz und meinte: „Wahrscheinlich würde ich zu der Einsicht kommen, das oder die Kraftwerke rentieren sich nicht mehr und würde damit drohen sie dicht zumachen.“ Thomas lächelte. „Schon möglich, und wenn Sie dann auch noch sagen würden, ich mache ausgerechnet die Kernkraftwerke dicht, die Ballungsräume und Großindustriebetriebe mit Grundlastenergie versorgen.“ „Ich glaube da würde die Regierung kalte Füße kriegen.“ „Das wäre denkbar“, meinte Thomas, „obwohl schon einige alternative Energie-Erzeuger zur Verfügung stehen.“ Weihrich sah Thomas zweifelnd an. „Es gibt Regionen mit viel regenerativer Energie, wie Windkraftanlagen, die teilweise stillstehen, weil nicht genügend Strom zu den Verbrauchern gebracht werden kann.“ „Wieso das?“ „Wegen der fehlenden oder maroden Fernleitungsnetze, die wahrscheinlich gerade aus dem Grund nicht nachgerüstet wurden. Würden also die Konzerne bestimmte Kernkraftwerke vorzeitig abschalten, hätte die Regierung nicht nur die Großindustrie mit viel Energieverbrauch im Nacken, sondern auch die Länderregierungen. Zusätzlich den kleinen Mann auf der Straße, den Wähler, der dann entweder wegen eingeschränkter Produktion oder Stilllegung den Arbeitsplatz verliert.“

„Ich glaube“, meinte Thomas, „weil die Regierung trotzdem von den Gewinnen aus der Laufzeitverlängerung partizipieren will, gab sie nach. Ich befürchte nur, dass sie sich dabei über den Tisch ziehen ließ. Sie ist möglicherweise aus Angst vor kurzfristigen Stilllegungen auf wesentlich geringere Forderungen für die Nachrüstung eingegangen. Und dann hat man den Betreibern auch noch ein Zugeständnis gemacht, sie können vom Gewinnanteil der Regierung, für den Fall, dass die Nachrüstungen teurer werden als festgeschrieben, die Mehrkosten wieder abziehen. Das ist die eine Seite der Medaille.“

„Und welche ist die Andere?“, wollte Weihrich wissen. „Die andere Seite ist, dass die Planungssicherheit, die man durch die Ausstiegsgesetze den alternativen Energieerzeugern gegeben hat, plötzlich hinfällig wird. Denn solange Atomkraftwerke laufen, haben alternative Energien kaum eine Chance, mit ausreichenden Gewinnen in den Strommarkt einzuspeisen. Das wiederum hat aber Folgen. Die Banken, die diese Alternativen Energien eigentlich durch Kredite finanzieren sollten, bekommen kalte Füße. Sie haben Angst, dass die kleineren Energie-Erzeuger ihre Kredite nicht mehr bedienen können, weil ihnen die großen Energiekonzerne den Strom kurzfristig nicht abnehmen. Schaffen es dennoch einige Kleinere, in den Strommarkt einzusteigen, besteht für sie immer die Gefahr, dass ihnen nicht genügend Netzkapazität zur Verfügung gestellt wird. Gehen sie aber, wegen des zu geringen Absatzes pleite, können sie von den Großen um ein Butterbrot übernommen werden. „Ja da gibt es aber doch Abnahmegarantien für den Strom aus alternativen Kraftwerken. Da können doch die Alternativen darauf bestehen.“ „Das ist im Prinzip schon richtig aber, nehmen wir als Beispiel die Windenergie. Mal ist ungenügend oder zu viel Wind vorhanden, manchmal gar keiner. Der Strom wird aber kontinuierlich gebraucht, besonders in den Hauptbetriebszeiten.“ „Nun dann kann man doch die Kernkraftwerke zurück, und wenn mehr Strom gebraucht wird, wieder hochfahren.“ „Wenn das so einfach wäre, wie es immer dargestellt wird, um die Bevölkerung zu beschwichtigen, dann wäre es ja gut. Aber so ist es eben nicht. Kernkraftwerke fahren nur dann rentabel, wenn sie wesentlich über 80 Prozent ausgelastet sind. Außerdem können Kernkraftwerke kurzfristig die Energie nur in kleinen Regelbereichen um die 4 bis 5 % über Generatorfrequenzen, rauf und runter regeln, um Schwankungen auszugleichen, aber auch dafür braucht man Zeit. Zum Absenken und wieder Hochfahren der elektrischen Leistung um mehr als 10 Prozent, müsste man auf Dampfregelung übergehen, das ist aber sicherheitstechnisch problematisch, denn der Reaktor benötigt dazu normal einige Stunden. Für größere Absenkungen bis zu 50 % der Nennleistung benötigt man ca. 10 Stunden und mehr. Für Absenkungen über 50 % der Nennleistung wird es noch problematischer. Muss man ganz ‚runter fahren‘, braucht man zum ‚wieder Anfahren‘ der Aktivitätsrate Tage. Außerdem sind die Konzerne nach dem Aktiengesetz verpflichtet, den größtmöglichen Gewinn für ihre Aktionäre zu erzielen. Auch das verhindert, dass Kraftwerke in die Verlustgrenze von unter 80 Prozent Auslastung gefahren werden. Der Regelfall ist sogar, dass Kraftwerke mit mehr als 100 Prozent Nennleistung fahren.“ „Da wird man ja von allen Seiten beschissen!“, platzte Weihrich heraus. „Da bescheißt uns einerseits die Regierung, weil sie uns etwas vorgaukelt, das dann praktisch gar nicht realisiert werden kann. Und andrerseits die Konzerne, die sich, wenn überhaupt, an Gesetze und Verordnungen, die ihnen nicht passen nur zögerlich halten.“ „Jetzt verstehe ich auch, warum sich die Konzerne mit Händen und Füßen gegen den Ausstieg sträuben. Man erzählt uns zwar, wie’s gemacht werden soll, verheimlicht uns aber, dass es so gar nicht gemacht werden kann.“ „Gut erkannt Weihrich. Jetzt wissen Sie auch, warum sich die Leute im Wendland arrangieren. Sie protestieren nicht hauptsächlich wegen der Einlagerung von Atommüll, was ja sein muss. Das zwar auch, aber das ist nur der Auslöser. Sie protestieren eigentlich gegen den Wahnsinn der Laufzeitverlängerung durch die Regierung. Dadurch entstehen erhebliche Mengen hoch radioaktiven Mülls mehr als beim Ausstieg angefallen wäre. Aber ein weiteres Problem wird der Menschheit verschwiegen, dass durch die Laufzeitverlängerung auch ein sehr viel höheres Potenzial an mittelaktivem Abfall erzeugt wird. Auch der belastet und muss entsorgt werden. Denn je länger ein Kernkraftwerk in Betrieb ist desto größer wird auch das durch Strahlung aktivierte Potenzial, das zusätzlich noch jahrelang strahlt. In Wirklichkeit ist alles noch wesentlich komplizierter, denn auch die Nachzerfallwärme wird größer und muss länger gekühlt werden, aber das würde uns hier zu weit führen. Sie sehen also, ein Großteil der Bevölkerung lässt sich nicht mehr für dumm verkaufen. Viele informieren sich übers Internet, geraten dort allerdings auch an Veröffentlichungen der Betreiber. Die natürlich schöngefärbt mit Vorsicht zu genießen sind.“ „Also Beschiss auf der ganzen Linie. Und warum machen dann die Behörden, der TÜV und die Gutachter das Ganze mit?“ „Überlegen Sie mal. Zunächst stehen völlig unabhängige Experten nicht zur Verfügung. Wenn Sie aber, als einer von Ihrer Prüforganisation abhängiger Experte, etwas beurteilen müssten, was Ihre eigene Existenz gefährdet, wie würden Sie sich dann entscheiden? Wie würden Sie dann urteilen? Würden Sie versuchen Ihr Urteil so zu beschönigen, dass ihr Arbeitsplatz erhalten bleibt, oder nicht?“ „Ich glaube, die Frage beantwortet sich von selbst.“

KAPITEL 4

VERSCHWÖRUNG

Im Panama Resort wurde nach dem Essen die Konferenz fortgesetzt. Der Schweizer berichtete im Zusammenhang mit den Ostgebieten über Europas Engagement. Besonderes Interesse fanden die Zusammenhänge zwischen Energieerzeugung und Produktion. Der Schweizer hatte zunächst Öl und Erdgas, das von Nordsee Anrainerstaaten off Shore gefördert wurde, ausgeklammert. Mitglieder des Kartells sind dort an der Förderung beteiligt.

Aus Sicht der Abteilung Ausland Aufklärung ergab sich folgendes Bild: „Erdgas und alternative Energien spielen bei der Stromerzeugung neben der Atomenergie eine immer größer werdende Rolle.“ „Erdgas aus Russland gewinnt zunehmend an Bedeutung.“ „Damit befassen wir uns ein anderes Mal“, rief Wudroff dazwischen, „momentan haben wir darauf keinen Einfluss und müssen uns erst eine Basis schaffen.“ „Das ist zwar richtig, aber es kann in den nachfolgenden Überlegungen nicht übergangen werden“, erläuterte der Schweizer.

„Die Franzosen und Deutschen“, fuhr er fort, „liefern billigen Atomstrom. Das sind ca. 25 bis 30 Prozent des europäischen Gesamtbedarfs an elektrischer Energie. Der Anteil der anderen europäischen Staaten ist demgegenüber verhältnismäßig klein.“ „Diese Tatsachen sind uns schon bekannt und ein Dorn im Auge, wir werden ihnen erhöhte Aufmerksamkeit schenken!“, unterbrach ihn Wudroff. „Dazu kommen in verstärktem Maße die billigen Erdgaslieferungen aus Russland“, fuhr der Schweizer ohne sich beirren zu lassen fort. „Wer über billige Energien verfügt, kann ohne Zweifel billiger produzieren als andere. Das gilt selbst dann noch, wenn Arbeitskräfte teuer sind und durch Gewinnmitnahmen konsumtiv große Kapitalmengen abgeschöpft werden. Das trifft besonders für Deutschland, und in geringerem Maße auch für Frankreich zu.“

Der Schweizer räusperte sich und trank einen Schluck Wasser, als wolle er sich für die nächsten Aussagen stärken. „Ich werde ihnen am Beispiel Deutschland die Zusammenhänge erläutern. Seit 2000 stieg die Ausfuhr aller gewerblichen Güter von rund 321000 Millionen € bis heute, auf runde 597 000 Millionen €.“ Anschließend erläuterte er die Zahlen nach Vor- und Endprodukten. Dem gegenüber stehen die Einfuhrzahlen mit 291 000 zu 481000 Millionen € mit einem immer stärker zu unseren Lasten steigenden Überschuss der Handelsbilanz. Auf diesen Sektoren, 30 Milliarden zu Beginn des Jahrhunderts. Bis heute sind es 116 Milliarden €, das sind Verluste, die das Kartell innerhalb des letzten Jahres mit 10,3 % und heute mit nahezu 20 % deutlich belasten. Nehmen wir den momentan wieder sinkenden Wert des Euro, dann brauchen wir uns nicht wundern, warum unser Europageschäft in den letzten Jahren bis zu 25 % in die Knie gegangen ist.“ „Ja, der Dollar sinkt doch auch und müsste das wieder ausgleichen.“ „Wie lange noch, dann werden uns die Rating-Agenturen abstufen, und dann zahlen wir mehr Zinsen für Kreditlinien und das verteuert unsere Produkte noch stärker“, ließ sich einer der Banker vernehmen. „Signifikant ist dabei“, fuhr der Schweizer fort, „dass sich die Energieerzeugung und der Handelsbilanzüberschuss in Europa nach einer annähernd ähnlichen Kurve steigern.“