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Ein Leben im Schatten – ein unsterbliches Erbe … Als die Historikerin Madeleine ein jahrhundertealtes Tagebuch findet, stellt sie dazu Nachforschungen in Canterbury an – und erfährt Unglaubliches über die berühmteste Stickarbeit des 11. Jahrhunderts: England im Jahr 1064. Die junge Stickerin Leofgyth wächst in einer unsicheren Zeit am Hofe König Edwards auf. Intrigen sind an der Tagesordnung, denn der König ist sterbenskrank und es kündigt sich ein Machtwechsel an. Doch trotz der Gefahr harrt Leofgyth aus, denn sie wurde von Königin Edith mit einer wichtigen Aufgabe betraut: Gemeinsam mit ihrem Lehrer, dem Mönch Odericus, der ihr Lesen und Schreiben beibrachte, soll sie als Erste Stickerin des Hofes eine Chronik in Bildern schaffen – den sagenhaften Teppich von Bayeux … - Canterbury; 11. Jahrhundert und Gegenwart - Ein opulenter historischer Roman auf zwei Zeitebenen über die berühmteste Stickarbeit des Mittelalters – und die Intrigen, die darum gesponnen wurden ... - Für Fans von Rebecca Gablé und Tanja Kinkel »Man weiß gar nicht, auf welche Zeitebene man sich mehr freuen soll!« Die Buchrebellin auf Amazon.de
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Seitenzahl: 537
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Über dieses Buch:
Als die Historikerin Madeleine ein jahrhundertealtes Tagebuch findet, stellt sie dazu Nachforschungen in Canterbury an – und erfährt Unglaubliches über die berühmteste Stickarbeit des 11. Jahrhunderts: England im Jahr 1064. Die junge Stickerin Leofgyth wächst in einer unsicheren Zeit am Hofe König Edwards auf. Intrigen sind an der Tagesordnung, denn der König ist sterbenskrank und es kündigt sich ein Machtwechsel an. Doch trotz der Gefahr harrt Leofgyth aus, denn sie wurde von Königin Edith mit einer wichtigen Aufgabe betraut: Gemeinsam mit ihrem Lehrer, dem Mönch Odericus, der ihr Lesen und Schreiben beibrachte, soll sie als Erste Stickerin des Hofes eine Chronik in Bildern schaffen – den sagenhaften Teppich von Bayeux …
Über die Autorin:
Kylie Fitzpatrick wurde in Kopenhagen geboren und wuchs in Australien auf. Sie arbeitete für Spiel- und Dokumentarfilmproduktionen in England und Los Angeles. Heute ist sie als Autorin, Pädagogin und beratende Redakteurin tätig. Ihre historischen Romane wurden in mehreren Sprachen veröffentlicht.
Die Website der Autorin: https://www.kyliefitzpatrick.net/
Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die Romane »Am Horizont das rote Land« und »Der geheime Faden«.
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eBook-Neuausgabe April 2025
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2003 unter dem Originaltitel »Tapestry«.
Copyright © der englischen Originalausgabe Kylie Fitzpatrick 2003
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2003 by Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG, München/Marion von Schröder Verlag
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (vh)
ISBN 978-3-98952-646-4
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Kylie Fitzpatrick
Der geheime Faden
Historischer Roman
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel
dotbooks.
Widmung
Motto
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Dank
Lesetipps
Für Sean
Weiden leuchten, Espen beben,
Sanfte Brisen leicht sich heben,
Durch die Welle, ewig fließend,
Bei der Insel in dem Fluss
Graue Mauern, graue Türme
Überschauen Blumenmeere,
Und die Insel still umhüllt
Die Lady von Shallot.
Dort webt sie bei Tag und Nacht
Ein Zaubertuch von bunter Pracht.
Alfred Lord Tennyso
3. Juni 1064
Ich bin kein Chronist, mein Handwerk ist die Arbeit mit Nadel und Faden. Schon als ich meine Mutter das erste Mal in die Werkstatt zu Canterbury begleitete, waren meine Stiche feiner und meine Finger flinker als die der älteren Frauen. Um sich nicht einem Kind unterlegen fühlen zu müssen, erklärten sie, ich hätte eine besondere Gottesgabe. Als kleines Mädchen half ich bereits dabei, ein Gewand aus persischer Seide mit Goldfaden und Perlen zu besticken, für König Knut, den gefürchtetsten aller Dänenkönige, die je die Sachsenkrone trugen.
In den dreieinhalb Jahrzehnten, die ich jetzt auf der Welt bin, war mir das Glück beschieden, das verheerende Wüten der dänischen Eindringlinge nicht miterleben zu müssen, nicht jene Gräuel mit ansehen zu müssen, die jetzt grausame Geschichten sind, von den Geschichtenerzählern ausgeschmückt wie Tuch, das man mit farbigen Fäden verziert. Wenn ich Geschichtenerzählerin wäre, würde ich nicht von tödlichen Schlachten in fernen Gefilden erzählen, sondern von den noch viel grimmigeren Schlachten in den unbekannten Gefilden des Herzens, zwischen Gegnern, die einander eng verbunden sind. Aber ich bin keine Geschichtenerzählerin, ich bin Leofgyth, Erste Stickerin am Hofe König Edwards und seiner Gemahlin Edith, und an diese Aufgabe hier hat mich der Mönch Odericus gesetzt, der sagt, um die Worte wirklich zu meistern, muss man täglich üben. Tatsächlich bin ich inzwischen schon recht geübt, aber durch das Schreiben fühle ich mich nicht so allein, und so habe ich jetzt, wenn mein Ehemann Jon im Gefolge des Königs reitet, sowohl Nadel als auch Federkiel zur Gesellschaft. Odericus sagt, ich bin zwiefach von Gott gesegnet, weil ich mit Worten ebenso umgehen kann wie mit Fäden, wenn es ihn auch sehr zu verwundern scheint, dass eine Frau überhaupt etwas zu schreiben hat.
Der Palast von West Minster liegt westlich des breiten Flusses, der London teilt. Er wurde erbaut, als König Edward verfügte, dass seine Residenz, sein Hof und sein Parlament von Wasser umgeben sein sollten. Es ist ein mächtiger Bau aus weißem Stein, mit einem Turm, anders als die hölzernen Königssäle von Winchester und London.
Edward wurde, als sein Vater Ethelred den Sachsenthron verlor, in die Normandie geschickt und fand dort Gefallen an erlesenem Wein und flämischem Tuch und an jenem jungfräulich weißen Stein, aus dem er jetzt seine mächtige Abteikirche zu West Minster errichten lässt. Die Normannen bauen wie die Römer lieber aus Stein als aus Holz und Lehm. Steinwände sind kalt und stumm, aber ihre Stärke gibt Edward ein Gefühl der Sicherheit, denn selbst jetzt, da sein alter Rivale Earl Godwin tot ist, fehlt es ihm nicht an Feinden. Stein wehrt auch besser dem eisigen Atem des Winters, der in die dünnen Flechtwerkwände meines Hauses fährt, dass es erzittert. In den Wintermonaten weiß ich König Edwards normannische Lebensart am meisten zu schätzen.
Der Stein des Königs wird zu Schiff aus Caen gebracht, und es sind immer sechs Männer vonnöten, um einen der gewaltigen Brocken zu tragen. Der Bau der Abtei führt viele Handwerker und Händler nach West Minster und auf den Londoner Markt. Steinmetze kommen aus dem ganzen Land und vom Kontinent herbei, um mächtige Säulen, so dick und rau wie Baumstämme, zuzuhauen. Die Steinmetze sitzen stundenlang da und meißeln auf riesige Steinklötze ein, die sich über Wochen und Monate kaum verändern. Dann, plötzlich, verwandelt sich der Stein wie von Zauberhand in einen mitten im Flug erstarrten Engel oder die Rüstung eines Königs. Kein Wunder, dass die Leute hier Angst vor den Steinmetzen haben und sie im Besitz von Hexenkünsten wähnen.
In König Edwards Thronsaal hängt eine Stickerei, die den größten aller Sachsenkönige zeigt, ein Geschenk Königin Ediths an ihren Gemahl. Ich habe dieses Bildnis des Königs Alfred gestickt, nach den Anweisungen der Königin, denn sie weiß genau, welche Fäden man in das Tuch ziehen muss, damit es von Farbe singt. Silber, sagte sie, für die Mähne Von Alfreds Streitross, und goldene Zügel, funkelnd von winzigen Perlen, und die Rüstung des Königs aus dicht gesetzten blutroten Rubinen.
Während ich Seidenfäden in das feine flandrische Tuch zog, fragte ich mich, wie der große König Alfred wohl über die Söhne seiner Söhne und Erben seiner Krone denken würde. Alfred war es, der die Stämme dieser Insel zusammenschloss und aus ihr ein vereinigtes Königreich machte, ehe Ethelred sich von den Dänenkönigen überlisten ließ. Alfred war es, der alle Stammesfürsten überzeugte, dass kein Stamm allein sich gegen die mordenden Nordländer wehren könnte, dass aber, wenn sie sich zusammenschlössen, ihre Dörfer vielleicht zu retten wären. Nach ihm gab es keinen Kriegerkönig mehr, der mit Stolz den Drachenharnisch hätte tragen können, und manche Leute sagen, der sächsische Drache schläft tief in einer dunklen Höhle und wartet auf den wahren König, der ihn wecken wird. Zudem war König Alfred ein gebildeter Mann, und unter seiner Herrschaft begannen die Mönche von St. Augustin, die Geschichte dieser Insel niederzuschreiben. Jetzt wird König Alfreds Sachsenchronik von den Mönchen von Canterbury weitergeführt, und Odericus ist es, der die Geschehnisse an König Edwards Hof aufzeichnet. Ich habe ihm im Scherz erklärt, ich würde meine eigene Chronik beginnen und, falls er etwas auslassen sollte, seine Aufgabe übernehmen, aber an seinen dunklen Augen konnte ich nicht ablesen, ob ihn meine Worte freuten oder ärgerten, und wie es seine Art ist, schwieg der Mönch nur.
Inzwischen besteht Alfreds einstiges Reich aus Earldoms, wie die Dänenkönige diese Gebiete nennen, und dort herrschen nicht mehr Stammesfürsten, sondern Earl Godwins Söhne. Das Haus Godwin beherrscht alle Earldoms in Edwards Königreich bis auf eines, und es hat mehr Land unter sich als der König selbst.
Königin Edith ist Godwins Tochter, und ihre Brüder Harold und Tostig sind die mächtigsten unter Edwards Earls. Das feine Gewirk des Friedens, den König Edward wahrte, ist jetzt fadenscheinig, denn die Godwins streiten sich um seine Nachfolge. Der König geht so langsam, dass er kaum vom Fleck zu kommen scheint, und seine Schultern sind gebeugt, als läge eine schwere Last auf ihnen. Sein gekröntes Haupt ist oft gesenkt, sein Geist traumentrückt. Dann reicht ihm der Bart, der so weiß und dünn ist wie Sommerwolken, bis auf die Brust. Die alte Blutslinie der Sachsenkönige steht und fällt mit dem König, der nicht mehr lang leben wird und dessen Gemahlin kein Kind geboren hat.
Madeleine schaute auf die Uhr. Es dauerte eine Weile, bis sie die römischen Zahlen des Zifferblatts erkennen konnte. Deutete der kleine Zeiger wirklich auf das »X«? Das durfte doch nicht wahr sein! Nach einem Moment der Verwirrung kam sie zu dem Schluss, dass es tatsächlich schon kurz nach zehn Uhr morgens war und sie geschlagene zwei Stunden damit verbracht hatte, einen mittelalterlichen Text aus dem Lateinischen zu übersetzen. Jetzt musste sie sich extrem beeilen. Sie schoss von ihrem Schreibtisch hoch und stieß in ihrer Hektik gegen einen Stapel mit unkorrigierten Klausuren, die sie an den wenig erfreulichen gestrigen Abend erinnerten. Gleich beim Aufwachen hatte sie es bitter bereut, dass sie drei Gläser von dem mittelmäßigen Syrah getrunken hatte, um sich über das miserable Niveau der Klausuren hinwegzutrösten. Und das, obwohl sie genau wusste, dass sie sich solche Eskapaden nicht leisten konnte, wenn sie am nächsten Morgen eine Vorlesung über die Aufteilung des Reiches Karls des Großen halten musste. Und diese Vorlesung begann in einer knappen halben Stunde.
Sie rannte ins Bad und bemühte sich, ihre Gedanken irgendwie wieder ins einundzwanzigste Jahrhundert zurückzuholen. Es ärgerte sie maßlos, wenn sie morgens hetzen musste. Keine zehn Minuten später hüpfte sie bereits auf einem Bein zurück in ihr Arbeitszimmer und zog den Reißverschluss an ihrem Stiefel hoch, während sie sich gleichzeitig umschaute, ob sie noch etwas mitnehmen sollte. Ein eher vergebliches Unterfangen – das Zimmer war chaotisch, weil sie hier alles unterbringen musste, was in ihrem kleinen Büro in der Universität, das sie mit einem anderen Dozenten teilte, keinen Platz fand. In letzter Zeit hatte sie sich angewöhnt, zu Hause zu arbeiten; Rosa fand, sie ziehe sich in einen »ungeselligen Kokon« zurück – aber Rosa machte öfter solche Bemerkungen, und Madeleine hatte längst gelernt, diese nicht allzu ernst zu nehmen.
Ihr Blick fiel auf den Schreibtisch, wo der säuberlich abgeschriebene lateinische Text lag, der heute Morgen mit der Post gekommen war. Irgendetwas an diesem Dokument hatte sie sofort in seinen Bann gezogen. Seinetwegen war ihr jedes Zeitgefühl abhandengekommen. Der Begleitbrief ihrer Mutter lag noch ungelesen daneben. Madeleine steckte ihn schnell in ihre Handtasche, ehe sie fluchtartig die Wohnung verließ.
Auf dem Weg von ihrer Wohnung zur Universität kehrten ihre Gedanken immer wieder zu dem Grund ihrer Verspätung zurück. Das Dokument war nicht in angelsächsischem Latein verfasst, wie sie zuerst angenommen hatte, sondern in Kontinentallatein – der Sprache, die von den römischen und normannischen Priestern verwendet wurde, die um die Jahrtausendwende nach England gelangt waren. Aber die – mit Sicherheit – fiktive Erzählerin war verblüffenderweise eine Frau aus dem elften Jahrhundert, kein Mönch. Das war eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Wo hatte Lydia diesen Text abgeschrieben? Madeleines Mutter las so gut wie nie Romane, abgesehen von ihren gelegentlichen – und unerklärlichen – Ausflügen in die russische Literatur. Komisch war auch, dass Lydia den lateinischen Text von Hand abgeschrieben hatte, ehe sie ihn abschickte, statt ihn einfach zu fotokopieren. Bestimmt erklärte sie das alles in ihrem Brief. Madeleines Mutter war schon im Ruhestand und lebte jetzt in Canterbury, nachdem sie viele Jahre in London die Geschichte des Hauses Tudor im 15. und 16. Jahrhundert unterrichtet hatte. Vielleicht war sie dabei, ihr Interessengebiet auszuweiten?
Die kühle Luft der Normandie sorgte dafür, dass ihr Kopf wieder klar war, als sie das Gebäude der historischen Fakultät betrat, das am westlichen Ende des Universitätsgeländes lag. Den Gedanken an die Übersetzung konnte sie allerdings immer noch nicht ganz abschütteln. Dass es um eine Näherin ging, die lesen und schreiben konnte, irritierte sie. Damals waren selbst die meisten Männer Analphabeten gewesen. Der Verfasser des Textes schrieb zwar einwandfreies klassisches Latein, hatte aber offenbar nicht sorgfältig recherchiert, denn sonst hätte er selbstverständlich wissen müssen, dass eine schreibende Frau im elften Jahrhundert praktisch undenkbar war, es sei denn, sie hätte im Kloster gelebt oder dem Adel angehört. Die Erzählerin wirkte jedoch sehr selbstbewusst und redegewandt, was, historisch betrachtet, bei Frauen vom Land eher selten vorkam.
Madeleine konnte mühelos nachvollziehen, dass Lydia die Geschichte einer Stickerin am Hofe König Edwards spannend fand, denn diese Epoche der englischen Geschichte war unglaublich abwechslungsreich. Andererseits fragte sie sich, wie viel von diesem Manuskript ihre Mutter wohl entschlüsselt hatte. Latein war nämlich nicht gerade ihre Stärke, schon gar nicht in seiner mittelalterlichen Variante.
Madeleine wagte einen Blick auf die Uhr und seufzte. Auf einen Umweg über die Cafeteria musste sie wohl oder übel verzichten. Ihr blieb nichts anderes übrig, als die nächsten anderthalb Stunden ohne Kaffee zu überstehen. Keine besonders erheiternde Vorstellung! Dass sie sich gegen die Unterrichtsverpflichtung, die zu ihrem Job gehörte, ein bisschen sträubte, kam öfter vor. An manchen Tagen hatte sie einfach keine Lust, unter Menschen zu gehen.
Andererseits gaben ihr die Vorlesungen Gelegenheit, über mittelalterliche Geschichte zu sprechen, immerhin ihr Lieblingsthema, das sich jedoch bedauerlicherweise nicht unbedingt für Smalltalk bei Partys eignete. Energisch strich sie sich eine widerspenstige rotbraune Locke hinters Ohr, holte tief Luft und betrat den Hörsaal, der wie ein höhlenartiges Amphitheater gebaut war. Sie kam sich hier immer vor wie eine Schauspielerin, die sich als Dozentin verkleidet hatte. Der Raum war bis zur Hälfte mit Studienanfängern gefüllt. Im Verlauf des Semesters bröckelte die Zahl der Hörer meistens ab, denn eine ganze Reihe von Studenten begriff ziemlich schnell, dass sie mit einem Abschluss in Geschichte nicht viel anfangen konnten.
Madeleine musste sich zusammenreißen, um keine Grimassen zu schneiden, sondern brav mit ihrer Einleitung zu beginnen. »Die Geschichte des frühen europäischen Mittelalters ist auf eine Art und Weise dokumentiert, die uns zwingt, auf Quellen zurückzugreifen, die sich gelegentlich widersprechen. Diesem Phänomen werden Sie während Ihres Studiums immer wieder begegnen.«
Das Gesichtermeer starrte sie an. Madeleine lächelte ihr freundlichstes Lächeln. Ein junger Mann in der zweiten Reihe antwortete mit einem vieldeutigen Grinsen. Sein Blick wanderte abwärts und ruhte einen Moment lang auf ihren Brüsten. Madeleine wartete, bis er ihr wieder ins Gesicht schaute, und fixierte ihn dann mit festem Blick. Das war ihre übliche, wenn auch meist wirkungslose Verteidigungsstrategie gegen sexuell ausgehungerte Knaben im ersten Studienjahr. Hier im Hörsaal war es untersagt, sich für etwas anderes zu interessieren als für Geschichte. Ihr neuer Verehrer hielt ihrem Blick jedoch stand – er war attraktiv, aber nur körperlich. Arroganz war in Madeleines Augen keine Eigenschaft, die Männer anziehend machte. Sie wandte sich jetzt demonstrativ an die Studenten im hinteren Teil des Raums und gab durch ihren energischen Tonfall zu verstehen, dass es an der Zeit sei, sich Notizen zu machen.
»Als die Sachsenchronik begonnen wurde, widmeten sich die Schreiber zuerst der Vergangenheit und begannen mit der römischen Besatzung. Die Chronik wurde noch lange nach der Regierung Alfreds des Großen fortgeführt, bis zur Mitte des zwölften Jahrhunderts. Diese Aufzeichnungen bilden die einzige zusammenhängende Sammlung von Texten über die Geschichte Englands. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um unpersönliche Aufzählungen von Fakten. Aber warum hätte ein Mönch im elften Jahrhundert, der in einem kalten Skriptorium stundenlang auf einer harten Holzbank sitzen musste – warum hätte so jemand mehr schreiben sollen als das Allernotwendigste?« Madeleine schwieg und lächelte wieder. Die Studenten, die sich die Mühe gemacht hatten mitzuschreiben, hielten ebenfalls inne; die aufgeweckteren unter ihnen schauten sie fragend an. Sie brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, warum – sie hätte eigentlich über das Reich Karls des Großen sprechen sollen! Die Vorlesung über England vor der Eroberung durch die Normannen war erst nach dem Mittagessen dran. Offensichtlich spukte ihr immer noch die Sachsenchronik im Kopf herum.
Ihre Laune verbesserte sich schlagartig, als sie das Büro betrat und feststellte, dass Philippe, mit dem sie sich den Raum teilte, nicht da war. Auf Gesellschaft hatte sie mit ihrem verkaterten Kopf nämlich wenig Lust. Sie schob die Papiere auf ihrem Schreibtisch beiseite, um die Tastatur ihres Computers freizulegen, stellte den Rechner an, und während das Gerät sein Vorlaufprogramm abspulte, kramte sie in ihrer Handtasche nach Lydias Brief, in der Hoffnung, eine Erklärung zu dem rätselhaften lateinischen Dokument zu finden.
Liebste Madeleine,
meinst du, du könntest diesen kurzen Text für mich übersetzen – ich bin bei meinen Recherchen darauf gestoßen und sehr neugierig. Wir können uns ja vielleicht darüber unterhalten, wenn du das nächste Mal kommst (bleibt es bei deinem geplanten Besuch am 26. Januar?). Das Buch, aus dem ich den Text kopiert habe, würde dich bestimmt brennend interessieren, denn schließlich betrifft es ja eher deine – historische – Domäne als meine.
Mit meinem Vorhaben, ein bisschen Ahnenforschung zu betreiben, komme ich leider schrecklich langsam voran – wie dir vermutlich jeder bestätigen wird, der je der wahnwitzigen Idee verfallen ist, frühere Generationen ergründen zu wollen. Es trifft sich gut, dass ich mit Joan Davidson vom Zentrum für genealogische Studien hier in Canterbury Freundschaft geschlossen habe. Sie ist eine Seele von Mensch, geduldig, hilfsbereit und gleichzeitig sehr gründlich. Sie hat begonnen, die Kirchenregister von Canterbury und Umgebung zu katalogisieren. Seit dem sechzehnten Jahrhundert werden diese Register geführt. Allerdings hat sich offenbar im Lauf der Jahrhunderte die Schreibweise mancher Nachnamen erheblich verändert, weil es keine einheitliche Rechtschreibung gab; außerdem wurde regional manches unterschiedlich ausgesprochen, und ausländische Namen wurden anglisiert. Es ist ziemlich verwirrend, und gelegentlich habe ich den Eindruck, dass das einzig Bemerkenswerte bei meiner Arbeit darin besteht, dass England die ältesten Urkundenregister der Welt hat.
Mein Garten erinnert zur Zeit fast an einen Friedhof; das einzig Grüne weit und breit ist der Efeu an der vorderen Mauer. In das Beet bei der Hintertür habe ich Fuchsien gepflanzt. Und Mohn zwischen die Tulpen! Vielleicht blühen dieses Jahr endlich einmal die Glyzinien, auf die wir schon so lange hoffen.
Ich habe vor, nächste Woche hier in Canterbury ins Archiv zu gehen. Dort werden unzählige uralte Dokumente und Veröffentlichungen aufbewahrt – viele von Historikern aus dem Umkreis –, vielleicht erfahre ich dort Neues über die Geschichte dieser Stadt. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wie lange unsere Familie hier gelebt hat, ob vielleicht schon vor Margaret, meiner viktorianischen Großmutter, von der mir meine Mutter, wie ich mich vage erinnere, manchmal erzählt hat.
Da ich weiß, dass du mich danach fragen wirst – nein, die Ergebnisse der Blutuntersuchungen habe ich noch nicht bekommen, aber es geht mir gut, und ich glaube immer noch, dass die ganze Aufregung viel Lärm um nichts ist.
Ich hoffe, du bist gesund und munter, liebste Madeleine, und das Wintersemester wird dir nicht zu lange. Mir kommt es allerdings vor, als läge unsere weihnachtliche Ruderpartie schon hundert Jahre zurück. Ich freue mich sehr auf deinen Besuch.
Liebe Grüße
Lydia
Die abschließenden Worte des Briefes fand Madeleine sehr beruhigend. Was die Beziehung zu ihrer Mutter betraf, hatte sie wirklich großes Glück, wie ihr von Freunden immer wieder versichert wurde. Sie kamen blendend miteinander aus. Aber warum erwähnte Lydia mit keinem Wort, wieso sie ihr den lateinischen Text geschickt hatte? Madeleine nahm sich vor, ihre Mutter am Abend anzurufen und sie zu fragen.
Sie drehte sich mit dem Stuhl zum Computerbildschirm und tippte ihr Passwort ein, um ihre E-Mails zu lesen. Alle Mails, die etwas mit Arbeit zu tun zu haben schienen, ignorierte sie und klickte nur die von Rosa an.
Zeit für eine Lagebesprechung. Mittagessen?
Madeleine grinste entzückt. Mittagessen mit Rosa war genau das Richtige, um den Tag etwas aufzulockern. Die einzige andere Mail, die sie interessierte, stammte von Peter. Kurz zögerte sie, die Nachricht zu öffnen. Bei Peter musste man auf alles gefasst sein. Er meldete sich eigentlich nur per E-Mail, wenn er ein Treffen absagen musste und zu feige war, es ihr am Telefon zu sagen.
Maddy,
sieht so aus, als könnte ich dieses Wochenende doch nicht aus Bayeux weg. Dabei würde ich dich so gerne sehen! Das Kirchending in Caen findet nicht statt, dafür ist nun aber etwas anderes Wichtiges dazwischengekommen. Ich hoffe, du hast meinen Besuch nicht allzu fest eingeplant – du weißt ja, wie mein Leben manchmal aussieht. Peter
Ja, klar wusste sie, wie Peters Leben manchmal aussah – genau dieses »Leben« war ja auch der Grund gewesen, weshalb sie sich getrennt hatten. Das lag zwar schon lange zurück, aber wider besseres Wissen war sie doch immer noch enttäuscht, wenn er sie wieder einmal weniger wichtig fand als seine Arbeit.
Sie hatte sich während des Studiums in Paris in Peter verliebt. Er studierte Theologie und war der entscheidende Grund, weshalb sie die Veranstaltung »Die Grundlagen des christlichen Lateins« nicht fallen ließ. An dem Seminar nahmen nur wenige Studenten teil, und sie saßen in Hufeisenform um den Dozenten herum. Gleich bei der ersten Sitzung begegnete sie Peters Blick, als sie von ihrem Notizblock aufschaute. Er hatte klare graue Augen, die sie immer an unterirdische Seen mit einer ruhigen, glatten Oberfläche erinnerten. Aber falls Augen tatsächlich der Spiegel der Seele waren, bildeten Peters Augen eine Ausnahme, denn die Seele, die sich ihr später darbot, war rastlos und gequält. Peter schaffte es, einen völlig gelassenen Eindruck zu machen, selbst wenn er innerlich extrem angespannt und durcheinander war. Bevor sie diesen Widerspruch durchschaute, empfand sie ihn als Fels in der Brandung, was ihr sehr gefiel. Sie selbst hatte sich in ihren jungen Jahren mit vielen Zweifeln und Ängsten herumschlagen müssen und war dabei immer sehr zappelig und nervös gewesen. Was sich eigentlich nicht grundlegend geändert hatte, wie sie selbst fand.
In den Jahren nach Peter war sie mit verschiedenen Männern zusammen gewesen. Aber keinem war es so wie Peter gelungen, durch das Dickicht der Abwehr zu ihrem Herzen vorzudringen. »Es heißt ja immer, dass es im Leben nur eine große Liebe gibt«, hatte Rosa zu ihr gesagt, als sich der Letzte von Madeleines Liebhabern zwei Jahre zuvor aus dem Staub gemacht hatte. Rosa fand es falsch, dass Madeleine seitdem nicht mehr weitersuchte, aber mit Peter war sie auch nicht einverstanden – sie tat ihn als »typischen Franzosen« ab, allerdings ohne die Gabe der charmanten Verführung, die alles andere wettmachen konnte. »Den interessantesten Teil deines Lebens habe ich offenbar verpasst«, beschwerte sie sich öfter. »Seit ich dich kenne, gehst du früh ins Bett, und sobald mehr als drei Leute versammelt sind, machst du die Fliege.«
Madeleine verbannte Peter aus ihren Überlegungen – der emotionale Wirrwarr, welchen diese Beziehung, die keine mehr war, mit sich brachte, quälte sie nur. Jetzt benötigte sie erst einmal eine kräftige Dosis Koffein.
Der Lärmpegel in der Uni-Cafeteria war während der Mittagessenszeit noch ein paar Dezibel höher als sonst, fand Madeleine, als sie ihre Sandwiches und den Espresso bezahlte. Sie suchte sich einen Weg durch die schnatternde Menge und strebte zu einem Tisch an einem der hohen Fenster, die auf den großen zentralen Innenhof hinausgingen. Unten sah sie Rosa über den Rasen eilen, die Freundin war wie immer zu spät dran und wirkte zwischen all den grau, khakifarben und schwarz gekleideten Studenten wie ein greller Farbtupfer. Rosa überzog fast jedes Mal bei ihren Veranstaltungen: Es gehörte zu ihrem Charakter, dass sie erst aufhören konnte zu reden, wenn sie alles gesagt hatte, was sie sagen wollte.
Rosa war Italienerin und hatte einen halben Lehrauftrag in Kunstgeschichte. In der restlichen Zeit arbeitete sie als Modedesignerin. An diesem Tag trug sie eine lilafarbene Spitzenbluse (über einem neongrünen BH) und rote Lederjeans. Rosa war klein und wohlgerundet, und man merkte ihr an, dass sie ihren Körper mochte. Wenn man sie allerdings gebeten hätte, sich selbst mit einem Wort zu charakterisieren, hätte sie bestimmt »Single« gesagt. Sie genoss es, Single zu sein, und vertrat sehr dezidiert die Ansicht, dass die Ehe nur so lange Spaß machte, wie die Hochzeitsfeier dauerte.
Außerdem hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, Madeleine aus dem gefährlichen Schlund der Einsamkeit und der kurzen Abende zu retten.
Als Madeleine ihr gleich nach der Begrüßung eröffnete, dass sie nicht zu ihrer Dinnerparty kommen könne, reagierte Rosa jedoch zu Madeleines Überraschung verblüffend nachsichtig, was vielleicht damit zusammenhing, dass sie gerade über das Göttinnenbildnis in der Kunstgeschichte doziert hatte.
»Frauen werden von den Seelen ihrer Mütter verfolgt, ob sie wollen oder nicht. Wir können ihnen nicht entkommen. Deine Mutter ist Engländerin – kein Wunder, dass du dich immer in dein Schneckenhaus zurückziehen willst. Du kommst aus einer Kultur, die düster vor sich hinbrütet, genauso düster wie das grauenhafte Wetter.« Beim Reden riss sie dramatisch die Augen auf. Ihre Augen waren ständig in Aktion, wenn sie redete, genau wie ihre Arme und Hände. »Sieh dir doch mal den Göttinnen- Archetyp der Erdmutter an – sie ist sowohl Schöpferin als auch Zerstörerin.«
Madeleine trank einen Schluck Kaffee und musterte Rosa skeptisch. »Ist das nicht ein bisschen an den Haaren herbeigezogen? Dass ich mich nicht besonders für die Leute hier in Caen interessiere, hat doch nichts mit meiner Mutter zu tun. Und außerdem brüten nicht alle Engländer düster vor sich hin – das ist ein absolutes Klischee. «
Aber Rosa hörte ihr kaum zu, sondern kam nun erst richtig in Fahrt. »Weißt du, dass alle deine Beziehungen als erwachsene Frau an das anknüpfen, was du bis zum Alter von sieben Jahren über die Welt gelernt hast?«
Madeleine blickte kurz hoch und entgegnete dann betont beiläufig: »Und was sagt uns das über deine Mutter?«
»Dass sie hemmungslos ihre Sexualität eingesetzt hat, um zu bekommen, was sie wollte – und ich werde ihr ewig dafür dankbar sein, dass sie mir diese höchst nützliche Sozialstrategie beigebracht hat.« Mit einem vorwurfsvollen Blick auf Madeleines dezente Kleidung fügte sie hinzu: »Während du schon rein äußerlich wieder mal feine britische Zurückhaltung demonstrierst, Maddy. Deine Mutter mag ja Engländerin sein, aber du bist Französin – sie lebt in England, du lebst in Frankreich.«
»Was willst du mir denn damit sagen? Die geografischen Verhältnisse sind mir absolut klar ... Übrigens bin ich trotz allem zur Hälfte Engländerin.«
»Nein, du bist mehr als zur Hälfte Französin – du hast noch nie in England gelebt, auch wenn du’s sicher gern tun würdest! Soviel ich weiß, warst du immer nur in la douce France. Versuch doch zur Abwechslung mal, den Ort, an dem du lebst, gut zu finden.« Sie nippte an ihrem Cappuccino und kniff prüfend die Augen zusammen. »Wie lang ist es her, dass sich Lydia von deinem Vater getrennt hat?«
»Ich weiß es nicht genau – neun oder zehn Jahre.« Beim Gedanken an die Scheidung ihrer Eltern überkam Madeleine eine unbestimmte Traurigkeit.
»Du hast mal gesagt, du hättest dich von ihr im Stich gelassen gefühlt und andererseits gedacht, du seist verantwortlich dafür, dass sie in Frankreich so unglücklich war. Ich würde vermuten, wir können mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass an ihrem Unglück allein Jean schuld war – meinst du nicht?« Kokett zog Rosa die perfekt geformten Brauen hoch, und ihre dunklen Augen mit den dichten Wimpern funkelten.
Madeleine nickte. »Sie hatte jedenfalls mehr als einen Grund, ihn zu verlassen. Aber das klingt alles, als wäre ich die letzte Neurotikerin. Worauf willst du eigentlich hinaus, Rosa?«
»Ich will sagen, dass du die Verantwortung für das Wohlbefinden und Glück deiner Mutter übernommen hast, weil du wusstest – und wahrscheinlich wusstest du das schon, bevor du sieben wurdest –, dass sie genauso stark auf dich angewiesen war wie du auf sie.«
»Das ist absurd! Ich hänge doch nicht an irgendeinem imaginären Rockzipfel – außerdem, so oft sehe ich meine Mutter doch gar nicht.«
»Aber glücklich bist du vor allem, wenn du mit ihr zusammen bist – stimmt’s? Trotzdem, du solltest dich wirklich ein bisschen mehr ins Getümmel stürzen – du weißt schon, was ich meine.«
»Nein, weiß ich nicht.« Madeleine wollte sich nicht noch mehr anhören. Der Gedanke, dass sie inzwischen zu den Frauen Mitte dreißig gehören könnte, die schon zu lange allein waren, behagte ihr überhaupt nicht. »Musst du nicht zu deiner Vorlesung?«, fragte sie etwas spitz.
Rosa schaute auf die Uhr und fluchte leise. »Nein, mit der Uni bin ich für heute fertig. Aber ich treffe mich in einer halben Stunde mit einem Typ, und dafür muss ich mich noch ein bisschen zurechtmachen.« Sie trank ihren Kaffee aus, kniff Madeleine zum Abschied in die Wange, strich sich über die kurz geschnittenen schwarzen Haare und verschwand, gefolgt von einer exotischen Duftwolke. Madeleine beobachtete, dass eine Gruppe junger Männer am Nachbartisch – lauter Theologiestudenten, das wusste sie – bewundernd die Köpfe nach ihr umdrehten.
Vielleicht sollte sie sich noch einen Kaffee holen, bevor sie sich den Anforderungen des Nachmittags stellte. Das leise Pochen in ihrem Kopf hatte wieder eingesetzt.
Sie stand auf und ging zur Damentoilette am anderen Ende der Cafeteria. Ob ihr die Theologiestudenten wohl auch so interessiert nachschauten wie Rosa? Eher unwahrscheinlich – heute Morgen hatte sie in der Eile einen ziemlich unvorteilhaften Pulli übergezogen.
Auf der Toilette studierte sie ihr Ebenbild im Spiegel über dem Waschbecken. Die Neonbeleuchtung war nicht besonders schmeichelhaft; sie sah müde aus, und zwischen ihren Augen hatten sich zwei steile kleine Falten gebildet. Um sie glatt zu bügeln, rieb sie sich die Stirn. Dass sie so ernst und streng dreinschaute, war nur Rosas Schuld! Selbst wenn sie Lydias emotionale Zurückhaltung geerbt haben sollte, besaß sie doch auch die französische Lebenslust ihres Vaters. Jedenfalls wollte sie sich gern so sehen.
Madeleine beugte sich näher zum Spiegel. Ein paar rotbraune Locken hatten sich aus den Haarklammern gelöst, und wie immer um diese Tageszeit sah ihre Frisur aus, als hätte man ihr einen Stromstoß versetzt. Ihre Augen wirkten übergroß. Lag das am Wein von gestern Abend oder an der Beleuchtung? Ihre Augenfarbe konnte man nicht exakt bestimmen: Die braune Iris war golden und grün gesprenkelt. Lydia hatte braune Augen, Jean hellblaue. Als sie klein war, hatte Madeleine sich wegen ihrer Augen manchmal ausgemalt, sie wäre ein Findelkind. Aber alle anderen Merkmale waren eindeutig zuzuordnen: Zu Lydia gehörten das rotbraune Haar, die hohe Stirn und die schmale Figur – zu Jean die gerade Nase und die leicht olivfarbene Haut.
Für eine gründliche Betrachtung im Spiegel schien ihr momentaner Zustand allerdings nicht besonders vorteilhaft. Sie fand sich selbst genauso enttäuschend wie alles andere im Leben. Vor allem musste sie Rosas Theorien möglichst schnell wegschieben. Selbst wenn die Abwesenheit ihrer Mutter sie traurig machte – sie freute sich doch für Lydia, weil sie richtig aufgeblüht war, seit sie nicht mehr in Frankreich lebte.
Aber bevor sie in die Cafeteria zurückging, musste sie noch einen kritischen Blick auf ihre Kleidung werfen. Zurückhaltend? Na ja – jedenfalls tat sie nicht viel, um ihre Weiblichkeit zu unterstreichen. Einem spontanen Impuls gehorchend, zog Madeleine den weiten Pulli aus, stopfte die schwarze Bluse in den Bund ihrer maßgeschneiderten grauen Hose und zog die Spangen aus den Haaren, so dass sie ihr in dichten Locken über den Rücken fielen. Dann kramte sie in ihrer Tasche nach dem dunkelroten Lippenstift, trug ihn auf und trat einen Schritt zurück, um das Ergebnis zu begutachten. Eindeutig eine Verbesserung!
Als sie die Cafeteria durchquerte, kam sie wieder an dem Tisch mit den Theologiestudenten vorbei. Sie schaute weg, beobachtete aber aus dem Augenwinkel, dass sich die Köpfe nach ihr umdrehten. Das entlockte ihr ein Lächeln, obwohl sie natürlich wusste, dass diese Form der Aufmerksamkeit kein Kompliment war, sondern eher eine Zwangshandlung.
Philippe war immer noch nicht aufgetaucht, als sie wieder das kleine, unordentliche Büro betrat, das als Hauptquartier des Bereichs »Geschichte des Mittelalters« diente. Und ihr blieb noch fast eine Stunde bis zur nächsten Veranstaltung – zwei kleine Wohltaten. Zu tun gab es genug: Ihr Schreibtisch war ein einziges Chaos aus Papieren und Büchern; die Klausuren mussten korrigiert werden; auf ihrem Anrufbeantworter warteten mehrere Botschaften darauf, abgehört und erwidert zu werden; sie hatte sich noch nicht um alle ihre E-Mails gekümmert. Kurz entschlossen setzte sie sich vor ihren leise brummenden Computer, um wenigstens noch ein bisschen etwas zu erledigen. Peters E-Mail war noch auf dem Bildschirm.
Sie sah in Peter den Hauptgrund, weshalb sie in letzter Zeit häufig so bedrückt und antriebslos war. Wie schon oft nahm sie sich auch jetzt wieder vor, nichts mehr von ihm zu erwarten. Enttäuschung war der Preis, den man bezahlen musste, wenn man einmal in jemanden verliebt gewesen war. Als sie ihn gefragt hatte, ob er sie heiraten wolle, war Peter zum Glück klug genug gewesen, ihren Antrag nicht ernst zu nehmen – also hatte sie so getan, als wäre ihr ein kleiner Scherz gelungen. Sie konnte es bis heute nicht richtig akzeptieren, dass von den leidenschaftlichen Gefühlen der Anfangszeit nur noch eine Art Freundschaft übriggeblieben sein sollte. Eigentlich war nur ihr Kopf damit einverstanden, während ihr Herz immer noch dagegen rebellierte. Sie würde nie aufhören, Peter zu lieben, aber seine Entscheidung zwang sie dazu, nicht mehr als schwesterliche Zuneigung für ihn zu empfinden. Er folgte seiner inneren Berufung.
Das Klingeln des Telefons riss Madeleine aus ihren Grübeleien. Kurz geriet sie in Panik, weil sie dachte, sie hätte eine Vorlesung vergessen – es wäre nicht das erste Mal, dass man sie von der Verwaltung anrief, nachdem ein Student nachgefragt hatte, ob ihre Vorlesung vielleicht ausfalle.
»Madeleine, ich bin’s, Judy.« Es war eine der Sekretärinnen.
»Oh, Gott – habe ich wieder mal meinen Stundenplan durcheinandergebracht?«
Zum Glück kicherte Judy. »Nein, nein, keine Sorge. Ich habe einen Anruf für dich in der Leitung – eine gewisse Joan Davidson aus Canterbury. Sie sagt, es sei dringend, aber du weißt ja, wir müssen immer erst mal anfragen, ehe wir ein Gespräch durchstellen.«
»Vielen Dank, Judy. Ich glaube, sie ist eine Freundin meiner Mutter. Du kannst sie ruhig durchstellen.«
Rosa kam herein, als Madeleine gerade ihren Mantel zuknöpfte und gleichzeitig den Computer abstellte.
»Ich habe vergessen, dich zu fragen, ob du meine Katzen füttern könntest ... Maddy? Was ist los?«
»Ein Anruf. Meine Mutter ... Ich muss sofort nach Canterbury.« Der Computer meldete sich ab, Madeleine straffte sich, holte tief Luft und begann noch einmal von vorne. »Meine Mutter ist ins Krankenhaus eingeliefert worden. Gerade hat mich eine Freundin von ihr angerufen. Ich muss den nächsten Flug nehmen ...«
»Ich fahr dich schnell nach Hause.«
Madeleine widersprach nicht. Überhaupt sagte sie kaum etwas, bis sie zu Hause auf ihrem Sofa saß und mit dem Reisebüro telefonierte.
»Was heißt das, es gibt heute keine Flüge mehr? Nein, morgen ist zu spät! « Sie war den Tränen nahe. Im Aschenbecher qualmte eine Zigarette, aber sie hielt schon die nächste in der Hand. Wortlos nahm Rosa ihr die unangezündete Zigarette aus der Hand und gab ihr die aus dem Aschenbecher.
Madeleine knallte den Hörer auf. »Ich rufe jetzt direkt bei der Fluggesellschaft an.«
Rosa öffnete den Mund, um etwas zu sagen, zog es aber vor, schweigend ans Fenster zu treten.
Als Madeleine beim nächsten Telefonat losschluchzte, griff Rosa zum Hörer und flötete mit zuckersüßer Stimme: »Entschuldigen Sie bitte, wir rufen Sie wieder zurück.« Dann legte sie auf und schaute Madeleine prüfend an.
»Von Calais geht alle zwei Stunden eine Fähre. Willst du, dass ich mitkomme?« Sie setzte sich neben Madeleine und legte ihr den Arm um die Schulter. »Bestimmt geht es Lydia schon viel besser. Sie ist eine Kämpferin – genau wie du. Komm, pack deine Sachen.«
Madeleine holte tief Luft, gab noch einen Schluchzer von sich und wischte sich die Augen mit ihrem Blusenärmel ab. »Sei nicht so nett zu mir – ich habe sowieso schon ein schlechtes Gewissen. Wegen mir musstest du deine Verabredung absagen.«
»Das ist eine Beleidigung! Ich bin viel lieber mit dir zusammen, besonders wenn du kurz vorm Austicken bist.«
Madeleine lachte und weinte gleichzeitig. »Ich schaff das schon alleine, Rosa – ehrlich.«
Mit zusammengekniffenen Augen musterte Rosa sie wieder. »Hmm. Okay. Aber mach dir keine unnötigen Sorgen – versprochen?«
»Bestimmt nicht.«
Als Rosa ging, trat Madeleine ans Fenster und blickte hinunter auf die Straße. Ihre Freundin stieg in ihren knallroten Renault und brauste davon. Hoffentlich waren ihre Sorgen tatsächlich unnötig. Die Vorstellung, dass Lydia hunderte von Meilen entfernt in einem Krankenhausbett lag, war ihr unerträglich, und während sie den Rauch ausatmete, seufzte sie tief. Eine graue Wolke kringelte sich um die weichen lavendelfarbenen Gardinen, die sie beim Schlussverkauf erstanden hatte, als sie vor fünf Jahren in diese Wohnung gezogen war. Passende Möbel dazu zu finden war ihr damals sehr schwergefallen. Aber sie hatte keine anderen Vorhänge gewollt, denn sie verbreiteten ein unglaublich wohltuendes amethystfarbenes Licht. Nach einigen Monaten fand sie das tiefe Sofa, das genau mit dem richtigen brombeerfarbenen Veloursamt bezogen war, und wenig später den Webteppich in Indigoblau und Dunkelrosé, der jetzt die breiten, glänzenden Dielen bedeckte. Das Zimmer war sehr geräumig – genau wie sie es mochte.
Ihr Blick fiel auf die halb gepackte Reisetasche und die bereitgelegten Kleidungsstücke. Sie musste langsam in die Gänge kommen.
An der Abfahrt zur Autobahn nach Calais war viel Verkehr, und weil sie fast zehn Minuten im Schritttempo fahren musste, wurde sie wieder von ihren Ängsten eingeholt.
Joan Davidson, Lydias Freundin, war am Telefon betont ruhig und höflich gewesen, hatte sich vorgestellt und dann erst den Grund ihres Anrufs genannt. Sie erklärte Madeleine, Lydias Zustand sei keineswegs kritisch – jedenfalls hätten die Ärzte ihr das versichert. Es mussten lediglich einige größere Untersuchungen dringend vorgenommen werden. Andererseits hatten sie gebeten, umgehend die Familie zu informieren. Eine reine Routinemaßnahme, erklärte Joan. Madeleine hatte keine Ahnung von solchen Dingen – aber wieso sollte »umgehend« die Familie informiert werden, wenn der Zustand ihrer Mutter nicht bedenklich war?
Dunkle Wolken hingen über dem graugrünen Ozean, als sie den Hafen von Calais erreichte. Das Wasser am Horizont wirkte ziemlich aufgewühlt, was ihre Stimmung auch nicht gerade aufhellte.
Sie musste sich in eine Schlange einordnen, um einen Parkplatz zu bekommen, und beim Aussteigen blies ihr der kalte Seewind die Haare aus dem Gesicht. Müde streckte sie sich und rieb sich die verkrampften Handgelenke, die richtig schmerzten, weil sie sich so verzweifelt am Lenkrad festgehalten hatte.
Sie überquerte den geteerten Platz, um den Fahrplan für die Fähre zu studieren. Eine ganze Weile starrte sie auf die Zahlen, ohne irgendetwas zu begreifen. Schließlich gab sie auf und ging zu dem Fahrkartenhäuschen, das am Ende des dunklen Parkplatzes einladend leuchtete. In dem überheizten Raum warteten kaum Leute, und Madeleine wollte schon erleichtert aufatmen – bis sie begriff, warum es hier so leer war.
»Die nächsten beiden Fähren fallen aus«, sagte der runzlige Mann hinter dem Schalter. »Schlechtes Wetter. Tut mir leid, Miss. Die nächste geht um Viertel nach elf.«
Madeleine schaute auf die Uhr. Es war jetzt kurz vor sechs.
»Fünf Stunden!«, rief sie entsetzt. Der Fahrkartenverkäufer befürchtete offenbar, sie werde gleich in Tränen ausbrechen, denn er reagierte nervös, als würde es ihn selbst in seinem Alter noch in Angst und Schrecken versetzen, wenn eine Frau weinte. »Es fahren regelmäßig Busse nach Calais hinein – das ist besser, als wenn Sie hier herumhängen«, sagte er schnell, um sie aufzumuntern.
Madeleine buchte einen Platz auf der Fähre um Viertel nach elf und floh aus dem stickigen Häuschen, hinaus in die feuchte Seeluft. Die unmittelbare Umgebung des Hafens bestand aus einem finsteren Industriegebiet, das nicht so aussah, als gäbe es dort einen Zufluchtsort, wo man sich ein paar Stunden aufhalten konnte. Auch der Strand schien kalt und bedrohlich. Vielleicht hatte der Fahrkartenmann ja Recht, und es empfahl sich, in die Stadt reinzufahren.
Madeleine hatte keine große Lust und auch nicht genug Kraft, um sich Calais anzuschauen, also betrat sie das erste Restaurant, das einigermaßen einladend aussah.
Am Tresen bestellte sie sich eine Kleinigkeit zu essen und ein Glas Wein und setzte sich dann an einen Tisch in der Ecke.
Wenn sie wie jetzt am Meer war, musste sie immer daran denken, wie ihre Eltern mit ihr früher Sommerferien in der Bretagne machten. Einmal verbrachten sie den ganzen Nachmittag damit, aus Sand, Muscheln und Steinchen am Strand etwas zu bauen. Jean wünschte sich ein Flugzeug, aber Madeleine und Lydia setzten sich durch, und so entstand eine fantastische Burg, mit einem tiefen Graben und einer Zugbrücke aus Treibholz. Als die Flut kam, verlieh das Wasser dem Muschelmosaik einen wunderschönen Glanz, ehe die ganze Burg schließlich von den Wellen weggespült wurde. Madeleine weinte, doch Lydia sagte tröstend, die Burg werde nachts, während sie schliefen, von Meerjungfrauen und zauberhaften Seewesen bewohnt. Und prompt hatte sie davon geträumt.
Vermutlich wäre es gar nicht zu verhindern gewesen, dass ihre Eltern sich trennten. Lydia trat ihre erste Stelle als Lehrerin in Paris an, nachdem sie in London Französisch und Geschichte studiert hatte. Jean sah als junger Mann unglaublich gut aus. Außerdem war er Professor für Philosophie. Man konnte sich gut vorstellen, dass Lydia sich zu ihm hingezogen fühlte – die reservierte Engländerin und der französische Charmeur.
Madeleine stocherte in ihrem Essen, kaute und schluckte mechanisch, ohne etwas zu schmecken. Wenigstens würde sie jetzt Lydia wegen des lateinischen Textes fragen können. Die Tatsache, dass Mutter und Tochter sich für Geschichte interessierten, war für das Gefühl der Nähe zwischen ihnen ganz entscheidend; beide liebten sie diese ferne Welt extravaganter Monarchen und heroischer Kämpfer – eine Welt, die sie Rosa beim besten Willen nicht näherbringen konnte.
Zurück am Hafen empfand Madeleine es fast als Erleichterung, die Erinnerungen beiseiteschieben zu können, weil sie sich darauf konzentrieren musste, dass ihr Peugeot ansprang. Der Motor war kalt, aber der Wagen bewies wieder einmal seine Zuverlässigkeit und begann schließlich brav zu tuckern.
Während sie, den Motor im Leerlauf, geduldig wartete, beobachtete sie fasziniert den feinen Lichtstreifen, den die Mondsichel auf das tintenschwarze Wasser warf. Die dunklen Wellen schwappten gegen den riesigen Rumpf der Kanalfähre, und ihre Gedanken eilten wieder zu Lydia.
Canterbury war dunkel und menschenleer, als Madeleine die New Dover Road entlangfuhr. An der alten Stadtmauer hielt sie kurz an, um die Nachrichten auf ihrem Handy abzuhören. Das tat sie jede Stunde, seit sie Caen verlassen hatte. Sie hatte Joan Davidson ihre Handynummer gegeben, für den Fall des Falles ... Keine Botschaft, nichts. Das war doch bestimmt ein gutes Zeichen, oder?
Lydias viktorianisches Cottage lag ein Stück von der Straße ab, in einer winzigen Seitengasse hinter der imposanten Kathedrale, deren Vierungsturm sich majestätisch über den schmalen Straßen und den Tudorhäusern der Altstadt erhob. Seine filigranen Steinmetzarbeiten ließen ihn wie ein Zauberwerk erscheinen, was durch das goldene Licht der Scheinwerfer noch betont wurde.
Madeleine hatte das Cottage noch nie in Abwesenheit ihrer Mutter betreten. Deshalb kam sie sich vor wie eine Diebin, als sie jetzt den Ersatzschlüssel aus seinem Versteck hinter dem lockeren Ziegel in der Gartenmauer holte.
Im Innern des Hauses war es kühl, und wie immer roch es nach Lavendel, was Madeleine als ausgesprochen tröstlich empfand. Sie atmete tief ein, um sich von dem süßlichen Geruch beruhigen zu lassen, und zum ersten Mal seit Joans Anruf hatte sie das Gefühl, dass alles gut werden würde. Als sie ihre Tasche ins Gästezimmer hinauftrug, schlug die Standuhr im Flur drei Mal. Sie war hellwach, trotz der späten Stunde. Ob Lydia wohl etwas Alkoholisches im Haus hatte? Eher unwahrscheinlich.
Unten machte sie im vorderen Zimmer Licht an. Der Raum diente zugleich als Ess- und als Wohnzimmer, obwohl der große Tisch mit den Klauenfüßen, der direkt am Fenster stand, selten für eine Mahlzeit verwendet wurde. Im Moment war er über und über mit Büchern und fotokopierten Seiten bedeckt, ganz vorne ein aufgeschlagenes Notizbuch, auf dem Lydias Lesebrille lag. Daneben stand eine halb volle Teetasse. Es sah aus, als wäre ihre Mutter nur kurz aus dem Zimmer gegangen und könnte jeden Moment zurückkommen. Madeleine öffnete die Türen des schweren Sideboards aus dunklem Eichenholz und entdeckte zu ihrer Verblüffung eine Flasche Sherry und eine Karaffe, die zur Hälfte mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt war. Vorsichtig zog sie den Glasstöpsel heraus und schnupperte. Whiskey. Gott sei Dank.
Normalerweise rauchte sie hier im Cottage nicht, sondern ging immer in den Garten hinters Haus, wo ein schmaler Kanal vorbeifloss. Sie kam sich richtig rebellisch vor, als sie sich jetzt im Haus eine Zigarette anzündete. Madeleine musste daran denken, wie sie als junges Mädchen, wenn sie in ihrem Zimmer qualmte, den Rauch immer zum Fenster hinausgepustet hatte. Erst Jahre später hatte Jean ihr ganz nebenbei eröffnet, sie wüssten längst Bescheid über ihr heimliches Laster. Ihre Eltern hatten gehofft, wenn sie die Raucherei ignorierten, würde Madeleine von selbst wieder damit aufhören. Aber leider hatte dieser psychologische Trick nicht funktioniert.
Sie goss sich eine großzügige Portion Whisky ein und ging damit zum Tisch, um zu sehen, woran ihre Mutter gerade arbeitete.
Die aufgeschlagene Seite enthielt mehrere Einträge, vermutlich Abschriften aus dem Kirchenregister.
Margaret, Tochter des Jasper Peterson und seiner Ehefrau Mary, wurde am 3. April 1876 getauft.
Edward Broder aus Canterbury und Margaret Peterson, Mitglied dieser Gemeinde, schlossen am 1.Juni 1898 den Bund der Ehe.
Edward Broder, Tuchhändler, wurde hier am 11. September 1901 begraben.
Elizabeth, Tochter des verstorbenen Edward Broder und seiner Witwe Margaret Broder, wurde am 3. November 1901 getauft.
Die Witwe Margaret Broder, Tuchhändlerin, wurde am 22. Januar 1928 begraben.
Elizabeth Broder war Lydias Mutter. Madeleine wusste immerhin so viel über die Familie Broder, dass Elizabeth nach dem Tod ihrer Mutter nach London gezogen war und dort im Textilgewerbe gearbeitet hatte. Angeblich war Lydias Liebe zur Geschichte für Madeleines Großmutter nie nachvollziehbar gewesen. Sie hatte gehofft, ihre Tochter würde ebenfalls in das Textilgeschäft einsteigen und damit der Familientradition treu bleiben. Die Einzelheiten der Familiengeschichte hatten Lydia schon immer fasziniert, aber erst seit ihrem Ruhestand hatte sich daraus eine echte Leidenschaft entwickelt.
Lydia trug den Mädchennamen ihrer Mutter, ein Akt des Widerstands gegen ihren Vater, der sich als Trinker und Frauenheld hervorgetan hatte. Vielleicht hatte sie sich seinetwegen in Jean verliebt – falls es zutraf, dass eine Frau in ihrem Partner unbewusst die Eigenschaften ihres Vaters sucht. Jean trank zwar nicht, war aber alles andere als monogam.
Aber was hatten diese Einträge zu bedeuten – diese Geburtstage und Todestage ihrer Vorfahren? Edward Broder war bereits drei Jahre nach seiner Eheschließung gestorben, und Lydias Mutter war erst zur Welt gekommen, als ihr Vater schon tot war. Hatte dieses tragische Schicksal ihre eigene Persönlichkeitsentwicklung geprägt? War es möglich, dass etwas, was hundert Jahre zurücklag, ein bestimmtes Individuum beeinflusste? Und wenn hundert Jahre ihre Wirkung tun konnten – warum dann nicht auch ein noch längerer Zeitraum? Die Standuhr schlug vier Mal. Madeleine fröstelte. Plötzlich überkam sie eine bleierne Müdigkeit, und sie spürte, wie anstrengend der Tag gewesen war. In ein paar Stunden durfte sie ihre Mutter im Krankenhaus besuchen, und wenn sie einen einigermaßen ausgeglichenen Eindruck machen wollte, musste sie vorher ein bisschen schlafen.
Das Telefon klingelte. Madeleine fühlte sich, als hätte sie sich gerade erst hingelegt. Sie stolperte in Lydias Schlafzimmer, das direkt neben dem Gästezimmer lag. Dort stand auf dem Nachttisch ein Apparat. Zuerst dachte sie, es sei die Stimme ihrer Mutter – das gleiche Timbre, das gleiche Alter. Aber es war Joan Davidson.
»Madeleine? Ich habe gerade einen Anruf aus dem Krankenhaus bekommen. Es tut mir unendlich leid – Ihre Mutter ist in den frühen Morgenstunden gestorben. Es kam völlig überraschend, ein blutendes Aneurysma ...« Joan gab sich Mühe, einigermaßen ruhig zu sprechen, aber Madeleine konnte ihr kaum zuhören, ein eisiger Schreck lähmte sie.
Alles, was danach geschah, fühlte sich an, als würde es sie gar nicht betreffen. Die ersten Stunden waren am einfachsten, weil der Schock sie wie eine Art Schutzschicht gegen alles abschirmte, so dass sie nichts an sich heranließ und nichts von sich preisgab.
In diesem Zustand betrat sie das Krankenhaus. Die Schwestern hatten respektvoll einen Vorhang um Lydias Bett gezogen. Jemand hatte sie frisiert und ein wenig Lippenstift aufgetragen, damit die Maske des Todes nicht ganz so wächsern wirkte. Als Madeleine vor ihrer Mutter stand, empfand sie Erleichterung, weil der lange Korridor endlich hinter ihr lag. Vielleicht kam dieses Gefühl auch daher, dass Lydia gar nicht tot aussah – handelte es sich möglicherweise um einen Irrtum? Schweigend blickten Madeleine und Joan auf die reglose, schmale Gestalt, die unter dem weißen Laken fast kindlich wirkte. Auf dem Nachttisch stand ein Strauß – gelbe, orangefarbene und rosarote Blumen. In der feierlichen Stille hallten die Gedanken in ihrem Kopf wider, als gehörten sie gar nicht ihr, sondern jemand anders.
Joan, eine eher magere ältere Dame mit einem silbergrauen, leicht gewellten Pagenkopf, hatte sie eine halbe Stunde nach ihrem Anruf abgeholt. Sie bestand darauf, dass Madeleine etwas aß, bevor sie sich auf den Weg machten. Ihre Frage, ob sie Lydia lieber allein sehen wolle, konnte Madeleine zuerst gar nicht beantworten, weil sie noch nicht darüber nachgedacht hatte. Doch dann erschien es ihr besser, jemanden bei sich zu haben. Joan fasste sie am Arm, als die den Krankenhausflur hinuntergingen, und Madeleine empfand ihre körperliche Nähe als sehr beruhigend.
Lydias Hände lagen auf dem Laken, über der Brust gekreuzt, wie bei der Steinfigur einer toten Königin. Ihre rotbraunen Haare mit den silbergrauen Strähnen glänzten, als wären sie immer noch von Leben erfüllt.
Joan musste irgendwann gegangen sein, denn auf einmal merkte Madeleine, dass sie allein neben dem Bett saß. Sie legte die Hand auf Lydias Hände. Ihre Haut war weder warm noch kalt. Als sie schließlich aufstand, wusste sie nicht, ob sie ein paar Minuten oder mehrere Stunden so gesessen hatte. Sie beugte sich über ihre Mutter und küsste sie auf die Stirn, so wie Lydia es oft bei ihr gemacht hatte, als sie noch klein war. Zum Abschied flüsterte sie: »Träum süß.«
Joan sorgte dafür, dass Madeleine in den folgenden Tagen nicht allzu viel alleine war. Gemeinsam kümmerten sie sich um die Vorbereitungen für die Trauerfeier. Madeleine tippte wie wild auf Joans schon fast steinzeitlichen Computer ein, Joan erledigte die Telefonanrufe, und Don, Joans Ehemann, brachte seiner Frau gelegentlich eine Tasse Tee und Madeleine einen Espresso aus dem Café um die Ecke.
Es ist eine völlig surreale Situation, dachte Madeleine – wenn sie sich überhaupt gestattete, etwas zu denken. Sie bemühte sich, nur darauf zu achten, wie die Trauerfeier gestaltet wurde, welche Choräle gesungen werden sollten, wer die Texte sprechen durfte. Solange sie damit beschäftigt war, bestand keine Gefahr, dass sie hilflos in das tiefe, dunkle Loch starrte.
Lydias Kollegen und Freunde mussten schriftlich über den Tod und die Trauerfeier benachrichtigt werden. Nach langem Suchen hatte Madeleine spätabends zwischen den Papieren auf dem Esstisch das Adressbuch ihrer Mutter gefunden. Die verblassten Rosen auf dem Einband schienen ihr so vertraut, dass es richtig weh tat, und Lydias säuberliche Handschrift schlug sie sofort in ihren Bann. Trotzdem zwang sie sich, darin zu blättern und nach Namen zu suchen, die ihr bekannt vorkamen.
Unter »Broder« fand sie nur einen Eintrag. Entfernte Kusinen ihrer Mutter, die irgendwo außerhalb von Canterbury wohnten. Madeleine war ihnen noch nie begegnet, und sie hatte auch den Eindruck, dass ihre Mutter keinen besonders engen Kontakt zu ihnen gepflegt hatte. Ganz deutlich erinnerte sie sich allerdings an eine Schulfreundin ihrer Mutter, die in London lebte und die sie einmal getroffen hatte. Sie wusste nur noch den Vornamen: Dorothy. Lange brauchte sie nicht zu suchen, denn unter »A« entdeckte sie eine Dorothy Andrews mit einer Londoner Adresse.
Nachdem Madeleine die Mitteilungen verschickt hatte, rief Joan am nächsten Vormittag an und sagte, bei ihr habe sich eine gewisse Margaret Broder gemeldet. Als Madeleine den Namen hörte, geriet sie ganz durcheinander, weil sie gleich an Lydias Stammbaum dachte. Gehörte dieser Name nicht ihrer Urgroßmutter?
Da Madeleine nicht gleich antwortete, fügte Joan erklärend hinzu: »Sie hat gesagt, sie sei eine Kusine Ihrer Mutter und würde sehr gern bei den Vorbereitungen für die Beerdigung helfen.«
»Ach, ja? In welcher Form?«
»Finanziell.«
»Ach so. Ich habe noch gar nicht daran gedacht, dass eine Beerdigung sehr teuer werden kann – ist das nicht merkwürdig?«
»Nein, unter den gegebenen Umständen ist das überhaupt nicht merkwürdig. Ich habe daran gedacht und habe den Bestattungsunternehmer gebeten, sich erst einmal an mich zu wenden. Wir können ja nachträglich alles besprechen. Lydias Kusine schlägt vor, wir sollten eine Grabstätte auf dem Friedhof in ihrem Dorf auswählen. Angeblich sind dort noch andere Mitglieder der Familie begraben.«
»Welches Dorf war das noch mal?« Madeleine konnte sich nicht mehr an die Adresse erinnern, die sie am Vortag geschrieben hatte.
»Sempting. Es liegt etwa eine halbe Stunde südwestlich von Canterbury.«
»Ich nehme an, ich sollte sie am besten gleich mal anrufen«, seufzte Madeleine.
»Ja, das wäre ratsam, glaube ich«, sagte Joan vorsichtig.
Nachdem sie aufgelegt hatte, schaute Madeleine sich in Lydias Wohnzimmer um, und zum ersten Mal wurde ihr bewusst, was hier auf sie wartete. Schon bald musste sie anfangen, sich bis in die Einzelheiten mit dem Leben ihrer Mutter auseinander zu setzen.
Madeleine versuchte sich auf das Nächstliegende zu konzentrieren. Wenn sie Margaret Broders Angebot annehmen wollte, musste sie sich irgendwie aufraffen. Sie war schrecklich erschöpft – als hätte sie tagelang nichts anderes getan als geweint. Dabei hatte sie noch keine einzige Träne vergossen.
Nicht Margaret, sondern Mary Broder war am Apparat, und sie klang etwas konfus. Sie sei Margarets Schwester, erklärte Mary und beeilte sich dann, Madeleine in ihrem und Margarets Namen ihr Beileid auszusprechen. Das war sicher gut gemeint, aber es klang, als würde jemand Mary mit Gewalt dazu zwingen, Anteilnahme zu heucheln. Offenbar fiel es der Dame nicht besonders leicht, Gefühle zu zeigen.
Deshalb kam Madeleine ziemlich schnell zur Sache, was für beide Seiten eine Erleichterung bedeutete. Mit einer für ihr Alter verblüffend hohen Stimme – Madeleine vermutete, dass sie ein paar Jahre älter sein musste als Lydia, vielleicht Anfang siebzig – verkündete sie: »Unser Steinmetz wird die Inschrift übernehmen, aber wir müssen selbstverständlich erst einmal den Wortlaut festlegen.« Das »Wir« erstaunte Madeleine etwas. Wollte Mary damit sagen, dass sie, ihre Schwester und Madeleine sich gemeinsam eine Inschrift überlegen sollten? Im gleichen Augenblick fügte Mary hinzu: »Gibt es irgendetwas, was du gerne auf den Stein schreiben lassen möchtest? Du brauchst nicht mit Worten zu geizen – wir können’s uns leisten.«
Madeleine blieb stumm, doch das schien Mary nicht weiter zu irritieren. »Nach der Trauerfeier kann der Sarg dann auf dem Semptinger Friedhof beigesetzt werden«, fuhr sie fort. »Wir werden alles mit dem Bestattungsunternehmen absprechen. Der Grabstein dauert natürlich ein bisschen länger. Du musst dir etwas für die Inschrift einfallen lassen.«
Madeleine nickte zustimmend, obwohl ihr gleich bewusst wurde, dass Mary ihr Nicken ja gar nicht sehen konnte. »Ja, das werde ich tun«, sagte sie. Danach legte Mary blitzartig auf, und Madeleine, die gar keine Chance gehabt hatte, sich zu verabschieden, blieb noch eine ganze Weile sprachlos sitzen.
Am Tag der Beerdigung wachte sie schon sehr früh auf. Zum ersten Mal spürte sie, dass ihr Leben in den Grundfesten erschüttert worden war. Angst bohrte sich wie ein spitzer Eiszapfen in ihre Magengrube. Und sie hatte sich noch gar nicht überlegt, was sie bei der Trauerfeier sagen sollte. Und ob sie überhaupt etwas sagen wollte.
Sie stand auf und machte sich eine Tasse Kaffee. Sie wanderte durchs Haus, betrachtete die Drucke verschiedener Renaissancegemälde an den Wänden und strich mit den Fingern über die Buchrücken, wie über die Stäbe eines Gartenzauns. In Lydias Bibliothek gab es wenig Belletristik. Bei den meisten Büchern handelte es sich um historische Sachbücher, vor allem über die Epoche zwischen dem fünfzehnten und siebzehnten Jahrhundert. Das war die Zeitspanne, über die Lydia gelehrt hatte. Ohne zu überlegen, nahm Madeleine ein schmales Bändchen heraus, das zwischen den Romanen der größtenteils russischen Autoren stand. Für ihren Geschmack waren die Russen zu melancholisch, um nicht zu sagen depressiv, aber Lydia hatte ihr immer wieder beweisen wollen, dass sie sich irrte. Das Buch, das Madeleine jetzt in der Hand hielt, trug den Titel »Russische Weisheit«. Sie schlug die Seite auf, die durch einen weißen Zettel markiert war, und las:
Die Liebe ist stärker als der Tod und mächtiger als alle Todesangst. Der Sinn des Lebens ist die Liebe.
Iwan Turgenjew
Schnell klappte sie das Buch wieder zu, als hätte ihr jemand einen Schlag versetzt. Wie gebannt starrte sie eine ganze Weile auf den ikonographischen Druck auf dem Buchdeckel: der Heilige Georg, der den Drachen tötet. Dann erst fühlte sie sich imstande, das Zitat noch einmal zu lesen. Wenn sie in solchen Kategorien denken würde, müsste sie jetzt annehmen, dass Lydia sie zu diesem Buch geschickt und die Seite für sie markiert hatte.
Das Buch war klein genug, um es in die Tasche ihres Morgenmantels zu stecken. Sie holte sich ein zweites Buch aus dem Regal. Auf dem Schutzumschlag war ein berühmtes Porträt Heinrichs des Achten abgebildet. Das dicklich arrogante Gesicht des Tudorkönigs ließ nur andeutungsweise erkennen, wie jung der König gewesen war, als er gemalt wurde. Als junger Mann hatte Heinrich gedichtet und komponiert, doch sein maßloses Ego und seine sexuelle Gier hatten über seine jugendliche Sensibilität gesiegt. Die inneren Widersprüche dieses Königs hatten Lydia immer sehr fasziniert. Je älter Henry VIII. wurde, desto grausamer wurde er, bis er schließlich die gesamte kirchliche Ordnung umstieß, um immer wieder eine neue Frau ehelichen zu können. Wer sich ihm widersetzte, wurde kurzerhand hingerichtet.
Madeleine blätterte gedankenverloren in dem Buch. Sie musste daran denken, wie Lydias Augen leuchteten, wenn sie von irgendeiner historischen Intrige erzählte. Bei einem Besuch in London waren sie einmal in einem Restaurant in der Nähe der London Bridge gewesen. Von ihrem Tisch aus blickten sie auf die düstere Silhouette des Towers. Lydia hatte sich geschüttelt und gesagt: »Der Tower jagt mir immer ein bisschen Angst ein. Ich weiß, nicht nur dort wurden schreckliche Morde begangen ...« Nach einem Moment des Schweigens hatte sie hinzugefügt: »Ich glaube, es kommt von den Steinmauern. Sie sind so alt.« Madeleine hatte nur genickt. Sie kannte dieses Gefühl aus der Normandie. Caen war ebenfalls eine mittelalterliche Stadt, und auch dort hatte ein berühmtberüchtigter König residiert – William der Eroberer.
Madeleine fröstelte, es war kalt im Zimmer. Sie zog die schweren Vorhänge zu, um die Zugluft draußen zu halten, und machte Licht. Wie deutlich man hier im Raum Lydias Gegenwart spüren konnte. Madeleine glaubte nicht an Geister, doch vielleicht waren Geister im Grunde gar nichts anderes als Erinnerungen.
Normalerweise rauchte sie morgens nicht – da hatte sie ihre Prinzipien. Aber jetzt brauchte sie unbedingt eine Zigarette. In ihrer großen Handtasche, in der sie oft genug Lehrbücher und Klausuren herumschleppte, fand sie nach einigem Wühlen endlich eine Packung, die sich unter vielen Papieren versteckt hatte. Zu diesen gehörte auch Lydias Brief, der an dem Tag gekommen war, als Joan Davidson sie in der Universität angerufen hatte. Madeleine legte ihn auf den Tisch, ohne ihn auseinander zu falten. Sie hatte nicht die Kraft, ihn noch einmal zu lesen. Stattdessen zündete sie sich die ersehnte Zigarette an und blätterte in Lydias großem Notizheft, um sich von dem Brief abzulenken. Plötzlich stieß sie auf eine Seite mit einem lateinischen Text, der genauso säuberlich abgeschrieben war wie der, den ihre Mutter ihr erst vor wenigen Tagen geschickt hatte. Zuerst dachte Madeleine, es sei derselbe Wortlaut, aber als sie näher hinschaute, entdeckte sie, dass es sich um ein späteres Datum handelte.
Juni 1064
