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Das Totenreich wird von einem Geist heimgesucht. Statt alle zurückkehrenden Seelen in ein neues Leben zu schicken, vernichtet er sie. Nur wenige erreichen den sicheren Palast des Herrn der Toten. So auch Avea, die dort als wiedergekehrte Todesbotin verehrt wird. Doch als ein Seher seine Seele riskiert, nur um sie zu treffen, durchschaut Avea die Lügen um den Geist - und sich selbst.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Vorwort der Autorin
Der Geist des Totenreichs
Inhaltswarnungen
Biografie
Impressum
Liebe Lesenden,
ich freue mich, dass Ihr euch entschieden habt, meine Geschichte zu lesen. Bevor Ihr jedoch einsteigt, erlaubt mir einen Hinweis: „Der Geist des Totenreichs“ ist eine düstere Fantasygeschichte – Dark Fantasy. In dieses Genre fließen bedrückende Inhalte, brutale Szenen und Elemente aus dem Horror.
Vielleicht war Euch das bei der Wahl meiner Geschichte bereits bewusst. Vielleicht ist „Der Geist des Totenreichs“ aber auch Eure erste des Genres. In dem Fall könnt Ihr einen Blick in die Inhaltswarnungen am Ende werfen.
Und jetzt wünsche ich viel Lesevergnügen!
Mit geübten Fingern zog Avea Grashalm für Grashalm durch das Geflecht auf ihrem Schoß. Sie hatte die Pflanzen im Palastgarten gesammelt, im Salon Platz genommen und begonnen, einen Korb zu flechten. Die Halme waren störrisch in ihren Händen, doch ihre Oberfläche samtweich unter ihren Fingern.
Aus dem Augenwinkel bemerkte sie eine Bewegung. Erschrocken sah sie zur Terrasse, die in den Palastgarten führte. Dort war eine in weite braune Stofffetzen gehüllte Gestalt aufgetaucht. Sie starrte ihr aus blassblauen Augen entgegen. Die kurzen weißen Haare um das rundliche Gesicht des Menschen waren auf einer Seite mit einer Blutkruste überzogen, der Schädel darunter unförmig.
Aveas erster Schreck wich Verwunderung. Warum verhüllte die Person ihre Wunde nicht? Niemand hier im Totenreich zeigte seine Sterbenszeichen. Selbst Avea verbarg ihren vom Fieber ausgemergelten Gazellenkörper unter einem Tuch, obgleich kein Zentaur in ihrer Heimat je sein Fell bedeckte.
Der Mensch sagte etwas.
Avea sah zu der offenen Salontür und in den Flur dahinter. Außer ihr war niemand in der Nähe. Konnte sich ein Neuankömmling hierher verirrt haben? Zögernd legte sie ihre Flechtarbeit neben das Sitzkissen und erhob sich. Eine Gazellenlänge vor der Terrasse hielt sie inne. Den Toten konnte man nicht trauen.
„Majalla“, interpretierte sie das Wort anhand der Lippenbewegungen des Neuankömmlings.
Der Mensch runzelte die Stirn, was die Fältchen um seine Augen vertiefte. Kurz darauf winkte er jemandem hinter sich.
Aus dem Schatten riesiger Farnstängel löste sich eine Gestalt, ebenfalls ein Mensch, kurz vor dem Erwachsenwerden. Viel mehr konnte Avea nur erahnen. Das Kind war ähnlich gekleidet wie seine Begleitung. Vor dem Gesicht trug es ein Tuch, das alles außer seinen Augen bedeckte. Seine Haut war von einem tieferen Braun als Aveas Fellzeichnung, die Augen schwarz wie die Nacht, ebenso die Fetzen, die es zu einem dicken Gewand zusammengeflickt hatte. Nur seine Hände waren zu sehen. An der Linken fehlte ein Finger.
Avea beobachtete, wie die ältere Person die verhüllte Gestalt ansprach, konnte jedoch nicht erkennen, was sie sagte. Das Kind gestikulierte darauf mit den Händen.
Verblüfft blinzelte Avea. Es sprach mit den Händen. Noch niemand hier im Totenreich hatte auf diese Weise mit ihr reden können. Sie trat freudig mit dem Huf auf und bemerkte zu spät, dass sich das Kind mit seinen Worten an sie richtete.
„Entschuldige, ich war zu überrascht“, gebärdete sie hastig. „Bitte wiederhole es.“
Die Augen des verhüllten Kindes lächelten, und auch seine Begleitung nickte zufrieden.
„Ich bin Mann Chensua, das ist Frau Hannah“, wiederholte es.
Unschlüssig sah Avea zwischen den beiden hin und her. Es war ungewohnt, Mimik nur anhand von Stirn und Augenpartie lesen zu können. Sie spürte Sympathie, aber hatte auch Zweifel. Sie durfte ihnen nicht trauen. Alle Toten waren verwirrt, erzählten von Dingen, die ihnen zu Lebzeiten zugestoßen waren. Ihre Gedanken hingen im früheren Leben fest. Deshalb war auch niemand in der Lage, Aveas tonlose Sprache zu lernen.
All das schürte Aveas Skepsis, sie zögerte. „Wie seid ihr in den Palast gekommen?“
Die Menschenfrau, Hannah, fragte etwas, der Verhüllte nickte. Ein grimmiger Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, als sie in die Falten ihres Gewandes griff.
Avea zuckte zurück.
Zum Vorschein kam ein goldener Ring, geziert von einem ovalen schwarzen Stein. Er funkelte rötlich, in der Farbe von Aveas Magie. „Was ist das?“
Während Hannah ihr das Schmuckstück auf der Handfläche entgegenstreckte, hob Chensua zu einer Erklärung an: „Vor sieben Wiedergeburten erschuf Majalla diesen Ring. Er öffnet die Mauern des Schlosses.“
Vorsichtig nahm Avea den Ring entgegen. Sie sah ihre eigene Zauberei über das Metall flirren. War das möglich? Doch mit den Augen sah sie nur die Oberfläche, sie musste alle Sinne öffnen und ihn genauer betrachten. Wie sie es zu Lebzeiten gelernt hatte, konzentrierte sie sich auf ihr Innerstes. Vor ihrem Geiste sah sie ihre Magie als blutroten Quell. In Gedanken zog sie dünne Fäden heraus, knüpfte sie zu einer Maske. Mit einer Geste setzte sie sich das Magiegeflecht auf. Nun konnte sie den Zauber des Rings in all seinen Facetten wahrnehmen. Die magischen Fäden waren zu einem komplexen Muster verflochten, das den Kristall des Schmuckstücks durchzog. Sie bemerkte den Geruch des Rauches, der ihm innewohnte, den zarten Geschmack von Mehlstaub. Es war eindeutig ihre Magie, doch das Zaubergewebe war ihr unbekannt. Sie hatte keine derartige Formel gelernt – bisher.
Als sie aufsah, fuhr Chensua fort: „Die damalige Majalla gab den Ring ihren Vertrauten, ehe sie ermordet wurde.“
Avea gab Hannah das Schmuckstück zurück. „Von den Wiedergängern?“
Chensua schüttelte den Kopf. „Wir sind die Wiedergänger.“
Scharf sog Avea die Luft ein und trat zurück. Diese beiden Menschen gehörten zu dem Geheimbund, der Majalla vernichten wollte?
Rasch spreizte Chensua Daumen, Zeige- und Mittelfinger seiner Hand und tippte sich zwei Mal an die Brust. „Wartet.“ Er wechselte einen Blick mit seiner Begleiterin, ehe er weitersprach: „Majalla rief die Wiedergänger ins Leben, um Tothroa wieder ins Gleichgewicht zu bringen.“ Für einen kurzen Moment ließ Chensua die Hände sinken und suchte ihren Blickkontakt. „Wir brauchen Eure Hilfe.“
Tothroa. Ein alter Name für das Totenreich. Damals hatten die Eleven ihres Magierbundes sie ob ihrer Unwissenheit ausgelacht. Jetzt wusste Avea nicht, was sie von Chensuas Bitte halten sollte. Zaghaft fragte sie: „Warum?“
Hannah sagte etwas, doch Avea richtete ihre Aufmerksamkeit auf die dunklen Augen ihres Gegenübers. Mit ihm konnte sie sich verständigen.
Ernst erwiderte er den Blick. „In Levgard war ich der Erste Seher meines Volkes.“
Levgard. Noch ein altertümliches Wort. Es bezeichnete die Welt der Lebenden.
