Der gelbe Flüchtlingshund - Marietta Morenga - E-Book

Der gelbe Flüchtlingshund E-Book

Marietta Morenga

0,0

Beschreibung

Aurelius ist als namenloser Straßenhund in Griechenland geboren. Er betrachtet seine Umwelt mit fröhlicher Ironie, zugleich sinniert er über Sinn und Zweck seines Lebens und die Menschen, die ihm darin begegnen. Sein Lebensmotto ist panta rhei: Alles wird anders und er hofft, es wird gut. Er verlässt seine Mutter und geht nach Deutschland. Dort findet er nach den Stationen Erstfamilie und Tierheim sein Frauchen, das ihm seinen Namen gibt und ihn für immer aufnimmt. Mareike ist aufgehoben in enger Nachbarschaft zu ihren Vermietern, einer Bauernfamilie. Doch es fehlt ein Mann an ihrer Seite. Sie sucht über Online Dating einen Partner. Für Aurelius unverständlich; Sympathie entscheidet sich für ihn nach Geruch. Das Dating scheitert, Mareike und Aurelius begegnen einem Mann auf einer Messe für Hundeartikel. Dieser Mann, Hauke, tritt erneut in beider Leben, als Aurelius ein Lamm vor der Schlachtbank retten will. Hauke will dieses Schaf - und er will Mareike und Aurelius. Alle drei tragen Schuld in sich, was sich in ihren Träumen äußert. Hauke ist Tierarzt und wohnt auf einem Gutshof mit viel freiem Platz. Aurelius überdenkt sein Glück. Er fühlt sich schuldig, seine Mutter sich selbst überlassen zu haben. Zudem möchte er der Gesellschaft, in der es ihm jetzt so gut geht, etwas zurückgeben. Wer bedarf seiner Hilfe, was kann er tun? Seine Mutter Gaia wird aus Griechenland geholt. Sie hat einen besonderen Zugang zu Oma Elfriede, der Mutter des Bauern. Alle zusammen gründen ein Wohnprojekt für alte Menschen. Die gemeinsame Arbeit und die Begleitung der Senioren schenken allen die Auflösung ihrer jeweiligen Schuld. Aurelius, aus einem Leben der Entbehrungen gekommen, hat seinem Dasein Sinn und Erfüllung gegeben. Er kann zufrieden seine irdische Hülle verlassen. Marietta Morenga hat als Buchhändlerin und Journalistin gearbeitet. In ihrer Freizeit engagiert sie sich für Hunde, die kein Zuhause haben. In ihrer Biografie des Aurelius entwirft Marietta Morenga eine Vision, wie Altwerden generationenübergreifend in gemeinschaftlicher Verantwortung gelingen kann. Ein Buch von Abschiednehmen, Neuanfang und Ankommen sowie ein Dank an unsere Elterngeneration - vor allem an die Mütter, die uns allen das Leben geschenkt haben.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Meinen Eltern und all meinen Hunden, die mich ein Stück meines Weges begleitet haben.

Inhaltsverzeichnis

Geburt

Jugend

Heimat

Alles fließt

Geburt

Ich bin ein Flüchtlingshund.

Dass es so etwas gibt, wusste ich auch nicht, als ich geboren wurde in einer lauen Frühlingsnacht unter gelb-rundem Vollmond, eingekuschelt zwischen den warm pulsierenden Leibern meiner Geschwister. Ich war noch etwas matt - auf diese Welt zu kommen, ist ganz schön anstrengend. Doch jetzt lag ich hier, inmitten meiner Familie, und fühlte mich wohlig geborgen, obwohl ich schon ahnte, welche Schwierigkeiten vor mir lagen.

Meine Mama leckte mir das Fell sauber. Eine große, stattliche, cremefarbene Dame mit schwarzer Maske. Sie hatte bereits 12 Kinder zur Welt gebracht. Vater? Die Väter? Unbekannt. Moderne Zeiten! Patchwork nennt man das. Aber würde das nicht heißen, dass Papa Verantwortung übernimmt für sein neues Rudel? So ein Typ war mein Vater wohl nicht. Weit und breit keine Spur von ihm. Ein One-Night-Stand, ach was, ein paar Minuten waren es bestimmt nur gewesen. Womöglich würde meine Mutter ihn gar nicht wiedererkennen, sollten sich ihre Wege irgendwann einmal kreuzen. Meine Mama hatte keinen Namen. So ist das, wenn man auf der Straße lebt. Wir hatten hier keine Namen; wir waren die Namenlosen. Einen Namen bekommt man, wenn man einen festen Wohnsitz hat - mit einem Plätzchen vor einem Ofen und einem Herdfeuer, auf welchem Menschen knusprige Mahlzeiten brutzeln. Menschen geben Hunden Namen. Hunden, die für immer bei ihnen leben. Das ist mein Ziel, überlegte ich, während ich an meiner namenlosen Mutter trank. Ich möchte eines Tages einen wunderschönen, einen klangvollen Namen tragen. Einen Namen, auf den ich gerne hören würde. Einen Namen, der nur mich meinte und zu dem eine Adresse gehörte mit einer Nummer und einem Schild an der Tür: Mein Haus, mein Garten, meine Familie! Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Und dafür musste ich meine Heimat verlassen.

Griechenland ist ein schönes Land. Es war einst ein noch schöneres Land für Hunde wie mich, als es noch Menschen gab, die uns brauchten. Ich denke, ich bin eine Mischung aus Herdenschutzhund mit Unbekannt. Aber ganz bestimmt sehr viel Herdenschutzhund. Meine Mutter hatte Geschmack bewiesen und musste etwas auf sich halten. In unseren Adern fließt der Kangal, eine prächtige und stolze Rasse mit Ursprung Türkei. Meine Vorfahren hatten ganz sicher ein auskömmliches Leben. Sie bewachten die Schafe ihrer Menschen und verteidigten diese gegen Eindringlinge von außen. Ja, sogar gegen Wölfe! Kangale sind mutige Hunde! Einer meiner Ahnen – es könnte meine Urgroßmutter gewesen sein - war nach Griechenland ausgewandert, beziehungsweise wurde ausgewandert. Vielleicht eingetauscht gegen ein paar Flaschen Retsina, jenen ausgefallenen weißen Wein mit einem harzigen Unterton, der nur unter griechischer Sonne so richtig gut schmeckt. Heutzutage bekommt man Retsina an allen Ecken und Enden der EU und weit darüber hinaus. Auch Hunde bekommt man an allen Ecken und Enden. Was man an allen Ecken und Enden bekommt, verliert seinen Wert. Da kann Hund noch so schön sein, noch so treuherzig dreinschauen, noch so gute Qualitäten haben. Der Konkurrenzkampf um einen festen Wohnsitz ist groß.

Ein heißer Tag schwirrte über die Hügel, als meine vierte Lebenswoche ins Land ging. Meine Mutter tat ihr Bestes, uns durchzubringen. Sie war viel unterwegs, dort, wo Menschen ihre Abfälle achtlos im Straßengraben liegen ließen. Manchmal roch sie ein bisschen nach Retsina. Leere Flaschen lagen überall herum. Man musste vorsichtig sein bei all dem Glas. Das Zeug konnte höllisch scharf sein und übelst in die Pfoten schneiden. Letzte Tropfen aus den offenen Hälsen weißer Flaschen beträufelten die Erde und durchtränkten manch ein Fleischrestchen. Gleich daneben glitschige Bananenschalen, Taschentücher und ähnlicher Plunder sowie messerkantige Becher mit vertrockneten Joghurtresten. Mülltrennung war hier wohl noch kein Thema. Und Hund durfte nicht wählerisch sein. Das waren wir auch nicht. Tapfer tranken wir Milch, die jeden Tag anders schmeckte. Je nachdem, welche Beute meine Mutter gemacht hatte. Heute schmeckte unsere Mahlzeit cremig süß. Könnten Honigkuchen mit dabei gewesen sein. Gezuckerte, gebrannte Mandeln oder Pfannkuchen, bestrichen mit Zimt und Apfelmus. Genug Kalorien, um einen Wachstumsschub zu schaffen. Schließlich sollten wir unserer Mama nicht zu lange auf der Tasche liegen. Keine lange sorgenfreie Kinderstube … wir mussten früh ran und wurden gleich ins Praktikum gesteckt. Fördern, aber auch fordern, so war das in unserem Leben. Eigenverantwortung war gefragt, langer Atem und eine große Frustrationstoleranz. Das System wurde uns mit der Milch ins Blut gegeben. Manche schafften es, andere nicht.

Ein Gewitter zog auf. Leise grummelten rollende Töne durch die Stille unseres Hains. Berge von Wolken warfen Schatten auf meine Geschwister, züngelnder Wind umspielte unsere Nasen. Ein leicht salziger Geschmack vom Meer und von endloser Weite. Weite wohin? Ins Nirgendwo. Lag dort das Paradies? Wer hat es je gesehen? Ein nasser Tropfen platschte mitten auf meine Stirn. Ein nächster kugelte in meine Nase. ´Panta rhei`, so hatte Heraklit gesagt. Hat irgendwie, irgendwas mit Wasser zu tun. Alles fließt. Du steigst niemals in den gleichen Fluss, alles ändert sich. Die Griechen haben doch einiges zu bieten in Sachen Kultur. In was für einem erlesenen Land ich doch geboren war! Nur: Davon kann man sich keine festen Mauern um einen Herd und einen Schlafplatz bauen. Trotzdem schöne Worte!

Meiner Mutter wurde es langsam zu bunt oder zu nass, was ich eher annahm; sie packte jeden von uns im Nacken und transportierte uns unter eine Brücke. Hier war es wenigstens trocken. Wir mussten uns neu eingewöhnen in unserer Zufluchtsstätte, der Abend trudelte bereits herein. Mama war besorgt. Panta rhei, wollte ich ihr noch tröstend zuflüstern. Alles wird gut. Nur anders. Man muss sich den Umständen anpassen, mit den Zeiten gehen. Aber da fielen mir schon vor Müdigkeit die Augen zu und ich schlummerte den Schlaf der jungen Welpen und den der Träumer.

Mit 12 Wochen fingen wir an, meine Mutter bei ihren täglichen Shopping Touren zu begleiten und die Grundzüge des Überlebens in freier Wildbahn zu erlernen. Das Konzept war einfach zu verstehen: möglichst viel, in kurzer Zeit und mit geringem Anstrengungsaufwand ergattern. Passte zu unserem Low-Budget-Haushalt. Genau genommen Zero-Budget. Zu weit zu laufen, kostete Kalorien. Umso mehr müssten wir finden. Ein Teufelskreis!

Wir speisten halb vergammelte, in Marinaden ertränkte Pseudo-Fleischkrümel, aus mit Neonlettern beschrifteten Tüten herausgefiltert. Manchmal auch mit Tüte. Ökologisch abbaubar stand da drauf. Recyclebar. Unser Unternehmen kümmert sich um die Umwelt. Klang doch super! Wen interessierten da noch Tütenfetzen im Magen? Wir fühlten uns wie Gott in Frankreich.

Nach einem kurzen Verdauungsnickerchen war mir so richtig nach Spielen zumute, Kalorien verlieren hin und her. Junge Hunde sind manchmal unvernünftig. Ich schlug eine tolle Rolle, wälzte mich im Gras, lief einer Zikade hinterher und sog die Frische der Luft in vollen Zügen ein. Hhhhm, das war schön! Mein Bruder x lag untätig in einer Mulde. Er war mein Lieblingsspielkamerad und mein Lieblingsbruder.

„Hey, komm tollen“, zwickte ich ihn ein bisschen und versuchte, ihn herauszufordern. Keine Reaktion. Nun ja, keine Krabbel-Kita heute. Zumindest nicht mit ihm. Ich erkundete ein wenig die Landschaft. Von einem Felsen konnte man weit über die Weinberge schauen. Ganz in der Ferne zogen Schiffe vorbei – bestimmt waren das Vergnügungsfahrten ins Blaue. Und bestimmt wurde viel gelacht und auch gut gegessen.

Hatten Menschen auch so viele Brüder und Schwestern wie wir? Blieben sie immer zusammen oder trennten sich ihre Wege? Fanden sie neue Spielkameraden? Wann gründeten sie Familien – und wie oft? Wie kamen Vater und Mutter zusammen? Zogen sie viel um oder blieben sie für immer an einem Ort? Und wer entschied darüber? Der Rudelführer? Oder wurde das demokratisch diskutiert?

Es sollte doch eine gemeinsame Entscheidung sein, dachte ich. Das ganze Leben! Jeder gleiches Stimmrecht. Schließlich befand ich mich in der Wiege der Demokratie. Genug sinniert. Es dämmerte bereits und ich machte mich auf, mal nach Bruder x schauen. Er hatte doch gar zu seltsam dreingeschaut. Ich schlug einen schnellen Lauf an. Plötzlich sorgte ich mich sehr, mein Puls schnellte in die Höhe.

Die Familie war schon versammelt.

Mama in der Mitte, wir kranzförmig um sie herum drapiert. Alle waren satt und zufrieden. Bruder x kauerte immer noch recht teilnahmslos auf einem Fleck. Ich vermisste das leuchtende Feuer in seinen sonst so strahlenden Augen. Wird schon wieder werden. Erstmal schlafen. Morgen ist ein neuer Tag. Noch paar Minuten erzählen, Pläne machen. Wir sollten umziehen. Das stand auf der Liste der abendlichen Besprechungsrunde. Vielleicht in die Nähe eines Campingplatzes. Dort gibt es mehr zu essen. Natürlich entschieden wir alle zusammen - demokratisch eben. Macht ein gutes Gefühl, so eine demokratische Entscheidung. Zieht wohlig durch den Bauch. Nur meinem Bruder x war offensichtlich alles egal. Macht, was ihr wollt, schien er zu sagen, ich schließe mich der Mehrheit an.

Okay. Wir wünschten uns zufrieden eine Gute Nacht.

Es war die Nacht, in der mein Bruder starb.

Tzzzz … mich juckte etwas ganz fürchterlich. Schnell fuhr ich auf, untersuchte meine Schenkel und knabberte mein Fell durch. Da, dort war es. Ein recht widerliches kleines, schwarzes Teilchen hatte sich festgebissen und saugte mir mein Blut aus. So ein Schmarotzer, dumme kleine Zecke! Kann sich doch einen anderen Platz suchen. Die Welt ist voller Möglichkeiten. Chancen überall! Ich beschloss, das positiv zu sehen. Was musste ich doch für ein außergewöhnlich schickes Kerlchen sein, dass grade ich auserwählt wurde! Trotzdem echt nervig. Nochmal knabbern – half nichts. Irgendwann fallen die Dinger von selbst ab, hatte ich gehört und dann würden wir wieder getrennter Wege gehen. Vielleicht ganz nett, ein paar Tage gemeinsam zu verbringen. Passiert ja sonst nicht so viel hier in unserer Gegend. Passiert nicht viel?!

Ein Blick über meine Geschwister – sie schlummerten noch alle; ihre Brüste hoben und senkten sich sanft wiegend im Rhythmus ihres Herzschlages. Nur einer der Leiber war sonderbar reglos. Ich sprang auf, um mir das mal genauer anzusehen.

„Hey, kleiner Bruder. Ein neuer Morgen erwacht. Hörst du, wie es lustig summt und zirpt?“

Immer noch keine Regung. Ich stupste ihn mit meiner kühlen Schnauze. Uuuuuih, sein Körper war noch kühler und ganz bretthart. Da pochte nichts mehr. Mir wurde ganz mulmig. Üble Umdrehungen im Magen. Schmerzendes Fiepen entwich mir, ich konnte nichts dagegen tun. Meine Geschwister und meine Mama erwachten. In meinen Augen konnten sie es lesen: Es war etwas Schreckliches passiert.

Zwei Stunden später hatten wir eine kleine Grube ausgebuddelt und meinen kleinen Bruder mit allen Ehren und allen Tränen vergraben. Panta rhei, dachte ich bei mir, es hilft nichts, alles ändert sich und auch Hunde werden geboren und sterben. Aber: Doch nicht jetzt schon!! In ein paar Jahren, okay. Nicht jetzt! Hätten wir doch bloß einen Tierarzt in der Nähe gehabt. Menschen wissen ja manchmal doch mehr als wir und können helfen. Hunde, die einen Namen haben, gehen mit ihren Menschen zu einem Tierarzt.

Wir wollten an diesem Ort mit diesen traurigen Erinnerungen nicht mehr bleiben. Der Familienrat beschloss, jetzt endlich den bereits angedachten Umzug auszuführen, Richtung Campingplatz. Bestimmt gab es genug Essen dort und für die, die es jetzt wollten, Gelegenheit, sich einen Menschen zu suchen. Und bestimmt gab es dort auch irgendwo einen Tierarzt. Für den Fall der Fälle. Wir wollten nicht noch einen aus unserer Mitte verlieren.

Zwei Tage später hatten wir einen der größten Campingplätze dieser Gegend erreicht. Wir hätten es auch in ein paar Stunden geschafft, aber wir hatten ein wenig getrödelt und offenbar waren wir in einem Halbkreis gegangen. Vielleicht waren wir auch einfach nur in Gedanken wegen der Trauer um meinen Bruder.

Es war Spätsommer, der Platz war noch ausreichend gut besucht. Bunte Fähnchen flatterten überall, kunterbunte Zelte dicht an dicht gereiht, daneben standen herrschaftliche Wohnwagen und riesige Wohnmobile, so eine Art Häuser auf Rädern. Bungalows gab es auch. Eine super Ecke für uns, das war ja fast schon, wie ein Zuhause haben. Wir bezogen da gleich mal Quartier. Eine der Hütten war auf Stützen gebaut, man konnte drunter krabbeln. Einfach ideal! Gut geschützt vor Sonne und Regen und schien auch unbewohnt zu sein, da würde uns keiner fortjagen. Wir drehten eine erste Expeditionsrunde über das Gelände. Eine ganze Menge Vierbeiner waren hier unterwegs. Ich hatte noch nie so viele Hunde auf einem Haufen gesehen. Kleine, Große, Schlanke, Dicke, Muskulöse - und welche auf 3 Beinen gab es auch. Ein strammer Rüde, schwarz glänzendes Fell, stolzes Auftreten, interessierte sich gleich mal für unsere Mama. Sie lehnte dankend ab.

Was wären die Folgen? Wieder hungrige Mäuler durchzubringen. Nein, nein, drei Würfe waren erstmal genug. Da konnte der schwarze Prachtkerl noch so verlockend um sie herumtänzeln und sie umwerben. Noch zwei Versuche startete er, dann akzeptierte er ihre Abfuhr. Es gab ja schließlich noch andere Damen hier, welche, die williger waren.

„Willi“, rief eine hell tönende Stimme. Gemeint war ein kleiner Dackel. Er hatte ein schickes Band um den Hals. Mit Kärtchen mit Telefonnummer, Namen und Adresse. Tolle Sache! Klare Strukturen. Der wusste - und jeder andere wusste es auch -, wo er hingehört. Willi trabte um die Ecke. Es gab Mittagessen für ihn. Sehr hübsch und sehr liebevoll angerichtet in einer silberfarbenen Schüssel. Das sah wirklich edel aus und roch verdammt gut. Uns lief das Wasser in den Lefzen zusammen.

Willi hatte uns bereits bemerkt. Mit einem bedrohlichen Knurren gab er unmissverständliche Ansage: „Weg hier, das ist mein Topf. Das ist im Übrigen auch meine Familie. Und was wollt ihr überhaupt? Ich habe Stammbaum, super Papiere, sehe klasse aus. Mit euch gebe ich mich nicht ab und meine Menschen auch nicht.“

Hmmh, ja, ja, verstanden. Also mal weiter zur Abfalltonne. Da ist bestimmt noch einiges rauszuholen. Dort speisten wir zu Mittag. Feudal geht anders, aber besser als nichts.

Ein kleines Mädchen kam auf uns zu. „Ach wie süß“, trällerte sie, „kann ich euch streicheln?“ Klaro, bisschen Fellmassage ist immer gut. Das Mädchen strich mir über meinen Kopf, meinen Rücken und kraulte meinen Bauch. Könnte ich mich dran gewöhnen, dachte ich genießend grunzend. Weiter, schön, aaahhhh … einfach zum Träumen und Zeit Vergessen. So, das war es aber auch schon. Das Mädchen hörte abrupt auf. Es gab jetzt Spannenderes: Badesachen holen, in den Pool springen, Jungs in die Haare ziepen, Eis essen - irgendwas.

Sind Menschen immer so treulos? Erst Vertrauen geben, erst liebevoll und richtig nett sein und dann: zack, weg? Wie hat das der Dackel gemacht? Wie ist der an seine Familie gekommen? Es wird sein Stammbaum sein!

Rückwärts kamen wir wieder an ihm vorbei. An diesem aufgeblähten Stammbaum-Träger. Nanu, der kleine Mann gebärdete sich plötzlich recht aufgeschlossen. Mit sattem Magen sieht die Welt gleich anders aus. Da hat man auch mal Zeit für soziale Themen wie zum Beispiel, sich mit Streunern abzugeben.

Schnüffelnd umkreiste er mich. Schon mutig, ich war bereits dreimal so groß wie er mit meinen vier Monaten. „Riecht alles gut an dir, so lass uns spielen“, säuselte er. Wunderbar, da ließ ich mich nicht zweimal bitten. Mein liebster Spielkamerad war schließlich tot. Ach, ich vermisste ihn doch unendlich! Da tat Ablenkung gut.

Willi zwinkerte und blitzte mit seinen Äuglein, knickte seine vorderen Beinchen ein und stellte seinen wohlgeformten Hintern in die Höhe. Der kann ja richtig charmant sein, jubilierte ich - und schwupps drehten wir schwungvolle Kreise kreuz und quer, zwickten uns ein bisschen, mal der eine, mal der andere, warfen uns kugelnd ins Gras und hatten so richtig super viel Spaß.

Ob wir das öfter machen könnten? Ob wir länger zusammen bleiben könnten? Ob ich auch seinen Menschen gefallen könnte?

Meine Familie war schon weitergetrabt zu unserem Quartier. Eine gute Gelegenheit für mich, mich als Single bei seinen Leuten vorzustellen. Wer nimmt schon Achter-Pack? Mama inclusive. Ganz und gar undenkbar! Ich schaute mich mal genauer um. Und hörte auch genauer hin. Die beiden Menschen, Frau und Mann, Willis Leute, sprachen in wohlklingenden Tönen miteinander. Angenehme Stimmlage, ein hübsches Sing-Sang, kein Gezeter, kein lautes Geschrei, was ich hier auch schon vernommen hatte. Ein großes Auto stand vor ihrem Wohnwagen. Hinten drauf ein Kleberchen: Refugees welcome! Mein englisch, das ich hier und da aufgeschnappt hatte, war ausreichend, die Botschaft zu verstehen. Optimal! Die hatten ein Herz für Fremdlinge wie mich. Oder ob das nur für Menschen galt? Und ob das nur schöne Worte waren oder handelten diese beiden netten Menschen auch danach? Schöne Worte sind schöne Worte. Handeln ist wesentlich besser.

Auf dem Weg zum Campingplatz waren wir an sonderbaren Barracken vorbeigekommen. Sie waren gruselig überfüllt und verschiedene Sprachen schossen durch die Luft, ein Sammelsurium an Kulturen, wild durcheinander. Manche stiegen in einen Bus, fuhren auf und davon, andere drängten nach. Menschen mit verängstigten Gesichtern, erschöpfte Menschen, Menschen, die Schlange standen an einer Stelle, wo Essen überreicht wurde. Da war kein Platz für uns gewesen. Sie hatten wohl selbst zu kämpfen.

Ab und an hörte man das Wort Refugee. Hatten sie auch keinen persönlichen, keinen ganz speziellen, eigenen Namen? Und hatten sie auch schon mehrfach den Wohnort gewechselt? Seit wann waren sie unterwegs und wie lange noch?

Manche Menschen scheinen das gleiche Schicksal zu haben wie wir, ich und meine Familie. Mit keinem anderen Besitz als dem blanken Körper laufen, laufen, laufen … eine bessere Futterstelle suchen. Diese Refugees hatten bestimmt auch hier und da Fußtritte oder Schlimmeres erleiden müssen, auf ihrem weiten Weg hierher. Schauerlich! Ich fühlte mich diesen Leuten irgendwie verbunden. Ich konnte ihnen aber nicht helfen - und sie mir nicht.

Warum fuhren diese Leute von Willi in ein solches Land? Die Sonne genießen? Ich hatte gehört, früher kamen noch viel mehr Menschen mit Zelten und Wohnwagen hierher. Griechenland hatte auf der Liste der beliebtesten Urlaubsziele ganz weit oben gestanden. Jetzt kamen nicht mehr so viele wie früher. Das hatte wohl was mit diesen mürben Scheinen aus Papier zu tun, welche die Menschen eintauschten gegen was zu essen oder die sie hergaben, um gigantische Bauwerke betreten zu dürfen. Unsere Tempel der Antike beispielsweise. Auf einem kleinen klappbaren Tischchen bei Willis Leuten lagen dicke Wälzer über die Akropolis und ähnliche Themen herum. Sie schienen sehr gebildet zu sein. Das ist gut! Dann haben sie bestimmt auch einen guten Job und ein schickes Haus im Grünen mit einem eigenen Garten in Deutschland. Ein dickes ´D` stand auf dem Nummernschild ihres Autos.

Es war schon richtig spät geworden. Ich verabschiedete mich von Willi, wir verabredeten uns für morgen und ich lief zu meiner Familie.

In dieser Nacht träumte ich von silberfarbenen Schüsseln, wohlgefüllt mit duftendem Fleisch, von kuscheligen Decken in hübschen Körbchen, so wie ich es bei Willi gesehen hatte. Ich träumte von Sorglosigkeit und davon, den Tag einfach Tag sein lassen - einfach mal chillen -, ich träumte von Sicherheit und Verlässlichkeit, von dicken Autos, die einen herrlich bequem von A nach B kutschieren für tolle Ausflüge, um einfach mal was anderes zu sehen. Den Horizont zu erweitern, bildet ungemein. Ich träumte von freundlichen Worten und sanft strahlenden Gesichtern. Das komplette Wohlfühlprogramm. Alles in einem Paket. Ich träumte davon, mein Bäuchi gekrault zu bekommen, von einem Menschen, der sich richtig viel Zeit dafür nimmt. Als Dank würde ich ihm auch den Arm abschlecken. Ganz bestimmt. Geben und nehmen! Beziehung kann nicht einseitig sein.

Am liebsten wäre ich aus diesem Traum nicht mehr erwacht. Ist Träumen in der Nacht nicht besser als das Leben am Tage? Oder wo ist der Unterschied? Alles in meinem Traum kam mir so greifbar real vor. Allerdings sagen manche: Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum. Aha! Leben scheint doch eine etwas schwierigere Angelegenheit zu sein und das findet am Tage statt. Aber ich hatte eine Wahl, meine Tage und auch mein Leben zu gestalten. Ich konnte etwas dafür tun, damit es mir besser gehen würde. Ich musste selbst aktiv werden!

Der frühe Vogel fängt den Wurm - schwammig lagen diese Worte in meinen Gedanken, irgendwo zwischen dämmeriger Schlaftrunkenheit und klärendem Erwachen. Auf geht’s, schnell zu Willi. Wer weiß, ob er noch da ist. Vielleicht waren sie schon abgereist. Manche Versprechen können wirklich trügerisch sein. Aber ein Willi, ein Wort! Er hatte sich soeben aus seinem Körbchen geschält und machte ein paar Yoga Stretch-Übungen. Frühsport ist immer gut, ölt die Gelenke. Ganz ein Profi, empfing er den Tag mit einem perfekt ausgeführten Sonnengruß. Gleich darauf kam auch schon diese super schöne silberfarbene Schüssel ins Spiel. Frühstück! Und ein Streicherli vom Frauchen. Was für ein Service! Ganz wie das Idyll in meinem Traum. Nur wo war ich dabei?

Es war klar, silberfarbene Schüsseln wurden von Menschen gereicht, zu denen Hund gehört. Höchste Zeit, mich nochmal Willis Frauchen vorzustellen. Vielleicht sollte ich mal auf die Mitleidsdrüse drücken? Bisschen fiepen? Hmmh, nein, das ging auch eleganter. Stummes Zuschauen mit leicht traurigem Gesichtsausdruck dürfte genügen, sofern dieser Mensch Empathie für Straßenhunde hatte. Und es funktionierte!

„Möchtest du auch etwas? Gehörst du zu keinem?“

Ja und nein. Klar doch möchte ich auch etwas und nein, ich gehöre zu keinem. Ähh, ein wenig schon, ich habe paar Geschwister und eine Mama, aber daran darf ich jetzt nicht denken. Verschieben wir es auf später. Es gab - uuuihhh – Dosenfutter für mich. Etwas gewöhnungsbedürftig, aber es war steril, absolut keimfrei und kein Stück vergammelt. Für mich gab es keinen schimmernden Napf aus kostbarem Material. Von der Sorte gab es nur einen und der war vergeben. Willi hing mit seinen zottigen Barthaaren tief im silbrigen Etwas. Für mich gab es einen Plastikteller in leuchtend blau. Blau wie das Meer. Das war doch auch was Feines. Ich liebte kräftige Farben.

Willi hob seinen Kopf. ´Was ist das denn? Bekommt der jetzt auch Essen von uns? Und was weiter? Will er dann etwa in meinem Körbchen schlafen? Brauche ich das? Will ich das?` Grübel, zzzzrrrrhhhh … knurrrrr …

„Aber Willi, wir haben genug und dieser hübsche Kerl hat bestimmt auch Hunger.“

Nettes Frauchen von Willi. Willi ließ sich beschwichtigen. ´Na ja, soll mir ja keiner nachsagen, dass ich asozial sei. Aber ich bin und bleibe die Nummer eins, verstanden?` Seine Gedanken standen ihm auf der Stirn geschrieben.

Vollkommen klar, Willi, du hast die älteren Rechte und überhaupt: Was sorgst du dich? Ich habe grade mal ein kleines Frühstück bekommen. Was will das heißen? Das machen Menschen hier so und dann ziehen sie weiter. Manchmal bekommt man auch das Bäuchlein gekrault, einmal, zweimal – und dann machen sie was anderes und kümmern sich nicht mehr um mich. Kenne ich schon. Ich habe Hoffnungen, ich habe Träume, aber ich bin nicht naiv.

Halt! Wie war das noch mit dem Träume Leben? Etwas dafür zu tun, alles zu versuchen?! Okay, ich durfte mich fortan nicht mehr hier wegrühren. Jede Sekunde musste ich nutzen, mich beliebt zu machen. Mich persönlich vorstellen, meine schönsten Seiten präsentieren und hartnäckig bleiben, statt untätig zu warten, dass sich was änderte und man auf mich zukam. Ich musste aktiv sein. Und ich zog alle meine Register!

Willis Leute packten einige Dinge zusammen.

Oha! Wollten sie schon fort? Nein, ein Tagesausflug stand auf dem Plan. Nicht umsonst lagen diese ganzen Wälzer auf dem Tischchen herum. Willis Frauchen schaute nochmal nach mir. Und … sie streichelte mich, aber so richtig schööön.

„Keine Sorge, wir kommen wieder. Heute Abend gibt es wieder ein gutes Essen für dich, wenn du magst.“

Was für eine Frage?! Bedurfte, dachte ich, keiner Antwort. War wohl auch nur rhetorisch gemeint. Willi drehte noch eine kurze Kugelrunde mit mir. Sein Frauchen und sein Herrchen schienen etwas zu besprechen, während sie uns zuschauten. Ich vernahm Wortfetzen wie „zwei“, wie „nicht geplant“, wie „groß“, wie „aber möglich“, wie „wollen wir?“. Was auch immer das bedeuten sollte.

„Gelber Hund, komm mal her“, lockte mich die Frau zum Auto und patschte mit ihrer Hand auf die Ladefläche. „Hopp!“

??? Ach, da sollte ich wohl rein? Erstmal inspizieren. Riecht ja ganz nett. Aber, neh, weißt du, bisschen eng irgendwie.

Aber sie ließ nicht locker. Sie redete mir gut zu und war sehr geduldig; es klappte aber immer noch nicht. Dann wurde Willi als mein Lehrer herangezogen. Er sprang mit einem Satz in das Auto.

„Schau, so macht man das.“ Vollkommen klar, wer so perfekt den Sonnengruß stretchen kann, der kann so mancherlei. „Und nun du“, lockte Willi.

Okay, ich will ja keine Memme sein und kann ich mir - nebenbei bemerkt - auch gar nicht leisten. Ich habe Schlimmeres erlebt, ich habe unter Brücken geschlafen, ich bin durch enge Röhren gekrabbelt, um Abfall zu ergattern, da werde ich ja wohl in so ein doch recht großes Auto steigen können. Da gibt es auch Fenster, da zischt immerhin noch kühle Luft durch.

Zack, drin war ich. Ich bekam auch gleich dickes Lob. „Super gemacht!“ Prima, danke, reicht aber fürs erste. Ich spring mal wieder raus. Mehr wurde auch nicht von mir erwartet. War wohl so etwas wie ein Test, ob da überhaupt was ging. Es gab zwei Probleme: Problem Auto und Problem Willi. Beides musste langsam trainiert werden. Die Frau war prima und wusste, dass man uns beide nicht überfordern durfte, mich nicht und auch Willi nicht. An Zuwachs musste man ihn langsam heranführen mit ganz kleinen Schritten, aber mit klarer Richtung. Ihm schwante ja schon, dass er fortan nicht mehr allein sein würde mit seinen Leuten.

´Kann ja auch richtig schön werden, richtig, richtig schön`, schien er sich mantra-artig einzureden. Erst der Sonnengruß, jetzt dieses Mantra! Er kannte sich offenbar mit fernöstlicher Philosophie richtig gut aus. Was wundert´s? Er kam bestimmt viel rum. Ein Kosmopolit, dieser wohlhabende Dackel.

„Ja, ganz bestimmt wird es schön mit einem vierbeinigen Kumpel an meiner Seite“, gurgelte es weiter und jetzt deutlicher. Mantras sind unendlich oft wiederholbar. Na ja, hoffentlich blieb er bei seiner Meinung! Mir blieb nur, diesbezüglich Gebetsstöße an den Olymp zu schicken. An wen genau dort, wusste ich nicht, da hausten ja eine ganze Menge schräge Typen. Null Schimmer, wer da für mich zuständig war.

Meine neue Familie in spe war jetzt unterwegs. Paar Stunden, so hatten sie versprochen, dann wären sie wieder zurück. Gut, Wohnwagen stand ja noch. Gutes Gefühl. Da stand ein großer Spiegel auf einem Tischchen. Ich nahm an, Willis Frauchen hielt einiges auf sich und kontrollierte dort ihr Antlitz und ihre Erscheinung. Das tat ich auch. Erstaunt - ich gebe zu, sehr positiv erstaunt - stellte ich fest: Ich war doch ein wirklich richtig hübscher Kerl! Wie hatte Willis Frauchen gesagt? Gelber Hund? Das konnte ich jetzt nicht so im Raume stehen lassen. Vielmehr schimmerte meine dichte Fellpracht cremefarben mit einem Hauch von Champagner - man könnte es auch weizenblond nennen. Einzelne silberne Fäden lockerten meine Gesamterscheinung auf. Bernsteinfarbene Augen blitzten mich freundlich an. Richtig sattes Bernstein. Mein Gesicht umzierte eine schwarze Maske. Klasse Typ! Zum Verlieben! Ich war hochzufrieden mit mir und der Welt und das stärkte mein Selbstbewusstsein ganz ungemein. Aber jetzt nur nicht eitel werden, sagte ich mir, das kommt vielleicht doch nicht so gut. Gesundes Selbstbewusstsein okay, aber um Gottes willen nicht eitel. Ich versuchte, mich zu mäßigen. Etwas schwierig, schließlich stand ich meinem Spiegelbild zum ersten Mal gegenüber und so schön hatte ich mich doch nicht vermutet. Warum eigentlich nicht? Ist ja nicht nur ein Hund mit Stammbaum und ausgezeichneten Papieren schön.

Plötzlich fand ich meine ganze Familie schön und meine Mutter ja sowieso. Ihr war ich wie aus dem Gesicht geschnitten. Ganz ihre Gene, ganz halber Kangal. Vielleicht auch nur zu einem Viertel. Aber nein, äußerlich im Prinzip hundert Prozent Kangal. Viertel, Hälfte, ganz? Egal! Sowieso Luxusprobleme, über die ich grade nachdachte. Äußerlichkeiten sollte man nicht so viel Wert beimessen. Das sagte noch gar nichts über den Charakter aus und wie man sich durchschlagen konnte im Leben. Hatte ich doch noch mal die Kurve gekriegt, nach meinem ersten Laufsteg Auftritt nicht hochmütig zu werden.

Ich trabte zum Bungalow meiner Herkunftsfamilie. Vorbei an quietschbunten Zelten, bevölkert von quietschenden Kindern. Was für ein Lärm! Man, war ich froh, dass meine Familie in spe keine Kinder hatte. Das nahm ich zumindest an. Womöglich waren sie zuhause in Deutschland geblieben? Bei Großeltern geparkt oder es waren Patchwork Kinder, die grade beim anderen Elternteil waren?

Dazu müsste ich mal Willi interviewen, wie das Umfeld im fernen Lande war. Ob das wohl zu mir passte? Überhaupt, bislang hatte nur ich mich meiner neuen Familie vorgestellt, eine ziemlich einseitige Geschichte. Jetzt, wo ich mein wundervolles Aussehen erblickt hatte, hielt ich es für angemessen, dass auch um mich geworben wurde. War ja auch nicht irgendjemand. Einen Reststolz durfte man auch als Straßenhund haben, der grade drauf und dran war, aus seiner Heimat zu flüchten und sich ins Ungewisse zu begeben. Eine Flüchtlingsversion light zugegebenermaßen, mit bequemem Transfer im Auto.

Dennoch: Ich war bereit, alles aufzugeben, was mir lieb und teuer war. Meine Heimat, meine Mutter, meine Geschwister und - ach, nicht zu vergessen - das Grab meines Bruders x könnte ich auch nicht mehr besuchen. Da konnte man schon mal nachfragen, wer sonst noch zu Willis Familie gehörte, um sich mal ein genaues Bild von der Lage zu machen.

Ich mochte sie ja schon, diese kleinen Kinder, aber manchmal … manchmal reichte es einfach. Mein Trommelfell war sehr empfindlich. Vielleicht auch geworden. Wenn man Nacht für Nacht im Freien schläft, da kann man sich durchaus mal eine Entzündung mit Folgen zuziehen. Plötzlich war ich ganz in Gedanken, was mir in Deutschland bevorstehen würde. Mit etwas hängender Rute schlich ich in unser Revier. Von meiner Hunde-Familie waren alle da - sie hielten Siesta. Ich wurde erstmal rauf und runter beschnüffelt.

„Ja, ja, riecht fremd, riecht neu.“

Ich roch nach Dackel, nach Menschen, nach blauen Plastiktellern, nach benzinigem Auto und - nach Hoffnung. Eine ganz neue Mischung, eine patentverdächtige Rezeptur. Ich roch wohl auch nach Abschied. Oder nach der Möglichkeit eines Abschiedes. Das war nicht mehr zu überriechen. Leise Nuancen von Wehmut, gepaart mit blumig-frischer Aufbruchsstimmung mit einem holzig-warmen Abgang der Klangfarbe ´alles wird gut`.

Alles wird anders: panta rhei. Ach, der gute alte Heraklit! Familienrat war eigentlich erst morgen Abend. Doch ich war so übervoll und es ahnten ja sowieso schon alle. So begann ich meine Rede:

„Hört zu, ich denke, ich habe eine Gelegenheit, aus diesem Land zu kommen. In ein Land, wo Hunde nicht auf der Straße leben. Und ihr wisst, ich würde doch so gerne einen Namen bekommen von ´meinen` Menschen. Diese Leute von Willi scheinen wirklich sehr okay zu sein. Am liebsten würde ich euch alle mitnehmen. Dass das nicht geht, wissen wir alle. Leider! Ach, mir ist zum Heulen zumute. Obwohl ich mich auch freue. Was für ein Durcheinander in meinem Bauch. Bitte sagt doch was.“

Betretenes Schweigen. Verständnis und Trauer mischten sich in den aufmerksamen Gesichtern meiner Liebsten zu einem ganz merkwürdigen Gemälde. Ich selbst sah wohl genauso aus.

Meine Mutter ergriff das Wort:

„Wir wissen, dass du uns verlässt. Und es ist gut so. Ich habe meinen Kindern immer ein besseres Leben gewünscht, als ich selbst es führe. Du hast jetzt die Chance, ergreife sie! Wir können dir nichts anderes mitgeben als allein unsere Liebe. Und ich gebe dir einen guten Rat aus meiner Lebenserfahrung: Versuche, dich zu integrieren, aber gib dich nicht auf. Niemals! Sei dir deiner Wurzeln bewusst. Du weißt, wer du bist und du bist etwas sehr Wertvolles.

Erinnerst du dich an die Baracken, an denen wir vorbeigekommen sind auf dem Weg hierher? Erinnerst du dich an die vielen Menschen dort, die auf einen Bus oder Zug warteten, um dieses Land zu verlassen? Viele möchten gerne dorthin, wo du jetzt hingehst. Nach Deutschland. Viele haben einen noch viel weiteren Weg hinter sich als wir. Sie kommen aus Ländern jenseits des Meeres. Erinnerst du dich auch noch an die Schiffe, die du so gerne von deinem Felsen nahe unseres Haines, wo du geboren wurdest, beobachtet hattest? Das kam dir alles so schön vor! Ausflugsschiffe, dachtest du. Ja, mag sein. Es waren bestimmt viele dabei. Aber es gibt auch Schiffe, die nicht wirklich Schiffe sind. Auf diesen kamen viele der Menschen aus diesen Baracken über das Meer. Es sind Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, weil es ihnen dort sehr schlecht ging, man nennt sie Flüchtlinge. Manche haben die Überfahrt nicht überlebt. Viele mussten ihre Familien zurücklassen. Auch wir sind so etwas wie Flüchtlinge. Wir sind aus unserem Hain geflohen. Wären die Bedingungen, dort überleben zu können, nicht so schlecht gewesen, dann wären wir bestimmt in dieser schönen Landschaft geblieben. Du wirst jetzt deine Reise fortsetzen. Und vielleicht kommst du eines Tages zurück mit deiner neuen Familie und besuchst uns oder kannst uns sogar nachholen. Falls wir dann noch hier sein werden.

Wer weiß, was aus uns wird, wohin das Leben uns führt. Die Zeiten ändern sich und nichts bleibt, wie es ist. Panta rhei, sagte ein alter Grieche. Alles fließt, alles entsteht neu, alles ändert sich.“

Uuuuihhh, Heraklit! … Noch nie war ich meiner Mutter so nah.

Wir hatten trotz des Schmerzes wegen Trennung und Veränderung eine herrliche Mittagspause. Jetzt nicht an morgen denken, einfach aufgehen im Augenblick, uns erspüren und erfühlen, uns riechen und schmecken und uns hören, mit allen Sinnen und jeder Faser unseres Herzens.

In gleichem Rhythmus wiegte sich unser eng zusammen geschmiegtes Knäuel aus Fell auf und ab, dehnte sich aus und zog sich zusammen. Was für ein beruhigendes Gefühl … wie das Auf und Ab der Gezeiten, diese stets gleich bleibenden Gesetze der Natur, ein Hauch von Ewigkeit im Hier und Jetzt, ein kurzes Anhalten von ´Alles wird anders`…

Herzschlag rauf, Herzschlag runter. Puuuh … zzzssttt … puuuh … zzzssttt - keine Melodie könnte schöner sein. Ein Köpfchen auf meiner Brust, eine Pfote um mein Gesäß geschlungen, eine feuchte Nase dicht an der Meinen. Summende Töne in meinem Ohr … puuh … zzzssttt … puuuh … zzzssttt … Wunderbar!

Auch die Gäste des Campingplatzes hielten Siesta oder waren zum Baden fort. Dichte, schwere Ruhe überall. Fast konnte man diese Stille anfassen und sich von ihr davontragen lassen - einmal alle Muskeln entspannen und sich ganz vertrauensvoll hingeben dem kuscheligen Kissen, auf dem wir schwebten … puuuh … zzzssttt … Bbrrrummmmm … Ein jähes Ende unseres Schlummerstündchens. Ein Auto fuhr mit schepperndem Geräusch vor dem Bungalow gegenüber vor. Neue Gäste? Nein, alte Gäste. Es wurde eingeräumt. Töpfe klapperten, Holz quietschte unter stampfenden Schritten, Kanonenknaller von zugeschlagenen Fenstern. Was für eine Aufführung! Sprechen könnte man im Übrigen auch etwas leiser. Mit Respekt auf die, die Siesta hielten. Okay, Siesta Stunde war eigentlich vorbei. Fehlplanung auf unserer Seite.

Diese Aktion gegenüber währte noch eine Stunde, dann waren sie fort. Gen Heimat, wo auch immer das für sie war. Alle fuhren jetzt fort, nach und nach. Es gab eine Lücke hier, dort war noch ein Zelt, eine Lücke da drüben, Lücke, Lücke. Die Ferienzeit näherte sich dem Ende. Es waren ja auch schon die Herbstferien. Das hatte ich in einem bekritzelten Kalender in einer der schicken Tonnen gelesen. Die kalten Monate würden bald an die Pforten klopfen. Bei zwei Gespannen Auto-Wohnwagen konnte ich dieser Tage beobachten, wie ein Vierbeiner mit einstieg. Nein, bei dem einen war es sogar ein Dreibeiner. Viel Glück, wünschte ich ihnen hinterher. Und freute mich insbesondere für den Dreibeiner. Da geht was. Selbst mit Handicap schafft es der eine oder andere, hier fortzukommen. Meine Geschwister hatten sich einfach nicht ausreichend bemüht. Besser gesagt: gar nicht. War es ihnen egal? Aber warum? Kann Heimatliebe größer sein als die Aussicht auf ein gesicherteres Leben in einem warmen Haus und mit stets vollem Napf? Ja, offensichtlich.

So, meine Leute kamen zurück. Das Motorengeräusch hatte ich schon abgespeichert. Es klang ganz speziell und noch viel spezieller für mich. Ich war schon regelrecht konditioniert auf dieses Geräusch. Manche Dinge gehen sehr schnell. Hat wohl was mit Interesse an der Sache zu tun und wie man diese bewertet; womit man Gutes verbindet, das verankert man ganz tief im Unterbewusstsein. Gut, es gab auch unschöne Dinge, die ich nicht vergessen würde. Aber das war ein anderes Thema. Darüber wollte ich jetzt nicht weiter nachdenken. Jetzt wollte ich Schlechtes lieber vorbeifließen lassen. Vielleicht konnte mir ein Sonnengruß dabei helfen. Yogaübungen zentrieren ungemein und machen den Geist kristallwach. Und, noch viel wichtiger: Sie stimmen positiv. Ich dehnte mich in voller Länge, gen Boden und wieder zurück und gähnte herzhaft - das kurbelte meinen Kreislauf an und brachte frischen Sauerstoff in meine Adern – und dann federte ich mit elastischem Schritt rüber zu meiner neuen Familie. Eine kurze, aber sehr anrührende Begrüßung folgte. Von Willi und auch von seinen Leuten. Das muss ich doch mal festhalten. Nicht, dass ich mir da was vorgemacht hätte. Eine Fata Morgana, ein Spuk, ein Traum, aus dem ich wieder erwachen würde. Ich sollte mich mal ins Bein zwicken. Nein, nein, alles real. Sie betrachteten mich so vertraut, als wäre ich schon lange einer der Ihren. Es gab auch gleich ein Knabberstängchen, eine Art Five O´Clock Tea. Für die Menschen auch. Für sie wurde allerdings noch mehr aufgetischt; sie breiteten einen luftigen Kuchen auf dem kleinen Tischchen aus und Kaffee brodelte glucksend in einer Maschine. Wäre interessant, das mal zu probieren. Bislang hatte ich nur davon gehört, aber eingeladen gewesen zu so einem gemütlichen Kaffeeklatsch, das war ich noch nie. Nun ja, die Idee, mit am Kuchenbuffet teilzunehmen, blieb reiner Wunschgedanke. Menschen scheinen nicht nur mehrfach am Tag zu essen, sondern dieses auch getrennt von ihren zottigen Mitbewohnern zu tun. Willi war das vollkommen klar. Er probierte gar nicht erst, eines dieser süßen Teile zu erhaschen. Er kannte die Regeln des Zusammenlebens Mensch und Hund. Hmmmh, mal überlegen, welche Strategie ich anschlagen könnte. Wie hatte meine Mutter mir geraten? Passe dich an, integriere dich. Was so viel hieß wie: Beobachte die anderen, lerne von ihnen, verhalte dich ebenso. Mit den Wölfen heulen, beziehungsweise in diesem Fall mit Willi. Neues Leben, neue Gesetze. ´Sonst solltest du besser hierbleiben`, hatte meine Mama gesagt. Unbezahlbare Weisheiten meiner klugen Mutter. Und das ganz ohne Besuch einer Hundeschule. Das Leben auf der Straße ist ein guter, aber auch strenger Lehrmeister.

Ende der Teestunde. Klappernd schepperte das benutzte Geschirr in einer Wanne gegeneinander, mit welcher Willis Herrchen sich zur Abwaschstelle aufmachte. Ich hatte immer gedacht, sowas machen die Frauen bei den Zweibeinern. Diese beiden waren richtig modern, Arbeitsteilung auf der ganzen Linie.

„Kommt ihr mit?“ fragte Willis Herrchen. Wer ihr? Wir waren gemeint. Willi und ich. Einer für alle, alle für einen, alle ein Team. Und ich gehörte jetzt dazu. Der Wahnsinn! Geschirr spülen kann richtig Spaß machen, wenn man im Team ist. Gut, wir konnten nicht viel helfen, aber ich hatte den untrüglichen Eindruck, dass Herrchen die Sache viel fröhlicher von der Hand ging, als wenn er allein gewesen wäre. Deshalb hatten Menschen wohl Hunde. Entweder arbeiteten sie für sie, so wie meine Vorfahren in der Türkei die Schafe bewachten, oder aber sie brachten einfach nur helle Lichtstrahlen in das Leben der Menschen. Andere glücklich zu machen, ist schon eine ganze Menge. Das Beste wäre natürlich, einen klasse Job zu haben und (!) Glück zu verbreiten.

Mal sehen, ob die beiden in Deutschland ein paar Schafe in ihrem Garten hatten. Immer nur Müßiggang kann auch ganz schön anstrengend werden. Eine Aufgabe braucht der Hund. Das fördert seine Ausgeglichenheit und stärkt das Selbstbewusstsein. Es sollte ja Hunde geben, die Herrchen die Zeitung holen und ihm die Pantoffeln vors Bett legen. Da stellte ich mir doch ein bisschen was Anspruchsvolleres vor. Und vor allem etwas, wo ich mir den Wind ums Gesicht pusten lassen könnte, etwas draußen, eine Tätigkeit inmitten der Natur. Für ein paar Stunden täglich.