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Bin ich gemein als Wesen und als Mensch? Um diese Frage zu beantworten, muss man womöglich erst mal vergessen, wer man zu sein glaubt. Genau diese Möglichkeit bietet sich Yawala, einem Durchschnittsmenschen mit einem unbändigen Trieb herauszufinden, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Ohne Gedächtnis, ohne Geld und ohne jegliche Identität landet Yawala nach einem übersinnlichen Versuch, das Fliegen zu erlernen, in einer ihm unbekannten Stadt, in der er sich ab jetzt versucht, zurechtzufinden. Es beginnt ein sehr steiniger Weg mit vielen unangenehmen Hindernissen. Vielleicht kann niemand, der von der Erde stammt, verstehen, was es heißt, ein Mensch zu sein. Doch Yawala muss es versuchen.
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Seitenzahl: 669
Veröffentlichungsjahr: 2024
Impressum
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© 2024 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99146-526-3
ISBN e-book: 978-3-99146-527-0
Lektorat: Laura Oberdorfer
Umschlagfoto: Sergey Romanov
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Einleitung
Der Mensch ist traurig und er weiß es, aber er kommt nicht dran … Er entfernt sich absichtlich von seiner Trauer, er will nicht, er tut einiges dafür, seine traurige Wahrheit zu begraben und die Oberfläche glattzubügeln, schön anzustreichen, zu nivellieren, weil es traurig ist, nicht fröhlich sein zu können, sich nicht zu trauen, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken und es zu ändern. Diesen Schritt zu gehen, zuzugeben, dass man nicht anders ist als die anderen, dass ich nicht besser bin als du.
Ich bin traurig darüber, dass wir alles richtig fühlen und es trotzdem falsch machen. Dass wir die Isolation der Entblößung vorziehen. Ich bin traurig in dieser Welt, weil wir uns alle doch so nahe sind.
Das hier geht an alle traurigen Menschen dieser Welt.
Ich kann nicht viel Gutes über die Menschen meiner Zeit berichten. Die meisten von uns sind leider Gottes nicht gut darin, nett zueinander zu sein. Wir führen viele Kriege, bei denen sehr viele Menschen grausam sterben. Doch nicht nur die vielen Kriege sind grausam. Die Grausamkeit ist allerorts und in jedem Kopf. Tiere haben bei uns keine Rechte. Auch wenn es viele Menschen gibt, die Tiere schützen wollen, werden täglich immer mehr Tiere geschlachtet und gefressen, so als seien sie tatsächlich nur für den menschlichen Nutzen da. Sie sterben grausam und leben tun sie auch nicht wirklich. Mutter Erde wird wie Dreck behandelt, obwohl wir sehr genau wissen, welchen Schaden wir mit unserem Verhalten anrichten. Wir sind Menschen und es gibt sehr viele von uns. Wir können denken, wir können fühlen, wir können verstehen und uns alles Mögliche vorstellen. Wir machen so viele Dinge, die einfach fantastisch sind, einfach unfassbar und unvorstellbar. Dinge, die ich uns Menschen eigentlich nicht zugetraut hätte. Wir leben in einer Zeit, in der fantastische Fantasien entstehen und sofort umgesetzt werden. Kaum hat jemand einen Traum, schon gibt es den Traum zu haben, in echt. Wir sind das, was wir im Stande sind, uns vorzustellen und leider stellen wir uns so viel Schlechtes vor. Wir sind oft nicht im Stande, das Einfachste zu tun, was man tun kann, nämlich etwas nicht zu tun. Das Schlechte einfach wegzulassen.
Wir, die Menschen, leben auf keinem einfachen, harmonischen und friedlichen Planeten und auch nicht in einem besonders freundlichen Universum. Das, was wir sind, ist auch das, was uns umgibt. Doch wir lamentieren gerne und reden uns gerne ein, dass wir edle Geister sein können, edel und erhaben über die Willkür, die die Welt, die uns beherbergt, im Stande ist, über uns zu bringen. Wir haben die Welt, die uns erschaffen hat in uns und offenbar kann sie das Schlechte auch nicht weglassen. Edel ist diese Welt nicht und wir sind es auch nicht, aber es ist doch ganz nett, dass wir uns damit befassen, wie es sein könnte, eine Schöpfung Gottes zu sein, eines Gottes, den wir uns als einen mächtigen, männlichen Flaschengeist vorstellen, der genau weiß, was richtig und was falsch ist, und der alles im Lot hält, die Bösen bestraft und die Guten belohnt.
Eine Welt, ein Universum, das sind wir auch, jeder einzelne von uns. Eine Mitte, von der aus es in alle Richtungen geht. Eine Ebene, die genauso beeindruckend ist wie all die Horizonte, nach denen wir Ausschau halten.
Kennen Sie den Wert eines Menschen?! Wirklich?! Ich will Ihnen etwas verraten: Der Wert eines Menschen ist seine Fähigkeit, Mensch zu sein. Kannst du das sein, was wir als menschlich bezeichnen, bist du ein Mensch. Kannst du es nicht, siehst du nur aus wie einer.
Freund oder nicht Freund?! Freunde sind wir nicht. Nicht so, wie wir es vorgeben zu sein. Wir suchen Freunde, suchen, suchen, suchen … Meine Frau ist mein bester Freund. Von allen Menschen, die ich je kennengelernt habe, ist sie mein allerbester Freund. Ich hätte nie gedacht, dass es so etwas gibt … mein bester Freund, meine Frau. Ich hatte früher beste Freunde, aber sie sind weg. Meine Frau ist immer noch da und wir halten uns fest, so als seien wir füreinander geschaffen. Wir sind zwei Menschen, zwei ganz gewöhnliche Menschen, die gut zueinander sind, nett und friedlich. Frieden ist nicht einfach. Frieden ist nicht leicht. Dinge passieren, Welten kollidieren, Unglücke, manchmal auch bloß bescheuerte Unglücke, Katastrophen. Das ist kein Frieden, das ist das, was passiert, das ist noch nicht mal das Leben, sondern das, was einfach passiert. Das Leben spielt sich in dem Raum dazwischen ab und versucht, nicht ausgelöscht zu werden. Was ein Wunder, dass man nicht gar so einfach an das Gute glaubt, denn das Gute kann auch passieren, kann aber auch lange auf sich warten lassen und genau hier, in der Brechung des Lichts, dort, wo die Farben entstehen, die wir sehen können, dort nehmen wir uns wahr und müssen jeden Moment unseres Lebens aufs Neue entscheiden, zu was wir tendieren, und das macht uns dann zu dem, was wir werden.
Als ich ein kleiner Junge war, habe ich gedacht, dass ich nicht viel von der Welt verstehen würde. Die Welt war geeint auf einen gemeinsamen Nenner und das ist sie auch heute noch. Obwohl viele damit nicht einverstanden sind, wählen wir gerne das, wovon wir annehmen, dass es für alle das Beste sei und die geringste Reibung verursacht – für uns. Und so finden wir uns schneller, als wir uns umgucken können in Situationen wieder, die wir niemals freiwillig gewählt hätten und doch haben wir das. Wir haben uns für etwas entschieden, das erst mal den wenigsten Ärger verursacht. Wir haben ja gesagt.
Ich bin geblieben, was ich war. Man kann nicht aus seiner Haut. Ich hatte oft Glück, obwohl ich oft ja gesagt hatte. Jedes Mal, wenn ich mich falsch entschieden habe, hatte ich das Glück, dass es doch noch glimpflich ausgegangen ist. Deshalb habe ich beschlossen, mich richtiger zu entscheiden, weil es falsch ist, sich vorzumachen, dass der Zug schon abgefahren sei. Das hat natürlich nicht so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe. Es fühlt sich einfach nicht gut an, etwas richtig zu machen. Es fühlt sich so an, als würde man etwas falsch machen. Vor allem fühlt man sich allein und bevor man angefangen hat, überhaupt etwas zu machen, fühlt es sich so an, als hätte man schon verloren.
Das Leben macht uns irgendwie Angst. Schockstarre, Rückzug oder ein völlig überzogener Angriff auf ein anderes Leben. Anderes Leben, das wir zum Feind erklären. Hat es uns bedroht?! Hat es uns angegriffen?! Mich nicht. Sie wahrscheinlich auch nicht. Aber es könnte … Fraglich, ob es das wirklich könnte. Besser, man ist erster und lässt es gar nicht so weit kommen und dann kann man seine Vormachtstellung auch gleich in Stein meißeln, ausbauen und sichern, damit die Art, wie wir leben, erhalten bleiben kann. In Angst davor, dass es anders werden könnte, denn anders kennen wir nicht und das Unbekannte ist doch wirklich furchtbar. Vielleicht wollen wir aber auch bloß, dass andere für uns die Drecksarbeit erledigen und wir drüber stehen über dem, was da ist, über denen, die gegen uns nicht ankommen. Dabei sind wir edel in unserem Wesen, edel in den Begründungen und Formulierungen, edel im Nehmen, bis irgendeine Klatsche uns trifft und wir plötzlich anfangen, uns Gedanken über die andere Seite des Lebens zu machen. Diese Klatsche gibts für jeden von uns. Gott hat das so eingerichtet. Es nennt sich Gleichgewicht. Wenn du mit diesem Gleichgewicht nicht umgehen kannst, knallt’s. Bleibst du in der Balance, knallt’s vielleicht auch. Gott hat das so eingerichtet diesseits des Jenseits.
In diesem Jenseits jenseits des Diesseits, das wir hinter uns haben, fürchten wir uns vor dem Jenseits. Warum? Das hier ist doch auch ein Jenseits, wir haben das Leben, das wir vor diesem Leben gelebt haben, einfach nur vergessen. Die Erinnerung daran ist fast ausgelöscht. Das Problem mit uns Menschen ist, dass wir warum auch immer glauben, dass das Menschsein das Größte überhaupt sei. Wir sind die Krönung! Das macht es natürlich nicht gerade einfach dieses Leben zu leben und es macht Angst, dieses Leben wieder hergeben zu müssen, man könnte ja als irgendeine Kröte oder irgendetwas anderes Minderwertiges wiedergeboren werden, bei dem der Mensch vielleicht versucht sein könnte, es auszulöschen, wenn auch bloß aus Versehen im Zuge der Ausdehnung seiner Gewohnheiten, die er sich auf der Erde angeeignet hat. Und damit wären wir wahrscheinlich auch schon beim Thema, nicht wahr? Unsere Gewohnheiten, unser kollektives Bewusstsein, von dem wir glauben, dass es so sei, wie es ist, und von dem wir ohne es wirklich anzuzweifeln annehmen, dass auch dieser Zustand ein in alle Ewigkeiten auf eine göttliche Leinwand gebanntes Meisterwerk sei. Und mit „alle Ewigkeiten“ meine ich natürlich die Dauer eines Menschenlebens.
Ein Menschenleben, das ist das Maß jeglicher menschlichen Beurteilung, egal, wie viel von anderen niedergeschrieben, überliefert oder sonstig weitergegeben wurde. Es zählt alles nichts, denn ein jeder von uns sieht die Welt aus seinem eigenen Spalt und erlebt alles zum ersten Mal auf eine immer neue Weise, die immer auf dem fußt, was vor uns war. Und alles, was vor uns war, liegt als Sediment unter unseren Füßen, ist längst zu Staub zerfallen oder ist dabei zu zerfallen. Nichts davon ist greifbar. Nichts davon kann tatsächlich nachempfunden werden. Alles muss neu erlebt werden und das wird es, auch ohne das Wissen um das, was sich vor uns, vor unserem Sein abgespielt hat.
Und dann wird man geboren: Diesmal als Mensch oder schon wieder als Mensch. Jede Menge Vorinstallierungen, kein Einfluss auf sein Äußeres oder auf den Ort, an dem man zur Welt kommt. Oder gar auf seine Eltern?! Oder doch?! Hat man doch Einfluss darauf?! Hat man sich im Rahmen seiner Möglichkeiten den ein oder anderen Parameter auswählen dürfen, je nachdem wie viele Bonuspunkte man gesammelt hat?! Bestimmt sogar! Bestimmt baut das eine auf dem anderen auf oder hängt damit zusammen. Und dann gehts los … Los gehts.
Nichts geht!!! Wie eine Schildkröte auf dem Rücken, dazu noch auf LSD. – Nichts, was zusammenhängt, alles wahr, so wie es kommt und dann die Muster der anderen, die vor einem waren, eingebrannt ins Fleisch, das einen nun begleiten wird, bis der Job erledigt ist. Übrigens: welcher Job?! Welche Mission?! Welcher Sinn?! Welchen Sinn hat das Ganze?! Erst mal lernen, wie man sich vom Rücken wieder auf den Bauch dreht, dann ein bisschen Koordination. Alles furchtbar langsam, so langsam, dass man sich fragen muss, wie wir es überhaupt schaffen, nach der Geburt so lange zu überleben. Wir lernen langsam. Wir verstehen langsam oder gar nicht. Aber es reicht wohl, sonst wären ja nicht so viele von uns da. Es reicht, um über den Berg zu kommen. Ein breiter, gemeinsamer Nenner, der uns trotz unserer Schwächen unüberwindbar macht und man muss noch nicht mal nett sein, einfach nach unten absichern. Ein Minimum; selber schuld, wer mehr macht als nötig. –, lächerlich, lachhaft, dämlich. In der Gemeinschaft sind wir stark und deshalb reicht es auch, sich in die Gemeinschaft einzugliedern und ein gemeiner Mensch zu werden.
Apropos gemein, allgemein, durchschnittlich. Im Prinzip kann das alles mögliche sein, zum Beispiel lieb, nett, freundlich, friedlich, einfühlsam, tolerant, edelmütig, nächstenliebend. Für so etwas muss man doch auch nicht leiden oder gar sterben. Ist doch völliger Quatsch! Wieso muss sich einer ans Kreuz nageln lassen, bloß damit man ein Mahnmal für etwas hat, was wir auch so verstehen. Es ist nicht so cool, nett zu sein und könnte auch ins Auge gehen, wenn sich jemand anderer nicht an diese Grundsätze hält, also dann lieber die andere Wahl: Die, die nicht ganz so nett ist, die uns aber vor all dem bewahrt, was uns zustoßen könnte. Stoßen wir also als erste zu oder sind zumindest dazu bereit, immer bereit, immer auf der Hut. Das macht Sinn, natürlich macht das Sinn! Alle Sichtweisen machen Sinn, wenn man drinsteckt. Die Welt macht Sinn, denn sie macht den Sinn. Ist nicht so einfach zu verstehen, aber wozu auch, es reicht ja, sich darin zurechtzufinden.
Kein Tier ist einfach so nett zu anderen Tieren oder was auch immer. Tiere sind Tiere. Tiere sind Viecher, die selbst wenn sie als Haustiere gehalten werden, immer eine animalische Gefahr in sich tragen. Wäre ich ein Wissenschaftler, müsste ich sicherlich ein bisschen differenzieren und je nachdem, was für eine Art Wissenschaftler ich bin, müsste ich diese Aussage wahrscheinlich komplett über Bord werfen. Aber ich bin kein Wissenschaftler, ich bin ein Mensch und ich nehme mir das, was ich über Tiere weiß als Grundlage für mein weiteres Denken. Wenn Tiere also auch von Natur aus nicht nett sind, wieso sollten wir es sein?! Die Natur dient uns doch in so vielem als Beispiel. Ich müsste bei meinen weiteren Gedankengängen sicherlich berücksichtigen, dass alles, was ich über Tiere weiß, von Menschen stammt, aber Fakt ist doch, dass ich so viel über Tiere weiß … Und das, was ich so im Allgemeinen mitbekommen habe, ist die Tatsache, dass Tiere einfach keine Menschen sind.
Die Natur im Ganzen ist nicht nett. Sie zwingt uns, sich vor ihr zu schützen, und das ist auch ein Teil dessen, was uns zu Menschen macht: Die Fähigkeit nicht alles, was uns die Natur vorsetzt, als gegeben hinzunehmen. Die Kraft einzugreifen in natürliche Vorgänge und die Intelligenz, diese Eingriffe zu unserem Wohle zu gestalten. Wir lernen dabei. Wir lernen dazu, wenn auch langsam. Wir wissen jetzt, dass es nicht zu unser aller Wohle ist, wenn wir unseren Müll ins Meer schmeißen, wobei ich ehrlich sagen muss, meinen Müll habe ich ordentlich und sorgfältig entsorgt und schon gar nicht ins Meer geschmissen und wenn die erst mal die Plastiktüten verbieten, dann nehme ich mir natürlich die Stoff- oder Papiertüten für meinen Müll. Die Atomtests zu Lande, in der Luft und im Wasser dienten ja auch zu unserem Wohl so viel ich weiß. Aber was weiß ich schon. Die einen gegen die anderen und die anderen gegen die einen, das gabs doch schon immer. Da brauchen wir uns nicht den Schuh anzuziehen, dass wir heute schuld an allem sind. Der Müll zum Beispiel war früher einfach komplett organisch, das ist doch alles, aber sonst haben die doch auch alles in den Fluss geworfen oder einfach liegen lassen und sind weitergezogen. Das, so viel ich weiß, belegen wissenschaftliche Untersuchungen, archäologische Ausgrabungen. Ohne diesen ganzen Müll gäbe es die Archäologie oder wichtige Bereiche davon doch gar nicht und wir könnten uns nicht solche Fragen stellen wie: Wo kommen wir her? Wer sind wir? Wie waren wir? Um wie viel schlauer sind wir heute? Wir sind schlauer heute, das ist nicht von der Hand zu weisen. Sogar unser Müll ist heute viel weiterentwickelt als früher. Die Natur steckt doch in uns, also können wir gar nicht so verschieden sein und wenn wir uns so verhalten, wie wir uns verhalten, dann hat die Natur zumindest damit zutun.
Ich will mich gar nicht von all unseren Fehlern und Fehltritten freisprechen. Ich weiß, dass ich nicht alles darf, wonach mir ist. Ich weiß, dass alles, was ich tue, Konsequenzen hat, nicht nur für meine Umwelt. Ich weiß, dass ich nicht nur auf meinen eigenen Arsch achtgeben sollte und ich weiß, was falsch ist. Ich weiß es einfach, weil ich es fühle, wenn ich etwas falsch mache. Dieses Gefühl ist massiv und nur zu verdauen, wenn man es durch etwas Richtiges wieder aufwiegt, oder … oder man macht nichts falsch. Das ist nicht so einfach, wie es klingt. Die Natur der Dinge setzt uns immer wieder Situationen aus, in denen wir handeln müssen und Handlungen können bedeuten, dass man etwas falsch macht. Ich kann versuchen, im Handeln richtig zu sein, oder ich meide es. Ich meide besonders die Situationen, die knifflig sind und die mich in die Bredouille bringen aufgrund ihrer Natur. Dann ist die Sache doch aus der Welt! Ich hab’s versucht. Leider ist das nicht so. Die Sachen sind dann leider nicht aus der Welt. Die Spannung, die Brisanz solcher Situationen bleiben im Äther, bis sie entladen sind. Man kann versuchen, diese Ladung auf andere abzuwälzen und wenn man das ein paarmal übt, dann geht das auch, aber es ist nur Zeit, die man dabei gewinnt. Die Welt hält das Problem, welches es auch immer ist, trotz allem weiterhin für den warm, für den es, nun ja, gedacht oder bestimmt war, wie auch immer man es nennen will, auf jeden Fall ist es nicht aus der Welt und bleibt einem leider am Hintern kleben. Man kann nur versuchen, Abstand dazu zu halten, was leider nicht ewig klappt. Ich denke, es gibt Virtuosen, die es tatsächlich schaffen, sich aus diesen kosmischen Zwängen zu befreien. Aber ich denke auch, es gibt nur ganz wenige solche Meister und ich gehöre ganz bestimmt nicht dazu.
Ich bin Durchschnitt. Ich habe Talente, aber nach hinten raus muss ich all das durchmachen, was auch jeder andere durchmachen muss. Jeder hat ein oder mehrere Talente, nicht nur ich. Jeder … und ich bin wie jeder. Ich wäre nämlich gerne nicht wie jeder. Ich wäre gerne jemand Besonderes. Jemand, den nicht alles umhaut, das jeden umhaut. Ich würde gerne über den Dingen stehen, gekonnt durchs Leben fließen und nicht immer stocken und stolpern. Ich würde gerne ein bisschen von dem etwas abhaben, das uns Religionen und Gurus vermitteln beziehungsweise das, wonach es sich anhört. Ich wäre gerne ewig, unverwundbar, wissend und tragend. Nicht bloß belastbar, sondern überbelastbar und dabei innerlich ausgeglichen und äußerlich attraktiv. In ruhigen Momenten bin ich das sogar, bloß die Probleme sind in solchen Momenten nur ausgedacht und hypothetisch, vielleicht sogar ein wenig unrealistisch und übertrieben, aber in diesen kurzen Momenten tut es gut, dieses Spiel zu spielen und zu gewinnen … Sonst siegen nämlich immer die anderen und die Welt. Sonst bedeutet im wahren Leben und das Leben ist immer nur so weit wahr wie die Augen, die die Welt sehen, und der Geist, der die Welt erlebt, im Stande sind, sich von ihrer Sicht der Dinge zu entfernen und den Kontext zu erkennen, der einen erfasst hat. Wahr ist das aber noch lange nicht, denn die Wahrheit ist die Objektivität und nicht ihre Interpretation. Es gibt sie, bloß jeder, der sie erlebt, sieht sie nicht in ihrer Gänze. So viele Wahrheiten, die sich zur Objektivität dazu addieren, also auch die meine.
So wie jedes andere Wesen und jedes andere Ding habe auch ich meinen Platz in dieser Welt, auch wenn er mir ständig streitig gemacht wird. Mein Platz ist meine Lebenszeit und damit beginnt alles. Es beginnt mit unserer Geburt, gleich nach unserem Tod und der kompletten Auslöschung unserer Erinnerung an das Leben davor. Alles auf Null, alles neu und leider, oder zum Glück, alles noch mal. Da ist schon was, das uns ausmacht, aber dieses Etwas muss sich erst mal zurechtfinden und begreifen, was es ist, was es kann und welche Regeln hier gelten. Diesmal ist es der Mensch. Vielleicht ist es auch wieder der Mensch, dessen Welt wir betreten und in dessen Dimensionen wir uns zurechtfinden müssen. Wir müssen nicht! Aber besser ist es. Man kann natürlich auch außerhalb dieser Regeln bleiben, doch der menschliche Körper hat seine Grenzen. Die menschliche Welt hat ihre Grenzen. Wenn man sich wehtut, tut es weh. Wenn man nichts isst und nichts trinkt, verhungert und verdurstet man. Wenn man sich nicht an die Regeln der Menschen hält, kriegt man es mit den Menschen zu tun. Diese Regeln kriegt man nicht beigebracht, man lernt sie und sie sind immer anders, doch im Grunde sind sie immer gleich, und weil man sie nicht beigebracht bekommt, lernt man sie eben so, wie sie kommen. Sie zu ändern, sie zum Guten zu bewegen … Was heißt zum Guten?! Sind sie wirklich so schlecht?! Sie basieren auf Dominanz, Sadismus und Angstmacherei. Angst vor dem Sein, Angst vor dem Leben, Angst vor dem anderen. Alt über jung, Mann über Frau, reich über arm und stark über schwach. Ja, diese Regeln sind erbarmungslos und primitiv. Man kann sie einem nicht beibringen, sie sind keine Theorie und sie haben zur Folge, dass man unter ihrem Druck zu dem wird, was sie verkörpern.
Der gemeine Mensch: Nach der Geburt hilflos allem ausgesetzt, was um ihn herum ist. Jeder Strohhalm könnte eine Möglichkeit, sich aufzurichten, etwas zu begreifen. Zwei Strohhalme sind vielleicht schon ein Zusammenhang, oder lassen sie sich zu einem Zusammenhang flechten?!
Regel Nummer eins: Du hast erst mal Pech, weil du neu bist. Du bist zwar vielleicht einigermaßen süß, aber anstrengend, laut und nervig, ohne irgendeinen Nutzen, außer dem Status, den du deinen Erzeugern bringst. Du kostest Geld, Nerven, Zeit und Kraft. Das musst du irgendwie wieder gutmachen. Wie? Das entscheiden die Großen. Wie gefällt dir das? Du weißt es noch nicht genau. Möglicherweise wirst du nie erfahren, wie dir so etwas gefällt, aber du wirst mit den Konsequenzen dieses Umgangs mit dir leben müssen.
Regel Nummer zwei: Du hast nichts zu sagen, bis du vielleicht mal lernst, so laut zu schreien, dass man dich nicht mehr überhören kann. Du hast nichts zu sagen, bis du verstehst, dass dein Platz in diesem Leben kein Geschenk ist mit garantierter Zusage auf Freiraum und Sicherheit, sondern ein besetzter Platz, der den Freiraum anderer einschränkt.
Regel Nummer drei: Werde! Werde zu dem, der du sein willst. Willst du wer sein? Wer willst du sein? Ach, du willst nicht? Du hast schlechte Erfahrungen damit gemacht, dass das Werden nicht so funktioniert, wie du es dir vorgestellt hast? Oder weißt du nicht, wer du werden sollst?! Es gibt die Behauptung, dass der Mensch einen freien Willen hätte. Den hat er, aber das ist nicht einfach nur ein Segen. Ein freier Wille oder besser gesagt seine Ausübung ist genau das, was die Sache schwierig macht und darüber entscheidet, wie hart es dich trifft und wie viel es dir wert ist, frei zu sein. Wie viel Leben bist du im Stande, in dir zu erwecken? Wie viel Leben verträgst du und wie viel deiner eigenen Energie bist du bereit, der Reibung auszusetzen, die entsteht, wenn du den Anspruch auf deinen Patz in diesem Leben erhebst.
Das Werden ist unser aller Aufgabe, ohne Kompromisse in vollem Umfang und bis ins kleinste Detail. Das ist nicht zu schaffen, nicht bis ins letzte, kleinste Detail, so lange man sich nicht entscheidet, oder solange man nicht ehrlich zu seiner Entscheidung steht. Die Ehrlichkeit entscheidet, ob’s was wird oder nicht. Seien wir doch mal ehrlich, wir sind genau das, was unser Wille aus uns gemacht hat. Wir sind genau dort, wo unser Herz uns hingebracht hat. Und unsere Zeit vergeht nicht pro Stunde, Tag oder Jahr. Unsere Zeit ist unsere Fähigkeit, unsere Herzschläge in das zu verwandeln, was uns sinnvoll, wertvoll und liebenswert erscheint. Unser Leben und die Möglichkeit, das zu werden, was man einem nicht wegnehmen kann.
Schon als Kind kann man sein und werden. Man muss es bloß festhalten und darf es nicht aus den Händen geben. „Bloß“ ist nur so ein Wort, das die Sache nicht ganz auf den Punkt bringt. In jedem Moment, den man lebt, lebt auch alles andere, das lebt und auch all das, was nicht lebt, nimmt seinen Platz ein. Das Sein und das Werden, die Reibung und der Druck, die man entweder selbst erzeugt oder abbekommt, während man wächst oder sich einfach durchs Leben bewegt. Kinder wissen das, als Kind weiß man das und lernt dann loszulassen, weil es Kräfte gibt, die stärker sind als die eigenen. Es gibt viele solche Kräfte außer dem Glauben, der ist unzerstörbar. Der Glaube daran, dass man der ist, der man zu sein glaubt. Nur dieser Glaube macht aus einem den, der man sein und werden will. Diesen Glauben gilt es jedoch zu zerstören, damit man freie Bahn hat. Am besten immer gleich zu Anfang, zu Beginn, dann, wenn du dich noch gar nicht zurechtgefunden hast, dann, wenn du vielleicht noch Zweifel hast. Immer schön die Zweifel nähren und die falschen Abzweigungen propagieren, damit … Ja, wofür? Damit du dir sicher sein kannst, nicht teilen zu müssen und im Vorteil zu sein. Es kann passieren, dass alles zerdrückt und zerquetscht wird, dass man durcheinandergerät, sich verheddert und die Orientierung verliert, doch egal wie viel dabei kaputt geht, der Geist bleibt immer. Das ist nämlich ein echtes Wunder. Etwas, das lebt, lebt immer wieder. Etwas, das gelebt hat, stirbt nicht.
In diesem Leben sind wir also Menschen, Menschenkinder, Erwachsene und Alte. Menschen, die nicht immer genau wissen, was es heißt ein Mensch zu sein, und Menschen, die vielleicht gar nicht vorhaben, Menschen zu sein. Das ist eine ziemlich gruselige Sache, denn man sieht es einem nicht an, ob er ein Mensch ist oder nicht. Manchmal stellt man erst viel zu spät fest, dass es gar kein Mensch war, dem man begegnet ist. Natürlich ist ein Mensch auch immer ein Geist, aber in Menschengestalt ist es für jeden Geist eine Chance zu verstehen, was es heißt, Mensch zu sein. Es ist nicht das Ende und auch ganz bestimmt nicht die Krönung der Schöpfung Mensch zu sein. Es ist vielleicht auch gar nicht notwendig, sich zu tief mit dem Menschsein auseinanderzusetzen. Man ist ja, man lebt, man handelt, die Form des Seins ist vielleicht sogar zweitrangig dabei. Denn wichtig ist, wie man handelt. Menschlich. Wir haben uns diesen Begriff einverleibt, um damit eine moralische Haltung zu umschreiben, die uns angeblich auf eine höhere Entwicklungsstufe emporhebt im Vergleich zu allen anderen Wesen auf der Erde. Menschlich bedeutet nicht primitiv, nicht aus niederen Beweggründen heraus, liebevoll und warmherzig, verzeihend und stark, also eigentlich fast schon göttlich! Dort sehen wir uns also? Ja, wir sehen uns genau dort, direkt neben dem Göttlichen oder gleich neben Gott mit seinem langen, weißen Bart in wundervollem Gewandt, mal mit, mal ohne Zauberstab, oder war das der Weihnachtsmann?! Nein, der Weihnachtsmann trägt überwiegend rot, Gott hingegen weiß oder Licht, je nachdem. Je nachdem, was wir bevorzugen. Wir erschaffen also Gott? Ich dachte, es sei umgekehrt … Ups, bin ich jetzt zu weit gegangen? Gott ist generell so eine Sache. Gott ist irgendwie immer wie eine ausweglose Situation, eine Situation, in der du immer das Gefühl hast, dass du am Ende immer die Arschkarte ziehst. Tu dies nicht, sei brav, mach jenes nicht und dann aber immer gleichzeitig das Gefühl oder sogar das Wissen, dass du eh immer alles verbockst, weil du ja moralisch völlig unzulänglich auf die Welt gekommen bist. Kein Ende in Sicht, egal, wie sehr du dich anstrengst, immer kommt von irgendwo eine neue, ja, Falle möchte ich das nicht direkt nennen, aber eine Hürde, die dir verdeutlicht, dass du noch immer nicht so weit bist und es auch wahrscheinlich nie sein wirst.
Menschlich. – Im Sinne von erhaben, erhoben, gütig und fähig, immer wieder die andere Wange hinzuhalten, damit sich etwas zum Guten wendet. Doch menschlich heißt für uns auch fehlerhaft, nicht ausreichend, menschlich eben, nicht allwissend und allmächtig. Was also? Was davon ist menschlich, denn das eine hebt das andere ja auf! Nehmen wir also das, was am besten passt und auch das ist menschlich und wenn Gott uns erschaffen hat, dann ist das doch auch göttlich! So einfach kommt man aus dieser Kiste nicht wieder raus. Das heißt, man muss da durch, und das tut man auch nach der Kindheit, nach dem Lernen all der Dinge, die nichts zutun haben mit einem selbst oder mit den Dingen, über die man was lernt. Man versteht, weiß und doch hat man immer wieder schwache Momente, in denen man daran zweifelt, dass man von Bedeutung ist, dass man tief im Inneren alles verstanden hat, alles weiß, alles kann, dass man schon so war, wie man sein sollte, als man diese Welt betreten hat. Diese Welt, in der man Schwierigkeiten hat zu begreifen, dass die Seele mit dem Körper verbunden ist und dass weder Schmerz noch Behagen isoliert nur im Körper oder nur im Geist passieren. Der Körper ist zwar nicht der Geist und der Geist nicht der Körper, aber was der eine empfängt, bleibt nicht ohne Folgen für den anderen. Körper oder Geist, was davon bin ich? Ich bin der Geist. Ich bin immer der Geist, der zur Form wird, sowohl geistig als auch körperlich. So ist unser Geist, er wird … Er formt um sich herum und sich selbst, denn er kann gar nicht anders. Der Geist kann nicht auf Dauer verharren. Sein Wesen ist die Bewegung und Bewegung erzeugt Folgen, Spuren, Konzentrationen, Verdichtungen und letztendlich auch Formen, ob man will oder nicht. Also bin ich mein eigener Geist in meinem Körper und es ist die Balance zwischen Körper und Geist, die darüber entscheidet, wie gut oder wie schlecht man sich fühlt. Versteht der Geist nicht, was der Körper ist, bleibt der Körper ungehört und der Geist ein Fremder in einer rätselhaften Welt, die ihm ganz bestimmt nicht zum Freund wird. Man muss diese Welt annehmen, wenn man sich darin aufhält. Man muss sie nicht gut finden, aber wenn man nicht versucht, sie zu begreifen, bleibt man ein Geist und wird nicht zum Menschen. Viele solcher Geister geistern in Menschengestalt auf der Erde und man selbst läuft ständig Gefahr, auch ein solcher Geist zu werden, ein Fremdgebliebener und ein von sich selbst Entfernter. Das macht die Sache nicht einfacher, weder für sich noch für die, die einem begegnen. Freund oder Feind? Ist der andere ein Freund oder ein Feind und für was entscheidet man sich selbst? Entscheidet man überhaupt selbst?! Entscheiden die Umstände, entscheidet der Bauch oder der andere?! Was dabei herauskommt, entscheidet darüber, wie es weiter geht, welche Abzweigungen der Fluss nimmt und welche Täler er in die Welt hinein schleift. Flussläufe, die, wenn sie sich erst mal tief genug in die Oberfläche eingefressen haben, die Oberfläche formen und ihr Gesicht zeichnen, ihren Charakter abbilden und irreversibel verändern. Man kann diese Verläufe beeinflussen, nicht alle und nicht immer und andere können das übrigens auch, doch jeder Fluss hat auch immer etwas Eigenes, etwas Selbstständiges mit einem eigenen Willen, mit einer eigenen Kraft. Im Prinzip macht dieser Fluss nichts Besonderes, er fließt, er passt sich dem an, was ihn trägt. Er bewegt das, was sich bewegen lässt, und er nimmt das mit, was sich seiner Kraft nicht widersetzen kann. Dieser Fluss hat keine Absicht, doch was er entstehen lässt, sind klare, natürliche Wege, die jedem Betrachter und Teilnehmer dieser Welt ein Bild und eine Haptik vermitteln, die hingenommen wird als der Baustein, auf dem weiter aufgebaut wird. Ein Baustein im Gewebe, aus dem man selbst anfängt zu bestehen. Dieses Gewebe besteht einfach nur, doch die Geister, die es bewohnen, machen es erst zu dem, was sich zwischen der Dunkelheit und dem Licht bewegt. Im Laufe seiner Herzschläge findet es heraus, was es bedeutet zu leben und eine Kraft zu sein, vor der man nicht in freiwilliger Selbstverneinung kapitulieren darf. Denn das Leben ist wie eine Plage, hast du es erst mal an der Backe, wirst du es so leicht nicht wieder los und alles, was es im Leben so zu erledigen gibt, ist mit einer Kapitulation leider nicht getan. Das gilt natürlich für jegliches Leben und nicht nur für das menschliche. Das Menschliche hat durchaus seine Eigenheiten. Neben dem der Natur entfernt gewordenen Körper erziehen wir uns allen Ernstes zu einem Glauben, der uns eine gewisse Allmacht vermittelt, wo doch die Allmacht darin besteht, seinen Anteil am Ganzen zu erkennen und anzunehmen. Entfernt vom Antlitz, das die Welt uns verpasst, entfernen wir uns zusehends mit scheinbar großer Entschlossenheit noch weiter weg von dem Teil von uns, der durch die Anstrengungen all jener Geister entstanden ist, die vor uns gelebt haben. Unser Körper, wir wollen ihn verlassen, wir sollen Geister sein, weil wir glauben, dass der rein geistige Zustand weniger anstrengend ist und viel mehr Möglichkeiten bietet, ein Dasein zu genießen, dass aus weniger Hindernissen, Kompromissen, Beschwerden und Begrenzungen besteht als das körperliche. Ist das so? Was wissen wir darüber? Was wissen wir über das vermeintliche El Dorado dieser Daseinsform, mit der wir den Himmel assoziieren? Das süße Sein, das wir uns mit Drogenexzessen und Fantasien zu erklären versuchen. Yin und Yang, daraus besteht einfach alles und auch das, was sich dazwischen befindet. Das wird wohl auch für den rein geistigen Zustand zutreffen, eben ohne den Körper, ohne die Materie, doch mit neuen, uns noch unbekannten Überraschungen. Also warum nicht hier in dieser Art der Form als Mensch herausfinden, wie die Sache so läuft? Weil man irgendwie das Gefühl hat, dass es auch besser, einfacher und angenehmer sein könnte, nicht wahr? Es könnte aber auch viel schlimmer sein, viel anstrengender und unangenehmer, das ist doch auch richtig, oder? Aber was soll das mit dieser Negativmotivation. Ist das nicht von vorgestern? Wir wollen uns doch weiterentwickeln und weiterentwickeln läuft doch immer so, dass es besser wird für einen! So wie wir das jetzt bereits seit Jahrtausenden bei uns Menschen beobachten können. Wir sind so viel weiter gekommen in unserer Entwicklung. Wir sind kurz davor, der Natur ihre Macht zu entreißen und sie durch uns zu ersetzten. Unseren Willen im Zentrum der Spirale zu platzieren, die den Ursprung der Dinge bedingt. Wir wollen bedingen. Wir wollen unseren Willen haben und durchsetzen. Bleibt nur noch die Kunst zu erlernen, zu wissen, was man will und seinen Willen in Einklang zu bringen mit all dem, was man so bedingt.
Ich glaube ganz fest daran, dass der Mensch im Stande ist, seine Vorhaben umzusetzen. Es sind unsere Träume, die unser Universum bilden. Sehen wir nicht, was wir sein können, werden wir es nicht sein. Sehen wir Dunkelheit, wird es dunkel; sehen wir Licht, wird es hell. Sehen wir unsere Träume als nicht greifbare Fantasien, vergessen wir, dass wir genau das sein wollen, was Fantasien sind. Geisterwelten, in denen wir Geister sein können. In unseren Träumen spricht unser Wesen und das Wesen der Welt. Unbegreiflich und unvereinbar mit unserem Wissen, so fühlen sie sich an, wenn man wieder wach ist. Alles, was uns eben noch in Schwingungen versetzt hat, verschwindet und wir beginnen zu glauben, dass es nicht real war. Eben noch gefesselt und teilgenommen, löst sich alles komplett auf und hinterlässt höchstens eine schwache Erinnerung, ohne den pochenden Puls und die Wucht dessen, was uns gerade noch, bevor wir wach geworden sind, mitgerissen hat. Genau wie bei einer Geburt, eben noch in der alten Welt mit all dem Wissen über das darin Erlebte und im nächsten Augenblick der Übertritt in die neue Welt, das Aufwachen und das Vergessen, so als sei das alles nie geschehen.
In unseren Träumen träumen wir nicht, wir erleben und wenn wir aufwachen, dann ist das Leben diesseits des Geträumten sicher kein Traum mehr, doch ist es auch nicht so starr, abgeschlossen und unveränderbar, wie wir es mit der ein oder anderen naturwissenschaftlichen Denkweise versuchen einzuengen. Klar tut es weh, wenn ich mich verletzte und klar, dass eine Verletzung Folgen hat. Werde ich im Traum verletzt, spielt das im Wachleben keine Rolle. Doch gilt das nicht auch umgekehrt? Kann ich mich im Traum nicht ungehindert bewegen, obwohl ich im wahren Leben vielleicht eine Verletzung habe? Kann man in Träumen nicht gar fliegen und unter Wasser atmen, obwohl man das im realen Leben nicht kann? Warum kann man das? Weil es nicht echt ist. Die Traumwelt existiert nicht wirklich. Oder existiert sie nicht in der Wirklichkeit? Ich weiß es nicht genau, aber mit der Zeit habe ich gelernt, an das zu glauben, was ich erlebe, und dazu gehören auch meine Träume. Alles, was ich sehe, existiert. Alles, was ich erlebt habe, habe ich erlebt. Alles, was ich mir erträume, wird passieren, und alles, was ich mir vermiesen lasse, wird niemals existieren. Es ist nicht einfach zu verstehen, dass die Wunder, an die man glaubt und die dann tatsächlich passieren, nicht so wundersam geschehen, wie wir uns das vorstellen. Sie passieren trotzdem und die große Schwierigkeit besteht darin, das zu erkennen. Zuerst sieht es nie danach aus, dass es begonnen hat, dass ein Traum in Erfüllung geht und er geht auch nicht in Erfüllung, wenn man nicht dranbleibt und ihn zu Ende träumt. Und zuletzt ist vielleicht so viel Zeit vergangen, dass man die Übersicht verloren hat und wenn das Wunder vollbracht ist, ist es nicht mehr. Ja, man peilt, dass man schon längst wieder gedanklich bei etwas anderem ist und dabei einfach übersieht, dass man das, was man wollte, bekommen hat. Am Ende ist es doch eh das Gefühl und nicht die Realität, das einem vermittelt, ob man sein Ziel erreicht hat, oder nicht? Genau wie in einem Traum. Will ich etwa damit sagen, dass wir unsere Träume unterschätzen? Oh ja, und wie! Wir quetschen uns in die Realität und tun alles dafür, dass wir irgendwie auf Teufel komm raus eins werden mit dem bisschen, was wir über die Realität zu wissen glauben. Will ich damit etwa andeuten, dass da noch mehr ist, und dass wenn ich ein Gefühl oder eine Ahnung habe, dass da womöglich was dran sein könnte, egal was es ist? Yep, so ist es. Nur so haben all die, die einem Ruf gefolgt sind, eine neue Welt entdeckt. Ein Ruf ist nicht real, er existiert nicht, dabei steckt dieses Wort sogar in der Bezeichnung unserer meistgetätigten Alltagstätigkeit: dem Beruf, der Berufung; ist also das Arbeiten auch nicht real? Doch, Arbeit ist real und erschafft Tatsachen, feste, physische Sachen, Dinge, Umstände, Freude, Leid; und sie ist die Kraft, die unsere Umwelt umgestaltet und umformt, verwandelt und aufrecht hält und selbst viel Kraft und viel Energie kostet. Arbeit ist auch so ein Ding, das wir mit Existenz, Ansehen, Notwendigkeit, Tüchtigkeit und mit Unausweichlichkeit assoziieren. Es geht nicht ohne Arbeit. Arbeit ist Religion. Das Arbeiten ist pure Virtualität. Ich denke, ich muss arbeiten, damit ich existieren kann und darf. Ich muss jeden Tag etwas arbeiten, damit ich mich in unserer von Menschenhand erbauten Welt befinden darf. Damit geht es erst mal los mit dem Dürfen. Ich darf nur dann ein Dach über dem Kopf und etwas auf dem Teller haben, wenn ich arbeiten gehe. Ich muss arbeiten und etwas produzieren, damit ich weiter existieren darf. Essen, ein Platz zum Leben, Schlafen, Aufstehen, mich erholen, ausruhen, wieder raus aus dem Haus, weg von meinem Leben, arbeiten, Sachen machen, etwas tun, existieren, Geld verdienen, damit ich mein Leben bezahlen kann … Irgendwann oder vielleicht sogar von Anfang an hat das, was ich arbeite, nichts mehr zu tun mit dem, wie ich existiere, oder die Arbeit wird zu meiner Existenz. Essen, leben, durchatmen, Augen aufmachen, mich umsehen, Zeit finden, zu mir zu kommen. Das erlaubt die Arbeit nicht und sie erlaubt es auch nicht, darüber nachzudenken, ob es Sinn macht, was ich da tue. Mit Sinn meine ich nicht, ob es Sinn macht, dass ich meine Arbeit anständig erledige, sondern welchen Sinn und welche Folgen es hat, was ich tue. Ich arbeite in eine Virtualität hinein. Was ich tue, verlässt mich. Was ich tue, muss ich tun. Jedoch nicht dafür, dass ich etwas zu Essen habe, sondern damit ich Geld habe. Zwischen meinem Essen und mir stehen also die Arbeit und das Geld und nicht das Essen machen. Zwischen meinem Platz zum Leben und mir stehen das Arbeiten und das Geldverdienen und nicht das direkte Arbeiten an meinem Platz zum Leben. Virtuell, nicht wahr. Ich arbeite eine Sache und finde mich in einer völlig anderen, ja, nennen wir es auch mal, Sache wieder. Abgefahren, ich bewege mich nach links und gehe nach rechts. Ich schaue nach oben und sehe den Boden. Ich gehe arbeiten und darf existieren. Es wird viel gearbeitet bei uns Menschen. Es werden auch viele Arbeiten umsonst verrichtet oder sie bringen großen Schaden. Ich muss meine Arbeit erledigen, das geht vor, auch wenn es gegen meine Moral verstößt oder gegen die Menschlichkeit. Gegen ein Gefühl, das uns sagt, dass da was nicht stimmt, wenn ich das tue. Oh Mann, wie viel Gräuel ist auf diese Art entstanden, oder war die Arbeit vielleicht nur die passende Ausrede, etwas zu tun, das einem verboten wird von anderen Menschen oder vom eigenen Gewissen. Etwas Unrechtes tun, das erlaubt einem die Arbeit. Jemand sein, der man nicht ist. Jemand anderen in Bedrängnis bringen, das geht durch Arbeit. Nicht durch jede. Ich darf auch Superheld sein, helfen, positiv intervenieren, mich ausprobieren auf Gebieten, die mir ohne meine Arbeit verwehrt geblieben wären.
Egal, ob positiv oder negativ betrachtet, Arbeit ist so ziemlich das Verlogenste, was es gibt. Wir arbeiten nicht, wir gehen arbeiten. Wir arbeiten in eine Blase hinein, mit der wir nichts zutun haben. Hauptsache die Arbeit ist erledigt, das Bein amputiert, der Patient geheilt, das Haus fertiggestellt und das Paket ausgeliefert. Geht uns nichts an, was nach getaner Arbeit weiter passiert. Der Planet, auf dem wir leben, ist ja Gott sei Dank kein geschlossenes System, in dem das, was ich tue, nicht in irgendeiner Weise auch mich betrifft oder betreffen könnte. Bis es mich betrifft, bin ich ja vielleicht schon wieder weg und bis dahin … Der Planet ist ja ziemlich groß und die Wahrscheinlichkeit, dass ich Konsequenzen dafür tragen muss, dass ich etwas getan habe, von dem ich vielleicht gar nicht gewusst habe, dass man das nicht tun sollte, dürfte ziemlich gering sein. Wären da nicht die anderen sieben Milliarden Menschen, die vielleicht ähnlich denken. Das ist natürlich ungerecht, wenn mich deren Fehlverhalten trifft. Das ist gemein, ziemlich gemein, ziemlich kacke. Ich will nicht die Fehler anderer auslöffeln und die Konsequenzen für das tragen, das andere kopflos getan haben. Ich habe meine Arbeit doch erledigt, alles richtig gemacht …
Na ja, ich will niemanden durch den Kakao ziehen. Ich bin selbst froh, wenn ich meine Arbeit erledigt kriege. Obwohl ab und zu würde ich mich besser fühlen, wenn ich etwas anderes tun könnte, als jeden Tag zur Arbeit zu gehen.
Kapitel 1: Das Ende
Die Geschichte beginnt damit, dass alles immer anders kommt, als man denkt. Es existiert ein Mensch auf dieser Welt, der genau jetzt zu dieser Zeit lebt. Er ist schon eine ganze Weile da und hat im Laufe seines Lebens das ein oder andere gesehen, gelernt und erlebt. Verstanden hat er jedoch wenig. Im Prinzip ist er enttäuscht vom Leben als Mensch, obwohl, wenn er sich die Sachlage genau anschaut, hat er eigentlich keinen Grund dazu. Seine Enttäuschung hat wahrscheinlich mehrere Gründe, doch ein Grund ist vielleicht besonders tragend. Seit seiner frühesten Kindheit hat er gelernt, nicht in der Gegenwart zu leben. Sondern entweder darauf zu hoffen, dass da noch etwas kommt, was sein Leben in einen paradiesischen Glückszustand verwandelt, oder er schaut zurück auf das, was hinter ihm liegt, und sieht seine vertanen Chancen. Mit anderen Worten: So kann man gar nicht in der Gegenwart leben, weil man ständig das Gefühl hat, dass das Hier und Jetzt dem, was man anstrebt, unterlegen sein muss und noch nicht das ist, was es sein könnte. Dieses Was-es-sein-Könnte macht einen fertig, weil es so viel saftiger scheint als das, was es gerade ist. Also tut man etwas dafür, um dorthin zu kommen. Man strampelt sich ab und verbraucht all seine Hoffnungen darauf, dorthin zu kommen, wo es angeblich so viel besser ist als hier. So auch dieser Mensch, der eigentlich noch gar kein Mensch ist, sondern ein Geist, weil er in Wahrheit noch immer nicht auf der Erde gelandet ist und sie mit keinem seiner Körperteile wirklich berührt hat. Er hat sich bislang ferngehalten von allem, was Erde ist, sogar von seinem eigenen Körper. Natürlich hat er mit allem schon Bekanntschaft gemacht, aber er hat sich damit nicht verbunden.
Keine Ahnung, keine Anleitung, kein Plan und auch keine gute Idee, wie das gehen soll und auch gar kein Impuls dafür, dass das überhaupt passieren soll, keine Zeichen, keine Auslöser.
Keine Bestimmung, keine Aufgabe, keine Mission –; nur Wünsche. Nur? Nein, nicht nur, sondern jede Menge Zweifel daran, dass Wünsche das sind, woraus wir werden. Für diese Zweifel sorgen außer einem selbst insbesondere die Artgenossen. Die gemeinen Biester, die es nicht geschafft haben, ihre eigenen Zweifel abzuarbeiten und zu verstehen, dass es geht, und dass es oft schon geklappt hat. Dass es die Wünsche und Träume waren, die das Konstrukt, das man lebt, aus dem Rauschen der Umgebung geformt haben. Leider gibt es keinen Halt, keinen Unterschlupf und nicht besonders viele Möglichkeiten, die Welt in Ordnung zu bringen. Eine Ordnung in seine Welt zu bringen, sie anständig zu verdauen und ein bisschen schlau draus zu werden und deswegen kann man den meisten auch keinen Vorwurf machen, dass sie Zweifel verstärken.
Eigentlich kann man schon, aber das ist eine andere Geschichte.
Alles im Flug, alles in Bewegung und an der Oberfläche eine oder mehrerer Blasen, die sich ständig drehen, aneinander reiben und den Brei ständig neu manschen und mischen. Mal kopfüber, mal richtig herum, ein ständiges Ratespiel, bis man vielleicht doch den Zweifel zulässt, dass es weder ein Kopfüber noch ein Richtigherum gibt. Doch Achtung, das ist ein Pfad, der nicht zum Wahnsinn führt. Es ist ein Pfad dazu, dass diejenigen Mitmenschen, die zu wissen glauben, eine Orientierung gefunden zu haben, ihre Sicht des Richtig- oder Falschherums in Bedrängnis sehen und schwups, schon bist du raus. Dieses „Raus“ kann vielerlei Formen annehmen. Die Geschichte lehrt uns, dass gerade das „Ausschließen“ eine besondere Kreativität bei unserer Spezies hervorruft. Ist ja auch klar, man steht ja auch in Konkurrenz zueinander und jeder, der einer weniger ist, lässt mehr Platz für alle Übriggebliebenen.
Schwer ist es, mit den Füßen die Erde zu berühren und gleichzeitig zu verstehen, dass der Kopf nach unten ins Universum hängt. Also sind die Füße unten und der Kopf ist oben, so wie der Nord-Pol oben ist und der Süd-Pol unten. Der Kopf dreht sich. Das Universum dreht sich! Alles vermischt sich mit der Zeit und das, was vorher noch eindeutig war, ist nach einer Weile woanders, so wie ich selbst. Wir nennen das dann Zeit und frieren damit etwas ein, das uns helfen soll, uns besser zurechtzufinden. Wir verfestigen damit die Bewegung, die uns umgibt und machen Bilder daraus, feste Momente einer beweglichen Welt.
Allein in einer überfüllten Welt sein, wie geht das? Dieser Mensch, von dem hier die Rede ist, ist allein auf der Welt. Er weiß noch lange nicht, was es heißt, Mensch zu sein. Er sieht sich im Spiegel, er sieht viele, viele andere Menschen und er entwickelt sich, er wächst von ganz allein, so wie vieles andere, das wächst und sich entwickelt. Viel kann er nicht machen, sein Wachstum nicht anhalten, seine Entwicklung nicht stoppen. Lernen, so schnell es geht, das muss er und das tut er. Sinnlos und ohne Unterlass rieselt es in ihn hinein und sinnlos würde es auch bleiben, wenn die Suche nach dem Sinn nicht plötzlich und immer wiederkehrend aus allen Richtungen ihm als sinnhaft erscheinen würde, weil die Sinnsuche ein Teil dessen wird, was immer wieder in ihn hinein rieselt.
Kann ich mich einfach treiben lassen? Nein, das stellt er sehr schnell fest. Das Treiben lassen ist nämlich die höchste Form des Daseins, aber dazu muss man vorher so oft angeeckt sein und überlebt haben, dass man einen Sinn dafür entwickelt, wie das geht. Das geht natürlich nicht von allein und die, die es draufhaben, tun natürlich so, als sei es das einfachste der Welt. Das verführt und weil niemand sonst außer man selbst letztendlich die Verantwortung fürs eigene Wohl trägt, kann es durchaus passieren, dass, wenn man den Treibenden zu viel Glauben schenkt, man hängen bleibt mit allen daraus resultierenden Folgen.
Scheiße Mann, wieso können die das und ich nicht? Wieso sieht es so leicht aus … Und schon ist es ein bisschen da: Ich kann das nicht und vielleicht werde ich das niemals können, vielleicht bin ich hier falsch und fehl am Platz?
Ist es das, was die Treibenden wollen? Hauptsache das eigene Treiben gerät nicht ins Stocken und in Gefahr, alles andere ist Ansichtssache.
Ich bin ein Junge. Ich werde mal ein Mann. Ich sehe das Meer zum ersten Mal. Wahrscheinlich werde ich diesen Anblick nie vergessen, doch so ganz genau werde ich mich daran auch nie wieder erinnern können. Ich ahne, dass dieser Anblick bedeutend sein könnte, doch ich weiß nicht, warum und wenn ich ehrlich sein soll, werde ich es wohl auch nie wirklich begreifen. Zumindest nicht so begreifen, wie ich in diesem Augenblick vermute, dass erwartet wird, wie man es begreifen sollte. Ich glaube, ich möchte, dass die Welt so ist, wie mir dieser Anblick erscheint: von hell- bis dunkelblau, ein Blick durch goldenen Dunst in eine vielversprechende Weite; gewaltig, ein Horizont, der erstrebenswert scheint und ein Ort, der Besonderheit ausstrahlt. Und ich bin ein Teil davon, gesegnet mit dem Glück hier sein zu dürfen. Das Leben beginnt ein bisschen oder besser gesagt: Ein bisschen Hoffnung keimt auf. Die Welt ist größer, als ich gedacht habe, und es gibt Orte, die einen Zauber ausdünsten, der vielversprechender scheint als Zweifel an einem guten Verlauf begonnener Dinge.
Ein paar Jahre später und das Meer ist verschmutzt, und zwar richtig, durch und durch, nicht nur hie und da, sondern insbesondere da, wo ich es zum ersten Mal erblickt habe und auch dort, wo ich es niemals sehen werde. Man hört und sieht es überall. Wir berichten darüber und tun so, als seien das Nachrichten von einem anderen Planeten, den andere Menschen und nicht wir selbst versauen. Dadurch klingt es sensationell und wenn ich meinen Müll in den Eimer schmeiße, habe ich sogar das Gefühl, dass ich ein besserer Mensch bin als die, die die Meere verschmutzen.
Das Wasser sieht sogar sauber aus, aber es ist durchsetzt mit unserem Schmutz, doch da habe ich schon die Sterne entdeckt. Sie sind noch weiter als das Meer und sie funkeln. Sie sind schöner als alles andere, das ich je gesehen habe, und ich wünsche mir, die Meere seien nicht verschmutzt, damit das zauberhafte Strahlen der Sterne bei Nacht sich im sauberen Wasser der Meere spiegeln könnte.
Da oben fliegt mittlerweile auch viel Müll herum. Unsere Atmosphäre ist voll von Wrackteilen und Hightech-Müll. Und weil sich das alles im Himmel abspielt, ist man vielleicht ein wenig dazu geneigt, die Tatsache, dass es trotzdem Müll ist zu unterschätzen. Dennoch, es wird enger dort oben und die Sicht zu den Sternen zieht langsam zu. Per aspera ad astra – ad astra … Ein bedeutungsschwangerer Spruch aus meiner Kindheit, doch seine aktuelle Bedeutung gerät in eine Schieflage und was sich nun im Schmutz der Meere spiegelt, ist der Schmutz des Himmels. Schmutz gespiegelt im Schmutz, doch meine erste Begegnung mit der Weite bleibt und auch wenn es aussieht, als sei vieles der Anfang vom Ende, kann es so nicht sein, denn mein Leben hat noch nicht richtig angefangen und ich bestehe darauf. Ich bestehe auf mein Leben, denn das hat mir das Leben versprochen und zwar in genau dem Augenblick, als ich zum ersten Mal das Meer gesehen habe. Das Meer hat es mir versprochen. Der ganze gottverdammte Planet und später der Himmel und die Sterne haben es mir zu verstehen gegeben, dass es eine Tiefe gibt, die es zu entdecken gilt. Diese Tiefe, sei sie auch noch so fern und dunkel, anstrengend und weit, birgt den Zauber des Guten und das Ende ist unerreichbar. Es ist sichtbar, doch im Grunde eine Täuschung, weil alles eine unaufhaltsame Bewegung ist, die nur Vorübergehendes entstehen lässt. Selbst die Sterne, so fixiert sie da oben zu sein scheinen, sind in Bewegung, und wenn selbst der Himmel nicht zu halten ist, dann muss ich mit. Ich muss es fühlen lernen, mich nicht versuchen festzukrallen, sondern lernen, der Bewegung zu folgen, lernen, in der Bewegung zu leben und lernen, nicht zu bedauern. Was denn bedauern? Bedauern, dass kosmischer Wind die Sterne wie Samen durch den Raum trägt? Bedauern, dass kein Tag dem anderen gleicht? Bedauern, dass alles vergeht? Es vergeht nicht. Es geht, es trägt und wenn ich es schaffe, diese Bewegung zu empfinden, dann schaffe ich es auch nicht mehr, allzu viel Angst vor dem Leben zu haben. Doch so weit bin ich noch lange nicht. Ich stehe erst ganz am Anfang und muss feststellen, dass wir gewaltige Probleme verursachen und dass, egal wie wunderschön die Küste Somalias auch sein mag, sie ein Ort ist, der der Größe seiner natürlichen Schönheit nicht gewahr wird, weil Somalia ein Kriegsgebiet ist. Egal, wie hoch die Bauwerke auf der arabischen Halbinsel auch in den Himmel ragen mögen, sie bedeuten Krieg. Der Fortschritt treibt viele Menschen weltweit in die Selbstvernichtung und das alles unter dem schönsten Anblick, den man auf dieser Erde haben kann, dem Himmel und dem Firmament. Ein Blick nach oben genügt und der Traum davon, dass es dort oben so schön sein muss, wie es aussieht, ist geboren und das Leben hier unten? Vielleicht ein Albtraum, vielleicht Müll, vielleicht auch bloß die Folge der Angst vor dem Leben.
Das Ende, es ist nicht da, und mein Anfang ist auch kein Anfang. Es hat nie aufgehört. Mein Anfang ist bloß meine Feststellung, dass sich etwas verändert, und das tut es andauernd. Ich muss es bloß laufen lassen. Schwer, wo ich mich doch gerade erst damit anfreunde, mein Wesen einzureihen in die Reise der anderen, damit ich mich nicht ganz so einsam und verloren bin, wie ich mich fühle. Ich bin verloren. Ich weiß es nur noch nicht. Mein Verstand hat mich betrogen und ich gleite in die Fehler der anderen. Das Herz weiß es, doch ich bin schlauer. Ich will ein Mensch sein. Ich will sein wie das Greifbare, denn das Greifbare ist echt und alles andere ist nicht bewiesen.
Kapitel 2: Der Dreck der anderen
Es gelingt mir nicht … Es gelingt ihm nicht … Ist ja auch egal, ob er oder ich. Ich habe alles versucht, von dem ich angenommen habe, dass man es versuchen sollte. Meiner Meinung nach habe ich sogar mehr versucht als das, von dem ich dachte, dass man es versuchen sollte. Stehe ich immer noch da, wo ich am Anfang gestanden habe? Das kann nicht sein. Aber das Komische ist, dass ich das, was ich erreichen wollte, nicht erreicht habe. Habe ich es erreicht und es fühlt sich bloß anders an, als ich es mir vorgestellt hatte? Nein, ich bin definitiv nicht drin. Ich gehöre NICHT dazu. Ich bin immer noch nach aller Anstrengung und gutem Willen allein und fühle mich wie ein Außenseiter. Vielleicht liegt es doch an mir? Irgendwie tendiere ich am Ende immer dazu, das anzunehmen. Ist das vielleicht auch menschlich? Wenn das menschlich ist: Mensch zu sein, zu versuchen, zu Menschen dazu zu gehören und sich am Ende doch ausgeschlossen fühlen, dann ist Menschsein tatsächlich etwas völlig anderes als das, was ich darunter verstanden habe. Tatsache ist, dass ich noch nicht viel von dem erlebt habe, was ich mir unter dem Menschsein ausgemalt hatte. Nun das einzig Logische, das mir bleibt: Ein Unwohlsein macht sich breit und fängt an, sich zu verfestigen. Ob jeder Mensch sich so fühlt, zumindest ab und zu? Die Allgemeinheit lässt es zumindest nicht so aussehen. Das macht meine Situation natürlich nicht besser. Ich sollte jemanden fragen, versuchen, mich auszutauschen … Komisches Gefühl … Viele sind es nicht, die meine Stimmung zu zerstreuen versuchen. Also greift vorerst der pure Überlebenswille und ich lasse es sein.
Das Gift, das sich nicht wie Gift, sondern wie gut gemeintes Teilen von hilfreichen Lebenserfahrungen im Äther breitmacht, verdunkelt meine Sicht auf die Sterne noch zusätzlich. Die Sterne, ihr Glanz und ihre Ferne werden dadurch zunehmend der Ort, den es zu erreichen gilt. Noch weiter weg von der Erde, als ich es ohnehin schon bin. Noch tiefer in die Dunkelheit, von der ich immer mehr annehme, dass sie die Antworten auf meine Fragen birgt. Noch mehr Fragen und immer mehr Schmutz. Ich fühle mich immer schmutziger. Das, was man gemeinhin Lebensenergie nennt, reicht nicht aus, um eine Sonne zu entfachen. Die Sonne brennt immer heißer. Die Welt verändert sich und ich bleibe alleine.
Also dann die anderen. Ich und die anderen. Die Einzelnen werden zu den anderen. Und ich vermute, dass auch ich als Einzelner zu irgendwelchen anderen zähle. Dass die Katze sich in den Schwanz beißt, habe ich schon mal gehört. Dass es sich jedoch so anfühlt, hätte ich nicht gedacht. Immer mehr scheint nicht so zu sein, wie ich es mir gedacht hatte.
Es wird schmutzig. Es wird klein in der großen weiten Welt. Von überall her drückt es. Die anderen sind in der Überzahl, sie haben die Macht. Jeder einzelne ist allein, vermute ich, doch zusammen sind sie zu viele und gegen so viele habe ich keine Chance. Warum sie gegen mich sind? Vielleicht denken sie das Gleiche von mir? Vielleicht denken sie, ich bin gegen sie? Vielleicht denken sie aber auch gar nichts und leben nach dem Motto: Nach mir die Sintflut und vor mir die große Weite, meine Weite, alles meins, das ich erblicke.
Die Sintflut wird es schon richten, sie wird den ganzen Schmutz und den Dreck wegspülen, die Täler säubern und den ganzen Unrat mit sich fortreißen … Wohin? Wahrscheinlich wieder ins Meer, wo es in die Tiefe absinkt und unsichtbar wird. Doch die Sintflut kommt nicht und der ganze Dreck bleibt liegen, wird mehr. Ich habe nicht viel mit diesem Dreck zutun, denn solange die Flut, die alles mit sich fortreißt, nicht kommt, wird er einfach beiseite geschafft. Ich weiß sogar wohin. Die meisten von uns wissen es. Unser ganzer Abfall kommt zu anderen Menschen, zu denen, deren Leben aus unserem Dreck besteht. Kann das sein, dass es so was gibt? So etwas darf es nicht geben, doch, doch, doch … Doch die anderen, sie gibt es. Der Dreck der anderen ist ihr Leben. Sie müssen sich damit abfinden, darin leben, ihr Leben im Dreck anderer arrangieren. Noah! Hilfe, hilf uns, Noah! Wir brauchen eine neue Arche, damit wir in unserem Schmutz nicht umkommen. Doch wer darf drauf? Die Plätze sind schon belegt. Die hohen Türme ragen bereits in den Himmel, hoch hinauf in den sauberen, blauen Himmel. Der Schmutz derer, die den ganzen Schmutz machen, wird auch mich eines Tages vielleicht dazu zwingen, im Schmutz zu leben. Vielleicht lebe ich aber auch bereits schon im Dreck derer, die alles auf die Sintflut setzen. Vielleicht lebe ich wie die anderen, die in unserem Dreck leben und merke es bloß nicht, genau wie die anderen. Ich bin nicht sauber und wenn die anderen mich auch zu irgendwelchen anderen zählen, dann denken sie vielleicht dasselbe über mich. Sie denken, dass mein Dreck ihr Leben verschmutzt und so lebt es sich, wenn man nicht aufräumt, wenn man alles, was man nicht braucht, irgendwohin schiebt, beiseite, in eine Tüte packt und sie abholen lässt. Oh Mann, es wäre so viel einfacher gewesen, ich hätte mein Denken beim Müll-in-die-Mülltüte-Reinstecken und Mülltüte-ab-in-die-Tonne abgeschaltet. Aber irgendwie hat mich der ganze Müll eingeholt.
Es ist nicht mein Müll, aber mein Müll befindet sich auch darunter und es ist nicht nur der Müll aus den Tüten. Es ist auch der Müll, der nicht aus den Tüten kommt. Wir brauchen etwas, das uns besser macht als die Nachbarn, als all die, die uns unmittelbar umgeben. Es reicht nicht, es reicht nie, denn siehe da, auch die anderen wollen besser sein als wir! Das Wetteifern kann beginnen. Feuerfrei für den Müll, der sich dabei irgendwann nicht mehr elegant aus der Welt schaffen lässt und in jedem Winkel unseres Denkens unser Denken bestimmt. Der unser Atmen verhindert und uns weiter dazu antreibt, noch mehr, noch bessere, noch schönere und tollere Ideen zu entwickeln, die den Dreck, den wir denken, unsichtbar machen. Sei es auch bloß durch schöne Worte und durch magisches Wegschauen wie kleine Kinder, die die Augen mit ihren Händen zuhalten und so glauben, den Resetknopf gefunden zu haben, der alles wieder auf Null stellt und die eigene Welt in Sicherheit bringt.
Unser Müll, nicht der Müll der anderen … Das Denken, nicht das Handeln. Das Denken, das sich nicht zügeln lässt. Ganz harmlos, denn es ist ja nur das Denken und es bin ja bloß ich, nur einer … Nur einer denkt der eine, denkt einjeder. Nur Denken. Und irgendwie, wahrscheinlich irgendwie von ganz alleine hat sich die Welt gefüllt.
