Der Germane aus dem Orient - Peter Middelberg Stefan Middelberg - E-Book

Der Germane aus dem Orient E-Book

Peter Middelberg Stefan Middelberg

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Beschreibung

Er, der als kleiner Junge aus seiner germanischen Sippe gerissen und an einen römischen Offizier verkauft wird und mit ihm eine Odyssee erlebt, der als freier Mann nach Hause zurückkehrt und dort das grausame Schicksal seiner verschwundenen Familie erfährt, der sich insgeheim daran macht, nach dem Grund zu forschen, der durch Wagemut und Einfallsreichtum Aufmerksamkeit und Anerkennung seiner Nachbarsippen und deren Herzog erringt, der die Tochter des Herzogs begehrt, sich aber in eine Bogenschützin verliebt, der schließlich als Herzog auf den Schild gehoben wird, diese Würde jedoch nach erfolgreicher Herrschaft abgibt, um seinen Sippen eine überraschende Wendung in der Wahl eines Nachfolgers zu geben, er ist DER GERMANE AUS DEM ORIENT.

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Seitenzahl: 261

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Am Horizont wabert der Himmel wie ein Flammenmeer. Was ist da los, denke ich und treibe meinen Araberhengst Albin an. Der ist nach langem Tagesritt erschöpft. Auch ich werde langsam müde. Nur mein Wolfshund Tarik trabt unermüdlich und elegant neben uns her. Nach zehn Jahren im Orient komme ich, Wilbur der Wölfling, endlich heim an die Hase und die Weser.

Das Leben in der Fremde war für mich sehr bitter, denn ich wurde mit acht Jahren an einen einflussreichen römischen Offizier verkauft, weil blonde Kinder aus Germanien begehrt und meine Eltern sehr arm waren. Als dieser Römer nach Rom und später in den Orient versetzt wurde, musste ich ihm folgen und war ihm später auch im Kampf dienlich. In Syrien konnte ich ihm in einer gefährlichen Schlacht das Leben retten. Bei diesem Gefecht wurde auch ich verwundet, suchte und fand meinen Herrn und verband seine stark blutenden Wunden. Er konnte sich nicht mehr verteidigen. Ich rettete ihn, indem ich, trotz meiner Verwundung, jeden der ihm ans Leder gehen wollte, besiegte. Die Frau meines Herrn ließ uns auf dem Schlachtfeld suchen. Sie fand uns, und ein arabischer Arzt versorgte erfolgreich unsere Wunden. Wir genasen und mein römischer Besitzer gab mir aus Dankbarkeit die Freiheit und einen Ring, der mich als Staatsangehöriger Roms auswies. Als Römer konnte ich mich nun in den von Rom beherrschten Ländern frei bewegen. Ich diente aber weiterhin meinem Herrn, der durch seine kriegerischen Erfolge zu einem einflussreichen Führer im römischen Heer ernannt wurde. Dadurch lernte ich viele Findigkeiten im Umgang mit Waffen, als auch politischer Natur kennen.

Als er sich jetzt in der Nähe von Neapel auf seinen Gütern zur Ruhe setzte, verabschiedete ich mich von ihm, um in meine Heimat zurückzukehren. Er schenkte mir zum Abschied einen jungen, reinrassigen und schneeweißen Araberhengst mitsamt der ledernen und silberverzierten arabischen Reitausrüstung. Ein metallbesetzter Harnisch für den Reiter war auch dabei. Wegen dieser Ausrüstung erntete ich neidischen Blicke und musste mich nicht nur einmal auf der Heimfahrt gegen Räuber wehren. Mein scharfes, in Damaskus von einem muslimischen Meister geschmiedetes zweischneidiges germanisches Kurzschwert tat mir dabei hervorragende Dienste. Schließlich wendete sich auch Alles zum Guten, denn ich bin zu einem stattlichen Burschen herangewachsen. Meine strengen Gesichtszüge werden durch einen blondgelockten kurzen Bart etwas weicher. Die Haut ist im Orient dunkler geworden, und meine stahlblauen Augen gefallen den weiblichen Schönheiten. Meine germanische Herkunft ist nicht auf Anhieb auszumachen. Da ich das Arabische mit leichtem Akzent aus Damaskus beherrsche, kann ich, wenn es sein muss, fast alle Personen täuschen, die mir begegnen.

Es dämmert, und ich komme meiner Heimat immer näher. Welche Ursache hat diese unerwartete Erscheinung am Horizont? Rotgelbes Flackern zeichnet sich unter den tiefhängenden Wolken ab. Was geht da vor sich.

Beim Näherkommen erkenne ich einen brennenden Gutshof. Erschrocken stelle ich fest, es sieht meinem heimatlichen Anwesen erschreckend ähnlich. Los Albin, Galopp, wir müssen löschen. Im Herankommen erkenne ich das beängstigende Ausmaß der Tragödie.

Ihr Götter, denke ich, der ganze Landsitz liegt in Trümmern. Der Innenhof ist mit Leichen übersäht. Auch Frauen, und da, sogar Kinder sind darunter. Sie wurden offenbar alle erbarmungslos im Blutrausch erschlagen. Als ich das Gemetzel in Augenschein nehme, bin ich zutiefst erschüttert. Was hat sich hier zugetragen? Wer hat hier so grausam sein Unwesen getrieben?

Ein einzelner Mann bemüht sich um die Toten. Hat er etwas mit diesem Gemetzel zu tun, dann werde ich ihn erschlagen. Ich springe vom Pferd, ziehe mein Schwert und will ihn angreifen.

»Hier hast du, und hier noch einen. Dass du dich wehrst, nützt dir nichts. Ich werde dich besiegen und töten.«

Der Angegriffene leistet tapfer Widerstand.

»Oh, deine wirkungsvolle Abwehr habe ich nicht erwartet. Du bist ein tüchtiger Kämpfer, aber ich werde dich bezwingen!«

Ich schlage ihm nach mühevollem Kampf das Schwert aus der Hand und setze ihm die Waffe an den Hals: »Bevor ich dich töte, sage mir, was ist hier passiert, wer bist du, gib Antwort.«

Am Boden liegend stottert der Besiegte: »Ich sah das Feuer und hörte Schlachtenlärm. Als die Horde abzog, habe ich geschaut, ob es Leben zu retten gibt. Es war jedoch ganz still, nichts rührte sich, und ich meinte, ich könnte vielleicht doch noch jemandem helfen.«

»Wer hat das hier verbrochen, hast du etwas gesehen?«

»Gewiss, als ich den Lärm hörte und die Flammen sah, habe ich aus einem heimlichen Versteck heraus beobachtet, dass Rutwart und seine Sippe Rheda über die armen und unvorbereiteten Leute herfielen. Ich konnte als Einzelner nicht eingreifen. Es wäre mein sicherer Tod gewesen und hätte niemandem geholfen. Das geht schon den ganzen Tag so. Zuletzt zogen die Halunken ein älteres unbewaffnetes Paar aus dem Haus, banden es Seite an Seite an einen Pfahl und verbrannten es bei lebendigem Leibe. Vorher stahlen sie alles aus den Gebäuden und luden es auf zwei Fuhrwerke, die mit Ochsen bespannt waren. Die Männer und eine wehrhafte Frau soffen Bier aus einem Fass, bis sie betrunken taumelten und die restlichen Langhäuser anzündeten. Sie brennen schon eine geraume Weile. Bitte, lass mich leben, mir selbst kann ich leider nicht helfen, denn ich bin in deiner Hand.«

»Woher weißt du, das es Rutwart und die Sippe Rheda war?«

»Ich kenne sie alle, sie haben mich mit Schimpf und Schande von ihren Höfen gejagt, nur weil ich nach einer ehrbaren Arbeit fragte.«

»Wer bist du, wo kommst du her?«

»Mein Vater nannte mich Bodo und ich stamme aus der Sippe Wiprecht. Wir sind arm. Ich muss meinen Lebensunterhalt selbst erwerben. Das versuche ich bei fremden Sippen. So kam ich auch hierher. Ich wollte sehen, ob es etwas zum Arbeiten gibt. Ich bin auch wehrhaft, ich kann kämpfen.«

»Das habe ich gemerkt.« Ich wäge seine Schilderung ab und meine: »Du bis ein guter Mann. Nun hilf mir, die Toten zu begraben.«

Wortlos bestatten wir die Erschlagenen. Ich verberge meine Tränen vor dem Fremdling. Er soll nicht wissen, dass die Unglücklichen meine Familie, Verwandte und Freunde sind. Besonders ergreift mich die Grablegung meiner Eltern, die bis auf die Knochen verbrannt sind. Eine nicht enden wollende Trauer befällt mich, alle Kräfte spanne ich an, mit Bodo zusammen die traurige Tätigkeit zu vollenden. Um Mitternacht nach vollbrachter Arbeit suche ich eine Unterkunft. Ich schaue umher, was vielleicht stehen geblieben ist und entdecke eine kleine Hütte, die wir uns als Kinder etwas abseits bauten. Sie steht noch. Dort können mein Hund Tarik und ich übernachten. Durch den Wind hereingewehtes Laub dient uns als Unterlage. Den Hengst entlasse ich abgesattelt auf die Koppel. Bodo darf sich ein Nachtlager in einer entfernten Trümmerecke herrichten.

Am nächsten Morgen ist Bodo zur Stelle und fragt, derweil wir von meinem Trockenfleisch den Hunger stillen: »Woher kommst du«?

»Ich bin ein Reisender aus dem Orient und wer bist du?«

»Ich wollte auf diesem Hof um Arbeit bitten. Meine Sippe ist arm.«

»Gut, das hast du schon berichtet, ich kann dich als Begleiter brauchen. Hast du ein Pferd?«

»Ja, eines lief während der Kampfhandlungen weg. Ich habe es eingefangen und versteckt. Es war sogar gesattelt. Dieses Schwert hing am Sattel.«

»Du kannst aber gut damit umgehen. Wer hat es dich gelehrt?«

»Es war mein Vater und später ein Freund. Er ist in unserer Sippe der Lehrer für den Waffengang.«

»Womit kämpft ihr außer mit dem Schwert?«

»Auch mit dem Speer, aber eigentlich nur mit dem Schwert. Wir haben einen Waffenschmied aus dem Norden. Der schmiedet die besten Schwerter. Er heißt Dankmar aus Dänemark. Er brachte besonders hartes Roheisen auf einem Muli mit.«

»Und ich weiß, wie man durch Falten, Schweißen und Schmieden besonders scharfe Schwerter und Messer daraus machen kann. Das habe ich in Damaskus geübt. Wir werden gelegentlich mehr darüber sprechen.«

Jetzt muss ich alles über dieses Verhängnis erfahren und wer das zu verantworten hat. Ich weiß, es waren Männer aus der Sippe Rheda, aber wer hat sie angestiftet? Ich denke, ich werde mich beim Herzog umsehen. Dort wird sicher mehr zu erfahren sein. Ich denke mir: »Nach mehr als zehn Jahren Abwesenheit wird man mich hier nicht wiedererkennen, denn mein Äußeres hat sich über diese Zeit verändert. Bodo fragt mich:

»Aber was trieb dich her, und warum kümmerst du dich um diese Menschen?«

»Ach, das ist eine lange Geschichte. Sie zu berichten würde ein ganzes Tagwerk dauern. So bedeutsam ist das jetzt nicht. Lass uns aufbrechen. Es gibt Wichtigeres zu tun.«

Wir reiten nun schon eine geraume Zeit durch die Wälder und nähern uns einem Landgut. Ich frage einige Männer, denen wir begegnen, wer hier wohnt.

»Hier lebt unser Herzog, sieht man das nicht?«

Aha, denke ich, unser Herzog Gaidemar aus der Sippe Kulau. Er bewohnt ein ansehnliches Landgut mit einem beeindruckenden Langhaus. Ich will sehen, ob ich mit Bodo in die Dienste dieses Herrn treten kann. Ich reite weiter und endecke eine Gruppe Schwertkämpfer. Da ist schon eine Gelegenheit, denke ich. Die Burschen lernen das Kämpfen mit dem Schwert. Ich will einmal sehen, ob sich einer traut, mit mir zu kämpfen.

Ich mische mich ein und rufe: »Hey, nicht schlecht, aber das könnte man doch noch viel besser machen. Es ist noch nicht gut genug.«

»Wer bist du denn, dass du dir so vorlaut ein Urteil erlaubst«, meint ein Kämpfer.

»Ich bin Wilbur aus dem Orient, möchtest du probieren, wie gut du bist?«

Da meldet sich der Lehrmeister. »Ich bin hier der Waffenmeister. Willst du gegen mich antreten. Mein Name ist Ludolf aus der Sippe Rheda.«

»Aha, einer von Rheda, na, dann komm, fechten wir es aus!«

Ich steige vom Pferd und werde mein Können beweisen. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie ein Mann, der wie ein eitler Pfau gekleidet ist, aus dem Haus heraustritt und auf der Veranda zuschaut. Nun muss ich mir Respekt verschaffen, dann klappt es mit einer Anstellung, denke ich. Ludolf zieht sein Schwert und fällt mich an.

»Ha, ganz schön mutig, aber schlecht platziert. Hier bekommst du deine Lektion.« Ich weiche geschickt zur Seite aus und schlage meinem Gegner mit dem flachen Schwert kräftig auf den Hintern. Die Zuschauer lachen. Ludolf ist wütend und macht einen gefährlichen Ausfall mit seiner Waffe. Ich weiche im letzten Moment aus, so dass mein Gegenüber das Gleichgewicht verliert und stolpert. Er fängt sich wieder. Ich werde nicht lange mit der Belehrung warten, denke ich. Jetzt holt Ludolf zum Stich mit der Waffe aus. Ich schlage sie ihm aus der Hand. Oh, ich bemerke nun plötzlich, der Mistkerl zieht seinen Dolch und meint es ernst. Ich bin gewarnt. Mein Gegner von der Sippe Rheda kämpft nicht ehrlich. »Ich kann dich auch mit dem Dolch abstechen, Wilbur aus dem Orient.«

»Wenn du mich abstechen willst, wird der Kampf aber ernst, willst du das?«

»Ja, auf Leben und Tod, komm her!«

»Haltet ein«, ruft da der feine Pinkel: »Ich bin Herzog Gaidemar aus der Sippe Kulau«. Er fragt mich:

»Wer bist du, und wo hast du so gut kämpfen gelernt?«

»Ich bin Wilbur aus dem Orient, Herr«.

»Dann komm herein und berichte mir, damit du meinem Waffenmeister nicht den Schädel einschlägst. Ich kann auf keinen meiner Männer verzichten.«

Ludolf sieht seinem Herrn wütend nach, gibt sich jedoch befriedet.

Ich folge dem feinen Hausherrn ins Langhaus.

»Sag, woher kommst du?«

»Aus dem Orient, ich wurde als Junge an einen römischen Offizier verkauft und der verbrachte sein halbes Leben mit mir in Syrien. Dort lernte ich auch die Lebensweise und das Kämpfen der Muslime kennen.«

»Du fichtst außergewöhnlich gut. Ich brauche einen neuen Schwertmeister. Den Letzten erschlugen die Wegelagerer hinterrücks im Runenwald. Traust du dir die Aufgabe zu? Du hättest die Ordnung aufrecht zu erhalten und müsstest dich hier auf dem Gut und draußen im Lande um unser Recht kümmern.«

»Oh, als Ordnungshüter, wie hoch ist die Bezahlung?«

»Du wirst zufrieden sein. Ich zahle in römischer Münze. Dein Pferd wird versorgt. Deine Waffen kann, wenn es nötig ist, unser Schmied in Ordnung bringen. Deine Unterkunft ist bequem. Du speist an meiner Tafel. Wie gefällt dir das?«

Ich überlege nicht lange. »Ich nehme dein Angebot an und verlange vierzig Aurii im Jahr«. Für mich überraschend nickt der Herzog zu-stimmend: »Anspruchslos bist du nicht, aber ich bin vorerst einverstanden.«

»Wo können mein Begleiter und ich wohnen?«

»Meine Tochter Eila wird dir und deinem Sklaven die Quartiere zeigen.« Unwirsch meine ich: »Er ist nicht mein Sklave, er ist mein Geselle.«

Der Herr macht eine herrschaftliche Handbewegung »Eila bitte.«

Sie gehorcht und ich bemerke, während ich ihr folge: Sie bewegt sich anmutig und ist von ausgezeichnetem Wuchs. Ich bewundere ihre langen goldblonden Haare.

Sie zeigt mir gewandt die Räumlichkeiten. »Hier ist dein Quartier. Deinen Gefolgsmann kannst du in der Kammer dort unterbringen, dann ist er immer gleich zur Stelle, wenn du ihn brauchst. Eure Pferde werden von unseren Stallburschen versorgt. Deine Bezahlung bekommst du beim Seneschall.«

»Ich danke dir.«

»Kann ich sonst noch etwas für euch tun?«

»Ja, woher bekommen wir Speise und Trank?«

»Wir essen abends, wenn die Glocke geläutet wird. Dein Geselle kann sich beim Gesinde stärken. Wenn du schmutzige Wäsche hast, gib sie den Waschweibern.«

»Ja, das werde ich befolgen und danke dir einstweilen.«

»Denke daran, jeden Abend mit meinem Vater zu sprechen. Er gibt dir dann die Befehle für den nächsten Tag.«

Ich schaue ihr versonnen nach.

Bodo kommt mit dem Gepäck und räumt alles in die Truhen. Zwei junge Küchenhilfen füllen heißes Wasser in einen hölzernen Bottich, der in einer getrennten Kammer steht. Hier gibt es auch einen Sitz mit einem Loch für die Notdurft. Ich denke: sehr bequem und alle Annehmlichkeiten bietend. Es gefällt mir hier. Schnell noch in den Zuber und die schlechten Gerüche vom Körper abgewaschen. Sogar Seife haben sie für mich besorgt.

Da höre ich die Glocke, die zum Essen ruft. Ich werde mich ankleiden, mit einem nicht aufdringlichen orientalischen Duft versehen und dem Rat Eilas folgen.

»Bodo du gehst zum Gesinde. Morgen früh weckst du mich. Besauf dich nicht, wir reisen wahrscheinlich morgen früh, weil ich spüre, dass hier Einiges nicht in Ordnung ist.«

In der großen Halle warten schon die Männer an einer großen Tafel. Sie tragen ihre Schwerter bei sich. Frauen sitzen etwas abseits. Kalte und warme Speisen werden von den Bediensteten aufgetischt.

Da kommt auch der Herzog mit seiner Tochter Eila. Sie führt die Hausschlüssel an ihrem Gürtel. Damit ist sie bei den Germanen als diejenige ausgezeichnet, welche im Hause das Sagen hat. Wo ist ein günstiger Platz für mich, denke ich?

»Wilbur, her zu mir an meine Seite. Ich werde dich vorstellen«, befiehlt der Herzog mit einer gebieterischen Handbewegung.

»Dieser hier ist der neue Schwertmeister Wilbur aus dem Orient. Unser Waffenmeister hat schon seine Erfahrung mit ihm gemacht.«

Die Männer lachen. Einige blicken mich freundlich an. Ich nicke zurück. Ich werde sie alle kennen lernen.

»Wilbur, wir haben Ärger mit einer aufsässigen Sippe von der Donau. Sie lebt auf einer Halbinsel im Nordosten. Die Weser macht dort eine Schleife. Die Anwesen des Stammes sind nur von einer Seite zu erreichen. Die drei anderen Flanken schützt der tiefe Wasserlauf. Sie haben ihre Befestigungen stark ausgebaut und sind wehrhaft. Sie wollen keine Abgaben entrichten. Mein Schatzmeister ist schon zweimal unverrichteter Dinge zurückgekommen. Wilbur, reite dorthin und setze meinen Willen durch. Ich gebe dir eine Hand voll Männer mit. Die müssen reichen.«

»Wie hoch ist der Zins, den sie dir schulden?«

»Mein Einnehmer ist informiert und begleitet dich. Notfalls brennt alles nieder. Ich dulde keinen Ungehorsam.«

»Bedenkt Herr, wenn das Dorf niedergebrannt ist, gibt es niemanden mehr, der die Abgaben bezahlt. Wir wollen erst einmal hören, warum sie ihr Scherflein nicht entrichten wollen.«

»Ich kenne keine Gnade. Geh mit harter Hand vor.«

Ich wiege den Kopf hin und her und denke. Was ist das für ein Wüstling, so bekommt er nie seine Abgaben. Wie will er seine Männer und mich denn bezahlen?

Eila beschwichtigt den Herzog.

»Lieber Vater, wir wollen doch erst einmal Wilburs Verhandlungsgeschick einer Prüfung unterziehen, dann können wir immer noch draufhauen, wie du es gerne möchtest.«

»Du bist wie immer klug mein Kind. Wilbur mach mir einen Vorschlag, wie du die Angelegenheit durchsetzen willst.«

»Lasst mich mit Bodo erst einmal allein nachschauen. Wenn wir gleich mit einer Streitmacht erscheinen, gibt es nur Ärger. Wir hätten dann einen fragwürdigen Erfolg, aber würden unter Umständen kein Geld mitbringen. Ich werde alles auskundschaften und mich am Ende in eurem Sinne durchsetzen.«

»Mir geht das gegen den Strich, aber meine Tochter hat Recht. Wir wollen nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand. Ich gebe dir zwölf Tage Zeit, den Fall zu lösen.«

Mal sehen, was dabei herauskommt, denke ich und freue mich, dass Eila meine Vorgehensweise gut findet.

»Ich breche morgen früh auf.«

Mein Nebenmann stupst mich an und meint: »Du must Härte zeigen, sonst mag dich der Herzog nicht.«

Ich nicke zustimmend und lasse mir derweil den Schweinebraten schmecken. Meine Nachbarn schauen neugierig zu, wie ich mein Fleischstück würze. Eila lächelt und fragt: »Was ist das für ein Behältnis und was streust du auf die Speisen?«

»Ich würze meine Mahlzeiten mit getrockneten Kräutern. Das habe ich im Orient gelernt. Wollt ihr etwas probieren?«

»Was für Kräuter sind das? Sind sie giftig?«

»Nein, giftig ist das Gewürz nicht. Es ist eine Mischung aus Pfeffer, Ingwer, Salbei, Thymian, Knoblauch, Sternanis und Salz, probiere bitte.«

Alle Anwesende essen mit den Fingern. Ich habe im Orient gelernt, mit Messer und Gabel zu essen. Ich schneide ein kleines Stück vom Braten ab und würze es.

Sie probiert lange. Ihr Gesicht erhellt sich plötzlich. »Ja, es schmeckt ungewöhnlich, jedoch vortrefflich. Ich könnte mich daran gewöhnen. Der Geschmack des Fleisches wird hervorgehoben und die Speisen sind nicht so fade. Kannst du mir etwas von deinem Vorrat abgeben?«

»Gern, ich will dir eine Streubüchse herrichten. Morgen hast du sie.«

»Vielen Dank, du bist großzügig.«

Als wir mit dem Essen fertig sind, bemerke ich, dass Ludolf mit dem Herzog flüstert. Dieser schaut zu mir und grinst nickend. Ich muss wachsam sein, der Waffenmeister ist mir nicht wohlgesonnen. Ich habe ihn dem Gelächter der Umstehenden ausgesetzt. Das war nicht klug.

Die Männer beginnen, sich zu betrinken. Weil ich neu in ihrem Kreis bin, werden sie versuchen, mich unter den Tisch zu zechen. Wir wollen sehen, wer zuerst im Rausch unter die Tafel sinkt. Es fängt schon an. Der Herzog trinkt mir zu. In diesem Fall ist es üblich, sein Trinkhorn zu leeren. Man muss es in der Hand halten, weil das Horn keinen Fuß zum Abstellen hat. Man ist so genötigt, immer auszutrinken. Glücklicherweise habe ich zwischen dem Essen und dem Trinkgelage einen ordentlichen Schluck vom feinsten Olivenöl genommen. Ich habe erfahren, dass mich dann der Trunk nicht so leicht verwirrt. Zwischendurch verlasse ich zudem die Tafel, um mich wie die Römer mit Hilfe einer Feder auch einmal vom Bier in meinem Magen zu befreien. Jetzt ergreift Ludolf die Gelegenheit, indem er mir einen großen Becher Honigmet reichen lässt. Einen Trinkspruch hat er auch bei der Hand.

»Unserem neuen Schwertmeister widmen wir diesen ausgezeichneten Becher, lass ihn dir schmecken.«

Vorsorglich habe ich eine Schankmaid gebeten, auch einen Metbecher vorzubereiten, den sie auf meinen Wink dem Waffenmeister in die Hand drückt. Ich nehme das Gefäß zur Hand und antworte: »Ich danke dir und freue mich, dich mit der gleichen Aufmerksamkeit ehren zu können, wohl bekomm´s.«

Ludolf erhebt sich und leert den Becher in einem Zuge. Ich habe derweil meinen Becher heimlich ein wenig unter dem Tisch geleichtert. Niemand hat es bemerkt. Auch ich erhebe mich und trinke unter dem Applaus der Zechbrüder. Die Stimmung wird rauer. Die ersten Zechkumpane trennen sich bereits von der Tafel. Eila und die anderen Frauen verließen schon früher die Halle. Das Getränk trübt die Aufmerksamkeit der Zechbrüder. Auch verlöschen die ersten Kienspäne an den Wänden. Es wird dunkler. Meine Bier- und Metlache unter meinem Tisch bleibt unbemerkt, weil die Flüssigkeit vom feinen Sand auf dem Boden aufgesaugt wird.

Immer mehr Saufbolde verlassen berauscht die Tafel. Ich achte darauf, der Letzte zu sein. Sogar der Herzog ist auf seinem Sessel eingeschlafen. Es dauert bis weit nach Mitternacht, bis bierselige Ruhe im Langhaus eintritt. Ludolf sinkt trunken unter die Tafel. Die Schankmädchen räumen ab und nicken mir zu. Ich bin stolz, dass ich zwar etwas schwankend, aber aufrecht die Tafelrunde als Letzter verlasse. In meiner Unterkunft ruhe ich aus. Bodo wird mich in der Frühe wecken. Ich will der Erste beim Essen sein.

Am Morgen erfüllt sich meine Befürchtung: So schwer wie heute ist mir das Aufstehen noch nie gefallen. Ein kalter Guss macht mich jedoch wach. Die Qualen im Kopf halten sich in Grenzen. Als ich in die Halle komme, empfangen mich Eila und die Frauen der Untergebenen mit anerkennenden Blicken. Es hat sich herumgesprochen, dass ich bis zuletzt trinkfest ausgehalten habe. Allerdings wird die Metpfütze unter meinem Platz nicht ganz unbemerkt bleiben. Verraten wurde ich jedoch nicht. Sie freuen sich, dass ich mich erhoben habe, obwohl die Nacht für Alle kurz war.

Im Backhaus am Anbau, ein aus Steinen bestehendes Gewölbe, brennt schon seit Stunden ein Holzfeuer, welches das Gemäuer so heiß gemacht hat, dass darin Brot gebacken werden kann. Frisches, dunkles Sauerteichbrot mit Kümmel und mancherlei Leckereien verbreiten appetitlichen Duft. Ich setze mich an die Tafel für das Morgenessen. Aus einer eisernen Pfanne bringen die Küchenmeisterinen gebratenen Speck und Eier. Aus Erfahrung weiß ich, dass das Gesinde und auch die übrigen Sippenmitglieder nicht so festlich schmausen können.

Ich lasse mich dann mit Verpflegung für meine Reise versorgen. An die Streudose mit Gewürzen für Eila habe ich gedacht. Auch getrockneten Knoblauch gab ich hinzu, nachdem ich ihn mit dem Mörser in Pulver verwandelte. Sie dankt mir und wünscht uns eine gute und erfolgreiche Reise.

Die Pferde wurden gefüttert, geputzt und aufgesattelt. In die Satteltaschen verstauen wir Nahrung für Mensch und Hafer für die Tiere. Mein Wolfshund bekommt seine Portion aus der Küche. Er sieht zwar furchterregend aus, hat aber durch sein braves Wesen die Leute für sich eingenommen.

Der Schatzmeister, der die Gegend kennt, führt uns. Er ist auf der Reise schweigsam und schwer zu durchschauen. Bodo und ich halten uns mit unserer Unterhaltung bei Fremden vorsichtig zurück. Niemand soll merken, mit welcher Absicht wir unterwegs sind. Vielleicht ahnt Bodo etwas, aber was mich betrifft, verrate ich nichts.

Wir sind schon einige Tage auf der Reise, und Bodo hat sich zu meiner vollsten Zufriedenheit entwickelt. Er ist mit allen anfallenden Arbeiten bestens vertraut. Nur bei Regen fällt es ihm schwer, Feuer zu machen. Ich habe ihm gezeigt, dass es mit Birkenrinde am besten geht. Das Regenwetter ist für mich nicht von Bedeutung, weil ich gut geölte Lederumhänge zur Verfügung habe. Meine Kleider aus Elchleder halten warm und trocknen schnell. Ich trage einen silbernen Helm, der innen mit weichem Stoff ausgeschlagen ist. Außen gibt es eine Rille, die den Regen nach der Seite ablaufen lässt. Diese Kopfbedeckung hat einmal einem arabischen Fürsten gehört. Er schenkte sie mir, als ich ihn besiegte und ihm das Leben ließ. Ich war zunächst sehr erstaunt, da ich diese Art der Dankbarkeit nicht kannte. Er war gebildeter, als ich es vermutete. Er nahm mich mit nach Damaskus in seinen Palast. Wir wurden enge Freunde. Dort lernte ich nicht nur die Kultur der Muselmanen und die arabische Sprache, sondern bei seinem Waffenschmied auch das Damaszieren von Klingen bis hin zu Schwertern kennen. Sie werden im Schmiedefeuer weißglühend gemacht. Kurz vor der Metallschmelze faltet man sie fast weisglühend und schmiedet sie, nachdem man die Schlacke entfernte, zusammen. Diesen Vorgang wiederholt man bis zu dreissig mal. Ursprünglich handelt es sich dabei um zwei verschieden harte Metalle, die am Schluss zu einer Mischung durch Schmieden vereinigt werden. Durch das Glühen und Schmieden verliert das Metall einen Teil des weichen Eisens und härtet aus, nachdem man es im Wasser abschreckt.

Am Abend des vierten Reisetages kommen wir in die Nähe der Siedlung, die wir aufsuchen sollen. Ich verabrede mit meinen Weggefährten, dass ich alleine ins Dorf reite und sie am nächsten Tag nachkommen lasse. So kann ich den Besuch gebührend vorbereiten, ohne dass er als Gefahr oder gar wie ein Angriff wahrgenommen wird.

Ich reite bis zur Befestigung und dem Tor, welches offen steht. Ein Bewaffneter hält davor mit einem Speer Wache. Er stellt sich mir in den Weg und fragt, was ich zu dieser Zeit in seinem Dorf erledigen wolle.

»Zu deinem Herrn will ich, ihm eine wichtige Botschaft bringen.«

Er mustert mich von oben bis unten und nickt dann zustimmend, indem er einem anderen Wächter zuwinkt, mich zu geleiten. Ich werde in ein Langhaus geführt und dem Sippenherrn als Träger einer Botschaft vorgestellt. Nun ist es an mir, mich vorzustellen, und meinen Auftrag vorzutragen.

Auf der Reise dachte ich lange nach, ob ich gleich mit der Tür ins Haus fallen, oder erst vorsichtig Schwindeln solle. Ich entscheide mich für die Wahrheit.

»Ich bin Wilbur aus dem Orient und Schwertmeister des Herzogs Gaidemar. Er sendet mich zu euch, um herauszufinden, warum ihr euren Zehnt nicht abliefern wollt, wie es das Gesetz in diesem Land verlangt.«

Die Anwesenden unterbrechen ihre Gespräche. Es wird mucksmäuschen still in der Halle.

»Ich bin Abelhart von Katzenstein und führe diese Sippe. Wir sind erst seit kurzer Zeit hier ansässig. Es haben sich einst Geldeintreiber gemeldet, die behaupteten, sie müssten von uns Geld verlangen. Die haben wir aber nicht ernst genommen, weil sie sich wie Räuber benahmen. Wir schickten sie unverrichteter Dinge aus unserer Siedlung hinaus.«

»Haben die sich nicht ausgewiesen?«

»Nein, sie meinten, wir müssten Abgaben entrichten. Sie behaupteten, es sei für unseren Schutz in diesem Land.«

»So ist es«, antwortete ich, »der Herzog garantiert euch Schutz gegen Jedermann und gegen kriegerische Horden. Dafür braucht er Geld und im Kriegsfall einen Teil eurer Kämpfer.«

»Wir sind eine wehrhafte Sippe und können uns selbst schützen.«

»Woher kommt ihr? Wo habt ihr vorher gewohnt?«

Wir sind von der Donau hier heraufgezogen. Diese Flussschleife erschien uns passend für unser neues Dorf. Wir haben alles befestigt. Das hat viel Mühe und Geld gekostet, und niemand hat uns dabei geholfen, auch euer Herzog nicht.«

»Ihr lebt hier auf dem Land des Herzogs Gaidemar. Habt ihr dazu die Erlaubnis erhalten?«

»Nein, auf die Idee, um Erlaubnis zum Siedeln zu fragen, sind wir nicht gekommen.«

»Wäret ihr bereit eure Abgabe zu entrichten?«

»Das kommt darauf an, ob wir dann die Erlaubnis zum Siedeln erhalten, welche Garantien zum Schutz euer Herzog uns verspricht und wie hoch die Abgabe bemessen wird«.

»Na, die Erlaubnis und die Schutzgarantien würden im Zusammenhang mit dem Zehnten erteilt.«

»Ich werde mich mit meinen Männern beraten und eine Nacht darüber schlafen. Du wirst hier beköstigt und man wird dir eine Kammer zum Übernachten zuweisen.«

»Ich danke dir für die Gastfreundschaft.«

»Während des Essens würde ich gerne Näheres über die Gegend, aus der ihr kommt, erfahren.«

»Dann setz dich zu mir an die Tafel und sei mein Gast. Derweil werde ich dir von unserer Sippe und unserer Herkunft berichten«.

»Das Angebot nehme ich gern an, weil ich den Frieden bewahren möchte.«

Abelhart erzählt: »Es ist ein unruhiges Land an der Donau. Wir wurden zu oft von durchziehenden Horden aus dem Osten überfallen. Regelmäßig verloren wir unsere Ernten. Wir litten im Winter Hunger und haben uns entschlossen, das Land zu verlassen und in einer ruhigen Gegend neu zu siedeln. Wir fanden dieses Land, das mit undurchdringlichem Wald bewachsen und wenig besiedelt war. Hier ist alles vortrefflich. Wir trafen keine Bewohner an und sind froh, einen so guten Platz gefunden zu haben. Er ist leicht zu verteidigen, hat fruchtbaren Boden und ist vom Wetter nicht benachteiligt. Der Wald beherbergt genug Wild und im Fluss schwimmen reichlich Fische. Wir werden hierbleiben. Aber du kommst aus dem Orient? Das ist ein Land, von dem wir nur hörten, dass es dort heiß und öde sein soll. Erzähl uns, wie es sich dort leben lässt.«

»Nun, ich wurde als Kind an einen Römer verkauft und landete mit ihm in Syrien. Das Land liegt hinter dem großen Meer bei den Sarazenen. Dort lernte ich Land und Leute kennen, und wie sie kämpfen. Mir blieb das Waffenschmieden nicht verborgen. Wie man die Speisen mit tausend wunderbaren Pflanzen und Früchten würzt, lernte ich auch. Ursprünglich stamme ich aus dieser Gegend hier. Ich habe aber alle Sippenangehörigen verloren. Mein Herr ernannte mich zu seinem Schwertmeister. Ich habe die Ordnungsgewalt im Land und möchte keine Auseinandersetzungen, denn das Ergebnis ist immer Krieg und ein Nachteil für Jedermann.«

»Ich gebe dir Recht. Wir bevorzugen Frieden und gute Nachbarschaft, wenn es zu einem gerechten Ausgleich kommt.«

»Ich ließ meinen Knappen und einen Geldeintreiber vor der Siedlung. Morgen werde ich sie holen, dann können wir die Angelegenheiten verhandeln.«

»Gut, dann auf morgen. Schau dich noch ein wenig in unserem Dorf um«.

»Ich bin von der Reise müde und werde mich zum Schlafen zurückziehen.«

»Dann gute Nacht und ruhe gut.«

Das Dorf liegt an einem Platz, der sehr gut ausgewählt wurde. Es ist ausreichend fruchtbares Land, auch jenseits des Flusses, vorhanden. Innerhalb der Inselzunge wird gesiedelt. Auch bei Belagerung bleibt das Dorf überlebensfähig und wurde geschickterweise an der schmalsten Stelle der Siedlungshalbinsel durch Holzpalisaden befestigt. Dort befindet sich auch das Eingangstor, als einziger, stark verteidigter Zugang, durch das ich geritten bin.

Meinen Hengst besuche ich noch vor der Nachtruhe im Pferdestall und treffe den Stallmeister an. »Ein prachtvolles Pferd reitest du da. Es stammt nicht von hier. Hält es zwei Tagesritte durch, es sieht so feingliedrig aus.«

»Oh, täusche dich nicht, mit diesem Araberhengst reite ich jedes hiesige Pferd in Grund und Boden, denn es ist zäh und stammt aus einer kargen Gegend. Diese Rasse ist ausdauernd, schnell, genügsam, umgänglich und nicht kleinzukriegen. Dabei sieht es edel aus und eignet sich für die Kreuzung mit hiesigen Rassen. Hast du ihm genug Hafer gegeben?«

»Ja Herr, auch von unserem guten Heu habe ich ihm die Raufe gefüllt.«

»Dann, gute Nacht.«

Die Kammer, die man mir zuweist, ist klein aber sauber. Eine Lagerstatt mit einem Fell dient mir als Schlafstelle. Mein Wolfshund Tarik legt sich immer vor die Tür und bewacht mich.

Gestärkt wache ich am nächsten Morgen auf. Im Langhaus bin ich einer der Ersten mit dem Morgenessen. Auf der Tafel steht Brot aus Roggenmehl Weizen und Dinkel. Eine Küchenmaid schneidet geschickt dünne Scheiben von einem geräucherten Schinken ab. Es gibt Milch, Bier und Honigmet zu trinken. Nun kommt auch Abelhart, der Sippenführer hinzu und setzt sich auf seinen besonders hervorgehobenen Platz in der Mitte der Tafel.

»Wie hast du geruht?«

»Es war sehr bequem, und es hat mir an Nichts gefehlt, ich danke dir.«

»Nun, wir haben uns beraten und sind bereit, deinem Herzog Abgaben zu entrichten.«

»Es ist auch euer Herzog, vergesst das nicht.«

»Sicher, aber wir erwarten eine verbindliche Zusage, in der uns das Siedeln in diesem Gebiet erlaubt wird. Auch die Summe der jährlichen Beträge soll benannt werden. Zum nächsten Thing werden wir eine Abordnung entsenden, um uns die Bestätigung abzuholen.«

»Gut, einverstanden, jetzt müssen wir nur noch die Art und Höhe der Abgabe verhandeln.«

»Seid ihr ermächtigt, mit uns die Summe zu bereden?«

»Ja, ich nahm unseren Einnehmer mit. Ich werde ihn holen.«

»Wir erwarten euch dann.«

Ich mache mich gleich auf, reite los und treffe meine Begleiter vor dem Tor. Vorsorglich spreche ich mich mit dem Gebühreneintreiber Hakon ab. Die Summe, die mir der Mann nennt, erscheint mir viel zu hoch.

»Gerecht ist der zehnte Teil einer Summe, die die Sippe pro Jahr erwirtschaftet. Wie kommst du auf so einen unmäßigen Betrag?«

»Ich bin der Geldeintreiber und bestimme die Höhe selbst.«

»Hakon, wenn du so viel verlangst, bekommst du nichts.«