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Der Geschmack der späten Rache ist der zweite Fall des Kommissars Vincent van Dijk und seinen Kollegen.
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Krimi lustig und humorvoll,junger Kommissar,Familie,Giftmord,Private Ermittlung
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Buch
Der junge Kriminalkommissar Vincent van Dijk und seine erfahrenen Kollegen Wolfgang Semmelmeier und Fabian Fehrenkötter ermitteln gemeinsam in ihrem zweiten Fall.
Bei Bauarbeiten auf dem Gelände eines Seniorenheims wird ein Skelett gefunden, und gleichzeitig kommt es im gleichen Heim zu mehreren plötzlichen Todesfällen. Vincents Tante Marlies wittert sofort ein Verbrechen und mischt sich in die Ermittlungen ein.
Autorin
Miriam Walkenbach ist Geographin, freie Redakteurin und Lektorin und lebt mit ihrer Familie in Olpe.
„Ilvy, Vincent, da seid ihr ja!“ Kaum war ich aus dem Auto gestiegen und hatte den Schlüssel aus der Hosentasche gefischt, riss meine Tante die Haustür auf und kam uns freudestrahlend durch den Garten entgegengelaufen, ihre kurzen grauen Haare standen wie immer ungestüm vom Kopf ab. Ich breitete die Arme aus, um sie zu begrüßen, aber sie lief lachend an mir vorbei und fiel meiner Freundin Ilvy um den Hals. Ich freute mich, dass sich die beiden so gut verstanden und Ilvy nach unserer Versöhnung hier wohnen konnte, bis wir eine gemeinsame Wohnung fanden, aber mich deshalb komplett zu ignorieren, war schon frech. Ich ließ den beiden ihre Wiedersehensfreude und begann, die ersten Möbelstücke vom Anhänger zu hieven.
Ilvy hatte ihre Stelle als Altenpflegerin gekündigt und würde nun hier im nahegelegenen Seniorenheim anfangen. Schließlich kam Marlies auch zu mir und umarmte mich innig, was lustig aussehen musste, da ich sie mit meinen 1,90 m um Längen überragte.
„Wie war die Fahrt? Habt ihr Hunger?“ Essen war für Marlies ein ganz zentraler Bestandteil in ihrem Leben geworden, beim Kochen zu experimentieren und immer wieder Neues auszuprobieren, was sie sich erst nach dem Tod ihres Mannes vor gut einem Jahr zugestand. „Kein Stau, kaum Baustellen, alles bestens. Ich bin aber vor allem froh, dass wir trocken durchgekommen sind“, antwortete ich mit Blick gen Himmel, wo sich dicke schwarze Wolken auftürmten und ein Sommergewitter ankündigten.
„Lasst uns schnell ausladen, bevor es anfängt zu regnen. Und ja, Hunger hätte ich auch“, fügte ich hinzu, „sollen wir was bestellen?“ „Nein, nein. Da ich nicht wusste, wann ihr kommt, hab ich Sushi vorbereitet, das kann ja nicht kalt werden“, antwortete Marlies, schnappte sich einen Koffer von der Rückbank und ging ins Haus. Ilvy schaute mich verdutzt an, weil ich ihr erzählt hatte, dass Marlies für ihren Mann jahrzehntelang nur deftige Hausmannskost gekocht hatte, aber ich wunderte mich schon lange nicht mehr über meine Tante und zuckte mit den Schultern. „Sag ich doch, Marlies ist immer für Überraschungen gut!“
Zu dritt schafften wir es, alle Möbel, Taschen und Koffer ins Haus zu räumen, bevor das Unwetter über uns hereinbrach.
Drinnen empfing uns eine heimelige Atmosphäre. Der Tisch in der Küche war schon gedeckt, und wir räumten schnell die ersten Koffer ins Schlafzimmer im ersten Stock, damit sich nicht alles im Flur stapelte, und machten uns kurz frisch, bevor wir uns zum Essen hinsetzten. Ilvy strahlte, als sie sich umblickte. „Es fühlt sich schon wie Zuhause an“, sagte sie und legte sich ein Sushi Maki auf den Teller. Es tat gut, zu sehen, dass Ilvy sich hier wohlfühlte.
„Und dazu einen feinen Sencha-Tee.“ Marlies goss dampfenden Tee in kleine Tassen und reichte sie uns.
„Das sieht fantastisch aus, Marlies“, schwärmte Ilvy und trank einen Schluck Tee. „Ich bin wirklich beeindruckt.
Woher kannst du das alles?“
„Oh, das ist eine Geschichte für sich“, antwortete Marlies und nahm neben ihr Platz.
„Nach dem Tod von Alois habe ich mir gesagt, dass es an der Zeit ist, Neues auszuprobieren. Ich wollte herausfinden, was die Küche außer der deutschen Hausmannskost noch zu bieten hat.“ Ich nickte. Ich wusste, dass sie ihre eigene Art besaß, mit dem Tod ihres Mannes umzugehen, aber sie hatte es geschafft, die plötzliche Leere und die Veränderung ihres Alltags in etwas Produktives und Positives zu wandeln, und das bewunderte ich.
„Das war bestimmt nicht immer einfach für dich“, meinte Ilvy, „aber ich finde es toll, dass du so weltoffen und neugierig bist und dich traust, neue Dinge anzupacken!“ Marlies winkte ab. „Manchmal hilft es einfach, einen Schritt zurückzutreten und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten“, meinte sie. „Außerdem sind deine neue Stelle und dein Umzug ja auch nichts anderes als ein Neuanfang, oder?“
Ein greller Blitz ließ uns zusammenzucken, der Regen prasselte nun laut gegen die Fensterscheiben. „Ich bin so froh, dass ihr beiden euch wieder versöhnt habt und du nun hierherziehst, Ilvy“, sagte Marlies und drückte ihre Hand. „Du bist hier immer willkommen.“ „Danke, Marlies“, entgegnete Ilvy gerührt, bevor ein lautes Donnergrollen den Rest des Satzes verschluckte.
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Am nächsten Morgen fuhr ich früh mit dem Rad ins Präsidium, der Regen hatte sich verzogen und es schien ein schöner Sommertag zu werden.
Im Polizeipräsidium war ich durch den spektakulären Fall in der Geisterbahn kurz nach meinem Amtsantritt bekannt wie ein bunter Hund und kam nach den anfänglichen Schwierigkeiten auch mit meinem älteren Kollegen Wolfgang klar. Nur mit meinem Vorgesetzten, Kriminalrat Helmut Gnädinger, hatte ich nach wie vor meine Schwierigkeiten. Aber wie ich feststellen musste, konnten auch viele Kolleginnen und Kollegen nur schwer mit seiner überheblichen Art umgehen, was mir die Sache wiederum erleichterte.
An der Situation in unserem Büro hatte sich leider auch nichts geändert: Nach wie vor saßen Fabian Fehrenkötter, der mit Anfang dreißig nur ein paar Jahre älter war als ich, unser Dienstältester Wolfgang Semmelmeier und ich auf engstem Raum in einem Büro.
Wir lasen uns gerade in einen Cold Case ein, als das Schrillen des Telefons auf Fabians Schreibtisch uns aus den Gedanken riss. „Ja, ja, verstehe, ja, sofort“, war alles, was mein Kollege sagte, bevor er den Anruf wegdrückte, aufstand und zu seiner Jacke griff. „Auf geht´s, wir haben einen Toten!“ Ich sprang auf, warf mir meinen Rucksack über die Schulter, nahm die Jacke vom Haken hinter der Tür und folgte den beiden mit schnellen Schritten.
Drei Minuten später saßen wir in Fabians Passat, und er gab in knappen Sätzen wieder, was der Kriminalrat am Telefon gesagt hatte. „Das Altenheim am Stadtrand soll erweitert werden.“ „Ja, genau, die Genehmigung dafür hat Jahre gedauert“, unterbrach Wolfgang ihn. „Kann sein, das weiß ich nicht. Auf jeden Fall wurde heute mit den Ausschachtungsarbeiten begonnen und dabei eine Leiche gefunden. Die Spusi ist schon da.“
Hundert Fragen flogen mir durch den Kopf, aber bei Fabians Fahrstil musste ich mich darauf konzentrieren, mich auf der Rückbank festzuhalten. Als wir vor einer roten Ampel halten mussten, kramte Wolfgang das mobile Blaulicht aus dem Handschuhfach, fuhr die Scheibe herunter und befestigte die Leuchte auf dem Dach. „Los geht´s!“ Das jungenhafte Grinsen in Wolfgangs Gesicht, als Fabian das Gaspedal durchtrat, bestätigte meinen Verdacht: Die beiden hatten einfach riesigen Spaß daran, mit Blaulicht die anderen Verkehrsteilnehmer aus dem Weg zu drängen. Bei einem Leichenfund war ja tatsächlich keine Eile geboten, zumal die Spurensicherung schon vor Ort war. Kurze Zeit später stoppte Fabian den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Seniorenheim.
„Seniorenresidenz Schöne Aussicht“ stand in großen Buchstaben über dem Eingang. Eigenwilliger Humor war mein erster Gedanke, immerhin stand da nicht „Schöne Aussichten“. Zügig gingen wir zum hinteren Teil des zweigeschossigen Gebäudes. Vor uns lag ein riesiges unbebautes Gelände, das auf der linken Seite von einer Neubausiedlung begrenzt und auf den anderen Seiten von Wald umgeben war.
Nachdem wir dem uniformierten Kollegen unsere Ausweise gezeigt hatten, hielt er das Absperrband hoch, damit wir darunter hergehen konnten. Auf einem großen Stein am Rand der Baustelle saß ein Arbeiter, der verstört auf seinen Bauhelm starrte, den er in den Händen hielt. Neben ihm stand eine Kollegin von der Spurensicherung, die uns dankbar herbeiwinkte, als sie uns kommen sah.
„Guten Morgen! Sarah Hutmacher, ich bin die Neue in der Rechtsmedizin. Ihr müsst die drei von der Kripo sein.“ Wir reichten ihr die Hand und stellten uns vor. „Das ist Herr Markgraf, er fährt den Bagger auf der Baustelle hier und ist quasi auf die Leiche gestoßen.“ Mit einem Blick auf den Mann, der mit gesenktem Kopf da saß, fuhr sie fort: „Könntet ihr vielleicht die Polizeipsychologin anrufen? Ich glaube, die könnten wir jetzt gut gebrauchen.“ Fabian nickte, griff zu seinem Smartphone, und die Rechtsmedizinerin begab sich wieder zum Fundort der Leiche.
„Kann ich jetzt gehen?“ Der Arbeiter stand langsam auf und wandte sich zum Gehen. „Ich bringe Sie hier raus, aber Sie müssten uns noch einen Augenblick für ein paar Fragen zur Verfügung stehen“, antwortete Wolfgang und geleitete den Arbeiter hinter das Absperrband, wo sich weitere Bauarbeiter und mittlerweile einige Schaulustige aus dem Seniorenheim versammelt hatten. Wolfgang ließ ihm etwas zu trinken bringen und nahm seine Personalien auf, soweit ich das aus der Ferne erkennen konnte. Als er wieder zu uns stieß, hatte Fabian das Telefonat beendet, und wir begaben uns so nah zum Fundort der Leiche, wie es die Arbeiten der Spurensicherung zuließen. Da ich noch nicht viele Leichen gesehen hatte, war ich auf das Schlimmste gefasst. Doch der Anblick war eher überraschend, wenn auch nicht weniger grauenvoll: Vor uns lag ein Skelett. Es fehlte die linke Hand.
Ich schluckte und schaute zu Fabian, von dem ich wusste, dass die Leichenbeschau auch nicht zu seinen liebsten Tätigkeiten zählte. Ihm stand der Schreck ins Gesicht geschrieben und er wendete sich ab. Sarah Hutmacher kam auf uns zu und nahm uns beiseite. „Soll ich euch kurz berichten, was passiert ist oder wisst ihr schon Bescheid?“ „Wir wissen so gut wie nichts“, antwortete Fabian, „was kannst du uns denn schon sagen?“
„Also, Herr Markgraf hatte den Auftrag, hier auszuschachten und ist dann mit der Baggerschaufel auf das Skelett gestoßen. Wir haben es noch nicht ganz freigelegt, was ich aber schon sagen kann, ist, dass es sich sehr wahrscheinlich um eine männliche erwachsene Person handelt, die hier seit mindestens fünfzehn Jahren liegt. Genaueres kann euch Thorsten in den nächsten Tagen sagen, wenn er den Toten in der Rechtsmedizin untersucht hat.“ Sie zeigte mit dem linken Daumen über die Schulter, wo Thorsten Baumann mit zwei anderen Kollegen auf dem Boden kniend dabei war, das Skelett weiter freizulegen. Den Rechtsmediziner hatte ich bei meinem ersten Fall kennengelernt. Er war wirklich ein netter Typ, wenn auch in meinen Augen etwas abgebrüht, aber vermutlich war das eine Art Berufskrankheit, um mit Tod und Leid umzugehen. „Und wo ist die linke Hand des Toten?“, fragte ich.
„Die liegt schon vorn im Zelt, ein Finger fehlt allerdings.“ Sarah deutete auf einen kleinen Pavillon, der hier eher als Sichtschutz vor den neugierigen Blicken der umstehenden Leute denn als Schutz vor Regen diente.
„Der Baggerfahrer hat die Hand versehentlich mit der Schaufel abgetrennt und sie mit der Erde auf den Lkw dahinten geworfen. Da ist sie dem Fahrer aufgefallen und er hat dann Alarm geschlagen.“ „Wo ist der Lkw-Fahrer jetzt?“, wollte Fabian wissen. Die Kollegin schaute sich suchend um und zeigte schließlich auf einen jungen Mann mit einem Mikrofon, der sich hinter der Absperrung aufhielt. „Der scheint schon sein erstes Interview zu geben.“ „Shit!“, zischte Fabian und jagte los.
„Danke fürs Erste!“ Wolfgang packte mich an der Schulter und wir eilten Fabian hinterher. Dort angekommen, nahm er sich einen der Polizeibeamten in Uniform vor. „Wie kann es sein, dass hier schon Pressefuzzis auftauchen, während der Tote noch da liegt? Und dass wichtige Zeugen der Presse Interviews geben, bevor wir mit ihnen gesprochen haben?“ Wolfgang zischte die Worte nur, was sein Auftreten noch bedrohlicher machte, als wäre seine imposante Körperfülle nicht schon beeindruckend genug. Sein Gesicht hatte eine ungesunde dunkelrote Farbe angenommen. Der junge Polizeibeamte zog den Kopf zwischen die Schultern und stotterte eine fadenscheinige Ausrede. Die bekam ich nur noch zur Hälfte mit, weil Fabian den Zeitungsreporter lautstark zur Schnecke machte und meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. In all dem Getümmel sah ich, dass der Lkw-Fahrer unauffällig verschwinden wollte, und rannte ihm hinterher. Ich erreichte ihn, als er auf dem Parkplatz vor dem Gebäude angekommen war und sein Smartphone aus der Hosentasche kramte. „Warten Sie“, ich schnitt ihm den Weg ab und hielt ihm meinen Dienstausweis unter die Nase. „Van Dijk, Kripo. Sind Sie der Fahrer des Lkws, der heute Morgen die Hand des Toten entdeckt hat?“ Der Mann blickte mich erschrocken an. „Kripo?“ „Ja, wir müssen bei ungeklärten Todesfällen ermitteln und Sie sind gerade unser wichtigster Zeuge.“ „Zeuge? Ah, okay.“ Das Gesicht des Lkw-Fahrers entspannte sich wieder, und er holte seinen Ausweis hervor, nachdem ich ihn darum gebeten hatte. „Kommen Sie, wir setzen uns kurz da vorne auf die Bank.“ Ich deutete auf eine freie, grün gestrichene Holzbank in dem angrenzenden Park, der zum Seniorenheim gehörte.
Zehn Minuten später hatte Manfred Brandt mir den gesamten Ablauf des Vormittags und seine halbe Lebensgeschichte erzählt. Als er begann, die Hobbys seiner Frau in allen Details aufzuzählen, kamen glücklicherweise meine Kollegen und stoppten den redseligen Mann in seinen Ausführungen.
„Was von dem, was heute Morgen passiert ist, haben Sie dem Herrn von der Zeitung erzählt?“, hakte ich noch nach. „Nichts, also nicht viel.“ Herr Brandt wirkte nun wieder ziemlich eingeschüchtert. „Bloß, dass da plötzlich eine Hand im Rückspiegel aufgetaucht ist, die da nicht hingehörte.“ Fabian winkte ab. „Es wird nichts in der Zeitung auftauchen, das ist geklärt.“
„Wir wären hier fertig. Sollen wir uns dann endlich den Fundort ansehen?“, fragte ich meine Kollegen und fügte an den Lkw-Fahrer gewandt hinzu: „Wir haben ja soweit alles geklärt. Meine Karte haben Sie, melden Sie sich bitte, wenn Ihnen noch etwas einfällt und behalten Sie unbedingt alles für sich.“ „Und was ist mit meiner Arbeit?“ Hilfesuchend drehte ich mich zu Wolfgang und Fabian um.
„Erst müssen sämtliche Spuren gesichert werden, aber ich denke, ein Kollege von uns meldet sich heute noch bei Ihrem Chef und gibt durch, wann Sie hier weitermachen können“, kam Fabian mir zu Hilfe. Herr Brandt nickte, steckte meine Karte ein und wir verabschiedeten uns. „Und kein Wort an die Presse oder in irgendwelche sozialen Medien“, warf Fabian ihm noch hinterher. „Ist klar.“
„Und, hast du was rausbekommen?“, wandte Wolfgang sich an mich, als Herr Brandt außer Hörweite war. Ich steckte mein Notizbuch ein und fasste die wichtigsten Punkte zusammen: „Manfred Brandt ist seit 22 Jahren Fahrer bei der Firma Tiefbau Altenberg. Sein Job auf dieser Baustelle ist es, die Erde, die bei den Ausschachtarbeiten anfällt, auf verschiedene Deponien hier im Umland zu bringen.“ Fabian schaute mich fragend an. „Warum verschiedene?“ „Bei der obersten Schicht handelt es sich wohl um Mutterboden, der als Kulturgut extra gelagert und wiederverwendet wird. Die tieferen Schichten enthalten mehr Geröll und werden gesondert zwischengelagert, bevor der Boden auf anderen Baustellen wieder zum Einsatz kommt.“ Fabian nickte. „Das bedeutet, der fehlende Finger kann sich theoretisch auf einer der Deponien befinden?“, warf Wolfgang ein. „Ja, sehe ich auch so. Die Arbeiten hatten zwar heute erst begonnen, aber laut Herrn Brandt waren schon fünf Lkw-Ladungen weggeschafft worden, als er die Hand des Toten entdeckt hat. Wobei es mir sehr absurd erscheint, dass die Baggerschaufel einen Finger des Skeletts sauber abgetrennt haben soll. Trotzdem müssen wir danach suchen. Ein zweiter Fahrer ist noch unterwegs und müsste gleich wieder von der Deponie zurück sein.“
Aus der Ferne sah ich, dass uns die Kollegin von der Spurensicherung zuwinkte. „Ich glaube, die Spusi ist fertig, sollen wir?“ Ich deutete zum Fundort und erzählte Fabian und Wolfgang auf dem Weg dorthin, wie Herr Brandt die Hand entdeckt hatte. „Die Lkws fahren rückwärts bis an die Baugrube und werden von dem Bagger mit Erde beladen. Ihr kennt das ja, der Baggerfahrer hupt, der Lkw fährt ein Stückchen vor und so weiter. Und beim Auskippen der Baggerschaufel sieht Herr Brandt im Rückspiegel, dass etwas auf der Ladefläche gelandet ist, was da nicht hingehört. So seine Worte. Er stoppt den Lkw, steigt aus und deutet dem Kollegen im Bagger, sofort die Arbeit einzustellen. Dann klettert er auf die Ladefläche und sieht, dass es sich um eine Hand handelt.“ Mittlerweile waren wir bei besagtem Bagger angekommen, der immer noch an der Baugrube stand, unmittelbar vor dem nun freigelegten Skelett. Thorsten Baumann kam auf uns zu, und ich unterbrach meine Ausführungen. „Guten Morgen! Also, bevor ihr mich löchert“, lachte er, als er uns erreicht hatte, „zum Todeszeitpunkt, geschweige denn der Todesursache, kann ich frühestens in zwei Tagen Genaueres sagen, wenn der Herr bei mir auf dem Tisch liegt.“
„Ist eh klar“, meinte Wolfgang. „Aber irgendwas wirst du doch schon sagen können, was uns weiterhelfen könnte, oder? Wir wissen, dass es eine männliche erwachsene Leiche ist, die hier schon seit Jahren unter der Erde liegt.“ „Hat Sarah schon geplaudert? Ja, die ist sehr eifrig.“ „Ja, sehr engagiert, deine neue Kollegin“, warf Fabian grinsend ein. Der Rechtsmediziner ignorierte die Bemerkung und fuhr fort: „Der Tote hat einen Riss in der Schädelplatte, was auf ein Tötungsdelikt hinweisen könnte, aber nicht zwangsläufig muss. Vorne im Zelt liegen noch ein paar Fundstücke, Knöpfe und Ähnliches, all das, was noch nicht verwittert ist. Der Tote hatte einen vergoldeten Backenzahn, vielleicht kann man seine Identität darüber herausfinden. Ansonsten keine Kleidungsreste, keine Karten oder Papiere, nichts.“
„Und wie lange der Tote hier liegt, kannst du nicht sagen?“, fragte ich nach. „Noch nicht. Ich muss mir die Beschaffenheit der Erde genauer anschauen, Klimadaten einrechnen und so weiter. Wie gesagt, in ein paar Tagen weiß ich mehr. Wir wären dann fertig und ich würde den Toten abtransportieren lassen, wenn ihr keine Fragen mehr habt.“ „Nee, passt. Ich schlage vor, wir schauen uns die Fundstücke an, machen noch ein paar Fotos und uns dann auf den Weg ins Präsidium“, antwortete Fabian.
„Da vorne kommt der zweite Lkw-Fahrer. Den nehme ich mir noch vor, wenn ihr den Rest erledigt.“
Wolfgang zeigte auf einen roten Lkw, der gerade vor der Polizeiabsperrung anhielt, und eilte darauf zu.
Fabian und ich gingen ins provisorische Zelt, machten Fotos von den Fundstücken, der Hand, dem Fundort und der Umgebung, bevor wir auf dem Weg zum Parkplatz wieder zu Wolfgang stießen. Der verabschiedete sich gerade von dem Fahrer, der sichtlich geschockt zurück zu seinem Lkw ging. „Der wusste von nichts“, begann Wolfgang auf dem Weg zum Auto, „sein Kollege hat versucht ihn zu erreichen, aber er hatte sein Smartphone im Auto vergessen. Ansonsten war er beim Fund der Leiche schon auf dem Weg zur Deponie, wo er vielleicht den fehlenden Finger mit der Erde abgeladen hat. Thorsten weiß Bescheid und hat seine Leute schon hingeschickt.“ Wir hatten Fabians Wagen erreicht und fuhren in gemäßigtem Tempo zurück.
Im Präsidium herrschte eine Art geschäftige Lethargie. Die morgendliche Hektik war der ruhigen Konzentration gewichen, die sich über die Büros legte, wenn jeder in seinen Aufgaben versank. Unser Büro kam mir noch enger vor als sonst. Wolfgang machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen, Fabian setzte sich an seinen Schreibtisch und fing mit dem Bericht an, und ich schnappte mir mein Notizbuch und begann damit, die Informationen des Tages zu ordnen.
„Irgendwelche Ideen, wer unser Skelett sein könnte?“, fragte Wolfgang und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück, nachdem er uns jeweils eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt hatte. Sein Gesicht hatte einen nachdenklichen Ausdruck angenommen.
„Noch nicht“, antwortete Fabian, ohne vom Computerbildschirm aufzuschauen. „Aber ich habe mal eine Suchanfrage zu Vermisstenfällen in der Umgebung in den letzten drei Jahrzehnten losgeschickt. Vielleicht gibt es ja einen Treffer.“
„Ich kann Thorsten kontaktieren, um zu schauen, ob es in den Zahnärztedatenbanken Treffer zu dem vergoldeten Zahn gibt“, schlug ich vor. „Ja, mach das.“ Fabian nickte zustimmend. „Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir es hier womöglich nicht mit einem lokalen Fall zu tun haben. Der Mann könnte auch ganz woanders umgebracht und anschließend hier verscharrt worden sein.“ „Ich frage mich, warum die Leiche so lange unentdeckt bleiben konnte. Was war auf dem Gelände geplant? Warum wurde dort jahrzehntelang nicht gebaut?“, sprach ich aus, was mich schon die ganze Zeit beschäftigte. Wie immer am Anfang eines Falls, traten mehr und mehr Fragen auf, bevor auch nur die erste beantwortet werden konnte. Wir trugen alle Informationen und all unsere Fragen systematisch zusammen und erarbeiteten eine Strategie, wie wir weiter vorgehen wollten. Da der Tote schon über Jahre verscharrt war, gab es diesmal auch keine Eile, was eher ungewöhnlich war in unserem Job.
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Sybille sitzt im Wohnzimmer auf dem flauschigen braunen Teppich und schaut ihre Lieblingssendung, so wie jeden Freitag, wenn ihre Mutter das Abendessen vorbereitet und ihr Vater noch die letzten Büroarbeiten am Küchentisch erledigt. Mit Decken und Kissen hat die Zehnjährige sich ein gemütliches Lager gebaut, um sie herum sitzt eine ganze Schar Kuscheltiere. Als Einzelkind hat Sybille gelernt, sich alleine zu beschäftigen, zumal ihre Eltern beide berufstätig sind: Ihre Mutter arbeitet in Teilzeit im städtischen Bauamt und ihr Vater betreibt eine eigene Metzgerei.
Es klingelt, und sie hört, wie ihre Mutter zur Wohnungstür geht. Durch die Wohnzimmertür dringt die Stimme eines Mannes. Was die beiden sagen, kann Sybille nicht verstehen, sie schenkt dem Ganzen auch keine Beachtung und konzentriert sich weiter auf die Fernsehsendung. Kurz darauf wird die Wohnungstür wieder geschlossen und schließlich auch die Tür zur Küche, wie Sybille aus dem Augenwinkel durch die angelehnte Tür erkennen kann. Als ihre Mutter sie später zum Essen ruft, ist der Mann nicht mehr da. Obwohl die Eltern sich um ein Gespräch bemühen und fragen, wie ihr Tag in der Schule gewesen sei, spürt Sybille, dass die beiden nicht bei der Sache sind. „Hast du morgen Fußballtraining?“, fragt ihre Mutter, während sie die Spülmaschine einräumt. „Ja, um zehn. Papa bringt mich hin.“ „Ok“, ihre Mutter nickt abwesend und wirft einen schnellen Blick zu ihrem Mann, der den letzten Stapel Papiere sortiert. Später in ihrem Kinderzimmer öffnet Sybille die unterste Schublade ihres Schreibtisches und zieht ihren kleinen Schatz hervor: ein Tagebuch, das sie von ihrer Tante zum zehnten Geburtstag geschenkt bekommen hat. Das Mädchen legt sich bäuchlings auf ihr Bett, schaltet die kleine Nachttischlampe ein und beginnt zu schreiben: „Liebes Tagebuch, heute Abend war es irgendwie komisch. Ein fremder Mann war bei uns zu Besuch. Ich habe seine Stimme nur durch die Wohnzimmertür gehört und weiß nicht, ob es wichtig ist. Mama war so seltsam. Und Papa hat noch weniger gesprochen als sonst.“
Auf dem Weg ins Badezimmer fängt sie kurze Zeit später einen Gesprächsfetzen aus der Küche auf. Die Stimme ihrer Mutter wirkt sehr ängstlich, das kennt sie gar nicht von ihr. Dann bahnt sich ein Schluckauf einen Weg nach oben und das Gespräch in der Küche endet abrupt.
Ihr Vater öffnet die Tür. „Bille, kannst du nicht schlafen?“ „Ich muss noch mal aufs Klo.“ Ihr Vater kommt näher und streichelt ihr über die strubbligen blonden Haare. „Dann aber ab ins Bett, es ist schon spät.“ Er drückt ihr einen Kuss auf die Stirn und geht zurück in die Küche.
Am nächsten Morgen weckt ihr Vater sie sanft, wie jeden Samstag. Während sie frühstücken, ist alles wie immer und Sybille beschließt, ihre Sorgen vorerst beiseite zu schieben.
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Beim Öffnen der Haustür schlug mir ein betörender Duft von indischem Curry entgegen, und Agnetha Fältskogs sang so laut, dass Ilvy und Marlies mich erst wahrnahmen, als ich die Küche betrat. Ein unfassbares Chaos empfing mich, auf dem Tisch und den Schränken standen Teller mit Gemüseresten und Geschirr herum, auf dem Boden Blumen und Bilder zwischen Umzugskartons und Bücherstapeln. Ich quetschte mich an einer Zimmerpalme vorbei, um die beiden zu begrüßen und einen Blick in die Töpfe zu erhaschen.
Ilvy drückte mir einen Kuss auf den Mund und hielt mir einen Löffel mit Reis und Curry unter die Nase, bevor ich auch nur irgendwas zu dem Chaos sagen konnte. Nach einem weiteren Löffel regelte ich die Musik an Ilvys Smartphone leiser und fragte, was passiert wäre.
