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Sie nimmt alles mit einer Portion Humor – darum wirft Julia Rose, Lehrerin aus Leidenschaft und vergnügte 50 superplus, so leicht nichts aus der Bahn. Aber dann erkrankt ihre Mutter … und auf einmal ist nichts mehr so, wie es früher war: Julia reibt sich auf zwischen ihrem Beruf und den täglichen Besuchen im Pflegeheim bei einer Frau, die ihr von Tag zu Tag fremder wird und doch so unendlich vertraut ist. Nur eins ist jetzt noch klar: Es ist kein guter Moment, um ihr eigenes Leben noch einmal gründlich umzukrempeln. Und an ein neues Glück kann Julia nun gerade wirklich keinen Gedanken verschwenden. Aber manchmal sind die denkbar schlechtesten Momente genau die, in denen das Schicksal uns ein besonderes Geschenk macht … Hanna Roos versteht es, mit viel Gefühl über die Regentage des Lebens zu schreiben – und humorvoll davon zu erzählen, wie es sich anfühlt, wenn wieder erste Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen.Ein bewegender Roman für Fans von Gaby Hauptmann, Hera Lind und des Bestsellers »Der Bademeister ohne Himmel«
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Über dieses Buch:
Sie nimmt alles mit einer Portion Humor – darum wirft Julia Rose, Lehrerin aus Leidenschaft und vergnügte 50 superplus, so leicht nichts aus der Bahn. Aber dann erkrankt ihre Mutter … und auf einmal ist nichts mehr so, wie es früher war: Julia reibt sich auf zwischen ihrem Beruf und den täglichen Besuchen im Pflegeheim bei einer Frau, die ihr von Tag zu Tag fremder wird und doch so unendlich vertraut ist. Nur eins ist jetzt noch klar: Es ist kein guter Moment, um ihr eigenes Leben noch einmal gründlich umzukrempeln. Und an ein neues Glück kann Julia nun gerade wirklich keinen Gedanken verschwenden. Aber manchmal sind die denkbar schlechtesten Momente genau die, in denen das Schicksal uns ein besonderes Geschenk macht …
Ein Buch zum Lachen, ein Buch zum Weinen: Hanna Roos versteht es, mit viel Gefühl über die Regentage des Lebens zu schreiben – und humorvoll davon zu erzählen, wie es sich anfühlt, wenn wieder erste Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen.
Über die Autorin:
Hanna Roos ist das Pseudonym einer erfolgreichen Hamburger Autorin von Familensagas, Krimis und Liebesromanen. Vor ihrer Karriere als Romanautorin tourte sie als Sängerin und Kabarettistin über deutsche Kleinkunstbühnen, hat etliche Soloprogramme geschrieben und als Sitcomautorin gearbeitet.
In »Der Geschmack von Kullerpfirsisch« verarbeitet Hanna Roos auch eigene Erfahrungen: Ihre Mutter leidet unter vaskulärer Demenz. »Ich halte grundsätzlich nicht viel von ›heiligem Ernst‹«, sagt sie über ihren Roman, »und bin sicher, dass man auf verlorenem Posten steht, wenn man das Leben und seine Schicksalsschläge nicht mit einer ordentlichen Portion Humor nimmt. Eine Demenz ist nun alles andere als lustig, aber darüber, wie eine gestandene Frau von 50 superplus mit den Ausfällen ihrer Mutter und deren kindlicher Sturheit kämpft, darf man getrost schmunzeln und lachen.«
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Originalausgabe Juli 2018
Copyright © der Originalausgabe 2018 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Redaktion: Rabea Güttler
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Yasonya, getideaka, zapolzun und Sablegear
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)
ISBN 978-3-96148-284-9
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Hanna Roos
Der Geschmack von Kullerpfirsich
Roman
dotbooks.
Der Klingelton an der Tür zur geschlossenen Station ist befremdlich. Statt eines diskreten Summens ertönt die Fanfare Auf in den Kampf aus Carmen. So donnernd, dass man es bis hier draußen hören kann. Gut, meinen psychischen Zustand trifft es exakt, aber was ist mit der Gemütslage der hiesigen Patienten? Als wären sie nicht schon durcheinander genug.
Die Minuten werden zu gefühlten Stunden. Ich drehe innerlich durch bei der Vorstellung, dass meine Mutter da drinnen sein soll. Was ich allerdings erst dann richtig glauben werde, wenn ich es mit eigenen Augen sehe. Seit dem Anruf aus Hamburg stehe ich quasi neben mir.
»Auf unserer Station wurde gestern Nacht eine ältere Dame eingeliefert, die in der Brieftasche Ihre Nummer bei sich trug. Laut Ausweis handelt es sich um Frau Ingelore Lechner …«
»Das ist meine Mutter. Was ist passiert? Hat sie sich schon wieder was gebrochen?«
»Am besten, Sie kommen gleich mal vorbei, damit wir alles Nähere besprechen können.«
»Aber ich wohne in Berlin und kann nicht so einfach weg aus der Schule …«
»Tja, gibt es noch andere Verwandte?«
»Nein«, habe ich schroff gelogen. Ich war mitnichten bereit, ihr von meinem Bruder zu berichten, der sich bei Bedarf wie Harry Potter unsichtbar machen kann, wenn es darum geht, mich in Sachen Mutti zu entlasten. Nur dass er keinen Tarnumhang dazu benötigt.
»Gut, ich komme morgen gleich nach der Schule«, versprach ich der Dame, die das mit einem missbilligenden Schnaufen zur Kenntnis nahm. Bevor sie auflegen konnte, fragte ich noch schnell, wohin ich denn kommen sollte.
»Ins Klinikum Nord. Ochsenzoll. Station 06 C Gerontopsychiatrie. Geschlossene.«
»Geschlossene Psychiatrie?«
»Nun kommen Sie mal wieder runter.«
»Um Himmels willen, was ist passiert?«
»Haben Sie eine Verfügungsvollmacht?«
Ich stutzte. Ja, natürlich, nach Muttis Sturz mit der gefährlichen Kopfverletzung vor zwei Jahren hielt ich das für dringend erforderlich. Sonst würde ich niemals erfahren, was mit ihr ist. Schon gar nicht am Telefon.
»Was ist los?«
»Bringen Sie die Vollmacht bitte mit. Dann können wir Ihnen alles Nähere mitteilen. Am Telefon darf ich keine Auskunft geben. Ich weiß ja nicht, ob Sie wirklich eine Vollmacht besitzen. Oder Sie scannen sie ein und mailen sie uns.« Sie ratterte das routiniert herunter – vermutlich hatte sie das schon unendlich viele Male gemacht –, besann sich dann aber immerhin darauf, dass die Situation für mich eine komplett neue war. »Aber wenn es Sie beruhigt, Ihre Mutter ist hier gut aufgehoben und überaus kooperativ.«
Wie bitte? Ich mich beruhigen? Meine Mutter – in der Psychiatrie gut aufgehoben und überaus kooperativ? Nein, das kann sich nur um einen Irrtum handeln.
»Und die Patientin hatte wirklich einen Ausweis von Ingelore Lechner bei sich? Vielleicht hat sie den gefunden oder … Wie sieht sie denn aus?«
»Hören Sie, es ist wirklich das Beste, Sie kämen gleich. Dann würden Sie auch noch die behandelnde Ärztin erwischen.«
»Nein, das geht nicht. Ich kann nicht einfach …« In diesem Moment sah ich meine Mutter vor mir, hilflos und allein. »Doch, ich setze mich gleich in die Bahn. Und dann möchte ich sofort die Ärztin sprechen.«
»Sie hat bis zwölf Uhr Visite auf der Station. Da hat sie sicher ein paar Minütchen für Sie.«
Minütchen? Zwölf Uhr? Was redete die Frau denn da?
»Ich komme mit dem nächsten Zug aus Berlin – ich werde nicht vor 13 Uhr am Hauptbahnhof sein. Wo ist überhaupt dieses Ochsenzoll?«
»In Langenhorn. Richtung Flughafen, wenn Ihnen das etwas sagt.«
»Mist, das ist ja am Arsch der …« Es wurde Zeit, einen deutlich forscheren Ton anzuschlagen. »Hören Sie, ich hätte gern sofort einen verbindlichen Termin mit der Ärztin. Sie können meine Mutter doch nicht einfach einsperren!«
»Gut, dann holen wir eben die Richterin«, entgegnete die Krankenschwester kühl. »Oder wäre es Ihnen etwa lieber, wenn Ihre Mutter dort draußen orientierungslos vor einen Lastwagen rennt?«
»Scheiße!« Meine Stimme kippte vor Empörung beinahe über. »Bleiben Sie, wo Sie sind! Ich komme!«
Vier Stunden später stehe ich vor einer wie Fort Knox gesicherten Eingangssperre und quäle mich mit der Frage, wie Mutti bloß hier landen konnte.
Endlich verstummt die Fanfare und wird durch einen Summton abgelöst, der mir erlaubt, einzutreten. Ich versuche, mir meine Verunsicherung nicht anmerken zu lassen, denn es ist das erste Mal, dass ich eine geschlossene Station betrete. Mach dir keine Sorgen, spreche ich mir Mut zu. Sicher sind hier nur reizende ältere Menschen, die etwas verwirrt sind …
Als Erstes fällt mir ein schwer tätowierter Hüne auf, der mit finsterer Miene über den langen Flur geistert und den ich höchstens auf 50 schätze. Heutzutage sind Tattoos bis zur Halskrause ja eigentlich nichts Besonderes, aber bei ihm liegt der Verdacht nahe, dass es Knast-Tattoos sind. Ich starre zu Boden und haste weiter.
Als ich an einem Glaskasten ankomme, werde ich zunächst gar nicht beachtet. Erst als ich ziemlich fordernd erkläre, dass ich die Tochter von Frau Lechner bin, schaut eine ältere Schwester von ihren Unterlagen auf. »Zimmer fünf«, sagt sie und deutet zurück in Richtung Eingang.
Sie will mich doch nicht etwa unvorbereitet auf meine Mutter loslassen! Ich habe doch immer noch keinen Schimmer, was vorgefallen ist. »Ich würde gern erst einmal ihren Arzt sprechen.« Ich habe jetzt den Ton drauf, den ich meinen Schülern gegenüber anschlage, wenn ich keine weiteren Diskussionen wünsche.
Die Schwester beäugt mich über den Rand ihrer Brille skeptisch. »Die Visite war um zwölf Uhr vorbei.«
»Ich weiß, aber ich werde nicht gehen, bevor ich weiß, was mit meiner Mutter geschehen ist!«
»Haben Sie eine Vollmacht dabei?«
Ungeduldig zerre ich den Beweis, dass man mir endlich sagen muss, was Sache ist, aus meiner Tasche und halte ihn ihr unter die Nase. Sie überfliegt das Dokument flüchtig. »Das lasse ich mal für uns kopieren.«
Gleich schreie ich. Kann mir nicht endlich mal jemand erklären, was das alles zu bedeuten hat?
Schließlich steht sie auf und bittet mich in einen Nebenraum. An dem Schild, das an ihren Kittel geheftet ist, steht Klara.
»Hat Ihnen denn am Telefon noch keiner gesagt, was mit Ihrer Mutter ist?«, erkundigt sie sich zweifelnd.
»Nein, man wollte den Formalitäten genügen, statt einer geschockten Tochter einen Tipp zu geben, was ihre alte Mutter in der Klapse zu suchen hat!« In meiner Erregung bin ich so laut geworden, dass eine verhuschte, schmale alte Dame auf uns zutritt und mich stumm aus großen, glasigen Augen mustert.
»Frau Reinhard, es ist alles in Ordnung, Sie können ruhig weitergehen«, erklärt ihr Schwester Klara und fügt, kaum ist die Patientin außer Sichtweite, hinzu: »Die gute Frau war mal bei der Polizei.«
Ich atme derweil ganz tief durch, weil ich einsehen muss, dass die Uhren hier anders ticken und ich gar nichts erreichen werde, wenn ich Stress mache.
Ich schenke der Schwester ein verkrampftes Lächeln. »Tja, die Klientel auf so einer Station ist völlig anders, als ich es mir vorgestellt habe. Allein dieser tätowierte Riese …«
»Ach, der? Ja, der gehört auch gar nicht hierher. Der ist eigentlich in der 18 untergebracht, aber da wird gerade renoviert, und da mussten ein paar harmlose Fälle bei uns unterkommen.«
»18?«, wiederhole ich. »Muss man das kennen?«
»Ach so, Sie sind gar nicht aus Hamburg. Das ist unsere Forensische. Da kommen die Straftäter hin, die …«
»Sie wollen mir doch nicht ernsthaft sagen, dass meine Mutter hier mit Kriminellen zusammen eingesperrt ist?«, entgegne ich entsetzt.
»Keine Sorge, die haben wir ruhiggestellt«, versucht sie, mich zu beruhigen.
Am liebsten würde ich laut losbrüllen, selbst auf die Gefahr hin, dass ich dann gleich selbst hierbleiben darf, doch bevor ich vollends die Beherrschung verliere, klärt sie mich endlich auf, was los ist.
»Frau Lechner wurde gestern Nacht gegen zwei Uhr vom Notarzt hergebracht. Man hat sie orientierungslos in einer Seitenstraße der Reeperbahn aufgefunden.«
»Aber sie wohnt in Eppendorf!«
Die Schwester zuckt die Achseln. »Tja, sie wusste jedenfalls nicht, wie sie heißt und wo sie wohnt. Außerdem war kein Geld in ihrer Börse, sondern nur ein Zettel mit Ihrer Nummer. Und sie hatte ein paar leichte Verletzungen an Händen und Knien. Sie muss wohl gestürzt oder ausgeraubt worden sein.«
Mir wird schlecht. Ich lasse mich stöhnend auf einen Stuhl fallen. Nun ist es so weit. Wie sagte der Neurologe nach ihrem Sturz vor zwei Jahren? »Dafür, dass sie ein Schädel-Hirn-Trauma in ihrem Alter hatte, hat sie sich prächtig erholt. Da bleibt meist mehr übrig, vor allem, weil wir bei den Untersuchungen auch Hinweise auf verändertes Hirngewebe Ihrer Mutter gefunden haben. Das deutet alles auf eine vaskuläre Demenz hin.« Ich habe mich damals lieber nur auf den guten Teil der Nachricht konzentriert, weil ich so erleichtert war, dass sie nach drei Wochen fast wieder die Alte war. Von wegen Demenz, habe ich mir da eingeredet, und doch hatte ich die ganze Zeit so eine unbestimmte Angst in mir, das dicke Ende käme noch … und nun ist es da! Station 06 C! Geschlossene!
»Ich verstehe, dass Sie das schockt, aber bei uns ist sie doch in Sicherheit«, redet die Schwester besänftigend auf mich ein.
»Kann ich sie denn gleich mitnehmen? Ich meine, ist sie inzwischen wieder klar?«
Sie schüttelt leise den Kopf. »Nein, aber sie ist ganz lieb. Freundlich zu jedermann.«
Das kann sie nicht sein!, schießt es mir durch den Kopf. »Gut, dann werde ich erst einmal nach ihr sehen, und dann besprechen wir alles Weitere«, seufze ich, während ich vor Anspannung schier vibriere bei der Vorstellung, was mich gleich erwartet.
»Machen Sie nur. Ich denke, sie ist im großen Aufenthaltsraum. Sie ist ja äußerst kontaktfreudig …«
Kontaktfreudig? Meine Mutter? Sie war immer schon die geborene Einzelgängerin. Langsam schöpfe ich wirklich einen leisen Hoffnungsschimmer. Was, wenn meine Mutter ihren Ausweis verloren und die orientierungslose, kontaktfreudige, liebe alte Dame unter Muttis Namen hier eingecheckt hat? Ältere Menschen sehen sich doch irgendwie ähnlich, schießt es mir durch den Kopf – das viele Beige, die adretten Dauerwellenlöckchen … Der Gedanke gefällt mir. Natürlich wäre das ärgerlich, weil ich umsonst zwei Unterrichtsstunden habe ausfallen lassen müssen, aber nicht zu vergleichen mit dem Ärger, der auf mich zukommen würde, wenn es sich tatsächlich um meine Mutter handeln sollte.
Mir stockt der Atem, als ich den Aufenthaltsraum betrete. Dort an einem Tisch sitzt unverkennbar meine Mutter in einem Pullover, den wir vor ein paar Monaten beim Ausmisten ihres Hauses gemeinsam in dem Sack für die Altkleidersammlung deponiert hatten, und redet auf den tätowierten Hünen ein, was ihm sichtlich missfällt. Ich sehe in seinem Profil, wie der Unterkiefer gefährlich mahlt, so als würde er ihr jeden Augenblick den Hals umdrehen.
In dem Augenblick wendet sie den Blick in meine Richtung, und ein Lächeln erhellt ihr Gesicht. Sie streckt die Hand nach mir aus.
»Setz dich doch, Kind, ich unterhalte mich gerade mit Herrn … äh, na, du weißt schon …«
Ich aber greife nach ihrer Hand und helfe ihr hoch. »Mutti, wollen wir mal in dein Zimmer gehen?«
»Gern.« In dem Augenblick dreht sie sich nach Herrn Äh-na-du-weißt-schon um und verspricht ihm wortreich, gleich wieder bei ihm zu sein. Seine Antwort ist ein Blick, der töten könnte.
Kaum haben wir den Gruppenraum verlassen, da weiht sie mich kichernd in die Mysterien dieser Etage ein.
»Hier wird ein Film gedreht, musst du wissen. Und der Herr ist ein bekannter Schauspieler, aber mir ist sein Name schon wieder entfallen«, erklärt sie mir verschwörerisch. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste ich mich kugeln vor Lachen. Meine hanseatische Frau Mama in einem aus der Resterampe gezogenen Pullover quatscht einem Kriminellen das Ohr ab und hält das Ganze hier für großes Kino … Doch statt in brüllendes Gelächter auszubrechen, will ich nur noch weg von hier.
»Mutti, ich komme bald wieder«, stoße ich mit einem Rest von Selbstbeherrschung hervor, bevor ich mich umdrehe, um das Set des Horrorstreifens zu verlassen, doch ich kann mich nicht bewegen. Ich bekomme Panik. Das Gefühl, regungslos verharren zu müssen, kriecht in Windeseile von meinen Füßen den Körper hinauf. Ich weiß genau: Wenn es meinen Hals erreicht, werde ich ersticken! Ich mache meinem Entsetzen Luft und schreie panisch auf und …
… wache auf.
Mir läuft der Angstschweiß aus allen Poren, als ich von meinem eigenen Schrei hochschrecke. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich mich orientieren kann. Mit klopfendem Herzen mache ich Licht und blicke mich schwer atmend um. Die linke Bettseite ist unbenutzt. Klaus-Peter hat wieder einmal Nachtdienst. Ich bin ganz allein mit diesem Albtraum. Was ich neuerdings auch immer so zusammenträume, denke ich noch, als es mir wie Schuppen von den Augen fällt. Das Erschreckende an diesem Traum ist, dass sich das alles genau so oder zumindest ganz ähnlich abgespielt hat. Bis auf den Klingelton aus Carmen und meine Bewegungsunfähigkeit.
Ein ganzes Jahr ist das mit der Geschlossenen nun schon her. Seitdem ist meine Mutter im Heim, und ich habe keinen Urlaub mehr gemacht, um sie jeden Tag besuchen zu können. Ich frage mich ja, wie das jene »Kinder« überleben, die ihre alten Eltern zu Hause pflegen? Zum Glück hat Mutti ja auch noch lichte Momente, die über Wochen andauern können. »Sie haben das gut«, seufzte gerade neulich erst die Tochter von Muttis Zimmernachbarin, die unter Alzheimer leidet. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihr zustimmen würde, in ihrem Fall weiß man wenigstens, woran man ist. Bei Muttis vaskulärer Demenz kann sich das nämlich rasend schnell ändern. Je nachdem, ob gerade mal wieder ein Gefäß im Hirn verstopft …
Mein Wecker zeigt 07:30 Uhr, und mir fällt ein – gerade rechtzeitig, bevor ich aus dem Bett hechte –, dass ich heute erst zur dritten Stunde muss. Heißt: noch eine ganze Stunde schlafen. Endlich meint das Schicksal es mal gut mit mir. Ich drehe mich auf die Seite, ziehe mir die Decke bis zum Hals und bin so müde, dass ich auf der Stelle wieder einschlafen könnte, doch das Klingeln meines Mobiltelefons lässt mich erneut hochschrecken.
Wer kann das sein? Ob ich mich im Tag geirrt habe und heute doch schon zur ersten Stunde musste? Oder sind das Schüler, die meinen Rat brauchen? In einem Anfall von Leichtsinn habe ich auf der letzten Klassenfahrt meine private Handynummer rausgegeben und gesagt, sie könnten mich jederzeit anrufen. Damit war aber keinesfalls der frühe Morgen gemeint!
»Ja, bitte?«, belle ich ins Telefon.
»Oh sorry, habe ich dich geweckt?«
Klaus-Peter. Das ist überaus ungewöhnlich. Er ruft mich schon lange nicht mehr an. Nicht mal, um mir zu sagen, dass er wieder Nachtdienst hat. Das erledigt er per WhatsApp. Ein persönlicher Anruf kann nur zwei Gründe haben: Entweder er braucht jemanden, der seine Hemden aus der Reinigung holt, oder jemanden, der irgendeinen anderen Botengang für ihn übernimmt.
»Ist was passiert?«
»Nein, nein, alles gut. Ich wollte nur sagen, dass ich heute Abend früher nach Hause komme. So gegen 19 Uhr. Vielleicht könnten wir was zusammen essen.«
»Ja, gern doch.« Ich bin etwas verwirrt. Was ist bloß in meinen Gatten gefahren?
»Oder hast du was vor? Ich dachte nur, weil du dich gestern darüber beklagt hast, dass ich nie zu Hause bin.«
Komisch, das ist mir entfallen. Ich glaube eher, ich habe so was gesagt wie: »Wenn das so weitergeht, dass du Tag und Nacht durcharbeiten musst, werde ich demnächst bei deinem Chef auf der Matte stehen und ihm meine Meinung geigen.«
Nicht, dass ich das wirklich tun würde, denn eigentlich habe ich mich an die friedlichen Abende allein zu Hause gewöhnt, aber ich habe neulich im Lehrerzimmer aufgeschnappt, dass es besonders bei langjährigen Paaren, bei denen sich eine gewisse Routine eingeschlichen hat, wichtig ist, dem anderen emotionale Zuwendung zu geben. Und was Routine angeht, da sind mein Gatte und ich Weltklasse.
»Vielleicht könntest du was Leckeres kochen«, ergänzt er eifrig.
»Natürlich, was hättest du denn gern?« Begeisterung klingt anders, ermahne ich mich selbst. »Vielleicht eine schöne Kleinigkeit wie …«
»Dein wunderbares Coq au Vin«, erwidert er wie aus der Pistole geschossen. Ich hoffe, er hört mein Stöhnen nicht, denn so ein Huhn in Rotwein ist nicht mal nebenbei zu zaubern. Dazu müsste ich erst einkaufen, und die Zubereitung ist auch nicht gerade was für einfach mal so zwischendurch … das kostet viel, viel Zeit und erfordert viel, viel Geduld.
»Wir können auch essen gehen«, schlägt er leicht genervt vor, als er mein Zaudern bemerkt.
»Nein, nein, das schaffe ich schon. Dann muss ich eben vor der Schule zu meiner Mutter gehen«, seufze ich.
»Das ist doch eine tolle Idee. Da freut sie sich sicher. Grüß sie schön.«
Ich will ihn gerade noch fragen, ob es auch ein simples Steak tun würde, da hat er bereits aufgelegt. Merkwürdiges Gespräch, denke ich, während ich hastig in meine Klamotten springe, um alles noch rechtzeitig zu schaffen, und mich plötzlich frage, ob er womöglich einen romantischen Abend zu zweit im Sinn hat. Würde mich zwar wundern, denn ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann wir das letzte Mal Sex hatten – aber warum sollte er sich sonst so edel von mir bekochen lassen wollen?
Ich lasse mich kurz zurück aufs Bett fallen und starre an die Wand. Küsse. Leidenschaft. Eheliche Pflichten. Heute Abend. In mir sollte sich nun vermutlich ein gewisses Hochgefühl einstellen. Es ist doch wunderbar, dass Klaus-Peter mich nach all den Jahren noch begehrenswert findet und sich – trotz des beruflichen Stresses – Zeit für uns nehmen will. Und Sex mit ihm hat immer etwas sehr … nun, sagen wir mal … Vertrautes. Also her mit der Vorfreude und den Schmetterlingen im Bauch, bitte schön! Aber stattdessen empfinde ich … etwas Undefinierbares.
Julia, reiß dich zusammen! Energisch verjage ich den Gedanken und springe auf. Ich schaffe das. Ich schaffe schließlich immer alles. Und jetzt los!
Mir ist leicht schwindlig, während ich zur Garage stürze. Ich muss mich im Flur kurz gegen die Mauer lehnen, weil mir plötzlich schwarz vor Augen wird. Ich atme ein paar Mal tief durch. Kein Wunder, ich habe ja auch noch nichts gegessen, versuche ich, mich zu beruhigen. Ich leide in letzter Zeit öfter mal unter Schwindel, aber Klaus-Peter behauptet, das sei bei Frauen in meinem Alter völlig normal. In meinem Alter! Und wie er das gesagt hat. Als wären Frauen mit 50 Superplus schon per se eine Krankheit. Nun gut, mit Krankheiten kennt sich mein Gatte aus. Schließlich ist er Arzt. Wenngleich ich vielleicht doch noch einmal eine zweite Meinung einholen sollte, denn Klaus-Peter ist eigentlich eher für das Legen von Shunts und Bypässen zuständig. Ja, wenn ich mal Zeit habe, werde ich einen Spezialisten für Schwindeldiagnostik aufsuchen. Also nie, füge ich bitter in Gedanken hinzu.
Als das Schwindelgefühl vorbei ist, hetze ich zu meinem Wagen. Ich glaube, das normale Gehen, geschweige denn das Schlendern, habe ich inzwischen schlichtweg verlernt.
Kaum dass ich mich der ersten Ampel nähere, kommen mir die ersten Zweifel, ob ich auch die Haustür abgeschlossen habe, doch bevor ich mich mit der Frage – umkehren oder lossausen? – beschäftigen kann, trete ich auch schon aufs Gaspedal statt auf die Bremse. Ich kann förmlich dabei zusehen, wie meine rote Knutschkugel einem Mercedes, um genau zu sein, einem S-Klasse-Cabriolet mit geschlossenem Dach, die hintere Stoßstange küsst.
Ich kenne mich mit Autos eigentlich nicht aus, aber dieses erkenne ich, weil Klaus-Peter mich seit einem Jahr mit der Frage nervt, ob er sich nicht so ein Teil zulegen soll. Mir egal, ihm aber offenbar zu teuer. Nicht dass sich mein Gatte das nicht leisten könnte, aber er gehört zu den Männern, die sich bei dem Gedanken an so eine Ausgabe sofort unter der Brücke landen sehen. Ich verstehe nicht, wie er auf seiner Kohle sitzen und sich ständig nach diesem Wagen verzehren kann, den er nur endlich bestellen müsste. Zugegeben, ich würde mein Geld aus Prinzip nicht in einem Luxuswagen versenken. Lieber würde ich es spenden, zum Beispiel für die Berliner Tafel, die Essen an Bedürftige verteilt. Ich engagiere mich dort immer wieder und habe auch schon meine Schüler zur aktiven Mitarbeit motiviert und ein paar Wochen lang als Sortierhilfe gewirbelt. Manchmal ist es ganz einfach, Gutes zu tun – einfach die Ärmel hochkrempeln, und los geht’s! Klaus-Peter aber hat immer schon schwer mit sich gehadert, wenn es darum ging, Geld auszugeben. Ich glaube, das fällt schon unter krankhaften Geiz. Zu Studentenzeiten hat er noch mit sich gerungen, ob er sich ein Inselhopping mit Rucksack durch die Ägäis leisten wollte, da hatte ich unsere Flüge bereits gebucht und bezahlt. Deshalb habe ich damals bei unserer Heirat einfach Gütertrennung vorgeschlagen. Jeder geht, wie er kommt. Gut, mittlerweile verdient er mehr als eine Studienrätin, aber ich kaufe mir die Zutaten zum Coq au Vin lieber von meinem sauer verdienten Salär, als in seine zerfurchte Miene zu blicken, wenn ich ihn um etwas Geld bitte. Deshalb wohnen wir ja auch immer noch zur Miete in einem Mittelreihenhaus – weil Klaus-Peter sich niemals zu einem Hauskauf hat durchringen können und ich keinen vernünftigen Grund sehe, mich für ein Eigenheim zu verschulden. Was Klaus-Peter mit seiner vielen Kohle treibt, weiß kein Mensch. Er hat ja sogar unseren Sohn damals allen Ernstes nötigen wollen, doch BAföG zu beantragen. Als Philipp ganz cool gekontert hat, dazu brauchte er aber eine Gehaltsbescheinigung seines Vaters, hat Klaus-Peter mit zerknirschter Miene zugesagt, das Studium zu finanzieren. Mit dem Ergebnis, dass er unserem Sohn mindestens einmal die Woche vorgehalten hat, dass er nicht mehr in den Schlaf käme vor lauter Geldsorgen. Das hat sich unser Filius keine zwei Monate angehört. Von einem Tag auf den anderen hat er sein Medizinstudium in Deutschland geschmissen, hat sich die Kohle für ein Flugticket verdient und ist nach Sydney geflüchtet. Dort hat er es als Surflehrer aus eigener Kraft geschafft, sich das Studium zu finanzieren – und das war für ihn wahrlich nicht billig, weil die Studiengebühren kein Pappenstiel sind. Ich bin wahnsinnig stolz auf meinen Sohn, weil er die gleiche »Packen wir’s!«-Einstellung hat, die mich auch durchs Leben treibt. Aber natürlich hat es mir auch schier das Herz gebrochen, ihn am anderen Ende der Welt zu wissen, während ich vermute, dass mein Mann in erster Linie erleichtert ist, so viel Geld gespart zu haben. Ja, in dem Punkt ist Klaus-Peter schwer gestört.
Ich bete, dass der Fahrer des schneeweißen Cabrios die kleine Berührung nicht bemerkt hat. Nicht, dass der gleich nach einer neuen Stoßstange verlangt! Noch tut sich da vorne jedenfalls nichts. Die Ampel wird grün, und ich reibe mir die Hände warm, da geht die Autotür des Wagens auf, und ein grauhaariger, langer, dürrer Zausel steigt aus, guckt in meine Richtung und tippt sich gegen die Stirn. Er sieht mit seinen grauen Locken, aus denen nur noch ein paar dunkle Strähnen hervorstechen, und mit seinem wehenden Staubmantel aus wie ein verkrachter Künstler, zu dem eher ein alter Citroën DS passen würde, den er in der Garage eines befreundeten Autoschraubers voller Leidenschaft hegt und pflegt.
Nun schießt der Mann regelrecht auf mich zu. Nur widerwillig lasse ich die Scheibe runter. Er zeigt mir erneut einen Vogel.
»Sie sollten den Führerschein freiwillig abgeben, wenn Sie nicht mehr fahrtauglich sind!«
»Dann rufen wir eben die Polizei«, gebe ich schnippisch zurück. Es fällt mir schwer, die Anspielung auf mein Alter zu ignorieren – besonders aus dem Mund von so einem Silver Ager wie ihm, aber er hat ja irgendwie recht. Es ist schließlich meine Schuld gewesen. Da sollte ich nicht noch Öl auf die brennenden Wogen kippen.
»Dafür habe ich keine Zeit«, schnauzt der Mann. »Aber Sie nehmen besser ab sofort den Bus.« Mit diesen Worten verschwindet er in seinem Wagen und gibt so heftig Gas, dass der Motor aufheult.
Choleriker, denke ich und nehme mir fest vor, den restlichen Tag etwas ruhiger anzugehen. Den Tipp habe ich von Susanne. »Achtsamkeit«, predigt sie immer, aber bisher hatte ich keine Zeit, das auszuprobieren. »Nimm jeden Schritt einfach nur bewusst wahr, werte ihn nicht, und bleib gelassen, wenn es Hindernisse auf deinem Weg gibt.«
Den tieferen Sinn dieser Worte verstehe ich spätestens im Supermarkt, bei dem ich kurz halte, um mir wenigstens noch ein Brötchen für die große Pause zu besorgen. Ich laufe Slalom durch die Hausfrauen und Rentner, die mit ihren Einkaufswägen alles versperren und alle Zeit der Welt zu haben scheinen – ganz anders als ich! Natürlich lande ich in der falschen Schlange bei einer jungen Kassiererin, die sich während des Einscannens die Schuhe besohlen lassen könnte. Ich werde ganz kribbelig beim Warten.
»Soll ich Ihnen Ihr Bettzeug bringen? Dann können Sie es sich noch gemütlicher machen«, fauche ich sie an, als ich endlich dran bin. Kaum habe ich diese Spitze losgelassen, sehe ich, dass ihre linke Hand wie eine Kralle verkrampft ist. Ich spüre, wie mir vor Verlegenheit die Hitze in die Wangen steigt, denn ich weiß, was das bedeutet: Das arme Mädchen hatte eine schwere Handverletzung, und das sind die Folgen. Meine Kollegin Dorothee, Mathe und Physik, hatte das mal.
»Sorry, das habe ich nicht gesehen«, erkläre ich bedauernd und verlasse den Supermarkt peinlich berührt im Laufschritt. Ein flüchtiger Blick auf die Uhr zeigt mir, dass es ein kurzer Besuch bei Mutti sein wird.
Ansonsten funktioniert der Trick mit der Achtsamkeit einigermaßen. Selbst als ich eine Viertelstunde nach Zeitplan auf den Parkplatz des voll besetzten Heims geschossen komme und feststellen muss, dass sich der Aufschnitt meines Brötchens inzwischen auf dem Beifahrersitz selbstständig gemacht und mit einem ausgekippten Coffee to go vermischt hat, bekomme ich keinen Tobsuchtsanfall. Ich nehme cool die letzte Lücke, in die man sich nur mit meinem Fiat 500 quetschen kann. Doch mit der scheinbaren Gelassenheit ist es vorbei, als meine Fahrertür beim Öffnen des Wagens mit voller Wucht gegen den viel zu dicht neben mir parkenden Wagen knallt – und ich überdies mit Entsetzen feststellen muss, dass es das S-Klasse-Cabriolet von vorhin ist.
Weiter bekomme ich die Tür nicht auf. Da passe ich unmöglich durch. Natürlich könnte ich ausparken und mir einen neuen Platz suchen, aber wie gesagt, der Heimparkplatz ist voll besetzt. Und ich will auf keinen Fall warten, bis einer rausfährt. Also versuche ich, über die Beifahrertür auszusteigen. Als mir die Käse-Kaffee-Mischung einfällt, ist es bereits zu spät. Ich sitze mittendrin oder drauf. Mein Herz klopft bis zum Hals, der Schweiß rennt mir in Sturzbächen in den Nacken, und ich habe das Gefühl, mein Blutdruck steigt ins Unermessliche. Und dann bleibt auch noch der Saum des einzig sauberen Jacketts, das nicht seit Wochen in der Reinigung aufs Abholen wartet – denn dazu brauchte ich den Abholschein, der sich offenbar in Luft aufgelöst hat –, an der Gangschaltung hängen. Es macht ein hässliches Geräusch, als er reißt, weil ich zu ungeduldig ziehe. Als ich schließlich mit hochrotem Kopf aus dem Wagen ins Freie krieche, bin ich fix und fertig.
»Scheiße, Scheiße, Scheiße«, zische ich.
»Das kann man wohl sagen«, höre ich eine männliche Stimme knurren. Als ich den Kopf hebe, blicke ich in die funkelnden blauen Augen des Cabrio-Zausels. Und was aus ihnen spricht, ist nicht die Stimme der Liebe.
»Jetzt haben Sie den Bogen aber überspannt!«, pflaumt er mich an.
Natürlich weiß ich, was er meint, und rechne mir kaum Erfolgsaussichten aus, wenn ich leugne. Er muss auf seinem blöden toten weißen Lack ja bloß eine Spur von meiner dunkelroten Autotür finden. Trotzdem sollte ich es versuchen. Sonst drehe ich gleich durch.
»Ich weiß jetzt nicht, wovon Sie reden«, sage ich mit fester Stimme, nachdem ich mich zu voller Körpergröße aufgerichtet habe, und staune, weil der Mann mich immer noch um einiges überragt, denn ich bin nicht gerade klein.
»Dann darf ich die gnädige Frau einmal bitten, mir zur anderen Wagenseite zu folgen.«
Wir sind aber heute witzig drauf, denke ich und folge ihm zu seiner Beifahrertür. So richtig nahe kommen wir seiner lädierten Tür natürlich nicht, weil mein Wagen zu dicht an seinem geparkt ist. Aber der rote Kratzer in seinem Lack, der leuchtet bis hierher.
Ich kann nur beten, dass er wie bei der Stoßstange auf alle Unannehmlichkeiten verzichten und aus Zeitgründen unter dem Absingen schmutziger Lieder den Abgang machen wird.
»Soll ich die Polizei holen?«, frage ich und wiege mich in Sicherheit, dass er darauf erneut verzichten wird.
»Ja, bitte! Das ist bei so einem Verkehrsrowdy wie Ihnen wohl sicherer. Soll ich, oder wollen Sie?«
Nein, so haben wir nicht gewettet. Einen Polizeieinsatz gibt mein Zeitbudget nun wirklich nicht mehr her, zumal man doch weiß, dass sie zu so einer Lappalie womöglich erst Stunden später kommen. Ich merke, wie das Blut in meinen Ohren zu rauschen beginnt. Jetzt nur die Ruhe bewahren, alles in Ordnung, du schaffst das, es kann schließlich nicht schlimmer kommen…
»Julia? Wo bleibst du denn?«, brüllt eine mir bekannte Stimme über das ganze Heimgelände. Ich weiß, woher das kommt, und tue so, als wäre ich nicht gemeint.
»Julia! Huhu, ich bin hier oben!«, ruft meine Mutter unwirsch. Ich weiß, denke ich schweißgebadet und drehe mich genervt um. Da steht sie schon am offenen Fenster und winkt mir ungeduldig zu.
»Ihr Typ wird verlangt«, bemerkt der Cabrio-Zausel.
Ich kann später nicht mehr sagen, ob es sein ironischer Unterton war oder wie es sonst zu der folgenden Kurzschlussreaktion kommen konnte, aber ich renne, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, einfach los. Genau wie als kleines Mädchen, als mich unser Kaufmann einst dabei erwischt hat, wie ich ein Bonbon im Laden aus dem Regal genommen und mir in den Mund gestopft habe. Nur ist das über ein halbes Jahrhundert her, und ich war noch nicht strafmündig, während ich heutzutage einen Beamtenstatus zu verlieren habe.
Und trotzdem: Ich laufe und laufe und laufe, der Wind knattert mir in den Ohren, und für einen kurzen Moment fühle ich mich frei. Das ist herrlich!
Dann allerdings merken meine Beine, dass sie nicht mehr fünf, sondern über 50 sind, und meine Füße protestieren gegen die ungewohnte Belastung, als würde ich auf glühenden Kohlen joggen. Außerdem geht mir die Luft aus. Kann man eigentlich beim Laufen ersticken?, schießt es mir durch den Kopf.
Mit letzter Kraft werfe ich mich ins Ziel. Beziehungsweise die Eingangshalle des Pflegeheims.
Als ich wenig später in meinem lädierten und verschwitzten Zustand das Zimmer meiner Mutter betrete, werde ich bereits mit vorwurfsvoller Miene erwartet.
»Ach, du kommst auch noch mal«, lautet die liebreizende Begrüßung. Ich schnappe förmlich nach Luft. Sonst bin ich doch immer noch viel später bei ihr. Nach der Schule und nicht vorher!
»Und wie siehst du überhaupt aus?« Sie zeigt mit dem ausgestreckten Finger auf mein Jackett. Dabei hat sie uns immer beigebracht, dass man das nicht darf. Das mit dem Finger auf andere zeigen.
»Dir auch einen schönen Tag«, erwidere ich und bin heilfroh, dass das kaputte Jackett so lang ist, dass es die Spuren meines Frühstücks am Hintern meiner Jeans verdeckt. »Mutti, ich bin heute ausnahmsweise morgens gekommen, weil ich so viel auf dem Zettel habe und dann heute Abend auch noch was für Klaus-Peter und mich kochen muss.«
Bei Nennung seines Namens erhellt sich ihre Miene. »Wann begleitet er dich mal wieder? Ich muss ihm dringend mein kaputtes Knie zeigen«, verkündet sie strahlend.
Offenbar hat sie gar nicht bemerkt, dass Klaus-Peter überhaupt erst ein einziges Mal bei ihr im Heim war. Und das war ein paar Tage nach ihrem Einzug.
»Ich soll dich schön von ihm grüßen«, seufze ich.
»Bitte sag ihm doch, dass ich den Doktor … den Doktor … ach, ich kann mir seinen Namen nicht merken, aber ich mag ihn nicht.«
Mutti mag keinen Arzt außer Klaus-Peter. Nachdem sie meinen Freund und Hausarzt Theo vergrault hatte, ist sie mit Verve zum Heimarzt Dr. Adrian gewechselt, aber weil er sie als Witwe eines Kollegen nicht bevorzugt behandelt hat, war er untendurch bei ihr, und sie verlangte, dass ich ihr einen neuen Doktor suche. Jetzt ist Schluss, habe ich gesagt und sie dazu verdonnert, bei Dr. Adrian zu bleiben. Allein, weil ich keine Lust hatte, mir fadenscheinige Ausreden einfallen zu lassen, warum meine Mutter schon wieder einmal den behandelnden Arzt wechselt. Wobei sie in ihrer Vehemenz, andere Menschen abzulehnen, wohl kein Einzelfall ist – wie eine nette Schwester mir neulich zu meiner Beruhigung sagte.
»Ja, Mutti, ich werde es Klaus-Peter sagen, aber ich kann dir nicht versprechen, dass er es schafft, sich dein Knie anzusehen.«
»Nein, nein, das muss er ja auch gar nicht. Er hat ja immer so viel Arbeit, der Arme. Ich will ihn auf keinen Fall unnötig belasten«, erklärt sie nun voller Verständnis.
»Ja, Mutti, er hat viel Arbeit«, echoe ich, während ich mich keuchend in einen der Sessel fallen lasse und in Erwägung ziehe, ob ich wohl noch einmal den dringend erforderlichen Rollator thematisieren sollte, nachdem sie gerade neulich wieder umgeknickt ist und sich den Fuß verstaucht hat. Sie stolziert nämlich lieber ohne Stock und Rollator durch die Welt, obwohl ihr so ein Gefährt ein wenig Sicherheit geben würde. Aber so was kommt meiner Mutter nicht über die Schwelle. Lieber würde sie weiterhin Stürze in Kauf nehmen, wobei es eigentlich bei ihr nichts mehr zu ersetzen gibt.
Als sie noch in ihrem Haus wohnte, erfolgten die Operationen wie im Lehrbuch. Erst der eine Oberschenkelhals, dann der andere und schließlich das Becken. Ich hatte ihr damals schon eine Gehhilfe ans Herz gelegt. Am schlimmsten hatte es allerdings ihren Kopf erwischt. An das Schädel-Hirn-Trauma darf ich gar nicht erst denken, weil sich mein Puls dann nur noch mehr beschleunigt. Kurzum, ich kümmere mich quasi seit der ersten OP darum, dass ihr Leben nicht aus den Fugen gerät. Nur dass ich ihre zunehmende Schusseligkeit anfangs noch für eine harmlose Altersvergesslichkeit gehalten habe, was sich als fataler Irrtum entpuppt hat.
Wahrscheinlich war die Tatsache, dass sie nicht mehr wusste, wie man Rechnungen bezahlt, bereits das erste Anzeichen ihrer Demenz. Die wurden von ihr nämlich akribisch, aber unbezahlt in Ordnern abgeheftet. Und sie muss auf jeden Fall geistig schon schwer umnachtet gewesen sein, als sie für meinen Bruder einen Kredit aufgenommen hat, nachdem sein Versuch, mit einem Internethandel für Kifferbedarf die erste Million zu machen, donnernd gescheitert ist. Versteht sich von selbst, dass es seit meiner Übernahme ihrer Finanzen keine Kredite auf Kosten meiner Mutter für ihn gibt!
Es ist der undankbarste Job, den es überhaupt gibt: Obwohl Mutti genau weiß, dass sie das nicht mehr blickt, kann sie es partout nicht leiden, dass ich das nun regele. Und mein Bruder findet natürlich, er wäre für diesen Job viel besser geeignet als ich …
Meine Mutter sieht immer noch gut aus mit ihrem schlohweißen Haar und ihrem weißen Blüschen. »Wie aus dem Ei gepellt«, nennt Klaus-Peter das immer leicht ironisch. Und sie schwitzt nicht. Nie! Das muss man sich mal vorstellen.
Ich hingegen schnaufe wie ein altes Walross. Außerdem herrscht eine Affenhitze in dem Zimmer. Mutti hat es gern warm, aber ich bekomme kaum Luft, daher springe ich auf, um das Fenster zu öffnen.
»Es zieht«, sagt Mutti.
»Nur kurz«, keuche ich.
»Aber ich habe doch eben schon gelüftet, als du dich da auf dem Parkplatz mit dem Herrn amüsiert hast.«
»Mutti, ich habe mich nicht amüsiert«, widerspreche ich energisch und ärgere mich darüber, dass ich mich überhaupt rechtfertige, ich werde ihr ganz sicher nicht offenbaren, dass ich soeben Fahrerflucht begangen habe. Ob er jetzt die Polizei holt? Ich werfe einen Blick in Richtung meines Wagens, aber dort scheint alles ruhig. Auch der Zausel ist nirgends zu sehen. Offenbar hat er aufgegeben, wegen einer marginalen Schramme so einen Aufstand zu machen.
»Bitte, mach das Fenster zu, es zieht.«
Ich tue, was meine Mutter sagt. Sonst müsste ich ihr zum hundertsten Mal erklären, dass es eine Unart ist, einen erfrischenden Windhauch als Zug zu bezeichnen, woraufhin sie dann behaupten wird, das wäre meinen Wallungen geschuldet, dass mir ständig zu heiß ist.
»Wie geht es dir?«, frage ich stattdessen.
»Wie soll es mir schon gehen, wenn ich nur unter Menschen bin, die …« Sie tippt sich gegen die Stirn.
»Mutti, das ist nicht wahr. Auf dieser Station sind die Leute alle geistig noch gut beisammen, und du kannst von Glück sagen, dass du nicht eine Etage höher ziehen musst, nach dem, was gerade letzte Woche wieder los war.« Ich unterbreche mich hastig, denn es ist nicht richtig, sie damit zu konfrontieren, habe ich neulich gerade bei so einer Veranstaltung für Dementen-Angehörige gelernt. Das nimmt den Betroffenen die Selbstachtung. So steht es auch in den schlauen Büchern, die sich mittlerweile auf meinem Nachttisch stapeln. Dort, wo vorher zur Entspannung meine Krimis lagen. Ich hoffe, sie hat das gerade überhört.
Doch wenn bei meiner Mutter wirklich noch etwas exzellent funktioniert, dann ist es ihr Gehör. »Jetzt fängst du schon wieder an mit dem Blödsinn, dass ich gaga bin. Ich weiß sehr wohl, wo ich hier bin und dass man nicht in anderer Leute Zimmer geht wie diese schreckliche Person von nebenan. Stell dir vor, da steht die plötzlich vor mir. Das geht doch nicht.«
»Nein, Mutti, das geht gar nicht«, entgegne ich mechanisch, obwohl ich mich frage, ob das wirklich so richtig sein kann, ihr in einer besseren Phase zu verschweigen, dass sie in ihrem letzten Schub genau zu jener Nachbarin ungefragt und nur mit Nachthemd bekleidet ins Zimmer gestürmt ist und behauptet hat, dass das ihr Bett wäre. Manchmal dauert so ein Schub nur Stunden, ein Zustand, den ich insgeheim den Demenz-Quickie nenne, manchmal auch Tage oder sogar Wochen.
Sie mustert mich angriffslustig. »Ich habe Schwester Britta gesagt, was du mir für einen Quatsch weismachen wolltest. Sie hat mir bestätigt, dass ich so etwas niemals tun würde.«
Jetzt bloß nicht widersprechen, ermahne ich mich, denn die Pflegekraft mag ihr vieles versichert haben, aber bestimmt nicht, dass Mutti keinerlei Schübe hat, denn das Personal würde ihr niemals etwas vorlügen. Wahrscheinlich hat ihr eine der freundlichen Pflegerinnen eher so was in der Art gesagt, dass meine Mutter sich keine Gedanken deshalb machen solle.
»Gut, deine Zimmernachbarin stört dich also«, wiederhole ich in zugewandtem Ton, denn auch das habe ich gelernt. Immer alles bestätigen, was der demente Angehörige von sich gibt. Selbst dann, wenn es der allergrößte Schwachsinn ist. Am Anfang habe ich ihr ständig widersprochen. Ein kapitaler Fehler, wie ich inzwischen weiß, aber ich bin ja hier und da lernfähig.
»Nein, das habe ich niemals behauptet.«
Sag jetzt nur nicht: Doch, hast du wohl, geht es mir noch durch den Kopf, als ich mich bereits genau das aussprechen höre. »Du hast dich gerade eben noch über deine Nachbarin beschwert!«
Mutti schüttelt unwirsch den Kopf. »Warum musst du mir immer so einen Unsinn in den Mund legen? Bei dir ist da oben wohl was durcheinander.« Sie tippt sich gegen die Stirn. »Na ja, die Jüngste bist du ja auch nicht mehr«, fügt Mutti mit einer gewissen Schadenfreude hinzu.
Ich atme ein paar Mal ganz tief durch. Es gibt diese Tage, da prallen solche kleinen senilen Gemeinheiten an mir ab wie Wasser an einem Gummibaum – Sie kann nichts dafür, sie kann nichts dafür, sie kann nichts dafür, wiederhole ich dann immer stumm –, aber das geht verdammt noch mal zu weit!
»Danke für das nette Kompliment«, zische ich und sehe nur noch einen Ausweg, um mich nicht wie ein Rumpelstilzchen aufzuführen. Raus hier, und zwar sofort. »Okay, ist sonst noch was Wichtiges? Ich muss los. Die Schule ruft!«
»Du willst doch nicht etwa schon wieder gehen?«, fragt sie vorwurfsvoll.
»Mutti, bitte. Morgen nehme ich mir wieder etwas mehr Zeit.«
Sie hat ihre Augen jetzt gefährlich zusammengekniffen. Ein eindeutiges Signal, dass sie kein offenes Ohr für Ausnahmen hat.
»Dann hättest du gar nicht erst kommen sollen. Und was deine Schule angeht …« Allein, wie sie Schule sagt, klingt das sehr verächtlich, aber es kommt noch schlimmer: »Andere geben ihre Jobs auf, um sich besser kümmern zu können. Deine Cousine Maike, die hat sich sogar frühpensionieren lassen, um ihre Mutter zu sich zu holen, damit sie nicht in so ein Heim muss.«
Das hätte sie nicht sagen dürfen! Mir schießen die Tränen in die Augen. Nicht nur wegen des gemeinen Subtextes, der da lautet: »Du tust gar nichts für mich!«, sondern weil ich in letzter Zeit so oft an Maike denken musste. Sie war die selbstloseste Person, die ich je kennengelernt habe. Bis zu dem Tod ihrer Mutter hat sie diese gepflegt. Und auch Tante Else war ganz bestimmt nicht so eine alte Dame, wie man sie gern um sich hätte. Nein, auch sie war weit entfernt vom Typus liebenswertes Großmütterchen mit einem Herzen aus Gold. Aber Maike hab ich nicht ein einziges Mal klagen hören. Sie war immer gleichbleibend liebevoll und sanftmütig. Und was war der Dank des Schicksals? Sie hat ihre Mutter gerade mal um zwei Jahre überlebt, weil sie vor lauter Sich-Kümmern um Tante Else ihre eigene schlimme Krankheit ignoriert hat.
Ich weiß, ich sollte mir ein Beispiel an all denen nehmen, die bereit sind, alles für ihre Eltern zu tun. Was habe ich denn schon auszustehen? Muss Muttis Konto in Ordnung halten, ihre Rechnungen zahlen, mit ihr zum Arzt gehen und sie ein wenig bei Laune halten.
Mein Kopf dröhnt. Ich habe das Gefühl, es ist mein schlechtes Gewissen, das gegen die Schläfen pocht, weil ich so entsetzlich egoistisch bin …
Und trotzdem kann ich nicht aus meiner Haut. Ich verlasse das Zimmer meiner Mutter, ohne mich noch einmal umzudrehen. Auf dem Flur lehne ich mich gegen eine Wand und schluchze laut auf. Ich höre erst auf, als sich eine Hand tröstend auf meine Schulter legt. Es ist Britta, eine der Pflegerinnen.
»Ist was mit Ihrer Mutter?«, erkundigt sie sich mit sanfter Stimme.
»Nein, sie ist in Ordnung. Es geht ihr gut. Ich … ich …«
»Das ist auch alles für Sie nicht so einfach.«
Ich schaue Britta verwundert an, und meine Tränen versiegen auf der Stelle. Sollte es tatsächlich jemanden auf dieser Welt geben, der auch Verständnis für diese durch und durch egoistische Tochter hat?
»Ach, sie hat ein paar Sachen gesagt, die nicht so nett waren, und statt darüber hinwegzugehen, bin ich wie ein Kleinkind aus dem Zimmer gerannt«, stoße ich entschuldigend hervor. »Ich gehe gleich zurück und mache das wieder gut.«
»Nein, Sie gehen jetzt einfach.« Britta lächelt mich an. »Wissen Sie, es trifft immer diejenigen, die unseren alten Herrschaften am nächsten stehen. Aber trotzdem müssen Sie das nicht stoisch ertragen. Ich schaue gleich mal nach ihr. Und wenn es Sie tröstet: Sie hat das bestimmt schon wieder vergessen.«
Ich blicke die Pflegerin verunsichert an und rühre mich nicht vom Fleck. Schwester Britta bleibt einfach stehen und sieht mich an.
So stehen wir da. Wären wir in einem Western, würde vermutlich eine von uns irgendwann einen Revolver ziehen. Aber Britta will mich zum Glück nicht niederschießen, sondern nur vor mir selbst schützen.
»Sie haben ja recht!« Ich setze ganz langsam einen Fuß vor den anderen … und kann nicht leugnen, dass es guttut, Absolution für meinen Frevel zu bekommen. Aber geheuer ist mir das nicht. Die Last meines schlechten Gewissens droht mich zu erdrücken. Ich nehme mir fest vor, morgen alles unwidersprochen hinzunehmen, was Mutti so von sich gibt, und endlich einmal eine dieser Mustertöchter zu sein, von denen stets in den Demenzbüchern zu lesen ist …
Als ich mich meinem Auto nähere, weicht mein Vorsatz allerdings dem blanken Entsetzen, denn vor meinem Fiat steht quer ein weißer Mercedes. Von dem Besitzer weit und breit keine Spur. Er hat mich so hinterhältig zugeparkt, dass ich Obelix sein müsste, um mein Auto aus dieser Falle zu hieven. Ein Blick auf meine Uhr zeigt mir, dass mir keine Wahl bleibt als die Flucht nach vorne. Ich notiere auf einem Zettel meine Handynummer und klemme ihm diesen hinter den Scheibenwischer. Es kostet mich einige Selbstbeherrschung, ihm nicht noch eine kleine Delle in die Tür zu treten. Dabei weiß ich doch im Grunde ganz genau, dass er im Recht ist, aber ich brauchte gerade unbedingt jemanden oder zumindest etwas, an dem ich meinen geballten Zorn über das ungerechte Leben auslassen dürfte. Aber so wie der Kerl drauf ist, steht der jetzt irgendwo hinter einer der alten Eichen im Park und beobachtet mich, weil er mich aller Wahrscheinlichkeit nach für hochgradig gestört hält, was ich ihm nicht einmal übel nehmen könnte.
Wütend zerre ich meine Schultasche aus meinem Wagen und rufe mir ein Taxi. Während ich warte, schwappt ein ganzer Schwall negativer Gedanken durch mein Hirn: Warum immer ich? Was mache ich bloß falsch? Was macht das alles für einen Sinn? Und jetzt auch noch das! Ich kann nicht mehr!
»Ich kann nicht mehr.« Das hat Mutti mit schöner Regelmäßigkeit unter anderem an Heiligabend gestöhnt, wenn mein Vater kurz vor der Bescherung zu irgendeinem ungeschickten Deppen gerufen wurde, der versucht hatte, sich mit der Geflügelschere zu massakrieren. Gerade als bei uns der Rotkohl zur Gans aufgetragen wurde. Wie ich das gehasst habe. Nicht nur, dass die Patienten unser Weihnachtsfest gestört haben, sondern auch, dass Mutti, statt uns aufzumuntern, theatralisch zur Schau gestellt hat, was sie für ein schweres Los zu tragen hatte.
Plötzlich kommt mir in den Sinn, dass sie jedes verdammte Weihnachten seit mittags in der Küche gestanden hat, um dieses Essen zu zaubern, nachdem sie bereits den halben Tag als Helferin geschuftet hatte, weil mein Vater keine Fremden in der Praxis haben wollte. Vielleicht sollte ich es in Zukunft zur Abwechslung mal über die Solidaritätsschiene probieren, so nach dem Motto: »Was bei dir früher die widerborstigen Kinder waren, ist für mich jetzt eine widerborstige Mutter …« Nein, ich glaube, das sollte ich lieber lassen, zumal sie sich aller Wahrscheinlichkeit ohnehin nicht mehr daran erinnert, und wenn, würde sie wohl leugnen, der Familie jemals mit diesem Satz ein schlechtes Gewissen gemacht zu haben.
Als ich schließlich in allerletzter Sekunde vor dem Beginn der dritten Stunde über die Flure der Schule hetze, um pünktlich in der Klasse zu sein, muss ich an einer Gruppe weiblicher Pubertiere vorbei, die ich nur aus dem Vertretungsunterricht kenne. Ich weiß nicht, was sie tuscheln, aber an der Art und Weise, wie sie auf den Saum meiner Jacke stieren, ahne ich, worüber sie sich amüsieren und, vor allem, über wen. Da bleibt nur eines: Kreuz gerade und mit hocherhobenem Haupt weiterstolzieren. Bloß keine Schwäche zeigen!
»Nun sag doch endlich, was mit dir los ist. Ist es der Kreislauf?«, fleht mich Jens Krämer, unser Direktor, Englisch und Geschichte, zum wiederholten Male an und beugt sich dabei so tief zu mir herunter, dass mich sein warmer Atem und mehr als ein Hauch von Zaziki streift. Wenn er doch endlich den Mund halten und mich weiter Löcher in die Luft starren lassen würde. Ich störe doch keinen, ich habe mich schließlich in die hinterletzte Ecke des Lehrerzimmers verzogen und dort auf den Linoleumboden gehockt. Der Albtraum heute Morgen, der Besuch bei meiner Mutter, die kleinen Malheure am Steuer, meine eingesauten und kaputten Klamotten – die anschließende Doppelstunde Deutsch in der fünften Klasse, in der ich vergeblich versucht habe, einer Horde von Computerkids die Pronomen näherzubringen, hat mir endgültig den Rest gegeben. Ich kann nicht mehr, hämmerte es in meinem Kopf, während ich im Lehrerzimmer die Wand hinuntergerutscht bin. Der nächste Stuhl wäre zu weit gewesen.
Ich empfinde rein gar nichts mehr außer dem innigen Wunsch, dass sich die Meute, die um mich herumsteht, um ihren eigenen Kram kümmert und mich einfach nur Löcher in die Luft starren lässt.
»Julia! Hörst du mich?«
Ich nicke schwach, obwohl es besser wäre, endlich etwas zu erwidern. Sonst bringt Jens es noch fertig und holt den Notarzt. Aber selbst das ist mir egal, alles ist mir verdammt gleichgültig. Sogar, dass er mir seine obligatorische Knoblauchfahne ins Gesicht bläst. Wie oft habe ich ihm dezent gesteckt, wenigstens Pfefferminze zu inhalieren, wenn er schon unter der Woche nicht auf sein geliebtes Zaziki verzichten kann.
»Julia, Süße, steh auf. Ich helfe dir.« Das ist meine Freundin Susanne, Bio und Sport. Sie sieht mich dabei mit demselben betroffenen Blick an wie Pelle, ihren Dackel, wenn der sich mitten auf die Straße legt und man ihn nur noch mit roher Gewalt mit sich zerren kann. Das versucht sie jetzt auch bei mir, das mit der rohen Gewalt. Sie will meine Hand nehmen, um mich hochzuziehen, aber ich möchte lieber so sitzen bleiben.
»Lass mich«, knurre ich und fege die Hand, die mir helfen will, unwirsch zur Seite. Nun guckt sie mich so vorwurfsvoll an wie ihren Hund, wenn der sein Geschäft auf ihrem weißen Bettvorleger verrichtet hat. Für eine Sekunde überlege ich mir, sie anzubellen. Aber nein. Viel zu anstrengend …
»Ich weiß, was sie hat«, meldet sich nun Trudi, Deutsch wie ich, aufgeregt zu Wort. »So fing das bei mir auch an. Das ist ein Burn-out.« Sie blickt triumphierend in die Runde, als würde sie von den anderen eine gute Note für ihren Einwurf erwarten. Jens aber reagiert prompt mit einem Schweißausbruch. Er weiß nämlich, was das für ihn bedeuten würde: Totalausfall meiner Person für Monate und die Suche nach geeigneten Vertretern. Trudi ist nämlich erst seit ein paar Wochen wieder in der Schule, nachdem sie ein halbes Jahr krankgeschrieben war. Was habe ich mich darüber aufgeregt, als ich monatelang Vertretung für sie machen musste, denn gegen ihre unerzogenen Klassen sind meine eine wahre Ansammlung an Musterschülern. Ich glaube, ich habe im Lehrerzimmer so was verbreitet wie: Ein Burn-out sei nichts weiter als ein Sargnagel für die Kollegen, die nun doppelt schuften müssten.
Ich wundere mich, dass ich nicht laut aufschreie. Burn-out, das ist auf jeden Fall was für hypersensible Trudis, aber doch nicht für mich! Zieht doch endlich Leine, denke ich und wedele müde mit meinem Arm in der Luft herum, als wollte ich einen Schwarm Schmeißfliegen verscheuchen.
»Oh Gott, und ich habe die Anzeichen nicht richtig gedeutet. Sie war die letzte Zeit extrem reizbar«, höre ich Susanne stöhnen. Das ist nicht zu fassen! Meine beste Freundin scheint Trudis selbst gestrickter Diagnose unkritisch zu folgen.
»Genau, so war das auch bei mir. Sie sollte unbedingt versuchen, in die Klinik am Scharmützelsee zu kommen. Und sie soll den Therapeuten sagen, dass ich ihr den Tipp gegeben habe …«
Oh nein, alles, nur das nicht. In der Klinik haben wir Trudi einmal besucht, und ich habe noch gedacht, da möchte ich nicht tot überm Zaun hängen.
Der Ton einer schrillen Glocke signalisiert, dass die zweite große Pause vorüber ist, und lässt mich endgültig wieder zu Verstand kommen. Es nützt alles nichts. Ich muss denen beweisen, dass ich wieder voll funktionstüchtig bin. Sonst lande ich womöglich tatsächlich noch am Scharmützelsee …
»Leute, ich habe ein paar Nächte durchkorrigiert. Ich bin nur etwas übermüdet«, verkünde ich genervt. Mir tun zwar alle Knochen weh, aber ich rappele mich, ohne mir etwas anmerken zu lassen, auf und steige in meine Ballerinas, die mir von den Füßen gerutscht sind. Zielstrebig greife ich nach einem Stapel Hefte, die ich meinem Deutschleistungskurs zurückgeben muss. Meine Scheißegalstimmung verwandelt sich in leichte Panik, denn es ist absolut bedrohlich, wie mich sechs Kollegen-Augenpaare mitfühlend bis panisch anstarren.
»Was wollt ihr denn alle von mir? Ich habe mich nur ein bisschen ausgeruht!«, blöke ich los und verlasse hocherhobenen Hauptes das Lehrerzimmer. Ich fühle mich immer noch wie vom Trecker überfahren, aber deshalb bin ich noch lange kein Psychowrack. Okay, ich hätte mich nicht auf den Boden hocken sollen. Das macht man nicht ungestraft in einem deutschen Lehrerzimmer.
Schon höre ich hektische Schritte hinter mir. »Julia, so kannst du unmöglich in die Klasse gehen! Du bist krank«, keucht Susanne. Mir bleibt nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben. Sonst weiß es gleich die ganze Schule: Frau Dr. Rose hat Burn-out!
»Was ist denn noch?«, frage ich unwirsch. Sie zieht mich abseits in eine Ecke, nachdem eine Gruppe von Schülern auf dem Flur bereits tuschelnd stehen geblieben ist.
»Julia, weißt du, das da war gerade richtig beängstigend. Du warst überhaupt nicht mehr ansprechbar. Du musst dringend in Behandlung.«
»Ich war müde, nachdem ich fast fünf Tage am Stück kaum geschlafen habe. Ich korrigiere bis in die Nacht hinein, weil ich nach der Schule immer noch bei meiner Mutter bin und ständig irgendwelche Besorgungen für sie erledigen muss. Das kann doch jedem mal passieren«, fauche ich sie an.
»So nicht! Du hast am Boden gehockt wie ein Zombie, und das dir, bei der alles immer perfekt sein muss. Bei Trudi …«
Ich habe Susanne wirklich gern, aber sie geht mir gerade mächtig auf den Geist. Ich werfe ihr einen Killerblick zu. Sie versteht und erspart mir einen weiteren Vergleich mit unserer werten Kollegin.
»Jetzt hör doch mal auf, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, weil ich mal für drei Minuten nicht funktioniert habe«, zische ich, während ich mir fest vornehme, dass mir so etwas nie wieder passieren darf.
»Julia, das war ein höchstes Alarmzeichen. Du musst etwas tun, bevor es zu spät ist. Ich hätte es wissen müssen. Allein, dass wir uns privat nicht mehr sehen. Das ist ein klares Indiz für einen ausgebrannten Zustand.«
»Hat dir das unsere Burn-out-Spezialistin geflüstert?«, gebe ich in spitzem Ton zurück.
