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Kaley Sullivan ist jung, attraktiv und selbstbewusst. Ihr Job in einem Callcenter ist nicht besonders spannend, hält sie aber über Wasser. Umso mehr genießt sie den glamourösen Partyabend mit ihren Freundinnen, nichts ahnend wie dieser enden wird. Ohne den Einsatz des Polizisten Zac Gregory hätte Kaley diese Nacht kaum überlebt. Officer Gregory war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, kann das Schlimmste verhindern und Kaley vor einem blutigen Übergriff retten. Immer wieder besucht er sie in der Klinik. Zum einen um ihre Aussage aufzunehmen und zum anderen um ihr beizustehen und sie mental aufzubauen. Dabei kommen sich die beiden näher, obwohl Gregory mit seiner Kollegin Shelly liiert ist. Aber ihre Gefühle lassen sich nicht unterdrücken, sie verlieben sich und Kaley geht es langsam besser. Dann holt Gregory sie eines Tages plötzlich aus der Klinik und bringt sie auf das Anwesen seiner Eltern. Dafür hat er gute Gründe, denn der Übergriff auf Kaley hat weitreichende und verhängnisvolle Folgen. Nach einer kurzen entspannten Zeit zusammen überschlagen sich die Ereignisse und Kaley realisiert: Möchte sie hier heil rauskommen, muss sie stark sein und sich Gregory voll und ganz anvertrauen.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Über das Buch:
Kaley Sullivan ist jung, attraktiv und selbstbewusst. Ihr Job in einem Callcenter ist nicht besonders spannend, hält sie aber über Wasser. Umso mehr genießt sie den glamourösen Partyabend mit ihren Freundinnen, nichts ahnend wie dieser enden wird. Ohne den Einsatz des Polizisten Zac Gregory hätte Kaley diese Nacht kaum überlebt. C.I. Jordan präsentiert mit ihrem Debütroman „Der gläserne Schmetterling“ eine Liebesgeschichte, die alle Merkmale eines Thrillers aufweist.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Danksagung
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
© 2023, C. I. Jordan
Satz u. Layout / e-Book: Gabi Schmid · Büchermacherei · buechermacherei.de
Lektorat: Ursula Hahnenberg · Büchermacherei · buechermacherei.de
Covergestaltung: OOOGrafik · ooografik.de
Bildquellen: Autorin, #50566968, #148031488, #171764822, #216412493, #16412848, #290309341, #367144952 | AdobeStock; #59118848 | Fotolia
Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
ISBN Softcover: 978-3-347-52100-1ISBN Hardcover: 978-3-347-52102-5
ISBN EBook: 978-3-757-92851-3 (Version 2.0 Veröffentlichung über tolino media GmbH & Co. KG, Albrechtstr. 14, 80636 München)
Für Franco
Meine wahrgewordene Liebesgeschichte.
Dein Rückhalt und Deine Liebe
haben mir die Kraft gegeben dieses Buch zu schreiben.
Ohne Dich hätte ich das alles nicht geschafft.
Außerdem widme ich dieses Buch
Rola El-Halabi und allen Teilnehmern
ihres ersten Coachings »Mentale Stärke«.
Ohne Euch hätte ich möglicherweise
nie wieder angefangen zu schreiben.
Danke für die vielen inspirierenden
und motivierenden Gespräche.
Last but not least widme ich dieses Buch
Deputy Danny Oliver und seiner Familie.
Er wird immer in Erinnerung bleiben …
Liebe ist zart wie ein Schmetterling. So fein und filigran und doch kann sie jeden Moment zerbrechen. Kaley sah dem kleinen Wesen zu, wie es davonflatterte. Dabei dachte sie daran, wie es bei ihr gewesen war. So viele schöne, aber auch unschöne Momente waren geschehen. Ihr Blick bekam etwas Melancholisches, als sie an diese Zeit zurückdachte. Wie sehr sie sich doch verändert hatte …
An jenem Morgen machte Kaley im Halbschlaf ihren Wecker versehentlich aus und anstelle der geplanten fünf Minuten schlief sie über eine Stunde länger. Verdammt, wenn sie zu spät kam, konnte sie das ihren Job im Callcenter kosten! Dort war Pünktlichkeit oberstes Gebot. Den ganzen Tag am Telefon zu sitzen, Kunden zu beraten und deren Probleme mit ihrem Streamingdienst zu lösen, war nicht die aufregendste Tätigkeit, die Kaley sich vorstellen konnte. Mit ihrem schlechten Zeugnis war sie nach der High School aber froh gewesen, überhaupt etwas zu finden. Seitdem waren ein paar Jahre vergangen und sie war immer noch da. Irgendwie hatte sich nichts anderes ergeben.
Um noch einigermaßen pünktlich zu erscheinen, sprang sie in ihr Auto und drückte aufs Gas. Die rote Ampel musste sie vor lauter Hektik übersehen haben. Und als wäre das nicht schon ärgerlich genug, wurde sie nicht nur geblitzt, sie hatte auch noch einen Streifenwagen auf sich aufmerksam gemacht. Auf dessen Dach entzündete ein blinkendes Feuerwerk, das Kaley erst bemerkte, als er die Sirene einschaltete. Sie fuhr rechts ran. Ein Cop trat an ihr Auto heran und nahm seine Sonnenbrille ab. Er schob sich seine Schirmmütze in den Nacken und kratzte sich mit dem Daumen am Ansatz seiner dunkelblonden Haare. Seine meerblauen Augen schienen das Innere ihres Wagens abzusuchen, dann sah er sie skeptisch an. Kaley erwiderte seinen Blick mit einem – wie sie hoffte unschuldigen Lächeln, als könnte sie kein Wässerchen trüben.
„Wissen Sie eigentlich, wie schnell Sie gefahren sind?“ Seine Stimme hatte einen genervten und gleichzeitig tadelnden Unterton.
„Naja, wenn Sie sich die Mühe machen, mich rauszuziehen, gibt es nur zwei Optionen: Entweder ich war sehr schnell oder Sie wollten mich kennenlernen.“ Sie zwinkerte ihm verstohlen zu, in der Hoffnung die Situation aufzulockern und ihn milder zu stimmen.
Das ließ den Officer völlig kalt. Er drückte ihr ein Knöllchen in die Hand. „Geschwindigkeitsbegrenzungen wurden nicht ohne Grund eingeführt.“ Er klopfte auf den Rahmen ihrer Autotür. „Schönen Tag noch, Miss.“
Kaley sah auf den Wisch. Na super! Ihren Führerschein war sie für die nächsten zwei Monate los und zur Nachschulung musste sie auch noch.
Die Nachschulung wurde auf einem Polizeirevier in einem etwas in die Jahre gekommenen Kursraum abgehalten und von einer etwas älteren Dame geführt, die vergessen zu haben schien, wie man lächelt. Sie wirkte auf Kaley unmotiviert und sie sah der Frau deutlich an, dass diese gerne wo anders gewesen wäre. Ihr senfgelbes Kostüm saß etwas zu eng und ihr Gesicht strahlte Bitterkeit aus.
Na, das konnte ein Spaß werden. Kaley setzte sich weit nach hinten und versuchte sich unsichtbar zu machen. Ihren schwarzen Hut zog sie sich etwas tiefer ins Gesicht. Die Stunde kam ihr wie eine Ewigkeit vor, als würde sie auch noch die Zeit für ihr zu schnelles Fahren bestrafen wollen. Hoffentlich ging der restliche Kurs schneller rum und sie hatte ihren Führerschein bald wieder. Kaley hasste Bahnfahren. Immer laut und hoffnungslos überfüllte Abteile. Außerdem brauchte sie mit dieser fast zwei Stunden zur Arbeit und mit dem Auto nur eine knappe Dreiviertelstunde. Ganz zu schweigen, wenn sie mit ihren Freundinnen ausgehen wollte. Dadurch bekam sie richtig zu spüren, wie unabhängig sie mit Auto gewesen war. Als die Stunde endlich vorbei war, gab sie ihren Besucherausweis wieder ab, den sie zum Betreten des Reviers benötigt hatte, und wollte nur noch schnell nach Hause. Auf dem Weg nach draußen suchte sie in ihrer Handtasche nach ihrem Handy, achtete nicht darauf, wo sie hinlief, und prallte gegen eine marineblaue Wand. Ein bittersüßer Geruch stieg ihr in die Nase. Da bewegte sich die blaue Wand. Ein Mensch! Ohne aufzuschauen, stammelte sie eine Entschuldigung und hastete die Treppe hinunter Richtung U-Bahn.
In ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung angekommen, stellte sie fest, dass sie nur noch eine schrumpelige Paprika und ein Glas Essiggurken im Kühlschrank hatte. Weder Toast noch Kaffee waren im Haus. Also nochmal raus und einkaufen. Kaley kramte in ihrer Handtasche und musste feststellen, dass ihr Geldbeutel verschwunden war. Das konnte doch nicht sein! Sie leerte die Tasche komplett aus und suchte zwischen Kaugummi, Schminkspiegel und Lipgloss nach dem Portemonnaie. Nichts. Wo konnte es nur sein? Hatte sie es in der U-Bahn liegen lassen oder hatte es jemand aus ihrer Tasche gestohlen?
Langsam dämmerte es ihr. War es vielleicht bei dem Zusammenstoß im Revier herausgefallen? So musste es sein, eine andere Möglichkeit gab es nicht. Das hieß, sie musste morgen nochmal da hin. Das Revier war kein Ort, an dem sie gern war. Abgesehen davon war es mit der Bahn ein ziemlicher Aufwand dort hinzukommen, sie musste einige Male umsteigen. Mit dem Auto wäre es deutlich einfacher gewesen, selbst mit dem üblichen Verkehr. Sie seufzte. Was blieb ihr anderes übrig? Wenn sie ihr Portemonnaie wiederhaben wollte, musste sie da hin. Kaley verdrehte genervt die Augen und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Dann bestellte sie sich online eine Pizza.
Am nächsten Tag fuhr sie nach der Arbeit zum Revier und fragte am Empfang nach, ob gestern jemand nach der Schulung ihren Geldbeutel gefunden hatte. Der junge Mann hinter der Glasscheibe verneinte und fragte sie, ob der verlorene Gegenstand vielleicht eine Telefonnummer enthielt. Der Finder würde sich doch bestimmt bei ihr melden. Er wirkte, als käme er ganz frisch von der Akademie. Kurze schwarze Haare, ein unsicheres Lächeln und die Krawatte saß schief. Er hätte auch ihr kleiner Bruder sein können. Natürlich hatte sie Respekt vor ihm, schließlich war er Cop. Dennoch weckte er in ihr schwesterliche Gefühle. Kaley schüttelte den Kopf und wandte sich schon zum Gehen.
„Möchten Sie vielleicht Ihre Telefonnummer bei uns hinterlegen? Falls Ihre Geldbörse gefunden und hier abgegeben wird, kann die Wache sich bei Ihnen melden“, bot ihr der Officer freundlich an.
„Okay, viel Hoffnung, dass er noch auftaucht, habe ich zwar nicht, aber wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Sie kritzelte ihre Handynummer auf einen Zettel und schob sie ihm unter der Glasscheibe zu. „Hier hast du sie, Schätzchen. Und vielen Dank für deine Hilfe.“ Kaley schenkte ihm ein sympathisches Lächeln, zog ihren Hut ins Gesicht und machte sich auf den Heimweg.
In den nächsten Tagen versuchte sie, sich nicht mehr über den Verlust des Geldbeutels zu ärgern. Die Kreditkarte ließ sie sperren und sie beantragte einen neuen Personalausweis. Durch die vielen Kundengespräche im Callcenter war sie so eingespannt, dass ihr kaum Zeit blieb darüber nachzudenken. Auch wenn ihre Arbeit hier nicht gerade spannend war, strapazierten die zähen Gespräche ziemlich ihre Nerven. Ruhig und freundlich zu bleiben, war schon eine Kunst. In den Pausen lenkte sie sich deswegen oft mit lustigen Tiervideos ab. So auch heute. Allerdings wurde sie dieses Mal von einem Anruf unterbrochen.
„Hallo?“
Die Stimme am anderen Ende hörte sich an als hätte derjenige Eisenspäne gegessen. „Hallo, hier spricht Officer Zac Gregory. Ich rufe an, weil ich Ihren Geldbeutel gefunden habe. Sie haben ihn bei unserem kleinen Zusammenstoß vor ein paar Tagen verloren.“
Im ersten Moment wusste Kaley nicht, ob sie sich freuen oder ärgern sollte. Schließlich hatte sie jetzt umsonst ihre Karte gesperrt und einen neuen Ausweis beantragt.
„Hallo, sind Sie noch dran?“
Sie räusperte sich und überspielte ihre Überraschung mit einem Lächeln in ihrer Stimme. „Ja, ich bin noch dran und ich danke Ihnen vielmals für Ihren Anruf. Ehrlich gesagt, habe ich nicht mehr damit gerechnet, dass sich jemand meldet.“
„Ich hätte mich gerne früher bei Ihnen gemeldet, allerdings war ich in den letzten Tagen krankheitsbedingt außer Gefecht gesetzt. Ein Verdächtiger hatte mich bei einer Verfolgungsjagd unsanft eine Treppe hinunterbefördert. Ihre Geldbörse ist aber sicher in meinem Spind auf der Wache verwahrt.“
Die Stimme des Officers klang etwas kratzig, aber sympathisch. Er musste husten. „Entschuldigung. Ich wurde erst gestern aus der Klinik entlassen und das Atmen ist noch etwas schmerzhaft.“
„Oh mein Gott, das hört sich ja furchtbar an! Sind Sie denn wirklich schon so fit, dass Sie das Krankenhaus verlassen durften?“
Ein verständnisvolles Lächeln war die Antwort.
„Machen Sie sich darüber mal keine Gedanken. Mir geht es schon viel besser, auch wenn man es meiner Stimme noch nicht ganz anhört. In zwei Tagen darf ich bereits wieder den Dienst aufnehmen, dann werde ich auch Ihr Portemonnaie am Empfang für Sie hinterlegen. Officer Greeny wird es Ihnen dann aushändigen. Passen Sie am besten künftig besser darauf auf, sonst muss ich Sie vielleicht wieder anrufen.“ Er lachte und musste im selben Moment wieder husten.
„Wäre das denn so schlimm?“, fragte sie, lachte ebenfalls und legte auf. Im selben Moment fiel ihr ein, dass sie sich gar nicht richtig bei dem Officer bedankt hatte. Sofort plagte Kaley das schlechte Gewissen. Er war so nett gewesen sie anzurufen und sie hatte sich nicht mal richtig bei ihm bedankt. Das musste sie auf jeden Fall nachholen, sobald sie ihre nächste Nachschulung auf dem Revier hatte.
Vor ihrer nächsten Kursstunde fragte Kaley Officer Greeny nach ihrem Geldbeutel. Er schob ihn ihr zusammen mit ihrem Besucherausweis und einem netten Lächeln unter der Glasscheibe durch. Sie kontrollierte, ob alles da war, und nickte dann zufrieden.
„Danke, Schätzchen.“
Ja, er war schon hübsch, wirkte aber sehr jung. Wie ihr kleiner Bruder. Mit einem freundlichen Lächeln verabschiedete Kaley sich und ging in ihren Kurs.
Heute hatte das Kostüm scheinbar besonders viele Zitronen gegessen. Das Thema: Wer hat Vorfahrt? Das Taxi, der Bus oder die Fußgängerin? Nachdem Kaley die Fußgängerin versehentlich fünfmal überfahren hatte und die Kursleiterin sie jedes Mal in einem herablassenden Tonfall korrigiert hatte, – die anderen Teilnehmer kamen definitiv besser weg – platzte ihr der Kragen und sie fegte mit einer Hand die Figuren vom Tisch. „Raus mit Ihnen!“, bellte das Kostüm. „Und kommen Sie in der nächsten halben Stunde bloß nicht zurück!“
„Keine Sorge. So schnell sehen Sie mich nicht wieder!“, zischte Kaley und rauschte aus dem Seminarraum. Gott sei Dank! Erstmal Kaffeepause. So kam sie wenigstens für einige Minuten aus dem Raum und weg von dieser furchtbaren Frau.
Auf dem Weg zum Automaten fiel ihr ein Officer auf, dem offenbar ziemlich übel mitgespielt worden war. Sein Gesicht zierten ein dickes Pflaster an der linken Schläfe, eine gebrochene Nase und blaue Flecken am Kinn. Er war ins Gespräch mit einer blonden Kollegin vertieft. Kaley versuchte, ihn sich ohne die Blessuren vorzustellen. Oh nein, das war der Cop, der ihr das Knöllchen aufgebrummt hatte! Sie zog sich ihren Hut etwas tiefer in die Stirn und lief rasch an den beiden vorbei.
Am Kaffeeautomaten warf sie ein 50 Cent Stück ein und wartete darauf, dass sich das schwarze Gold in ihren Becher ergoss. Die Maschine dampfte und zischte und tat mit einem Brummen, was sie von ihr verlangte. Sie hatte sich gerade den Becher genommen, da tippte ihr jemand auf die Schulter. Sie fuhr vor Schreck so schnell herum, dass sich der leckere Kaffee über den hinter ihr stehenden ergoss. Der verletzte Officer machte einen Satz zurück und fluchte. Wie ein nasses Tuch klebte das Hemd an seinem trainierten Körper, seine Sicherheitsweste zeichnete sich deutlich unter dem dünnen Stoff ab.
Kaley riss vor Schreck die Augen auf und machte einen Schritt zurück. „Oh Gott, das tut mir leid.“
„Beschützen muss man Sie definitiv nicht. Sie können sich wunderbar selbst verteidigen“, ächzte er.
Sie zog aus dem Spender neben dem Automaten ein paar Servietten und drückte sie ihm in die Hand. „Ich helfe Ihnen besser nicht, sonst richte ich nur noch mehr Schaden an.“
In diesem Moment kam die blonde Barbie angerannt. „Schatz, ist alles in Ordnung mit dir?“ Sie nahm dem Officer die Servietten ab und versuchte die Stellen, die der Kaffee auf seinem Hemd getroffen hatte, trocken zu tupfen.
Bei ihrer Berührung zuckte der Cop zusammen und verzog das Gesicht vor Schmerz. Mit einer Hand schob er seine Freundin sanft zur Seite. „Alles in Ordnung. Ich komme zurecht.“ Sein Tonfall wirkte ruhig, aber Kaley konnte ihm seine Anspannung ansehen.
„Okay, wenn du mich brauchst, ich bin da.“ Sie sah Kaley böse an und ging zurück an ihre Arbeit.
„Sie als Entschuldigung auf einen Kaffee einzuladen, wäre wahrscheinlich keine gute Idee nehme ich an?“ Zerknirscht schaute Kaley ihn an.
„Da liegen Sie vollkommen richtig. Mir wäre jetzt eher nach etwas zur Abkühlung, wie einem Bier. Ich bin aber noch im Dienst, daher muss ich erstmal mit einem Kühlakku vorliebnehmen.“ Er drehte sich weg und wollte gehen.
„Was wollten Sie denn von mir?“, rief sie ihm nach.
Gregory verharrte im Gehen. „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob Sie Ihren Geldbeutel wiederhaben.“
„Ach so. Sie haben ihn gefunden? Dann sind Sie Officer Gregory? Ja, Greeny hat ihn mir gegeben.“ Sie räusperte sich. „Ich habe mich noch gar nicht richtig bei Ihnen bedankt. Das würde ich gerne nachholen.“ Kaley gab ihrer Hutkrempe einen Stups, damit sie ihn besser sehen konnte.
Officer Gregory drehte sich zu ihr um.
„Wie lange haben Sie denn noch Dienst? Ich würde Sie gerne auf das angesprochene Bier einladen.“
Er zog die Stirn kraus und musterte sie.
Verlegen strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr und sah zur Seite. Sie konnte förmlich spüren wie sein Blick von ihren schwarzen Boots, über den lila-schwarz-karierten Faltenrock und bis zu ihrem Hut wanderte.
„Sie müssen mir nichts ausgeben. Ist schon in Ordnung.“ Damit wandte er sich ab und ging.
Das konnte sie so nicht stehen lassen. Nach dem Kurs lief sie zum nahegelegenen Supermarkt und kaufte ein Sixpack von ihrem Lieblingsbier. Anschließend lief sie zurück zum Revier und stellte es Greeny vor die Glasscheibe. „Könnten Sie das bitte an Officer Gregory weitergeben? Das schulde ich ihm noch.“
Der junge Mann kam hinter der Abtrennung hervor und nahm das Bier entgegen.
„Kein Problem. Allerdings muss ich es vorher von unseren Drogen- und Sprengstoffexperten untersuchen lassen. Danach kann ich es gerne an ihn weitergeben.“ Er sah todernst aus, als er das sagte, sodass Kaley verunsichert war, ob er scherzte.
Sie legte die Stirn in Falten. „Ich will ihn damit weder umbringen noch in die Luft sprengen. Es ist lediglich eine kleine Entschuldigung für mein Benehmen heute Nachmittag.“ Sie wandte sich zum Gehen, da fiel ihr noch etwas ein. „Oh, und am besten Sie legen es vorher in den Kühlschrank. Warmes Bier würde ihm nach dem Tag glaube ich nicht so gut schmecken.“ Kaley lächelte Greeny an und ging nach Hause.
Am Freitag stand Mädelsabend an, ein ganz besonderer. Kaley stand in ihrem winzigen Bad vor dem Spiegel und machte sich fertig, einen Gin-Tonic auf dem Waschbecken und das Radio aufgedreht. Sie sang laut mit und tanzte zum Rhythmus der Musik. Der silberne Lidschatten glitzerte und Eyeliner umrahmte ihre braunen Augen. Das Partykleid hing an der Badezimmertür und wartete geduldig auf sie. Es war ein wunderschönes, knöchellanges blaues Paillettenkleid mit tiefem Beinschlitz auf der linken Seite. Hinten hatte es eine Schnürung, die einen tollen Blick auf ihren Rücken freigab. Mit dem Lockenstab formte sie ihr Haar zu Wellen, die sanft über ihren Rücken fielen. Zwei silberne Kämme hielten die Haare aus dem Gesicht. Gleichfarbige Stilettos rundeten ihr Outfit ab.
Kaley kippte den letzten Schluck ihres Getränks, nahm ihre blaue Clutch und ging hinunter zum Taxi. Ihre Freundin Amber hatte Tickets für die Maskenparty „Theater of Dreams“ im Luxushotel „The X“ ergattern können. Um sich das Kleid und das Ticket leisten zu können, hatte Kaley fast ein Jahr lang gespart. Diese Party war über die Landesgrenzen der USA hinweg bekannt und sehr beliebt. Hier traf sich das Who-is-Who der High Society der Vereinigten Staaten von Amerika. Wer an eine Karte kam, hatte das große Los gezogen. Jedes Jahr wurde unter den Gästen ein besonderer Preis verlost. In den sozialen Medien hatte sie gelesen, dass es im vorigen Jahr eine Armbanduhr aus Platin gewesen war.
Vor dem Hotel warteten Amber und Gabby, ebenfalls in Paillettenkleidern. Das von Amber war golden und brachte ihr rotes Haar super zu Geltung. Gabbys Kleid war schwarz-weiß gestreift und passte hervorragend zu ihren dunklen Locken.
Nach einer kurzen Begrüßung betraten die drei Frauen die Eingangshalle des Hotels. Dort wurde ihre Karte kontrolliert und nach dem Sicherheitscheck bekam Kaley eine bunte Maske ausgehändigt. Sie ließ den Blick durch die Eingangshalle schweifen und war von deren Anblick überwältigt. Das Hotel war mit bunten Blumenarrangements und verschiedenen Filmplakaten geschmückt worden und spiegelte das Thema des Abends wider. Der Springbrunnen in der Mitte der Eingangshalle glitzerte und die Wassertropfen fielen wie kleine Diamanten in das Becken. Die hohe Decke zeigte ein großes Bild mit Pfauen. Von weitem drang Musik an ihre Ohren.
Im Festsaal stockte ihr der Atem. Es war eine gigantische Halle mit einer riesigen Discokugel an der Decke. Von dieser aus zogen sich lange, weiß-funkelnde Stoffbahnen in alle Ecken. Verschiedene Skulpturen zierten den Raum und eine riesige goldene Filmrolle stand in der Mitte des Saals. Das Ende der Halle wurde von einer gigantischen Bar gekrönt. Sie erstreckte sich bis zur Decke. Auf den Flaschen spiegelte sich das Licht der Discokugel. Männer in dunklen Anzügen, offenbar die Security, waren über den ganzen Saal verteilt und beobachteten das Geschehen. Ein Kellner kam mit einem Tablett zu ihnen und sie nahmen sich jede ein Glas Champagner.
Kurz darauf verstummte die Musik. Ein älterer Herr betrat die Tanzfläche, in einer Hand ein Mikrofon. „Herzlich willkommen zu unserer diesjährigen Maskenparty „Theater of Dreams“. Mein Name ist Steven MacCenzy und ich freue mich, Sie alle hier begrüßen zu dürfen.“ Seine Stimme hallte von den hohen Wänden. „Es erwartet Sie ein unvergesslicher Abend! Wie jedes Jahr gibt es bei unserem Gewinnspiel einen Preis jenseits Ihres Vorstellungsvermögens! Was es genau ist, erfahren Sie bei der Ziehung. Die Nummer auf Ihren Eintrittskarten ist gleichzeitig Ihre Losnummer. Um Mitternacht wird der Gewinner oder die Gewinnerin bekanntgegeben. Bis dahin wünsche ich Ihnen einen wunderschönen Abend! Lassen Sie sich verzaubern!“
Die Menge applaudierte und die Musik setzte wieder ein. Die Tanzfläche füllte sich. Der Bass hallte durch den Raum und brachte die Gläser zum Klirren.
„Die Party wird der Wahnsinn“, brüllte Gabby. Mit einem Zug leerte sie ihr Glas. „Auf geht’s, lasst uns die Bar testen! Vielleicht hat es dort ein paar Singles!“ Sie zwinkerte, stellte dem nächsten Kellner ihr Glas auf das Tablett und ging zielstrebig auf das Ende des Raumes zu. Ihre beiden Freundinnen lachten und taten es ihr nach. An der Bar holten sie sich Tequila-Shots und stießen auf eine traumhafte Nacht an. Kurz darauf unterhielt sich Gabby schon angeregt mit einem gutaussehenden blonden Mann. Sie hatte nie Schwierigkeiten neue Kontakte zu knüpfen, dachte Kaley.
„Gabby, unser kleiner Männermagnet.“
Amber lachte.
„Komm, wir schauen mal, wer für uns in Frage kommen würde.“ Sie sahen sich zu beiden Seiten des langen Tresens um. Bis auf einen Mann mittleren Alters waren alle in Gespräche vertieft. Er war sehr schick gekleidet und schaute sie direkt an. Sein Blick hatte etwas Durchdringendes.
„Der ist ja gruselig. Es sieht aus, als würde er uns in seinen Gedanken die Kleider vom Leib reißen.“ Kaley drehte ihren Kopf weg und winkte den Barkeeper heran. „Zwei Bloody Marys für mich und meine Freundin.“
„So ganz verübeln können wir es ihm nicht. Wir sehen umwerfend aus.“ Amber kicherte und stupste sie mit ihrer Schulter an.
Kaley kicherte ebenfalls. Sie tranken ihre Cocktails und stürmten dann auf die Tanzfläche. Der DJ war der Hammer! So viel Spaß hatte Kaley schon lange nicht gehabt.
Amber krallte sich irgendwann einen der Kellner und verschwand mit ihm. Kaley nutzte die Gelegenheit und machte sich auf den Weg zur Toilette. Vor der ersten, nicht weit weg vom Saal, erstreckte sich eine ewiglange Warteschlange. Da nahm sie lieber den Weg zur nächsten in Kauf.
Der Boden war mit samtrotem Teppich ausgelegt und verschluckte fast ihre Schritte. Aus der Ferne hörte sie noch die Musik. Der Gang machte einen scharfen Knick nach links und gab den Blick auf einen langen Flur frei. Keine Menschenseele war zu sehen. In der Mitte des Gangs befanden sich die Toiletten. Selbst die waren der Wahnsinn! Goldene Schalen anstelle der klassischen Waschbecken und ein riesiger Spiegel im Barockstil. Der Waschtisch bestand aus schwarzem Marmor. Die Kabinen waren weiß vertäfelt.
Sie wusch sich gerade die Hände, da stürmte eine dunkelhaarige Frau in den Raum und stieß eine der Kabinentüren auf. Kurz darauf erklangen Würgegeräusche. Kaley klopfte an der Tür. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“
„Alles bestens.“, ertönte es von drinnen. Im gleichen Moment musste sich die Frau wieder übergeben.
„Das hört sich aber nicht gut an. Kann ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser bringen?“
Einen kurzen Moment war es still, dann erklang eine brüchige Stimme aus der Kabine. „Das wäre sehr nett. Vielen Dank.“
„Kein Problem. Ich bin gleich wieder da.“
Kaley bog gerade um die Ecke des langen Flures, da kam ihr der Mann entgegen, der sie und Amber an der Bar so angestarrt hatte.
„Hallo, Hübsche. So begegnen wir uns wieder.“ Seine Stimme hatte etwas Schmieriges und seine Augen blickten sie gierig an.
Ein ungutes Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit. Kaley trat einen Schritt zur Seite. „Tut mir leid, ich muss weiter. Meiner Freundin geht es nicht gut, sie braucht ein Glas Wasser.“ Mit einem weiteren Schritt zur Seite versuchte sie an ihm vorbeizugehen. Er schien aber etwas anderes mit ihr vorzuhaben. Mit einer Hand drückte er sie an die Wand, seine Finger glitten an ihrem linken Oberschenkel hoch bis zur Taille. Sie schubste ihn weg und versuchte zu fliehen. Er bekam sie aber noch am Arm zu fassen und schleuderte sie gegen die Wand. Ihr Hinterkopf knallte gegen den harten Untergrund und sie sah die Sterne tanzen.
„Warum willst du denn schon weg? Wir verstehen uns doch gerade so gut.“ Sein Gesicht kam ihrem sehr nahe. Ein Geruch nach Alkohol und Zigaretten drang in Kaleys Nase. Nur mit Mühe konnte sie den Brechreiz unterdrücken. Der Mann stand so dicht vor ihr, dass sie nicht mehr an ihm vorbeikam. Als er versuchte ihren Hals zu küssen, nutzte sie die Gelegenheit und biss ihm fest ins Ohr. Er schrie auf und sprang ein Stück zurück. Das nutzte sie und nahm die Beine in die Hand. Kaley schrie um Hilfe, aber es war keiner da, der sie hören konnte. Zudem hatte sie die Rechnung ohne ihr Kleid gemacht. Einer ihrer Stilettos verfing sich im Saum und brachte sie zu Fall. Sogleich war ihr Angreifer wieder bei ihr. Sein Griff umschloss ihren Unterarm wie einen Schraubstock, der ihr das Blut abschnürte.
„Du willst nicht hören? Dann musst du jetzt fühlen.“ Seine rötlichen Haare klebten an seiner Stirn. Seine Hand wanderte in sein Jackett und zog eine Spritze heraus. Die silberne Nadel blitzte auf, dann fraß sie sich durch ihre Haut.
„Nein!“ Kaleys Schrei wurde von seiner Hand erstickt, der Schmerz an ihrem Unterarm trieb ihr die Tränen in die Augen.
Was dann passierte, fühlte sich an wie ein schlechter Traum. Wie in Watte gepackt, unfähig sich zu bewegen, spürte Kaley weder den Schmerz an der Einstichstelle noch die Ohrfeige, die er ihr jetzt verpasste. Der Widerling packte sie an ihren Füßen und schleifte sie zur Herrentoilette. Bevor sie darin verschwand, sah Kaley, wie sich die Tür der Damentoilette einen Spalt breit öffnete.
Drinnen hievte der Mann sie auf den Waschtisch und versuchte wieder, sie zu küssen. Mit letzter Kraft drehte sie ihren Kopf zur Seite. Er packte sie an den Haaren und schlug ihren Kopf mit voller Wucht gegen den Spiegel, der zersplitterte. Scherben schnitten ihr ins Gesicht, etwas bohrte sich über ihrem Ohr in den Knochen. Das war ihm aber noch nicht genug.
Er drückte ihren Schädel gegen die Bruchstücke und schnitt ihr eine hässliche Wunde in die Kopfhaut. Den Schmerz fühlte sie nur dumpf. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie ihr das Blut auf die Schulter tropfte. Das Schwein küsste sie und grapschte ihr an die Brust. Ihr Protest war nur ein Blubbern. Sie hatte sich schon fast mit ihrem Schicksal abgefunden und hoffte nur noch, dass sie diesen Albtraum irgendwie überstehen würde. Unfähig sich zu wehren, ließ sie in ihrer Verzweiflung alles über sich ergehen, ihr Dämmerzustand erleichterte ihr, die Realität aus ihrem Geist auszuschließen.
Kurz vor der Grenze zur Ohnmacht, hörte sie plötzlich einen dumpfen Knall. Jemand riss den widerlichen Mann von ihr weg. Ein anderer zog ihre Augenlider hoch, sie verdrehte die Augen. Sie spürte, wie ihr Blut vom Kinn auf die Hand tropfte.
„Sie ist am Leben!“, erklang eine Männerstimme aus weiter Ferne. „Carter, ruf einen Krankenwagen! Hey, und Sie bleiben bei mir! Nicht einschlafen!“
Eine Hand legte sich an Kaleys Wange und hielt ihren Kopf fest, der sonst wieder zur Seite gekippt wäre. Im schummrigen Schleier vor ihren Augen zeichnete sich ein Gesicht ab, zur Hälfte von einer schwarzen Maske verdeckt, durch Schlitze funkelten Augen wie blaue Saphire.
„Sie müssen mir jetzt helfen, damit ich Sie hier herausbekomme. Okay?“
Kaley nickte schwach.
Ihr Retter legte sich ihren Arm um den Nacken, schob einen Arm unter ihre Knie, den anderen um ihre Schultern. Vorsichtig hob er sie hoch und trug sie zur Tür hinaus. Von weitem hörte Kaley Stimmen und Geschrei.
Es schien alles ewig weit weg. Sie konnte ausschließlich ihren Retter wahrnehmen. Ihr Kopf ruhte an seiner Brust und sie nahm seinen Duft wahr. Sie kannte diesen bittersüßen Geruch von irgendwoher, konnte sich nur nicht mehr daran erinnern, wo das gewesen war.
Die Wirkung der Spritze ließ langsam nach. Kaley konnte seinen Herzschlag spüren. Das regelmäßige Pochen gab ihr ein Gefühl von Sicherheit. Der Weg schien kein Ende zu nehmen, das war ihr aber egal. Ihr Schutzengel hätte sie immer weitertragen können. Sie war nur froh, dass der Albtraum vorbei war.
In der Eingangshalle kamen ihnen Rettungssanitäter mit einer Trage entgegen. Vorsichtig legte er sie darauf ab. Kaley versuchte etwas zu sagen, aber es kam nur unverständliches Gebrabbel heraus. Ihr Retter beugte sich zu ihr, um sie besser zu verstehen. Sie legte ihre blutüberströmte Hand an seine Wange. „Danke.“
„Ich bin froh, dass wir Sie noch rechtzeitig befreien konnten. Sie sind jetzt außer Gefahr. Die Sanitäter bringen Sie ins Krankenhaus.“
Sie lächelte ihn traurig an, eine Träne stahl sich in ihren Augenwinkel. „Bleiben Sie bei mir? Ich …“
Einer der Sanitäter unterbrach sie. „Wir müssen sie jetzt wirklich in die Klinik bringen. Entweder Sie lassen sie jetzt gehen oder kommen mit. Entscheiden Sie sich.“
„Bitte. Ich habe solche Angst.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. In ihrem Blick mischten sich die Furcht und der Schmerz des Erlebten. Ihre Augenlider flatterten. Die Hand war von seiner Wange gerutscht und hatte einen rotglänzenden Streifen hinterlassen.
Er schaute den Mann, der neben ihm stand, an. Dieser nickte ihm zu. „Geh ruhig mit, wir bekommen das hier auch ohne dich hin. Deine Aussage können wir noch später aufnehmen.“
Er richtete sich auf und nickte den Rettungskräften zu. „Okay, gehen wir.“
Sie wurde zum Krankenwagen gerollt und zügig eingeladen. Mit heulender Sirene und blinkenden Lichtern fuhr er los. Auf der Fahrt verlor sie immer wieder das Bewusstsein. Mal sah sie die vorbeiziehenden Lichter, dann schaute sie wieder in das Gesicht des Menschen, der sie befreit hatte. Er sprach mit dem Sanitäter, was genau, konnte sie nicht verstehen.
Unter seinem schwarzen Jackett blitzte eine Marke hervor, eine Waffe hob sich dunkel von seinem weißen Hemd ab, das im Brustbereich einige große Blutflecken abbekommen hatte. Der Duft, den sie vorher wahrgenommen hatte. War das der Cop, in den sie neulich reingelaufen war? Sie versuchte sich zu erinnern, da wurde ihr wieder schwarz vor Augen.
Als nächstes kam sie im Krankenhaus wieder zu sich. Die Ärzte nahmen sie in Empfang und schoben sie in Richtung OP-Saal.
„Sind Sie ein Familienangehöriger?“, fragte ihn eine Ärztin.
„Nein.“
„Dann muss ich Sie bitten hier draußen zu warten, wir kümmern uns um sie. Versprochen.“
Kaley sah noch, wie er sich auf einen Stuhl setzte und ihr hinterherschaute, dann war sie weg.
Mit einem Mal stand Kaley in einem Supermarkt und hatte einen Einkaufskorb in der Hand. Um sie herum waren viele Leute, die ebenfalls Einkaufskörbe trugen. In deren war aber schon etwas drin, sie konnte nur nicht erkennen, was es war. Kaley schaute sich um und versuchte zu erkennen, was der Supermarkt verkaufte. Es war alles etwas verschwommen und ihre Sicht wurde nicht richtig klar, egal, wie nahe sie an die Verkaufsflächen herantrat. Da tauchte auf einmal eine Verkäuferin neben ihr auf. Sie hatte ein Spitzenhäubchen auf und ein freundliches Gesicht. „Kann ich dir helfen? Suchst du vielleicht etwas bestimmtes?“
Kaley zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich kann nicht sehen was es hier zu kaufen gibt.“
„Das ist der Markt der Seelen. Hier bekommst du nicht das, was du sonst in einem Laden kaufen kannst. Komm mit mir. Ich zeige dir, was es hier gibt.“ Sie ging voran und Kaley folgte ihr. Sie gingen an verschiedenen Regalen und Auslagen vorbei. Kaley konnte aber immer noch nicht erkennen, was diese enthielten. Alles war grell und bunt.
An einer besonders bunten Auslage blieben sie stehen.
„Hier sind wir beim Lebenssinn angekommen. Was möchtest du in deinem Leben erreichen?“ Die Dame schaute sie fragend an.
Kaley überlegte. Was war es?
„Greif ruhig zu“, wurde sie von der Frau ermuntert.
Kaley hielt ihre Hand über die Auslage, zögerte aber noch. Da stach ihr ein orangegelbes Glitzerdings ins Auge. Sie wusste nicht warum, aber sie griff instinktiv danach. Es war eine Schachtel.
„Mach sie auf!“, forderte die Verkäuferin sie auf.
Sie hob den Deckel an. In der Box befand sich ein silbernes Kleeblatt.
„Oh, das ist ein schöner Sinn.“ Sie lächelte Kaley an. „Du möchtest andere glücklich machen.“
Kaley legte das Päckchen in ihren Korb und sie gingen weiter. Kurz darauf hielten sie vor einem weiteren Regal.
„Hier suchst du dir die Leute aus, die dich in deinem Leben begleiten sollen. Ob du sie schon kennst oder noch nicht.“
Die Auslage glitzerte in sämtlichen Facetten. Doch nur vier hoben sich hervor. Eine lila, eine weiße, eine gelbe und eine grüne Box. Kaley nahm wieder die Deckel ab. In der ersten Box war ein Bild von Gabby und Amber zu sehen. In der zweiten blickte ihr eine Frau mit roten Haaren entgegen. Sie kannte sie nicht, aber die Verkäuferin hatte ja gesagt, dass sie manche Personen noch nicht kennen würde. Die gelbe Box enthielt ein Foto ihres Cousins Will. Mit ihm hatte sie schon viel Blödsinn in ihrem Leben angestellt, sie konnte aber immer auf ihn zählen. Die letzte Box ließ sie stutzen. Das Gesicht, dass ihr entgegenblickte, war etwas verschwommen, als wäre Wasser draufgekommen. Dennoch konnte Kaley erkennen, wer sie da anschaute. Es war der Cop mit Maske, der sie gerettet hatte! „Mit ihm hätte ich nicht gerechnet. Den habe ich heute das ersten Mal getroffen.“
„Dann wird er wahrscheinlich nochmal in dein Leben treten.“ Die Verkäuferin nickte ihr bedächtig zu und lief weiter. In der nächsten Abteilung wuchsen seltsame Bäume. An ihnen hingen keine Früchte, sondern buntschillernde Geschenkpäckchen. „Nimm dir eins.“
Kaley ging auf einen der Bäume zu und streckte ihren Arm aus. Sie bekam ein violettes Päckchen zu fassen und zog daran. Es wollte sich aber nicht vom Baum lösen, sondern blieb hartnäckig daran hängen. Selbst mit einem stärkeren Zug gab es nicht nach.
„Ich glaube, das ist das falsche Geschenk. Es will einfach nicht zu mir herunter.“ Etwas verzweifelt schaute sie die Verkäuferin an. Diese lächelte wissend. „Dann ist es genau das Richtige. Gib nicht auf.“
Sie versuchte es immer und immer wieder. Ohne Erfolg. Kaley wollte schon frustriert aufgeben, da sah sie, dass sich ein Band mit denen das Geschenk befestigt war, etwas gelöst hatte. Sie griff danach. Mit einem Ruck löste sich die Verschnürung und das Päckchen rutschte ihr entgegen. Warum war das so schwer gewesen? Bei den anderen Stationen hatte sie die Dinge lediglich in die Hand nehmen und öffnen müssen. „Was ist das für ein Baum?“
„Das, meine Liebe, sind die Bäume der verborgenen Wünsche. Das sind die, von denen wir in dem Moment nicht mal ahnen, dass wir sie überhaupt haben. Deswegen lassen sich die Pakete auch so schwer lösen. Wir müssen sie erst zu Tage fördern, bevor wir sehen, was sie sind.“ Mit einem vielsagenden Lächeln schaute sie Kaley an.
Die schaute nur verdattert die Schachtel an.
„Mach auf.“
Sie öffnete den violetten Deckel und nahm einen in Papier gewickelten Gegenstand heraus. Er war klein und lag ungewöhnlich schwer in der Hand. Was konnte das nur sein?
Ihr Gesichtsausdruck brachte die Verkäuferin zum Lachen.
„Damit hattest du nicht gerechnet nehme ich an?“
„Nein, dieser Wunsch ist wirklich ungewöhnlich. Damit kann ich, ehrlich gesagt, nicht viel anfangen.“ In ihrer Hand lag die Marke eines Polizisten!
Was hatte das zu bedeuten? Sie war kein Cop und kannte außer ihrem Retter keinen, dem diese Marke gehören könnte. „Wissen Sie, was es damit auf sich hat?“
„Das musst du selbst herausfinden. Ich durfte dir nur bei der Führung durch den Laden helfen. Alles Weitere liegt bei dir.“ Mit einem Lächeln wandte sich die Verkäuferin ab und verschwand zwischen den Regalen.
„Warten Sie! Sie müssen mir helfen!“ Kaley wollte ihr hinterherrennen, aber sie kam nicht vorwärts. Es war, als würde sie auf der Stelle laufen. Panik stieg in ihr auf und sie versuchte, schneller zu rennen. Der Boden wurde glitschig wie Seife. Sie verlor das Gleichgewicht und knallte mit dem Kopf auf den Boden.
Als sie wieder zu sich kam, roch es nach Desinfektionsmittel und ein sonores Piepsen war zu hören. Es war, als würde sie durch eine Milchglasscheibe schauen. Panik stieg in ihr auf und das Piepsen wurde lauter. Wo war sie?
Kaley blinzelte hektisch einige Male und es wurde langsam etwas klarer. Neben ihr befand sich ein Ständer mit einem Infusionsbeutel, auf der anderen Seite ein EKG. Ihr Kopf fühlte sich taub an und die Geräusche kamen nur dumpf bei ihr an. Ihr Atem ging stoßweise, der Puls beschleunigte sich mit jedem Atemzug. Sie fasste sich mit der linken Hand an die Stirn und spürte einen dicken Verband. Irgendetwas bedeckte Mund und Nase und ein zarter Lufthauch strömte aus der Abdeckung auf ihrem Gesicht. Kaley griff panisch danach und versuchte sie zu entfernen. Ihrer Hand fehlte aber die nötige Kraft und fiel schlaff zurück auf die Decke. Die Furcht kroch wie ein gefräßiges Insekt in ihr Herz und breitete sich rasend schnell in ihrem ganzen Körper aus. Wo war sie hier? In einer Klinik? In einem Kellerverlies? Kam der furchtbare Mann gleich herein und tat ihr wieder grauenhafte Dinge an?
Kaley fing bei dem Gedanken an zu schluchzen und wollte sich wieder die Atemmaske vom Gesicht reißen. Aus dem Nichts tauchten dunkle Schemen auf und drückten ihre Arme zurück auf die Matratze. Kaley wollte schreien, doch der Schrei blieb ihr in der Kehle stecken. Noch bevor sie einen der schwarzen Schatten besser erkennen konnte, fiel sie in die Bodenlose Dunkelheit.
Mit einem Mal lief sie wieder den Gang in dem schicken Hotel entlang. In ihrem Kopf spukte nur der Gedanke, dass sie für die Frau auf der Toilette ein Glas Wasser holen wollte. Plötzlich tauchte der widerliche Mann von der Party auf, packte Kaley am Arm und schleuderte sie gegen die Wand. Ein stechender Schmerz fuhr ihr in die Schädeldecke. Der Kerl drückte sie gegen die Wand und ihr blieb die Luft weg. Panisch versuchte sie sich zu befreien, keine Chance. Seine gierigen Augen kamen immer näher, die Lippen leicht geöffnet.
Schreiend fuhr Kaley hoch und schlug wie wild um sich. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und ihre Atemzüge fühlten sich an, als wollten sie in Konkurrenz mit einem Schnellzug treten.
War der Mann weg? Ihr Blick scannte blitzschnell den ganzen Raum, aber außer ihr war niemand hier. Wie ein Häufchen Elend sackte sie in sich zusammen, heftige Heulkrämpfe überfielen sie. Dabei musste sie vor lauter Erschöpfung eingeschlafen sein.
Wieder derselbe schreckliche Traum, in dem dieses Monster von einem Mann auftauchte und ihr furchtbare Schmerzen bereitete. Erneut fuhr sie schreiend hoch. Dieses Mal war sie nicht allein. Jemand presste sie aufs Bett und redete in einem dumpfen Tonfall mit ihr. Kaley konnte kein Wort verstehen.
Im nächsten Moment dämmerte sie wieder in die Dunkelheit. Was hatte die Person ihr gegeben?
Sobald sie die Augen schloss, war sie in der gleichen Situation wie zuvor. Es war, als wäre sie in einer Zeitschleife gefangen, aus der sie nur entkam, wenn sie wach war.
Zwischen einer ihrer Zeitschleifen des Grauens bemerkte sie einen Druck auf ihrer rechten Hand.
