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Eine junge Frau träumt von der großen Liebe, die ewig hält und mit der ihr bis zu ihrem Tod nur Glück widerfährt. Es ist aber das wahre Leben, das unsere Wünsche und Träume manchmal auf eine harte Probe stellt. Der Weg des Lebens ist nicht immer gerade und eben. Raffaela war jung, schön und voller Träume. Sie träumte von einem Leben voller Glück und Zufriedenheit. Doch diese Träume stellen sich manchmal als Alpträume heraus und sie verliert den Glauben an die große Liebe. Der gläserne Seitensprung wiederspiegelt das Leben einer Frau, die fast an der Liebe zerbricht, nur um die große Liebe wieder neu zu entdecken.
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Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Und er war wieder mal nicht da! Der Tag war heute wieder zum Heulen. Die Kinder waren schlecht gelaunt von der Schule gekommen. Es regnete schon seit drei Tagen, und nun konnten sie nicht hinauslaufen, aber die Hausaufgaben zu erledigen war ein noch größerer Graus für sie. Tja, natürlich musste sie wieder herhalten und die Kinder zu den Aufgaben zwingen. Und sie zeigten ihr natürlich auch gleich, wie gerne sie sich mit den Schulsachen beschäftigten. David schrie wie am Spieß und wollte hinaus in den Garten, Robert schlich sich heimlich ins Wohnzimmer und schaltete den Computer ein, um zu spielen. Er hatte erst vor Kurzem zu seinem Geburtstag ein Spiel bekommen, das genau für seine neun Jahre passte. Resident Evil 2. Ein harmonisches Spiel.
Na super, dachte sie, ich dreh gleich durch. „Kinder!“, schrie sie laut durch das Haus.
„Ich will, dass ihr sofort eure Hausaufgaben macht!“ Aber das zeigte wenig Wirkung. David hatte es geschafft, aus dem Haus zu laufen, wo er Regentropfen fangen spielte. Und Robert war schon auf Level 2 bei seinem Computer-Spiel. Also die Hausaufgaben waren fürs Erste mal gestorben.
„Wo sind meine Beruhigungstropfen?“, rief sie laut. Sie rannte in die Küche, machte den Kühlschrank auf und holte eine Flasche Weißwein heraus, dazu ein Mineral. Das brauchte sie jetzt. Ein Getränk zur Beruhigung. Sie mischte den Wein mit etwas Mineralwasser, denn jetzt brauchte sie etwas Stärkeres. Als sie das Glas geleert hatte (sicherheitshalber gleich auf einmal), ging es ihr gleich weitaus besser. Jetzt sah die Welt schon viel freundlicher aus. Und zur Vorsicht richtete sie sich gleich noch ein weiteres Glas her.
Nach einer Stunde konnte sie das Leben doch gleich wieder in bester Laune genießen. David hatte es bereits aufgegeben, die Regentropfen zu fangen, und war mittlerweile wieder im Haus. Hauptsächlich aber deswegen, weil er keine Schuhe angezogen hatte und seine Socken wie ein Schwamm voll Wasser und Schmutz waren. Deshalb war ihm auch kalt geworden. Natürlich hatte er die Socken beim Hereingehen nicht ausgezogen und eine wunderschöne Schlammspur von der Haustür bis ins Bad hinterlassen. Ihr machte das inzwischen nichts mehr aus, denn sie war schon in einer anderen Welt. In jener Welt, wo alles wunderbar und leicht ist. Wie ein paar weiße Gespritzte eine Frau verändern konnten?, überlegte sie vegnügt. Seltsamerweise nahm sie es mit Humor und folgte den Spuren bis ins Bad. Wo sie ihren Jüngsten fröhlich planschend vorfand. Seine Füße wusch er sich im Bidet, was auch rundherum für einen gewissen Wasserstand sorgte. Der Wasserdruck der Leitung war halt etwas zu stark, wodurch die Spritzer gleichmäßig im ganzen Bad verteilt wurden. Herrliche Wasserspritzer glitzerten auf den Fenstern, auf dem Spiegel, aber auch auf den Fliesen waren sie schön anzusehen.
So, jetzt reichte es ihr. Sie schrie mit sich überschlagender Stimme: „David, geh sofort und trockne dir deine Füße ab, dann ab in die Küche zu deinen Hausaufgaben, aber dalli!“. Das hatte gewirkt. Ihre Lautstärke war nun doch schon etwas stärker als sonst. In Rekordtempo saß er in der Küche bei seinen Mathe-Hausaufgaben.
Endlich – es war Abend. Die Kinder waren schon im Bett und schliefen. Na ja, sie hoffte, dass sie schliefen, aber sie hörte nichts mehr aus den Zimmern, also dürften sie schlafen.
Raffaela kuschelte sich in die Couch und schaltete den Fernseher ein. Sie zappte durch die Programme, aber es war nichts Vernünftiges dabei, also schaltete sie wieder aus.
Es war still im Haus. Jetzt kam wieder die Zeit, wo sie diese Einsamkeit spürte. Sie vermisste ihren Mann sehr. Er hatte diesen Job bei der Ölfirma „Ölmulti“ in Deutschland angenommen. Daher war er unter der Woche in Deutschland und kam nur an den Wochenenden heim in ihr kleines Dorf im Weinviertel. Es war ein nettes kleines Nest mit ca. sechzig Einwohnern. Jeder kannte jeden. Doch ihr Mann fand hier nicht den Job, den er wollte, und daher hatte er sich entschieden, ins Ausland zu gehen, wo er gutes Geld verdiente.
Sie hat damals nur widerwillig nachgegeben, weil ihr klar war, dass die gesamte Hausarbeit, die Kinder und alles andere auf sie zurückfallen würde. Es machte sie auch sehr traurig, dass sie Jürgen nur an den Wochenenden sehen würde. Doch sie gab dem Flehen ihres Mannes nach und so nahm er die Arbeit in Deutschland an. Mittlerweile ist das über ein Jahr her, und es kam schon mal vor, dass er auch zwei Wochen nicht heimkam, wenn es viel Arbeit gab.
Sie verkroch sich in ihre Decke und begann leise zu weinen. Ihr fehlte die Geborgenheit, die zärtlichen Umarmungen ihres Mannes, das Reden am Abend. Die traute Zweisamkeit fehlte ihr immer mehr. Sie weinte in ihre Decke hinein, und irgendwann schlief sie ein. Mitten in der Nacht wurde sie von einem bösen Traum geweckt und schreckte auf. Nach einer Weile bemerkte sie, dass sie noch nicht im Bett lag. Sie wälzte sich von der Couch, ging schlaftrunken zu Bett und schlief gleich wieder ein.
Erst durch das unsanfte Rasseln des Weckers wurde sie wieder geweckt. Na super, dachte sie sich. Gerade wo es so kuschelig und warm ist, muss ich raus. Doch es hilft nichts, die Kinder müssen zur Schule und ich muss zur Arbeit, redete sie sich selber gut zu. Sie hatte einen Zwanzig-Stunden-Job in einer Blumenhandlung im Dorf. Den hatte sie damals angenommen, damit sie ein wenig Geld für sich selber verdiente. Sie wollte doch ein bisschen unabhängig von ihrem Mann sein.
Es war das gleiche Ritual wie jeden Morgen. David und Robert mussten aus den Betten raus, dann ab ins Bad, anziehen, anschließend hinuntergehen in die Küche und das Frühstück essen, das schon auf dem Tisch stand. Die Kinder tranken ihren Kakao und verspeisten ihr Brot, dann machten sie sich auf den Weg zur Schule. Die Schule war ja im nächsten Dorf drüben, also fuhren sie mit dem Schulbus.
Als die Buben aus dem Haus waren, räumte sie noch schnell die Küche auf und machte sich dann auch auf den Weg zur Arbeit. Heute war sicher wieder viel los bei ihr in der Werkstätte, weil ein Mann gestorben war, der aus der Politik kam und außerdem aus dem Ort stammte. Der Verstorbene war über achtzig Jahre alt und hatte sein Leben gelebt. Er war ein beliebter Mensch gewesen. Das hieß wieder, viele Kränze zu binden. Aber was soll’s, diese Arbeit machte ihr Spaß und lenkte sie von ihren Problemen ab.
Sie arbeitete Dienstag, Mittwoch und Freitag vormittags. Und wenn es mal viel Arbeit gab, dann auch am Nachmittag, manchmal kam sie auch am Samstag. Das Betriebsklima war sehr gut, daher verstand sie sich auch mit der Chefin und den Kolleginnen und Kollegen sehr gut. Es war halt ein typischer Familienbetrieb.
Heute war wieder Freitag. Ihr Mann sollte am späten Nachmittag aus Deutschland heimkommen. Sie freute sich schon wahnsinnig darauf, weil diese Woche für sie sehr anstrengend war. Die Kinder nervten sehr und sie fühlte sich einfach ausgebrannt. Sie wollte wieder mal in den Armen ihres Mannes liegen und seine Zärtlichkeiten spüren. Das vermisste sie so sehr.
„Ui, es ist schon fast zwölf“, murmelte sie. Das Gesteck musste noch vor Mittag fertig werden. Sie hatte wohl etwas zu sehr getrödelt, so in Gedanken versunken. Aber als die Kundschaft um kurz vor zwölf hereinkam, war alles fertig und bereit zum Abholen.
Sie schnappte ihre Tasche, wünschte noch allen ein schönes Wochenende und fuhr dann gut gelaunt nach Hause. Vergnügt sang sie ein Lied mit, das gerade im Radio lief. Nach ein paar Minuten Fahrzeit bog sie in die Hauseinfahrt ein. Sie hatten ein relativ großes Haus, mit zwei Garagen und einem großen, sehr gepflegten Garten. Sie legte großen Wert darauf und hegte und pflegte ihn. Darin war auch ein großer Swimmingpool, der viel Pflege brauchte. Hinter dem Haus stand eine Gartenhütte, in der all das verstaut war, was man halt so für die Gartenarbeit brauchte. Natürlich sind auch Spielsachen der Kinder drinnen, und den kleinen Dachboden darüber haben sowieso die beiden beschlagnahmt. Das ist ihr eigenes Haus. Dort oben sind sie die Kapitäne. Wenn sie da oben spielen, dann hat sie mehr Zeit für sich, kann sich der Hausarbeit widmen und hat nicht dauernd die Kinder am Hals.
Sie sperrte gerade die Haustüre auf, da klingelte ihr Handy. Sie machte noch die Tür auf, legte ihre Tasche auf die Kommode, dann nahm sie das Handy und sah, dass es ihr Mann war.
„Hallo Schatz“, sagte sie mit leuchtenden Augen und einem Lachen in der Stimme.
„Hallo, mein süßer Hase“, sagte er mit einem etwas betrübten Unterton.
Als sie seine Stimme hörte, zuckte sie zusammen, weil sie wusste, dass das nichts Gutes bedeuten würde.
„Du Hase“, sagte er, „es sind neue Aufträge gekommen. Wir müssen ein neues Team zusammenstellen und wir haben nicht viel Zeit. Ich werde dieses Wochenende nicht nach Hause kommen. Es tut mir leid, aber mein Boss besteht auf diesem Team, das in einer Woche auf die Bohrinsel fliegen muss. Daher müssen wir das Wochenende durcharbeiten.“
„Aber Schatz“, flehte sie, „ich habe mich schon so nach dir gesehnt. Die Kinder auch. Wir wollten doch morgen in den Tierpark gehen. Auf den haben sich doch die Kinder schon so gefreut. Warum tust du mir das an, Jürgen?“
„Mir tut es doch auch leid, Schatz, aber was soll ich denn machen?“, entgegnete er schon etwas ungeduldig. „Wir haben doch damals besprochen, als ich den Job annahm, dass es nicht leicht wird und dass ich auch mal länger wegbleiben muss.“
„Ja schon, Hase“, unterbrach sie ihn, „das hast du damals gesagt. Es kann ein- bis zweimal im Jahr passieren, dass mal ein Wochenende zu arbeiten ist. Doch das Jahr hat kaum angefangen und es ist schon das vierte Mal, dass du nicht heimkommst! Schatz, ich bin es leid, immer alleine zu sein. Was soll ich den Kindern wieder sagen?“
Sie lehnte sich dabei zurück an den Spiegel in der Garderobe. Dabei unterdrückte sie die Tränen und versuchte normal zu sprechen. „Schatz, wir haben erst Ende Februar“, sagte sie. „Wie stellst du dir das vor? Soll es so weitergehen?“
„Ich weiß ja selber, dass es blöd ist“, antwortete er nun etwas lauter. Er war schon ein bisschen verärgert, weil er sich selbst darauf gefreut hatte, nach Hause zu kommen, doch sein Job war ihm auch wichtig. Er verstand sie sehr wohl und fühlte mit ihr, aber er konnte es ihr nicht so zeigen. Er war ja ein Mann.
Jürgen und Raffaela haben sich damals auf einem Ball kennen gelernt, in dem Ort, wo sie jetzt wohnen. Er war hier auf einem Bauernhof aufgewachsen und musste schon in frühen Jahren kräftig anpacken. Jürgen war es gewohnt, bis in den Abend hinein zu arbeiten. Es ging ein wenig rau zu auf dem Hof. Das prägte ihn schon sehr, auch in den Jahren, als er zu einem attraktiven jungen Mann heranwuchs.
Raffaela war in Wien aufgewachsen. Sie hatte noch ältere Geschwister – drei Brüder. Also hatte sie schon in früher Kindheit gelernt sich durchzusetzen. Die Brüder nahmen oft keine Rücksicht auf ihre kleine Schwester. Da hieß es nur, der Stärkere gewinnt. Aber sie hatte sich all die Jahre durchgekämpft, besuchte nach der Pflichtschule eine Handelsakademie und begann zu studieren. Sie wollte unbedingt Lehrerin werden, das war ihr Traum. Schon in ihrer Kindheit wusste sie, dass sie einmal Lehrerin werden wollte, das hat sie ihrer Mutter oft erzählt.
Doch dann, eines schönen Tages gab sie der Bitte einer ihrer Studienkolleginnen nach, sie auf ein Fest auf dem Lande in Niederösterreich zu begleiten. Dort lernte sie Jürgen kennen – einen schönen Jüngling mit kräftiger Statur und herzhaftem Lachen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie bemerkte ihn gleich beim Hineingehen in den Hof, wo dieses Fest stattfand. Jürgen stand mit seinen Freunden an der Bar. Sie tranken Bier, lachten und scherzten, so wie es die Jungs auf dem Lande eben machten. Dann sah er sie – das Mädchen aus der Stadt: Zierliche Figur, lange, dunkle Haare, ein liebes, aber schüchternes Lächeln auf den Lippen, so stand sie dort. Er traute seinen Augen nicht, als er sie sah. Sie war wunderschön anzusehen. Die anderen Jungs sahen sie natürlich auch und buhlten um die Gunst des schönen Mädchens aus der Stadt.
Aber am Ende verliebte sich Raffaela in Jürgen. Bei der Hochzeit gaben sie ein schönes Paar ab. Man sprach noch lange nach der Hochzeit von den beiden. Bald wurde Raffaela schwanger, sie musste das Studium abbrechen, zog zu Jürgen aufs Land und dort bauten sie dann auch gemeinsam ihr Haus. Als Robert zur Welt kam, war das Haus noch nicht ganz fertig, aber sie wohnten schon darin und waren eine glückliche Familie. Es wurde Sommer und darauf folgte wieder ein Winter. So zogen die Jahre übers Land und es vergingen die Jahreszeiten. Bald wurde auch der zweite Sohn David geboren. Raffaela und Jürgen waren glücklich, als sie nun zwei Söhne hatten, die sie vergötterten. Aber die Zeit blieb nicht stehen, und bald machten sich bei dem jungen Ehepaar Geldsorgen breit. Sie hatten ein Haus gebaut und jetzt zwei Kinder zu versorgen.
Geldsorgen wurden bald zum Anlass für Streitigkeiten. Okay, Raffaela war noch in Karenz, aber bald mussten sie etwas unternehmen. Könnte sie wieder studieren? Aber dafür fehlte jetzt das Geld. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als auch arbeiten zu gehen. Bald fand sie einen Job in einer Gärtnerei mit einem angeschlossenen Blumenladen. Sie lebte sich schnell ein. Die Chefin war nett zu ihr, und auch die Kolleginnen akzeptierten sie schnell. Sie war ja auch eine sehr kontaktfreudige Person, die sich gerne mal bei einem Gespräch unter Frauen vertrödelte.
Aber so sind sie halt die Frauen.
Sie redeten noch ein Weilchen am Handy und Jürgen versuchte sie noch zu trösten, aber es gelang ihm nicht. Als er merkte, dass es zwecklos ist, ihr die Notwendigkeit zu erklären, verabschiedete er sich kurz mit einem Kuss und legte dann auf. Raffaela legte auch auf und wischte sich die Tränen aus den Augen.
Warum machst du das, Jürgen?, schluchzte sie. Es half nichts, sich die Tränen aus den Augen zu wischen, es kamen immer wieder neue nach, und bald begann sie heftig zu weinen. Teils aus Wut und teils aus Verzweiflung. Sie hatte sich schon so auf das Wochenende gefreut. Und nun war sie wieder einmal mit den Kindern alleine. Plötzlich fuhr sie erschrocken hoch.
Oh nein, die Kinder! Sie kommen von der Schule. Sie hörte sie schon laut lachend um die Ecke biegen. Schnell wischte sie sich die Tränen aus den Augen und versuchte normal zu wirken. Doch es half nichts. Sie sahen ihr an, dass sie geweint hatte. „Warum weinst du, Mama?“, fragte David ganz verwundert. Er verstand es noch nicht so und glaubte, Mama habe sich wehgetan.
„Es ist nichts, Liebes. Mama hat sich nur den Fuß an der Tür gestoßen.“
„Okay“, sagte David und flitzte gleich ohne sich die Schuhe auszuziehen in die Küche. „Mama!“, rief er. „Was gibt’s zu essen? Ich habe Hunger!“
Doch Robert war schon älter, er wusste, dass mit Mama etwas nicht stimmte. Er war ja doch schon neun Jahre alt. „Mama, was ist los mit dir?“, fragte Robert. „Warum weinst du?“
„Mama ist traurig, weil Papa wieder mal nicht heimkommt“, erklärte sie ihm.
„Was, Papa kommt nicht nach Hause?“, protestierte Robert. „Aber er hat versprochen, mit uns in den Tierpark zu gehen!“ Er bekam einen roten Kopf und lief schreiend in sein Zimmer. Dort knallte er die Tür hinter sich zu und kreischte vor Enttäuschung.
Verdutzt kam David aus der Küche und fragte, was denn mit Robert los sei. „Mama“, flüsterte er, „warum schreit Robert denn so? Hat er sich auch den Fuß gestoßen?“
„Nein, mein Schatz“, sagte Raffaela. „Aber weißt du, mein Hase, Papa hat zuerst angerufen, und er kann leider dieses Wochenende nicht mit euch in den Tierpark gehen.“
„Was?“, stammelte David, „Papa geht nicht mit mir in den Park Fische füttern? Aber Mama, er hat es mir doch versprochen. Das kann er nicht machen…“, sagte David mit weinerlicher Stimme. „Er hat es doch versprochen!“, dann begann er zu weinen, umklammerte fest seine Mama und heulte herzerweichend los. „Papi, warum bist du immer so lang fort?“, schrie er ganz laut.
„Ja, ich weiß, Schatz“, meinte sie mitfühlend. „Ich weiß, Papi ist immer so lange fort.“ Sie drückte ihren Sohn ganz fest an sich und begann auch leise zu weinen.
„Jürgen, du fehlst mir so sehr“, sagte sie ganz leise unter Tränen.
Es war Freitag und jetzt begann wieder ein Wochenende ohne ihren Mann. Nach dem ganzen Theater richtete sie etwas zu essen her, dann ging sie in den Keller und kümmerte sich um die Wäsche. Die Kinder tollten währenddessen im Garten herum und schrien um die Wette.
Es war schon Abend, die Kinder saßen gemütlich vor dem Fernseher und schauten begeistert zu, wie bei den Simpsons wieder mal ordentlich Blödsinn gemacht wurde. Raffaela räumte in der Küche auf und versuchte normal zu wirken. Doch in ihrem Kopf krachte ein Gedanke auf den nächsten. Sie war wieder einmal ein Wochenende alleine. Was ist, wenn das immer ärger wird mit dem Job von Jürgen?, dachte sie und bekam Gänsehaut bei dieser Vorstellung.
Nein, sagte sie entschlossen zu sich selbst, das mache ich sicher nicht mit. Das kann er sich abschminken.
„So, meine kleinen Krieger“, rief sie und klatschte in die Hände. “Zeit fürs Bett!“ Ein großes Raunen klang durch das Wohnzimmer.
„Mama, ich will die Simpsons noch fertig anschauen“, flehte David. Er wälzte sich auf der Couch wie eine Schlange.
„Nichts da“, blieb Raffaela fest, „heute gibt’s keine Verlängerung. Kommt hoch, ab ins Bad, Zähne putzen und dann husch ins Bett.“ Mit großem Widerwillen gingen die beiden Jungs ins Bad und putzten sich die Zähne.
„Gute Nacht, Mama“, sagte Robert und gab seiner Mutter einen Kuss.
„Dir auch eine gute Nacht. Und mach das Fenster zu, sonst ist es zu kalt in deinem Zimmer.“
„Ja, mach ich“, beruhigte er seine Mutter noch, während er die Stiegen hinaufging.
„Mami, erzählst du mir noch eine Geschichte?“, fragte David mit treuen Augen seine Mutter
„Eine Geschichte soll ich dir noch erzählen?“, fragte sie zurück und streichelte ihrem kleinen Krieger dabei über den Kopf. „Na komm, kleiner Mann, schauen wir, was der Mama einfällt“, sagte Raffaela. Sie gingen beide Hand in Hand die Stiege hoch und dann in sein Zimmer. David flitzte davon und sprang gleich in sein Bett. Seine Mutter setzte sich zu ihm und seufzte. „Ach ja, kleiner Mann, was willst du denn hören?“
„Was Spannendes“, sprudelte es aus David heraus.
„Was Spannendes?“, fragte sie. „Was soll ich dir denn da bitte erzählen? Ich kenne so eine Geschichte nicht. Ich erzähle dir eine Geschichte, die mir meine Mutter immer erzählt hat.“
„Oh ja!“, lachte David begeistert. „Erzähl mir eine Geschichte von Großmutter!“
Somit begann sie gleich zu erzählen und David lauschte ganz aufgeregt. Doch sie hatte noch nicht einmal so richtig angefangen, da schlief David ein. Sie musste lächeln. Er war so süß, wenn er schlief. Sie streichelte über seinen Kopf und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. „Ach ja“, sagte sie, „die Großmutter...“
Ja, ihre Mutter war schon etwas Besonderes. Sie dachte zurück an ihre Kindheit. Wie sie und ihre drei Brüder ihre Mutter manchmal in den Wahnsinn getrieben hatten. Aber sie hatte sich nie beklagt. Sie ertrug alles geduldig, wahrscheinlich deshalb, weil sie so erzogen worden war. Ihr Mann war nicht gerade lieb zu ihr. Er war Alkoholiker, und es kam nicht selten vor, dass er auch handgreiflich wurde, wenn er nachts mit einem Rausch heimkam. Aber sie achtete immer darauf, dass ihre Kinder nichts mitbekamen.
Ja, mein Vater war ein strenger Mann, erinnerte sie sich. Er arbeitete am Bau und es war damals nicht leicht dort. Es wurde allgemein am Bau viel getrunken, und auch ihr Vater hielt es nicht anders. Aber seit Vater tot war – er starb an Leberzirrhose – lebte ihre Mutter wieder richtig auf. Sie hat sogar einen neuen Lebenspartner gefunden. Mit dem holt sie jetzt alles nach, was sie damals mit ihrem Mann nicht machen konnte. Letztes Jahr ließen sie es sich sogar ein ganze Woche lang in einer Therme in Tschechien gutgehen. Ja, das wäre was, dachte sie, so ein Wellness-Urlaub mit meinem Mann in Tschechien. Aber das kann ich mir wohl aufzeichnen, lachte sie bitter in sich hinein.
Während sie so ihren Gedanken nachhing, ging sie langsam die Stiegen hinunter, und mit jeder Stufe wurde sie trauriger. Warum nur?, fragte sie sich. Warum nur ist es so weit gekommen? Sie war wieder einmal an einem Tiefpunkt angelangt. Es war fast nicht auszuhalten.
Raffaela ging wie in Trance in die Küche und holte sich eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank, setzte sich zum Esstisch und füllte gleich das Glas voll an. Sie wollte den Rotwein gar nicht genießen. Das war ihr eigentlich egal, sie wollte jetzt einfach Trost suchen im Alkohol. Sie war des Alleinseins und ihrer Trauer und Sorgen darüber schon so überdrüssig. Sie konnte das einfach nicht mehr länger aushalten. In diese Gedanken vertieft nahm sie das Glas und leerte es in einem Zug. Doch sie dachte gar nicht daran, aufzuhören. Gleich füllte sie das Glas wieder nach.
„Jürgen, warum tust du mir das an?“, rief sie laut. „Du hast mich schon wieder mal alleine gelassen. Ich hasse dich!“, schrie sie zum Fenster hin, nahm das Glas und kippte es in einem Zug hinunter. Da sie eine zierliche Frau war, vertrug sie natürlich nicht viel Alkohol. Das zweite Glas machte sich schon bemerkbar. Plötzlich schaute für sie die Welt weit besser aus.
„Yeah“, juchzte sie. „Sieh her, Jürgen! Ich trinke auf dich. Auf dich und diese Scheißarbeit in Deutschland!“ Sie nahm das bereits wieder gefüllte Glas und trank es in einem Zug aus, setzte das Glas ab und stellte es auf den Tisch. Sie umklammerte es mit beiden Händen und schaute starr gegen die Wand. Ihr Blick war leer. Ihre Gedanken überschlugen sich. Plötzlich konnte sie gar nichts mehr denken und begann zu weinen. Sie schluchzte und weinte. Sie konnte einfach nicht mehr aufhören. Ihre Tränen rollten über ihr Gesicht und tropften ins Glas. Ihr Körper zuckte krampfhaft vom Heulen. Sie verhüllte ihr Gesicht mit den Händen und weinte bitterlich. So saß sie lange bis in die Nacht hinein.
„Morgen, Mami!“, wurde sie von David geweckt. Erschrocken fuhr sie hoch und sah ihrem Sohn ins Gesicht. Was ist geschehen?, dachte sie verunsichert. Wo bin ich? Sie war noch total benommen und konnte keinen klaren Gedanken fassen.
„Wann gibt’s Frühstück, Mami?“, fragte David. „Warum hast du so rote Augen, Mami?“, war gleich die nächste Frage Jetzt war sie wieder voll da. Ach du Schande! Sie war eingeschlafen. Jetzt lichtete sich der Nebel. Oh mein Gott, und wie spät ist es denn schon?, fuhr sie erschrocken hoch. Doch sie zuckte gleich wieder zusammen, als sie aufstand. „Au mein Kopf!“, rief sie mit schmerzvoll verzerrtem Gesicht.
„Bist du krank?“, fragte David verwundert. „Warum schläfst du in der Küche und nicht im Bett, Mami?“
„Bitte David“, fiel sie ihm ins Wort. „Frag nicht so viel. Geh, weck Robert auf und richtet euch her für die Schule.“
„Schule?“, fragte David ganz verwundert. „Seit wann müssen wir an einem Samstag zur Schule, Mami? Das haben wir doch noch nie gemacht.“
Ist heute Samstag?, fragte sie sich selbst. Ja, heute ist Samstag und die Kinder haben frei. Sie musste jetzt lachen und griff sich an den Kopf. „Nein David, natürlich müsst ihr heute nicht zur Schule. Mami war nur gestern ein wenig länger auf. Darum sagt sie heute so merkwürdige Sachen.“ Langsam begann sie, das Frühstück zu richten, und ab und zu lachte sie über diese Situation.
Tja, das Wochenende verbrachte Raffaela dann wieder einmal ohne ihren Mann. Sie ging am Nachmittag mit den Kindern in den Tierpark, wo sie sich selbst vorkam wie ein Dompteur, der die Tiere bändigen musste. Die Jungs waren nicht in Zaum zu halten. Ständig musste sie sie ermahnen, nicht dies zu tun und nicht das zu tun. Nicht durchs Gitter greifen, nicht die Nüsse auf den Tiger werfen, nicht die Bananen an die Fische verfüttern.
Sie war geschlaucht, als sie endlich zu Hause waren. Es war schon nach sechs Uhr. Anfang März war es draußen schon finster. Der Schnee war schon geschmolzen, aber es war doch noch kalt. Also stellte sie die Heizung ein wenig höher. Den Abend verbrachte sie vor dem Fernseher. Die Kinder hatte sie vorher ins Bett gebracht und nun lag Raffaela auf der Couch und schaute mit leerem Blick in den Fernseher.
Soll ich jetzt versuchen ihn anzurufen? – Nein!, überlegte sie. Er soll doch anrufen. Denn er kommt ja nicht heim. Sie legte das Handy wieder beiseite und kuschelte sich in die warme Decke, nach einer Weile schlief sie ein. Als sie wieder munter wurde, war die Show schon längst vorbei und es lief irgendein Krimi, wo ein Mann gerade einen anderen von einer Mauer stieß.
„So ein Blödsinn!“, murmelte sie schlaftrunken und schaltete den Fernseher ab. Die Decke legte sie erst gar nicht mehr zusammen und schlurfte ins Bett. Wo sie gleich wieder einschlief.
Der Sonntag verlief relativ ruhig, da die Kinder den ganzen Tag bei den Großeltern am Hof waren. Also hatte sie etwas Zeit für sich. Doch Raffaela hatte eigentlich zu nichts Lust. Das Wetter war auch schlecht, mit dichtem Nebel und Kälte. So verbrachte sie die meiste Zeit im Haus.
Am Abend rief Jürgen nochmals an, aber sie redeten nicht lange. Er erkundigte sich nur, wie es mit den Kindern im Tierpark war und wie es ihr geht. Aber bevor ein Streit entstanden wäre, sagte sie ihm, es wäre besser, wenn sie morgen weiterreden würden, denn heute hätte das keinen Sinn. Er verabschiedete sich noch mit einem Kuss und legte auf. Sie war heute einfach nicht in der Stimmung, mit ihm zu streiten. Eigentlich stritten sie ja in letzter Zeit nur noch am Telefon. Hoffentlich wird das nächstes Wochenende besser, wenn er heimkommt, wünschte sie sich.
Die folgende Woche verging ziemlich schnell. Sie hatte in der Gärtnerei viel zu tun, und im Haus war auch einiges zu machen. Es war ja nicht gerade ein kleines Haus, und die Kinder trugen auch nicht wirklich viel zur Sauberkeit bei. Aber was soll’s, sie sind halt Kinder.
Am Mittwoch war es am Nachmittag vielleicht etwas hektisch, weil sich der Große bei der Oma wehgetan hatte. Er ist im Kuhstall ausgerutscht und hat sich den Hinterkopf angeschlagen. Aber das war nicht schlimm – ein paar Minuten weinen und dann lief er schon wieder den Enten nach und versuchte sie zu fangen.
Endlich ist es soweit. Heute ist wieder Freitag. Sie war gut aufgelegt, denn heute kam ihr Mann endlich wieder mal nach Hause. Sie hatten zwar keinen Plan für das Wochenende, aber das störte sie nicht. Er hatte sie gestern nochmals angerufen, dass er heute am späteren Nachmittag heimkommen wolle. Aber sie haben keine Freizeit-Pläne für Samstag und Sonntag gemacht. Da wird sich schon etwas ergeben. Denn die Dinge, die ungeplant sind, sind meist die schönsten, kamen sie überein.
Raffaela war gerade dabei, den Tisch abzuwischen, als Jürgens Auto in die Auffahrt fuhr. Als die Kinder das hörten, stürmten sie gleich hinaus, um ihren Papa zu begrüßen. Er hatte kaum seine Autotür aufgemacht, da sprangen sie ihm gleich um den Hals.
„Hallo Jungs“, begrüßte er sie erfreut. „Na, wart ihr auch brav?“
„Papi, Papi“, riefen die beiden Jungs durcheinander. „Fährst du mit mir Rad? Baust du mit mir ein Baumhaus? Kommst du mit in den Stall und schaust dir das junge Kalb an?“, schrie einmal der eine und einmal der andere.
„Hey Jungs, nicht so viel auf einmal. Lasst mich zuerst mal eure Mama begrüßen! „Hallo Schatz“, sagte er zu Raffaela und versuchte sich von David zu befreien, der die Arme um seinen Hals geschlungen hatte.
„Hallo Schatz“, sagte sie mit einem Lächeln, „schön, dass du da bist!“
„Komm David, bitte lass mich jetzt los, ich möchte zu deiner Mutter!“ David ließ los und ging zurück ins Haus.
Jürgen nahm seine Frau in die Arme und küsste sie innig auf den Mund. „Hallo Hase. Du hast mir gefehlt.“
Als er das sagte, brach sie in Tränen aus und antwortete: „Und du mir erst! Schatz, du hast mir so gefehlt! Warum bist du immer so lange weg?“ Sie schluchzte jetzt und umarmte ihn ganz fest. „Schatz, ich halte das nicht mehr aus. Die Abende tun so weh, wenn ich alleine im Wohnzimmer sitze und du bist nicht bei mir. Schatz, das tut so weh“, heulte sie laut heraus.
„Ist schon gut“, tröstete er sie. „Jetzt bin ich ja da. Das ganze Wochenende werde ich nur für dich da sein, Hase.“ Er streichelte ihr übers Haar und küsste sie ganz fest.
„Ja Schatz“, sagte sie mit weinerlicher Stimme, „aber dann fährst du wieder fort und lässt mich und die Kinder wieder alleine.“
„Aber Schatz, darüber haben wir doch schon hundertmal gesprochen! Du weißt doch ganz genau, dass ich hier so einen Job nicht bekomme. Und schau, uns geht es doch gut. Ich verdiene gut und wir können uns einiges leisten. Und den Kindern fehlt es an nichts.“
„Ja schon, Jürgen“, sagte sie leise, „aber müssen wir denn alles haben? Brauchen wir einen BMW, einen Swimmingpool, teure Klamotten und das ganze Zeug? Schatz, ich will dich bei mir haben.“
„Aber Schatz“, versuchte er ihr nochmals zu erklären, brach dann aber ab und sagte: „Komm, meine Liebe. Gehen wir erstmal ins Haus. Lass mich mal mein Auto ausräumen, ich habe einen Berg Schmutzwäsche dabei.“ Während er das Auto ausräumte, fragte er: „Was gibt’s denn zu essen, Hase?“
„Ach, du verstehst es nicht“, gab sie entnervt auf. „Heute gibt es Kalbsbraten mit Salat“, antwortete sie ihm dann, wie wenn nichts gewesen wäre. „Komm, dann decke ich den Tisch.“
Beim Essen fragten die Kinder ihren Vater wieder Löcher in den Bauch. „Und Papa, hast du wieder nach Öl gebohrt?“, fragte David mit vollem Mund.
„David“, zischte seine Mutter, „mit vollem Mund spricht man nicht.“
„Ach lass ihn doch, Hase“, beruhigte Jürgen. „Er meint es doch nicht so.“
„Ja, aber wenn ich ihm das jetzt schon erlaube, dann macht er es immer“, erklärte sie ernst. David grinste seine Mutter an und schmatzte weiter.
„Tja“, wechselte Jürgen das Thema: „Das Geschäft wird immer mehr. Die Aufträge häufen sich. Ich arbeite jetzt schon unter der Woche oft bis in die Nacht hinein“, seufzte er.
„Ja Schatz“, meinte Raffaela mit zynischem Lächeln. „Du wolltest doch diesen Job. Also darfst du jetzt nicht jammern.“,
„Tu ich ja nicht“, fiel er ihr ins Wort. „Ich hab nur gesagt, was Sache ist.“ Er stopfte sich einen großen Bissen in den Mund. Bis zur Beendigung der Mahlzeit war es still am Tisch. Niemand gab auch nur einen Laut von sich. Die Kinder merkten, dass ihre Eltern nicht gerade fröhlich wirkten. Nach dem Essen gingen die Buben nach draußen spielen. So blieb den Eltern ein bisschen Zeit, um über manches zu reden. Raffaela wusch das Geschirr ab und Jürgen nahm sich ein Tuch und begann das Geschirr zu trocknen. Zuerst sprachen sie kein Wort, doch plötzlich sagte sie wie aus der Pistole geschossen:
„Schatz, so kann es nicht mehr weitergehen. Du hast mir am Anfang gesagt, dass es nur ein paar Mal sein wird, dass du an einem Wochenende nicht nach Hause kommst. Doch jetzt haben wir Anfang März und es war schon das vierte Mal, dass du übers Wochenende nicht heimgekommen bist“, sagte sie traurig. „Wie soll denn das weitergehen?“, fügte sie noch hinzu.
„Aber Schatz“, versuchte er sie zu beruhigen, „du weißt doch ganz genau, dass es in dem Job auch mal stressig abläuft. Du weißt, in der Ölbranche ist nichts vorhersehbar. Und jetzt ist eben eine stressige Zeit. Wir haben neue Aufträge und mein Boss will die so rasch wie möglich bearbeitet haben“, erklärte er ihr und holte dann tief Luft, als ob er Kerzen ausblasen wollte. Dann blickte er in ihre Augen und sagte mit einem Lächeln: „Liebling, lass uns nicht streiten. Schau, wir haben das ganze Wochenende noch vor uns, das wollen wir uns doch jetzt nicht versauen.“
Sie schaute ihn eine Zeit lang an, dann gab sie seinem Lächeln nach und sagte heiter: „Hast ja recht, Hase. Lass uns nicht streiten. Schön, dass du da bist“, und gab ihm einen Kuss. Nach dem Kuss grinste er schelmisch und sagte mit tiefer Stimme: „Schatz, die Kinder sind draußen spielen, wir sind alleine, und ich habe große Lust auf dich.“ Schnell fügte er noch hinzu: „Gehen wir nach oben und machen wir schöne Sachen.“
„Ja, das könnte dir so passen“, entgegnete sie laut. „Die ganze Woche nicht da sein und dann am Wochenende soll ich dann für dich herhalten.“ Sein Lächeln verwandelte sich in ein enttäuschtes Gesicht.
„Na dann nicht!“, fauchte er sie an, schmiss das Geschirrtuch in die Spüle und ging in den Keller, wo er eine kleine Werkstatt eingerichtet hatte. Dorthin zog er sich zurück, wenn solche Situationen entstanden und wenn er seine Ruhe haben wollte. Und außerdem war ja auch gleich daneben der Weinkeller. Den hatte er sich einmal mit seinem besten Freund eingerichtet. Da konnte es schon manchmal passieren, dass dann am späten Nachmittag die Arbeit ruhte, weil der Wein gesiegt hatte. Er öffnete die Tür vom Weinkeller, holte sich einen guten Rotwein und zog sich in seine Werkstatt zurück. Möchte wissen, was sie wieder hat?, fragte er sich selber. Dabei öffnete er die Flasche. Da sehen wir uns die ganze Woche nicht, und dann hat sie keine Lust! Da versteh einer die Frauen, lachte er vor sich hin und füllte dabei das Glas mit Rotwein.
Von oben her hörte er die Kinder schreien. Sie spielten ausgelassen mit dem Ball. David war leider noch etwas klein und hatte den Dreh noch nicht so heraußen. Darum war eigentlich immer Robert am Ball, was David ziemlich ärgerlich machte und er laut schreiend protestierte. Ja, die Kinder, schmunzelte Jürgen und nahm einen Schluck vom Wein. Morgen werde ich den ganzen Tag mit ihnen verbringen, nahm er sich vor.
„Jürgen!“, rief Raffaela. „Wo bist du?“
„Hier, in meiner Werkstatt“, antwortete er.
„Brauchst du alle Hemden nächste Woche wieder oder kann ich ein paar liegen lassen?“ Sie musste schreien, weil sie ja im Waschraum war, und der war auf der anderen Seite vom Keller.
„Nein Schatz, ein paar kannst du liegen lassen.“ Ach ja, meine Frau, sie ist schon ein Schatz, überlegte er zufrieden und leerte sein Glas.
Es war schon ziemlich dunkel draußen und die Kinder waren gerade ins Haus gekommen, da kam Jürgen aus dem Keller. Er wirkte ziemlich locker und grinste dabei. „Na, meine kleinen Kämpfer, wie war das Spielen draußen?“, versuchte er normal zu sagen, doch es gelang ihm nicht ganz, denn er lallte ein bisschen.
„Papi ist betrunken, Papi ist betrunken!“, schrie David durchs Haus und rannte die Stiegen hinauf in sein Zimmer. Robert war inzwischen ins Wohnzimmer verschwunden und spielte wieder sein Spiel auf dem Computer.
„Wo ist denn deine Mutter?“, fragte Jürgen seinen Sohn Robert.
„Weiß nicht“, gab Robert kurz zurück und ließ sich gar nicht drausbringen aus dem Spiel.
„Na gut“, murmelte er, „dann werde ich mich auch ein wenig ins Wohnzimmer verziehen. Schauen wir mal, was es im Fernsehen Neues gibt.“ Mit müden Schritten schlurfte er hinein, legte sich auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. Es lief gerade eine Talkshow über irgendwelche Diäten. Aber Jürgen war zu müde, um noch auf einen anderen Sender zu schalten. Mit der Fernbedienung in der Hand schlief er ein.
Na toll, dachte Raffaela, als sie ins Wohnzimmer kam und ihren Mann schlafend auf der Couch vorfand. Heute ist unser erster gemeinsamer Abend und er schläft seinen Rausch aus. Sie ging enttäuscht wieder hinunter in den Keller und versuchte, sich im Nähzimmer durch Bügeln auf andere Gedanken zu bringen. Als sie sich ihre Wut so halbwegs an den Hemden und Unterhosen ausgebügelt hatte, steckte sie das Bügeleisen aus und ging dann wieder nach oben, um nach ihrem Mann zu schauen. Der war inzwischen aufgewacht und schaute sich einen Krimi an. „Hallo“, sagte er, als er sie kommen sah. „Hallo Alki“, erwiderte sie sarkastisch. Sie stand hinter ihm und fuhr ihm durchs Haar. Er musste ein wenig lachen, weil sie ja eigentlich recht hatte. Er drehte sich um, nahm sie an der Hand und zog sie zu sich auf die Couch. Er legte ihren Kopf auf seinen Schoß, schaute ihr tief in die Augen und sagte leise: „Ich liebe dich, Schatz, mehr als je zuvor.“ Dann küsste er sie innig. Sie legte die Hände um seinen Hals und erwiderte seinen Kuss. „Ich liebe dich auch“, lächelte sie ihn an. „Lass uns ins Schlafzimmer gehen und dort weiter küssen üben“, lockte sie ihn mit erotischer Stimme. So verbrachten sie eine stürmische Nacht und schliefen erst am frühen Morgen ein.
„Guten Morgen, Liebling“, flüsterte er ihr ins Ohr.
„Aufstehen, die Sonne lacht schon vom Himmel!“ Sie wurde allmählich munter und streckte sich wie eine Katze ganz durch. „Guten Morgen, Hase“, sagte sie gähnend.
„Komm aufstehen, Liebling, der Tag wartet auf uns“, munterte er sie auf, während er aus dem Bett sprang.
„Ja, lass mir noch ein bisschen Zeit, ich komme gleich“, flüsterte sie, als er sich ins Bad verzog.
So verbrachten sie noch ein schönes Wochenende. Weil das Wetter so schön war, fuhren sie am Sonntag hinaus in die Natur und wanderten so weit, wie es für David möglich war.
Dann war es wieder soweit – es war Sonntagabend. Jürgen hatte seinen Wagen schon mit den Koffern bepackt. Und nun hieß es wieder Abschied nehmen für eine Woche. „Also Kinder“, sagte er und ging auf die Knie. „Macht eurer Mutter keinen Kummer. Seid brav und lernt anständig in der Schule.“ Dann umarmte er noch jeden und küsste sie auf die Stirn. „So, jetzt geht rein. Ich möchte mit eurer Mutter alleine sein“, und gab dabei den Kindern ein Handzeichen, dass sie ins Haus gehen sollten. „Wiedersehen, Papi“, sagten beide gleichzeitig, und traurig machten sie, dass sie ins Haus kamen.
„Also Raffaela“, begann er mit tief gesenktem Kopf. „Nun heißt es für uns beide wieder Abschied nehmen.“ Er nahm sie in seine Arme und küsste sie innig, drückte sie ganz fest, als wolle er sie nie mehr loslassen.
„Ja Schatz“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Nun lässt du mich wieder alleine.“
„Es ist doch nur für eine Woche“, sagte er aufmunternd.
„Ja Hase, ist schon gut“, antwortete sie mit gleichgültiger Stimme. Dabei dachte sie sich: Du verstehst es einfach nicht, Jürgen. Ob eine Woche oder ein Jahr, Liebe sollte man nicht trennen. Aber Jürgen war in manchen Sachen einfach nicht so sensibel wie seine Frau. Er verstand es einfach nicht.
So küssten sie sich noch einmal, dann stieg er ins Auto, öffnete das Fenster und sagte: „Ich ruf dich an, wenn ich angekommen bin.“ Dann fuhr er los.
Es war schon nach 22 Uhr, als ihr Handy läutete. Sie lag schon vorm Fernseher. „Hallo Hase“, klang es durchs Telefon. „Ich bin jetzt gerade angekommen.“
„Hallo“, sagte sie.
„Wahnsinn“, stöhnte er, „der Verkehr war die reinste Hölle. Werde jetzt gleich aufs Zimmer gehen und mich hinlegen. Also, mein süßer Hase, ich wünsch dir noch eine gute Nacht und schlaf gut! Ich melde mich morgen Abend wieder.“ „Ja, ist gut“, antwortete sie und legte auf. Nach einer Weile legte auch sie sich schlafen.
Wieder alleine.
Nun war wieder Montag. Sie brauchte ja heute nicht zur Arbeit gehen. Doch sie musste trotzdem zeitig aufstehen, weil ja die Kinder zur Schule mussten. Als die Buben auf dem Weg zur Schule waren, machte sie sich an den Haushalt. Das übliche Programm: Staubsaugen, wischen, die Wäsche machen, die Kinderzimmer aufräumen. Dem älteren der beiden Racker versuchte sie schon ein bisschen das Aufräumen beizubringen, nur leider noch immer ohne Erfolg.
Sie wollte heute alles am Vormittag schaffen, denn am Nachmittag ist sie bei einer Freundin auf einen Kaffee eingeladen. Darauf freute sie sich schon lange. Sie hatte Iris schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Sie hatten sich auf einer Veranstaltung kennen gelernt, vor sechs Jahren. Da war David noch nicht auf der Welt. Iris ist eine Frau, die zu leben versteht, etwas älter als Raffaela. Sie geht schon auf die vierzig zu, war nie verheiratet und hat momentan auch keine Freund. Während der Veranstaltung, bei der es um Wirtschaft und freien Arbeitsmarkt ging, kamen sie ins Gespräch. .
Jürgen wollte damals unbedingt, dass auch Raffaela mitkam. Sie interessierte sich null dafür, und so war sie mehr an der Bar anzutreffen als in dem Saal, wo die Vorträge gehalten wurden. Dort traf sie auch Iris zum ersten Mal. Sie war mit ihrem damaligen Freund da, einem Bankmanager. Auch Iris interessierte das Thema der Veranstaltung nicht wirklich. So kamen sie ins Gespräch und waren sich von Anfang an gleich sympathisch. Als ihre Männer sie vor der Bar antrafen, waren beide schon ziemlich lustig. Die Vorträge dauerten ja auch fast drei Stunden, während der Zeit hat man schon einiges zu erzählen – und auch zu trinken. Damals war Jürgen ein bisschen sauer auf seine Frau, und er war dann auch nicht wirklich sehr gesprächig. Seit damals sind Raffaela und Iris in Kontakt geblieben und wurden sehr gute Freundinnen.
Nun war es bald Mittag. Sie hatte nicht viel zu essen gemacht, weil sie bei Iris sicher gut bewirtet werden würde. So gegen eins stieg sie dann ins Auto und fuhr zu Iris, die circa eine halbe Stunde Autofahrt von ihr entfernt wohnte. Daher konnte sie sie auch nicht so oft besuchen, weil es doch weiter war als schnell zum Nachbarn zu laufen. Als sie fast angekommen war, wählte sie Iris’ Handynummer, um ihr Bescheid zu sagen, dass sie bald da wäre. Nach ca. zehn Minuten war sie da und parkte an der Straße gegenüber von Iris’ Wohnung.
Sie klingelte an der Wohnungstür, wo Iris sogleich öffnete. „Hallo Raffaela!“, überschlug sich Iris’ Stimme fast vor Begeisterung, und sie fiel Raffaela um den Hals. „Hallo Iris“, begrüßte auch Raffaela sie erfreut. „Es tut gut, dich zu sehen“, fügte sie hinzu.
„Los, komm rein in die gute Stube“, sagte Iris einladend. Sie quatschten über Gott und die Welt. Es gab guten Kaffee und einen selbst gebackenen Kuchen. Iris war eine Quasseltante. Sie redete und hörte nicht mehr auf zu reden. Sie ließ sich mal wieder über ihre Männer aus – was sie doch nicht alles sind. Der eine ist ihr zu faul, der andere wiederum gefällt ihr zwar, aber er hat schon Kinder und das will sie nicht. Also bleibt sie jetzt lieber wieder einmal Single.
„Und was tut sich bei dir?“, fragte Iris dann und trank einen Schluck Kaffee.
„Ach ja, Iris“, seufzte Raffaela. „Es ist schon schwer, wenn man unter der Woche alles alleine erledigen muss. Die Kinder erziehen, den Haushalt schmeißen und die ganzen Arbeiten, die normal der Mann erledigen sollte. Und weißt du, was mir am meisten weht tut, Iris?“, fügte sie noch hinzu. „Das ist diese Einsamkeit am Abend. Immer wenn es draußen dunkel wird und ich dann alleine im Wohnzimmer liege, dann ist es fast nicht auszuhalten. Und wenn ich dann in der Nachbarschaft sehe, wie die Männer von der Arbeit heimkommen und ihre Frauen und Kinder begrüßen, dann zerreißt es mich innerlich fast.“
„Oje“, meinte Iris bedauernd, „ist es so schlimm?“
„Ja, es ist schlimm, und vor zwei Wochen ist er übers Wochenende wieder einmal nicht heimgekommen. Das hat mich total traurig gemacht. Er hatte versprochen, dass er mit den Kindern in den Tierpark gehen würde, und dann hat er angerufen und gesagt, dass er übers Wochenende nicht heimkommen kann. Weil irgendwelche Aufträge so wichtig sind“, erzählte Raffaela zornig. „Er hat es so locker gesagt, wie wenn er bei einem Freund abgesagt hätte, der ihn auf ein Bier eingeladen hat. Ich weiß auch nicht, er versteht es einfach nicht. Versteht nicht, dass ihn seine Familie vermisst und ihn braucht. Es ist zum Verzweifeln. Warum verstehen das Männer nicht? Warum begreifen sie nicht, dass es so wichtig ist, da zu sein?“ Raffaela überlegte eine Weile und sagte dann ernst: „Iris, ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte!“
„Na na“, fiel Iris ihr ins Wort. „Wer wird denn gleich die Flinte ins Korn werfen? Geh schau, er meint es doch nur gut mit dir. Er möchte halt, dass du und die Kinder finanziell abgesichert seid.“
„Ja schon, aber ist es das ganze Geld wert?“, fragte Raffaela bekümmert. „Was hilft mir das ganze Geld, wenn ich an Einsamkeit zugrunde gehe? Am Anfang war es ja noch nicht so schlimm. Da war er halt unter der Woche nicht da, und am Freitag ist er heimgekommen und war dann das ganze Wochenende für uns da. Nur dann hat es begonnen, dass er auch an den Wochenenden nicht heimkam, weil wieder irgendwelche Aufträge fertig werden mussten. Und dann war ich mit den Kindern auch am Wochenende alleine. Das ist sehr anstrengend, weil auch den Kindern der Vater fehlt und sie andauernd fragen, wo denn der Papa ist? Warum er nicht heimkommen kann? Und wenn ich dann selber einen Tag habe, wo ich nicht so gut drauf bin, dann ist es meist noch schwieriger, nicht auszuflippen.“
„Na ja“, stimmte Iris zu, „das klingt nicht gerade positiv.“ Jetzt herrschte ein plötzliches Schweigen zwischen den beiden Frauen. Jede schaute in eine Richtung und sagte nichts mehr.
Plötzlich fiel Iris etwas ein: „Weißt du was, Darling? Wenn dein Mann wieder mal übers Wochenende nicht nach Hause kommt, dann ruf mich an, und wir unternehmen etwas mit den Kindern. Das wäre doch was? Ich brauch eh wieder mal eine Abwechslung. Und es würde dir dann auch sicher guttun, wenn du jemandem zum Quatschen hast.“
Raffaela schaute Iris entgeistert an. „Das würdest du tun, Iris? Also, das wäre sehr lieb von dir, wenn du das tun würdest.“
„Aber sicher“, stimmte Iris zu, „für dich doch immer, Darling.“
