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Die Geschichte einer »Flitzerin«, einer jungen Jüdin die die Nazizeit im Berliner Untergrund überlebt: historisch fundiert und mitreißend erzählt. Berlin 1942. Es hämmert an der Tür, die Kunststudentin Henriette weiß: Sie soll als letzte ihrer Familie in den Osten transportiert werden und nutzt die wenigen Augenblicke, die ihr bleiben um abzutauchen. Sie ist jetzt eine "Flitzerin", schlägt sich ohne Adresse und ohne Namen im Untergrund durch. Als sie den ihr ehemals unsympathischen Kommilitonen Benjamin wiedertrifft, werden die beiden Freunde, der Wille zu überleben schweißt sie zusammen. Immer wieder reißt das unstete Leben sie auseinander und führt sie wieder zusammen, bis sie ihre Gefühle füreinander erkennen. Doch das bisschen Glück wird von den unzähligen Spitzeln bedroht - und von Rolf Reinhardt, dem Gestapo-Mann, der Jahre zuvor in Henriette verliebt war und seine ganz eigenen Gründe hat, Henriette zum Schweigen zu bringen. Die Autorin, eine promovierte Historikerin, erzählt brillant recherchiert und historisch fundiert von einer jungen Frau, die mit unbedingtem Überlebenswillen und einem Netzwerk an Helfern und Kameraden die dunkelsten Jahre des NS-Regimes überlebt.
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2024
Iris Conrad
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Berlin 1942. Es hämmert an der Tür, die jüdische Kunststudentin Henriette weiß: Sie soll als letzte ihrer Familie in den Osten transportiert werden und nutzt die wenigen Augenblicke, die ihr bleiben, um abzutauchen. Sie ist jetzt eine »Flitzerin«, schlägt sich ohne Adresse und ohne Namen im Untergrund durch. Als sie den ihr ehemals unsympathischen Kommilitonen Benjamin wiedertrifft, werden die beiden Freunde, der Wille zu überleben schweißt sie zusammen. Immer wieder reißt das unstete Leben sie auseinander und führt sie wieder zusammen, bis sie ihre Gefühle füreinander erkennen. Doch das bisschen Glück wird von den unzähligen Spitzeln bedroht – und von Thorsten Reinhard, dem Gestapo-Mann, der Jahre zuvor in Henriette verliebt war und seine ganz eigenen Gründe hat, sie zum Schweigen zu bringen.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Widmung
Motto
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
Epilog
Nachwort
For Chris and Bob, my lifelong friends
Die größere Hälfte aller Geschehnisse, die dein Schicksal entscheiden, bestimmt Gott. Aber für die kleinere Hälfte bist du verantwortlich. Unddiese kleine Hälfte musst du ganz ausfüllen. Mit deinem Verstand. Mit deinen Begabungenund mit deinem Glauben an die Hilfe von oben.
Boris Schönhaus zu seinem Sohn Samson, genannt Cioma, der untertauchteund überlebte, während sein Vater am 16. August 1942 im KZ Majdanek starb
Berlin1936
Du willst doch jetzt nicht etwa alles hinschmeißen?«, fragte Anneliese besorgt.
»Das kannst du nicht machen, Henriette, nicht jetzt, wo wir fast am Ziel sind«, fiel Ruth ein.
Henriette starrte auf den hellen Kiesweg. Sie fühlte sich nicht wohl in der Rolle, die ihr in der ganzen Geschichte zugedacht war. Ihr braun-schwarzer Mischlingshund Rufus, dessen spitze Ohren viel zu groß waren für das schmale Gesicht, stupste sie an. Vermutlich war ihm langweilig, und er wollte endlich weiter durch den Park laufen.
»Meint ihr nicht, wir haben übertrieben?«, fragte Henriette schließlich. »Unsere kleine Rache an den Nazis war ja anfangs ganz lustig, aber am Ende verletzen wir doch nur einen Jungen, der auch nichts dafür kann, dass sein Vater in der Partei ist.«
»Das ist nicht dein Ernst!« Anneliese war ehrlich erbost. »Rolfs Vater ist in der Partei, und Rolf selbst stolziert seit Jahren in der Uniform der Hitlerjugend herum wie ein eitler Pfau. Ohne solche Hohlköpfe und ihre Hassparolen wäre Hitler vor drei Jahren nicht an die Macht gekommen, und es gäbe die Nürnberger Gesetze nicht.«
»Genau«, stimmte Ruth ein. »Und wir müssten uns nicht ständig anhören, dass wir Juden minderwertig wären und keine Beziehungen und Ehen mehr mit sogenannten Ariern eingehen dürfen. Leute wie die Reinhardts finden das gut, dabei sieht dein pickeliger Rolf nicht halb so arisch aus wie ich.« Sie deutete auf ihre blonden Locken.
Auf Henriettes Gesicht stahl sich ein Lächeln, doch dann wurde sie wieder ernst. Er war nicht ihr Rolf, das war es ja gerade, und sie hatte mittlerweile Bauchschmerzen bei der ganzen Sache. Zwar hatte sie zugestimmt, Rolf schöne Augen zu machen, damit er sich in sie verguckte und anschließend am eigenen Leib erfuhr, wie absurd die Rassegesetze der Nationalsozialisten waren. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass Rolf so tiefe Gefühle für sie entwickeln würde.
»Ihr steckt ja nicht in meiner Haut«, klagte sie. »Rolf hat sich richtig in mich verliebt … nicht nur so ein bisschen, wie wir dachten. Er meint es ernst. Bei unserem letzten Treffen hat er sogar gesagt, dass er mit seinem Vater über mich sprechen will. Da gehört schon was dazu, oder nicht? Vielleicht ist er ja gar kein schlechter Kerl. Wenn er erfährt, dass ich ihm alles nur vorgespielt habe, wird er gekränkt sein. Und das hat er eigentlich nicht verdient.«
»Das ist genau unser Problem«, erklärte Anneliese ungerührt. »Die Nazis stempeln uns zu Untermenschen ab. Gestern waren wir noch geschätzte Freunde und Nachbarn, heute sind wir Schädlinge. Denen macht es gar nichts aus, dass sie uns damit demütigen und unsere Gefühle verletzen. Aber wir fühlen uns schuldig, weil wir einem Hitlerjungen einen harmlosen Streich spielen.« Sie sah Henriette prüfend an. »Oder hast du dich etwa selbst in ihn verliebt?«
»Natürlich nicht«, wehrte Henriette ab. »Ich komme mir bloß schäbig vor, ihn so hinters Licht zu führen und ihm Gefühle vorzutäuschen, die ich nicht habe.«
»Wie auch immer«, meinte Ruth. »Jetzt ist es für Reue zu spät, also lasst es uns zu Ende bringen wie abgemacht. Wenn er dich zum ersten Mal küsst, verraten wir ihm die Wahrheit. Und so wie du uns das geschildert hast, könnte es heute schon so weit sein. Also, Kopf hoch, Henriette. Denk an das, was sie uns angetan haben. Mein Vater war Beamter und wurde entlassen, nur weil er Jude ist. Und meiner Cousine hat es das Herz gebrochen, dass ihr Verlobter sie sitzen gelassen hat, weil er sich vor Repressalien wegen seines Verhältnisses mit einer Jüdin fürchtete.«
Henriette nickte zögerlich. Sie wusste, dass Ruth recht hatte. Schon vor Hitlers Machtübernahme hatte sie erleben müssen, dass Klassenkameraden aus nationalsozialistischen Familien ihr ins Gesicht sagten, dass Juden – und damit auch sie – Deutschlands Unglück seien. Doch durch die Nürnberger Gesetze quasi über Nacht zu Bürgern zweiter Klasse zu werden, hatte sie alle bis ins Mark getroffen. Ihr Großvater, einer der besten Anwälte der Stadt, war zutiefst enttäuscht, dass sich selbst langjährige Mandanten und Freunde von ihm abwandten, weil sie nicht mehr mit Juden verkehren wollten.
Sie sah ihre Freundinnen an. »Gut. Augen zu und durch.«
»So gefällst du mir!«, rief Anneliese und strich sich die dunklen Haare hinter die Ohren. »Außerdem musst du jetzt los. Rolf wartet wahrscheinlich schon auf eurer Parkbank.« Ihre braunen Augen leuchteten. »Auf in den Kampf, meine Liebe. Und denk daran: Wir sind in deiner Nähe.«
Henriette grinste schief und stand auf. Rufus fuhr hoch. Endlich ging der Spaziergang weiter. Freudig wedelnd lief er Henriette voran.
Anneliese hatte recht gehabt. Rolf saß bereits auf der Bank und wippte nervös mit dem rechten Fuß. Er trug eine elegante dunkle Jacke, die Henriette noch nicht an ihm kannte, dazu Hosen mit Bügelfalten und schwarze Schuhe. Als müsse er zum siebzigsten Geburtstag seiner Großmutter, dachte Henriette amüsiert. Dabei wusste sie, dass Rolf sich fein gemacht hatte, um sie zu beeindrucken. Neben ihm lag der Hut, mit dem sie ihn schon ein paarmal aufgezogen hatte, weil er versuchte, mit seiner Hilfe wie achtzehn zu wirken, obwohl er erst sechzehn war. Leise seufzend straffte sie die Schultern und näherte sich der Bank. In diesem Augenblick drehte Rolf den Kopf in ihre Richtung. Als er sie sah, erschien ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht.
Henriette lächelte zurück. »Guten Tag, Rolf.«
Er stand auf und drückte kurz ihre Hand, doch sie spürte, dass er gerne mehr getan hätte.
»Ich dachte schon, du kommst nicht mehr«, sagte er, obwohl sie pünktlich war.
Henriette fand, dass er nervöser wirkte als sonst. Als sie ihn ansah, wich er ihrem Blick aus und beugte sich zu Rufus, um ihn zu streicheln. Der lehnte sich erfreut gegen seine Beine.
»Wie kommt es eigentlich, dass ihr einen Hund habt?«, fragte er. »Ein Kamerad von mir sagt …« Er unterbrach sich und wurde rot.
»Dass Juden keine Hunde halten?« Es war das erste Mal seit dem Beginn ihrer Verabredungen, dass das Wort Jude zwischen ihnen fiel. Bislang hatte Rolf das Thema ausgespart, als wäre es das Normalste auf der Welt, dass ein Hitlerjunge eine Jüdin ins Kino oder Café ausführte und stundenlang mit ihr im Park spazieren ging.
Henriette grinste unwillkürlich. »Es gibt tatsächlich ein jiddisches Sprichwort, das besagt: ›Wenn ein Jude einen Hund hat, ist entweder der Hund kein echter Hund oder der Jude kein echter Jude‹, aber eine strenge Regel ist es nicht. Du kennst doch die Friedmanns von der Konfiserie, oder? Die haben zwei große Schäferhunde. Hier in Berlin haben viele Juden …«
»Die Friedmanns sind Juden?«, unterbrach Rolf sie. Sein erschrockener Gesichtsausdruck rief Henriette ins Gedächtnis, neben wem sie hier saß, doch Rolf wechselte schnell wieder das Thema. »Ich möchte dir etwas zeigen, aber du musst mir versprechen, dass du es niemandem sagst – wirklich niemandem.«
Henriette zog die Augenbrauen hoch, doch sie nickte, und Rolf fischte eine kleine Fotografie aus der Innentasche seiner Jacke. Wortlos reichte er sie ihr. Zunächst wusste sie nicht, was sie damit anfangen sollte. Das Bild zeigte einen älteren Herrn mit schlohweißem Bart, zwischen seinen Knien ein etwa dreijähriger blonder Junge. Auf der Kommode im Hintergrund stand ein siebenarmiger Leuchter.
Doch plötzlich erkannte sie das Kind. »Das bist ja du!«, rief sie erstaunt.
Rolf nickte, und als Henriette nicht weitersprach, drehte er das Foto in ihrer Hand um, wobei seine Finger ihre berührten.
»Rolf Reinhardt und sein Großvater Salomon Goldblatt, Wilna/Litauen«, las sie. »Du hast jüdische Großeltern?«
»Nur einen jüdischen Großvater.« Rolf lächelte zaghaft. »Er war der Vater meiner leiblichen Mutter, aber die ist ja schon vor Jahren gestorben. Deshalb weiß das auch niemand.« Sein sonst eher blasses Gesicht war gerötet, eine dunkelblonde Strähne fiel ihm in die Stirn, und er sah sie eindringlich an. »Du wirst es doch keinem sagen, oder? Mein Vater meint, das wäre fatal für meine Karriere.« Er kratzte sich verlegen an der Hand. »Ich habe dir das Bild nur gezeigt, damit du weißt, dass wir uns gar nicht so unähnlich sind.«
Henriette gab ihm die Fotografie zurück. Dass Rolf glaubte, sie seien sich ähnlich, zeigte nur, wie wenig Ahnung er hatte. Abgesehen davon, dass es Reinhardt und seiner neuen Frau gelungen war, den Vorfahr im fernen Litauen unter den Teppich zu kehren, machte ein einzelner jüdischer Großvater Rolf noch nicht zum Juden. Doch dem schien die Sache wichtig zu sein. Die Preisgabe seines Familiengeheimnisses war offenbar als Vertrauensbeweis gedacht, und Henriette schämte sich erneut für ihr Verhalten. In diesem Moment ergriff Rolf zaghaft ihre Hand, und Henriettes Herz schlug schneller. Sie war nicht in Rolf verliebt – wirklich nicht! Trotzdem war es das erste Mal, dass ein Junge sie berührte. Erst nach mehreren langen Sekunden wagte sie es, Rolf dabei in die Augen zu sehen.
»Heute ist es genau sechs Wochen her, dass du mich angesprochen hast und wir uns zu Limo und Kuchen verabredet haben.«
»Ach ja?«, fragte Henriette nervös.
»Ja, das weiß ich genau. Ich war so überrascht, denn eigentlich sollten wir ja …« Wieder brach er hastig ab. Vermutlich wurde ihm bewusst, wie so ein Satz auf Henriette wirken musste, und er versuchte die Bemerkung zu retten: »Du bist so viel hübscher als ich. Deine braunen Haare … wie eine Löwenmähne. Und ich kann nie entscheiden, ob deine Augen nun grün oder grau sind. Es hängt vom Licht ab und davon, ob du lachst oder ernst guckst, so wie jetzt.«
Rolf ließ ihre Hand los, um ihr über die gewellten Haare zu streichen, und Henriette wollte zurückweichen, aber sie tat es nicht, sondern versteifte sich nur leicht, als seine Hand an ihrem Hinterkopf liegen blieb und sie sanft zu sich heranzog. Dann ging alles sehr schnell. Heftiger als erwartet presste Rolf seine Lippen auf ihre. Es war weder angenehm noch unangenehm. Nur ein, zwei Sekunden hielt sie still, dann drückte sie ihn von sich.
»Bitte, nicht …«
Rolfs Wangen färbten sich rot. »Warum nicht? Ich dachte …«
»Da hast du falsch gedacht!«, ertönte eine fröhliche Stimme hinter ihm. Rolfs Kopf fuhr herum, und auf seinem Gesicht zeichnete sich Unverständnis ab, als er Henriettes Freundinnen Anneliese und Ruth erblickte.
»Unsere Henriette ist nämlich ein bisschen zu gut für dich, ganz egal, was eure Nürnberger Gesetze behaupten!«, rief Anneliese.
Und Ruth stimmte ein: »Oder hast du die etwa vergessen? Auf einmal sind sie nicht mehr so wichtig, wenn das Herz klopft, oder? Aber was würden deine Freunde von der Hitlerjugend dazu sagen, wenn sie dich sehen könnten, wie du eine Jüdin küsst? Und erst dein Vater!«
Rolf war hochgefahren, sein Blick wanderte von Henriette zu den anderen und wieder zurück.
»Henriette?«, bat er flehend, doch sie wich seinem Blick aus, und Rolf begriff. »Ich zeige euch an!«, schrie er in Ruths und Annelieses Richtung, doch die beiden blieben gleichmütig.
»Und wie willst du erklären, dass du dich so leicht von einem Judenmädchen hast einfangen lassen?«, fragte Ruth hämisch.
Noch einmal ging Rolfs flehender Blick zu Henriette. Offenbar hoffte er trotz allem, dass es sich um einen Irrtum handelte, ein Missverständnis. Gleich würde Henriette die Situation aufklären und ihren Freundinnen sagen, dass er und sie … dass sie ein Paar waren. Doch Henriette schwieg.
»Ich werde euch …«, rief er noch einmal, dann stürmte er davon.
Prustend ließen sich Anneliese und Ruth neben Henriette auf der Parkbank nieder. »Hab ich’s dir doch gesagt, dass er dich heute küsst. Siehst du? Es ist genauso gelaufen wie geplant«, erklärte Ruth.
»Jetzt weiß er hoffentlich, wie es sich anfühlt, gedemütigt und weggestoßen zu werden«, meinte Anneliese. Sie sah Henriette ins Gesicht. »Und hab jetzt bloß keine Gewissensbisse.«
»Schön war es nicht, und ich bin mir auch nicht sicher, ob es richtig war«, entgegnete Henriette. »Jedenfalls fühle ich mich ziemlich gemein.«
Da fiel ihr Blick auf den Kiesweg. Sie stand auf und bückte sich nach dem Foto von Rolfs Großvater, doch sofort nahm Ruth es ihr ab und betrachtete es. Im Gegensatz zu Henriette verstand sie seine Brisanz sofort.
»Tatsächlich? Die Reinhardts haben ein schmutziges kleines Geheimnis, das Rolf dir heute ausgeplaudert hat? Oh, là, là!«
»Ich habe ihm versprochen, dass ich nichts sagen werde«, erklärte Henriette, »und ich möchte, dass ihr das auch nicht tut. Jetzt ist Schluss, wir haben ihm übel genug mitgespielt.«
»Ja, ja, Fräulein Moralpredigt, ist ja schon gut, wir werden schweigen wie ein Grab.« Ruth machte eine Geste, als würde sie die eigenen Lippen mit einem Schlüssel abschließen. »Aber wir werden ihm das Bild auch nicht hinterhertragen.«
»Ich habe sogar noch eine Idee!«, meinte Anneliese. »Wir überlassen es dem Zufall, ob sein Geheimnis ans Licht kommt oder nicht. Wir lassen das Bild einfach auf der Bank liegen. Vielleicht hat Rolf Glück, und der Wind weht es in die Büsche. Aber vielleicht – nur ganz vielleicht – kommt jemand vorbei, der Rolf erkennt. Na, wie findet ihr das?«
»Klasse!«, rief Ruth. »Schließlich hat er selbst das Bild verloren. Niemand kann uns vorwerfen, es nicht mitgenommen zu haben.«
Henriette schwieg. Wie wahrscheinlich war es, dass das Foto von jemandem gefunden wurde, der Rolf Reinhardt kannte und mit dem kleinen Jungen auf dem Bild in Verbindung brachte? Der Name Reinhardt war nicht gerade ungewöhnlich. Trotzdem – manchmal war der Teufel ein Eichhörnchen.
»Los jetzt«, hörte sie Ruth sagen. »Wir gehen auf den Ku’damm. Meine Mutter hat mir Geld gegeben, damit wir uns Kaffee und Kuchen kaufen können.«
Henriette stand auf, doch nachdem die beiden anderen sich zum Gehen gewandt hatten, griff sie schnell nach dem Foto und ließ es in ihre Handtasche gleiten. Ihr war ein wenig leichter zumute. Was sie Rolf angetan hatte, war nicht schön, aber dabei würde es bleiben, und Rolf kam sicher bald darüber hinweg.
Plötzlich packte sie der Übermut. Kaffee und Kuchen! Was gab es Schöneres an einem sonnigen Nachmittag? Sie ließ Rufus von der Leine, der aufgeregt um die Mädchen herumsprang.
Ruth, die in der Mitte ging, ergriff mit der Linken Henriettes und mit der Rechten Annelieses Hand. »Ich nehme Schwarzwälder Kirsch – und ihr?«, fragte sie.
»Bananenfrappé!«, riefen Henriette und Anneliese gleichzeitig, sahen sich an und lachten.
Am Morgen nach dem Treffen mit Henriette fühlte Rolf sich fiebrig. Zum Glück war Sonntag, und er musste nicht in die Schule. Die ganze letzte Nacht hatte er sich das Hirn darüber zermartert, wie sie ihm das antun konnte. Sie hatte ihm alles nur vorgespielt, um ihn zu verletzen. Er hatte Henriette verflucht, aber auch sich selbst und seine Leichtgläubigkeit.
Jetzt saß er auf der Bettkante und weinte. Deutsche Jungen flennen nicht, schalt er sich, und schon gar nicht wegen einer dahergelaufenen Jüdin! Da – die Worte waren ihm einfach so herausgerutscht, und gleich fühlte er sich ein wenig besser.
Zittrig wischte er sich mit dem Handrücken übers Gesicht, da fiel ihm das Foto ein. Um Himmels willen! Er sprang auf und stürzte zu den Kleidern, die er am Tag zuvor achtlos über den Schreibtischstuhl geworfen hatte. Doch sosehr er in den verschiedenen Taschen grub, sie waren leer, und auch im Portemonnaie konnte er das Bild nicht finden. Es muss mir beim Weglaufen heruntergefallen sein, dachte er verzweifelt. Hektisch zog er sich an und machte sich auf den Weg zu »ihrer Bank« im Tiergarten, die nun nicht mehr »ihre« war. Wieder schmerzte der Gedanke, doch er schob ihn beiseite und hastete weiter. Wenn er nur das Foto wiederbekam!
Schon von Weitem sah er, dass die Bank leer war. Er legte die letzten Meter im Laufschritt zurück und suchte gewissenhaft jeden Meter der Umgebung ab. Selbst die umliegenden Büsche und nahe gelegenen Mülleimer kontrollierte er, aber das Foto war nicht da. Rolf war sich sicher – wenn er es verloren hatte, dann beim Aufspringen. Vor seinem inneren Auge sah er, wie es Henriette vor die Füße fiel und sie es an sich nahm. Das passte zu ihr. Wie hatte er nur glauben können, dass sie ein nettes, ehrliches Mädchen war – ein deutsches Mädchen! Sein Vater hatte recht. Alles an den Juden war schöner Schein, erkauft mit schmutzigem Geld, das sie den ehrlichen Menschen abluchsten. In Wahrheit waren sie verlogen und verkommen.
Zittrig vor Aufregung ließ er sich auf der Bank nieder. Musste er Henriette etwa noch einmal unter die Augen treten und sie um das Bild anbetteln? Nach allem, was sie getan hatte? Erneut stieg ihm die Schamesröte ins Gesicht, und er schüttelte den Kopf. Nein, das kam nicht infrage. Er konnte und wollte sie nicht mehr sehen – nie wieder!
Dass sein Vater das Fehlen des Bildes bemerken würde, war unwahrscheinlich, denn Rolf hatte das einzige Foto seines Großvaters Salomon schon vor Jahren aus dem Album gelöst, nachdem seine Mutter gestorben war. Nur herauskommen durfte natürlich nichts, sonst … Er schluckte und wollte lieber nicht daran denken, was ihm blühte, sollte sein Vater herausfinden, dass er in eine Jüdin verliebt gewesen war – und dass sie obendrein das Foto hatte!
Noch einmal erwog er, zu Henriette zu gehen und sie um das Bild zu bitten, doch er wusste, dass er es nicht über sich bringen würde. Auf ihren Spott konnte er gut verzichten. In seinem Kopf spielte er die Sätze durch, die sie sagen würde, begleitet von dem durch und durch falschen Lächeln, das er so gemocht hatte.
Offenbar hatte er seine Lektion auf die harte Weise lernen müssen, dabei wusste er doch, dass die Juden minderwertige Menschen waren. Trotzdem hatte er sich in den letzten Wochen beinahe vom Gegenteil überzeugen lassen und den Sprüchen seines Vaters und der Kameraden von der Hitlerjugend immer weniger Gehör geschenkt. Mit seinem jetzigen Wissen musste er zugeben, dass alles, was man über sie sagte, der Wahrheit entsprach. Feige, hinterlistig und innerlich verdorben waren sie. Eine Krankheit, die alles und jeden vergiftete – so wie Henriette ihn. Hitler und Goebbels hatten das erkannt, und ab heute würde auch er es nicht mehr vergessen.
Rolf stand von der Bank auf und lief auf den Ausgang des Parks zu, etwas schwerfällig noch, doch mit jedem Schritt fühlte er sich freier. Er würde seinen Schulweg ändern, um nicht mehr an Henriettes Schule vorbeilaufen zu müssen, und vor allem die Konditorei meiden, in der sie sich zum ersten Mal gesprochen hatten. Nein, er würde Henriette nicht mehr wiedersehen. Und darüber hinaus würde er ihr sogar noch dankbar sein, dass sie ihn von seinen Zweifeln geheilt hatte. Ab heute begann ein neues Leben, ein Leben, in dem es nur noch Gewissheiten gab.
Berlin1941
Ich wünschte, wir wären schon bei der modernen Kunst. Diese alten Griechen und ihre Statuen sind so langweilig«, flüsterte Henriette ihrer Freundin Irene zu, ohne dabei den Blick von der Lehrerin, Frau Appel, abzuwenden.
»Selbst wenn wir zur modernen Kunst kommen … das, was mittlerweile noch als Kunst gelehrt werden darf, ist noch viel langweiliger als die alten Griechen«, gab Irene leise zurück. Henriette setzte sich wieder gerade hin. Am Morgen hatten sie am Entwurf eines Theaterplakats gearbeitet, und das war wunderbar gewesen. Aber zu ihrer Ausbildung als Grafikerin an der Kunstgewerbeschule gehörten eben auch Fächer wie Kunstgeschichte, die für alle Schüler verpflichtend waren. Trotzdem durfte sie nicht klagen. Die Kunstgewerbeschule in der Nürnberger Straße war eine der wenigen Ausbildungsstätten, die jüdischen Studenten überhaupt noch offenstanden.
»Über welchen Zeitraum sprechen wir, wenn wir über den Hellenismus reden?«, wollte Frau Appel gerade wissen.
Henriette hob den Arm. Auch wenn sie sich für längst Vergangenes weniger interessierte, hieß das nicht, dass sie den Unterricht nicht ernst nahm. Frau Appels Blick streifte sie, blieb dann aber an Benjamin Cahn hängen, der sich ebenfalls meldete.
»Ja, bitte, Herr Cahn?« Wie erwartet gab Benjamin die richtige Antwort und fügte noch weitere Informationen hinzu. Frau Appel lächelte erfreut.
»Angeber«, flüsterte Henriette in Irenes Ohr. Die kicherte leise.
Benjamin war zum Ende gekommen, und Frau Appel warf einen flüchtigen Blick auf die Uhr. Ob sie sie etwas früher gehen lassen würde? Bis zum Schulschluss fehlten nur noch zwei Minuten.
»So, noch eine letzte Frage zum Abschluss«, verkündete Frau Appel stattdessen. »Wer kann mir eine für die Kunst und Kultur des Hellenismus besonders bedeutende Stadt nennen?«
Diesmal schossen außer Henriettes und Benjamins Arm noch viele weitere in die Höhe.
»Ja, bitte, Herr Cahn.«
Henriette und Irene warfen sich Blicke zu, und Henriette rollte mit den Augen.
Wieder antwortete Benjamin ausführlich, und Frau Appels wohlwollender Blick vermittelte der Klasse, dass hier ein Student saß, den man sich zum Vorbild nehmen sollte. Endlich wurde Benjamin von der Schulglocke unterbrochen, und die jungen Leute packten ein. Als Henriette und Irene auf dem Weg zur Tür an Benjamins Pult vorbeikamen, sagte Henriette gerade so laut, dass er es hören konnte: »Schau mal, unser Streber hat sich sogar noch zusätzliche Bücher beschafft. Ich wette, die hat er alle schon im Voraus durchgearbeitet.«
Benjamin verfärbte sich leicht, doch er sah nicht auf und packte weiter seine Sachen ein.
Irene dagegen hatte eine überraschende Erklärung. »Ach, der hat Nachholbedarf. Weißt du, der kommt aus dem Handwerk. Soweit ich weiß, hat er schon eine Lehre als Maschinenbauer gemacht, die von der Jüdischen Gemeinde finanziert worden ist.«
»Tatsächlich?«
Sie hatten die Tür erreicht, und Henriette sah sich noch einmal nach Benjamin um. Sie erschrak, als sie merkte, dass er ihren Blick auffing und sie unverwandt ansah – nicht verärgert, sondern eher herausfordernd. Mit einem kurzen Lachen wandte sie sich wieder ab und verließ zusammen mit Irene den Raum.
»Kennst du die beiden?«, fragte Benjamin seinen Sitznachbarn, der seinem Blick gefolgt war.
Simon grinste. »Nur die eine, die dich einen Streber genannt hat. Aber diesen graugrünen Augen verzeihst du doch sicher gern, oder? Außerdem bist du wirklich ein Streber.«
»Graugrüne Augen? Was dir alles auffällt. Du scheinst sie dir ja schon recht genau angesehen zu haben.«
Simon zuckte mit den Schultern. »Man tut, was man kann, um sich ein bisschen abzulenken von all den Dingen, die wir nicht mehr dürfen, und Henriette ist bei Weitem die Hübscheste an der Schule, findest du nicht?«
»Weißt du sonst noch etwas über sie?«, fragte Benjamin betont beiläufig, ohne auf Simons Frage zu antworten.
»Ziemlich reiches Elternhaus«, meinte Simon. »Ich glaube, sie wohnt in Charlottenburg – mit ihrer Mutter und ihren Großeltern zusammen, aber ohne Vater. Man munkelt, ihr Erzeuger sei dem alten Fraenkel nicht vornehm genug gewesen, um seine einzige Tochter heiraten zu dürfen.«
»Sie haben ein uneheliches Kind einer nicht standesgemäßen Ehe vorgezogen?«, fragte Benjamin erstaunt. Mittlerweile hatten Simon und er ebenfalls den Bürgersteig erreicht und schlenderten in Richtung Joachimsthaler Straße. Der Muckefuck im dortigen Quick-Restaurant war gar nicht so schlecht.
»In höheren Kreisen kommt das vor. Hast du etwa noch nie von dem bekannten Anwalt Dr. Julius Fraenkel gehört?«
»Doch, natürlich. Sag bloß, das ist ihr Großvater.«
»Ebender.«
Benjamin verzog die Mundwinkel. »Dann ist mir alles klar. Die ist mit Kindermädchen und Haushälterin aufgewachsen, die ihr den lieben langen Tag die Puppen und Hausschuhe nachgetragen haben.«
Simon lachte. »Da kannst du dir sicher sein. Aber mittlerweile werden die sich auch einschränken müssen. Immerhin war der alte Fraenkel der Alleinversorger, und seit er nicht mehr praktizieren darf …« Er vollendete den Satz nicht. »Schau mal, da vorne, die Schlagzeile!«
Sie näherten sich dem Kiosk, an dessen Seiten die neuesten Nachrichten der verschiedenen Tageszeitungen hingen.
Benjamin beugte sich vor. Jetzt wird umgesiedelt! Die Juden müssen zum Arbeitseinsatz in den Osten, las er.Das Thema beherrschte auch die Schlagzeilen der anderen Blätter.
»Was meinen die damit?«, fragte Benjamin alarmiert. »Welche Juden denn? Doch wohl nicht alle, oder? Und was für ein Arbeitseinsatz?«
Simon schüttelte den Kopf. »Vielleicht steht das ja im Artikel?«
»Sie da, junger Mann! Kaufen, nicht lesen!«
Der Kioskbesitzer lehnte sich aus seinem Häuschen. Als er die Judensterne auf ihren Jacken sah, die erst seit wenigen Wochen verpflichtend waren, wurden seine Lippen noch schmaler.
»Verschwindet, ihr lausiges Gesindel, wollt mich wohl bestehlen, was? Macht, dass ihr wegkommt, oder ich zeige euch an.«
Benjamin wollte etwas erwidern, aber Simon zog ihn fort. »Komm, bloß keinen Ärger. Wir kaufen uns woanders eine Zeitung.«
Henriette war nach dem Unterricht sofort nach Hause gelaufen. Noch bis vor einem Jahr hatte sie mit ihren Großeltern und ihrer Mutter in einer wesentlich größeren Wohnung in der Pestalozzistraße gelebt, aber nach seinem Berufsverbot hatte ihr Großvater schweren Herzens eine kleinere in der nahe gelegenen Kantstraße gemietet.
Von der Straße führten ein paar Stufen zur Eingangstür hinauf. Ein kleines Schild informierte darüber, dass dieser Eingang Nur für Herrschaften gedacht war. Die Gegend galt als vornehm, was sich auch im Treppenhaus mit den glänzenden Marmorstufen widerspiegelte.
Schon vor der Wohnungstür hörte Henriette die erregten Stimmen ihrer Familie. Sie schloss auf. Drinnen duftete es nach Essen, und Henriette beschloss, Berta zu begrüßen, bevor sie in den Salon ging. Berta, ihre mittlerweile einzige Angestellte, kochte und führte den Haushalt. Als sie Henriette sah, sprang sie vom Küchenstuhl auf. »Ach, das Fräulein Henriette. Dann können die Herrschaften jetzt essen. Ich trage auf.«
Henriette wunderte sich über Bertas angespannten Tonfall.
»Was gibt es denn?«, fragte sie betont fröhlich, obwohl sie bereits den Bräter mit dem Hühnchen und dem Gemüse gesehen hatte. Offenbar hatte Berta auf dem Schwarzmarkt einen guten Tag erwischt. Dort konnte man für teures Geld die stark eingeschränkten Lebensmittelrationen aufbessern, die nur auf Karten und – für Juden – nur zu einer bestimmten Uhrzeit und in bestimmten Läden gekauft werden durften.
»Hühnchen«, antwortete Berta fahrig, ohne aufzublicken. Ob sie verstimmt war, weil sie einen Rüffel von Henriettes Mutter oder Großmutter bekommen hatte?
Henriette drang nicht weiter in sie. Sie wusch sich im Küchenrinnstein die Hände, obwohl ihre Mutter das nicht mochte, und ging in den Salon. Bei ihrem Anblick verstummten die Stimmen, und erstaunt bemerkte Henriette, dass ihr Großvater rauchte, obwohl vor dem Essen eigentlich immer gelüftet wurde.
»Ist etwas nicht in Ordnung?«, fragte sie verwirrt.
»Alle Juden sollen umgesiedelt werden … in den Osten«, wimmerte ihre Großmutter. »Ausgerechnet in den Osten. Was wird aus unserer schönen Wohnung? Die Mahagonikommode stammt doch noch von meiner Mutter. Ich verstehe das alles nicht. Oder können wir die vielleicht mitnehmen?«
»Hör doch auf mit deiner Kommode!«, fuhr Henriettes Mutter sie an. »Wir wissen doch gar nichts Genaues. Noch ist nichts entschieden. Sag du doch auch etwas, Vati.«
Henriette blickte ihre Familie mit großen Augen an. Ihre Großmutter, die mit ihren achtundsechzig Jahren schon sehr gebrechlich war, wirkte in dem blauen Chiffonkleid noch kleiner als sonst, und ihr magerer Hals hatte reichlich Platz in dem weißen Spitzenkragen. Gekränkt über den Rüffel ihrer Tochter, tastete sie nach ihrer strengen Frisur.
Henriettes Mutter dagegen hatte rote Flecken auf den Wangen, und aus ihren hochgesteckten Haaren hatte sich eine Strähne gelöst, die ihr über das rechte Ohr fiel, was Henriette sehr hübsch fand. Sie verstand noch immer nicht, was eigentlich los war.
Ihr Großvater räusperte sich umständlich und rückte die Brille mit den runden Gläsern zurecht. »Die Juden sollen in den Osten umgesiedelt werden … zum Arbeitseinsatz.« Er sah ihr nicht in die Augen.
»Welche Juden?«, fragte Henriette verständnislos.
»Vielleicht alle, mein Kindchen!«, rief ihre Großmutter. »Aber was sollen wir da? Wo sollen wir leben? Wir sprechen ja nicht einmal die Sprache. Wenn man uns nach Österreich bringen würde oder in die Schweiz. Wie war es da immer schön in der Sommerfrische, da kennen wir uns wenigstens aus!«
»Mutter! Was redest du nur?«, unterbrach Henriettes Mutter sie harsch und wandte sich an ihren Vater: »Da siehst du’s. Wir hätten auswandern sollen wie die Posners. Auch Henriettes Freundinnen Anneliese und Ruth sind mit ihren Familien in die USA gegangen. Die haben es gerade noch geschafft. Und jetzt ist es endgültig zu spät.«
»Ruhe!«
Die flache Hand ihres Großvaters krachte auf die Tischplatte und zerknitterte die blütenweiße Decke. So aufgebracht hatte Henriette ihn selten erlebt. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Berta erschrocken mit dem Tablett in der Tür stehen blieb.
»Deutschland ist eine Kulturnation!«, rief Henriettes Großvater erregt. »Wir leben hier im Land von Schiller und Goethe. Sie werden nicht so weit gehen, uns aus unserem Zuhause zu vertreiben. Erst vor ein paar Jahren haben sie mir noch das Ehrenkreuz verliehen für meine Verdienste im Ersten Weltkrieg, da werden sie mich jetzt doch nicht umsiedeln. So ein Unfug!«
»Ich glaube das auch nicht«, mischte Henriette sich zum ersten Mal ein. »Großvater hat recht. Sie haben unsere Rechte doch schon so weit eingeschränkt. Wir dürfen keine Führerscheine mehr haben, keine deutschen Schulen besuchen, keine Geschäfte besitzen und müssen abends ab zwanzig Uhr zu Hause sein – da kann ich mir nicht vorstellen, dass sie uns auch noch unser Zuhause wegnehmen. Und wie sollen sie so viele Menschen überhaupt umsiedeln, und wohin?«
Henriette suchte nach Zustimmung in den Gesichtern der anderen, doch selbst der Großvater mied ihren Blick und betrachtete das gut gefüllte Bücherregal an der gegenüberliegenden Wand mit den Goethe- und Schiller-Gesamtausgaben, als wären sie Rückversicherung genug.
»Ach, Kindchen, Kindchen«, fing ihre Großmutter an. »Trotzdem müssen wir jetzt erst einmal etwas essen.« Sie winkte Berta, die noch immer mit dem vollen Tablett im Türrahmen stand. »Das Essen ist doch nicht etwa kalt geworden? Vielleicht lassen wir es noch einmal aufwärmen, sonst gibt es auf den Schreck auch noch kaltes Huhn!«
»Auf keinen Fall. Berta, kommen Sie. Wir essen heute sehr gerne kaltes Huhn«, unterbrach Henriettes Mutter die Großmutter rabiat. Berta trat vorsichtig an den Tisch und trug auf.
Henriette setzte sich, doch sie hatte keinen Appetit mehr. Stattdessen dachte sie daran, was Anneliese ihr zum Abschied gesagt hatte, als sie drei Jahre zuvor nach Hamburg abgereist war, um den Überseedampfer nach New York zu nehmen. »Versuch deinen Großvater von der Ausreise zu überzeugen«, hatte sie gefleht. »Wir haben einen Bekannten, der in einer SS-Kantine arbeitet. Du willst gar nicht wissen, worüber diese Leute beim Essen reden. Glaub mir, die lassen euch nicht in Ruhe. Ihr müsst mit dem Schlimmsten rechnen.«
Doch ihr Großvater hatte davon nichts hören wollen. In Deutschland hatte ihre Familie es zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Sollte er sich nun von ein paar Rüpeln vom Hof jagen lassen, um in seinem Alter in der Fremde von vorne anzufangen? Manche Dinge musste man einfach aussitzen, sie würden irgendwann vorübergehen. Doch mittlerweile war Henriette klar, dass ihr gebildeter Großvater, den sie so verehrte, sich gründlich getäuscht hatte.
Berlin1942
Als Rolf Reinhardt das Referat IV B 4 betrat, das für die Endlösung der Judenfrage zuständig war, traf er auf dem Flur zwei Kollegen.
»Na, Reinhardt, spät dran heute?«, rief Georg Hildebrandt, der Kleinere von ihnen. »Vielleicht zu viel gegessen über die Weihnachtstage? Da wird man ja bekanntlich träge.«
Rolf nickte. »Ich kann mich nicht beklagen.«
»Ich auch nicht«, mischte sich Andreas Neumann ein. »Meine Schwiegermutter ist eine großartige Köchin. Dazu gab es vorzüglichen Moselwein.«
»Ach, Neumann, machen Sie mir nur den Mund wässrig. Ich hatte Dienst. Zusammen mit Kirchner habe ich mehrere Lastwagen voller Juden in der Sammelstelle abgeliefert. Dafür gab’s dann aber Braten in der Kantine. Gar nicht mal schlecht.«
»Dass sogar an Weihnachten abgeholt wird …«, bemerkte Neumann.
»Warum nicht?«, antwortete Hildebrandt. »Für die ist das doch kein Feiertag … und selbst wenn …«
»Was machen die Juden eigentlich an Weihnachten?«, fragte Neumann grinsend. »Sitzen die da nur rum, während der Rest des Landes feiert?« Sie lachten, und Rolf fragte sich, ob er Chanukka erwähnen sollte, das Lichterfest, das die Juden ebenfalls im Dezember feierten. Nicht, dass er viel über jüdische Traditionen wusste, aber ein paar Brocken hatte er aufgeschnappt – früher, als seine Mutter noch gelebt hatte. Er verkniff sich eine Bemerkung und schloss stattdessen sein Büro auf. Die beiden anderen folgten ihm. Sie schienen gerade Pause zu machen. Rolf griff nach den Transportlisten, die auf seinem Schreibtisch lagen.
»Gehen wir zwei diese Woche auf die Pirsch?«, fragte er Neumann.
»Nein, wir beide«, antwortete Georg Hildebrandt anstelle seines Kollegen. »Die Transportlisten habe ich dir hingelegt. Diese Adressen stehen in den nächsten Tagen an. Überwiegend Schöneberg und Charlottenburg. Da sind ein paar dicke Fische dabei.«
Rolfs Augen überflogen erst die Transportlisten mit den Namen derer, die sie abholen würden, dann die anderen, die die Juden zuvor mit der Post geschickt bekamen und auf denen sie auf vielen Seiten alles angeben mussten, was sie besaßen – von Grundstücken, Wertpapieren, Schmuck und Rentenansprüchen bis hin zu Gabel und Nachthemd. Was nach der Umsiedlung mit dem Besitz geschah, war akribisch durch den Deportationserlass festgelegt. Wertpapiere gingen an die Reichshauptkasse, Schmuck und Briefmarkensammlungen in die städtischen Pfandleihhäuser, Kunst zu den Reichskammern für Bildende Künste. Immobilien wurden zunächst selbst verwaltet, die Möbel an die Finanzverwaltung übergeben, der Hausrat direkt in den Wohnungen verkauft, worauf Anzeigen in den Tageszeitungen hinwiesen. Auf diese Weise machten auch die Nachbarn oft noch ein Schnäppchen. Georg hatte recht gehabt, die Transportlisten der kommenden Woche versprachen fette Beute.
»Gab es irgendwelche Schwierigkeiten über die Feiertage?«, fragte Rolf.
Georg schüttelte den Kopf. »Gibt es ja fast nie. Die lassen sich mitnehmen wie brave Bürger, die ihrer Pflicht nachkommen.« Er grinste. »Witzig, was sie auf den letzten Drücker noch einpacken … Nagelfeilen, Lesebrillen. Die glauben offenbar, sie fahren in den Urlaub.«
»Und so soll es auch möglichst lange bleiben«, warf Rolf ein. »Das erspart uns die Szenen. Allerdings habe ich gehört, dass das Tempo demnächst beschleunigt werden soll. Wenn ich bedenke, dass wir ihnen im Augenblick vor dem Abtransport noch diese ganzen Listen schicken, in die sie erst mal alles eintragen müssen, was sie besitzen oder auch nicht. Das ist viel zu viel Bürokratie. Außerdem warnt es sie nur unnötig vor und führt zu Unruhe. Demnächst ist Schluss damit. Dann können wir sie greifen, wo wir sie erwischen, zur Not auch in der Schlange beim Lebensmittelgeschäft.«
»Von der Straße weg zur Sammelstelle? Ganz ohne Nagelfeile?«, fragte Neumann mit gespielter Entrüstung.
Sie lachten.
»Wäre doch gar nicht schlecht, wenn sie ein bisschen verzweifelter würden«, bemerkte Georg Hildebrandt. »Neulich hat ein Alter versucht, mich mit einer silbernen Taschenuhr zu bestechen. Je mehr Angst sie haben, desto waghalsiger werden sie.«
»Und? Hast du sie genommen?«, fragte Neumann.
»Natürlich.« Hildebrandt grinste. »Ich wollte mal nicht so sein, schon weil Weihnachten war. Und als Gentleman habe ich ihn dann tatsächlich zu Hause gelassen.«
»Du hast ihn gehen lassen?«, fragte Rolf irritiert, doch Hildebrandt wehrte ab. »Mach dir keine Sorgen. Diese Woche steht er wieder drauf, und diesmal ist er dran.«
Rolf nickte, doch Hildebrandts Hinweis auf den Bestechungsversuch hatte die Bauchschmerzen zum Leben erweckt, die er seit Jahren mehr schlecht als recht im Zaum zu halten versuchte. Er dachte an Henriette Fraenkel und das Foto von seinem Großvater. Mehrfach hatte er Henriette in den letzten Jahren von Weitem gesehen. Sein Familiengeheimnis hatte sie offenbar nicht weitergegeben, und früher oder später würde auch ihr Name auf einer Transportliste stehen – dann war er das Problem los. Aber bis dahin? Das Foto war ein Risiko, ein Beweisstück in den falschen Händen, und es machte ihn bestechlich. Was, wenn sie sich dessen bewusst war? Würde sie es gegen ihn einsetzen, um ihre Deportation zu verhindern?
Rolf fühlte die feuchten Innenflächen seiner Hände und die Hitze in den Ohren – fast wie damals, als nach dem ersten Kuss plötzlich Henriettes Freundinnen hinter ihm aufgetaucht waren. Aber noch einmal würde er sich nicht von diesem Pack vorführen lassen. Mittlerweile saß er am längeren Hebel, und er musste dafür sorgen, dass es auch so blieb.
»Benjamin? Liegst du immer noch im Bett?«
Benjamin blinzelte schlaftrunken, als die schrille Stimme seiner Mutter an sein Ohr drang.
»Was ist denn los?«, murmelte er. »Ich muss doch erst um acht Uhr in der Schule sein.«
»Und da kannst du dich nicht vorher schon ein bisschen nützlich machen?«, rief seine Mutter.
»Nützlich?« Verständnislos setzte Benjamin sich im Bett auf.
»Dein Vater hat seine Mittagsstulle vergessen«, rief seine Mutter aufgebracht. Jetzt wusste Benjamin wenigstens, worum es ging. »Ein so langer Arbeitstag, und da soll er nichts essen? Was, wenn er an der Werkbank umfällt? Er ist doch ohnehin schon so dünn.«
Benjamin wusste, dass seine Mutter recht hatte. Seit man den Vater gezwungen hatte, seine Autowerkstatt für einen Appel und ein Ei an einen seiner arischen Mitarbeiter zu verkaufen, war er nicht mehr derselbe und hatte stark abgenommen, was nur teilweise an den eingeschränkten Rationen der Lebensmittelkarten lag. Die Werkstatt war sein ganzer Stolz gewesen, und den hatte man ihm genommen. Seitdem stand er zwölf Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche, in einer Werkzeugfabrik an der Werkbank. Benjamin wusste, dass ihm die Mittagsbrote fehlen würden, aber was sollte er tun?
»Steh schon auf!«, trieb seine Mutter ihn an. »Verstehst du nicht? Du musst sie ihm bringen!«
»Aber … Mutter!« Benjamin erschrak. »Wie denn? Mein Fahrrad mussten wir abgeben, und die öffentlichen Verkehrsmittel darf ich nicht benutzen, weil ich keine Arbeitssondergenehmigung habe.«
»Dann gehst du eben zu Fuß!« Um den Mund seiner Mutter hatte sich ein harter Zug gebildet, den Benjamin erst seit wenigen Jahren kannte. Mit ihren grauen Haaren wirkte sie älter, als sie eigentlich war.
»Aber das sind mehrere Kilometer hin und wieder zurück«, sagte er lahm.
»Geht es dir um deine jungen Beine oder darum, dass du dann zu spät in deine feine Schule kommst? Glaubst du, die Zeichnerei ist wichtiger als die Mittagsbrote deines Vaters?«
Benjamin hörte die Ironie in ihrer Stimme. Er kannte sie seit seiner frühesten Kindheit als eine strenge, aber liebevolle Mutter, aber seit sie Mühe hatte, mit den geringen Lebensmittelrationen ein Essen auf den Tisch zu stellen, war ihr Umgangston schärfer und ihr Geduldsfaden kürzer geworden.
»Natürlich nicht. Ich mache mich sofort auf den Weg.«
Benjamin dachte an die Worte der Mutter. Die Kunstgewerbeschule und die Dinge, die er dort lernte, waren sein Zufluchtsort. Dort konnte er für ein paar Stunden am Tag vergessen, wie beengt die Verhältnisse in der Wohnung waren, die sie mittlerweile mit einem anderen jüdischen Paar teilten, wie schwer sein Vater für das bisschen Geld schuften musste und wie unsicher seine eigenen Zukunftsaussichten waren. Die Schule schenkte ihm Hoffnung auf ein richtiges Leben, einen befriedigenden Beruf – aber jetzt brauchte sein Vater erst mal die Mittagsbrote. Er drückte seine Mutter zum Abschied.
»Wenn du dich beeilst, verpasst du sicher nur einen Teil der Stunden«, sagte sie versöhnlich.
Benjamin nickte, setzte seinen Hut auf und ging. Vor dem Hofeingang war das Leben bereits in vollem Gange. Frauen mit Einkaufstaschen eilten an ihm vorbei, und vor einem Gemüseladen wurden Kisten mit Kartoffeln und Kohlrabi abgeladen. Im Rinnstein lagen faule Äpfel und heruntergefallene Mohrrüben. Als kleiner Junge hatte Benjamin oft am späten Vormittag am Küchenfenster gesessen und auf die Wasserstoffblondinen gewartet. Mit grellen Lederjacken und kurzen Röcken waren sie auf der Münzstraße in der Nähe des Hackeschen Markts auf und ab gestöckelt – sehr zum Leidwesen des Juweliers Busse, in dessen Schaufenster ein Schild mit dem Werbespruch hing: Der Junggeselle hat zum Schluss nur graue Haare und Verdruss, der Ehemann jedoch zum Schlusse den guten Trauring von Max Busse. Aber die kooperativen Blondinen hielten den Bürgersteig vor Busses Geschäft frei, und so hatten sie friedlich koexistiert, bis Hitler den moralischen Sumpf trockengelegt hatte.
Jetzt standen wohl die meisten von ihnen an der Drehbank, denn Hitlers Vierjahresplan zählte auf die deutsche Frau im Rüstungsbetrieb, während die Männer im Krieg waren. Fort war auch der jüdische Bäcker aus Polen, dessen knusprige Zwiebelkuchen mit Mohn und Gänsegrieben in der ganzen Straße geduftet hatten.
Am Hackeschen Markt blieb Benjamin stehen, als eine Straßenbahn einfuhr. Wenn er sich unbemerkt in einem Hauseingang den Mantel mit dem Stern auszog, konnte er vielleicht noch aufspringen. Doch es war kalt, und die Passanten würden sich wundern, warum er den Mantel über dem Arm trug. Er dachte an seine Mutter, ihr immer sorgenvolles Gesicht, die Mittagsbrote seines Vaters. Was würden die Eltern sagen, wenn er im Hauptquartier der Gestapo landete? Er ließ den Mantel an und beschleunigte seinen Schritt, während die Elektrische neben ihm anfuhr.
Henriette saß an ihrem Pult und wog ab, welcher Schriftzug sich für die Reklame eignen würde, die sie entwerfen sollte. Es ging um Milch für Kleinkinder, also brauchte sie eine weiche, verspielte Schriftart in einer sanften Farbe … Blau vielleicht? Während sie noch überlegte, fiel ihr Blick auf den leeren Arbeitstisch neben sich. Dort saß normalerweise Irene, die auch Grafikerin werden wollte. Schon am Vortag war sie nicht in der Schule gewesen. War sie krank, oder hatte man sie …? Henriette verdrängte den Gedanken und wollte sich wieder auf ihr Werbeplakat konzentrieren, als auf dem Flur eine Tür geöffnet wurde und so viele Schritte erklangen, als ob eine ganze Klasse ihr Zimmer verließe. Sie kam nicht dazu, darüber nachzudenken, denn schon öffnete sich eine weitere Tür auf dem Flur, wieder strömten Schüler nach draußen.
Jetzt klopfte es an die Tür von Henriettes Klassenzimmer, und schon im nächsten Moment wurde die Klinke heruntergedrückt. Der Direktor der Schule, Hermann Brodsky, stand im Rahmen, begleitet von zwei SS-Männern. Beim Anblick ihrer schwarzen Mäntel schluckte Henriette. Grußlos trat Brodsky ein, flüsterte ihrem Lehrer etwas zu und stellte sich vor die Klasse. Erst jetzt konnte Henriette sehen, dass er nur mühsam die Fassung wahrte.
»Unsere Schule wird geschlossen«, sagte er ohne Vorwarnung. »Und zwar dauerhaft.« Er räusperte sich. »Bitte packen Sie alle Ihre Sachen und verlassen Sie das Gebäude. Gespräche sind nicht gestattet, ebenso wenig wie Ansammlungen vor der Schule. Gehen Sie einfach nach Hause.« Seine Stimme schwankte. »Vielen Dank und … alles Gute für Ihren weiteren Werdegang. Sie alle sind begabte junge …«
»Das reicht.« Einer der SS-Männer trat vor. Er trug eine Nickelbrille und sah aus, als hätte er in einem anderen Leben selbst ein Lehrer sein können. »Sie haben es gehört. Gehen Sie jetzt! Das Arbeitsamt wird sich bei Ihnen melden.«
Wie betäubt stand Henriette auf. Die Schule sollte schließen? Aber was wurde jetzt mit ihrer Ausbildung? Würde auch sie bald an irgendeiner Werkbank stehen? Selbst ihre Mutter arbeitete seit einigen Wochen in der Uniformschneiderei von Kurt Balcke. Verstohlen sah sie zu ihren Mitschülern, denen ähnliche Gedanken durch den Kopf zu gehen schienen. Stühle rutschten über den Boden, die Schnallen der Taschen schnappten zu, und die ersten Schüler betraten den Gang.
Was hatte der Direktor gesagt? Sie durften draußen nicht in Gruppen beieinanderstehen – dabei hatte sie das dringende Bedürfnis, mit jemandem über das Geschehene zu sprechen. Tatsächlich teilten sich die Schüler vor dem Gebäude in alle Richtungen auf, und auch Henriette schlug automatisch den Heimweg ein. Wir erleiden alle dasselbe, aber bleiben doch getrennt, dachte sie bitter. In einem großen Hofeingang lehnte sie sich erschöpft an die Wand. Plötzlich fühlte sie sich unendlich müde. Tränen liefen ihr über die Wangen.
»Henriette?«
Alarmiert sah sie sich um. Es war Benjamin Cahn, der in den ersten Schulstunden gefehlt hatte. Offenbar war er eben erst gekommen.
»Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ist in der Schule etwas passiert?«, fragte er besorgt.
Henriette wischte sich mit den Händen über die Augen, doch die Tränen wollten nicht versiegen, als würde seine Frage die ganze Tragweite des Geschehens erst richtig sichtbar machen.
»Sie haben die Schule geschlossen … für immer«, sagte sie mit erstickter Stimme.
»Was?«
Die Nachricht schien Benjamin genauso den Boden unter den Füßen wegzureißen wie ihr selbst.
»Aber warum denn?«, fragte er aufgebracht. »Hat sich unser Direktor etwas zuschulden kommen lassen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Ich denke, es liegt an der Umsiedlung. Wozu sollen wir noch einen Beruf erlernen, wenn sie uns doch ohnehin wegbringen?« Henriette erschrak selbst über den Zusammenhang, den sie spontan hergestellt hatte, und sie sah, dass es Benjamin ähnlich ging. Er war weiß geworden.
»Sie sagen, dass das Arbeitsamt sich bei uns melden wird«, fügte sie hinzu. »Fabrikarbeit, nehme ich an.« Wieder trieben die aussichtslose Lage und ihre eigene Machtlosigkeit ihr die Tränen in die Augen.
Benjamins Hand machte eine spontane Bewegung, als wolle er ihren Arm berühren, Trost spenden, doch im letzten Moment zog er ihn zurück. Bislang waren sie sich in der Kunstgewerbeschule aus dem Weg gegangen. Henriette konnte sich denken, warum. Irene und sie waren nicht gerade zimperlich gewesen mit ihren Bemerkungen über den Streber Benjamin. Deshalb überraschte sie seine nächste Bemerkung.
»Ich könnte Sie auf eine heiße Schokolade einladen … ins Automatenlokal … Sie wissen schon, das Quick-Restaurant. Würstchen haben sie da auch … und belegte Brote …«
Henriette wusste, dass es ein Versuch war, sie zu trösten. Trotzdem schüttelte sie den Kopf. »Entschuldigung, aber ich möchte nur noch nach Hause und niemanden mehr sehen … diese ganzen Menschen hier, die ihr Leben leben, während unseres wegbricht.«
Sie stieß sich von der Mauer ab und lief los, ohne sich noch einmal nach ihm umzudrehen. Erst als sie um die nächste Straßenecke gebogen war, blieb sie stehen. Das war jetzt wirklich unfreundlich von dir, dachte sie, erschrocken über ihre eigene impulsive Reaktion. Benjamin hatte es nur gut gemeint – und hatte sie sich nicht gerade noch beklagt, dass sie alle mit ihrem Schmerz allein blieben? Jetzt hatte ein Schulkamerad ihr die Hand gereicht, und sie hatte sie ausgeschlagen – als wäre irgendjemandem damit geholfen, wenn sie ihre Wut an ihm ausließ. Sollte sie zurückgehen und versuchen, ihn zu finden?
Doch dann entschied sie sich dagegen. Sie wollte wirklich nach Hause, am besten unter die Bettdecke, ihren Hund an sich drücken und vergessen, dass es diese Wirklichkeit hier draußen gab.
Julius Fraenkel saß im Salon, die eine Hand auf dem braunen Rücken des Hundes, der neben ihm auf dem Sofa lag, obwohl er das eigentlich nicht durfte, in der anderen ein Buch, das ebenfalls verboten war. Aber was den Hund auf dem Sofa anging, konnte er es getrost mit seiner Frau und Tochter aufnehmen, und was Heinrich Heines Wintermärchen betraf, mussten sie ihn schon mit den Füßen zuerst aus dem Haus tragen, bevor er dessen Bücher rausschmiss, nur weil sie dieser kriminellen Bande nicht passten.
Er schlug das Buch auf und las die Widmung, die er seiner Enkelin hineingeschrieben hatte, als er ihr das Buch schenkte – sein eigenes Exemplar, denn da war das Wintermärchen schon aus dem Handel verschwunden. Er erschrak ob seiner eigenen Worte, mit denen er sie hatte beruhigen wollen, indem er die Maßnahmen der Hitler-Regierung als »Gewitter« bezeichnete, das sich bald wieder verziehen würde. Welch leichtgläubiger, vor allem aber gefährlicher Unsinn das gewesen war! Ein fataler Fehler, mit dem er sie alle ins Unglück gestürzt hatte.
Aufgebracht blätterte er weiter und las den berühmten Satz: »Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.« Heinrich Heine hatte es richtig gemacht und war nach Frankreich ausgewandert, nicht nur, weil er als getaufter Jude in Deutschland zur damaligen Zeit nicht juristisch tätig sein durfte, sondern auch, um der Zensur zu entgehen. Er dagegen, Julius Fraenkel, war geblieben, auch als er seine Kanzlei aufgeben musste. Dann waren erst seine Tochter Lieselotte und schließlich auch Henriette zur Zwangsarbeit herangezogen worden.
Der Gedanke, dass seine Enkelin ihre Ausbildung nicht zu Ende führen durfte und seither wie ein Schatten durchs Haus schlich, wenn sie nicht gerade arbeitete, verbitterte ihn. Da half es herzlich wenig, dass er aufgrund seines früheren Einflusses wenigstens erreicht hatte, dass die beiden im Betrieb bevorzugt behandelt wurden, obwohl sie keinerlei Berufserfahrung hatten. Kurt Balcke, der Besitzer der Uniformschneiderei, schuldete ihm mehr als einen Gefallen und war einer der wenigen, die sich in den letzten Jahren nicht von ihm abgewandt hatten. Den Vertrag mit der Wehrmacht, der ihn zu einem offiziellen Zulieferer kriegswichtiger Ausrüstung machte, hatte damals noch die Kanzlei Fraenkel aufgesetzt, und mit jedem Tag machte der Krieg Kurt Balcke reicher. Vom politischen Standpunkt aus war Balcke kein Fanatiker, nur ein Opportunist, den das Parteiprogramm wenig interessierte, solange er sich mit den Nazis eine goldene Nase verdiente – und das war schlimm genug, aber in diesen Zeiten besser als nichts. Jedenfalls war er sofort bereit gewesen, etwas für Henriette und Lieselotte zu tun, als Julius Fraenkel bei ihm vorgesprochen hatte.
Seitdem arbeitete Henriette als Balckes rechte Hand, doch Julius Fraenkel machte sich nichts vor. Seine Enkelin litt unter der Perspektivlosigkeit – und es war seine Schuld. Er hatte sich einer Ausreise verweigert, als sie noch möglich gewesen wäre. Wie viele hatten ihm den Schritt nahegelegt, wie viele hatten ihn gewagt. Zugegeben, nicht alle standen heute in den USA so gut da wie zu ihren besten Zeiten in Berlin. Aber diese Zeiten gab es nicht mehr, und von allen Ausgewanderten wusste er, dass sie Arbeit hatten und mit ihren Familien in Sicherheit lebten.
Ein Bild kam ihm in den Sinn, es war nun schon fast zehn Jahre her. Hitler war gerade an die Macht gekommen, und nur wenige Monate später hatten die Nazis bergeweise Bücher verbrannt. Zehntausende Menschen, darunter viele ganz junge Leute – halbe Kinder der Hitlerjugend und Studenten in SA-Uniformen –, hatten sich rund um den Opernplatz versammelt und die Bücher angesteckt, während er selbst fassungslos dabeigestanden hatte. Bei manchen Autoren, deren Werke in jener lauen Mainacht in Flammen aufgingen, hatte er sich denken können, warum sie unter den neuen Herrenmenschen unbeliebt waren. Albert Einstein zum Beispiel – man sah es nicht gern, dass jüdische Wissenschaftler den arischen den Rang abliefen. Dass Einstein Deutscher war, spielte plötzlich keine Rolle mehr. Heinrich Heine war natürlich ebenfalls mit dabei, genauso wie Klaus Mann, Ernest Hemingway und Kurt Tucholsky. Alle hatten sie irgendetwas geschrieben, was den neuen Führer erzürnte. Als das Feuer am höchsten brannte, hatte er – keine zehn Meter von sich entfernt – den Schriftsteller Erich Kästner erkannt, dicht neben ihm SA-Männer, die unablässig neue Bücher in die Flammen warfen. Die Miene des Autors war versteinert gewesen, und erst da war ihm aufgefallen, dass auch Kästners Kinderroman Pünktchen und Anton auf dem Scheiterhaufen brannte. Das war eines der Lieblingsbücher seiner Enkelin gewesen. Was um Himmels willen hatten sie gegen dieses Buch?
Heute wusste er, dass die Frage unsinnig war. Es war nichts Falsches gewesen an Pünktchen und Anton oder irgendeinem der anderen Werke. Die Krankheit, die um sich griff, ging nicht von den Büchern aus, sondern von denen, die sie verbrannten. Wie hatte Heinrich Heine in seiner Tragödie Almansor geschrieben? »Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.« Hätte irgendwer deutlichere Worte finden können? Und trotzdem hatte er, Julius Fraenkel, sich taub gestellt. Er hatte festgehalten an Deutschland und die Rolle mitgespielt, die es ihm und den anderen jüdischen Bürgern in dieser grausamen Scharade zuwies. In seinem blinden Glauben an dieses Land, seine Kultur, seine moralische Aufrichtigkeit, hatte er eine Ungerechtigkeit nach der anderen hingenommen – immer in der Annahme, es müsse die letzte sein. Er hatte es nicht über sich gebracht, sich einzureihen in die langen Schlangen der Wartenden, die noch bis vor wenigen Jahren in der Hoffnung auf ein Visum die Konsulate belagert hatten. Jetzt waren die Grenzen dicht, seit dem letzten Herbst war Juden die Ausreise verboten, und sie saßen in der Falle – seinetwegen! Er hatte versagt und sie alle ins Unglück gestürzt, hatte sich für gebildet gehalten, stattdessen war er dumm gewesen – blind und naiv. Und jetzt? Würde man sie tatsächlich wegbringen, irgendwohin in den Osten?
Als Julius Fraenkel den Band mit der Winterreise zuklappte, fiel ein Schwarz-Weiß-Foto heraus. Er hob es auf und betrachtete den kleinen Jungen und den älteren Herrn, der sein Großvater sein mochte. Hinter ihnen war ein siebenarmiger Leuchter zu sehen. Wer die beiden wohl waren? Aus seiner Familie kamen sie jedenfalls nicht, aber vielleicht waren sie ja entfernte Verwandte seiner Frau. Ohne großes Interesse steckte er das Bild wieder zwischen die Seiten und legte das Buch beiseite. Mechanisch streichelten seine Hände die schwarzen Ohren des Hundes, der den Kopf auf seinem Oberschenkel abgelegt hatte und ihn fragend von unten ansah.
Da erschien Berta im Türrahmen.
»Darf ich vielleicht einen Tee bringen?«, fragte sie mit ihrer immer freundlichen Stimme.
Er schüttelte den Kopf. »Nein danke, Berta. Haben Sie nach meiner Frau gesehen? Wie geht es ihr?«
»Ach, sie fühlt sich gar nicht gut heute, aber ich glaube, jetzt ist sie gerade eingeschlafen.«
Julius Fraenkel nickte. Draußen hing ein grauer Himmel über der nassen Stadt. Der Schnee der letzten Wochen war angetaut, die Straßen matschig, doch plötzlich hatte er das Bedürfnis zu laufen.
»Ich nehme den Hund und mache einen Spaziergang«, verkündete er.
Berta nickte und zog sich zurück.
»Komm, Rufus.«
Der Hund sprang vom Sofa. Julius Fraenkel ging ins Schlafzimmer, wo das Gesicht seiner Frau auf dem gestärkten Kissen klein und zerbrechlich wirkte. Er wollte ihr übers Haar streichen, doch er hatte Angst, sie zu wecken. Im Flur nahm er Mantel und Hut, leinte Rufus an und verließ die Wohnung.
Kurt Balcke bat Benjamin, vor seinem Bürotisch Platz zu nehmen. Wozu noch dieses Gespräch?, dachte Benjamin lustlos. Wenn die Zentrale Dienststelle für Juden des Arbeitsamtes in der Fontanepromenade – mittlerweile hinter vorgehaltener Hand als »Schikanepromenade« bezeichnet – einem Betrieb einen Arbeiter zuwies, hatte der dortige Chef ohnehin nicht viel einzuwenden. Aber Kurt Balcke wollte offenbar den Schein eines Einstellungsgesprächs wahren.
»So, so, Herr Cahn. Das Arbeitsamt schickt Sie. Können Sie mir sagen aufgrund welcher Qualifikationen?«
Benjamin zuckte mit den Schultern. »Meine Mutter arbeitet seit Jahren in einer Textilfabrik … bei Wysocky.«
Balcke zog die Augenbrauen hoch. »Ihre Mutter, aha, ich sehe den Zusammenhang … Ihre Frau Mutter ist also Schneiderin, und Sie haben sich da einiges abgeguckt?«
»Nein, sie bügelt.«
»Ah … so, so.« Balcke wirkte ratlos. »Und Ihre eigenen Qualifikationen?«
»Ich bin gelernter Mechaniker und habe danach bis zu ihrer Schließung eine Kunstgewerbeschule besucht, Schwerpunkt Bildhauerei.«
Wieder fuhren Balckes Augenbrauen hoch, doch dieses Mal wirkte er freudig überrascht.
»Noch ein ehemaliger Schüler der Kunstgewerbeschule. Bildhauerei, so, so. Kennen Sie zufällig das Fräulein Henriette Fraenkel?«
Benjamin stutzte. »Henriette … ja, natürlich. Wir hatten zusammen Unterricht.«
»Das ist ja wunderbar, da werden Sie beide sich prächtig verstehen. Fräulein Fraenkel geht mir im Büro zur Hand und verteilt Ware an meine jüdischen Schneider.«
Ihre jüdischen Schneider?, dachte Benjamin irritiert und fragte sich zugleich, wie Henriette es wohl geschafft hatte, nicht unter Balckes jüdische Schneider eingereiht zu werden, sondern sofort eine Sonderstellung zu bekommen. Die Reichen fallen halt immer auf die Füße, dachte er bitter, selbst in einer solchen Lage wie jetzt.
Balcke hatte eine kleine Glocke betätigt, und nur wenig später schwang die Tür auf. Henriette trat ein. Zu seiner Befriedigung nahm Benjamin wahr, dass sie bei seinem Anblick rot wurde. Hatte sie sich am Ende doch noch an ihre gute Kinderstube erinnert, nachdem sie seine nett gemeinte Einladung so unfreundlich ausgeschlagen und ihn einfach stehen gelassen hatte? Geschah ihr ganz recht, wenn das Wiedersehen ihr peinlich war. Er würde es ihr jedenfalls nicht erleichtern.
»Hallo, Benjamin«, sagte Henriette.
Ohne zu lächeln, nickte er ihr zu. »Hallo.«
Kurt Balcke blickte von einer zum anderen, und Benjamin sah ihm an, dass er enttäuscht war. Die Zusammenführung zweier alter Freunde hatte er sich wohl freudiger vorgestellt.
Balcke hüstelte. »Nun ja, Fräulein Henriette. Herr Cahn hat eine Mechanikerausbildung. Wir werden ihn zu Reparaturarbeiten an den Maschinen heranziehen. Wie bei den Schneidern sind Sie dafür verantwortlich, dass er alle Materialien bekommt, die er braucht.«
»Ja, verstanden.«
Kurt Balcke gab den jungen Leuten noch eine zweite Chance, doch als das Schweigen anhielt und sich auch jetzt keine Herzlichkeit einstellen wollte, entließ er Henriette, die eilig aus dem Raum strebte.
»Wir kennen uns kaum«, sagte Benjamin und ärgerte sich sofort. Was ging es Balcke an, ob sie sich grün waren? Schließlich mussten nicht alle Juden Freunde sein, oder? Trotzdem war er erleichtert. Immerhin würde er als Mechaniker arbeiten.
»Maschinen reparieren … danke, das ist gut«, sagte er. »Ich hatte schon befürchtet, ich müsste Knöpfe annähen.«
Balcke grinste. »Bei Ihrer Qualifikation hätte das wahrscheinlich zu so viel Ausschuss geführt, dass die SS-Kontrolleure Sie wegen versuchter Sabotage mitgenommen hätten. Also …« Er reichte ihm einen Umschlag. »Hier bekommen Sie die Erlaubnis zur Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Die gilt aber nur für den Weg zur Arbeit und wieder zurück. Und Ihre Stempelkarte. Schicht ist von sechs bis sechs, alles klar?«
Benjamin nickte. »Alles klar.«
In den darauffolgenden Wochen sah Henriette Benjamin regelmäßig in der Fabrik. Ab und zu wandte er sich an sie, weil er Ersatzteile benötigte, die sie organisieren und in eine Liste eintragen musste. Bei jeder Begegnung war Benjamin distanziert und kurz angebunden. Vielleicht würde es helfen, wenn sie sich für ihr Verhalten an jenem Nachmittag entschuldigte? Aber sie konnte sich nicht überwinden. Verstand er denn gar nicht, wie schlecht es ihr gegangen war? Es war eine Ausnahmesituation gewesen – da musste man doch nicht so nachtragend sein! Außerdem hatten sie mittlerweile so viele andere Sorgen. Nein, sein Verhalten war einfach kindisch.
