Der Glückliche - Cord Frey - E-Book

Der Glückliche E-Book

Cord Frey

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Beschreibung

"Der Tag an dem er verrückt wurde war ein Dienstag..." Etwas stimmt nicht im Leben des knapp 30jährigen Felix. Er fühlt sich bedroht und gehetzt, sieht Dinge, hört Stimmen. Die Tage sind angefüllt von Kampfbereitschaft und Angst. Was hielt sein Leben bisher für ihn bereit, bis zu dem Tag, an dem er zu diesem Punkt kam? Ein schattierter Bilderbogen nüchterner Betrachtung eines verzweifelten Ringens um Anerkennung und Seelenfrieden erzählt seine Geschichte.

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Seitenzahl: 289

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Cord Frey

Der Glückliche

Eine Lebensgeschichte

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

Epilog

Impressum neobooks

Widmung

Für die, die mich lieben

I

Der Tag, an dem er verrückt wurde, war ein Dienstag.

Bereits als er aufwachte wurde ihm klar, dass mit dem heutigen Tage wohl eine bedeutende Änderung in seinem Leben eintreten würde - und das lag vor allen Dingen an dem grünen Teufel, der sein abgöttisch geliebtes James-Dean-Poster auf die Seite schob und ihn mit bösen, höllisch funkelnden Augen ansah. Hinter dem Teufel sah er so etwas wie einen Felsengang - das musste der Eingang zu irgendeiner Hölle sein - er konnte den Wiederschein von lodernden Flammen erahnen.

Sonderlich überrascht war er nicht; irgendwie hatte er in letzter Zeit gespürt dass ihn der Böse wohl irgendwann einmal heimsuchen könnte. Und außerdem hatte ihm James Dean vor wenigen Tagen erst erzählt, dass er wohl bald eine Strafe für sein sündiges Leben erwarten könne. Als Jimmy ihn an diesem Abend zum ersten Mal ansprach war er einige Sekunden lang zutiefst beglückt. Er hatte es sich schon so lange gewünscht, einmal ein paar Worte mit jemandem zu wechseln, der für ihn so etwas wie ein Idol darstellte. Später war er dann nur überrascht über die schrille Stimme, die sein Jimmy hatte, und auch darüber, dass dieser wohl alles über seine sündigen Gedanken wusste. Und überhaupt - James Dean. Eigentlich war er viel zu jung um diesen Fiftiesrebellen als Idol zu benutzen, in Kürze wohl gerade einmal dreißig Jahre alt, aber nach dem Umgang den er in den letzten vergangenen Lebensjahren so gepflegt hatte, erschien ihm so ein junger Unbezähmbarer, der Leuten wie seinen Eltern doch das Versprechen gab mit ihren revolutionären Gedanken nicht allein zu sein, doch etwas angenehmer als die langhaarigen, ledertragenden Typen mit denen er sich in seinem früheren Leben so gerne umgab.

Das Poster war toll. Er liebte schrille Farben; und auch das Glitzerzeug das um die fast lebensgroße Zeichnung angebracht war. Cool, mit einer Fluppe in der Fresse stand Jimmy vor ihm, das linke Bein auf einen unsichtbaren Gegenstand aufgestellt, den linken Unterarm auf den Oberschenkel gestützt, und blickte in die Ferne. Das heißt, seit einiger Zeit schien er öfters auch einmal die gegenüberliegende Wand anzustarren - böse und verächtlich.

Auf der gegenüberliegenden Wand hing das zweite Poster, dass das Zimmer schmückte; die Muttergottes in dunkelblauem Gewand; ein heller Hintergrund machte dem Betrachter beim ersten Blick die Göttlichkeit dieser Frau klar, ließ daran keinen Zweifel. Zwischen ihren vor der Brust erhobenen Händen schwebte so eine Art schwarzer Rhombus von dem ein goldener Glanz ausging - das musste der Hort der göttlichen Energie sein.

Es gefiel ihm nicht sonderlich, wie Jimmy dieses Poster neuerdings ansah. Die Muttergottes war ihm wichtig - er liebte sie, er musste sie lieben! Er wusste, wenn er es nicht tat würde sie ihn mit der Hölle bestrafen - oh Gott, wie sehr er sie eigentlich fürchtete! Sie wusste alles über ihn und seine Sünden!

Auch Jimmy wusste davon - aber woher? Es schien als würde er die Gottesmutter von ganzem Herzen hassen, wieso sonst sollte er so böse auf die andere Seite des Zimmers sehen? War er mit dem grünen Teufel im Bunde, entstammte er der selben Hölle die sich hinter seinem eigenen Poster abzeichnete, deren Eingang oder Guckloch oder was auch immer sich hinter dieser coolen, verlogenen Rebellenfassade zu verstecken schien?

Als er nun so in seinem Bett lag, sein kleines Zimmer, die Hausverwaltung nannte das ein Appartement , von fahlem Grau eines heraufdämmernden, offensichtlich regnerischen Spätsommertages nur schwach erhellt, sah er sich den Teufel etwas genauer an. Es konnte auch eine Art Eidechse sein, groß wie ein Mensch, die Augen nun nicht mehr funkelnd, eher tiefschwarze Verdammnis. Tatsächlich schien sich die Gestalt andauernd zu verändern; jetzt rotbraun wie sterbende Algen in einem stinkenden Tümpel.

Das Grauen kam - der Teufel war da, es gab keinen Zweifel! Schnell die Augen schließen, ein kurzes Gebet - als er die Augen öffnete war die Erscheinung verschwunden; hatte er nicht das Rascheln gehört wie das Poster zurückgezogen wurde? Kein Feuerschein, kein Teufel - alles war wie immer; und vielleicht, hoffentlich, nur eine Einbildung, der Rest eines Traumes!?

Es war 5 Uhr 30. Er musste zur Arbeit.

Nach dem Blick aus dem Fenster ein kurzes Morgengebet; Bitte um Schutz vor der Sünde - das war unbedingt nötig und sollte den Herrgott für diesen Tag gnädig stimmen. Dann der Gang ins Badezimmer. Als er dieses betrat gefror ihm das Blut: in seinem fensterlosen Bad hatte er einen Strauß aus fürchterlich rosafarbenen Plastikrosen stehen, jedes Mal wenn er das Badezimmer betrat sangen ihm diese eine wunderschöne Melodie - eine Melodie die nur für ihn bestimmt war, die keine fremden Ohren jemals hören sollten, ein göttliches Geschenk das er erst vor Kurzem bekommen hatte. Heute waren die Rosen stumm; es schien, als ob ihre Plastikblüten zu welken begonnen hätten.

Er wusste dass etwas Schreckliches seinen Lauf begann.

Später einmal würden ihm die Leute erzählen, dass seine Schwierigkeiten nicht erst mit diesem Tag begannen, aber davon wusste er jetzt noch nichts.

II

Vom Leben, dass er führte in der Zeit bevor er verrückt wurde gab es nach seiner Auffassung nicht sehr viel Interessantes zu berichten – auf jeden Fall sprach er nicht sonderlich gerne darüber und versuchte oft jede Erinnerung zu vermeiden.

Geboren wurde er in einer Stadt, die seit ihrem Bestehen als ein Beispiel für Provinzialität und unterschwelliges Spießbürgertum galt. Seine Eltern, beide hatten bei seiner Geburt die Zeit der Jugendblüte schon länger hinter sich gelassen, ließen ihn, in den jungen Erwachsenenjahren war er aus unerfindlichen Gründen auf die Tatsache ein ‘Protestant’ zu sein besonders stolz, in einer evangelischen Kirche auf den Namen Felix taufen, und hatten fortan jedes Gefühl der Zuneigung zu ihm abgestellt.

Sein Vater, Roland, ein gestandenes Mannsbild und von Beruf Verwaltungsangestellter im örtlichen Krankenhaus, tat sich nach außen hin dadurch hervor, dass er seinen bis dato halbwegs erwachsenen Sohn, später auch dessen wenige Bekannte, bei teilweise vernichtenden Sauftouren finanziell unterstützte; sich mit diesen, wenn man sich dann in einer der Kneipen und anderen eher als Alkoholikertreff benennbaren Örtlichkeiten traf, ein wahres Bacchanal lieferte.

Nach innen, seiner Familie zugewandt, war er einfach nur da; die Vaterfigur am ehesten mit der Hilfe eines zumindest halbwegs gepflegten ‘Arschlochbartes’ darstellend - so nannte einmal jemand diese Art von Bart, die sich aus einer Kombination aus Schnauzer und Kinnbart lediglich um die Mundöffnung anordnet. Ein Arschloch war dieser Roland sicherlich nicht, eher ein amorphes Gebilde mit der Ausstrahlung eines schwarzen Lochs; scheinbar gleichmütig und über den Dingen stehend, in Wahrheit aber auf das Einfachste desinteressiert an allem was in der Welt geschah, auch nahezu vollkommen lethargisch eingestellt dem, was seinen Lieben - seinen Lieben, der sich mit Heavy-Metal zudröhnende Bub und die von frigiden Phasen gebeutelte, ihn schon seit dem Beginn ihrer Bekanntschaft sexuell vollkommen unterversorgt zurücklassende Ehefrau - und ebenso ihm selbst den Tag über so begegnete. Vielleicht war er auch nur ein frustrierter, perspektivenloser und viel zu früh gealterter, spießiger deutscher Kleinstadtehemann, gequält durch das Bewusstsein seiner eigenen Unzulänglichkeit, dem Fehlen der Vollkommenheit weswegen ein Mensch wie er ja eigentlich auf diese Welt kam, ein Mann der allzu zeitig seine Freiheit, seine Wildheit, sein sachte revolutionäres Inneres aufgeben musste. Felix interessierte sich hierfür nicht sonderlich, es war ihm letztendlich egal. Er hatte einen Vater, das reichte.

Auf der anderen Seite stand die Mutter. Felix fand es nie wirklich seltsam, dass, wenn ihn irgendjemand nach dem Namen seiner Mutter fragte, er zuerst einmal etwas nachdenken musste wie dieser denn nun lautete. Meistens fiel er ihm auch recht schnell ein, er tat dann trotzdem so als müsse er erst noch überlegen; er hasste es den Namen auszusprechen: Isolde. Davon abgesehen dass dieser Name für seine Ohren vollkommen bescheuert klang, benannte er einen Menschen, der eigentlich nur durch permanentes strenges Hochziehen der Augenbrauen, allzu hektisches und überfordertes Getue schon am Frühstückstisch, vor allen Dingen aber auch durch einen recht ausgeprägten Geruch nach Seife den Mitmenschen in Erinnerung blieb. Für ihn war seine Mutter so eine Art Gouvernante, wie sie eigentlich schon seit dem Untergang des Kaiserreiches ihre Daseinsberechtigung verloren hatte. Vor allen Dingen nervte sie ihn. Schon als kleiner Junge wollte er ihr von den Dingen die er den Tag über so erlebt hatte, am liebsten überhaupt nichts erzählen. Es könnte ja irgendetwas dabei sein was seine Mutter in Aufregung versetzte, etwas worüber sie sich Sorgen machen musste.

Felix wollte nicht dass sie sich Sorgen machte. Wenn sie das tat musste er sich auch Sorgen machen; meistens darüber, wie er seiner Mutter nur den Anlass zur Sorge geben konnte. Sie war immerhin seine Mutter, die Frau die ihn unter Schmerzen geboren hatte, das hatte sie ihm ja auch oft genug erzählt. Der durfte man nicht irgendwelche Beklemmung antun, denn sie wollte ja nur dass ihr Sohn glücklich und gesund ist.

Als er in die Pubertät kam, es mag wohl begonnen haben als er so etwa elf Jahre alt war, war ihm der Mutter gegenüber nichts unangenehmer als dass diese herausfinden könnte, dass er sich nun langsam zu einem Mann entwickeln würde. Er erkannte früh die Freuden der Selbstbefriedigung und wichste bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit; möglicherweise aber auch nur so ausgeprägt, wie es die meisten Jungs in seinem Alter taten. Einmal beobachtete er seine Mutter wie sie seine Unterwäsche aussortierte um sie in die Waschmaschine zu stecken. Dabei musste sie die Flecken in den Unterhosen bemerkt haben; er glaubte, dass sie den Kopf schüttelte und so etwas sagte wie: “Dass auch noch!”. Dabei seufzte sie, sah wieder einmal sehr sorgenvoll aus. Felix wäre am liebsten gestorben.

Dass sich die Sorgen seiner Mutter vor allen Dingen aus der Sorge speisten, Sorgen haben zu müssen, wurde ihm einige Jahre später dann eindeutig klar gemacht. Er hatte sich hin und wieder die Frage gestellt, ob sie denn tatsächlich dachte, dass es in seinem jungen Leben keine Probleme gab. Er erzählte ihr nie etwas, wenn sie auch den Verwandten und Freundinnen immer wieder berichtete, wie gut doch das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Sohn war, man würde sich ja alles sagen können. Tatsächlich schien es ihr ganz recht zu sein wenn Felix seine Angelegenheiten für sich behielt. Es gelang ihm hervorragend sich zu verstellen, keine Mine zu verziehen wenn sein Herz auch in noch so viele Teile zersprungen war. Die Mutter schien nie zu bemerken wie sehr er sich quälte - irgendwann später wusste er dann sehr genau, wie sie es wirklich meisterlich vollbrachte seine Schmerzen zu übersehen -, aber er war auch ein Könner der Selbstbeherrschung. Einer, der am liebsten versuchte sich selbst zu trösten.

Einmal aber funktionierte das Ganze nicht sonderlich gut. Er saß im Wohnzimmer auf dem Sessel, dachte an den Vormittag und den rothaarigen Erich aus der Parallelklasse, der ihm Schläge angedroht hatte, weil Felix an diesem Morgen das lange versprochene Geburtstagsgeschenk für ihn schon wieder nicht dabei hatte. Das Geschenk bestand ursprünglich eigentlich nur aus einem Zweimarkstück, dass er Erich versprochen hatte um mal schnell einen Schluck aus der Bierflasche zu nehmen, die ein paar Jungs in der Mauerecke hinter dem alten Schlachthof kreisen ließen. Als er die zwei Mark dann am nächsten Tag in der Schule nicht dabei hatte, erhöhte Erich den Betrag, zur Strafe auf fünf Mark, die Felix dann gefälligst bis Erichs, am übernächsten Tag stattfindenden Geburtstag abzuliefern hatte. Woher er das Geld nehmen sollte wusste er nicht, fünf Mark waren für ihn eine Menge, so dass der Betrag durch zusätzlich anfallende Strafgebühren auf stattliche zehn Mark anwuchs. Am heutigen Morgen schließlich hatte Erich genug von seinem Schuldner, ging in der kleinen Pause nach der Mathestunde direkt auf ihn zu und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Ohne ihm Zeit zu lassen sich zu wehren - sich irgendwie gewehrt oder gar zurückgeschlagen hätte er ohnehin nicht, dazu war seine Angst einfach zu groß - versicherte ihm der Rote, seine, Felix, dumme Fresse zu Brei zu schlagen, wenn am nächsten Tag das Geld nicht endlich da wäre. Felix schluckte es.

Am Nachmittag saß er nun auf dem Sessel, hatte Angst vorm nächsten Tag, als seine Mutter das Zimmer betrat und ihn ansah. Irgendwie war sie für diesen Moment wohl nicht in der Lage die Gefühlswelt ihres Sohnes zu ignorieren - dazu waren die Sorgen zu wahrhaftig. Sie setzte sich ihm gegenüber auf das Sofa, sah ihn weiter an, um ihn endlich zu fragen was denn los sei?!

“Nichts”

“Ich seh‘s Dir doch an”, ihre Augenbrauen wanderten nach oben, das Gesicht versteinerte. “Wir haben uns doch versprochen, uns alles zu erzählen!!”

“Es ist nichts!!!”

Sie wurde böse. Er sah, wie sie wütend wurde; mein Gott, wie musste sie ihn hassen!

“Es ist wirklich nichts, ehrlich!”

“Wenn Du Sorgen hast, dann muss ich mir auch Sorgen machen. Du weißt, dass mir Sorgen nicht gut tun?!”

“Es ist nichts!”

Sie entspannte sich wieder, alles war wieder gut, und Felix wusste was er von dieser Frau für sein weiteres Leben zu erwarten hatte: nichts! Wohl hatte sie doch noch einen Anspruch an Ihren Sohn gefunden, nämlich nie auch nur an einem Schimmer seiner Gedanken teilhaben zu wollen! In Ordnung!

Das Problem mit Erich löste er mit einem Zehnmarkschein, den er seinem Vater am Abend aus dem Geldbeutel klaute und am nächsten Tag mit zur Schule nahm.

Isolde selbst war für sich voller Selbstmitleid über ihre Rolle in dieser unguten Welt. In ihrem Elternhaus sah sie sich immer wohl behütet, obwohl sie es als ungerechtes Schicksal empfand als jüngste von vier Schwestern geboren worden zu sein. Die Großen durften immer alles, durften ausgehen, machten gute Schulabschlüsse, ergriffen interessante Berufe und gingen in die weite Welt hinaus. Ach - nur sie musste zu Hause bleiben und der Mutter bei der Hausarbeit helfen. Sie sei zu jung, das war gemeines Geschwätz. Später einmal wusste sie, dass ihre Eltern sie doch nur um die wunderbare Zeit des Wirtschaftswunders bringen wollten; warum sonst war ihre Mutter an Multipler Sklerose erkrankt, musste ausgerechnet von ihr gepflegt werden?! Der Vater arbeitete als Nachtwächter in der Eisengießerei am Güterbahnhof und brachte dabei nicht sehr viel Geld mit nach Hause; gerade genug um die Miete für die Dachwohnung und die notwendigen Lebensmittel zu bezahlen - sie war so sehr wütend darüber dass es allen anderen Menschen besser ging als ihr. Alle anderen Menschen, die sie sowieso nicht beachteten, die sich nur für sie interessierten wenn sie etwas von ihr wollten. Wie ihr Lehrherr, Schneider Lange.

Nachdem sie ihren Volksschulabschluss gemacht hatte, ging sie in seine kleine Schneiderei in die Lehre, einen Block weiter als die elterliche Wohnung. Der Schneider war ein strenger Lehrmeister, ganz besonders streng an dem Tag als er sie in die kleine Abstellkammer zerrte, ihr Höschen unter dem Rock hervorriss und sie in den Arsch fickte. Schließlich wolle er sie ja nicht schwängern, hatte er dabei noch gesagt. Sie ließ es über sich ergehen, verdrängte den Schmerz und spürte nur wenig Ekel als er in ihr kam und verlor hierüber nie mehr ein Wort. Schließlich hatte ihr Vater auch schon einmal den Finger in ihr gehabt; ihre Rolle als Frau war für sie klar.

Bald danach hatte sie Roland kennen gelernt, ein langweiliger und unscheinbarer Typ wie sie meinte. Er lernte auf einer Fachschule irgendeinen Verwaltungsberuf, die Eltern wohl besser gestellt als ihre eigenen, und hatte vor, einen wirtschaftlich gesicherten Lebenslauf einzugehen. Irgendwann heiratete sie ihn, der Sex war zumindest erträglich und mit anderen Männern wollte sie ohnehin nichts ausprobieren, bekam einige Fehlgeburten, um dann endlich nach fast achtzehn Jahren Ehe, gerade noch vor Torschluss, ihren Sohn in die Welt zu setzten. Die an sie gestellten Erwartungen hatte sie erfüllt, jetzt konnte sie ihr gesichertes Leben in Ruhe genießen, sie hatte es sich verdient. Sie hasste den Gedanken dass ihr irgendein anderer dazwischen kommen könnte.

III

Felix war sehr beunruhigt, als er durch den Park des städtischen Krankenhauses zu seiner Arbeit ging. Er hatte Altenpfleger gelernt, war dann nach seinem Examen, wohl auch durch das Zutun seines Vaters, in einem dem Krankenhaus angeschlossenen Pflegeheim untergekommen. Zuerst hatte er es gehasst alte Leute bis zu ihrem Tod zu pflegen, die Ärsche zu wischen, Rollstühle zu schieben, den ganzen Unsinn. Auf einmal hatte er dann erkannt, dass es wohl Gottgewollt war dass er sich auf seiner Arbeit so quälen musste. Nicht, dass es ihm deswegen nun mehr Spaß gemacht hätte; diese Qual war einfach die Buße die er zu leisten hatte, für Sünden in seinem jetzigen, und wohl auch einem früheren Leben - dass hatte er zu akzeptieren gelernt.

Er hatte mittlerweile auch akzeptiert dass er seit zweieinhalb Jahren in einem Appartement im Personalwohnheim des Krankenhauses leben musste. Damals hatte ihn kurz zuvor seine Frau verlassen, einfach so war sie gegangen; ein Abschiedsbrief, in dem stand dass sie es mit ihm nicht weiter aushalten könne, ausgeräumte Kleiderschränke, das hatte ihn an einem Märztag erwartet als er von seinem Pflegeheim nach Hause kam. Etwas mehr als ein Jahr später wurde dann die Scheidung ausgesprochen, man hatte sich im beiderseitigen Einvernehmen geeinigt, so dass er wenigstens keine Unterhaltszahlungen zu leisten hatte. Sie wollte einfach nichts mehr mit ihm zu tun haben, ihn am liebsten vergessen. Für sie war die Ehe mit ihm der größte Fehler, eine furchtbare Hölle, wenn sie auch keinem der sie fragte, jemals sagen konnte warum. Mittlerweile hatten beide ein-, zweimal miteinander telefoniert; man versicherte sich der gegenseitigen Hochachtung, versprach dem Anderen keinerlei finanzielle Forderungen zu haben, bedauerte den Lauf der Dinge, ging dann wieder seiner Wege. Felix litt, sie war froh endlich auch einmal andere Männer in ihr Bett lassen zu können ohne gleich Ehebruch begehen zu müssen.

Je weiter er durch den Park ging, umso unruhiger wurde er. Er war spät dran, sollte eigentlich um sechs Uhr bei der Arbeit sein, jetzt war es fünf nach sechs. Ein Problem war das heute aber sicher nicht.

Er hatte sich in seinem Badezimmer noch mit seinen Plastikrosen beschäftigt, beruhigend auf sie eingesprochen, ihnen frische Luft zugewedelt, unter dem Wasserhahn abgespült - vielleicht waren sie einfach nur verstaubt, fühlten sich deswegen nicht wohl. Er streichelte sie. Was er auch tat, der Blumenstrauß blieb stumm. Er fluchte dass sie singen sollten. Sie taten es nicht, und er fiel auf die Knie um für den Fluch um Verzeihung zu flehen.

Sie sangen nicht.

In den letzten Monaten hatte er ihr Lied oft durch den ganzen Park gehört; sie sangen, um ihm Kraft für seine Arbeit zu geben, sangen, um ihn auf dem Heimweg zu begleiten, auf dass er sich freue nach Hause zu kommen. Ein fröhliches Summen, oft mehrere Tonlagen gleichzeitig, in einer eigenen Virtuosität. Das Lied war nur für ihn, nur er konnte und durfte es hören; jetzt war es still.

Gott, nach dem Aufstehen hatte er es für eine halbe Minute geschafft, den Teufel als Traumbild zu verdrängen. Seit seinem Badezimmer aber wusste er, dass das gehörnte Vieh echt war. Schon einige fürchterliche Gestalten waren ihm im letzten Jahr über den Weg gelaufen, quälten ihn und versuchten, ihn ins Verderben zu stoßen. Jedes Mal war es ihm gelungen sich zu retten und der Angst zu widerstehen. Diesmal aber war der Gehörnte persönlich erschienen, war gekommen um nicht wieder weg zu gehen, war gekommen um ihn ins Verderben zu treiben. Gegen Satan kam er nicht an.

Er war am Pflegeheim angelangt. Er rief nach Gott und den heiligen Engeln, was nur sollte er jetzt tun?!

IV

Als er elf Jahre alt war, es war im Sommer, wurde er das erste Mal für eine Lüge vom lieben Gott bestraft. Einige Zeit zuvor hatte er einen Schulfreund besucht, der in einem großen Haus mit riesigem Garten am Stadtrand wohnte. Dieter. Er hatte schon mehrfach bei Dieter übernachtet, jedes Mal ein Mordsspaß. Jetzt wollte er das wieder tun, Dieter wollte das auch, nur die Eltern des Freundes waren damit überhaupt nicht einverstanden. Irgendwann in den Monaten zuvor, als Felix das letzte Mal dort geschlafen hatte, das heißt: dort schlafen wollte, hatten er und Dieter die Nacht zum Tag gemacht, gespensterten die ganze Nacht durch das Haus und brachten viel Unruhe herein, so dass letztendlich die ganze Familie keine Nachtruhe fand. Dieters Eltern hatten dann mit seinen Eltern telefoniert, diesen klargemacht dass sie einen Übernachtungsbesuch von Felix nun nicht mehr wünschten; überhaupt sei er ja ein nervöses und wohl auch ungezogenes Kind. Seine Eltern hatten darauf irgendwie überhaupt nicht reagiert, lediglich als er sich wieder einmal mit seinem Freund treffen wollte ermahnte ihn seine Mutter, sich gefälligst zusammen zu reißen, schließlich wolle sie sich nicht schon wieder Gedanken über das Verhalten ihres Sohnes machen müssen.

An diesem Tag, als die beiden Freunde nun die Nacht gerne gemeinsam, am liebsten in dem kleinen Zelt, das im Garten aufgestellt war, verbringen wollten, war dieser Wunsch von Felix noch nicht einmal vollständig ausgesprochen worden, als Dieters Eltern ihn mit lautem Lachen daran erinnerten wie die Sachlage ja denn nun sei, dass er sich solche Wünsche auch für die Zukunft sofort aus dem Kopf schlagen könnte. Sicher, er durfte zu Besuch kommen, vielleicht nicht zu oft, aber er solle tunlichst am Abend auch wieder nach Hause verschwinden.

Er hatte die Eltern seines Freundes eigentlich immer sehr gerne gehabt, dachte, dass auch sie ihn gut leiden konnten; irgendwie war das nun nicht mehr der Fall. Es war ihm nicht klar warum das nun so gekommen war, eigentlich hatte er nichts getan was die Meinung dieser Leute so ändern konnte, hatte sie nie angelogen, war nie irgendwie frech oder sonst etwas; er war ja eigentlich ein ganz lieber, normaler, aufgeweckter Junge. Vorlaut war er nicht, er ließ sich nur nicht gern, auch und sicher auch gerade von Erwachsenen nicht, von anderen Leuten bevormunden. Oft schluckte er so etwas, fühlte dann eine hilflose Wut in sich heraufsteigen, meistens aber tat er dann doch was er wollte. Heimlich, versteckt zwar, immer hoffend das ihn keiner erwischte; oft kam es dann doch raus und es gab Ärger. Aber so war es bei ihm nun mal, er konnte, wollte nicht anders, er sah es als sein Recht an.

Auch an diesem Abend sah er sich im Recht. Er wollte bei seinem Freund übernachten, Spaß haben, in dem schönen Garten bleiben; auf keinen Fall heute wieder zurück in die Stadtwohnung seiner Eltern. Verdammt, er hatte Ferien, es war warm, die Vögel sangen und er wollte auf jeden Fall dieses kleine Stückchen Freiheit genießen, das eine solche Sache jedes Mal für ihn bot.

Später dann wusste keiner der beiden mehr wer nun zuerst die Idee hatte, Dieters Eltern etwas von einem Überfall, dem zerstörtem Fahrrad und der damit verbundenen Unmöglichkeit nach Hause zu fahren, zu erzählen. Felix verabschiedete sich also nach Hause, fuhr mit seinem Fahrrad zur nächsten Ecke, riss dort, mit Hilfe eines kleinen Schraubenschlüssels aus der Satteltasche den Schlauch aus dem Vorderrad, nahm dann die Kette vom Zahnkranz, schmierte sich Dreck ins Gesicht, um dann humpelnd und scheinbar verheult wieder bei den Eltern seines Freundes aufzutauchen.

Er sagte, man hätte ihn überfallen!

Zuerst ein wenig Überraschung, dann Fassungslosigkeit - ein Überfall in dieser Vorstadtsiedlung? Felix erzählte dann die Geschichte, dass er ein paar Straßen weit gefahren sei und ihn dann ein paar Typen angehalten hätten. Sie hätten Geld von ihm gewollt, als Wegzoll, und ihn dann mit einem Messer bedroht. Dann hätten sie ihm sein Fahrrad weggenommen, es auf den Boden geworfen so dass es kaputt ging. Er hätte dann zusammen mit seinem Rad gerade noch fliehen können.

Die Geschichte die er da erzählte kam ihm selbst reichlich konstruiert vor, es schien aber dass man ihm sie abnehmen würde. Dieters Vater schien aufrichtig bestürzt zu sein; er sagte zu Felix, dass er sich jetzt erst einmal hier im Hause aufhalten solle, er selbst wolle dann Felix‘ Eltern anrufen, die sollten ihn dann abholen. Der Plan schien nicht aufzugehen.

Felix und Dieter gingen die Treppe hinauf, als ihnen die nächste dumme Idee in den Sinn kam. Sie riefen Dieters Vater, schrien aus Leibeskräften, erzählten, dass die bösen Jungs vor dem Haus aufgetaucht seien und nun wohl auf Felix warten würden.

Der Vater rannte mit einem Knüppel in der Hand zur Haustüre raus, stockte kurz - es war ja niemand da - und schien zu verstehen.

Wortlos machte er kehrt, kam ins Haus zurück, nahm Felix auf die Seite und forderte ihn auf, noch einmal genau zu erzählen was sich zugetragen hatte. Felix wurde rot, ihm war klar dass er beim Lügen ertappt war. Und wenn es vielleicht auch nicht ganz allein seine Idee war, er musste jetzt dafür gerade stehen. Das kannte er schon.

Er versuchte sich herauszuwinden, erzählte die Geschichte noch einmal, etwas ausführlicher und geschmückter. Erst als Dieters Mutter meinte, man solle doch die Polizei rufen, brach das ganze Gerüst langsam in sich zusammen. Kurz versuchte er das Ganze noch abzumildern, es sei ja nicht so schlimm gewesen, gab dann aber zu, dass alles an der Sache gelogen war und er sein Fahrrad auch selbst kaputt gemacht hatte; er wollte doch so gerne bei seinem Freund bleiben, und man möge doch, er bettelte, seinen Eltern davon nichts erzählen.

Die aber wurden schon am Telefon von der ganzen Angelegenheit unterrichtet. Abgeholt hatten sie ihn dann nicht, vielleicht aus Ärger, so dass Felix dann zu Fuß nach Hause ging, sein kaputtes Fahrrad an der Hand.

Zuhause klemmte ihn sich sein Vater zwischen die Knie; wenn er seinen Sohn auch sonst nicht anrührte, er hasste es auf den Tod wenn jemand log. Als Felix die Tracht Prügel bezogen hatte, blieb für ihn von diesem Tag nichts außer Demütigung.

Seinen Freund Dieter besuchte er danach vielleicht noch drei oder viermal, dann brach der Kontakt ab. Auch den neuen Namen, denn sich Dieters Eltern für ihn ausgedacht hatten, konnte er nicht ertragen. Sie nannten ihn den ‘Schauspieler’.

Als ihn dann einige Wochen später die göttliche Strafe traf, konnte er diese zuallererst überhaupt nicht als solche erkennen; er hatte die Sache mit Dieter eigentlich schon vergessen, vielleicht auch nur verdrängt, aber seine Angst war im Moment des Geschehens einfach zu groß um irgendwelche Zusammenhänge zu erkennen.

Ein etwas größerer Junge, Jan, den er vielleicht als Erwachsener mit dem Wort ‘Bekannter’ umschrieben hätte, hatte auf irgendeine Weise mit einem verwahrlosten Schrebergarten zu tun, der an einem kleinen Bach lag, der sich durch eine etwas heruntergekommene Wohnsiedlung in einem Viertel neben dem kleinstädtischen Industriegebiet schlängelte. Felix hatte dieses Viertel eigentlich immer gerne gemocht, kleine Zwei- bis Vierfamilienhäuser - erbaut in einem Stil, wie er in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg wohl üblich war -, kleine Vorgärten, meistens Rasenflächen dahinter, ein kleines Bisschen so hatte er sich seine eigene Idylle vorgestellt. Noch mehr gemocht hatte er die Tatsache, dass der große Junge ihn gefragt hatte ob er ihm denn nicht helfen wolle den Schrebergarten wieder etwas herzurichten; er würde seinen Eltern gehören, oder der Großmutter, die einfach zu alt war um sich darum zu kümmern, vielleicht auch irgendeinem anderen Verwandten - etwas unklar war die ganze Geschichte schon, aber sollte das irgendetwas bedeuten? Felix freute sich sehr, wenngleich er den anderen nicht unbedingt leiden konnte. Jan war ein ziemliches Großmaul, ein Angeber der über alles Bescheid wusste, der alles besaß und die tollsten Sachen auftreiben konnte - nur nicht gerade im jeweiligen Moment, dazu waren seine Bezugsquellen einfach zu wichtige Personen, um sie spontan mit einer solchen Kleinigkeit zu belästigen, Leute bei einem Geheimdienst und solches Zeug. Außerdem war er einigermaßen abstoßend - auf einem irgendwie aufgeblähten, fleischigen Körper saß ein Kopf der eher an eine Art Ausstülpung als an ein wichtiges Körperteil erinnerte, mit roten Flecken im sonst bleichen Gesicht. Irgendwie dachte man bei dieser Erscheinung an einen prallen Luftballon, eher vielleicht auch an eine Presswurst, die an den entsprechenden Stellen Abschnürungen zum Ausbilden der Extremitäten hatte. Aber dafür, einmal seine Auffassung von Vorstadtromantik leben zu können, übersah Felix diese für ihn eher unangenehmen Tatsachen sehr gern.

Ein paar Tage zuvor hatte er sich, eher zufällig, mit Jan getroffen – man traf sich mit Jan eigentlich immer nur zufällig; meistens ging man so die Straße entlang und Jan war dann auf einmal irgendwie da - und sie fuhren mit ihren Fahrrädern etwas in der Gegend herum. Irgendwann erzählte Jan dann die Geschichte vom Schrebergarten, machte den Vorschlag, der Felix so beglückte, und zusammen machten sie sich auf den Weg. Zuerst kurz durch das Industriegebiet, dann schließlich in die Siedlung; mit dem Rad nur etwa eine Viertelstunde von der Wohnung der Eltern entfernt.

Ein wenig seltsam war es schon, dass Jan keinen Schlüssel für das Vorhängeschloss an dem kleinen Gartentürchen hatte. Stattdessen stieg er einfach darüber hinweg, forderte Felix auf ihm zu folgen - den Schlüssel würde er das nächste Mal mitbringen -, ging in einen kleinen, einigermaßen intakt erscheinenden Schuppen und setzte sich dort auf eine Holzbank. Felix folgte ihm, setzte sich ihm gegenüber auf eine umgedrehte Holzkiste, hörte zu welch Pläne Jan mit diesem Garten hatte und wie er sich vorstellte diese Ziele zu erreichen. Ein wenig anspruchsvoll klang es schon, exotische Blumen sollten dort wachsen und eine neue Gartenlaube sollte gebaut werden.

Felix war irgendwie nicht wohl bei der Sache. Er glaubte nicht, dass die beiden sich hier aufhalten sollten, die ganze Geschichte hier war doch einfach zu unglaubwürdig; aber trotz der Zweifel blieb er stumm; er kam einfach nicht gegen das großspurige Geschwätz des anderen an. Zwar würde der ihn vielleicht nicht gleich auslachen oder sogar einen Feigling nennen, bei dem wichtigtuerischen Rumgemache des Anderen aber hatte er immer das Gefühl als Verlierer und Idiot aus einer Diskussion hervorzugehen; es war demütigend. Also blieb er still, zog mit, als Jan begann die alten Weinflaschen, die umgekehrt als Wegbegrenzung in die Erde eingegraben waren, herauszuziehen, und steckte sie in eine Plastiktüte die er im Schuppen gefunden hatte.

So arbeiteten sie etwa eine dreiviertel Stunde gemeinsam; Felix hörte zu, welche neuen Dinge der andere zu berichten hatte, dann wollte dieser nach Hause und sie trennten sich mit einer Verabredung für den nächsten Nachmittag, halb vier.

Zuerst wollte Felix dann am nächsten Tag eigentlich nicht zum Schrebergarten fahren; das Wetter war nicht besonders, es hatte die meiste Zeit geregnet, und nach wie vor wollte er der ganzen Sache irgendwie nicht trauen. So sehr gefiel ihn der Garten dann auch nicht; eher waren es ein paar Quadratmeter öder Acker, umgeben von einer verkrauteten Wiese und ein paar krüppeligen Bäumen in diesem fremden Stadtviertel. Als die Sonne dann schließlich herauskam setzte er sich doch noch auf sein Rad und fuhr los. Besser zu dieser Verabredung erscheinen, als dass Jan dann noch bei ihm Zuhause aufkreuzte und ihn wieder einmal als dummen Jungen dastehen ließ.

Er war schnell angekommen und sah schon von weitem, dass außer ihm noch niemand eingetroffen war, kletterte dann über das Gartentürchen, ging zum Schuppen und setzte sich auf die Holzkiste. Etwa eine dreiviertel Stunde hatte er gewartet, dann wurde es ihm zu blöd; er fragte sich ob er denn nicht bereits schon vorher das Gefühl hatte, dass Jan heute nicht auftauchen würde. Endlich stieg er wieder über das Gartentürchen, setzte sich auf sein Fahrrad und fuhr los.

Ein kleines Stück neben dem Garten führte ein Fußweg durch ein dorniges Gebüsch, um dann etwas weiter zwischen zwei Siedlungshäusern wieder auf die Straße zu treffen. Dort bog er ein und sah gleich die Handvoll Jugendliche, alle etwas älter als er, die sich laut lachend miteinander unterhielten. Er hatte augenblicklich ein ungutes Gefühl, vielleicht eine Vorahnung, und wollte nur schnell an ihnen vorbei. Er dachte sich, wenn er nun etwas langsamer fahren würde, dann würde er vielleicht überhaupt nicht auffallen, und das war falsch gedacht.

Gerade war er an der Gruppe vorbeigefahren, als ein etwas größerer Junge laut schrie dass er stehen bleiben solle. Sofort hatte er Felix’ Rad am Gepäckträger gefasst; das Rad stoppte sogleich und Felix fiel herunter. Ob er denn nicht wisse dass das hier ein Fußweg sei, ob er denn das Schild nicht gesehen hätte?! Felix sah kein Schild. Gewiss, der Weg war mit einem Pfosten abgesperrt, Autos konnten hier keine fahren, ein Schild aber, das die Durchfahrt hätte verbieten können gab es nicht.

Für diese laut geäußerte Feststellung gab ihm der andere einen leichten Stoß auf die Schulter, die übrigen Jugendlichen, es waren scheinbar gleich viele Jungs wie Mädchen, glotzten ihn dämlich an und er glaubte, dass sie sich ein Lachen verkneifen mussten. Felix hatte fürchterliche Angst, wenn er doch nur von hier abhauen könnte. Also sagte er, dass er das Schild nun sehen könne, dass es ihm leid täte, er würde es nicht mehr tun.

Das schien halbwegs Erfolg zu haben: der andere erklärte ihm, dass er sich hier nun nicht mehr sehen lassen und jetzt verschwinden solle - das Rad hätte er dabei aber gefälligst schieben!

Felix schob, er weinte. Eine Demütigung, gewiss, aber die Hauptsache war, nicht verprügelt zu werden.

Erst ein paar Meter weit war er gekommen, als die Jugendlichen johlend hinter ihm her rannten. Als sie ihn eingeholt hatten, packte ihn schließlich ein anderer Junge am Kragen, schrie ihn an, er sei doch der, der mit dem Fetten die Flaschen aus dem Garten geklaut hätte. Für diesen Diebstahl gäbe es jetzt Ärger. Felix weinte noch mehr, versuchte zu erklären was Jan ihm am Tag zuvor über den Schrebergarten erzählt hatte; sie nannten ihn weiter einen Dieb. Alle lachten ihn aus - er wusste nur zu genau wie sie sich über seine Schwäche, seine Angst freuten. Und er hatte fürchterliche Angst! Der erste Junge ergriff wieder das Wort und sagte ihm, dass er für diesmal noch davongekommen sei. Dann zog er ein kleines Messer aus der Tasche und stach es in den Vorderreifen des Fahrrades; mit einem Zischen entwich die Luft, der Reifen war sofort platt. Das nächste Mal würden ihm mit diesem Messer die Pulsadern aufgeschnitten, das sei ja wohl klar. Dann ließen sie ihn gehen.