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Asim, der Beschützer! Meine Leser aus Wodehouse Park kennen ihn als treuen Wegbegleiter von Thomas Alexander Wodehouse. Doch wie fand ein Junge aus dem fernen Indien seinen Weg nach London? Was für ein Leben führte Asim, bevor er Thomas begegnete? Was geschah in den Jahren, als sich die Wege des Waisenjungen und des Straßenkünstlers trennten? Gab es ein Happy End für Asim, nachdem die Schatten der Vergangenheit der Familie Wodehouse gelichtet waren? Welche Schatten lasteten auf Asims eigener Vergangenheit? In diesem Buch wird uns Asim seine Lebensgeschichte erzählen.
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Seitenzahl: 377
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Für meine Mutter und meine treuen Leser von Wodehouse Park.
Asim, der Beschützer!
Meine Leser aus Wodehouse Park kennen ihn als treuen Wegbegleiter von Thomas Alexander Wodehouse. Doch wie fand ein Junge aus dem fernen Indien seinen Weg nach London? Was für ein Leben führte Asim, bevor er Thomas begegnete? Was geschah in den Jahren, als sich die Wege des Waisenjungen und des Straßenkünstlers trennten?
Gab es ein Happy End für Asim, nachdem die Schatten der Vergangenheit der Familie Wodehouse gelichtet waren? Welche Schatten lasteten auf Asims eigener Vergangenheit? In diesem Buch wird uns Asim seine Lebensgeschichte erzählen.
Widmung
Inhalt
Prolog
- Die frühen Jahre - - Indien -
* Indore *
1 - Familie
2 - Regenzeit
3 - Verlust
* Surat *
1 - Neubeginn
2 - Zukunftssorgen und Abenteuerlust
3 - Fernweh & ein erneuter Schicksalsschlag
* Bombay *
1 – Mister Ravens
2 – Die fromme Memsahib
3 – Epidemie
4 – Asims Entdeckung
5 – Im Haupthaus
6 – Der Ruf nach Hause
7 – Über das große Wasser
- Die ersten Jahre - - London -
1 - Ankunft in ein neues Leben
2 - Die neue Herrin
3 - Auf und davon
4 - Die Straßen Londons
5 - Die Tänzerin
6 - Ein neues Heim
7 - Verlorene Liebesmüh
- Der kleine Mann –
1 - Asim, der Beschützer
2 - Ein Junge in der Gemeinschaft
3 - In Vibanas Bann
4 - Thomas fasst Vertrauen
5 - Erinnerungen einer Waise
6 - Eine unerfreuliche Begegnung
7 - Mister Miller
8 - Anschuldigungen und ein Abschied
- Von Gott verlassen -
1 - Pentonville
2 - Wer bin ich?
3 - Der gute Flin
4 - Estella
5 - Frank
6 - Geschäfte
7 - Vertrauen und Zuversicht
8 - Nachts in dunklen Gassen
9 - Spieleinsatz
10 - Vergängliches Glück?
11 - Nacht der Veränderungen
12 - Sam
13 - Nachforschungen & eine Entscheidung
14 - Der Unterricht beginnt
15 - Der erste Auftrag
16 - Handelsgeschäfte
17 - Der Tote aus der Themse
18 - Mian Yang
19 - Im Träumenden Drachen
20 - Neue Wege
- Bei den Wodehouses -
1 – Ein Wiedersehen
2 – Im herrschaftlichen Anwesen
3 - Das Geheimnis der Uhr
4 - Thomas Erinnerungen
5 - Wodehouse Park
6 - Alexander Thomas Wodehouse
7 - Beunruhigende Geschehnisse in London
8 - Ein Anliegen an Sam
9 - Wiedersehen mit einer alten Bekannten
10 - Ein unbeschwerter Sommer?
11 - Damenbesuch
12 - Familienzusammenführung
13 - Ein Entschluss mit Folgen
14 - Erkundigungen
15 - Der Beschützer wird zum Retter
16 - Schuld und Sühne
17 - Große Entscheidungen
18 - Der Verlust eines Freundes
19 - Eine gesicherte Zukunft
Epilog
Bonusstory
- Zukunftspläne -
Danksagung
Über die Autorin
»Thomas, kleiner Mann! Lauf fort! Beeil dich, ehe sie kommen. Ich werde mir zu helfen wissen! Geh und lauf zu Mister Miller! Lauf! Lauf!«
Es waren keine zwei Stunden vergangen, nachdem Asim diese Worte zu seinem kleinen, stetigen Begleiter gesprochen hatte. Eindringlich hatte er ihn angesehen und mit seiner Aussage aufgefordert zu verschwinden. Zu Verschwinden von dem Schauplatz des Geschehens, aus der Reichweite der Bobbys und … aus seinem Leben!
Asim wusste, dass er Thomas nicht wiedersehen würde. In diesem Augenblick saß er auf dem Boden einer Gefängniszelle, zusammen mit anderen Verbrechern. Zumindest waren sie das in den Augen der Constables und der feinen Gesellschaft in dieser verfluchten, ungerechten Welt.
Was hatte er getan, um diese Behandlung zu verdienen? Er hatte mit seiner Musik und seinen Kunststückchen sein Geld verdient. Asim war dem Irrglauben verfallen, dass er auf diese Weise Freude auf die Straßen Londons zaubern könnte. Was war an seiner Denkweise falsch gewesen? Wie konnte es dazu führen, dass sie ihn zu Unrecht des Diebstahls bezichtigten?
Unschuldig, wie viele vor ihm, die dem bunten Volk angehörten. Was sollte aus ihm werden? Würde er in einer Zelle sein Dasein fristen, bis der Tod ihn erlöste? Wann begann sein Leben schief zu laufen? War es, als er in diesem Land ankam? War er seit seiner Geburt in Indien zu diesem Schicksal verdammt?
Seine Augen schlossen sich und er versuchte, vor seinem inneren Auge das Bild seiner Heimat heraufzubeschwören. Ausreichend Zeit, um über sein Leben nachzudenken, würde er haben. Er konnte in seiner Erinnerung die Luft vor Hitze vibrieren spüren, den Duft verschiedener Gewürze schmecken, ehe seine Welt in Farben explodierte und er es im Geiste vor sich sah … Indien!
Asim war in eine Zeit der Umbrüche hineingeboren. Sein Volk hatte seine Traditionen verloren, wie den Aufstand, ein Aufbegehren gegen die Briten, Monate zuvor. Es hatte ihnen nichts gebracht.
Die indirekte Herrschaft der britischen Ostindien-Kompanie war durch den Aufstand 1857 beendet, somit standen sie weiterhin unter britischer Herrschaft.
In dieser Situation sollten die Inder dieselben Rechte wie die Briten besitzen. Sollten … welche Möglichkeiten boten sich ihnen?
Die Modernisierung ihres Landes, wie sie es nannten, kam den Briten zu Gute. Die indische Verwaltung unterstand der Kontrolle des ›India Office‹ in London und somit dem britischen Parlament, nicht den Indern. Schließlich wurden die Gesetze von den Briten verabschiedet.
Der Mittelstand Indiens profitierte teilweise von den Änderungen. Sie erhielten Bildung und konnten durch ihr Wissen höhere Posten in der Verwaltung und der Armee beziehen. Verlierer waren die Bauern und Handwerker. Sie waren ungebildet, verschuldet und bekamen keinen Bezug hergestellt zwischen den Vorstellungen der Briten und ihren langjährigen Traditionen.
Sie pflanzten Baumwolle anstelle von Grundnahrungsmitteln, da der Ertrag höher war, gleichermaßen wie die Steuerbelastung. Dürre und Hochwasser verursachten Hungersnöte und neues Leid. Die Briten kannten sich mit diesen Problemen nicht aus und entwickelten keine ausreichenden Maßnahmen, um den Leidenden beizustehen. Aber was interessierte einen kleinen Jungen die Politik des Landes?
Für Asim war es ein Segen, dass er keine große Erinnerung an seine früheste Kindheit hatte. Er hatte eine liebende Mutter und einen hart arbeitenden Vater, der für seine Familie, trotz aller Widrigkeiten, das Überleben sicherte.
Ihr Zuhause war eine kleine Farm in der Nähe von Indore. Sie gehörte ihnen nicht, zur Pacht bestellten sie die Felder. Es war ausreichend, um zu überleben. Sie bauten Hirse, Mais und Weizen an, in der Hoffnung, dass je nach Wetterlage zumindest eine Sorte ausreichend Frucht abwarf, um die Pacht zu zahlen. Nebenher hatten sie ein Feld zum eigenen Gebrauch, wo sie für sich das Nötigste anbauen konnten, um sich am Leben zu halten. Schließlich war das mit vier Kindern nicht leicht.
Asim war ein Wunschkind. Sein Vater Rahul musste lange auf die Ankunft seines einzigen Sohnes warten. Seine Frau Majandra schenkte drei Mädchen das Leben, ehe ihr Sohn das Licht der Welt erblickte.
Rahul und Majandra liebten ihre Kinder, auch wenn die Umstände ihnen das Leben erschwerten.
Soweit sich Asim zurückerinnern konnte, wurde er umhegt wie ein kleiner Prinz und benahm sich bisweilen demgemäß.
Seine älteste Schwester Aleika war zehn Jahre bei seiner Geburt. Sie war für ihn verantwortlich, wenn seine Mutter ihren Pflichten nachging, bei denen sie Asim nicht mitnehmen konnte. Es kam jedoch selten vor, das Aleika sich um Asim kümmern musste, denn Majandra trug ihn entweder in einem Tuch an ihrem Körper bei sich, oder er lag in einem aus Blattwerk geflochten Korb in ihrer Nähe, wenn sie kochte, oder die Wäsche in Ordnung brachte.
Bedächtig hörte Asim dabei, wie seine Mutter leise ein Wiegenlied sang. Es war stets das gleiche Lied und seine dunklen Augen sahen verträumt in den blauen Himmel, während er den sanften Klängen seiner Mutter lauschte. Friedlich erschien ihm die Welt, bemerkte er das harte Leben um ihn herum noch nicht.
Sie hatten eine einzige Ziege, für deren Versorgung die jüngste der drei Schwestern, Narani, zuständig war. Narani war ein kleiner Wildfang und machte ihrem Namen keine Ehre, dessen Bedeutung Sanftheit und Bescheidenheit ausdrücken sollte. Sie hatte stets eine lustige Geschichte auf den Lippen und vertrieb Asim die Langeweile mit einem Spaß. Ihre Aufgabe nahm sie hingegen ernst.
Wo die Ziege war, Narani war nicht weit. Suchte die Ziege nicht an ihrem überdachten Schlafplatz Schatten, führte Narani sie an einem Strick spazieren, auf der Suche nach ein paar Büscheln Gras. Die tägliche Milch wurde von Farheen, der zweitältesten Tochter, in einem Mahl zum Frühstück verarbeitet, um jedes Familienmitglied in deren Genuss kommen zu lassen.
Farheens Aufgabe in der Familie bestand darin, ihre Mutter im Haushalt zu entlasten. Sie hielt die Lehmhütte sauber, sammelte Stroh für das Feuer, holte Wasser und säuberte nach dem Essen das benutzte Geschirr. An die Kochstelle ließ Majandra sie jedoch nicht ohne Aufsicht.
Als älteste Tochter sollte Aleika das Kochen erlernen, um später ihren eigenen Haushalt zu führen. Farheen half ihr dabei nach besten Kräften.
Sobald Asim älter wäre, sollte er seinem Vater Rahul auf den Feldern helfen, zur jetzigen Zeit hatte dies keinen Sinn. Asim konnte daher den ganzen Tag spielen und seine älteren Schwestern auf Trab halten. Früh zeigte sich, dass es Asim nicht an einem Ort hielt und er die Gegend erkundete, das nicht ungefährlich war.
Aleika wurde zurechtgewiesen, wenn ihr der kleine Bruder erneut entwischt war und sie ihn nicht auffinden konnten. Üblicherweise lag er in solchen Fällen friedlich im nächsten Gebüsch, wo er auf der Suche nach seiner Mutter erschöpft eingeschlafen war. Asim mochte seine Schwestern sehr, doch hatten sie ihn als Prinz der Familie zu versorgen. Seine Mutter liebte er hingegen abgöttisch und eifersüchtig forderte er ihre Aufmerksamkeit. Er ließ sich nur von ihr am Abend zum Einschlafen bewegen. So verging Tag für Tag im gleichen Trott.
Die Monate zogen ins Land, mal sorgloser und mit einem Schimmer der Hoffnung für die Zukunft, doch stets den Gesetzen der Natur ausgesetzt.
Früh im Jahr stiegen die Temperaturen an und im Sommer wurde es unerträglich heiß. Erneut wurden sie von einer Dürreperiode heimgesucht, welche die Ernte zu vernichten drohte. Wasser war ein kostbares Gut und zu dieser Zeit lebensnotwendig für Mensch und Tier, sowie für die Felder. Sie kämpften ums Überleben und versuchten, den Großteil der Ernte zu retten, bis sich der Monsun einstellte.
Täglich regnete es bis zum Herbst und nicht selten wurde das Land überschwemmt und vernichtete einen Teil der Pflanzen auf den Feldern, der noch nicht vertrocknet war.
Jahr um Jahr der gleiche Kampf und Rahul sorgte sich um seine Familie. War dies das Leben, das die Götter für ihn vorgesehen hatten? Gab es keine Chance, mehr aus ihrem Leben zu machen?
Er fragte sich, wie er auf diese Weise die Mitgift für seine Töchter zusammentragen sollte, da sie stets am Rande der Verarmung lebten. Rahul trug die Prüfung, die das derzeitige Leben ihm auferlegte, mit Demut, in der Hoffnung, dass die Götter ihm gnädig waren und er in ein sorgloses Leben wiedergeboren würde.
Wie sollte er erahnen, dass ihm die schwerste Prüfung in seinem Leben noch bevorstand?
*
Es war während des Monsuns, als das Leben der Familie sich ändern sollte. Seit zwei Wochen regnete es ununterbrochen. Die Flüsse waren über die Ufer getreten und die Trampelpfade zu den einzelnen Dörfern überschwemmt. Das Wasser hatte einen Teil ihrer Felder weggespült und erschwerte Rahul die Arbeit. Den Kindern hatte er vor der Hütte einen Unterstand gebaut, durch den sie einen halbwegs trockenen Platz hatten, wo sie sich aufhalten konnten. Tagsüber saßen die Kinder dort beisammen und versuchten, sich die Zeit zwischen den Mahlzeiten zu vertreiben.
Es war zu mühsam, ihren Aufgaben nachzugehen. Die Wäsche trocknete in der feuchten Hitze nicht und es war gefährlich, am Fluss zu waschen. Majandra wagte sich selten zum Fluss, um Wasser zu holen. Es kam vor, dass der reißende Strom das Ufer vor ihr fortspülte. Ihre Angst um die Kinder war zu groß, als dass sie eine der Töchter noch Wasser tragen ließ.
Aleika war beschäftigt, ihre jüngeren Geschwister im Auge zu behalten. Vorwiegend Asim ging gern auf Entdeckungstour und es passte ihm nicht, dass er bei seinen Schwestern sitzen und deren Geschichten lauschen sollte. Mit seinen vier Jahren war er in seinen Augen bereits ein großer Junge, der demnächst mit seinem Vater aufs Feld ging.
Doch gab er nach, wenn er in Aleikas angsterfüllte Augen sah, der Regen auf das Blätterdach ihres Unterstands trommelte, oder sie in der Entfernung einen Niembaum umstürzen hörten, dessen Wurzeln freigespült sein Gewicht nicht mehr trugen.
Der heutige Tag machte keinen Unterschied. Aleika beendete ein Märchen, als Asims Blick gelangweilt in die Ferne schweifte. Seine Eltern waren beide draußen auf dem Feld und versuchten, das Wasser einzudämmen, um die verbliebenen Pflanzen zu retten. Farheens Hand griff instinktiv nach Asims Knöchel, um ihn daran zu hindern aufzuspringen, und lenkte dessen Aufmerksamkeit auf sich. Sie lächelte ihn sanft an.
»Was möchtest du spielen?«, fragte sie leise.
Ihr kleiner Bruder zuckte mit seinen Schultern. Abenteuer im Unterholz erleben, Tigerjagd spielen, das reizte ihn. Aber er wusste, er sollte brav hier weiter bei ihnen sitzen. Farheen erhob sich und ging in die Hütte, um ihm Obst zu holen. Ihr kleiner Bruder sollte nicht nörgeln und sie verwöhnte ihn zu gern.
Auf ihren Platz rutschte die jüngste der drei Mädchen und begann ein Spiel mit ihren Händen. Es brachte Asim zum Lachen, dass sich mit Naranis heller Stimme vermischte.
Die Ziege, die neben ihr gesessen hatte, erhob sich aufgeschreckt. Normalerweise gefiel es ihr in Naranis Nähe. Warum sollte sie allein unter dem kleinen Dach ihres eigenen Quartiers liegen? Narani führte die Ziege an einem Seil, das sie ums Handgelenk gebunden hatte, mit sich. Für das Spiel der Hände hatte sie es gelöst und die Ziege sprang frei in den Regen. In flinken Sprüngen war sie aus ihrem Blick verschwunden.
Narani erhob sich eilig und sah ihr hinterher.
»Pun!«, rief sie der Ziege nach.
»Lass sie!«, beschwichtigte Aleika sanft. Doch Narani rannte in den Regen hinaus und folgte der Ziege. Ein schneller Griff von Aleika verhinderte, dass Asim ihr nachsetzte.
»Nein, kleiner Mann! Es ist gefährlich!« Stattdessen rief sie Narani zurück. Farheen trat bei den Rufen aus der Hütte und sah noch Narani an ihr vorbei flitzen.
Narani war wild und albern, zum Leidwesen ihres Vaters, der sie lieber still und gesittet wie Aleika sehen würde. Sie war noch jung, noch keine acht Jahre alt. Rahul seufzte stets auf, wenn sie quirlig herumtanzte.
Doch eines war Narani nicht: pflichtvergessen. Sie hatten einzig die eine Ziege und es war undenkbar, dass dieser Ziege ein Leid geschah. Es bedeutete keine Milch für Asim und außerdem war Pun ihre Freundin. Sie rannte hinter der Ziege her und rief nach ihr. Naranis Stimme erklang durch das Dickicht und ging in dem rauschenden Regen unter, bis sie verstummte.
Sorgenvoll sahen Aleika und Farheen ihr nach. Ihre Beine waren wie festgewachsen vor Angst. Den Kindern war es verboten, bei dem starken Regen der letzten Tage, außerhalb ihres Zuhauses herumzulaufen, es war gefährlich. Sie wollten nicht ungehorsam sein, doch die Sorge um Narani war zu groß. Aleika drückte Asim in Farheens Arme, die den quengelnden Jungen im festen Griff hielt und rannte hinter ihrer jüngsten Schwester her.
Zwei Tage später fanden sie Narani. Sie lag am Ufer des Flusses. Ihr regloser Körper wurde angespült, nachdem sie ertrunken war. Von Pun, ihrer Ziege, fehlte jede Spur. Die Ängste der Familie waren zur Gewissheit geworden. Als hätte ihr Tod, einem Opfer gleich, den Himmel besänftigt, hörte es auf zu regnen und statt der Tropfen erklang einzig Majandras Wehklagen. Rahul fühlte sich machtlos und den Widrigkeiten ihres Daseins ausgesetzt. Sollte so sein Leben verlaufen? Das Leben seiner Familie? War es eine Prüfung der Götter, ob er diesen Schicksalsschlag in Demut hinnahm?
Lange saß er vor ihrer Hütte und starrte auf den Boden. Erst als Asim sich traurig an ihn kuschelte, umschlang er seinen Sohn. Er liebte seine Kinder und es war ein Unglück, eines zu verlieren. Ungewollt wurde sein Griff fester, als wolle er Asim nicht mehr aus seinen sicheren Armen entlassen. Der Junge keuchte auf.
Was, wenn er seinen einzigen Sohn verlor? Was konnte er tun? Jahr für Jahr war es ein Kampf, das Land zu bestellen und die hungrigen Mäuler mit dem, was sie hatten, satt zu bekommen. Durch die Tragödie hatten sie ein hungriges Kind weniger, ein paar Münzen mehr in der Tasche. Doch es war ihm, als wäre sein Lachen mit Narani gestorben.
Er hörte die Trauer seiner Frau. Konnte er ihr zumuten, hier noch ein Kind zu verlieren? Dieses Mal war es eine Flut, die ihnen ihr Kind nahm. Was wäre es nächstes Jahr? Eine Dürre, die ihre Ernte vertrocknete? Verloren sie ein Kind an den Hungertod?
Er würde sein Schicksal nicht hinnehmen. Er hieß Rahul, was ›Die Missstände bekämpfen‹ bedeutete. Seine Eltern gaben ihm seinen Namen. Er wollte seinem Namen auf seine Weise gerecht werden. Nicht, wie es sein Los war, jedes Jahr aufs Neue gegen die Naturgewalten kämpfen. Er würde sich neuen Aufgaben stellen. Es wurde Zeit, das Leid und den Verlust hinter sich zu lassen und neu anzufangen.
Noch an diesem Abend teilte er seiner Familie seinen Beschluss mit, die Pacht aufkündigen, um nach Surat aufzubrechen.
Die Reise nach Surat dauerte eine Zeit und war beschwerlich mit kleinen Kindern. Sie hatten einen Karren, jedoch kein Maultier und kamen nur langsam voran. Immer wieder war Rahul versucht, aufzugeben und in einem der kleinen Dörfer, die sie durchquerten, zu verbleiben, um erneut ein Stück Land zu pachten und von vorne zu beginnen. Doch stets ruhte sein Blick auf Asim und der Anblick seines Sohnes erinnerte ihn, wofür er sich entschieden hatte und warum es ihn nach Surat zog. Seine Kinder sollten es besser haben.
Der Kummer seiner Frau belastete sein Herz. Ob sie jemals wieder ihr Lachen fand? Stets bemerkte er, wie sie sich mit Furcht im Blick umsah, ob kein Tiger hervorsprang und ihr ein weiteres ihrer Kinder raubte.
Asim störte der lange Weg nicht. Seine Abenteuerlust war geweckt und überall sah er in seiner Fantasie Tiger durchs Unterholz streifen und Schlangen zischeln. Der kleine Junge hatte seinen Spaß, wurde er schließlich abwechselnd von seiner Mutter oder seiner großen Schwester getragen, wenn er müde wurde. Für ihn war es nicht beschwerlich und jede Reise endete.
Wie hatte sich die Familie Surat vorgestellt? Sie kannten bisher nur das Leben auf dem Land, wo der Tag damit ausgefüllt war, die Felder zu bestellen und den Widrigkeiten der Elemente zu trotzen.
Aus der Ferne war der Lärm der Stadt zu vernehmen: Rufe wurden laut und undefinierbarer Krach war zu hören. Sowohl Tiere wie Menschen machten die unterschiedlichsten Geräusche und verschiedene Gerüche schlugen ihnen entgegen. Gärten verströmten liebreizenden Blumenduft, Ställe rochen nach Mist, die Gewürze des Basars vermengten sich mit der Luft. Einzelne Gerüche konnten sie zuordnen, sobald sie den Bereich, der ihn verursachte, passierten. Doch da war eine Spur in der Luft, die Rahul nicht erkannte.
Vorsichtig manövrierten sie sich durch die vielen Menschen weiter, ziellos dem Geruch folgend. Die Neugierde war in dem ansonsten bedachten Mann geweckt und Rahul wollte wissen, was ihn lockte. Asim löste sich von der Hand der Mutter und eilte voran, wobei der kleine Junge einigen Händlern und Karren ausweichen musste.
Längst hatte die Familie die Orientierung verloren und folgten dem Familienoberhaupt weiter quer durch die Stadt. Rahul begriff, was ihn lockte, als er den Ozean erblickte. Vor ihm erstreckte sich das Hafengebiet. Schiffe lagen vor Anker und wurden be- und entladen.
Möwen krächzten in der Luft und versuchten, an Teile der Waren zu gelangen, die kräftige Männer über Planken von Bord trugen. Der Wind wehte um Rahuls Nase und brachte den Duft mit, dem er gefolgt war.
Asim stand neben seinem Vater, reckte den Hals, den Kopf in die Höhe und seine Nase somit in die Luft. Sofort war der Junge von dem neuen Duft gefesselt. Das war das Meer. Hier waren sie ab heute zu Hause, angekommen in Surat.
Der erste Eindruck der Stadt vermittelte der Familie grenzenlose Möglichkeiten, doch die Ernüchterung folgte umgehend. Sie hatten nicht viel Erspartes und die Reise hierher hatte bereits einen Teil des Geldes verschlungen.
Es war nicht leicht, eine günstige Unterkunft zu finden. Schließlich bezogen sie ein Zimmer in der Nähe der Docks. Es war klein und sie mussten alle beieinander schlafen. Von zu Hause waren sie es nicht anders gewohnt und sobald Rahul eine Arbeit fände, würden sie sich mit Sicherheit ein eigenes Heim mit mehreren Räumen leisten können.
Aber auch hier war die Vorstellung Rahuls nicht mit der Realität vergleichbar. Es wurden keine Farmarbeiter benötigt, bezog die Stadt das Notwendige von den Farmen in der Umgebung und brachten die Schiffe die Luxusgüter aus der Ferne her.
Rahul wollte auch nicht erneut eine Farm bestellen, doch konnte er nicht jeder Arbeit nachgehen. Zum einen hatte er nichts anderes als die Arbeit auf dem Feld erlernt, zum anderen schränkte seine Kaste seine Möglichkeiten ein. Zu keiner Zeit hatte Rahul das Gefühl, dass sein Glaube sein Leben einschränkte. Hier spürte er das Kastensystem seines Landes deutlich.
Tag für Tag machte er sich auf den Weg und erkundigte sich nach Arbeit. Einige reagierten nicht auf ihn, andere schickten ihn weiter, doch für keine Tätigkeit war er geeignet. Auch die Anwesenheit der Briten änderte nicht viel für ihn. Glaubte er noch in der Heimat, dass die Briten ihm helfen konnten, scheiterte er schnell an ihrer Bürokratie.
Die Anwesen der Briten waren groß und benötigten viel Personal. Es gab Gärtner, Stallknechte, verschiedene Posten im Haus, aber auch hier waren seine Bemühungen umsonst.
Für viele seiner Landsmänner erschloss sich eine neue Welt, doch für Rahul gab es keine Zukunft.
Die Ersparnisse schmolzen dahin und Majandra war es schließlich, die Arbeit als Wäscherin fand. In der Früh verließ sie ihre Unterkunft und wusch Stunde um Stunde die Wäsche anderer Leute am Tapti, dem nahegelegenen Fluss.
Die Mädchen versuchten ebenfalls, ihren Anteil beizusteuern, aber außer gelegentlichen Aushilfen an den Ständen des Basars, erschloss sich ihnen keine Möglichkeit für einen Verdienst. Zu viele Menschen strömten auf der Suche nach Arbeit in die Städte, waren sie nicht die Einzigen, die glaubten, dass die Briten ihnen neue Chancen boten.
Asim nutzte die Gelegenheit, wenn seine Mutter ihn mit ihrer Sorge nicht erdrückte und seine Schwestern unterwegs waren. Ihn zog es regelmäßig zum großen Wasser.
Als das erste Schiff in den Hafen einfuhr, beobachtete er, wie es majestätisch dahinglitt, die Segel im Wind gebläht. Er sah, wie die Mannschaft die Segel rafften und den Anker ins Wasser ließen. Asim konnte sich nicht an dem riesigen Gebilde aus Holz sattsehen. Er sah zu, wie Männer auf Planken liefen und die Ladung löschten.
Es war faszinierend für den Jungen, wenn die Schiffsbesatzung ihm Geschichten von fernen Ländern erzählten, wo sie auf ihren Reisen vor Anker gingen. Länder, die mit bloßem Auge in der Ferne nicht zu sehen waren, so sehr Asim den Horizont absuchte.
Einige Männer im Hafen hatten keine Zeit für ihn und scheuchten ihn verärgert weg, wenn er ihnen im Weg stand. Es herrschte helle Aufregung und überall reges Treiben. Nicht viel und Asim wäre bei dem Versuch, einer Last auszuweichen, die mit einem Kran transportiert wurde, ins Wasser gestürzt. Doch Rahul zog seinen Sohn im letzten Augenblick zu sich herüber. Keine Rüge verließ den Mund des Vaters, stand er selbst fasziniert neben seinem Sohn und beobachtete den Vorgang.
Wie gern wäre Rahul auf eines der Schiffe und mit auf die Fahrt gegangen, die vorbereitet wurde. Die Stimme seines Sohnes brachte ihn in die Gegenwart zurück und erinnerte ihn an seine Verpflichtung, für seine Familie zu sorgen. Er konnte seinem Impuls nicht nachgeben anzuheuern und so schenkte er Asim sein Lächeln.
Sein Sohn war begeistert, wie er selbst. Der Junge stellte ihm Unmengen an Fragen, die Rahul seinem Sohn nicht beantworten konnte. Wie gern hätte er den Wissensdurst seines Sohnes gestillt, doch dies war eine andere Welt.
Der Zufall kam Rahul zu Hilfe. Eine Planke war nicht richtig befestigt und drohte am Pier abzurutschen. Rahul bemerkte es und griff beherzt zu, als ein Arbeiter mit der Last beinahe stürzte. Die Ladung war gerettet, anstatt im Meer unterzugehen. Der Arbeiter bedankte sich bei Rahul, sie tauschten ein paar Sätze und Asim beobachtete, wie sein Vater verschwand.
Den Jungen störte es nicht weiter, war er sofort abgelenkt. Was gab es hier nicht alles zu entdecken. Eines Tages, das schwor sich Asim, würde er auf einem Schiff davonsegeln.
Am Abend feierte die Familie beim Essen, dass Rahul Arbeit gefunden hatte. Er würde auf den Docks arbeiten und helfen, die Ladung zu löschen und die Schiffe neu zu beladen. Es war harte Knochenarbeit, doch Rahul scheute die schwere Arbeit nicht. Er war fasziniert von den Schiffen. Asim plapperte ununterbrochen und gab die Erzählungen weiter, die er von den Matrosen gehört hatte.
*
In Surat gab es nicht viele bedeutsame Sehenswürdigkeiten, aber für einen kleinen Jungen wie Asim gab es genug zu entdecken.
Vor einigen Jahren erst wurde ein Bahnhof in Surat gebaut und umgehend hatte Asim sich das Metallross, wie er es nannte, angesehen. Schnaufend und rauchend fuhr der Zug in den Bahnhof ein. Asim war das Gefährt nicht geheuer. Wie anders wirkten die Schiffe auf ihn. Sie lockten ihn, während dieses Gefährt bedrohlich auf den kleinen Jungen wirkte.
Viel lieber trieb er sich auf dem Dutch Cemetery herum, wo sich das Grabmal des verstorbenen Holländers Henrik van Rheede befand. Seine Mutter hatte ihm verboten, dort zu spielen, aber Asim war oft auf sich allein gestellt, dass er tat, was ihm gefiel.
Auf dem Basar war Asim ebenfalls häufig anzutreffen. Manchmal trug er den Einkauf eines alten Weibes nach Hause, wenn er sich langweilte. Er war ein Wildfang und kein Baum war ihm zu hoch, um hinaufzuklettern. Selbst die Bäume auf den Grundstücken der Briten waren vor ihm nicht sicher. Seine kleinen Beine waren schneller, als die der Arbeiter, wenn sie ihn dabei erwischten.
Mit der Zeit belastete Rahul die schwere Arbeit. Hatte er hierfür sein früheres Leben eingetauscht? War das alles, was die Stadt ihm bot? Hatte er sich nicht mehr erträumt? Unbestreitbar war sein Beweggrund nach Surat zu ziehen, um seiner Familie eine sichere Zukunft und ein erfüllteres Leben zu bieten. Aber hatten sich seine Träume erfüllt?
Sie wohnten in dem kleinen Zimmer und langsam hatte Rahul das Gefühl, es würde mit jedem Tag, der verging, kleiner. Seine Kinder wuchsen heran und Rahul schien sein Lebensraum zu schrumpfen. Es zog ihn in die Ferne. Er wollte erleben, wovon die Matrosen seinem Sohn erzählten, sowie die Länder mit all ihren unbekannten Tieren und Lebensräumen sehen. Doch er konnte seine Familie nicht verlassen, ohne den Zorn der Götter auf sich zu ziehen.
Häufig kam es vor, dass er nach der Arbeit nicht nach Hause kam und Majandra ihre ältere Tochter ausschickte, ihren Vater zu suchen. Als ein paar Abende vergangen waren, kehrte Alaika selbst erst spät zurück, während Rahul bereits nach Hause gekommen war und schlief. Als Majandra herausfand, dass sich Alaika mit einem britischen Offizier traf, war ihr Wehklagen groß. Welcher Inder würde ihre Tochter noch ehelichen? Was würden die Leute denken? Sie verfluchte den Tag, als sie in Surat ankamen. Die fremden Teufel brachten großes Leid über ihre Familie.
Ihr Unmut über die unmoralische Lebensweise ihrer Tochter wurde teilweise versöhnt, als der Offizier versetzt wurde und Alaika, mit ihren sechzehn Jahren, als seine Frau mit sich nahm. Ein Brite zum Schwiegersohn war immer noch besser, als eine Tochter, für die jede Möglichkeit mit einem Mann ihres Volkes eine Familie zu gründen, unmöglich geworden war.
*
Kurze Zeit, nachdem Alaika mit ihrem Mann nach Bombay gezogen war, schlug das Schicksal erneut erbarmungslos zu. Schwerverletzt brachten Hafenarbeiter Rahul nach Hause und Majandra wurde von ihrer Arbeit am Fluss geholt.
Ein Tau vom Lastkran war gerissen und die schwere Last heruntergestürzt, die Rahul unter sich begraben hatte. Sein Brustkorb war eingequetscht worden und die Verletzung zu schwer, als dass Rahul noch geholfen werden konnte. Das war die Gefahr an der Arbeit auf den Docks. Unfälle geschahen und es kam wiederholt vor, dass die Arbeiter zum Sterben nach Hause gebracht wurden, wenn sie nicht bereits am Unfallort ihr Leben ließen.
Rahul musste sich nicht lange quälen und seine Familie war bei ihm, als er den letzten Atem ausstieß. Erneut war das Wehklagen und Weinen Majandras zu vernehmen, als könne sie sich nicht beruhigen.
So viele Jahre war sie an der Seite ihres Mannes. Er hatte sie geliebt, hatte für sie gesorgt. Er hatte sie getröstet, als sie ihre Tochter verloren. Majandra liebte ihren Mann und konnte sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Wenn die Witwenverbrennungen noch durchgeführt würden, wäre sie mit Freuden ihrem Mann in die Flammen gefolgt. Diese Tradition war inzwischen abgeschafft und es war gut so. Welches Los hätten ansonsten Asim und Farheen bevorgestanden? Wie hätten sie überlebt?
Majandra hatte Arbeit, aber ihre Ängste keimten in ihrem Inneren erneut auf. Narani war vorausgegangen, Rahul folgte ihr. Sie hatte noch eine Tochter und ihren geliebten Sohn bei sich. Wie sollten sie ihr Leben weiterführen? Sollte sie weiterhin als Wäscherin in Surat ihren Lebensunterhalt verdienen und ihren Sohn und Tochter sich selbst überlassen? Was wenn ihnen ebenfalls ein Unglück zustieß?
Sie ließ einen Brief an Alaika in der Ferne schreiben, worin sie ihr den Tod des Vaters mitteilte und hoffte, ihre Tochter würde ihren Mann dazu bringen, sie zu sich zu holen. Lange Zeit erreichte sie keine Antwort und Majandra glaubte, dass der Brief ihre Tochter nicht erreicht habe.
Es vergingen Monate, bis schließlich ein Brief ihres Schwiegersohns Majandra erreichte und sie zum Basar eilte, in der Hoffnung, den Inhalt schnell vorgelesen zu bekommen. Ihr Schwiegersohn bat sie tatsächlich nach Bombay, doch konnte er sie nicht bei sich aufnehmen. Er war befördert und damit versetzt worden. Sie verweilten nicht mehr in Bombay, darum hatte es so lange gedauert, ehe der Brief sie erreichte. Er tat sein Bedauern zum Tod Rahuls kund und berichtete seinerseits, dass ihnen eine Geburt ins Haus stünde. Es wäre bedauerlich, dass sie nicht folgen könnten.
Es war fraglich, ob sein Sold nicht ausreichte, Alaikas Familie aufzunehmen, oder ob er dies nicht wollte. Majandra las Letzteres aus den Zeilen heraus. Wenigstens hatte ihr Schwiegersohn ihr eine Stelle vermittelt. Sie sollte die Eisenbahn nehmen und sich bei einem gewissen Kenneth Ravens melden. Der Herr wäre als Rechtsanwalt beratend in der Verwaltung von Bombay tätig und seine Frau hatte ihr erstes Kind geboren. Sie suchten eine Aja und es wäre kein Problem, Farheen und Asim mit sich zu nehmen.
Mehr stand in dem Brief nicht, obwohl Majandra keine Kosten scheute und sich diesen erneut vorlesen ließ. Sie sollten nach Bombay? Mit der Eisenbahn?
Wo Asim die Eisenbahn nicht geheuer war, hatte Majandra regelrecht Angst, sich in die Nähe zu begeben. Kein Mensch bekäme sie in dieses Ungetüm hinein.
So machte sich die Familie in dezimierter Anzahl erneut auf eine Reise in ein neues Leben. Die Ungewissheit, was sie dort erwartete, nagte an Majandra, aber in Surat ließ sie einzig Erinnerungen zurück. Einige schöne, aber erneut auch den Verlust eines geliebten Menschen.
Das überwältigende Gefühl, als sie Surat erreicht hatten, war nur noch eine blasse Erinnerung gegenüber dem Eindruck, den Bombay auf sie machte. Zwar hatten sie auch hier bereits den Lärm und die Gerüche wahrgenommen, bevor sie den ersten Blick auf die Stadt erhaschten, doch war es kein Vergleich.
Alles um sie herum war lauter, größer und eindrucksvoller. Majandra war von den Eindrücken der Stadt schier erschlagen und hätte Asim sie nicht erbarmungslos vorwärtsgezogen, so wäre sie wohl umgehend zurückgelaufen. Zurück nach Surat, oder in eines der kleinen Dörfer, durch die sie auf ihrer Reise gelangt waren.
Für Asim war alles neu und aufregend. Die Häuser waren größer, die Straßen länger und enger die Gassen zwischen den Gebäuden. Wohin er blickte, waren Menschen und Tiere. Da waren Geschäfte und bunte Saris, in Farben, die er noch nie zuvor gesehen hatte.
Ein lautes Geräusch hallte durch die Straßen und wild wandte Asim seinen lockigen Kopf, um auszumachen, woher es kam und was es verursachte. Seine Augen weiteten sich, als er in der Ferne ein ihm fremdes Tier sah. Es war größer wie ihre Hütte früher. Er wollte näher heran und zog an der Hand der Mutter. Das Tier war grau und die Männer neben ihm wirkten dagegen klein. Wie groß mochte es sein?
Asim wollte näher heran und zwischen den stampfenden Beinen hindurchlaufen. Erneut erklang dieses Tröten und er gluckste vor Freude und strahlte.
Farheen hielt ihn ebenfalls fest, blickte jedoch selbst staunend umher. In diesem Augenblick zuckte sie zusammen und zog Asim zur Seite, als mehrere Männer an ihnen vorbei marschierten. Briten in ihren roten Röcken, den Uniformen. Farheen hatte sie in Surat bereits gesehen. Ihre Sorge und Furcht verflog. Hier hatte ihre große Schwester mit ihrem Mann gelebt. Aufregung durchfuhr sie und ließ sie erzittern. Was es hier alles gab!
So war es Farheen, die Asim seinen Willen ließ und an fester Hand, mit ihm loslief.
Majandra lief fahrig hinter ihnen und wich immer wieder ängstlich den Bewohnern der Stadt aus. Sie fragte sich, was sie hier erwartete und war besorgt, welche Gefahren in dieser großen Stadt auf ihre Kinder lauern konnten, wo Surat ihnen bereits kein Glück gebracht hatte. Zu tief war die Trauer um ihren geliebten Mann.
Farheen hielt permanent an und fragte nach dem Haus von Kenneth Ravens. Die Anschrift sagte ihr nichts und so holte Majandra unaufhörlich den Brief hervor, den ihr Schwiegersohn geschrieben hatte. Entweder wussten die Befragten selbst nicht, wo dieser Herr wohnte, oder die Fremden waren ihnen lästig und sie deuteten in irgendeine Richtung. Daraufhin wurde die Familie kreuz und quer durch die Stadt geschickt. Asim störte das nicht. Er sammelte erste Eindrücke, wo es sich lohnen könnte, sich später genauer umzusehen.
Nach einigen Stunden standen sie schließlich vor dem Haus des Anwalts Kenneth Ravens. Das Anwesen war wie die Mehrzahl der Gebäude der Stadt weder der indischen Bauweise noch jener der Briten nachempfunden. Es war eine Mischung der Kulturen, ein angloindischer Lebensstil. Die Anwesen der höher gestellten Briten waren von Hainen und kurzgeschnittenen Rasenflächen umgeben. Dieser Bungalow war größer wie ein Londoner Stadthaus. Ein eckiges Gebäude mit einer Veranda im Erdgeschoss. Mit hohen Säulen, Giebeln und Balkonen im ersten Stock und mit einem flachen Dach, begrenzt mit Balustraden. Die Wände waren geweißt und Baldachine und Bäume sorgten für ausgiebigen Schatten.
Asim staunte und sah sich auf dem Gelände um. Die Diener und Arbeiter störten ihn nicht. Einige sahen kurz auf und verrichteten weiter ihre Arbeit. Ein Einheimischer kam auf sie zu und wollte sie vertreiben. Erst als Majandra stockend erklärte, sie sei die Aja und somit als Kindermädchen hier angestellt, eilte er auf das Haus zu. Festen Schrittes ging er über die Veranda und betrat das Gebäude.
Die Hand der Mutter war schlagartig ein sicherer Halt, wie Asim fand, als sich erneut die Tür öffnete. Ein feiner Herr blieb im Türrahmen stehen, während der Mann von eben die Familie zur Veranda heraufwinkte.
Sofort beeilte sich Majandra und scheuchte Farheen vor sich her, während Asim lieber weiter im Garten geblieben wäre. Der Hausherr stand reglos da, seine Haltung flößte ihm Respekt ein. Stets hatte er die Briten belacht und auch bewundert. Warum erschien ihm dieser Mann anders? Seine Mutter zerrte ihn unnachgiebig mit. Was sollte ihr Arbeitgeber denken?
Vor der Veranda zollte sie in einer verneigenden Geste ihren Respekt. Farheen tat es ihr gleich, während Asim seine Unsicherheit überspielte und in kindlichem Gebaren sein Kinn trotzig vorschob, sich aber gleich darauf hinter der Mutter versteckte.
Kenneth Ravens Stimme erklang voll und samtig. Er begrüßte sie in seinem Haus und stellte sich vor. Seine Stimmfarbe durchfuhr Majandras Körper und schnell hob sie den Blick zu dem Mann vor ihr. Bisher hatte sie keinen Gefallen an den fremdländischen Teufeln gefunden. Was ihre älteste Tochter an ihrem Schwiegersohn fand, war ihr ein Rätsel geblieben. Majandra fand die Briten entweder zu blass und steif, oder maßlos und plump. Weder ihr Aussehen noch ihre Art sprachen sie an. Dieser Mann war anders.
Er war groß und schlank, von guter Statur. Zwar hatte er auch die helle Haut, die den Briten eigen war, doch wirkte er weder kränklich blass, noch von der Hitze gerötet. Eine leichte, den Briten unübliche Bräune zierte seinen Teint. Sein Gesicht war markant geschnitten, adelig würden die Briten selbst sagen. Das Haar war von einem hellen Blond und würde ihm wallend über die Schulterblätter fallen, wäre es nicht von einer dunklen Schleife im Nacken zusammengehalten. Sprachlos machte Majandra das helle Grau seiner Augen. Niemals zuvor hatte sie eine solche Augenfarbe gesehen. Bisher hatte sie sich nicht mit dem Glauben der Fremden beschäftigt, auch wenn einige Briten in Surat sie hatten missionieren wollen. Aber so, wie sie Götter hatten, musste es bei den Briten auch Wesen in der Art geben. Vielleicht hatte sie einen solchen Gott vor sich stehen?
Das Leben hier war ganz anders wie ihre Zeit in Surat. Dort war es eher wie in Indore ein täglicher Kampf ums Überleben. Die erschwerte Suche nach einer Arbeit und das enge Beisammenwohnen in nur einem Zimmer. Hier begann alles angenehmer.
Majandra hatte Arbeit in einem freundlichen Haus. Sie kümmerte sich als Aja um die kleine Tochter der Herrschaft, anstatt hart am Fluss die Wäsche fremder Leute zu waschen. Hier waren die Unterkünfte der Diener hinter dem Bungalow und sie bewohnten ebenfalls ein einzelnes Zimmer. Da sich jedoch ihre Familie um einige Mitglieder dezimiert hatte, reichte es aus. In dem Raum standen zwei Betten. Eines teilte sich Farheen mit ihrer Mutter, das andere hatte Asim für sich allein. Eine Kommode und ein Waschtisch zierten das Zimmer und ein kleiner, niedriger Tisch mit bunten Kissen rundherum stand zwischen den Betten. Die überwiegende Zeit verbrachten die drei im Haupthaus, wo sie auf viele weitere Angestellte trafen. Sie alle waren weiß gekleidet, was Asim unpraktisch empfand, zierten seine Hosen etliche Grasflecken, da er gern in dem großen Garten herumtollte.
Zu dem Anwesen gehörte ein Kansanah, ein Butler, der dem Haushalt vorstand. Er kaufte die Nahrungsmittel ein und Asim musste ihn mit weiteren Kindern der Diener begleiten, um die Körbe nach Hause zu tragen. Die Dienerschaft war groß. Zwar hatten die Herrschaften häufig über Diebstähle zu klagen, so stand jedoch eine große Anzahl Diener für ein hohes Ansehen und gesellschaftlichen Status des Hauses. Viele Diener waren nötig, da sich sowohl Hindus als Muslime darunter befanden. Je nach Glauben waren diverse Tätigkeiten für einen Diener Tabu zu verrichten. Die Hindus durften zum Beispiel nichts mit den Speisen der Fremden zu tun haben, was sie als Koch oder Kellner ungeeignet machten. Solche Aufgaben verrichteten Muslime oder zum Christentum konvertierte Inder. Alles, was mit toten Tieren zu tun hatte, wie das Pflegen der Lederschuhe des Herrn, und das Versorgen der Hunde der Familie, verrichteten die Unberührbaren.
Das Anwesen hatte Haus- und Nutztiere, Kutschen, Beete und einen Garten. Daher wurden Pferdeknechte, Gärtner, Pförtner, Boten, Wasserträger und viele weitere Lakaien benötigt. Auf dem Anwesen hatte Asim über sechzig Leute herumlaufen sehen. So viele Leute, denen er Streiche spielen konnte.
Im Haus gab es viel zu entdecken. Die Räume waren groß und ebenfalls geweißt. Stuckleisten waren zur Einteilung in Paneelen angebracht. Die Decken waren hoch und die Fensterläden blieben wegen der Hitze tagsüber geschlossen. Vor ihnen hingen auf der Windseite des Hauses Tatties, aus Kuskusgras gewebte Matten, die von den Dienern feuchtgehalten wurden und für ein angenehm kühles Klima im Raum sorgten. Erst abends, wenn der Wind nachließ, wurden die Tatties abgenommen und Fenster wie Türen geöffnet. Für weitere Abkühlung sorgte ein großer Panka, ein Fächer über dem Esstisch, der mittels einer Kordel über ein Flaschenzugsystem durch einen Diener in Bewegung gehalten wurde.
Gegen die Moskitos hingen Netze über den Betten. Die Füße der Möbel steckten in kleinen Wassergefäßen zum Schutz vor den weißen Ameisen. Nachtfalter, Stink- und Mistkäfer und Schlangen erschwerten die Wohnverhältnisse für die empfindlichen Briten. Oft schüttelte Asim seinen Kopf über die vielen Dinge, die herumstanden und von den Fremden als notwendig empfunden wurden. Vasen, Kunstgegenstände und edler Zierrat, der regelmäßig geputzt werden musste. Warum machten sich diese Leute ihr Leben selbst so schwer und belasteten sich mit vielen Habseligkeiten? Er hatte selbst nichts, außer der Kleider auf dem Leib und war zufrieden. Zumindest wenn er sich draußen herumtreiben konnte und nicht erneut für Botengänge abkommandiert wurde.
Seine Mutter sah es zwar nicht gern, wenn er das Anwesen verließ, und befahl ihm, im Garten zu bleiben. Doch Asim fand diese große Stadt aufregend und schließlich hatte seine Mutter fast durchgehend für die kleine Emely da zu sein und bekam nicht mit, wenn er einen Streifzug durch die Stadt unternahm.
Die Straßen waren laut, voll mit Kutschen und Karren, Pferden, Hunden, Kühen und bunt behangenen Kamelen. Auch das graue Tier, das sie bei ihrer Ankunft gesehen hatten, konnte er sich aus der Nähe ansehen. Elefanten hatten es Asim angetan und er beobachtete sie wiederholt auf ihrem Weg.
Die indischen Straßenhändler, Briefschreiber und Barbiere scheuchten Asim fort, wenn er bei ihnen stehenblieb und der Kundschaft Löcher in den Bauch fragte. Ein Fakir auf dem Basar nahm sich die Zeit und beschäftigte sich mit dem Jungen, der staunend seine Kunstfertigkeit bewunderte. Egal, ob er auf dem Nagelbrett saß oder Tricks vorführte, der neugierige Junge hatte keine Scheu und wollte von ihm lernen.
Der Fakir war nicht dumm und zeigte dem Jungen einzelne Teile eines Tricks, dafür erledigte Asim kleine Botengänge für den Alten.
Die Hausherrin war eine freundliche und sanfte Frau. Ellinor Ravens war die Tochter eines Geistlichen und jünger als ihr Mann. Ihr Vater hatte dieser Verbindung erst zugestimmt, als er erfuhr, dass Kenneth Ravens als Anwalt nach Indien ginge. Er sah ein, dass es Gottes Wille war, dass sie an diesen Ort geführt wurde, um den Heiden zu helfen, zu Gott zu finden. So fromm und gläubig Ellinor selbst war, so wenig sah sich Kenneth dazu berufen, seine Frau missionieren zu lassen. Sein Glaube beschränkte sich auf der lästigen Pflicht, sonntags den Gottesdienst zu besuchen. Seine Frau gab sich damit zufrieden, aus ihren Dienern gottesfürchtige Menschen zu machen.
Außerdem bestand sie darauf, den Kindern ihrer Diener das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.
Nicht immer gelang es Asim, sich fortzuschleichen. Er verbrachte seine Vormittage in einem großen Raum im Haupthaus und saß vor Büchern, wo ihn durchs Fenster der Wind lockte hinaus zu laufen und seinem Lied im Rauschen der Blätter zu lauschen. Wäre die Memsahib nicht so liebenswert und würde der Teller mit Gebäck, das im Anschluss zum Tee gereicht wurde, nicht locken, hätte Asim nichts im Haus gehalten.
Nach dem Unterricht las Ellinor den Kindern aus der Bibel vor. Diese Geschichten über einen einzigen Gott, anders wie ihre Götter, fesselten Asim, aber weit mehr lockte ihn die Gegenwart und das freie Leben draußen. Er konnte sich nicht vorstellen, eines Tages hier in den Dienst zu treten. Was sollte er werden? Gärtner oder Stallknecht? Wozu sollte er da Lesen oder Rechnen können? Nein, er wollte Fakir werden.
Um den Hausherren versuchte Asim weiterhin, einen großen Bogen zu machen. Eigentlich war das unkompliziert, war der Mann tagsüber unterwegs. Am Abend, wenn Kenneth Ravens auf der Veranda stand und rauchte, fühlte sich Asim beobachtet. Ob der Mann mit seinen hellen Augen wahrsagen konnte?
Nach dem Dinner ließ sich Kenneth von den Dienern berichten, was der Junge angestellt hatte. War er folgsam, bekam er eine Belohnung, Obst oder eine Leckerei vom Tisch der Herrschaft und somit auch seine Schwester. Hatte er am Tag Unsinn getrieben, lachte Kenneth über den Einfallsreichtum, den der Junge für seine Streiche zweifellos besaß. So hoffte Kenneth Ravens, dass der Junge durch die Belohnung nicht zu artig würde und ihn weiterhin erheiterte.
Seine Mutter meinte, der Hausherr war ein Gott, aber Asim hatte bei der Memsahib gelernt, dass die Fremden nur einen Gott hatten. Wie sollte Asim ahnen, dass er durch seine fröhliche, ausgelassene Art die Aufmerksamkeit des Hausherrn erregte, der selbst keinen Sohn hatte?
Eines Abends wurde Kenneth berichtet, dass der Junge heute das Zimmer nicht verlassen hatte und sich unwohl fühlte. Ebenso wären zwei weitere Kinder krank. Er ließ allen Kindern eine Leckerei zukommen und dachte sich nichts weiter dabei.
Am nächsten Tag erhielt er die Nachricht, dass alle drei Kinder weiterhin über Unwohlsein am Magen klagten und auch die freundliche Gabe des Sahibs nicht angerührt hätten. Zwei weitere Diener waren ebenso erkrankt.
Kenneth Ravens zog sich mit seinen Zigaretten auf die Veranda zurück und sah in den leeren Garten. Was war los? Er schickte einen Diener in die Küche, um nach verdorbenen Speisen zu suchen, um diese zu entsorgen. Mit Sicherheit hatten die Diener und ihre Familien verdorbene Speisen gegessen. Keine Stunde später erfuhr er, dass seine Tochter und die Memsahib Beschwerden hätten. Sofort schickte Kenneth nach dem Doktor. Seine Familie aß doch nicht die gleichen Mahlzeiten der Dienerschaft. Obwohl die Zutaten sich vermischten.
