Der Gnom des Khediven - Georg Woerer - E-Book

Der Gnom des Khediven E-Book

Georg Woerer

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Beschreibung

Im Zentrum dieser vielschichtigen Gothic Novel steht der dämonische Zwerg Hagg, eine zwielichtige und zwiespältige Gestalt, zugleich abstoßend und faszinierend. Mit seiner Geburt beginnt das düstere Epos; ihre grauenvollen Umstände bereiten die Leser auf die folgenden Schrecknisse vor. Die junge Mutter, die ihre armselige Existenz als Hundepflegerin in einem Zwinger fristet, stirbt einsam und verlassen während der Geburt. Der hilflose Säugling überlebt nur, weil eine Hündin ihn zunächst säugt. Heranwachsend zeichnet sich Hagg von Anfang an durch sein brüderliches, symbiotisches Verhältnis zu allen Tieren aus. Seine besondere Liebe gehört jedoch den Pferden, und als er schon sehr früh im Gestüt des ägyptischen Khediven angestellt wird, entwickelt er sich zu einem phänomenalen Turnierreiter und “ Pferdeflüsterer “. Seine ungewöhnliche Empathie für alle Kreatur steht in schroffem Gegensatz zu seiner Rachsucht und dem Hass, den er fast allen Menschen gegenüber empfindet, da sie ihn verachten, ausnutzen, und meistens schändlich behandeln. Nur Annabel, die schöne und hochgebildete Tochter des französischen Konsuls in Kairo, verehrt er in hoffnungsloser Liebe, gefangen in der Illusion, sie durch seine exzellenten Reitkünste beeindrucken und vielleicht trotz seiner grotesken Gestalt für sich gewinnen zu können. Nach vielfältigen Abenteuern, die er in recht verschiedenartigen, pittoresken Milieus und in gefährlichen Situationen zu bestehen weiß, wird er schließlich in die verbrecherischen Machenschaften der “ Loge des Orients “ verwickelt, die ihn nach Paris führen. Dieser Geheimbund veranstaltet aus kriminellem Gewinnstreben auch den internationalen Distanzritt Paris – Florenz, der den abschließenden Höhepunkt dieses fesselnden Romans Noir bildet und zu seinem tragischen Ende führt.

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Seitenzahl: 630

Veröffentlichungsjahr: 2015

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In seinem düsteren und bildreichen Epos zur Zeit um 1870, erzählt der Autor Georg Woerer die fiktive Geschichte von Hagg Nafilyan, dem ein unüberwindlicher Makel anhaftet. Wegen seiner verschwindend kleinen Gestalt wird er von der geheimen Loge des Orients, geführt von dem Khediven Ägyptens, für deren dunkle Machenschaften benutzt, welche geprägt sind von Habgier, Intrige und heimtückischem Mord. Doch Hagg, der sich hoffnungslos in die Tochter des französischen Generalkonsuls verliebt, verfolgt seine eigenen Pläne und gerät in zahlreiche Abenteuer, die ihn in pittoreske Milieus führen. Georg Woerer, wurde 1961 in einem kleinen Dorf in Südtirol/Italien geboren und entdeckte seine Berufung zum Schreiben in den frühen 80igern. In seiner Wahlheimatstadt München und in Berlin lebte und schrieb er bis zu seinem Tod im Jahr 2010.

Copyright © 2014 MotteVerlag, Anke Wasser München Copyright © Georg Woerer Umschlagillustration: Lea Stikkelorum Trailer: Heide Fliegner www.rollcallpictures.com

e-book Motte Verlag München 2014 © Motte Verlag München 2014 Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-9816450-1-9www.motteverlag.de

Inhalt

KairoParisDer RittVon Paris bis zum Pass von MontgenèvreVom Pass von Montgenèvre nach FlorenzEpilogNachtrag des AutorsNachwort des Verlages

Gewidmet Georgs Freund, Craig Ganley.

Kairo

Al-Azbakeia, in der Gasse der Goldschmelzer. Am 12. November des Jahres 1860.

1.

Allahu ekber!“ Als dieser Ruf des Muezzins vom nahen Minarett über den Dächern der Stadt erscholl, wurde er jäh von einem furchtbaren, gellenden Schrei übertönt. Wenige Augenblicke später robbte ein hochschwangeres Weib aus einem Hundezwinger. Es war in einen Mehlsack gehüllt und wälzte sich über den Lehmboden zu einer Kalebasse hin, die im Boden eingerammt war. Dort sah es nach, ob sich jemand erbarmt und eine mildtätige Spende hineingeworfen hatte. Unter Krämpfen holte es die spärlichen Kupfermünzen heraus, und verkroch sich schleunigst wieder in das Duster des Zwingers.

Fünf Quirsch zählte sie, als sie die Münzen neben der Kochstelle ausbreitete. Sie sammelte sie sorgfältig ein, gab sie in ein kleines Ledersäckchen zu den anderen Almosen, die sie angespart hatte, zurrte dann mit ihren stumpfen Zähnen das Zugband zu und barg das Säckchen unter den Spänen in einem Korb, der mit fiependen Welpen angefüllt war.

Nachdem sie so den kostbaren Schatz gut verwahrt wusste, rutschte sie auf ihre Schlafstatt und kauerte reglos auf dem Stroh, mit dem das Lager bedeckt war. Ihr Atem flackerte. Ihr dicker Bauch lag unförmig zwischen ihren mageren, entkräfteten Schenkeln, unter die sie hilflos ihre Arme geschlungen hatte. In dieser Haltung harrte sie aus, als sie unversehens Luft einschlürfte, die Glieder noch enger aneinander presste und derart gewaltsam drückte − und durch das Drücken zugleich furzte −, bis ein Schwall sämiger Schleim aus ihrer Scheide brach.

Diese kraftzehrende Anstrengung nahm ihr fast die Besinnung.

Ihr zottelverhangenes Gesicht glänzte vor Nässe.

Sie holte abermals tief Luft, und spürte im selben Atemzug, wie die Wehen mit unverminderter Macht wiederkehrten.

Diesmal würden sie die Händler der umliegenden Läden, die sich zum Abendgebet in die Moschee begeben hatten, bestimmt hören, wenn sie, von den Schmerzen überwältigt, einen so ungehemmten Schrei ausstieß, wie sie das vorhin getan hatte. Oder doch zum Wenigsten jener Mann würde sie hören, um den es ihr am meisten ging …

Ihr Herz raste. Sie veränderte ihre Beinstellung, ging behutsam aus der Hocke in eine Lage, die das Becken leicht nach vorne wölbte, biss auf die Lippen und krallte sich im Stroh fest. Dann kniff sie die Augen zu, hechelte konzentriert und gleichmäßig, sog noch einmal kräftig Luft ein, die sie einen Moment lang in der Lunge staute, und presste mit einer so vehementen Kraft, dass unter ihrem markerschütternden, gellenden Schrei, der dieses Pressen begleitete, ein helles Splittern vernehmlich wurde.

Außer Atem blickte sie an sich herunter. Schwindlig und benommen gewahrte sie, wie ein runder, blutgerinnselverschmierter, kleiner Schädel aus der Scheide ragte.

Erschöpft fiel sie auf den Rücken zurück.

Das rohe Etwas klemmte zwischen den angespannten Muskeln und konnte weder raus- noch reinrutschen. Es steckte einfach im Geschlecht fest.

Mühsam neue Kräfte sammelnd, schniefte sie den Rotz hoch, der in einem grünen Strahl aus der Nase trat.

Der Vorgang hatte die Hunde um sie geschart.

Die treue Hündin Dinah, eine Kreuzung zwischen Wüstenwindhund und irischem Wolfshund, wagte sich am weitesten vor, um sie zu beschnuppern. Sie wurde vom faustdicken Knorpel angelockt, der aus der fleischigen Wunde herausstand.

Umständlich näherte sie sich, um ihn neugierig mit der Nase zu stupsen. Dann leckte sie einmal kurz daran, zauderte, ob sie wohl auch nichts Verbotenes macht, bellte zur Aufforderung, damit sich die Herrin mit ihr abgebe, und als das ungehört verhallte, hockte sie sich in spannender Erwartung davor nieder. Da die Herrin keinen Widerstand leistete, zog sie nach einem Moment des Verharrens sanft die Lefzen zurück, als wisse sie um die Vorsicht, die in dieser Situation vonnöten war, umfing den winzigen Schädel zart mit ihren spitzen Zähnen und wand und zerrte daran mit einer solchen Unnachgiebigkeit und endlich mit einem eigensinnigen, störrischen Knurren, weil er sich nicht löste … bis der Säugling nach und nach wie ein Stöpsel aus der Gebärmutter flutschte. Ein mächtiger Platsch mit dem schwammigen Mutterkuchen, mit gestocktem Blut und dem Fruchtwasser schwemmte nach und ergoss sich übers schimmelige Stroh.

Das Schakalmännchen Ours und der Rest der Mischlingsmeute verknäuelten sich fast, als sie sich über die Nachgeburt hermachten.

Indessen trug Dinah den Säugling zu dem Korb mit den Welpen. Eifersüchtig bewacht, damit keiner aus dem Rudel es wagt, ihn ihr wegzuschnappen, legte sie ihn hinein, als wolle sie sagen, dass sie diesen Fleischklumpen um nichts in der Welt wieder hergeben werde. Dann stakste sie darüber, knuffte mit der Schnauze unter den Jungen eine Kuhle frei, plumpste hinein und begrub das Gewimmer des Säuglings unter ihrem weichen Euter.

Noch war die Nabelschnur des Säuglings nicht durchtrennt und spannte sich vom Korb bis zu der blutigen Öffnung, die zwischen den Beinen des Weibs klaffte.

Es war so ausgezehrt und fieberte und fantasierte, dass es immer noch krampfhaft den Bauch zusammenklemmte, aus Angst, die Eingeweide quellten heraus. Und wirklich drohten die Wehen, die in einem glühenden Strahl nachklangen, sie schier zu zerreißen.

Durch die Schmerzen war sie taub und merkte nicht, wie ein Strom von Blut in kurz aufeinanderfolgenden Pulsstößen aus ihrer Wunde hervorspritzte …

In diesem Moment reckte sich, faltig wie eine Nacktmaus, im Korb nebenan der Säugling. Er hatte sich beharrlich unter dem Euter hervorgekämpft. Lebhaft rempelte er die Welpen beiseite, die schmatzend um ihn herum lagen, spürte mit seinem schartigen Mäulchen eine dicke Zitze auf und nuckelte daran in seliger Zufriedenheit und mit einem dermaßen gesunden Appetit, als wäre er schon die längste Zeit an diese Fütterung gewöhnt.

In diesem Jahr 1860 wäre das Unglücksweib, das unter so schaurigen Umständen verendete, sechzehn Jahre alt geworden. Es stammte von Eltern ab, die sich ihr Brot als Geschichtenerzähler verdienten, ursprünglich ihr Auskommen jedoch mit verbotenem Mumienschmuggel bestritten. Mehrmals im Jahr hausten sie in einem Höhlendorfe namens Maabdah, wo ein unscheinbares Erdloch ihre Bleibe war. Das Dorf lag ungefähr eine halbe Wegstunde von dem sagenumwobenen Jubal Abu Fehdah entfernt, jenem Gebirgszug, in dem sich viele gefährliche Höhlen befanden, die den alten Ägyptern als Begräbniskammern für ihre heiligen Krokodile dienten. In diese drangen sie ein, zerrten unter größter Mühsal die mumifizierten Kadaver heraus, brachten sie ins Dorf und verstauten sie am nahen Nilufer in einer geliehenen kleinen Jolle. Mit der wertvollen Ladung ging es dann auf direktem Wege zu den geheimen Totenstädten in Memphis und Theben, um einbalsamierte Könige und Fürsten auszugraben, die sie, in handliche Stücke gebrochen, mit Brocken aus den Krokodilkadavern vermischten, um den Gewinn zu steigern. Diese Geschäfte betrieben sie zu einer Zeit, als der Vizekönig und Stammvater der späteren Khediven, Muhammad Aly, die Erlasse herausgegeben hatte, die diesen Schacher unterbinden sollten, indem er den Mumienhandel zum Staatsmonopol erklärte. Wer dagegen verstieß, musste mit drakonischen Strafen rechnen. Aber ihre Eltern ließen sich davon nicht abschrecken. Die Agenten der europäischen Drogengeschäfte zahlten fabelhafte Preise. Und es gab immer noch approbierte Alchemisten, die einen nahezu unstillbaren Bedarf an Mumienstaub und Leichenpech hatten. Was hätten sich die mittellosen Eltern da weiter abplacken sollen, angesichts dieses leicht verdienten Geldes, wo sie doch die Fundstätten des begehrten Rohstoffs kannten und ihnen die Ware gleich zentnerweise im Hafen von Khartum aus den Händen gerissen wurde? Doch eines Tages − es war noch früh am Morgen des 22. Mai im Jahre 1845 −, als sie wieder einmal eine Fuhre verhökern wollten, wurden sie an der Anlegestelle von mehreren Kawassen empfangen, die sie unsanft aus der Jolle holten und knebelten. Die Ware wurde augenblicklich beschlagnahmt, und sie selber wurden grob unter den Stößen der Karbatschen ins städtische Gefängnis abgeführt. Ohne viel Federlesens, nach einem kurzen Verhör, hatte man sie umgehend mit der üblichen Strafe belegt − dem Verlust von Gliedmaßen −, wobei sich der Henker mit besonderer Ironie die Grausamkeit ausdachte, ihrem Vater die beiden Arme abzuschlagen, der Mutter dagegen die beiden Beine. Hinterher wurden sie notdürftig verarztet und wieder freigelassen − aber nicht, wie man vermuten könnte, weil man für diesmal noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen wollte und darum das Strafmaß nicht vollständig ausschöpfte, sondern damit sie weiter für ihr Kind sorgten und es dem Stadtsäckel nicht zur Last fiel, denn sonst hätte es unweigerlich in einem Waisenhaus verköstigt werden müssen.

Seither halfen sich die Eltern gegenseitig.

Der armlose Vater die beinlose Mutter huckepack nehmend, schleppten sie sich von einer belebten Gasse in die nächste und besannen sich fortan gegen ein linderndes Almosen auf die Kunst des Geschichtenerzählens.

Ihr in Lumpen gehülltes Kind war damals ein wohlgenährter Balg. Doch mit der Zeit, als die Tochter über das Alter des Abstillens hinaus war und begann, auf unsicheren Beinchen die nähere Umgebung zu erkunden, da fürchteten sie um ihre Altersvorsorge und kamen überein, dass etwas geschehen müsse. Und so geschah, dass am helllichten Tag am Straßenrand die Mutter ihr Mädchen aufrecht in den Schoß des Vaters stellte und es stramm mit beiden Händen festhielt, während der Vater die Kleine zu einem zärtlichen Kuss aufforderte. Nichts Böses ahnend, wand ihm die Tochter heiter ihre molligen Ärmchen um den Hals, und drückte ihm mit kindlicher Leidenschaft die Lippen an den Mund. Er öffnete ihn ein Stück weit, und kitzelte sie mit der Zunge, um sie dazu zu bewegen, ihm ihre Zunge ebenfalls herauszustrecken. Diese scheinbare Liebkosung bereitete dem Mädchen Vergnügen. Es kicherte und machte es ihm nach, als er unversehens ihre Zunge einsog und mit einem einzigen, kraftvollen Biss durchtrennte. Noch ehe das Kind, schreckensstarr, zu brüllen anfing, hatte er die Zunge bereits verschluckt. „O Allah, Allah, Allah“, klagte er, und wand sich vor Kummer. „Mein gutes Kind. Mein liebes Kind. Seht nur … seht, was eure Ratten angerichtet haben! … “

Die Passanten, durch die herzzerreißenden Schreie aufmerksam geworden, blieben entsetzt vor ihnen stehen.

Andere, die genau gesehen hatten, was vorgefallen war und nicht wagten, der infamen Lüge dieses Grobians zu widersprechen, wichen verstört zurück − nicht jedoch, ohne vorher in einem verworrenen Reflex, wie ein Gegengift, eine Münze in den Bordstein zu werfen, als wollten sie sich davor bewahren, mit ihrer Mitwisserschaft an seiner Gemeinheit teilzuhaben. Dann gingen sie schleunigst wieder ihres Wegs.

„ … Wir sind verloren“, wimmerte der Vater. Seine Stirn vergrub er in der schluchzenden Brust des Kindes. „Das einzige, das wir besitzen“, rief er unter Tränen. „Beim Herrn der Kaaba … helft uns!“

Und die Leute spendeten. Sie spendeten und waren unendlich ergriffen vom Schicksal der Kleinen. Und die Kleine indessen weinte immer noch zum Steinerweichen, und ihr kleiner Rachen wurde von einem schwulstigen, blutigen Klumpen verdeckt, der bei jedem Schluckauf, der sie durchschüttelte, Blutfäden umherspritzte und ihr winziges Mäulchen verschmierte.

Ab diesem Tag, seitdem einmal klar war, wie einträglich dieses Mitleid heischende Mittel war, richteten die Eltern das Kind darauf ab, an den jeweils passenden Stellen einer Geschichte laut drauflos zu plärren, um ihren gekappten Muskel bloßzulegen …

Und so zogen sie über die Jahre von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Oase zu Oase, bis sie an einem unglückseligen Tag im Schlepptau einer Handelskarawane irgendwo abgelegen von einer räuberischen Gum überfallen wurden. Die blutgierige Schar Tuareg, der sie dabei in die Hände fielen, hatte es auf die Ladung Elefantenstoßzähne und auf seltene Büffelhörner abgesehen, die ein reicher Kairoer Kaufmann für seine Juwelierschmiede geordert hatte. Die Händler und Kameltreiber, im Handumdrehen überwältigt, wurden ausnahmslos erdolcht; den Eltern, die sich schutzsuchend unter ihren Esel geworfen hatten, wurden die Kehlen durchschlitzt; die Ladung wurde auf Eilkamele umgeladen, rasch sammelten die Verbrecher die Wasserschläuche ein, knüpften jedes der Kamele mit einem Strohseil an den Schwanz des voranschreitenden und rüsteten hastig zum Aufbruch, um noch vor Aufkommen des Sandsturms, der sich ankündigte, nach Hulwan loszuziehen. Zwei Tage später, als die Ankunft der Karawane schon längst überfällig war, wurde der Kaufmann, Ahmad Nafilyan, zusehends nervöser. Er wartete noch ein Weilchen ab, und schickte schließlich eine Suchexpedition los. Nach weiteren zwei Tagen endlich stieß sie im Wadi Gharba auf die einzig Überlebende der Metzelei, und das war das halbwüchsige, stumme Mädchen, das dank eines verborgenen Flaschenkürbisses und einiger Datteln das Massaker wohlbehalten überstanden hatte. Es konnte ihrem Erretter einen Wink auf die Täter geben, weil es sie bei ihren Plänen belauscht hatte, so dass Ahmad Nafilyan das Gelübde ablegte, dass wenn er die Täter zu fassen bekomme und er die wertvolle Ladung wieder zurückerhalte, er sich fortan um das Mädchen kümmere − was er dann freilich auf seine recht fragwürdige Weise auch tat. Immerhin war er überzeugt, dass sie so gut wie irgendein anderer Krüppel war, um sich den Himmel zu verdienen, denn − wie die Gelehrten einem glaubhaft versicherten − derjenige, der einem Krüppel oder Bettler Brot und eine Unterkunft gab, tat mehr Gutes als einer, der frömmelnd ins Gebetshaus rannte. Und so steckte er − als unverbesserlicher Geizknapper, der er war − das genügsame Mädchen in den schäbigen Zwinger hinter seinem Haus, in dem er ein halbes Dutzend rachitischer und unterernährter Schutzhunde hielt. Er wäre aber nicht der erfolgreiche Kaufmann gewesen, den er im ganzen Quartier und weit darüber hinaus vorstellte, wenn er nicht pfiffig genug gewesen wäre, sie zu verpflichten, während der Nachtstunden mehrmals Patrouillengänge mit den Schutzhunden zu absolvieren. So hielt sie mögliche Ganoven von seinem Besitze fern und sorgte überdies für den angenehmen Umstand, dass sie das Geld um ein Vielfaches wieder einbrachte, das er für ihren kümmerlichen Unterhalt ausgab. Mit dieser vermeintlichen Mildtätigkeit sicherte er nicht nur seine beiden Häuser in der Gasse der Goldschmelzer, sondern noch vier weitere Geschäfte, die entlang dieser Gasse verteilt waren: allesamt in der dritten Generation geführte, gutgehende Juwelierläden.

Eines milden Märzmorgens, neun Monate vor der verhängnisvollen Niederkunft, war Ahmad Nafilyan von einem quälenden Traum erwacht.

Wiewohl er versuchte, die Traumbilder zu löschen, die ihn so unbarmherzig aufschreckten, hatte sich das dunkelbronzene, längliche Gesicht des Zwingermädchens hartnäckig in seinem Geiste festgesetzt. Er hatte gesehen, wie es unter der verwesenden Bastmatte aus dem Verschlag geschlüpft war; wie das Hunderudel und eine Schar zahmer Gänsegeier, die es durch tägliches Füttern an den Zwinger gewöhnt hatte, es bereits erwarteten …

Wider Willen folgte er dem Mädchen, wie es auf allen Vieren zu einer Stelle hin kroch, an der es, gleich wie die Hunde, seine Notdurft verrichtete; er beobachtete, wie es dort am Boden einen Stein ergriff und damit einen schimmeligen, getrockneten Kotklumpen zermalmte, um aus ihm die unverdauten Samen von Dörrfeigen und Maishülsen aufzulesen. Während es das tat, ahmte es die schrillen Schreie der Geier nach. Augenblicklich flatterten sie von den Zaunpfosten herbei und pickten ihr die Samen gefräßig aus der Hand. Da schossen, vom Jagdfieber gepackt, die Hunde auf sie zu und scheuchten sie federstiebend davon − was einen Höllenlärm erzeugte.

Davon war Ahmad aufgewacht.

Er fühlte, wie sein ganzer Körper klitschnass geschwitzt war.

Instinktiv horchte er auf seinen Atem.

Er hatte sich noch kaum bewegt, schon hörte er das Pfeifen der Lunge.

Er hasste, was ihm jetzt bevorstand – dieser demütigende, allmorgendliche Kampf mit der Fettleibigkeit, ehe er endlich aus dem Bett heraus war! Dazu die Arthritis, die jeden Tag ein bisschen von dem Weg verkürzte, den er seinen anfälligen Knochen noch zumutete. Das war auch der Grund, weswegen er mit Gott im ständigen Hader lag, weil er einfach nicht begriff, wofür er ihm diese unverdiente Prüfung schickte. Er war ja erst fünfundvierzig Jahre alt …

„Nathinte“, krächzte er verärgert.

Allmählich kam ihm in den Sinn, dass er die Hausmagd bis tief in die Nacht an seinem Bette festgehalten hatte, damit sie ihm die Fußknöchel und die Finger mit frischgepresstem Olivenöl massierte. Das verrichtete sie so behutsam, dass es ihm herrliche Linderung verschaffte, über der er eingeschlafen war. Erst im Morgengrauen hatte er bemerkt, dass sie sich unerlaubt entfernt hatte. Dann rief er mehrmals nach ihr, doch vergebens. Er fragte sich, wo, bei Allah, dem Beschützer, sie wohl steckte.

Da scheuerte gerade etwas kaum merklich an der Tür.

Vorsichtig ging sie auf, und mit schuldbewusstem Blick auf die dampfende Schale gerichtet, die sie sachte vor sich hertrug, schob sich die alte Hausmagd Nathinte hindurch. Sie mied es, dem Blick ihres Herren zu begegnen und erklärte, mit jeder Faser ihres verängstigten Leibs auf eine Verwünschung gefasst:

„Vergebung Herr. Ich habe nicht gewagt, den Meister im Schlaf zu stören. Es ist doch so selten, dass der gnädige Herr den verdienten Schlaf findet. Und die Nachtruhe ist heilig …“

„Ist schon gut. Das nächste Mal gib Acht, dass du nicht zu lange fortbleibst“, raunte Ahmad Nafilyan unwirsch.

Die gute Haut schritt langsam mit der heißen Schale zu einem Beistelltisch und stellte sie darauf ab. Dann verbarg sie ihre nervösen Hände unter dem Stoff ihrer schwarzen Milaya.

„Wahrscheinlich hat der gnädige Herr nicht mehr daran gedacht …“ , begann sie scheu.

„Woran gedacht?“

„Ich wollte nur sagen“, meinte sie verlegen, „ … der gnädige Herr hat mir gestern Nacht aufgetragen, den Notar einzulassen, wenn er in der Früh erscheint.“

„Und? Hast du ihn empfangen?“

„Ja. Er wartet unten im Kontor“, antwortete sie zweifelnd. „Der Herr Notar hat sich doch so zeitig angekündigt, da wollte ich nicht versäumen, ihn zu hören. Sonst hätte ich mir nicht erlaubt, aus dem Zimmer zu gehen.“

„Schon gut, schon gut, dich trifft keine Schuld. Also, was zitterst du dann?!“

Mühsam richtete sich der Juwelier auf und schlüpfte in die Holzpantoffeln, die zu seinen Füßen lagen. Wie gedunsene Schinkenkeulen klemmten sie darin, als er sich jetzt von der Bettkante hoch wuchtete, seinen behäbigen Leib ausbalancierte und schwerfällig ans Fenster schlurfte.

„Nun hör, noch eins“, sagte er barsch. „Ich weiß, du bist ein rechtes Klatschweib. Du treibst dich überall herum. Du wirst die Neuigkeiten, die du hier im Hause aufschnappst − falls du sie aufschnappst − nirgendwo herumerzählen. Wirst du dir das wohl merken?“

„Kein Sterbenswörtchen, beim Propheten − Segen und Friede sei mit ihm“, versicherte Nathinte beflissen und drehte verzagt an einem Zipfel ihrer Milaya.

Unterdessen hatte der Juwelier die Fensterläden aufgeschwenkt.

Mit fiepender Lunge warf er einen ersten, befreienden Blick über die golden beschienenen Dächer der Nachbarschaft.

„Geh nach unten und bitte den Notar zu mir herauf“, entließ er sie über die Schulter hinweg.

„Jawohl, Meister − das werde ich.“

„Und sieh zu, dass du in der Nähe bleibst“, rief er ihr noch hinterher. „Und noch etwas! Leg den gestickten weißen Djilbab zurecht, fürs mahmal. Wir müssen vorher noch baden. Gott verheißt den Reinlichen eine besondere Gnade“, grollte er verdrossen in sich hinein.

Dieser letzte Ausspruch des Juweliers war nicht etwa Ausdruck seines religiösen Eifers, sondern entsprang vielmehr einer gänzlich weltlichen Überlegung. Ahmad Nafilyan galt nämlich im ganzen Quartier als ein Muster an Reinlichkeit. Dies umso mehr in dem Maße, als sein Äußeres abstoßend wurde. Sein verquollener Leib, den mangels gesunder Bewegung seine Arthritis aufgetrieben hatte, hatte mit den Jahren statt der rosigen Hautfarbe, für die er bekannt gewesen war, ein entzündetes Safrangelb angenommen. Hinter fleischigen Lippen schwanden die Zähne. Außerdem sprossen ihm Quaddeln im Gesicht, die nässten, sobald es nur ein wenig heiß wurde und die Sonne schien. Er bildete sich dann ein, üble Gerüche zu verströmen. Schließlich wurde er panisch und entwickelte die Finesse, mit allen erdenklichen Mitteln dagegen vorzugehen. So umgab er sich vorzugsweise mit einem räucherharzgeschwängerten Duft, der zugleich dafür sorgte, Fliegen und Moskitos fern zu halten – nicht nur zu Hause, sondern auch in den Läden der Goldgasse. Diese Vorsichtsmaßnahmen erstreckten sich bis in den kleinsten Winkel seines despotisch geführten Haushalts. Die hart gestopfte Rosshaarmatratze, die Bettlaken, die Leibwäsche, alles womit er in Berührung kam, und selbst der dünne Teppich, auf den er als erstes trat, wenn er morgens aufstand, waren großzügig mit Sandelholzwasser besprengt. Doch das alles genügte ihm nicht. In seiner Besessenheit und listigen Bereitschaft, ungehemmt Geld auszugeben, solange es um das Kaschieren seiner Schwächen ging, wusch er sich regelmäßig mit Hygieneessig, erfrischte hinterher den Atem mit Irispaste und vertrieb die aufstoßenden Dämpfe aus dem Magen gezielt mit Rosen- und Veilchenlimonade, die er gleich literweise trank. Seine Manie in Punkto Reinlichkeit ging gar so weit, dass er das Haus von jeglichem überflüssigen Mobiliar befreite, nur aus der zwanghaften Vorstellung heraus, Platz zu schaffen und die Magd darin herumzukommandieren, damit sie schrubbte und putzte und er leichter kontrollieren konnte, ob auch alles sauber war. Über alldem aber stand sein pedantischer Hass auf Spiegel! Die Abneigung, sein Spiegelbild zu sehen und täglich neue Verwüstungen zu entdecken, die er mit beständig aufwändigeren Mitteln bekämpfte, hatte er in einer Weise verinnerlicht, dass sein Selbstbild mit der Zeit unausweichlich dem eines scheußlichen Ungeheuers glich. Die Idee, es könnte ihn jemand liebenswert finden, ausschließlich um seiner selbst willen, hatte er schon längst begraben und sich mit dem harten Faktum angefreundet, dass nur sein Reichtum es war, der zur Überwindung des Ekels vor ihm befähigte. Und umso mehr ihm das zu Bewusstsein kam, umso mehr wuchs die Verachtung für seine Mitmenschen, besonders für die Kreaturen, die ihn in seinem Haus umgaben.

Wenn er nachts einsam mit schmerzenden Knochen im Bett lag, verfluchte er Gott dafür und machte ihm Vorhaltungen. Doch das änderte nichts daran, dass er dem inneren Ruf der Zerstörung weiter mit unbeirrbarer Treue folgte. Und darum hatte er einen Beschluss gefasst, der das nun unsagbar auf die Spitze trieb.

Aus diesem Grund hatte er den Notar bestellt.

Er blickte in die kühle, noch öde daliegende Gasse unter seinem Fenster hinab.

Missbilligend gewahrte er das Mädchen im Gehege hocken, das unverwandt zu ihm heraufschaute. Die Hunde, die es umrundeten, begannen nun ebenfalls ihre bernsteinfarbenen Augen in ihre Blickrichtung zu wenden. Doch Ahmad Nafilyan war diesbezüglich abgehärtet. So ging das jeden Morgen, wenn er sich davon überzeugte, ob sie noch da waren.

Und trotzdem beherrschte ihn jedes Mal die Vorstellung, es spräche stillvergnügt Mitleid mit ihm aus ihrem dunklen, tiefgründigen Blick.

Über diesem Gedanken vernahm er jäh eine hektische Bewegung.

Scheinbar wurde das Mädchen von den Hunden bedrängt.

Als er genauer hinsah, erkannte er, wie es unter seinem Mehlsack einen schäumenden Harnstrahl absonderte. Die Hunde leckten ihn bis auf den letzten versprühten Rest auf.

„Was unterstehst du dich da, du Ausgeburt eines Teufels!“, schimpfte er empört hinunter.

Aber das Mädchen feixte nur mit seinen fauligen Zähnen zu ihm herauf.

Es provozierte ihn absichtlich, das war ihm nur allzu klar. Manchmal glaubte er wirklich, es steckte mit dem Teufel zusammen. Erst recht, wenn er sich vergegenwärtigte, wie es sich die Hunde untertan gemacht hatte, die auf den kleinsten Wimpernschlag von ihr reagierten und gehorchten. Die reinsten Höllenhunde! Niemand wagte sich in ihre Nähe. Praktisch war sie wirkungsvoller gegen mögliche räuberische Übergriffe geschützt als er selber – noch dazu auf seinem eigenen Grund und Boden! Diese Unverhältnismäßigkeit der Dinge war er einfach gezwungen hinzunehmen. Er fand, da war es durchaus gerechtfertigt, wenn sie dafür zum Ausgleich vom Leben ein wenig benachteiligt wurde. Schließlich schränkte auch er sich körperlich ein − Gott sei’s geklagt! Er schaffte es ja kaum noch, ohne große, umständliche Vorkehrungen zu treffen, die Türschwelle des Hauses zu übertreten, geschweige denn jeden Tag die Moschee aufzusuchen. War das nicht mindestens genauso grausam wie das Los, das ja immerhin durch göttliche Allmacht und folglich von Gott so gewollt auf die Elende gefallen war? Er fand das nur gerecht.

Mit diesen freudlosen Gedanken trat er vom Fenster zurück.

Langsam und wiegenden Schritts tastete er sich zur Bettkante, der einzigen Sitzgelegenheit im Raum. Er rückte den Beistelltisch zu sich heran. Dieser Morgen war wahrhaft mühsam. Alles beschwerlich. Er tunkte ein wollenes Tuch in die dampfende Schale. Er breitete es sich zuerst übers Gesicht, damit es die schweißverstopften Poren öffnete, dann über die beiden verspannten Handrücken. Hinterher schraubte er eine Zierdose auf, entnahm ihr einen Klecks Melkfett, den er träge knetete, und rieb damit seinen grindigen, mit spärlichen rotstichigen Haaren übersäten Schädel ein. Da vernahm er ein Klopfen.

„Herein“, rief er.

Nathinte schubste die Tür auf.

Mit der abgenommenen Filzkappe in der Hand duckte sich der Notar tief, um nicht gegen den Türsturz zu stoßen. Seine drahtige Gestalt in der derben Abaya aus Kamelfell trat beschwingt näher.

„Salam alaikum, Yaqub Haschim“, empfing ihn Ahmad Nafilyan verschlossen. Er unterbrach die Toilette. „Gut, dass du da bist“, sagte er mürrisch. „Damit du’s gleich weißt: Es wird dir nicht passen, aber ich habe es mir gut überlegt. Also versuch gar nicht erst, mich umzustimmen.“

Der Notar blickte erstaunt. Ihrer beider Freundschaft war in letzter Zeit aus unerfindlichen Gründen so ohnmachtsvoll auseinandergedriftet, dass er nicht die leiseste Vorstellung davon besaß, weswegen er überhaupt herbestellt wurde. Aber Ahmad Nafilyan, dem es sichtlich missfiel, ihn mit der Angelegenheit betrauen zu müssen, kam ohne Umschweife zur Sache:

„Ich habe dich herbemüht, weil du am besten über meinen Besitzstand Bescheid weißt“, erklärte er. „Du musst mir bei einer dringenden Formalität behilflich sein.“

„Warum sollte mir daran etwas nicht passen?“, spekulierte der Notar auf die Unannehmlichkeit, die da kommen mochte. „Ich hoffe doch, es steht in meiner Macht.“

„Das tut es, zweifellos.“

„Und worum geht es?“

„ … Trag mir dafür Sorge, dass die Häuser, die Läden und die Lager … alles, ausnahmslos! … dass alles in den persönlichen Besitz Umm Safijas übergeht“, bestimmte Ahmad Nafilyan düster. „Ich bitte dich als meinen Freund, alles Erforderliche zu veranlassen. Umm Safija soll noch heute davon in Kenntnis gesetzt werden. − So!“, schnaufte er tief und erleichtert durch.

Erst da fasste er den Notar zum ersten Mal richtig ins Auge.

Die schlagartige Stille, die eingetreten war, verriet ihm sogleich, wie befangen sein Freund über diese Entscheidung war.

„Kümmere dich nicht weiter darum“, beruhigte er ihn kraftlos. „Tu einfach nur, was ich dir sage − das bedeutet nicht den Untergang der Welt.“

Der Notar war vor Entsetzen starr und bleich geworden.

„ … Aber doch nicht dieser Hure“, hauchte er. Es war so leise dahin gesprochen, dass er hoffen durfte, Ahmad habe es nicht vernommen. Doch dann besann er sich und sprach es doch noch aus, was ihm an diesem Wahnsinnseinfall nicht behagte: „ … Diese gottverlassene Betrügerin“, sagte er angewidert, „ … merkt denn eigentlich keiner, wie sie euch alle dazu verführt, bedauernswerte Opfer eurer verdammten Eitelkeit zu werden?“

„Woher willst du das schon wissen!“, rüffelte ihn der Juwelier. „Du wirst die Welt nicht neu erfinden, also!“

„Das vielleicht nicht. Aber ihr wisst, woraus ein Großteil ihrer Einkünfte stammt. Das allein müsste reichen, um sie zu meiden. Dieses missratene Weibstück steht im Ruf, Präparate aus frisch operierten Säuglingshoden herzustellen und sie gegen einen unerhörten Wucher an den Mann zu bringen …“

„Ja, genau“, ärgerte sich Ahmad. „Und Leute wie du, die in allem etwas Schlechtes sehen! Diese Präparate, wenn du sie schon erwähnst … haben die wunderbare Eigenschaft, Jugendlichkeit und Manneskraft zurückzugeben. Was ist daran verkehrt, frage ich dich?“

„Was daran verkehrt ist? − Ihr habt nicht das Recht, in Allahs mächtigen Willen einzugreifen. Wenn er gewollt hätte, was ihr in euren selbstsüchtigen Kreisen als Erfolg verbreitet, dann hätte er es so geschaffen − da soll der Mensch nicht reinpfuschen! Verkehrt ist aber auch, wenn unersättliche Bordellbetreiberinnen eigenhändig Operationen vornehmen, obschon sie keine Lizenz zur Verschneidung besitzen. Das ist verkehrt! Und gutgestellte Leute wie ihr ermuntern sie fröhlich dazu. − Und du denkst, alles geschieht aus Liebe“, sagte er in mitleidigem Ton.

„Lieber Yaqub“, entgegnete Ahmad, nachdem er geduldig mit geschlossenen Augen der Kritik seines Freundes gelauscht hatte, „du hast ja keine Ahnung. Was verstehst du schon davon, wie erträglich sie mir mein Leben macht. Also sei dir deine unwissende Bemerkung verziehen. Liebe ist ein Zustand − den begreifst du nicht.“

„Liebe erhält man umsonst“, erinnerte ihn der Notar vorwurfsvoll.

„Sei nicht albern“, hielt Ahmad ruhig dagegen. „Nichts erhält man umsonst. Im Übrigen steht Umm Safija mit dem Wundermittel nicht alleine da. Sie befindet sich damit in erlauchter Gesellschaft. Kein Geringerer als Seine Hoheit, Said Pascha, schwört auf diese Medizin. Und kein Hahn kräht danach.

Mir ist es nicht vergönnt, in meinen Kindern weiterzuleben. Vor ihnen brauche ich mich nicht zu rechtfertigen. Umso weniger erwarte ich das von meinen Freunden, von denen ich im Gegenteil erwarte, dass sie mich in meiner Entscheidung unterstützen und nicht zusehen, wie ich bei lebendigem Leibe verrotte“, versetzte er mit anklagender Bitternis.

Yaqub Haschim gewann den Eindruck, mit einem völlig anderen zu sprechen. Glaubte sein Freund denn wirklich, ihm weismachen zu können, seine Geltungssucht, seinen Standesdünkel und vor allen Dingen seine unerbittliche Knauserei überwunden zu haben? So weit geläutert und von der Einsicht erweicht zu sein, dass er im Alter von nunmehr bald sechsundvierzig Jahren, die er privilegiert und despotisch gelebt hatte, zu der schlichten Größe gelangt war, freiwillig auf die Gnade anderer zu bauen? Wohl kaum!

Mit Blick auf ihre lange Freundschaft wollte sich der Notar den Mund nicht verbieten lassen, so dass er verächtlich bemerkte, was er sich schon vorher nur schwer verkniffen hatte: „Ich wüsste mir wahrlich etwas Besseres, als einer stadtbekannten Hure zu noch mehr Wohlstand zu verhelfen. Das ist meine Meinung!“

„Allah sei Dank, dass du nicht gefragt bist“, überging ihn Ahmad Nafilyan gelassen. „Es ist eine reine Vorsorge. Mir geschieht gar nichts … Schreib, dann haben wir es hinter uns …“

Yaqub widerstrebte es zutiefst, die Anweisung zu befolgen. Doch schließlich schickte er sich in das Unvermeidliche. Dazu hatte er einen Papierbogen und einen angespitzten Kohlestift aus der Abaya gezogen.

„ … Ich, Ahmad Nafilyan“, begann Ahmad mit fester Stimme das Diktat, „ … Juwelier in der Gasse der Goldschmelzer … verfüge …“

Yaqub schrieb gleichgültig mit.

„… dass alle beweglichen und unbeweglichen Güter − ausgenommen das Inventar der Juwelierläden − uneingeschränkt auf meine Wohltäterin … schreib: Umm Safija, Betreiberin des Gästehauses Tharthara fauqa al-Nil auf der Insel Bulak, übergehen sollen … Und so weiter und so fort“, trieb er Yaqub gereizt an, „ … das Übliche, damit das Dokument seine Gültigkeit erlangt … Und weiter“, ergänzte er barsch, „ … und mir erlaubt werde … schreib: bis ans Ende meiner Tage in den Häusern zu verbleiben wie mein eigener Herr … und ich bemüht sein werde, notwendig gewordene Auslagen meiner Beschenkten bis zu einer Höhe von 700 Piaster zu übernehmen.“ Hier unterbrach er, um ihn mit Nachdruck zur Niederschrift anzuhalten: „Mit der zusätzlichen und endgültig letzten Ausnahme … Schreib: … Die Beschenkte verpflichtet sich im Gegenzug, das Hundeweib bis zu meiner Todesstunde zu behalten und mich als deren einzigen Herren anzuerkennen. Über das Hundeweib will ich allein verfügen! − Dieser letzte Passus ist wichtig, Yaqub, für den Fall, dass es mit meiner Gesundheit weiter bergab geht. So – das wäre dann alles.“

Yaqub hatte inne gehalten und blickte ihn zweifelnd an. Das war ja wohl ein Scherz. Diese Lepröse, dieses Hundeweib wollte er behalten? Schwer vorzustellen, dass ihm damit ernst war.

Aber Yaqub bezwang seinen Spott; er wollte ihm seine wahre Empfindung über diese absurde Regelung lieber verschweigen. Stattdessen fragte er so sachlich wie möglich, um wenigstens halbwegs die Seriosität seines Amts zu wahren: „Bis wann spätestens benötigst du die Ausfertigung für Umm Safija?“

Ihre Blicke trafen sich.

Sein subtiler Hochmut war Ahmad nicht entgangen.

„Mach so schnell du’s kannst“, sagte er hart.

Aber er konnte es Yaqub nicht verdenken. Wie konnte dieser auch wissen, warum er sich ausgerechnet das Hundeweib ausbedingte. Doch er hatte alles vorausbedacht. An einem hoffentlich fernen Tage würde sie ihm das Pfand fürs Paradies sein. Und wenn ihm das Leben schon vorher zur unerträglichen Qual würde, so hätte er auch dafür vorgesorgt. Aus diesem Grunde gehörte zu seinen unentbehrlichen Schätzen eine kleine, in einen roh belassenen Goldklumpen eingearbeitete Kapsel, die er an einer dicken Goldkette um den Hals trug. Sie war gefüllt mit der Zahnmolke einer Assaleh, der giftigsten Schlange der Wüste! Doch diese abgründigen Pläne behielt er besser für sich, bevor sich auch da noch ungebeten jemand einmischte. Und so sagte er, nur um die Spannung zwischen ihnen zu entschärfen:

„Umm Safija wird die großzügige Geste sicher nicht erwarten, sei unbesorgt, Yaqub.“ Um dann das Gespräch verlegen, aber doch mit einem deutlichen Wink, zu beenden: „Ich nehme an, du kommst auch mit zum Palast Josephs. Dann kannst du mir einen Entwurf gleich mitbringen.“

„Wenn du dich unbedingt ruinieren willst, von mir aus“, meinte Yaqub unbekümmert. „Ich kann dich ja nicht davon abhalten, diese große Dummheit zu begehen.“

Gegen Mittag, als das zweite Gebet des Tages gesprochen war, übergab der Vizekönig, Said Pascha, mit großem Pomp am Portal des Josephspalasts einer tausendköpfigen Pilgerkarawane den Prozessionsschrein mit dem neu gestifteten Teppich für die heilige Kaaba in Mekka.

Hundert Böllerschüsse, zeitversetzt auf der Zitadelle abgefeuert, verkündeten das Ende des offiziellen Rituals. Gleichzeitig bildeten sie den Auftakt zum traditionellen Mahmalsfest, das bis in die Nacht dauern würde.

Ahmad Nafilyan − frisch gebadet, aromatisiert und im neuen weißen Djilbab mit Turban − zerrann förmlich in der klammernden Hitze, obwohl er dem Ereignis im Schatten eines Brunnenhauses beiwohnte. Zu ihm hatte sich Yaqub Haschim gesellt. Er hatte das sehnsüchtig erwartete Papier bei sich, stimmte aber wieder die Klagerede an, die Ahmad Nafilyan schon den Morgen verdorben hatte. „Ich hoffe von ganzem Herzen, du bereust es nicht noch – denk daran, wovor ich dich bewahren wollte“, sagte Yaqub mit einem letzten Aufbegehren.

Ahmad hörte ihm sauertöpfisch zu. Unmerklich schüttelte er den Kopf über sein fassungsloses Unverständnis, dass er so lange gebraucht hatte, ehe er erkannte, wie sehr sie sich beide voneinander entfremdet hatten. Das schmeckte wie Verrat an ihrer Freundschaft. Der Ausdruck, den er dafür fand, war Wut. Aber er kontrollierte sich. Er nahm das Schriftstück manierlich entgegen, bedachte Yaqub Haschim jedoch mit einem Blick tiefer Enttäuschung.

Dann schlurfte er, behäbig wie ein Wüstenschiff, ohne ein Wort des Abschieds davon.

Ahmad Nafilyan kehrte auf dem kürzesten Weg in sein Haus zurück.

Mit der Entschlusskraft eines Mannes, der es nicht erwarten konnte, die Überraschung zu überbringen, zu der er sich durchgerungen hatte, begab er sich unverweilt in die Sommerhalle, die im Innenhof seines Hauses eingerichtet war.

Er band seine Eselin los und lenkte sie hinaus in das Gleißen der Gasse. Dort hielt er drei kräftige Burschen an und bat sie, ihm beim Aufsitzen behilflich zu sein.

Ungeduldig trat er das Tier in die Weichen.

Hoppelnd, unter den belustigten Rufen der Burschen, ritt er im Staub der Gasse davon, bis er ganz zuhinterst im kühlen Schlund der Quartierspforte verschwand.

Als er zu nachtschlafender Stunde durch dieselbe Pforte zurückkehrte, war er dermaßen betrunken, dass er von der Eselin gekippt war und jetzt torkelnd und fluchend neben ihr herschlappte.

Wenige Meter fehlten noch bis zur Haustür.

Er nahm sie nach Augenmaß in Angriff, strauchelte indes und prallte so ungeschickt gegen das Gatter des Hundezwingers, dass es unter dem Druck seines Gewichts sofort nachgab und er bäuchlings wie ein Fass ins Gehege schlug. Reglos blieb er liegen.

Die Hunde bellten auf.

Kurze Augenblicke später, während sie sich wieder beruhigten, spähte das Zwingermädchen unter der Bastmatte hervor. Da gewahrte es im gleißenden Mondlicht die quallige Gestalt liegen.

Es näherte sich vorsichtig, forschte nach allen Seiten, ob es wohl nicht beobachtet wurde, huschte dann zu dem reglosen Körper hin und drehte ihn kraftvoll auf den Rücken. Ein spitzer, kurzer Laut entwich ihrer Kehle. Auf Anhieb war nicht zu erkennen, ob Ahmad Nafilyan tot oder lebendig war. Da sprang sie der Gedanke an, er könnte von Dieben überfallen worden sein. Ihr nächster Gedanke war noch schlimmer. Es könnte sie jemand verdächtigen, sie habe ihn umgebracht. Dann gnade ihr Gott − da nützte ihr nur zu fliehen, solange noch Zeit dazu war.

Doch sie wollte wenigstens noch einmal nachschauen, ob er einen Rest von Geld bei sich trug.

Vor Erregung stieß sie undefinierbare Grunzlaute aus – durchsuchte ihn aber blitzschnell. Sie tastete seine massige Brust ab, an der noch die Goldkette mit dem Anhänger hing. Sie hielt sie schon in der Faust … als er plötzlich die Lebensgeister wiedererlangte und ein unsäglicher, laut kollernder Rülpser die Nachtstille durchbrach.

Nie fühlte sie sich so erleichtert wie in dieser Schrecksekunde. Er lebte! Obwohl er im nächsten Moment schon wieder wegdöste und im Delirium zungenbrecherische Flüche stammelte, aber er lebte! Allah, der Allmächtige − gepriesen sei Er! Nun musste sie nur noch zusehen, dass er unbeschadet ausnüchterte.

Sogleich fasste sie einen Entschluss.

Sie vermochte sich gar nicht vorzustellen, was sie sich von ihrem Vorhaben versprach. Jedenfalls wuchtete sie ihn hoch, klemmte, so gut es ging, ihre Arme um Ahmads Brustkorb, schleifte ihn keuchend über die Erde und durch das verhangene Türchen hinein in den Zwinger.

Dahinter verscheuchte sie die Hunde, die auf der Schlafstelle herumtollten, wälzte den schwerfälligen Körper aufs Stroh und hockte sich − durch die Beengtheit der Behausung dazu veranlasst − spreizbeinig auf den Wanst des Patrons, um ihm, verkehrt herum sitzend, die Holzpantoffeln abzustreifen. Durch die ungestümen Ruckbewegungen beim Schleppen waren sie ihm auf die strumpflosen Zehen geglitten, an denen sie gerade noch hängen blieben.

Schon bei der ersten Berührung, als sie die Maserung des Holzes erfühlte, spürte sie, wie eine angenehme Wärme auf sie überging. Sie hatte noch nie etwas so Kostbares und Vornehmes in den Händen gehalten wie diese makellosen Holzpantoffeln. Sie waren zwar mit körnigem Staub bedeckt und die Sohle war vom längeren Tragen schon aufgeraut, dennoch dufteten sie immer noch frisch nach einem unbestimmten Holz, einem reinen Holz, aus einer Welt, die unerreichbar für sie war.

Dagegen kannte sie die Gerüche, die aus seinem weißen Djilbab aufstiegen, zur Genüge aus der Gasse. Neben seiner üblichen Aura aus Räucherharz erschnüffelte sie Ausdünstungen von Dattelwein und Schnaps − wonach auch sein grunzender Atem roch −, vermischt mit dem rauchigen Duft von geschmortem Hammelfleisch. Und als sie ihm den Turban abwickelte, der schlampig auf seine Schulter gerutscht war, da entfesselte das einen süßlichen Mandel-, Zimt- und Vanilleduft von einer solchen Intensität, dass sie vom Sinnenrausch darüber fast ohnmächtig wurde.

Sie sog die Süße ein und konnte gar nicht genug davon kriegen.

Da verspürte sie auf einmal, wie seine Rute anschwoll und federnd gegen ihren Steiß pochte.

Ahmad Nafilyan schlief. Nur manchmal zuckte er nervös. Dann rasselte sein Atem, und schon mummelte er wieder zufrieden in sein wulstiges Kinn.

Das Mädchen war vorsichtshalber erstarrt, um sich nicht zu verraten. Doch schon begann er ihre nackten, festen Schenkel zu erkunden. „Ooooh“, stöhnte er. Der wollüstige Traum, der ihn augenscheinlich heimsuchte, malte ihm ein seliges Lächeln auf den Mund.

Sein Unterleib regte sich und wiegte das magere Gerippe, das er auf sich fühlte, erregt auf sein unförmiges Becken, als suche die Rute die weiche Öffnung, und er führte sie instinktiv darauf zu. „ … Du Engel der Sünde …“, winselte er fröstelnd …

Das Mädchen betrachtete ihn mit scheuem Blick. Sie sah nicht viel mehr als ein Schemen im fahlen Mondlicht, das durch ein Loch im Zwingerdach drang. Der kühle Stoff seines weißen Djilbabs schmiegte sich fließend an ihre narbige Haut.

Durch seine Worte ermuntert, erwiderte sie sein rhythmisches Wiegen. Zaghaft schob sie den Djilbab über seine Hüften. Danach ihren Mehlsack über ihren Schoß …

Sein Atem ging heftig.

… In Abständen erzitterte sein Körper, dann bäumte er sich auf und entspannte sich wieder unter einem Schauer kleiner Beben.

Als Ahmad Nafilyan am Morgen erwachte, fand er sie halbnackt neben sich liegen. Ihr knabenhafter Oberkörper mit ihren kleinen, festen Brüsten ruhte abgestützt auf einem Ellbogen. Sie forschte mit ihren braunen Augen erwartungsvoll in seinem Blick, der voll verstörtem Erstaunen war. Er erinnerte sich an nichts, verspürte aber einen unsagbaren Ekel, als ihm jetzt schlimmste Befürchtungen kamen. Die Worte stockten. Die Zunge verweigerte ihm den Dienst.

Mit kläglich verkatertem Schädel wälzte er sich von ihr ab, achtete aber tunlichst darauf, die trügerischen Hunde nicht aus den Augen zu lassen, und kroch mit seinem schweren Leib rückwärts durch den engen Durchschlupf ins Freie.

Als er endlich draußen war, umfing ihn eine bedrückende Stille und Leere. Beschämt blickte er um sich. Er fürchtete, die Anwohner könnten sein Missgeschick bemerkt haben. Doch er konnte keine Menschenseele sehen.

In den folgenden neun Monaten gelang es Ahmad Nafilyan, den peinlichen nächtlichen Vorfall erfolgreich vor jedermann geheim zu halten. Mehr als einmal lobte er Gott dafür, dass dieser Krüppelin die Zunge fehlte. Und trotzdem wäre es unklug gewesen, sich allein darauf zu verlassen, um das Geheimnis zu wahren. Und so hatte er noch am selben Tag des Vorfalls das Mädchen zur Sicherheit dem Maristan übergeben – dem Hospital für Kranke und Verrückte.

Es traf sich damals nämlich gut, dass an dem fraglichen Nachmittag der Direktor dieser Anstalt während einer Ringanprobe in der Juwelierschmiede von einem neuartigen Verfahren in der Anwendung von Nitroglyzerin bei Herzkrankheiten berichtete. Dabei erwähnte er, dass er für dessen Erprobung zu Versuchszwecken viele seiner herrenlosen Insassen rekrutiere. In Ahmad Nafilyans Augen bedeutete dies ein göttliches Zeichen, das ihn schließlich auf eine Idee brachte. „Zusätzlich erfolgen kleinere Eingriffe am Gehirn“, hatte ihm der Direktor erklärt, um ihn auf erwartbare Hirnschäden hinzuweisen. „Man mag es kaum glauben, aber das Kabinett des Vizekönigs hat dafür einen hohen Sonderetat bewilligt. Die Innere Staatssicherheit interessiert sich für diese Art Experiment. Es wird gemunkelt, man beabsichtige künftig, die astronomischen Ausgaben für den Unterhalt der Verbannungsorte politischer Gefangener einzudämmen. Durch gezielte Ausschaltung einzelner Hirnareale, die für die komplexe Steuerung des menschlichen Willens zuständig sind − daran arbeiten wir.“ Doch auch das war Ahmad Nafilyan gerne bereit in Kauf zu nehmen. Er erbat sich lediglich, zum Abtransport einen unauffälligen Milchwagen vorbeigeschickt zu bekommen.

Die nächsten vier Monate, die das Mädchen isoliert in einem Kachelraum zubrachte, ließ es die Laborversuche mit einer gespenstischen Teilnahmslosigkeit über sich ergehen. Als erstes hatte es seine dichte, kohlrabenschwarze Haarmähne eingebüßt. Die Mähne war in einem Helm aus Messingblech festgebacken, nachdem dem Mädchen ein Gewitter unablässiger Elektroschocks durch den Körper gejagt worden war. Doch anstatt ein Quäntchen zu der Studie beizutragen, wie sich das der Anstaltsarzt erhofft hatte, erwies sich das Mädchen Manipulationen gegenüber und gegenüber Schmerzen und sogar gegenüber jeder Inaktivierung partieller Hirnstrukturen als vollkommen immun. Nackt und einsam kauerte es auf seinem speckig glänzenden Matratzendrell und war erfüllt von dem einzig beherrschenden Gedanken, den es während der ganzen Zeit dieser Versuche hatte, nämlich: das Kind, das es in sich fühlte, über die Tortur zu retten! Dieser Schutzinstinkt war so übermächtig und sicherte der werdenden Mutter das eigene Überleben, während er gleichzeitig, aus Angst die Leibesfrucht zu verlieren, den Fötus schrumpfte und verkümmerte, und die Schwangere so um kein Gramm zunahm. Im Gegenteil, sie magerte noch so entsetzlich ab, dass schon ein Leichenbeutel auf Vorrat gelegt wurde, in den man noch vor Ablauf des Monats ihre klappernden Knöchelchen einzufüllen gedachte.

Doch als die Tage um waren, zehrte das Häuflein Elend immer noch von seiner Zähigkeit.

Schließlich brachte man das traurige Gerippe mit demselben Milchwagen, der es gebracht hatte, wieder in den Zwinger in der Gasse der Goldschmelzer zurück.

Bis auf seinen lebensbedrohlichen Gewichtsverlust (und einem vernarbten, kahlen Schädel) war es um kein Gran feststellbar verändert, nur eins war neu: Plötzlich pflegte es in einer Kalebasse Almosen zu sammeln, die es sorgfältig hortete.

Ahmad Nafilyan schien zu ahnen, was die Krüppelin im Schilde führte. Er verdächtigte sie, ihn verlassen zu wollen. Bestimmt sammelte sie Almosen, um die erste Zeit über die Runden zu kommen.

Und besonders fiel ihm auf, wie die Mast, die ihm sein schlechtes Gewissen abtrotzte, sie erstaunlich fülliger hatte werden lassen. Sie hatte richtige Pausbäckchen bekommen. Richtig volle Brüste. Nicht mehr die kleinen, dunklen Höfe, die halbierten Nussschalen, die Hundetitten, die er sonst im Halsausschnitt ihres Mehlsacks erspähte.

Dann, eines Morgens − dem Mädchen waren die Haare wieder prächtig nachgewachsen und es zeigte einen üppigen Fleischansatz −, warf Ahmad Nafilyan wie jeden Morgen die Fensterläden auf, blickte über die Dächer der Nachbarschaft, und zuletzt hinunter ins Gehege.

Da krampfte es ihm das Herz zusammen.

Schreckgelähmt erkannte er in der bärtigen Schnauze der Hündin einen Säugling zappeln. Seine Lunge fiepte. Plötzlich schien er zu begreifen, was passiert sein musste. Was für eine Schande, wenn es das war, wonach es aussah!

Er hoffte inständig, die Hündin möge den Bastard tot beißen. Jedenfalls musste er ihn zu fassen kriegen, koste es, was es wolle. Vorbei der Ruf, sein tadelloser Ruf, auf ewig verunglimpft, wenn man erführe, dass er mit dieser Aussätzigen ein Kind gezeugt hatte. Das Maul würde man sich darüber zerreißen. Versinken würde er aus Scham. Dieses Weib hatte ihm nichts als Ärger eingebracht!

In seiner hilflosen Verzweiflung beschloss er, die Sache rasch selber in die Hand zu nehmen. Sobald es Dinah leid war, den Balg herumzutragen − wenn sie ihn nicht schon vorher tötete − würde er ihn ergreifen und eigenhändig das Leben aus ihm tilgen! So wahr er ein Mann der Tat war. Er musste sofort nach unten, bevor dieser peinliche Zwischenfall im ganzen Viertel bekannt wurde.

Dachte sich’s, und war binnen Kurzem schon unten am Zwinger, so behände, wie er sich’s niemals zugetraut hätte, sodass er darüber sogar vergaß, sich etwas über das Nachthemd zu ziehen. Die alte Hausmagd Nathinte, der er am Treppenabsatz beinahe in die Arme lief, stürzte mit einem Aufschrei davon, als hätte sie einen Toten auferstehen sehen. Noch nie, seit sie den Haushalt versorgte, hatte sie ihn so agil erlebt.

„Du hältst dich vom Fenster fern und bleibst im Haus“, zischte er sie an und schlug die Tür hinter sich zu.

Vor der Umzäunung versuchte er zuerst mit einem Blick die Gasse rauf, die Gasse runter, abzuklären, ob das Unfassliche vielleicht schon von jemandem bemerkt worden war. Aber die Gasse war noch menschenleer.

„He da“, flüsterte er − gerade so laut, dass niemand anderes es hören konnte. „Komm heraus, Weib. − Zeig dich.“

Doch es rührte sich nichts. Stattdessen schoss der Rüde aus dem Verschlag, fletschte grimmig die Zähne und rannte aufgeregt hinter dem Zaungitter hin und her. Ahmad Nafilyan sah sich vor, das Gatter zu öffnen. Er betete insgeheim, das morsche Holz möge standhalten, wenn er sich die Kampfeslust dieser Bestie ansah, die jede seiner Bewegungen aufs Genaueste beobachtete. ‘Gebe Gott’, schäumte er vor Wut, ‘dass diese Aussätzige so viel Vernunft und Einsehen besitzt, die verdammten Köter zurückzupfeifen.’

Doch es blieb weiterhin still.

Er musste handeln. Sein Körperumfang machte es ihm nicht eben einfach, sich über den Zaun zu beugen, um inwendig das Gatter zu entriegeln. Als er es dann doch geschafft hatte und sich zum Schutz hinter das Gatter zwängte, stürmte sogleich das Schakalmännchen heraus und schnoberte mit der Nase dicht über dem Boden hin zu einem Haufen, wo der Gassenmetzger Köpfe und Federn einer Batterie geschlachteter Hühner ausgekippt hatte.

Endlich wagte sich auch Dinah vor.

Anders als erwartet, schleppte sie den Säugling mit.

Ahmad ließ sie ohne zu hetzen entweichen. Dann bog er rasch um das Gatter herum, hinein hinter die Umzäunung, und verschloss das Gatter hastig von innen.

Dieses Manöver nahm ihm den Atem.

Doch es blieb ihm keine Zeit zum Verschnaufen, denn bevor sich die Hunde weiter entfernten, trat er noch schnell vor die Bastmatte hin und kroch dahinter. Von den übrigen Hunden ging keine Gefahr aus, das wusste er. Sie umlagerten die Silhouette des Mädchens, während unscheinbar daneben ein Wurf Welpen wimmerte. Dunkelheit umhüllte den reglosen Körper auf der Schlafstatt, doch ein schwacher Lichtschein, der durch das Loch fiel, das in der Decke klaffte, offenbarte ihm das Ausmaß des Desasters. Hier war nichts mehr zu retten, das Mädchen war mausetot …

Erschreckt über diesen Anblick überlegte er … wenn die Hunde ihre Herrin getötet hatten, würden sie ihn bestimmt auch töten. Aber was hatte er schon für eine Wahl? Ins Haus konnte er nicht mehr zurück − das hätte bedeutet, an den Hunden vorbei zu müssen. Und was würde dann mit seiner Brut werden?

Da sah er, wie jetzt auch Dinah von den Hühnerköpfen fraß. Der Balg indessen lag verlassen mitten auf dem Pflaster. Die Gelegenheit, durchzuckte es ihn. Wenn er sich beeilte, dann könnte er es riskieren, von den Hunden unbemerkt in die Sommerhalle zu gelangen und die Eselin loszubinden. Auf ihr würde er die Hunde dann durch die Quartierspforte und weit aus dem Bezirk hinaustreiben. Er überlegte … die Aufseher an der Pforte würden sich hüten, ihre Stube zu verlassen − die Hunde waren verschrien für ihre Angriffslust …

Rasch kalkulierte er das Risiko … Dann nahm er all seinen Mut zusammen und wankte los.

Die Sommerhalle gewährte ihm eine kurze Rast, in der er Atem schöpfen konnte.

Nur mit äußerster Mühe und Not gelang es ihm, den armen Rücken der Eselin zu besteigen. Er knuffte sie derb in die Weichen und trieb sie in die Gasse.

Dort waren die Hunde inzwischen fürchterlich aneinander geraten. Beide waren sie auf denselben Hühnerkadaver aus. Die Rauferei wurde von einem so jämmerlichen Jaulen und so bösartigen Röcheln begleitet, dass Ahmad einen Moment lang vermeinte, das Herz bliebe ihm stehen, wenn er noch etwas näher an sie herankäme.

Er befand sich ungefähr auf gleicher Höhe mit ihnen, als er furchtsam von der Eselin absaß, sich vorsichtig an den Säugling anschlich, ihn geschwind hochnahm und eiligst wieder kehrtmachte − ganz baff über die Verwegenheit, mit der es ihm gelang, so schnell wieder auf die Eselin aufzusitzen.

Sofort, als er sich in Gang setzte, ließen auch die lärmenden Hunde wieder voneinander ab und nahmen jetzt, überraschend einträchtig, seine Verfolgung auf.

Ahmad überlegte, was nun zu tun sei. Die Hunde flankierten ihn. Würde er sich dieses kompromittierenden Bastards irgendwo entledigen können? Denn schon bei der kleinsten Bewegung, die er mit dem Säugling machte, richtete Dinah ihren Kamm auf. Das beeindruckte ihn so sehr, dass er gar nicht merkte, wie der Bäcker der Gasse vor den Laden getreten war und eben frische Brote in die Auslage schichtete.

Beide blickten einander in tödlichem Schrecken an, als sie sich begegneten.

„Oh Himmel und Hölle“, schrie der Bäcker und rannte davon. „Was ist das für ein Kind?“

„Aus dem Weg, du Tollkopf!“, schimpfte Ahmad. Er war schon gewärtig, ein heilloses Aufsehen zu erregen …

Wenige Meter noch, und er passierte das hallende Gewölbe der Quartierspforte.

Unterdessen beobachtete er, wie der Winzling mit einem komischen Maunzen seine runzligen, langen Fingerchen ausstreckte und sie krampfhaft in der Widerristmähne der Eselin vergrub. Etwas Ähnliches hatte er schon an der Hündin beobachtet. Als sie ihn mit einem zahmen Biss in den Nacken festgehalten hatte, hatte er sich mit seinen Fingerchen in ihren Backenbarthaaren verkrallt, um nicht herunterzuplumpsen. Sein Gesichtchen hatte er zu einer violettrotverfärbten Fratze verzogen wie Katzenjungen, die von ihrer Mutterkatze getragen werden. Dabei wippte er elastisch auf und nieder, und sogar die winzigen, fast ein wenig zu lang geratenen Zehen hakten sich am verfilzten Unterleib der Hündin fest, als wäre das ihre ureigenste Bestimmung.

Dieser Sonderling bannte ihn. Er erinnerte sich nicht, schon je so etwas gesehen zu haben.

Da bemerkte er allmählich, nachdem er schon eine längere Wegstrecke zurückgelegt hatte, dass er den Weg zum Bordell nahm.

‘Das ist ja wohl der verkehrteste Weg überhaupt!’ Schließlich wollte er keine Zeugen haben, und Umm Safija schon gleich gar nicht.

Doch die eigenwillige Eselin, die nur diesen altgewohnten Weg kannte, stakste störrisch darauf zu.

Ahmad überlegte nun, ob das nicht vielleicht sogar klug war, diesen Wechselbalg Umm Safija zu bringen. ‘Und warum eigentlich nicht?’

Plötzlich schien ihm alles ganz einfach. Wer hätte gedacht, dass er einen solchen Schatz in Händen hielt …

Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, wie leicht eine schicksalhafte Trouvaille wieder verspielt war, es genügte, nur einmal kurz nicht auf der Hut zu sein – oder das Glück nicht zu fassen –, schon waren alle die schönen Aussichten, die einem so verlockend erschienen waren, wieder unwiederbringlich verloren. Angesichts dieser unvorhergesehenen Wende war er versucht, Gottes barmherzige Absicht darin zu erkennen, ein Auserwählter Seiner unendlichen Güte zu sein, die er, Ahmad, aufgefordert wurde, demütig zu nutzen. Dann war also doch nicht alles umsonst, woran er so große Hoffnungen knüpfte. Dieser Bastard war die langersehnte Medizin für sein unverdientes Leiden, eine Medizin, die ihm nach entbehrungsreichen Jahren geduldigen Abwartens von höchster Stelle gesandt wurde …

Erregt über diesen hellsichtigen Gedanken, tippelte er in der Hitze des Sandes durch den ausgetrockneten Bulak – Kanal. Er hoffte bloß, die morgendliche Fähre noch rechtzeitig zu erreichen, die auf die Insel übersetzte. Und falls ja, dann fragte er sich, wie er es dann anstellen könnte, die mordgierigen Hunde abzuhängen, die ihm folgten.

Vor ihm lag der Volksgarten des Palastes Muhammad Bey al-Daftardar. Der wäre bald erreicht. Wenn er diesen Garten durchquerte, so fiel dahinter eine Böschung zum Flusslauf ab. Dort war ein Bootssteg ins Wasser hineingebaut, an dem ein Bauer für gewöhnlich eine Kanal-Barke unterhielt, die er vermietete.

Er zögerte nicht länger und riss die Eselin gewaltsam herum.

Als er die Böschung erreicht hatte, trieb er sie die Steile hinunter.

Der verblüffte, dörrdattelgesichtige Bauer rettete sich mit einem Kopfsprung ins Wasser, als ihm die Hunde mit ihren aufsässigen, gelben Augen nahe kamen.

Ahmad beeilte sich, stapfte in die bereitstehende Barke, legte den Säugling quer vor sich auf ein Sitzholz, dann löste er das Tau und ruderte hinaus, im bangen Vertrauen darauf, die Hunde mochten friedlich am Bootssteg zurückbleiben.

Aber einer nach dem anderen sprang in den Strom und schwamm ihm unbeirrt hinterher.

2.

Die Bordellbetreiberin Umm Safija war die Mutter eines jener extrem seltenen Geschöpfe, die im Tharthara fauqa al-Nil das Licht der Welt erblickten und, obschon weiblichen Geschlechts, dennoch am Leben blieben. Es verbot sich nämlich von selbst, die erlesene Kundschaft ihres Etablissements mit unerfreulichen Ereignissen zu konfrontieren, wie eben einer außerehelichen, vor allem aber ungewollten Vaterschaft. In Fällen wie diesen, wo sich ein solches Malheur ankündigte, griff sie ausnahmslos mit harter Hand durch. Sie entfernte das betreffende Mädchen aus der Gruppe, das dann, bis es niederkam, in vorläufiger Quarantäne verschwand. Der Hausdiener und engste Vertraute Umm Safijas, Sünbüllü, sorgte dafür, ihm die Nahrung zu bringen, und mit der Nahrung jeden Tag ein bisschen mehr Opium. Schließlich war das Mädchen nicht mehr Herrin ihrer Sinne, und im ärgsten Rausch, den Sünbüllü im Hinblick auf die nahende Geburt mit bemerkenswerter Präzision vorausbedachte, kam es in schonender Betäubung nieder. War es ein Junge, wurde er an Ort und Stelle verschnitten und verblutete für gewöhnlich. War es ein Mädchen, so hatte es sowieso keinen Wert und wurde sogleich erdrosselt. Um das Köstliche, wie die abgetrennten Teile − Hoden und Penis − genannt wurden, veranstaltete Umm Safija eine ihrer beliebten Auktionen und erteilte den Zuschlag dem Meistbietenden. Nur selten, und wenn, dann nur in dem Falle, dass ihr durch die Preisgabe des tatsächlichen Erzeugers ein Mehrfaches von dem ursprünglich erwarteten Erlös winkte, machte sie auch kleine indiskrete Zugeständnisse. Dann versetzte das den Käufer in die sorgsam in Umlauf gebrachte Annahme, sich mit dem Verzehr des Köstlichen nicht nur die erhoffte Manneskraft, sondern auch den Elan und die Tüchtigkeit und damit gleichsam den wirtschaftlichen Erfolg seines ausgespähten Rivalen einzuverleiben.

Der Rest der Geburt landete unsentimental ad abortum, im Schwemmwasser des Nil, das unter dem Liebeshaus hindurch floss.

Ihrer Tochter Safija indes ersparte sie diese allgemeine Praxis, zu sehr war sie in ihrer eigenen Jugend drangsaliert und erniedrigt worden. So hatte sie sich geschworen, dieses Elend werde sie nie wieder einholen, und sie beschloss im Alter von dreizehn Jahren, von ihrem erstbesten Freier mit Einfluss und Vermögen ein wirksames Faustpfand zu behalten …

Schon als Umm Safija noch ganz klein war, besaß sie ein natürliches Talent zur Heißblütigkeit, gepaart mit einer engelgleichen Anmut, die auf den ersten Blick bestrickte. Sie war in Armenien in einem Dorfe bei Erzerum geboren, wo sie wegen ihrer außergewöhnlichen Veranlagung als fünfjähriges Kind von Geschäftemachern entführt und in Konstantinopel an eine Art Sklavinnen-Depot verkauft wurde. Die Betreiber dieser Einrichtung belieferten daraus die Harems vornehmer Konstantinopler und Kairoer mit immer neuen Jungfrauen.

Schon unmittelbar darauf widerfuhr ihr ein zweites, prägendes Erlebnis: Ein deutscher Forschungsreisender blätterte achtzig maltesische Taler hin für das Vergnügen, sie noch vor ihrem sechsten Lebensjahr zu entjungfern. Zu diesem Zeitpunkt verkörperte Umm Safija bereits den Inbegriff einer todbringenden Schönheit, der der Forschungsreisende schicksalsergeben verfallen war. Tatsächlich verarmte der Gelehrte über diesem Laster so rasch, dass er Mittel und Wege zu ersinnen begann, beständig neue Schulden zu machen, um sie weiter zu besitzen. Das tat er so selbstvergessen, bis ihm sein Gläubiger eines Nachts nachstellte und − gerade noch rechtzeitig, bevor er ihn mit in den ruinösen Abgrund reißen konnte − ihn mit der Kleinen im Bette vorfand, wie er den Liebesakt vollzog. Hasserfüllt stürzte er ins Zimmer und zog einen Dolch. Er enthauptete ihn mit einem kräftigen Hieb – er wurde so schnell und ohne Widerwehr vom Zustand ergötzlicher Lust zu Tode befördert, dass das Glied des Gelehrten nicht mehr abschwoll, sondern wie der Widerhaken eines Hundepenis in der Scheide der Kleinen feststeckte. Erst vermittels einer langwierigen Operation gelang es, das Kind von dem Geköpften zu trennen.

Seither war bei Umm Safija jedes natürliche Gefühlsempfinden irreparabel gestört.

Nach diesem Schreckenserlebnis glaubten ihre damaligen Besitzer, der Schock könnte sich vielleicht wertmindernd auf ihr Aussehen auswirken. So verkauften sie sie schnell zu einem sündhaft teuren Preis einem Freunde, welcher sie wiederum zum Dank für ein altes Entgegenkommen einem Wesir des Vizekönigs von Ägypten zum Geschenk machte. Auf diese Weise gelangte sie nach Kairo.

Doch als der Wesir wegen einer Verschwörung, die er gegen seinen Herren angezettelt hatte, in Ungnade gefallen war, wurde er an einen geheimen Verbannungsort gebracht und Umm Safija, die nicht als Eigentum konfisziert worden war, wurde augenblicklich frei.

Da stand sie dann − allein, ohne etwas zu besitzen, mit nur dem Wenigen, das sie am Leibe trug, aber ausgestattet mit ihren glutvollen Augen, ihren tiefblau schimmernden Haaren und ihrem makellosen Körper. So wurde sie zu der erfolgreichen Geschäftsfrau, die sie mittlerweile vorstellte: Mit zähem Verhandlungsgeschick, raffiniert weiblicher Intuition und mit den von Kindesbeinen an geübten, magischen Liebeskünsten, die ihr im Sklavinnen-Depot beigebracht wurden, arbeitete sie sich diszipliniert und mit ehrgeizigem Ziel vor Augen zur unangefochtenen Herrin des renommiertesten Bordells der ganzen Stadt empor.

Schließlich, eines schönen Tages, angelte sie sich die honorige Partie in Gestalt des Präsidenten der Societé Egyptiennedes Industries Textiles, Scheich Eymn Rachidy, der zu ihren glühendsten Verehrern zählte.

Ihm gebar sie eine Tochter.

Aber darum trat sie noch keineswegs kürzer. Sie verstand es jedoch meisterhaft, Scheich Eymn Rachidys Eifersucht in bare Münze umzuwandeln, und das nur für das Versprechen, künftig eine selbstauferlegte Abstinenz zu erwählen, was freilich nur hieß: keine Männer mehr zu empfangen, deren Bedürfnisse sie persönlich befriedigte.

Ihrer Tochter Safija, zu der sich der Scheich bekannte, trotzdem er verheiratet war (und das auch bleiben wollte), wurden alle Annehmlichkeiten zuteil, die für einen Mann seines Standes und seines Rufes angemessen waren.

Sie hingegen, Umm Safija, hatte, bevor sie diese Rechte in Anspruch nahm, noch ein paar besondere Vorkehrungsmaßnahmen getroffen. Denn aufgrund jenes Erlebnisses mit dem geköpften Freier, das sie für sämtliche gefühlsbetonten Regungen unempfänglich machte, betrachtete sie auch ihre Tochter lediglich als ein notwendiges Übel, eben als jene Art Rückversicherung, dank der ihre Tochter ja auch nur am Leben geblieben war − zu dem alleinigen Zweck, Scheich Eymn Rachidy emotional wie materiell an sich zu binden. So war sie beispielsweise, um von seiner Gunst nicht abzufallen, vom zwanghaften Drang infiziert, es der Tochter durch eine bewusst nachlässige Erziehung an Anmut und Schönheit fehlen zu lassen, um sie allzeit mühelos zu überstrahlen. Und das war kein leichtes Unterfangen. Denn statt der neun Monate ging sie mit ihr schon fast unanständige zehn Monate schwanger, und als sie endlich geboren war, zwang sie eine vierwöchige Bettruhe danieder, die ihrer Schönheit auf das Ärgerlichste abträglich war. Von Stund an entlud sich eine ungehemmte Rivalität zu ihrer Tochter, umso mehr, als sie durch das Stillen noch weiter ausgezehrt wurde. So gewöhnte sie ihr die Brust unbarmherzig ab, indem sie dazu überging, ihr die zu einem Beißring geflochtenen Blätter der Schwertlilie zu geben. Dadurch wurde die Brustmilch ungenießbar, es hatte aber auch den Effekt, ihr Zahnen zu verzögern, so dass über kurz oder lang ihr Ober- und Unterkiefer zuerst brandig und dann so verledert wurden, dass die Zähne nicht mehr durchstießen. Als sie es später doch noch taten, wurde sie für ihr Lebtag dadurch entstellt − hässliche, daumennagelgroße Schuppenzähne, die fast immer bluteten.