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Die „Der Götter Inferno“ – Reihe berichtet von einer Reise durch die von Dante Alighieri etablierte Vorstellung der Hölle und setzt sich mit persönlichen menschlichen Abgründen ebenso auseinander wie mit dem Aufeinandertreffen alter Gottheiten und schrecklicher Ungeheuer. Dabei werden sämtliche Weltmythologien ebenso ineinander verzahnt wie die vormals genannte „Göttliche Komödie“, aber auch Werke wie das Buch von Enoch, die „Ars Goetia“ oder historische Ereignisse. Für alle Leser fantastischer/ abenteuerlicher Geschichten mit teils erwachsenen Inhalten und Themen, doch vor allem Liebhaber der Mythologie werden hier auf ihre Kosten kommen.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Der Götter Inferno 1
Ad Infernum
MARC STEHLE
Copyright © 2025 Marc Stehle
Alle Rechte vorbehalten.
Rielasingerstr. 104, 78224 Singen
Korrektur: Stefanie Brandt
Cover/Bildmaterial: Uwe Jarling
Buchsatz: Marc Stehle
ISBN: 978-3-9827679-1-8
Kapitelübersicht
Buch 1 –Demos Oneiroi
Kapitel 1
Kapitel 2
kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Buch 2 –Limbo
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Buch 3 –Wollust
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
„Vergiss nie die heutige Nacht,
denn sie ist der Anfang der Ewigkeit.“
– Dante Alighieri –
– Buch 1 –
Demos Oneiroi
1
Als ich auf halbem Wege stand unsers Lebens,
fand ich mich einst in einem dunklen Walde.
Nun, die Hälfte seines Lebens hatte Wolf Richter noch nicht hinter sich – oder zumindest hoffte er das. Er war 34 Jahre alt, rauchte nicht und trank seit einigen Jahren kaum noch Alkohol. Abgesehen von seiner Vorliebe für Schokolade, fielen auch seine Essgewohnheiten recht brav aus. Brav, nicht vorbildlich, was sich in seinem schlanken, wenn auch nur rudimentär muskulösen Körperbau widerspiegelte. Daher war Wolf guter Hoffnung, dass er auch seinen 69. Geburtstag und vielleicht auch noch einige mehr würde erleben dürfen. Vorausgesetzt, er erlag nicht irgendeiner Krankheit, einem Unfall – oder den Gefahren, die in diesem dunklen Wald lauerten.
Denn dieser Part des Verses aus Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“, der Wolf wie aus dem Nichts in den Sinn kam, traf unglücklicherweise zu.
Wolf drehte sich einmal langsam um die eigene Achse. Der Lichtstrahl seiner Taschenlampe schlug eine feucht glitzernde Schneise durch den Nebel, der offenbar die gesamte Welt vereinnahmt hatte, doch allzu viel vermochte er den Schwaden aus wirbelndem Weißgrau nicht zu entlocken. Selbst das kahle, von dicken Wurzeln und Steinen durchzogene Erdreich zu seinen Füßen war mehr zu erahnen als wirklich zu sehen. Eine ganze Armee knochenbleicher, schlanker Baumstämme umringte ihn und jeder einzele davon ragte so hoch empor, dass ihre Kronen im Nebel verschwanden. Büsche und Unterholz ließen sich nirgendwo ausmachen.
Wolf öffnete den Mund, wollte etwas rufen – nach jemandem rufen – hielt jedoch inne. Alles, was zwischen seinen Lippen hervordrang, war sein in weißen Dunst gekleideter Atem, der vor seinem Gesicht in der bitterkalten Luft zerfaserte und eins mit dem Nebel wurde. Der so natürliche Anblick hatte mit einem Mal etwas zutiefst Verstörendes an sich. Zu sehen, wie der Lebensatem seinen Körper verließ, aus ihm herausfloss wie Blut, das aus einer tödlichen Wunde strömte. Wolf spürte den Biss der Kälte mehr denn je.
Das Geräusch kam aus dem Nichts und durchbrach die Stille wie ein Donnerschlag: ein lautes, anhaltendes Brüllen, das irgendwo in den Tiefen des Waldes erklang und zwischen den Bäumen umherschnellte. Wolf erstarrte vor Angst. So etwas hatte er noch niemals zuvor gehört. Es klang, als würden sich einhundert Schmerzensschreie zu einem ohrenbetäubenden, von purem Hass erfüllten Wolfsheulen aufpeitschen.
Von seiner Furcht aufgescheucht, wandte er sich mal hierhin, mal dorthin, dabei tanzte der Lichtkreis der Taschenlampe wie irr durch den Nebel und über die Stämme hinweg. Wie ein Jockey, der sein durchgehendes Pferd zu beruhigen versuchte, musste Wolf all seine Kraft und Willensstärke aufwenden, um seinen eigenen Körper wieder unter Kontrolle zu bringen.
Was war das?
Sein ohnehin schwerer Atem wurde zu einem Keuchen, als Wolf den schwarzen Umriss entdeckte, der sich einige Meter entfernt aus dem Nebel schälte. Auf das Leuchten bernsteinfarbener Augen folgte der ebenso kraftvolle wie geschmeidige Körper einer riesigen Katze. Ohne die weißgrauen Schwaden, die sie vom Rest der Szenerie abhoben, wäre das mit glänzend schwarzem Fell bedeckte Tier wohl nahtlos mit der Nacht verschmolzen. Wolf traute seinen Augen nicht.
Ein Panther?
Die Raubkatze blieb knapp zwei Meter von ihm entfernt stehen und hob den Kopf, sog prüfend die eiskalte Luft ein. Tier und Mensch betrachteten einander eingehend, mit Neugierde auf der einen und Unsicherheit, die unentwegt an der Grenze zur Angst tanzte, auf der anderen Seite. Das Hartplastik der Taschenlampe gab ein leises Knirschen von sich, als Wolf den Griff darum verstärkte.
Er schluckte, die Sekunden dehnten sich. Unter anderen Umständen hätte er die elegante Kraft und Schönheit des Raubtieres bewundert. Denn schön war es zweifellos.
Schön und tödlich.
Das abscheuliche, mehrstimmige Geheul zerfetzte aufs Neue die Totenstille des Waldes und brach den Bann, ließ Wolf wie auch den Panther hektisch herumfahren. Einen flüchtigen Augenblick lang waren sie beide durch die gleiche Furcht verbunden, hin- und hergerissen zwischen kopfloser Flucht und furchtsamer Starre. Nicht Räuber und Beute, sondern zwei Gejagte.
Umso überraschter war Wolf, als sich der Panther plötzlich wieder zu ihm umwandte, die Zähne gebleckt und mit aufgestelltem Nackenfell, den Schädel senkte und ihn drohend anfauchte. Wolf machte einen Schritt zurück und die Katze setzte ihm nach, langsam, lauernd.
»Hey, nur keine Panik«, versuchte er das Tier zu beruhigen, hob die Taschenlampe und leuchtete in den Wald hinein. »Was ist das?«
Nicht, dass er allzu versessen auf die Antwort gewesen wäre. Eine Einstellung, in der er sich bestärkt sah, als aus dem durch Dunkelheit und Nebel verschleierten Wald heraus neue Geräusche einsetzten: Schritte, einerseits ebenso achtsam und geschickt wie die des Panthers, andererseits mit einer ungeheuren Kraft und Schwere gesetzt. Gewaltige Füße sandten ein Grollen durch den Boden, Äste wurden verbogen und gaben mit einem Krachen nach.
Der Panther spähte ein letztes Mal in die entsprechende Richtung, dann ließ er jede Rücksicht fallen. Sein Fauchen wurde noch lauter und einschüchternder, er machte einen Satz und schoss direkt auf Wolf zu. Diese plötzliche Aggression, gepaart mit der wachsenden Furcht vor dem, was da zwischen den Bäumen hindurchpirschte, zerriss die letzte Bande, die Wolfs Fluchtreflex bislang im Zaum gehalten hatten. Mit einem erstickten Keuchen sprang er zurück, wirbelte herum und eilte davon. Fort von dem inzwischen wie toll knurrenden Panther und dem noch größeren, wenn auch unsichtbaren Schrecken.
Wolf brachte noch genügend Selbstdisziplin auf, um nicht blindlings loszurennen, was eher früher denn später unwillkürlich zu einem Sturz und einem Knochenbruch, wenn nicht gar Schlimmerem, geführt hätte. Trotzdem legte er ein gewisses Tempo vor, wich springend und Haken schlagend starrem Wurzelwerk und aus dem Boden ragenden Felsen aus. Der Wald flog an ihm vorbei, fast schon manisch zuckte das Licht seiner Taschenlampe umher, doch es fand weiterhin nur geisterhafte Nebelschwaden, starres Holz und nacktes Gestein, die sich vor einer Leinwand aus Dunkelheit abzeichneten. Der Panther setzte ihm nach und auch wenn es Wolf einfach nicht gelingen wollte, ihn abzuschütteln, so blieb zumindest der Abstand zwischen Verfolger und Verfolgtem konstant. Zumindest fürs Erste.
Zu spüren, wie seine Beine immer schwerer und das Atmen mühsamer wurde, machte Wolf klar, dass er nicht ewig davonlaufen konnte. Doch noch war er nicht am Ende seiner Kraft angelangt und legte trotz seines immer stärker protestierenden Körpers noch einen Zahn zu. Als das tausendstimmige Heulen erneut ertönte, lauter denn je zwischen den Baumwipfeln umherhallte und die monströse Präsenz hinter ihnen ebenfalls schneller wurde, wusste er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Kurz darauf hörte er die Worte zum ersten Mal. Worte, schneidend wie ein böses Flüstern, das ihm jemand direkt ins Ohr wisperte, und gleichzeitig so markerschütternd wie ein meilenweit hallender Schmerzensschrei. Worte, die sich ihm wie ein glühendes Eisen in den Verstand brannten.
»Pape Satàn, pape Satàn aleppe.«
Ihr Sinn erschloss sich Wolf nicht. Mehr noch, aus einem ihm unbegreiflichen Grund erkannte er, dass sie gar keinen Sinn hatten, keinen brauchten. Aber sie hatten einen Zweck. Die Bestimmung, Angst, Verzweiflung und Wahnsinn in den Herzen aller zu säen, die sie vernahmen. Was das anging, verfehlten sie ihre Wirkung nicht.
Etwas raste zu Wolfs Rechter an ihm vorbei, ein schlanker, flinker Schatten, in dem er flüchtig den Panther wiedererkannte, ehe dieser hinter einem Baumstamm verschwand. Doch das, was nur einen Sekundenbruchteil später auf der anderen Seite wieder auftauchte, sich mit schnellen, weit ausholenden Sprüngen direkt vor Wolf setzte und ihm den Weg abschnitt, war kein Panther mehr. Aus dem Spurt heraus schreckte er zurück, seine Füße rutschten ihm unter dem Körper weg. Keuchend stürzte er nach hinten und landete unsanft auf dem harten Boden. Den Schmerz spürte Wolf dabei kaum; dafür war er viel zu sehr auf das drohend vor ihm aufragende Tier konzentriert.
Wolf hatte es nach wie vor mit einer Raubkatze zu tun, doch diese hier war noch größer und massiger. Das cremefarbene Fell und die Mähne, die ihren Kopf einrahmte, sprachen für sich. Aus dem Panther war ein stattlicher Löwe geworden.
Moment, das macht doch alles keinen Sinn.
Kaum war ihm der Gedanke gekommen, da legte sich eine lindernde, beinahe einlullende Trübnis darüber und verbannte ihn aus seinem Verstand. Ihm blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern. Der Löwe baute sich vor ihm auf und brüllte, was Wolf wie von der Tarantel gestochen auf die Beine springen und zurückweichen ließ. Er hatte bereits mehrere Meter Abstand zwischen sich und die Raubkatze gebracht, ehe er überhaupt begriff, dass er wieder zu rennen angefangen hatte.
Die Hatz ging weiter, diesmal in eine andere Richtung und mit einem Löwen statt eines Panthers auf seinen Fersen. Der Wald schien kein Ende zu nehmen und über alledem schwebte die bedrohliche Aura der Wesenheit, die ihnen nach wie vor ungesehen, aber deutlich spür- und hörbar nachsetzte. Sie holte auf, schrie mit eintausend grausig ineinander verdrehten Stimmbändern: »Pape Satàn, pape Satàn aleppe.«
Wie zuvor schon der Panther setzte sich irgendwann auch der Löwe vor Wolf und schnitt ihm den Weg ab. Noch während er taumelnd zum Stehen kam, huschte die Raubkatze weiter, verschwand hinter einem Felsen aus seiner Sicht und kam erst wieder zum Vorschein, als sie sich mit einem eleganten Sprung auf dessen steinernen Rücken beförderte. Zum zweiten Mal in kürzester Zeit verblüffte das Tier ihn, indem es sich in einer neuen Gestalt offenbarte. In der eines Wolfes. Eines richtigen Wolfes.
Wolfs Blick wanderte die schlanken, mit grauschwarzem Fell bedeckten Flanken bis zum weißen Unterbauch herab, wo sich deutlich sichtbar acht geschwollene Zitzen abzeichneten.
Also eine Wölfin, korrigierte er sich in Gedanken.
Das Tier zog die Lefzen zurück, fletschte knurrend die Zähne und ehe Wolf sich versah, sprang es von seinem Felsen direkt auf ihn zu. Sein Herz machte einen panischen Satz, der ihn zurückweichen und schließlich ins Leere treten ließ. Er fiel, kam hart auf der Schulter auf und rollte einen mit spitzen Steinen und Wurzeln überzogenen Hang hinunter. Indem er seinen Kopf schützend in seinen überkreuzten Armen vergrub, verhinderte er das Schlimmste, doch dafür trug er durch die finale Bauchlandung einen harten Schlag in den Magen davon. Das und der Umstand, dass sich mit einem Mal sämtliche davongetragenen Blessuren und Prellungen auf einmal bemerkbar machten, ließ ihn einen langen Moment daran zweifeln, ob er überhaupt jemals wieder aufstehen würde.
Zumindest das währte nicht lange, denn ehe er sich versah, tauchte die Wölfin direkt neben ihm auf, kläffte ihm ins Ohr und trieb ihn auf diese Weise auf die Beine zurück. Doch es war das tausendstimmige Klagegeheul, diesmal erschreckend nahe, das ihn all seine Schmerzen vergessen ließ. Hektisch sah er sich um. Die Rinne, die er heruntergestürzt war und sich wie ein ausgetrocknetes Flussbett durch den Wald zog, war nicht sonderlich tief. Vielleicht zwei, höchstens zweieinhalb Meter, mit sanft abfallender Böschung. Bedachte er, wie sehr ihn der Sturz durchgerüttelt hatte, konnte er sich wohl glücklich schätzen.
Die Wölfin war bereits wieder aus der Vertiefung herausgeklettert und starrte zu ihm hinunter, doch die Aggression schien gänzlich aus ihrer Haltung gewichen zu sein. Wenn Wolf es nicht besser gewusst hätte, wäre ihm ihr Blick fast schon mitfühlend vorgekommen.
»Pape Satàn, pape Satàn aleppe.«
Die Stimmen drangen aus nächster Nähe, rollten über den Rand des Grabens und den Abhang hinab. Das Ding kam näher, aber es waren nicht nur seine schweren Schritte oder der plötzlich einsetzende Geruch nach Verwesung und Fäule, die es verrieten. Nein, die Atmosphäre selbst veränderte sich, reagierte auf sein Nahen, wie sie auf das Aufziehen eines gewaltigen Sturms reagiert hätte. Sämtliche Haare auf Wolfs Körper richteten sich auf. Er wich zurück und sah sich nach einer Fluchtroute um.
Über ihm fuhr die Wölfin herum, um Nebel und Dunkelheit mit aufgestelltem Nackenfell und lautem Bellen herauszufordern. Wolf spürte, wie die Kreatur, dieses Bollwerk aus Boshaftigkeit, kurz innehielt und ihr eigenes, tausendfach verzerrtes Geheul erklingen ließ. Danach gab es für die Wölfin kein Halten mehr; sie knurrte ein letztes Mal und sprintete los, ein Stück den Graben entlang und anschließend in die Tiefen des Waldes hinein. Ihr wurde ein Brüllen nachgeschleudert, ein massiger Körper setzte sich in Bewegung und nahm die Verfolgung auf.
Hat sie dieses Ding gerade von mir weggelockt?
Nein, das schien zu absurd, zu gut zu sein.
Also stand Wolf still. Einen Herzschlag lang, zwei Herzschläge lang.
Erst als die letzten Geräusche in der Entfernung verklungen waren und sich die unnatürliche Stille des Waldes erneut wie eine tröstende, Sicherheit verheißende Decke über ihn legte, wagte er es, sich aus seiner Starre zu lösen. Die Atemluft, die er krampfhaft in seinen Lungen versiegelt hatte, brach sich als erleichtertes Seufzen Bahn. Er bückte sich nach seiner Taschenlampe, die ihm während des Sturzes aus der Hand geprellt worden war. Glücklicherweise funktionierte sie noch. Forschend und nach wie vor auf alles gefasst, ließ er ihren Lichtkegel durch den Graben und an dessen Wänden entlangwandern.
Wolf ging ein paar Schritte, ziellos, ohne eine bestimmte Richtung im Sinn zu haben. Ebenso wenig war ihm bewusst, wonach er überhaupt Ausschau hielt, während er das Licht seiner Taschenlampe unermüdlich auf die Suche schickte. Er musste einen Ausweg finden, ehe diese Kreatur zurückkehrte. So viel stand fest.
Wenn ich nur wüsste …
Wolf hielt inne, versteifte sich. Dann flüsterte er: »Wie bin ich überhaupt hierhergekommen?«
Wo, zum Teufel, ist „Hier“ überhaupt?
Zum ersten Mal spürte er, wie er zitterte. Er versuchte sich zu erinnern, doch eine seltsame Trägheit befiel seinen Verstand.Warum fiel es ihm so verdammt schwer, sich zu konzentrieren? Sich zu erinnern?
Moment? Worüber habe ich gerade nachgedacht?
Zwar wusste Wolf noch immer nicht, wonach er suchte, doch das hinderte ihn glücklicherweise nicht daran, etwas zu finden. Hervorgelockt durch das Licht seiner Taschenlampe, leuchtete plötzlich etwas Grellgelbes inmitten des trüben, graubraunen Waldbodens auf und forderte seine Aufmerksamkeit ein.
Langsam näherte er sich seiner Entdeckung, wischte mit dem Fuß totes Laub und Schmutz beiseite und legte einen knallgelben Ziegelstein frei. Es war nicht der einzige seiner Art, wie Wolf schnell feststellte: Hunderte davon fügten sich am Boden des Grabens zu einer Straße zusammen, inzwischen so deutlich erkennbar, dass sich Wolf wunderte, warum sie ihm nicht eher aufgefallen war. Praktischerweise nahm sie genau an jener Stelle ihren Anfang, an der er den ersten Stein entdeckt hatte.
Praktischerweise. Zufälligerweise.
Seltsamerweise.
Diese Überlegung streifte Wolf derart flüchtig, dass er sie kaum wahrnahm. Stattdessen beschloss er kurzerhand – mitunter, weil es ihm schlicht an Alternativen mangelte – dem Verlauf der Straße zu folgen.
Umsäumt von der sich hartnäckig haltenden Szenerie aus nebelverschleierten Bäumen und kaum auszumachenden Wipfeln, zog sich die gelbe Ziegelsteinstraße dahin. Aus irgendeinem Grund fühlte sich Wolf an die auf drehbare Leinwände gemalten Hintergrundbilder erinnert, die in uralten Filmen benutzt worden waren, um Bewegungen vorzugaukeln. Entsprechend verließ ihn sein Zeitgefühl nach – nun, nach einer für ihn kaum bestimmbaren Zeit eben. Ob nun also bloße Minuten, eine geschlagene Stunde oder sogar mehr verging, bis er schließlich das Ende des Grabens erreichte, ließ sich nahezu unmöglich festmachen. Das wurde allerdings schnell zur Nebensache, nachdem er erkannte, dass mit der Straße endlich auch der Wald endete.
Wolf stockte, glaubte zunächst, die schlechten Sichtverhältnisse spielten ihm einen Streich. Doch das Licht seiner Taschenlampe überzeugte ihn schließlich vom Gegenteil. Vor ihm erhob sich eine meterhohe Mauer. Keine aus Stein, Holz oder Metall, keine von Menschenhand geschaffene. Zumindest nicht im traditionellen Sinn. Es dauerte einen Moment, ehe Wolf die schlanken, dicht gedrängten Umrisse einzuordnen vermochte, dann aber ging ihm auf, dass er den Rand eines Maisfeldes vor sich hatte. Jede der einzelnen Pflanzen war so hoch wie eine Straßenlaterne und die einzige Lücke, die sich in ihren Reihen auftat, war ein knapp zwei Meter breiter Eingang direkt vor Wolf. Er leuchtete hinein, doch das Licht verlor sich bereits nach kurzer Distanz inmitten öliger Finsternis. Der Blick nach links und rechts offenbarte, dass sich das Feld zu beiden Seiten immer weiter fortsetzte, um schließlich in Dunst und Düsternis zu verschwinden. Ein Gefühl, das auf seltsame Weise an Gewissheit grenzte, verriet Wolf, dass er keinen Weg drum herum finden würde, egal, wie lange er danach suchte. Er schluckte und wandte sich wieder dem Eingang zu. Allein die Vorstellung, auch nur einen Fuß hineinzusetzen, ließ ein Frösteln seinen Körper heimsuchen.
Tausend gequälte Stimmen, die zuerst als ein Heulen, dann als ferne Litanei den Wald hinter ihm heimsuchten, erinnerten ihn an die noch schrecklichere Alternative.
»Pape Satàn, pape Satàn aleppe.«
»Verdammt«, presste Wolf hervor, fasste sich ein Herz und marschierte weiter.
Wenigstens gestaltete sich der Weg durch das Maisfeld recht unkompliziert, denn auch wenn der Pfad ab und an die Richtung änderte, gab es keine Gabelungen oder Abzweigungen, die eine Orientierung erschwert hätten. Wolf fühlte sich deshalb allerdings nur unwesentlich wohler. Er hörte das albtraumhafte Heulen immer wieder, wobei es stetig näherzukommen schien. Im Maisfeld hingegen knackte und knirschte es unentwegt, er glaubte Schritte zu hören und ein Rascheln. Jedes Mal, wenn er das Taschenlampenlicht auf Erkundung schickte, rechnete er fest damit, verdrehte Fratzen zwischen den meterhohen Pflanzen zu entdecken, die ihm boshaft grinsend und mit weit aufgerissenen Augen entgegenstarrten. Zumindest davon blieb er verschont.
Dafür geschah etwas anderes. Etwas, das er beinahe ebenso sehr befürchtet hatte.
Wolf murmelte den nächsten Fluch vor sich hin, blieb stehen und leuchtete nacheinander in die beiden Wege hinein, die sich mit einem Mal vor ihm auftaten. Wie die Zacken einer Stimmgabel spalteten sie sich vom bisherigen Pfad ab. Auffälligkeiten oder Anhaltspunkte, welchen davon er einschlagen sollte, fand er keine. Ihm blieb auch keine Zeit, danach zu suchen.
Wieder das Heulen, dann Schritte, die hinter ihm zwischen den aus Mais errichteten Wänden widerhallten. Es, was immer es auch sein mochte, hatte das Feld erreicht und war ihm erneut auf den Fersen. Also zögerte Wolf nicht länger, entschied sich spontan für die rechte Abzweigung und ging los.
Er setzte nicht einmal einen Fuß hinein.
Dort, mitten auf dem Weg, konnte er eine schlanke Silhouette ausmachen, die sich mit seltsamer Klarheit vor der allgegenwärtigen Dunkelheit abzeichnete. Doch erst, nachdem Wolf schlagartig innegehalten, die Taschenlampe darauf gerichtet und deren Licht langsam daran hatte emporwandern lassen, konnte er Einzelheiten ausmachen.
An einem knapp zweieinhalb Meter hohen Kreuz aus wurmzerfressenem Holz und rostigen Metallscharnieren hing eine Vogelscheuche, die Arme seitlich ausgebreitet und mit durch die Handflächen getriebenen Nägeln festgemacht. Klamotten aus zerschlissenem grobem Stoff hielten den strohenen Körper zusammen. Ein Seil lag um ihren Hals, doch die Art, wie es zu einer Schlaufe gebunden war, erinnerte auf unheimliche Weise an die Schlinge eines Gehängten. Ein unterarmlanger, rostiger Eisensporn war durch die Schläfen einmal quer durch den Schädel getrieben worden und verstärkte diesen morbiden Eindruck noch, darüber saß ein Spitzhut mit breiter Krempe auf ihrem vornübergebeugten Kopf. Die Vogelscheuche jagte Wolf einen Schauer über den Rücken, doch erst als er ihr Gesicht genauer betrachtete, wurde ihm klar, woher dieses Gefühl wirklich rührte: Es bestand aus einem Kartoffelsack,aufgehübscht durch einen aufgenähten Grinsemund und Knopfaugen, doch das Sackleinen auf einer Seite war aufgerissen und hing herunter. Darunter kam das grausige Dauergrinsen und leere Starren eines Totenschädels zum Vorschein
Wolfs Widerwille, sich diesem Ding zu nähern, war nahezu lähmend. Trotzdem hätte er sich ein Herz gefasst und wäre an der Vogelscheuche vorbeigelaufen, statt zurückzugehen, den anderen Weg einzuschlagen und damit wertvolle Sekunden zu verschwenden. Zumal er inzwischen nicht nur das Traben, sondern auch den schwerfälligen, rasselnden Atem der Bestie hören konnte, die ihm so dicht auf den Fersen war.
Doch selbst das wurde unwichtig, denn mit einem Mal hob die Vogelscheuche den Kopf und sah ihn direkt an.
»Was?« Es war kaum ein richtiges Wort, das Wolf da ausstieß. Eher ein Keuchen, das vage danach klang, während er langsam zurückwich und dabei zusah, wie die Vogelscheuche erst den einen, dann den anderen Arm vom Kreuz losriss. Ihres einzigen Halts beraubt stürzte sie nach vorne und mit dem Gesicht zu Boden, stemmte sich auf alle viere hoch und kroch auf ihn zu. Wolf spurtete los, noch ehe sie gänzlich auf die Beine kam und ihm nachsetzte.
Die Anstrengung seiner Flucht durch den Wald steckte ihm noch in den Knochen, doch Wolf registrierte es kaum. Der reine Überlebensinstinkt flutete seinen Körper mit Adrenalin, schwemmte die Müdigkeit und die Schmerzen weg und ließ ihn rennen, wie er noch niemals zuvor in seinem Leben gerannt war. Die Weggabelung flog an ihm vorbei und zu seinem Glück erwartete ihn auf dem zweiten Pfad keine böse Überraschung, also lief er ungebremst weiter und tiefer in das Labyrinth hinein. Das Trampeln und Hecheln der tausendstimmigen Kreatur fiel hinter ihm zurück, doch alle Erleichterung wurde im Keim erstickt, als er zurücksah und feststellte, dass stattdessen die Vogelscheuche dicht hinter ihm war. Torkelnd, die Gliedmaßen bei jedem Schritt nach vorne werfend, statt wie ein Mensch zu gehen, hechtete sie ihm hinterher. Der bloßgelegte Teil ihres Unterkiefers bewegte sich dabei auf und ab, ein tiefes Grollen drang aus ihrem Rachen und sie streckte die rechte Hand nach ihm aus, wo zwischen Stoff und Stroh nun ebenfalls knochige Skelettfinger hervorstachen.
Nach einer Weile spaltete sich der Weg erneut. Wolf wurde nur unmerklich langsamer, um ausloten zu können, in welche Richtung er seine Flucht fortsetzen sollte. Die Entscheidung fiel unmittelbar.
Diesmal war es der Pfad zur Linken, der von einer Vogelscheuche blockiert wurde. Lauernd und leicht nach vorne gebeugt, schien sie zu warten, bis er ihren verstörenden Anblick vollkommen in sich aufgenommen hatte, dann handelte sie. Das Maul weit aufgerissen und beide Hände erhoben, bereit, ihn zu packen, ging sie auf ihn los. Wolfs Panik verlieh ihm die notwendige Schnelligkeit, rechtzeitig zurückzuspringen und ihrem Griff um Haaresbreite zu entgehen. Noch in der Bewegung stolperte er herum und rannte den anderen Weg entlang weiter.
Das kann nicht sein, schoss es ihm durch den Kopf. Das kann alles nicht wahr sein.
Er sah nicht zurück, um herauszufinden, ob es nun zwei Vogelscheuchen waren, die ihn verfolgten, oder ob die erste ihm einfach auf irgendeine unerklärliche Weise den Weg abgeschnitten hatte. So klar und deutlich, wie sich das abscheuliche Antlitz der Kreatur in seinen Verstand eingebrannt hatte, tendierte er zu Letzterem.
Die nächste Gabelung, diesmal eine T-Kreuzung, kam in Sicht. Wieder wurde Wolf ein wenig langsamer, doch noch ehe er einen ersten prüfenden Blick riskieren konnte, tauchte die Vogelscheuche plötzlich zu seiner Rechten auf und versuchte ihn zu packen. Erneut lag keinerlei Eleganz in seiner Ausweichbewegung; es war eine wilde Kombination aus Stolpern, Zurückweichen und einem in letzter Sekunde abgewendeten Sturz, die ihn unter den ausgebreiteten Armen der Kreatur wegtauchen ließ. Sein entsetzter Aufschrei blieb ihm im Halse stecken. Er stieß sich vom Boden ab, taumelte zurück und schaffte so genügend Abstand, um herumwirbeln und in die entgegengesetzte Richtung davonstürmen zu können. Wolf konnte spüren, wie die krummen Skelettfinger hinter ihm ins Leere griffen, so nahe, dass einige verwirrte Strohhalme seinen Nacken trafen. Als wäre er mit siedendem Öl übergossen worden, machte er einen Satz und brachte sich damit endgültig aus der Reichweite der Vogelscheuche.
Mauern aus Mais, zur Linken und Rechten, vor ihm und hinter ihm. Meter um Meter, nein, Meile um Meile. So fühlte es sich zumindest an. Wie der Wald zuvor schien dieser seltsame Ort kein Ende nehmen zu wollen. Je länger Wolfs Flucht andauerte, desto mehr stieg die Angst in ihm hoch. Die Furcht, in irgendeiner schrecklichen Zwischenwelt, einem sich ewig wiederholenden Limbo gelandet zu sein, für immer dazu verdammt, von einem surrealen Ort zum nächsten zu irren. Verfolgt von wilden Tieren, dämonischen Vogelscheuchen und einem Schrecken, der, wenn auch nach wie vor gesichtslos, alle anderen in den Schatten stellte. Dessen Toben schien noch einmal ein ganzes Stück zurückgefallen zu sein. Hatte es bei seiner blindwütigen Verfolgung in den Wirren des Maisfeldes etwa die Orientierung verloren? Der Gedanke war fast zu verlockend, um wahr zu sein.
Eine weitere Chance, ihm aufzulauern, sollte sich der Vogelscheuche nicht bieten. Als Wolf die Hoffnung schon beinahe aufgegeben hatte und auch seine letzten Kräfte ihn zu verlassen drohten, erreichte er endlich das Ende des Weges. Das Herz des Irrgartens tat sich vor ihm auf, eine freie, knapp fußballplatzgroße Fläche inmitten des Maisfeldes. In ihrem Zentrum stand ein großes Gebäude, langgezogen, mit zwei oder mehr Stockwerken und einem weiten Dach aus Holzschindeln. Auch die Terrasse, die dem Eingang vorgelagert war und sich beinahe an die gesamte vordere Hausseite schmiegte, wurde durch ein schickes Vordach und eine Umzäunung geschützt. Wolf musste unwillkürlich an eines der Farmhäuser aus alten, US-amerikanischen Schwarzweißfilmen denken. Es hätte vielleicht sogar einen heimeligen Eindruck gemacht, hätte es nicht dieselbe abweisende, kalte Aura ausgestrahlt wie der Wald, das Maisfeld und – nun ja, wie dieser ganze verdammte Ort eben. In nicht einem der zahlreichen Fenster brannte ein Licht und bei genauerem Hinsehen entdeckte er etliche Schäden. Tatsächlich schien es von Sekunde zu Sekunde heruntergekommener zu wirken, wobei vor allem das durchlöcherte Dach den Eindruck erweckte, als sei es einst dem Wüten eines Sturms ausgesetzt gewesen und seither nicht wieder instand gesetzt worden.
Wären die Umstände andere gewesen, er hätte nicht einen Fuß in das Gebäude gesetzt. Doch das verdrehte Heulen der Kreatur aus dem Wald, das diesmal wieder ein ganzes Stück näher klang, erinnerte ihn daran, dass er nicht wählerisch sein durfte. Er drehte sich um, suchte den hinter ihm liegenden Weg und den Mais ab und stellte erleichtert fest, dass sich zumindest die Vogelscheuche fürs Erste nicht mehr blicken ließ. Dafür hörte er die Stimmen wieder. Leise und lauernd, strichen sie zwischen den Maispflanzen hindurch.
»Pape Satàn, pape Satàn aleppe.«
Sie trieben Wolf auf das Haus zu, die kurze Treppe der Veranda hinauf und bis vor die Haustür. Vielleicht konnte er sich dort drinnen zumindest so lange verstecken, bis er wieder einigermaßen zu Kräften gekommen war oder er sich etwas einfallen lassen konnte. Er streckte die Hand nach dem Griff aus und riss die Tür auf.
Zwei glühend rote Augen starrten ihm aus absoluter Finsternis entgegen.
Diesmal war er zu langsam. Eine Hand schoss heran und umklammerte seine Schulter – eine Hand, bestehend aus groben Metallklauen, deren eiskalte Berührung sich durch Wolfs Hemd und in seine Haut fraß. Mit schrecklicher Mühelosigkeit wurde er hochgehoben, die Taschenlampe entglitt ihm und er fand sich einen knappen halben Meter über dem Boden wieder. Keuchend versuchte er sich zu befreien und als er die Vergeblichkeit dieses Vorhabens erkannte, trat er nach seinem im Dunkeln verborgenen Angreifer. Ebenso gut hätte er sich mit einer Eisenwand anlegen können, denn außer einem metallisch klingenden Pochen brachte er damit nichts zustande. Das Metallding setzte sich in Bewegung. Plumpe, abgehackte Schritte trugen es durch die Tür und auf die Terrasse hinaus, deren Holzdielen unter dem Gewicht protestierend knarzten.
Das rote Licht der Augen intensivierte sich, brach sich auf dem matt-metallischen Glanz eines grob menschlichen Körpers und entriss ihn auf diese Weise der nächtlichen Dunkelheit. Ein Hüne von mehr als zwei Metern Größe, dessen Brust wie ein Stahlfass aussah, in das breite, vertikale Schlitze eingelassen waren. Aus ihnen leckte nun eine orangerote Glut, angefacht von einem Feuer, das wild und heiß im Inneren der Gestalt brannte. Die breiten, kantigen Schultern gingen in röhrenförmige Arme und die Arme wiederum in Hände über, deren Finger wie die gekrümmten Schneiden einer Zange wirkten. Die Beine waren stämmig, die Füße kaum mehr als rundliche Sockel. Der Schädel erschien annähernd menschenartig, bestand aber ebenfalls aus vernietetem Metall und kam fast ohne Konturen oder Züge aus. Die Augen waren zwei rundliche Vertiefungen, in denen sich kleine Zahnrädchen drehten, der Mund ein vergitterter Schlitz. In der anderen Hand – also jener, die nicht gerade Wolf so mühelos hochhob, als wäre er eine leere Mülltüte – ruhte eine Holzfälleraxt.
Inmitten seiner wachsenden Panik fand Wolf einen letzten, seinen Widerstand aufs Neue anfachenden Funken. Er packte die Finger des Automaten mit aller Kraft und versuchte, sie aufzuhebeln, während er ihn anblaffte: »Lass mich gefälligst los!«
Sein Häscher dachte gar nicht daran. Mit ausdrucksloser Miene stapfte er die Stufen der Terrasse hinunter und weiter das Haus entlang. Aus dem Maisfeld heraus erklang das tausendstimmige Heulen, dann eine rasche Folge immer schneller werdender Schritte. Wolf intensivierte seine Bemühungen, rüttelte an der Hand des Automaten und trat wider besseres Wissen noch zwei-, dreimal gegen dessen Oberschenkel und seinen Bauch. Der Erfolg blieb weiterhin aus.
Erst als der Metallmensch seine Axt fallenließ, sich nach vorne beugte und nach etwas griff, bemerkte Wolf, dass sie über einer großen, schräg in den Boden eingelassenen Doppeltür standen, die direkt an das Farmhaus angrenzte. Er erkannte sofort, worum es sich handelte: Sturmkeller gab es in dieser Form in seiner Heimat nicht, doch er hatte sie schon in genügend Filmen und Fernsehserien gesehen, um den Anblick einordnen zu können. Mithilfe eines Eisenrings zog der Metallmann einen der Flügel auf und brachte so breite, in die Tiefe führende Stufen zum Vorschein. Er trug Wolf nach unten, nur um ihn am Fuß der Treppe einfach fallenzulassen. Anschließend drehte er sich auf dem Absatz um, polterte wieder hinauf und schenkte Wolf einen letzten, durchdringenden Blick aus seinen rotglühenden Augen, ehe er die Kellerluke schloss und ihn allein ließ.
Wolf rappelte sich träge auf. Obwohl sein Herz nach wie vor raste und seine Verwirrung inzwischen beinahe so groß war wie seine Angst, empfand er doch einen winzigen Funken Erleichterung: Die Bekanntschaft, die sein Hintern soeben mit dem harten Betonboden dieses Kellerlochs gemacht hatte, war jener vorzuziehen, die sein Kopf ebenso gut mit der Axt des Metallmanns hätte machen können. Lange währte dieses Gefühl allerdings nicht. Zumal die vermeintliche Sicherheit, in der er sich wiederfand, zweifellos eine trügerische war. Leise stöhnend rieb er seine pochende Schulter und drehte sich um, um nach einem möglichen Fluchtweg zu suchen.
Das war der Moment, in dem seine Verwirrung endgültig die Oberhand gewann.
Wie gesagt, Wolf war noch nie zuvor in einem solchen Sturmkeller gewesen, hatte aber natürlich eine ungefähre Vorstellung davon, wie das Innere eines solchen aussah. Nun, wie sich herausstellte, war er, was das anging, entweder komplett auf dem Holzweg gewesen – oder das winzige Fünkchen Logik, das er seiner Situation bislang noch hatte abringen können, war endgültig aus dem Fenster geflogen.
Fenster gab es an diesem Ort übrigens so einige. Meterhohe, sich zu Spitzbögen aufschwingende Monumente aus Buntglas, eingelassen in die Wände des riesigen Prunksaals, in dem sich Wolf wiederfand. Was seine Dimensionen anging, machte dieser Saal absolut keinen Sinn; nicht, wenn er bedachte, dass direkt über ihm eigentlich ein Farmhaus liegen sollte, er nun aber den Kopf in den Nacken werfen musste, um die in etlichen Metern Höhe liegende Gewölbedecke zu bestaunen, die eher ins Innere einer Kathedrale gepasst hätte. Säulen trugen sie, die ebenso aus Marmor bestanden wie der Boden und die Wände. Dessen elfenbeinweiße Färbung war jedoch nur zu erahnen, da das durch die Fenster hereinfallende Licht sie und die komplette Umgebung in einen überwältigenden smaragdenen Schein tauchte. Und ja, aus irgendeinem unerfindlichen Grund drang Tageslicht in diesen Raum, obwohl es draußen eben noch tiefste Nacht gewesen war und er eigentlich unter der Erde lag. Allein das Knallrot des Teppichs mit den goldenen Säumen, der von Wolfs Position aus durch die gesamte Halle bis zu deren gegenüberliegendem Ende führte, konnte sich ein klein wenig dagegen behaupten. An der dortigen Wand hing ein riesiger, rundlicher Spiegel, der diese beinahe komplett einnahm und von einer Korona meterlanger, nadelförmiger Smaragde umrahmt wurde.
Wolf drehte sich um und stellte fest, dass die Kellertür verschwunden war. Stattdessen fand er ein Portal mit zwei schweren Flügeltüren vor, was sich zugegebenermaßen wesentlich besser ins Gesamtbild fügte. Zwei Querbalken, ebenso aus Metall wie der Rest des Tors, hielten es zusätzlich verschlossen.
Der massive Eindruck, den es machte, wurde sofort auf die Probe gestellt. Etwas Schweres und unfassbar Starkes warf sich von draußen dagegen, die Wucht des Aufpralls hallte dröhnend wie ein Glockenschlag durch den Saal und ließ Boden wie Wände wackeln. Wolf machte einen erschrockenen Satz rückwärts, da folgte auch schon der zweite Treffer. Die Torflügel wurden einen Spalt weit aufgezwungen und erlaubten einen Blick in die Finsternis, die sich auf der anderen Seite regte. Etwas lauerte darin; bleiches, verzogenes Fleisch, Büschel aus räudigem Fell und das fahle Gelb von Reißzähnen. Das Ding ließ sein böses Flüstern in den Saal hineinrinnen, begleitet von einem Stöhnen, welches in Wolf das Bild einer Grube voller gefolterter, verdrehter, sich in Qualen windender Körper wachrief.
»Pape Satàn, pape Satàn aleppe.«
Wolf wich in den zentralen Teil der Halle zurück und nachdem er sich vergeblich nach einem zweiten Ausgang umgesehen hatte, floh er zum rückwärtigen Ende des Raums. Erst da bemerkte er den marmornen Sockel, der sich direkt unterhalb des Spiegels befand, sowie das, was darauf lag: ein Paar knallroter, schmaler Damenschuhe mitsamt Zierschleifen, gebettet auf ein smaragdgrünes Samtkissen.
»Nirgendwo ist es schöner als zuhause«, murmelte Wolf angesichts der Schuhe, die nichts anderes waren als eine perfekte Replika von Dorothys Rubinpantoffeln aus dem Film „Der Zauberer von Oz“ aus den 1930ern. Ein Anflug von Galgenhumor, mit dem er seine angespannt zurückgehaltene Atemluft entließ.
Lustig, dass daraus ein so berühmtes Zitat geworden ist. Dabei steht es so nicht einmal im Originalwerk.
Wolf erstarrte. Wie eine Salzsäule stand er da, den Blick fest auf die Schuhe gerichtet.
Seltsam.
Er dachte an den Löwen, der zum einen gar nicht so feige, zum anderen wahrscheinlich nicht einmal ein richtiger Löwe gewesen war. Zumindest hatten richtige Löwen nicht die Angewohnheit, sich nach Belieben in andere Tiere zu verwandeln. Dann noch die Vogelscheuche und der Blechmann, die beide ausgesehen hatten, als wären sie dem Cover einer finnischen Metallband entsprungen?
Seltsam?
Der gelbe Pflastersteinweg? Diese Halle, welche problemlos der Thronsaal des Zauberers von Oz in der Smaragdstadt hätte sein können? Die rubinroten Schuhe?
Das Land Oz? Jenes Land Oz, das nicht real war – und in dem sich Wolf, so wie es aussah, dennoch wiedergefunden hatte?
Seltsam.
Wolf schwindelte und seine Beine drohten, unter ihm nachzugeben. Es gelang ihm gerade noch rechtzeitig, nach dem Marmorsockel zu greifen und sich daran festzuhalten. Das Gefühl, das ihn zu überwältigen drohte, war kaum zu beschreiben: Als würde jemand ruckartig einen nebelgrauen Schleier herunterreißen, der die ganze Zeit unbemerkt über seiner Wahrnehmung gelegen und diese getrübt hatte. All die Emotionen, die er nur dumpf oder gar nicht wirklich verspürt hatte, brachen über ihn herein. Er atmete schwer, sein Herz raste und drohte, in seiner Brust zu zerspringen. Wolf hatte Angst. Angst wie nie zuvor in seinem Leben.
Er strich sich durch Haar und Gesicht, versuchte seine Gedanken zu fokussieren. Er erinnerte sich noch daran, dass er im Buchladen gewesen war. Seinem Buchladen „Wolfs Bücherbasar“. Er hatte – nun, er wusste nicht mehr, was er dort getan hatte, doch von einem Wimpernschlag auf den nächsten war er plötzlich in diesem verfluchten Wald gewesen.
Einem Wald, der sich ganz offensichtlich im Lande Oz befand.
Der nächste Schlag erschütterte den Saal. Von wachsender Wut und Ungeduld angestachelt drängte die Kreatur gegen das Eingangsportal und zwängte dessen Torflügel auseinander. Eine riesige Klaue wurde durch den stetig größer werdenden Spalt gezwängt. Ihre schwarzen, gebogenen Krallen fuhren über die schmiedeeiserne Oberfläche, ließen Funken sprühen und gruben eine Spur zentimetertiefer Furchen hinein. In den metallisch-ächzenden Schwanengesang des Tors mischte sich das tausendstimmige Klagen der Gequälten und Verzweifelten. Es wurde merklich dunkler und kälter in der Halle, selbst das smaragdfarbene Licht und die Wärme schienen die Nähe des Scheusals zu fürchten.
»Das ergibt alles keinen Sinn«, keuchte Wolf und zuckte zusammen, als der erste der beiden Schließbalken krachend nachgab und seine Bruchstücke in den Saal hineingeschleudert wurden. Die Stimmen erhoben sich zu einem triumphierenden Heulen, das Wolf bis in seine Albträume verfolgen würde.
Natürlich!Warum war er nicht früher darauf gekommen?
Er träumte! Eine andere Erklärung gab es nicht.
Oder?
»Papé Satàn, papé Satàn aleppe«, knurrte und kreischte es von außerhalb des Saals.
Wolf ballte die Hände zu Fäusten, versuchte sich zu konzentrieren. Aus Erfahrung wusste er, dass er recht schnell aufwachte, sobald ihm bewusst wurde, dass er träumte. In der Hoffnung, den Prozess zu beschleunigen, grub er seinen rechten Daumen in die Innenfläche seiner linken Hand, dann zwickte er sich und ging schließlich so weit, sich selbst eine Ohrfeige zu verpassen, deren Klang durch den gesamten Saal schallte. Vergeblich.
Na schön. Wenn dieser Albtraum nicht nach meinen Regeln spielen will, dann spiele ich eben nach seinen.
Er drehte sich um, trat an das Podest heran und betrachtete die darauf ausgestellten Rubinpantoffeln.
Nirgendwo ist es so schön wie zuhause.
Am Ende des Buches hatte die Protagonistin Dorothy das Land Oz mithilfe dieser Schuhe verlassen und war in ihre Heimat, nach Kansas, zurückgekehrt. Vielleicht wirkten sie für Wolf ja das gleiche Wunder. Er nickte und rieb die Hände ineinander, versuchte, diesen winzigen Funken Zuversicht weiter anzufachen.
Dennoch zögerte er, nach den Pantoffeln zu greifen.
»Nein«, flüsterte er und wich zurück. »Die Schuhe im Buch waren nicht rubinrot, sondern silbern. Sie haben es damals für den Film geändert und seither wurde es einfach immer und immer wieder übernommen.«
Seine Gedanken überschlugen sich. Er wusste, dass dieses Detail wichtig war, auch wenn er den Grund dafür nicht kannte.
»Papé Satàn, papé Satàn aleppe.«
Das Wispern kroch wie Spinnenbeine über Wolfs Nacken und seinen Rücken herab, dann zuckte er zusammen, als der nächste Schlag das weiter nachgebende Tor beutelte. Er versuchte, sich zu konzentrieren. »Denk nach, Wolf. Denk nach.«
Es war Jahre her, seit er den „Zauberer von Oz“ gelesen hatte, doch an die wichtigsten Einzelheiten glaubte er, sich noch erinnern zu können. Der Zauberer, der letzten Endes nur ein einfallsreicher Bühnenmagier aus Kansas gewesen war, hatte sich mittels technischer Tricksereien als ein übermenschliches, allmächtiges Wesen inszeniert.
Rauch und Spiegel, dachte er und ließ seinen Blick an der Wand jenseits des Podests hinaufwandern, wo eben solch ein Spiegel hing. Einen Zauberer wie im Buch, der gottgleich und flammend über seinen Bittstellern schwebte, gab es hier nicht.
Aber Wolf suchte auch nicht den Zauberer von Oz.
Ein Blickfang, mit dem er von seinem wahren Selbst abgelenkt hat.
Von der Wahrheit.
»Papé Satàn, papé Satàn aleppe.«
Inzwischen klang es gierig, fast manisch. Es folgte ein weiterer Schlag gegen das Tor, dessen Wucht den verbliebenen Schließbalken weiter nachgeben ließ.
Da sprang es Wolf ins Auge. Nicht weit vom Podium entfernt bedeckte ein Vorhang, dessen Farbe sich perfekt in die des marmornen Gemäuers ringsum einfügte, einen Teil der Wand. Die durch den Smaragdschein verfälschten Lichtverhältnisse hatten seine Entdeckung zusätzlich erschwert, doch Wolfs suchendem Blick hatte die Tarnung letztendlich nicht standhalten können. Er atmete erleichtert auf. »Achtet nicht auf den Mann hinter dem Vorhang.«
Er sprang vom Podium, rannte hinüber und riss den seidenweichen Stoff zur Seite. Dahinter kam ein Alkoven zum Vorschein, gerade geräumig genug für einen schlichten Holzstuhl mit hoher Lehne. Darauf hockten die skelettierten Überreste eines Menschen.
Wolfs erster Impuls war es, zurückzuzucken, doch seine Angst vor dem Ungeheuer wog schwerer als die vor dem Toten. Der trug eine Nadelstreifenhose und Lackschuhe, die ebenso schwarz waren wie sein Sakko und die Weste, unter der wiederum ein weißes Hemd hervorblitzte. Auf dem blanken Schädel saß ein Zylinder, was ihn noch mehr wie einen Schießbudenzauberer des vergehenden 19. und sehr frühen 20. Jahrhunderts aussehen ließ.
Der Mann hinter dem Vorhang. Der Zauberer von Oz.
Etwas lag im Schoß des Verstorbenen, fest umklammert von dessen Knochenfingern: ein Paar silbern leuchtende Damenschuhe.
»Es ist nur ein Traum«, gemahnte sich Wolf und versuchte auf diese Weise, seine Scheu vor dem Toten abzustreifen. »Ebenso gut könnte ich Angst vor einem Plastikskelett haben.«
Wolf wagte einen ersten, zögerlichen Schritt in das Versteck hinein – und einen zweiten, wesentlich hastigeren, als das Tor des Saals laut krachend aufgebrochen wurde. Der verbliebene Schließbalken gab nach, seine Einzelteile schlitterten über den glatten Boden in die Halle hinein. Schlagartig wichen auch die letzten Reste von Licht und Wärme aus dem Raum. Verschleiert durch die plötzlich einsetzende Dunkelheit, schritt es in den Saal hinein.
Wolf entriss dem toten Zauberer die Schuhe. Sie fühlten sich glatt und kalt an, fast wie fein geschliffenes Glas.
»Los verdammt. Bringt mich hier weg, lasst mich aufwachen«, zischte er sie an.
Wolf bemerkte, wie die Kreatur heranpirschte, hörte das Klicken messerscharfer Krallen auf dem Marmor widerhallen. Ihre zu einem Flüstern gesenkten Stimmen verklangen als wahnhaftes Geplapper zwischen den hohen Wänden und Säulen. Dann Stille.
Wolf erstarrte, horchte.
»Du kannst dich nicht verstecken.«
Worte, die durch die Finsternis krochen wie Giftschlangen durch feuchte Erde. Drohend und rätselhaft, herangetragen durch zahllose Stimmen, die klangen, als seien sie auf grausamste Weise ineinander verstrickt und mit Stacheldraht umwoben worden.
Die Lippen und Zähne so fest zusammengepresst, dass sein ganzer Kiefer schmerzte, schüttelte Wolf die Silberschuhe in der verzweifelten Hoffnung, auf diese Weise ihre Kräfte zu entfalten. Diesmal geschah tatsächlich etwas.
Etwas Kleines fiel aus einem der Schuhe, prallte gegen seine Brust und landete anschließend mit einem kaum hörbaren, dumpfen Laut auf dem Marmorboden. Der Verzweiflung nahe ließ Wolf die Schuhe einfach fallen, beugte sich herab und klaubte das Objekt auf. Dunkel, wie es inzwischen war, musste er es dicht vor sein Gesicht halten, um es erkennen zu können. Es war eine Nadel, etwas länger als sein Zeigefinger und scheinbar aus Bronze gefertigt.
Ein Knurren, das sich zu einem heiseren Schrei und anschließend einem Heulen hochschraubte, erschütterte den gesamten Saal. Die Kreatur setzte sich in Bewegung und raste durch die Finsternis auf Wolf zu. Er schloss die Augen, sein Herz und sein Atem rasten miteinander um die Wette. Selbst wenn seine unkontrolliert zitternden Beine ihm nicht den Dienst versagt hätten, wäre an eine Flucht nicht zu denken gewesen.
Es ist nur ein Traum.
Warum hatte er dann Angst wie nie zuvor in seinem Leben?
Es ist nur ein Traum.
Warum spürte er dann, dass er tatsächlich in Gefahr war?
Es ist nur ein Traum.
Warum konnte er dann nicht aufwachen?
Und warum wurde es mit einem Mal so furchtbar kalt?
Etwas packte Wolfs Handgelenk und er wurde herumgerissen. Sein Entsetzen steigerte sich ins Unermessliche, als er erkannte, dass es die Knochenfinger des Zauberers waren, die seinen Arm umklammert hielten. Doch statt einer zylindergekrönter Schädelfratze hatte Wolf auf einmal das Gesicht eines blassen, blonden, knabenhaft anmutenden Mannes vor sich. Er fing Wolfs schreckgeweiteten Blick mit seinen Augen ein – eines blau, eines grün, doch beide klar und strahlend – und sagte mit ebenso ruhiger, wie machtvoller Stimme: »Warte, bis der Blitz verblasst und der Donner verhallt ist, dann lauf so schnell du kannst. Wir finden dich.«
»Was?«, keuchte Wolf, doch das Wort wurde ihm von den Lippen gerissen, als ihn plötzlich eine gewaltige, unsichtbare Kraft erfasste und in die Dunkelheit hineinschleuderte.
2
Noch immer erinnerte sich Wolf sehr lebhaft an diesen einen Traum, den er als kleiner Junge gehabt hatte. Darin war er spätnachts von einem Riesen durch die leeren Straßen seiner Heimatstadt gejagt worden. Das laute Rumpeln seiner trägen, aber unnachgiebig näherkommenden Schritte hatte Wolf bis nachhause verfolgt, wo er in sein Zimmer geflüchtet war und sich im Bett versteckt hatte. Doch selbst unter seiner Decke, mit fest zugekniffenen Augen und dem Kopf unter dem Kissen, hatte er das Donnern der Riesenschritte vor seinem Haus gehört.
Dann war Wolf aufgewacht – nur um voller Entsetzen festzustellen, dass das Trampeln des Riesen nach wie vor zu hören war. Mit wild klopfendem Herzen hatte er im Bett gelegen, gelähmt vor Angst und Unglaube – bis ihm endlich klargeworden war, dass das vermeintliche Lärmen des Riesen nichts anderes gewesen waren als das lauthalse Schnarchen seines Vaters im Nebenzimmer.
Manchmal musste er lächeln, wenn er daran zurückdachte.
Meistens aber – wie die meisten Erinnerungen, die mit seinem Vater zusammenhingen – verspürte er lediglich einen Anflug von Bitterkeit, ehe er den Gedanken schnell wieder verdrängte.
Alles, was Wolf diesmal aus seinem Traum heraus und in die wache Welt hineinverfolgte, waren Kälte und Wahnsinn.
Träge öffnete Wolf die bleischweren Lider. Sein Körper verriet ihm, dass etwas nicht stimmte, noch ehe sein Verstand dazu in der Lage war. Da war diese Schwere, diese Kälte, die wie eine Schicht aus Raureif seinen gesamten Körper bedeckte und ihn niederdrückte. Wolf fühlte sich, als wäre er von einem Auto angefahren worden. Sein Nacken schmerzte und war steif wie ein Bügelbrett, Schultern und Oberschenkel brannten und pochten, während sich seine Gliedmaßen gleichzeitig in einer widerlichen Taubheit verloren. Er fand sich bäuchlings auf dem Boden liegend wieder, unter ihm harte, hölzerne Bodendielen und um ihn herum grauschwarze Dunkelheit, die nur langsam, fast widerwillig die Details seiner Umgebung preisgab. Ächzend richtete er sich ein Stück auf. Den Kopf zu heben, wenn auch nur gerade weit genug, um sich umsehen zu können, kam ihm wie ein kaum zu bewältigender Kraftakt vor.
Seine Sicht klärte sich nur langsam, doch das genügte. Den Ort, an dem Wolf sich wiederfand, hätte er selbst dann erkannt, wenn er sich halbblind hätte hindurchmanövrieren müssen. Sein Laden „Wolfs Bücherbasar“ bestand aus einem einzigen großen Raum voller Ausstellungstische und bis zur Decke reichender Regalwände, die tausende von Büchern beherbergten. Von Kochratgebern bis zu Lexika, von Biographien zu Bestellern der Belletristik, Wolf führte so ziemlich alles, was das Spektrum des gedruckten Wortes zu bieten hatte. Sogar Hörbücher fanden sich zwischen den pyramidenförmig aufgetürmten Stapeln und ordentlich gereihten Buchrücken. Über jedem Teilbereich des Ladens war ein Schild angebracht, das nicht nur den Namen des jeweiligen Genres, sondern auch eine schlichte, zum Thema passende Zeichnung trug. Letztere hatte eine lose mit ihm befreundete Künstlerin gestaltet.
All das kannte Wolf wie die Rückseite seiner Hand. Es war sein Leben und seine Berufung. Sein Traum, den er dank glücklicher Umstände, seines Fleißes und seiner Bemühungen jeden Tag aufs Neue leben durfte.
Umso schockierter war er, als er sich – nach wie vor zu geschwächt, um aufzustehen – herumwälzte und dem vorderen Bereich des Buchladens zuwandte. Dort stand die Theke, ein wuchtiger Holzschreibtisch, der ihm als Kasse und Arbeitsplatz während der Öffnungszeiten diente. Dem gegenüber sollte eine gepolsterte Sofaecke zum Sitzen und Schmökern einladen. Eine große Schaufensterwand mit darin eingelassener Eingangstür dominierte die Front. Auf der Scheibe prangte auch das Logo seines Ladens: ein Wolf, der es sich unter einem Sichelmond gemütlich gemacht hatte und dabei ein übergroßes, aufgeschlagenes Buch wie ein Zelt benutzte. Selbstverständlich hatte er die Gelegenheit genutzt, seinen seltenen, aber von ihm sehr gemochten Vornamen in die Taufe seines Ladens mit einfließen zu lassen.
Er rappelte sich auf, rieb sich dabei den Nacken und streckte seine Beine in dem Bemühen, die Blutzirkulation darin wieder in Gang zu bringen. Obwohl er nach wie vor verwirrt war und sich elend fühlte, konnte er beim Anblick des Wolfs auf der Schaufensterscheibe ein schmales Lächeln nicht unterdrücken. Seelenruhig döste er vor sich hin, völlig unbekümmert von den Sorgen seines menschlichen Namensvetters und arglos dem winterlichen Sturm gegenüber, der von außen gegen das Glas antobte. Es herrschte tiefste Nacht und die Neondeckenlampen des Ladens brannten nicht, doch von draußen fiel ein mattes Zwielicht herein, das von den Straßenlaternen stammte und durch den Schnee reflektiert wurde. Wolf trat näher an das Schaufenster heran und betrachtete die dicken weißen Flocken, die derart dicht vom Himmel fielen, dass sie beinahe eine geschlossene Wand schufen. War das schon den ganzen Tag über so gewesen?
Die ersten Erinnerungen kehrten zu ihm zurück, wenn auch nur zäh, als würden sie durch Baumharz an die Oberfläche seines Bewusstseins zurückgespült. Er wusste noch, dass er den Laden geschlossen und sich der üblichen Routine gewidmet hatte, die damit einherkam. Der „Bücherbasar“ war gut besucht gewesen, wie zu erwarten, an einem Samstag knapp zwei Wochen vor Weihnachten. Viele Kunden, aber abgesehen vom gewöhnlichen Vorfeiertagsstress, der die Leute jedes Jahr um diese Zeit wie eine saisonale Grippeepidemie befiel, keinerlei Auseinandersetzungen oder Unruhestifter. Auch die Online-Bestellungen sahen vielversprechend aus. Keine Auffälligkeiten, kein Ärger. Nicht, dass er als Buchhändler sonderlich damit zu kämpfen gehabt hätte. Nichtsdestotrotz hatte er für den Fall der Fälle einen Baseballschläger unter seinem Arbeitsplatz deponiert. Dieser war zwar seit Eröffnung noch niemals zum Einsatz gekommen, aber in einer größeren Stadt wie dieser lebte es sich besser nach der Devise „Lieber haben und nicht brauchen, statt brauchen und nicht haben“. Zumindest, wenn es um die eigene Sicherheit und die seiner Habe ging.
Das Schneechaos hatte etwas Beruhigendes. Es zu betrachten half Wolf dabei, sich zu konzentrieren, seine Arbeit Schritt für Schritt Revue passieren zu lassen, bis …
Nichts mehr. Nur eine schwarze Wand, wo seine Erinnerungen hätten sein sollen. Dahinter der dunkle Wald, in dem seine Reise durch das albtraumhafte Zerrbild des Landes Oz ihren Anfang genommen hatte.
Nervös wrang Wolf die Hände ineinander. Der Trost, den ihm das Idyll des schneebedeckten Stadtplatzes, an dem sein Laden gelegen war, schenkte, verlor sich in Angst und Unsicherheit. Wolf fröstelte. Er trug noch immer dieselben Klamotten wie bei Ladenschluss, also eine blaue Jeans, einen dunkelgrauen, eng anliegenden Pullover sowie schwarze Halbstiefel. Glücklicherweise hing sein ebenfalls schwarzer Wintermantel noch an seinem Platz, einem Kleiderhaken, der an der Wand hinter der Theke angebracht war.
Während er hinüberging und hineinschlüpfte, kramte er in seiner Hosentasche und zog sein Smartphone heraus. Seine Hoffnung, darauf womöglich einige Antworten zu finden, wurde jedoch durch den Anblick des schwarzen, toten Displays zerschlagen. Wolf versuchte es wieder einzuschalten, scheiterte jedoch. Seltsam, dabei hätte er schwören können, dass der Akku zuvor noch fast voll gewesen war. Möglicherweise hatte er sich durch die Kälte schneller entladen, doch er war bei weitem nicht technisch versiert genug, um dies mit Sicherheit einschätzen zu können. Halb so wild, zur Not konnte er noch auf seinen Geschäftsanschluss zurückgreifen.
Möglicherweise musste er das sogar. Wolf hatte niemals zuvor einen Blackout dieser Art gehabt und war einfach umgekippt. War er entkräftet gewesen? Das konnte er sich nicht vorstellen. Unterzuckert? Damit hatte er glücklicherweise auch noch nie zu kämpfen gehabt. Etwas Ernsteres? Wolf, der ebenso wenig Arzt war wie Techniker, konnte es nicht einschätzen.
Nun schielte er doch zur Kasse und dem dortigen Festnetzanschluss herüber. Sollte er den Notruf wählen? Die Alternative wäre, einen Tag zu warten und am Montag gleich seinen Hausarzt aufzusuchen. Konnte er das riskieren? Wolf war nicht sonderlich zimperlich und vor allem kein Hypochonder, aber irgendetwas war faul an dieser ganzen Sache. Das konnte er spüren.
Das langgezogene, rhythmische Knarzen von Schritten auf den Bodendielen hinter ihm bereitete diesen Überlegungen ein jähes Ende.
Wolf fuhr herum, sein Blick huschte aufgepeitscht zwischen den Ausstellungstischen und Regalen im hinteren Teil des Ladens umher und zur einzigen Tür dort, jenseits derer sich der Lagerraum befand. Doch die war geschlossen, auch sonst konnte er niemanden entdecken.
»Hallo?«, fragte er halblaut ins Halbdunkel hinein, beugte sich herab und griff unter den Tisch. Ganz langsam zog er den Baseballschläger hervor. »Ist da jemand?«
Nichts. Es gab noch eine dritte Tür gegenüber des Tresens, ein Stück in den Laden hineinversetzt. Dahinter führte eine Treppe in den ersten Stock und in seine Privatwohnung, die direkt über dem Laden lag. Aber auch die war geschlossen. Verschlossen, um genauer zu sein. So wie immer, wenn er sich bei der Arbeit befand. Hatten ihm seine angespannten Sinne einen Streich gespielt? Entlockte das Unwetter dem alten Gemäuer diese Geräusche? Je länger er darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher kamen ihm diese Möglichkeiten vor.
Leise schnaufend ließ Wolf den Schläger sinken und trat hinter der Kasse hervor. Vielleicht sollte er sich einfach hinlegen – diesmal idealerweise in sein Bett, nicht auf den blanken Boden – ausschlafen und sich morgen mit dem Ganzen auseinandersetzen.
Da setzten die Schritte aufs Neue ein. Diesmal hörte Wolf sie nicht nur klar und deutlich, er sah sie sogar.
Funken, die in einem andersweltlichen, violettfarbenen Schein gleißten, wurden von einem unsichtbaren Gewicht in den Fußboden gedrückt, fraßen sich zischend hinein und hinterließen schwarz verkohlte Sohlenabdrücke. Starr und vollkommen unfähig, das Gesehene zu verarbeiten oder einzuordnen, sah Wolf dabei zu, wie sich die gespenstische Fährte auf ihn zubewegte. Hauchdünne Rauchfäden stiegen in seine Nase und erfüllten sie mit dem Geruch nach verbranntem Holz.
»Was zum …?«, setzte Wolf an, doch das Wort verkam zu einem erstickten Gurgeln, als eine gestaltlose Kraft seinen Hals zusammenpresste und ihn in die Höhe hob. Sämtlicher Unglaube war wie fortgespült, verdrängt durch Todesangst und die schreckliche Erkenntnis, nicht länger atmen zu können. Keuchend rang er nach Luft, die Spitzen seiner Stiefel, die kaum noch den Boden erreichten, zuckten in wachsender Hektik über die Dielen. Reflexartig griff er nach oben, wobei ihm der Baseballschläger aus der Hand fiel, und spürte dort, wo die unsichtbare Hand seine Kehle zusammenpresste, tatsächlich einen Widerstand.
Licht und Wärme fluteten in einer gleißenden Explosion über Wolf hinweg, stachen in seine weit aufgerissenen Augen und die Haut auf seinem Gesicht, als direkt vor ihm ein Paar gewaltiger, in amethystfarbene Flammen gehüllter Schwingen auftauchte. Ihr Schein entriss dem ersterbenden Halbdunkel weitere Umrisse und offenbarte die Gestalt, in deren Würgegriff er nach wie vor zappelte. Ein Gesicht erschien direkt vor dem seinen.
Nein, kein Gesicht, sondern eine Maske. Ein aus Gold geschmiedetes Visier, in das lediglich menschliche Züge hineingearbeitet worden waren. Die eines Mannes, um genau zu sein, dessen obere Gesichtshälfte durch zwei Hände verdeckt wurde: Die Handballen lagen über den Augen, die Finger umschlossen die Schläfen und die Daumen zogen sich über die Stirn hinweg nach oben. Beide Handrücken waren mit einer Vielzahl winziger Augen besetzt und da diese aus Silber gegossen waren, stachen sie vor dem güldenen Hintergrund umso deutlicher hervor.
Die Stimme des Maskierten klang tief und ätherisch zugleich, wie ein zu Bewusstsein gekommener Brand, der aus dem Wispern und Zischen seiner Flammen Worte formte: »Du hast hier nichts verloren. Wie bist du in dieses Reich gelangt?«
Unter anderen Umständen wäre Wolf verwundert, ja sogar empört gewesen. Wovon redete dieses Ding? Immerhin war das sein Laden. Doch auch diese Gedanken und Gefühle gingen allesamt unter angesichts der Tatsache, dass ihm langsam schwarz vor Augen wurde.
»Warte.« Trotz ihrer Fremdartigkeit war aus der Stimme des anderen herauszuhören, dass er eine Eingebung gehabt haben musste. Er löste seinen Griff und einen wunderbaren, erlösenden Augenblick lang konnte Wolf japsend nach Luft schnappen, ehe er hart mit dem Rücken voran auf den Boden knallte und besagte Luft ihm sofort wieder aus den Lungen herausgeprellt wurde.
Über ihm bäumte sich der Fremde zu seiner vollen Größe auf, mindestens zweieinhalb Meter von den Sohlen bis zur Spitze des goldenen Helms, in den das makabre Visier eingearbeitet war, beschienen durch das violette Licht seiner halb ausgebreiteten Schwingen.
Dieser Kerl, bahnte sich ein erster klarer, dafür umso erschreckenderer Gedanke durch Wolfs schockgetrübten Verstand, ist kein Mensch.
Der Geflügelte trug eine bodenlange violette Robe, darüber betonte ein Brustpanzer mit dazu passenden Schulterplatten und Unterarmschienen seine breitgebaute Gestalt. Sowohl Stoff als auch Rüstzeug waren mit Gold akzentuiert. Entgegen Wolfs erster Annahme schien diese Panzerung nicht aus Metall zu bestehen, sondern aus einem weißen, schraffierten Material. Dasselbe galt auch für den Schaft des Speers, den er in der lederbehandschuhten Rechten trug, wenngleich dessen Griff zusätzlich mit purpurnen Stoffbahnen umwickelt war und ebenfalls Einlegearbeiten aus Gold aufwies. Dort, wo die Waffe in den breiten, silbrig leuchtenden Klingenkopf überging, wurde sie durch das bubenhafte Gesicht eines Engels geschmückt, aus dessen Schläfen kleine Flügelchen ragten. Möglicherweise sollten seine Züge Güte ausdrücken, doch spätestens als der Geflügelte die Waffe senkte und die mörderisch blitzende Spitze direkt auf Wolfs Stirn richtete, machte es auf diesen einen eher gehässigen Eindruck.
»Dein Hiersein ist ein Verstoß gegen die gottbestimmte Ordnung, für die es nur eine einzige Erklärung gibt. Für beides droht dir ewige Verdammnis«, drohte der Geflügelte. Wolf zuckte zurück, als die Speerspitze ein Stück herabsank und nun direkt auf sein rechtes Auge zielte. »Dir bleibt nur noch eine Möglichkeit, deine Seele davor zu bewahren. Wo sind diejenigen, die dich hergebracht haben? Was haben die falschen Götter vor?«
Die Speerklinge war derart auf Hochglanz poliert, dass Wolf sein eigenes Stirnrunzeln darin erkennen konnte. Vollkommen verwirrt blickte er darüber hinweg zu dem gepanzerten Koloss hinauf.
»Was?«, zwängte er hervor, musste aber schlucken, um weitersprechen zu können. Er spürte noch immer den Schmerz in seinem Hals, den der brutale Griff des anderen hinterlassen hatte. »Hören Sie, ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden oder was hier vor sich geht. Ehrlich.«
»Du wagst es, einen Erzengel des Herrn anzulügen?«
Als wäre Benzin darübergegossen worden, flammten seine Flügel heller und intensiver auf und tauchten den gesamten Laden in amethystfarbenen Schein. Seine Stimme wurde zu einem Grollen, dem Klang einer Flammenwalze, die sich unaufhaltsam ihren Weg bahnte und alles in ihrem Weg zu Asche verbrannte. Nach wie vor halb am Boden und auf dem Rücken liegend, versuchte Wolf von dem Gepanzerten wegzukriechen, als der seinen Speer mit beiden Händen packte und die Spitze nach unten drehte. Er hob die Waffe und holte aus. »Dann soll eben Schmerz dich läutern und die Wahrheit ans Licht bringen.«
Gerade als Wolf beide Hände schützend vor das Gesicht reißen wollte, bemerkte er seinen Baseballschläger, der direkt neben ihm lag. Es war so verzweifelt, dass es schon traurig sein musste, doch er wälzte sich herum, packte den Schläger und schmetterte ihn seitlich gegen das gepanzerte Schienbein des anderen.
Zum zweiten Mal binnen weniger Sekunden erblühte der Buchladen in gleißendem Licht. Doch diesmal war es das reine, weiße, knisternde Fauchen elektrischer Energie, das den vermeintlichen Engel plötzlich mit der Wucht einer Kanonenkugel traf und quer durch den Raum schleuderte. Die Regalwand mit den Jugendromanen hatte dem Aufprall seines schwer gerüsteten Körpers nichts entgegenzusetzen, ebenso wenig die dahinterliegende Wand. Es krachte und mit einem Mal war die imposante Gestalt unter einem Haufen aus zersplittertem Holz, Mauerresten und brennendem Papier verschwunden.
Wolfs Kinnlade klappte nach unten, mit ungläubig aufgerissenen Augen sah er zwischen dem Trümmerfeld und dem Baseballschläger in seiner Hand hin und her.
»Du hast Mumm, aber bilde dir nicht zu viel ein«, sagte jemand direkt neben ihm.
»Scheiße!«, rief Wolf. Diesmal sprang er auf, taumelte anderthalb Schritte rückwärts und hielt dabei den Schläger schützend vor sich. Als er den Kerl betrachtete, zu dem die tiefe Baritonstimme gehörte, kamen ihm sofort zwei Fragen in den Sinn.
Wieso hatte er diesen Riesen von einem Mann nicht eher bemerkt?
Und wie zum Teufel glaubte er, mit dem Stück Holz, das er mit seinen sichtlich zitternden Händen krampfhaft umklammert hielt, jemanden wie ihn einschüchtern zu können?
Wolf hatte die Gestalt, die sich selbst als Erzengel bezeichnet hatte, für groß gehalten, doch dieses Ungetüm von einem Mann übertrumpfte selbigen noch einmal um das Anderthalbfache. Und das sowohl im Hinblick auf seine Höhe wie auch die Breite, wohlgemerkt. Er war ein lebender Berg aus Muskeln, mit heller Haut, bronzefarbenen Haaren und einem ordentlich gestutzten Vollbart. Seine Kleidung bestand fast samt und sonders aus dunklem Leder und Hartleder, das durch Einarbeitungen aus Metall zusätzlich verstärkt und geschmückt wurde: Stiefel, ein breiter Gürtel, Armschienen und ein knielanger Waffenrock. Ein um die linke Taille sowie die rechte Schulter gewundener Brustgurt lag um seinen ansonsten blanken Oberkörper, bedeckte dabei aber kaum etwas, obwohl er sicherlich anderthalb Meter breit war. Eine Fibel aus Gold, die einen Pferdeschädel darstellte und auch beinahe so groß war wie der eines richtigen Pferdes, hielt ihn über der rechten Brust zusammen.
»Hey, hören Sie zu«, begann Wolf und wich ein weiteres Stück zurück. »Ich habe keine Ahnung, was hier vor sich geht und will damit auch nichts zu tun haben. Ich verschwinde jetzt und wenn Sie alle weg sind, sobald ich wiederkomme, rufe ich auch nicht die Polizei.«
Die sturmgrauen Augen des Riesen musterten Wolf einmal von oben bis unten und fingen dann seinen Blick ein. Das Zucken in einem seiner Mundwinkel hätte ein Lächeln sein können. Ein ehrliches, aber zutiefst bedauerndes Lächeln. Das Gesicht erschien hart, wettergegerbt, trug aber keine Falten und auch graue Haare entdeckte Wolf noch keine. Spontan hätte er ihn auf Mitte dreißig geschätzt, doch je länger er ihn betrachtete, desto unsicherer wurde er, was das anging.
