Inhaltsverzeichnis
Widmung
ERSTER TEIL
Copyright
Für meinen Vater
ERSTER TEIL
Die Tüte mit den Aalen war klatschnass.
«Schöner Mist, wie die sich bewegen. Die haben wohl keine Lust zu sterben!»
Überall an der Plastiktüte lief Blut herunter, und ein paar Tropfen fielen auf Luigis Schuhe.
«Verdammt, bei allen Heiligen! Ihr habt mir die Schuhe versaut, ihr Scheißviecher!»
Vor dem Bogengang war eine Pfütze so groß wie ein Teich, der alle Autos auszuweichen versuchten. Dort stellte sich Luigi hinein.
«Na also, jetzt sind die Schuhe wieder sauber, ihr ekligen Viecher!»
Nun hatte Luigi nasse Hosen bis zu den Knöcheln, und die weißen Socken waren grau.
Aal war die Spezialität seiner Mutter. Sie briet ihn und machte dazu einen Salat, dass es einfach ein Gedicht war. Luigi bekam einen Mordshunger. Seine Kehle war trocken und sein Magen leer. Ein paar Schritte vom vollständig abgesperrten Ospedale della Pace entfernt blieb er vor einer Pizzeria stehen. An einem Tischchen auf dem Balkon saß Ninetta, zusammen mit Titina.
«Ninè, was machst du? Feierst du, dass Aitano nicht da ist?»
Ninetta war schlecht gelaunt. Vor drei Monaten hatten die Bullen Gaetano geschnappt, und jetzt saß er in Poggioreale.
«Was willst du? Dich können sie ja nirgends gebrauchen, nicht mal im Gefängnis. Und du traust dich über Gaetano zu reden? Der hat wenigstens Eier. Nicht wie du, der nur für irgendwelche Scheißbesorgungen gut ist. Du bist nichts, du bist niemand, aber ihn holen sich die Gargiulos gleich wieder, wenn er rauskommt. Und wer denkt schon an dich? Geh zu Mama, geh. Bring ihr die Aale, sonst verhungerst du noch.»
Luigi hatte den Mund voll und schaute nach oben zu Ninetta. Himmel, wie schön sie war. Das ovale Gesicht, die kräftigen Arme und der pralle Busen unter dem tief ausgeschnittenen T-Shirt.
«Ist dir denn nicht kalt auf dem Balkon? An wen denkst du gerade? An mich? Ich könnte dich wärmen, Ninè, und eine richtige Arbeit habe ich auch. Du kannst dich bei mir melden, wann immer du willst.»
Titina spuckte ihm ihr Kaugummi auf den Kopf.
«Los, los … lauf zu Mama!»
Luigi schaffte es einfach nicht, auf die beiden Mädchen wütend zu sein. Sie waren zu hübsch. Außerdem war bald Silvester. Dann meinte man immer, es würde Krieg ausbrechen. Schon als kleiner Junge war er verrückt nach Feuerwerk gewesen.
Die Luft war kalt und stank nach Abgasen. Luigi fing an zu singen und ging glücklich nach Hause.
Luigi hatte ein breites Gesicht, das von schwarzen Locken umrahmt wurde. Er war nicht groß, hatte einen schlaffen Bauch, und seine Füße waren ebenfalls klein. Doch auf der Vespa war er ein Gott, und dadurch hatte er Arbeit gefunden. Er sammelte die Monatsbeiträge für die Verwandten der Gefangenen ein und war Tag und Nacht in allen Vierteln von Neapel unterwegs.
Außerdem fürchtete er sich vor nichts. Nur vor Katzen und Kakerlaken. Einmal, am Strand, hatte er unter seiner Badelatsche eine zerquetscht und ein seltsames Geräusch gehört. Zuerst ein Knistern, und dann war da so etwas Weiches gewesen, so widerlich, dass er den ganzen Vormittag gekotzt hatte. Er hatte sich die kompletten Ferien damit verdorben und ging seitdem aus Angst, eine Kakerlake zu zertreten, so komisch, dass sich alle über ihn lustig machten.
Doch damals in dem Sommer hatte er Rudern gelernt und auch, wie man in die Grotten mit den grünen und braunen Algen gelangte, die ihm so gut gefielen. Wenn er vom Strand zurückgekommen war, hatte er einen wahnsinnigen Hunger gehabt und alles aufgegessen, was seine Mutter für ihn gekocht hatte.
Und obwohl er fett war, war Luigi in jenem Sommer so glücklich gewesen, dass er es durch seine Albernheiten geschafft hatte, einen Kuss von Nunzia zu ergattern, dem schönsten Mädchen der Strandanlage. Und auch wenn sie sich von allen anfassen ließ, so war sie doch seine erste Liebe gewesen.
Luigis Mutter war die Hausmeisterin des Palazzo Carafa. Der Palazzo hatte eine große Marmortreppe und eine Loggia mit wunderschönen, wenn auch beschädigten Säulen. Seine Mutter hütete eine Liste in ihrer Portiersloge, in die sich alle eintragen mussten, die hineingingen, um sich die Gemälde anzusehen, doch niemand wusste, dass dies ein berühmter Palazzo war, in dem es Gemälde gab. Neben dem Eingangstor waren auf einem Schild die Öffnungszeiten angeschrieben, aber es war so alt, dass man darauf nichts mehr erkennen konnte.
Seit einiger Zeit kamen Polen und Deutsche. Aber nicht die Deutschen mit Geld und Mercedes, sondern die aus dem anderen Teil, hinter der Mauer, in kaputten Sandalen. Und wenn seine Mutter sagte:«Es ist geschlossen. Kommen Sie ein andermal wieder», zogen sie so traurig, wie sie gekommen waren, wieder ab.
«Hungerleider …», kommentierte dann seine Mutter und nahm ihre Patience auf der Wachstischdecke wieder auf.
Als Luigi in die Portiersloge kam, die Tüte hochhielt und«Aale!»rief, hob sie nicht einmal den Blick.
«Bring sie in die Küche», sagte sie, und er warf sie ins Spülbecken und öffnete dann die Tür.
In der Luft lag schon der Geruch nach Feuerwerkskörpern. Auch wenn das Haus keine Balkone hatte und der Küchendunst einen immer umgab, war der Schwefel überall.
«Ich geh nach oben», sagte Luigi.
«Was willst du denn da?», schrie seine Mutter.«Komm her. Hilf mir mit den Aalen. Mir dreht sich der Magen um, wenn ich sie totmachen muss.»
Doch Luigi war schon auf der Treppe.
Das Dach oben auf dem Palazzo war wie die Aussichtsterrasse auf einem Turm und gefiel ihm sehr. Man öffnete eine Holztür und trat hinaus in die pralle Sonne, zwischen die zum Trocknen aufgehängten Bettlaken. In wenigen Metern Entfernung sah man das Gericht, die Autos, die davor parkten, die Polizisten, die Wache hielten, und die Rechtsanwälte, die ein und aus gingen. Es gab dort auch zwei vertrocknete Palmen, und jedes Jahr dachte Luigi, sie würden beim Feuerwerk abbrennen. Doch sie fingen immer nur ein bisschen Feuer und überlebten.
Wie die Aale, dachte Luigi. Aber die werden sterben.
Im Jahr zuvor war allerdings unter den Palmen wirklich jemand gestorben. Ein Freund von ihm, doch in der Nacht, niemand war da, und keiner wusste, wer ihn getötet hatte. Er hieß Vittorio und war immer sehr elegant gewesen, hatte seine Kleidung in der Via Duomo gekauft, ein Motorrad und eine Menge schöner Mädchen um sich herum gehabt. Einmal hatte er vor aller Augen einen Boxerwelpen erwürgt - weil er mich anstarrt, hatte er gesagt. Von da an hatten alle Angst vor ihm und hassten ihn, weil der Hund niemandem gehört hatte und sie ihn alle lieb gewonnen hatten.
Doch Vittorio hatte kein Herz, und so hatte sein Tod auch niemandem etwas bedeutet. Luigi jedoch machte sich seit damals ein bisschen Sorgen. Er hatte keine Lust zu sterben, und ihm schien, dass Vittorio, der sein Freund gewesen war, ihm Unglück bringen musste, weil er vor seinem Haus gestorben war.
Vittò, heute Nacht begrabe ich dich unter dem Feuerwerk. Ich will fröhlich bleiben! Du warst ein Arschloch und bist gestorben. Gutes neues Jahr, Vittò!
In der Küche saß sein Bruder Pasqualino über die Bücher gebeugt. Er lernte immer, weil er in die Lehrerin verliebt war, und sprach kaum. Er war blass, und ihm lief ständig die Nase. Als er klein war, hatte er monatelang im Krankenhaus gelegen, und seine Mutter hatte Stunden um Stunden damit verbracht, ihr Taschentuch zwischen den Fingern zu zerknüllen.
Ihr Vater, der damals noch lebte und der kein Geheule ertrug, schlug sie alle beide, um sich für die Tränen seiner Frau zu rächen.
«Darin war er gerecht», sagte seine Mutter, während sie Pasqualinos blonden Kopf streichelte und ihm die Nase putzte.
Luigi kam mit seinem Bruder gut aus, denn er war klein und ärgerte ihn nie. Auf die Zuneigung seiner Mutter und seines Vaters legte er keinen Wert. Er mochte es, mit seiner Vespa herumzufahren und spätnachts nach Hause zu kommen. Aber wenn er es übertrieb und sein Vater ihn dann anschrie, verzog er sich gleich wie ein geprügelter Hund in die Küche, aß alle Reste auf und legte sich schlafen.
Und gute Nacht!
Luigi war ein fröhlicher und gutmütiger Junge. Er wollte einfach nur essen und in Ruhe gelassen werden, damit er sich um seine Angelegenheiten kümmern konnte.
Eines Abends war Luigi unterwegs gewesen, um die Monatsbeiträge in Materdei einzusammeln, und hatte außerdem mit Vittorio eine Partie Zecchinetta gespielt. Er hatte gewonnen, doch der Blonde hatte ihm nichts gegeben, hatte nur sein Gesicht zwischen die Hände genommen, ihn angesehen und gesagt:«Vergiss es, Junge.»Und Luigi hatte es auf der Stelle vergessen.
Aber Vittorio war nicht immer ein Arschloch gewesen. Einmal hatte er Luigi sogar ins Haus der Gargiulos mitgenommen, weil mit dem Geld etwas nicht stimmte. Darüber musste man mit Ciro Gargiulo sprechen. Und so hatte er ihn gesehen. In seinem Haus. In dem Zimmer mit der Statue von Pollux und seinem Zwillingsbruder.
Es waren zwei antike Statuen, die man ausgegraben hatte und die zwischen zwei Sofas standen. Gargiulo starrte sie an und sagte nichts. Die Umschläge mit dem Geld hatte Vittorio auf den Tisch gelegt. Gargiulo sah weiter wortlos die Statuen an.
Seine Frau war auch da, und sie war ebenfalls still, aber sie hatte Lockenwickler auf dem Kopf, und man sah, dass sie Angst hatte.
Dann nahm Gargiulo das Geld, sah Vittorio an, stand auf und sagte:«Geh. Ich brauche dich hier nicht mehr.»
Luigi war es so vorgekommen, als hätte sich an dieser Stelle das Licht verändert, und er konnte das dunkle Gesicht Gargiulos nicht mehr richtig sehen. Ihm war kalt geworden, aber er hatte sich auch stolz gefühlt, und als er nach Hause gekommen war, hatte er nicht einmal Hunger gehabt.
Doch Pasqualino war wach geworden und hatte im Schlaf etwas gemurmelt. Luigi glaubte einen von diesen Namen aus den Geschichten aus der Schule zu hören. Den Namen eines Königs oder Gottes. Vielleicht Zeus.
Pasqualino war versessen auf Geschichte oder, mehr noch: auf Geschichten. Er kannte eine ganze Menge, und da gab es einen, der auf einem Berg saß und Blitze schleuderte. Und der hieß Zeus.
Doch an jenem Abend schien Gargiulo Zeus zu sein. Gargiulo, der das Licht beherrschte und Angst verbreitete. Genau wie ein Gott.
Luigi war mit seiner Vespa auf dem Corso Umberto unterwegs. Er hatte eine Menschenmenge mitten auf der Straße gesehen und am Straßenrand angehalten. Da waren zwei Polizisten, Leute von der Haltestelle, Verkäufer aus den Geschäften und Angestellte mit ihren Aktentaschen in der Hand. Reglos auf dem Boden ausgestreckt lag ein Mann. Er schien tot zu sein. Alle redeten und bildeten einen Kreis um ihn herum, vielleicht lebte er ja noch.
Luigi hatte Angst vor Toten, und der Sattel war noch schön warm, und so stieg er wieder auf die Vespa, gab Gas und fuhr in die Mitte der Fahrspur zurück. In die Spur für Busse und Taxis. Auf den normalen Spuren zu fahren war langweilig. Das fand er nicht spannend.
Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel«Ermes. Una storia napolitana»bei Neri Pozza, Vicenza.
1. Auflage
Copyright © 2008 by Neri Pozza, Vicenza Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010 beim Albrecht Knaus Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
eISBN 978-3-641-05031-3
www.knaus-verlag.de
Leseprobe
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