Der Göttergatte - Gitti Strohschein - E-Book

Der Göttergatte E-Book

Gitti Strohschein

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Beschreibung

Sicher träumt jede Frau von einem Mann, der sich als wahrhafter Göttergatte herausstellt. Kai-Uwe jedenfalls hält sich für einen solchen. Dabei ist er ein ganz normaler Mann mit mehr oder weniger liebenswerten Macken, die seiner Beziehung mit Magret die Würze geben. Mit einem Augenzwinkern erzählt die Autorin Gitti Strohschein heitere Episoden aus dem Leben dieses Paares. Und so manches wird den Leserinnen und Lesern bekannt vorkommen - versprochen.

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Gitti Strohschein

Der Göttergatte

Heitere Episoden

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Ein Göttergatte ist

Aller Anfang ist schwer

Eine Nacht auf dem Revier

Schonungslos und ehrlich

Wenn der Kuckuck die Nachtigall küsst

Das große Krabbeln

Wie Gott in Frankreich

Freitag, der 13.

Das Monster im Bad

Grillspektakel

Erlebnisshoppen

Wille allein genügt nicht

Irren ist menschlich

Die Frisur sitzt

Des Kaisers mania

Reine Nervensache

Wie Frau es macht, sie macht es falsch

Gedruckte Bücher der Autorin:

Impressum neobooks

Ein Göttergatte ist

ein vortrefflicher Koch, geschickter Handwerker, alles könnender Hausmeister, Gärtner mit dem grünen Daumen, stets gut gelaunter Lebensbegleiter, hervorragender Chauffeur, stets zu Diensten stehender Dienstleister, Erzeuger und Vater toller Kinder, lieb habender Liebhaber, liebender Geliebter, absoluter Gentleman, unterhaltender und bei der Hausarbeit jederzeit unterstützender – Ehemann.

Das klingt nach einem Wesen von einem anderen Stern und es ist demnach unrealistisch, jemals einem solchen Mann auf Erden zu begegnen? Stimmt, ist es auch! Doch wer träumt nicht vom Traummann oder der Traumfrau? Und sind Träume nicht das Salz in der Suppe, die den oft harten Alltag des Lebens versüßen? Total hoffnungslos, wie es auf den ersten Blick erscheint, ist die Lage dennoch nicht. Immerhin gibt es irdische Gatten, die zumindest mehr oder weniger große Anteile eines göttlichen Gatten in sich tragen.

Ich heiße Magret und mein Göttergatte – er hält sich übrigens dafür – heißt Kai-Uwe. Da er aus Fleisch und Blut ist, kann er schon allein aus diesem Grund weder perfekt noch multifunktional sein.

Fast niemand im Verwandten- und Bekanntenkreis nennt meinen Kai-Uwe bei seinem geburtsurkundlich eingetragenen Namen. Doppelte Vornamen sind nicht generell daneben oder verkehrt, denn sie haben den Vorteil, dass der Namensträger später eigenverantwortlich entscheiden kann, wie er genannt werden möchte. Zwei unliebsame Vornamen bedeuten natürlich doppeltes Pech. Kai findet seinen Doppelnamen doof. Genau genommen gefällt ihm keiner der beiden Namen. Den Namen Kai verbindet er mit dem Märchen »Die Schneekönigin« und deshalb allgemein mit Kälte. Der Name Uwe behagt ihm gleich gar nicht, weil sein Ururopa Uwe wegen Betrügereien jahrelang im Gefängnis gesessen hat. Mit Kai angesprochen zu werden, ist für meinen Kai das kleinere Übel. Im Normalfall wird das von mir eingehalten. Wenn sich jedoch zwischen uns die Luft verdichtet, konfrontiere ich ihn mit seinem kompletten Namen. Mit einer entsprechenden Betonung und Lautstärke kombiniert, mache ich ihm obendrein den Grad des Beziehungsgewitters deutlich, damit er im Bilde ist, wie stark der Wind weht. Was das betrifft, verfügen Frauen bekanntlich über ein umfangreiches Repertoire.

Es gibt Sekunden, Minuten, mitunter sogar Stunden, in denen Kai mich zur Weißglut treibt und ich ihn am liebsten auf den Mond schießen oder in die Wüste schicken würde. Manchmal mit, manchmal ohne Rückfahrschein. Aber am Tag meiner Hochzeit habe ich ihm mit dem Schwur: »Ja, ich will«, unweigerlich das Versprechen gegeben, ihn in guten wie in schlechten Tagen zu wollen, zu mögen oder wie auch immer.

Ungeachtet dessen bringe ich partout nicht über die Lippen: »Ich will dich – hier, jetzt und egal, wie du dich gerade benimmst!«, wenn Kai mich zur Raserei bringt und mir die Galle überläuft. Mein Gehirn weigert sich dann, auch nur in Ansätzen derartig zu denken. Im Allgemeinen denke ich in solchen Situationen: ›Geh! Nimm die Pornofilme mit, den Flachbildschirm behalte ich!‹

Zeitgleich stellt sich die Frage nach einer guten Alternative. Die Frist, Kai in den mütterlichen Schoß zurückzugeben, ist lange verstrichen. Das Umtauschrecht ist bekanntermaßen auch bei Sachgegenständen limitiert. Secondhandläden für Ehemänner gibt es nicht und fürs Altenheim ist Kai zu jung und zu fit. Nichtsdestotrotz würde ich es im Ernstfall schwer übers Herz bringen, ihn in einer solchen Einrichtung abzuliefern. Er würde mir leidtun. Zugegeben, nicht nur er, großes Mitleid hätte ich auch mit den Pflegekräften. Dem ohnehin stressgeplagten Personal würde ich Kai nur ungern zumuten wollen, denn je nach Wetterlage kann er überaus fordernd und anstrengend sein.

Nüchtern betrachtet ist die Option, den eigenen Mann gegen einen anderen auszutauschen, prinzipiell nicht ohne und stark risikobehaftet. Ein Mann im etwa zur Frau kompatiblen Alterkann auf Grund seiner Vorgeschichte problematisch sein. Bereits abgelegte Männer muss Frau zwar nicht mehr grundsätzlich erziehen – das Fundament wurde ja bereits von Vorgängerinnen geschaffen – dafür aber begradigen, was diese versaut haben. Das wiederum kann sich als enorm kompliziert herausstellen.

Für nicht mehr taufrische Männer trifft das Gleiche zu. Bei diesen stellt sich, sachlich nüchtern betrachtet, die zusätzliche Frage, ob und für wie lange sich eine Investition seitens der Frau lohnt. Unter Umständen mutiert sie bei einem viel älteren Mann zum Heimchen am Herd. Oder, diese Gefahr sollte nicht völlig außer Acht gelassen werden, er hat sich die Frau für seine restlichen Jahre in weiser Voraussicht als seine hauseigene Pflegerin an Land gezogen. Eine zusätzliche Herausforderung bringen ältere Exemplare mit geringen oder keinen beziehungstechnischen Erfahrungen mit sich. Mit ihnen hat eine Frau manchmal alle Hände voll zu tun, um sie auf einen halbwegs aktuellen Stand zu bringen. Den ein oder anderen Zahn könnte sie sich daran ausbeißen und ihre Haare würden einige Jahre früher ein Friedhofsblond annehmen.

Bleiben beträchtlich jüngere Männer. Bei denen muss eine Frau unter Umständen bei null anfangen. Ich meine damit, ein Jungmann muss in punkto gemeinsam leben und lieben meist erst erzogen werden. Er bekommt von der älteren Frau sozusagen den richtigen bzw. letzten Schliff. Mit seinerseits top  Anlagen, gutem Willen und viel Glück und Geduld kann aber letztendlich ein Diamant aus ihm geschliffen werden. Allerdings schlittert die Frau dadurch vermutlich in den Beziehungsstatus einer Mutter. Eine für die meisten Frauen sehr unangenehme Vorstellung. Ich für meinen Teil habe meine Mutterrolle seit Jahren ad acta gelegt und möchte sie nicht mehr aufwärmen. Bei einem deutlich großen Altersunterschied ist außerdem nicht zu unterschätzen, dass sich eine um viele Jahre ältere Frau mächtig anstrengen muss, damit ihre äußere Hülle mit der des jugendlichen Partners mithalten kann. Vor allem wird es ja nicht besser, sondern von Jahr zu Jahr schlimmer. Und mal ehrlich, wie viele junge Männer stehen auf Sex mit einer Mumie? Von einer Handvoll exotischer Exemplare abgesehen. Auch wenn Liebe und Geld blind machen können, geht das oft nicht lange gut. Selbst Männer im Greisenalter mit bereits zombiehaften Ansätzen wollen etwas Knuspriges, als Jungbrunnen, an ihrer Seite.

Gut, Frau kann heutzutage nachhelfen, um außen länger frisch zu bleiben. Mittlerweile lebt schließlich ein ganzer Industriezweig prima davon zu orakeln, dass sich eine Fünfzigjährige mit Hilfe von Masken und Cremes äußerlich in eine Zwanzigjährige zurückverwandeln kann. Nicht zu vergessen die Schönheitschirurgie, die inzwischen bei manchen Frauen auf einer Stufe mit dem Besuch beim Hausarzt oder gar Friseur steht. Tendenz steigend. Doch auch diese Träume haben Grenzen. Die werden von der Kosmetikindustrie, dem Skalpell, dem Geschick des Arztes und gar nicht so selten vom Kontostand gesetzt.

Von glücklichen Ausnahmen abgesehen, kann man es drehen und wenden, wie man will – mit einer Mann-Neuanschaffung wird es selten einfacher.

Meinen Kai kenne ich, durch langjährige intensive Studien, in- und auswendig. In mancher Hinsicht sogar besser, als er sich selber kennt. Für ihn brauche ich keine Bedienungsanleitung mehr. Entweder ich bekomme die verbliebenen Betriebsstörungen noch in den Griff oder ich mache das Beste aus dem, was vorhanden ist. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Im Großen und Ganzen kann Kai, vorausgesetzt er will, ein lieber Kerl sein. Gepaart mit einer Mischung amüsanter und nerviger Macken. Die machen das Leben mit ihm spannend und aufregend. Gelegentlich aufregend im Sinne von aufregen.

Ich kann Geschichten erzählen …

Aller Anfang ist schwer

Mit achtzehn lief mir Kai zum ersten Mal über den Weg. Wir lernten uns nicht auf Arbeit, nicht über das Internet – daran war damals nicht einmal zu denken – sondern stinknormal beim Schwofen, wie wir früher zum Tanzen sagten, kennen.

Ich war mit meiner Freundin Monika in einem Gasthof zur Disco. Während sich Moni wie immer die Hacken wund tanzte, stand ich wie fast immer gelangweilt auf der Galerie herum und schaute neidisch nach unten. Moni war biegsam wie eine Weidenrute und konnte nicht nur tanzen, sondern verdammt gut tanzen. Dabei hatte sie nicht mal eine Tanzschule besucht, war also ein ausgesprochenes Naturtalent. Sie ging jedenfalls auf jedem Saal weg wie eine warme Semmel. Höchstwahrscheinlich wegen ihres Tanztalentes, denn es war ziemlich unvorstellbar, dass die Männer aus optischen Gründen bei ihr Schlange standen. Was ihr Aussehen betraf, hatte der liebe Gott entweder einen schlechten Tag gehabt oder sich zu sehr auf ihren Charakter konzentriert.

Eine Frau, die Rhythmus im Blut hat und tanzen kann, zieht Männer magisch an. Das ist wie mit dem Licht und den Motten. Von einer derartig talentierten Frau versprechen sich die Herren der Schöpfung sicher auch sportliche Höchstleistungen auf erotischem Gebiet. Obwohl die meisten Männer vermutlich mit Übungen aus dem Kamasutra körperlich überfordert sein dürften.

Die Lautsprecher brüllten die Töne förmlich aus sich heraus. Zwischendurch krächzten und ächzten die altersschwachen Geräte, wahrscheinlich litten sie unter der Phonstärke.

»Willst du tanzen?«, hörte ich jemand hinter mir schreien.

Neugierig drehte ich mich um. Der Schreihals stupste mich mit dem Finger an und grinste erwartungsvoll.

Ich hob verlegen die Schultern und schrie: »Ich kann nicht tanzen!«, zurück.

Das war nicht gelogen. Schon als Kind war ich steif wie ein Holzbock gewesen. Bei mir hat der liebe Gott bei allem, selbst was entfernt mit Sport zu tun hat, jämmerlich versagt. Beim Tanzen zeigt sich das drastisch. Meine Bewegungen verhalten sich asynchron zum Rhythmus. Mein Gehirn ist unfähig, beides miteinander zu verknüpfen. Ich vermute die Ursache liegt in einem genetischen Defekt mütterlicherseits, da mein Vater ein guter Tänzer war. Tja mit den Genen ist es wie beim Würfelspiel. Je nachdem, wie die Würfel des Lebens fallen – man hat entweder Glück oder Pech.

Der Typ breitete seinen Mund bis an beide Ohren aus. »Macht nix. Das trifft sich gut, ich kann auch nicht tanzen. Ich tanze wie eine bleierne Ente. Also?«

Ich kaufte ihm die Ente nicht ab, zumal gerade ein flotter Titel gespielt wurde. Das war eine nicht unbekannte Taktik der Kerle, um sich interessant zu machen und Mädchen kennenzulernen.

»Lieber nicht. Ich habe kein Taktgefühl«, konkretisierte ich meine Ablehnung und war gespannt, wie hartnäckig der Typ war.

»Oh ja, das mit dem Taktgefühl kenne ich. Deshalb ecke ich oft an«, bekam ich als Antwort.

Mein Gesicht spiegelte meine Verunsicherung wider.

»Das war ein Jux! Ich bin nicht so unintelligent wie ich aussehe«, klärte mich der Typ mit breitem Grinsen auf.

Ich nahm den Scherzkeks genauer unter die Lupe und scannte ihn durch. Er war etwa in meinem Alter – das war in Ordnung. Er hatte eine gesunde Größe – mindestens eins achtzig groß war bei mir Voraussetzung. Er hatte ein Mini-Bäuchlein – das war mit gutem Willen zu übersehen. Er hatte dunkle Haare – von mir bevorzugt. Er hatte braune Augen – ganz mein Geschmack. Und er hatte ein freundliches Gesicht mit Grübchen – spricht für Humor. Verglichen mit den Typen, die ich an diesem Abend auf Grund ihrer Optik oder hirnrissiger Sprüche, wie: »Na, auch hier?« oder: »Hallo, was machst du denn hier?«, auf der Stelle aussortiert hatte, war dieser Typ ein Sahneschnittchen. Blieb die Frage offen, ob ich mich zum Tanzen überwinden und bis auf die Knochen blamieren sollte. Die Alternative war, ihm einen Korb zu geben und den restlichen Abend blöd herumzustehen. Oder schlimmer! Unter Umständen verpasste ich die Chance meines Lebens. Vielleicht war er Erbe einer uralten Münzsammlung oder einer Villa? Vielleicht würde mir ein Traummann durch die Lappen gehen? Schließlich entpuppt sich nicht jeder Frosch in den ersten Minuten als Prinz.

Der Typ musterte mich abwartend. »Komm Kirsche, gib mir eine klitzekleine Chance! Bitte!«

Ich rang mit mir, konnte aber seinem bettelnden Blick nicht länger widerstehen. »Na gut, überredet. Wir warten den nächsten Titel ab«, hörte ich mich sagen.

Mein Unterbewusstsein hatte ein Machtwort gesprochen.

Der Typ strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

»Hast du eigentlich einen Namen?«, wollte ich wissen. »Ich unterhalte mich ungern mit anonymen Leuten.«

Der Typ deutete einen Diener an. »Ähm … gestatten … Kai-Uwe.«

Ich gluckste und bremste mein Temperament, um nicht spontan aufzulachen.

»Kai-Uwe. Ach du liebe Güte!«, rutschte mir heraus. »Du veralberst mich.«

Obwohl Kai-Uwe derartige Reaktionen nicht total fremd gewesen sein dürften, wirkte er bedeppert.

»Pionierehrenwort, ich heiße wirklich so. Glaubst du, ich habe mir den Namen ausgesucht?«, antwortete er ernst, als müsste er sich dafür bei mir entschuldigen.

»Es gibt Schlimmeres. Namen sind Geschmackssache und werden überbewertet«, bemühte ich mich, die Kurve zu bekommen. »Lass mich raten … du bist ein Einzelkind und zwischen deinen Eltern gab es einen Namenskrieg?«

»Stimmt zur Hälfte. Ich habe eine Schwester. Aber mit dem Namen liegst du richtig. Meine Eltern konnten sich nicht einigen. Meine Mutter wollte mich unbedingt Kai, mein Vater unbedingt Uwe nennen. Und bevor sie sich deswegen ein Leben lang in den Haaren haben würden, hat meine Mutter in Eigenregie aus beiden Namen einen mit Bindestrich gemacht. Mein Vater fand das nicht prickelnd, war aber froh, dass er seinen Willen wenigstens zur Hälfte durchsetzen konnte. Er hatte nicht viele Chancen, seine Interessen durchzuboxen.« Kai grinste verschmitzt. Dann zwinkerte er mir zu und lachte kurz auf. »Außerdem war meine Mutter noch von der Geburt benommen. Ich war ein Wonnebrocken, habe über vier Kilo gewogen. Mittlerweile habe ich mit ihr Frieden geschlossen. Aber nenne mich bloß nicht Kai-Uwe, Kai reicht!«

Mehr als: »Hm«, wusste ich dazu nicht zu sagen. »Du hast mich zwar nicht gefragt, aber falls es dich interessiert, ich heiße Magret«, setzte ich das Gespräch nach einer kurzen Pause fort.

»Ah, Gretl«, sagte Kai überrascht. »Herrlich, meine Uroma hieß Magret. Wir haben sie immer Oma Gretl genannt. Witzig, ich habe heute eine Gretl kennengelernt.«

Na toll, dem Typen fiel nichts Besseres ein, als den Spitznamen seiner uralten Oma auf mich zu übertragen. Seit Kindertagen hasse ich es, wenn mich jemand Gretl nennt.

Verärgert blinzelte ich ihn an und wiederholte unwillig, jeden Buchstaben einzeln betonend: »Ich heiße Magret. Gretl klingt nach Gänsemagd und bringt mich auf die Palme. Du hast die Wahl!«

Kai überging meine Erklärung kommentarlos. Stattdessen hielt er seinen linken Zeigefinger hinters Ohr, legte seinen Kopf schräg und deutete auf die Tanzfläche. »Neuer Titel, erster Versuch. Und, gehen wir auf die Piste, Magret?«

Ich seufzte. »Hm. Ich gebe mein Bestes.«

Kai hatte nicht untertrieben, er konnte weder führen noch tanzen. Er watschelte wie ein Erpel über das Parkett. Wir holperten durch den Saal. Mal zog ich ihn mit mir, mal er mich mit sich. Ständig kamen wir jemandem in die Quere. Mal standen meine Füße auf Kais Füßen, mal seine auf meinen. Mit der Zeit war mir das egal, weil aus meinen Zehen jegliches Gefühl gewichen war. Dafür meldeten sich gequälte Muskeln und Sehnen, die mir bis dahin unbekannt waren. Erlöst atmete ich auf, als der Titel zu Ende war. Ich schielte zu Kai und wollte ihn von der Tanzfläche ziehen, da klangen die ersten Töne von »Über sieben Brücken« von Karat an. Einer der Klassiker auf der Tanzfläche, wenn es darum ging, ungestraft auf Tuchfühlung zu gehen. Kein Kerl ließ eine solche Gelegenheit ungenutzt verstreichen.

Demzufolge war ich nicht ganz unvorbereitet, als Kai fragte oder besser gesagt so gut wie festlegte: »Diese Runde noch. Ja?«

Ich öffnete den Mund und wollte gerade sagen, dass ich nicht scharf darauf sei und ob wir stattdessen lieber an die Bar gehen könnten, da ergänzte er: »Das Schöne ist, bei langsamen Songs muss man nicht tanzen können. Bitte, nur noch den einen Tanz.« Dazu setzte er einen Dackelblick auf.