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Weil er sich in eine israelische Jüdin verliebt hat, kommt der Deutsche Michael Langer 2010 nach Israel. Er gerät dort in einen Strudel politischer und historischer Widersprüche, die die Menschen geprägt haben, denen er begegnet.
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Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für David, Hans-Dieter und Lisa
Erklärung:
Die Handlung dieses Romans ist fiktiv. Die handelnden Figuren sind meiner Fantasie entsprungen. Ähnlichkeiten mit Lebenden oder Verstorbenen wären zufällig. Wenn historische Personen wie Romanfiguren handeln, ist auch dies fiktiv.
Michael, August 2009, Los Angeles
Michael, Januar 2009, Berlin
Liat, August 2009, Los Angeles
Michael, August 2009, Los Angeles
Liat, Dezember 2009, Tel Aviv
Michael, Januar 2010, Tel Aviv
Miriam, Februar 2010, Beer Sheva
Michael, Februar 2010, Beer Sheva
Michael, März 2010, Jerusalem
Liat, Mai 2010, Ein Avdat
Michael, Mai 2010, Beer Sheva
Elisabeth, Mai 1935, Hamburg
Elisabeth, August 1937, Hamburg
Michael, Mai 2010, Beer Sheva
Liat, Mai 2010, Eilat
Elisabeth, Mai 1938, Heidelberg
Michael, Mai 2010, Beer Sheva
Michael, Mai 2010, Tel Aviv
Elisabeth, Juli 1943, Hamburg
Michael, Juni 2010, Beer Sheva
Shlomo, Juni 2010, Mitzpe Ramon
Michael, Juni 2010, Mitzpe Ramon
Michael, Juli 2010, Ein Avdat
Michael, August 2010, Mitzpe Ramon
In der Welt jedes Menschen gibt es verschiedene Verantwortlichkeiten. Es gibt eine emotionale und rationale Verantwortung, eine politische, eine berufliche und auch eine familiäre Verantwortung. In uns wirken Erinnerungen, Dramen, Alpträume und Enttäuschungen aus der Vergangenheit. Wir haben auch Hoffnungen und Vorstellungen von der Zukunft. Es wäre aber ganz falsch, die Gegenwart im Namen der Vergangenheit und Zukunft zu verpassen.
Amos Oz
Israelischer Schriftsteller und Mitbegründer der israelischen Friedensbewegung
Ein Wolkenband liegt über dem gekrümmten Horizont. Das Brummen des Flugzeugs gibt mir das Gefühl, geborgen im Bauch des Vogels zu sein, geschützt vor Alltag und Langeweile. Unten liegt der Atlantik. Mein Körper ist nicht gemacht für die Sitze ohne Beinfreiheit. Lulatsch Langer haben sie mich in der Schule genannt. Schon seit einer Stunde unterdrücke ich meinen Harndrang, keine Lust, die unbequeme Lage zu verlassen und auf Socken den Weg zu den Toiletten anzutreten. Oder unter dem Sitz vor mir, dessen Rückenlehne nach hinten geklappt ist, nach meinen Schuhen zu angeln.
Die Frau neben mir schläft. Vor dem Start haben wir ein paar Worte gewechselt. Sie ist Dolmetscherin aus Dortmund und fliegt nach Los Angeles, um mit ihrem amerikanischen Freund den Highway 101 mit dem Motorrad abzufahren. Die Reise ist ein Geburtstagsgeschenk für ihren Freund, der fünfzig wird. Das Alter des Freundes habe ich durchaus registriert, ich schätze meine Sitznachbarin auf Ende zwanzig, höchstens.
Erleichtert, keine Konversation mit einer Fremden machen zu müssen, konzentriere ich mich auf den Bildschirm vor mir. Ein Mysterythriller. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, wird jemand ermordet. Eine übersinnliche Verbindung zwischen Telefon und der Seele des Opfers. Irgendwann ist der Film vorbei, und ich starre wieder aus dem Fenster. Als Therapeut bin ich verpflichtet, mich regelmäßig zu informieren, was es sonst noch gibt in der Szene, aber das ist nicht der Grund für diese Reise. Ich weiß das, auch wenn ich versucht habe, einigen Leuten Los Angeles als Fortbildung zu verkaufen.
Vieles von dem, was ich schon als Fortbildung besucht habe, ödet mich an. Man muss um die Zukunft der Psychotherapie bangen - vielleicht hat sich die Methode jetzt nach gut hundert Jahren selbst abgeschafft. Das Klischee vom Therapeuten, der eine Therapie dringender braucht als der Klient, es stimmt in vielen Fällen.
„Möchten Sie etwas trinken?“ Die Stewardess hat sich angeschlichen.
„Ja, bitte. Einen Tomatensaft.“
Ich trinke auf Flugreisen immer Tomatensaft, bin aber noch nie außerhalb eines Flugzeugs auf den Gedanken gekommen, mir welchen zu bestellen. Irgendwann habe ich dieses kleine Ritual für mich entdeckt: die Papiertütchen mit Salz und Pfeffer aufreißen und ihren Inhalt in den dicken, dunkelroten Saft streuen. Dann umrühren. Ich liebe es, wenn es beim Essen und Trinken etwas zu tun gibt. Fondue und Raclette sind für mich in erster Linie Tätigkeiten, keine Mahlzeiten. Vielleicht liegt es daran, dass ich zu schnell esse, jedes Salzen, Pfeffern, Aufspießen, Belegen ist eine Pause von meiner Schlingerei.
Die Frau neben mir räkelt sich im Schlaf oder ist sie wach? Um das beurteilen zu können, müsste ich den Kopf wenden und dabei riskieren, wieder in ein Gespräch verwickelt zu werden.
Ein paar Stunden später habe ich wieder festen Boden unter den Füßen und bin an einem anderen Meer, dem Ocean, wie man hier sagt. Aufgekratzt durch den Jetlag renne ich am Strand den Schaumzungen der Wellen nach. Unter den Fußsohlen ist der Sand kalt und fest. Santa Monica liegt hinter mir im Dunst. Der Pazifik glänzt. Das Licht sieht ganz anders aus als das Licht an der Nordsee und am Mittelmeer und auch anders als das am Indischen Ozean. Silbergelbgrau, und alles, worauf es fällt, bekommt ein fremdes Leuchten.
Ich bin am Meer aufgewachsen, in der Nähe des Meeres, in Hamburg. So oft es damals ging, habe ich meine Tante besucht, in einem Dorf bei Cuxhaven. Dort wohnte sie achtern Diek, hinterm Deich, die Straße hieß so. Achtern Diek 8, das war ihre Adresse. Bei Ebbe ging ich oft mit ihr im Watt spazieren, bewunderte die Sandhaufen der Wattwürmer. Sie waren die Gesundheitspolizei, erklärte mir Tante Martha. Die Wattwürmer, sagte sie, reinigten den Sand in ihrem Inneren und schieden ihn gesäubert wieder aus. Auch die Priele waren beeindruckend. Unvorsichtige Touristen ertranken in ihnen, warnte Onkel Hans mich. Einmal habe ich eine Flaschenpost in einen Priel geworfen: Suche Brieffreund. Es ist nie eine Antwort gekommen.
Die meisten Menschen hier am Strand sind nicht weiß. Wie viele Latinos, Schwarze und Asiaten es in Los Angeles gibt. In Gruppen stehen sie am Wasser, Kinder jagen sich gegenseitig über den Sand, ein paar spielen Badminton, im Wasser ist niemand.
Hier in der Nähe arbeiten, nach Feierabend noch einmal schnell an den Strand kommen und den Sonnenuntergang beobachten. Stress mit Wellenklang wegspülen, die Brandung hören, Salz auf den Lippen schmecken. Jeden Tag, nicht bloß im Urlaub. Seit Jahren träume ich von einem Leben am Meer, mit Zitronen- und Orangenbäumen im Garten und einer großen Terrasse mit Strandblick. Obwohl ich mir sage, dass so ein Traum besser ein Traum bleibt. Es ist sicher etwas ganz anderes, der Fremde im südlichen Land zu sein und Alltag dort zu erleben, als gemütlich davon zu träumen. Wenn ich irgendwo am Mittelmeer oder in Asien war, habe ich mich öfter dabei erwischt, wie ich nach Preisen von Wohnungen und Häusern Ausschau gehalten habe, nach Zu-verkaufen-Schildern und malerischen Hütten, von denen ich fantasierte, sie innerhalb von Monaten zu Schmuckstücken in Traumlage auszubauen. Im Süden leben, das bedeutet, sich nie mehr Sorgen machen, immer gut drauf sein. Dass das Quatsch ist, weiß ich, aber was ist mit den Hawaiianern und ihrer Philosophie des Aloha? Könnte ich das? Mit einer Frau zusammen sein, die den Süden verkörpert? Eine lebenslustige Inselbewohnerin, die mir altem Fischkopp das Herz öffnet, notfalls mit Gewalt? Egal, wohin ich komme, ich werde meine Nordschwere nicht los, die ist mir angeboren. Mit meinen zweiundvierzig Jahren fühle ich mich älter als meine Tante Martha.
Das Knurren meines Magens vertreibt mich vom Strand. Ich brauche dringend etwas Warmes zu essen. In den Straßen um das Hostel herum gibt es alles – chinesisch, indisch, arabisch, mexikanisch. Ich entscheide mich für mexikanisch.
Für jeden hat der Wirt des Restaurants, das mich mit seinem bunten El-Pueblo-Schild angelockt hat, ein freundliches Wort. Er fragt mich, woher ich komme und wie mir Los Angeles gefällt. Über der Bar dröhnt der Fernseher in voller Lautstärke. Ich freue mich auf meine Burritos, beobachte faul die anderen Gäste und trinke mein Bier.
Zwei Frauen am Nebentisch sehen immer wieder zu mir herüber. Die eine hat ihre blonden Haare zu einem Zopf geflochten, der anderen fallen braune Locken ins Gesicht. Vor ihnen stehen Gläser mit Cola.
„Cheers.“ Der Dunklen gefalle ich wohl genauso wie sie mir, denn sie prostet mir zu und lächelt. Ich hebe mein Bier in ihre Richtung.
„Cheers. May I join you?“
Die Blonde klopft einladend auf den Platz neben sich. Mit meinem Bier setze ich mich neben sie.
„I'm Samantha and this is my cousin Pamela“, sagt die Dunkle.
„Nice to meet you. I'm Michael.“
„Where do you come from?“ fragt die Blonde, die Pamela heißt. Lustig, die beiden heißen Pam und Sam.
„I don't think that you know it. It's a tiny little town in the East of Germany. Its name is Berlin.“
Pamela stiert mich mit ihren Kuhaugen an. Aber Samantha lacht.
„Berlin - no never heard of it. We come from that place, where the angels live.“
„Is that so?“, sage ich. „And I guess, you are one of them.“
„Pam“, sagt Samantha. „It's almost eight. You'll have to hurry.“
Wenigstens jetzt begreift Pam. Sie schwankt auf viel zu hohen Absätzen zur Theke. Ich habe nichts gegen Highheels, nur wenn eine Frau sie trägt, sollte sie auch damit gehen können.
Zwei Stunden später bin ich auf dem Weg zurück zum Hostel. Samantha und ich haben geredet und uns zum Abschied umarmt, weiter war nichts. Vielleicht habe ich was Falsches gesagt. So werde ich morgen wenigstens ausgeruht auf dem Seminar erscheinen und nicht ausgelaugt von einem Onenightstand.
Amerikanische Frauen haben eine Leichtigkeit, die mir gefällt. Mir gefällt ihre Naivität, die gespielt ist, mir gefällt, dass sie darauf verzichten, weltbewegende Themen anzuschneiden. Das hat seinen eigenen Reiz und ist ganz anders als in Deutschland. Ein paar Amerikanerinnen habe ich schon getroffen. Mit einer war ich sogar mal kurz zusammen. Und genau das war dann das Problem, ich konnte einfach nicht den ganzen Tag Smalltalk machen. Es ist mir auf die Nerven gegangen, das ewige amazing, awsome, und sogar das I love you, das mir so belanglos vorkam. Jean meinte mal, ich würde voller Stereotype stecken. Südsee-Insulanerinnen sind so, Amerikanerinnen sind so und die Französinnen sind natürlich die heißesten Frauen überhaupt. Kann sein, dass er recht hat. Nur stimmen Klischees öfter, als viele Leute denken.
Beim Frühstück am nächsten Tag mache ich die Erfahrung, dass ich Amerikanisch nicht auf Anhieb verstehe. Als die Kellnerin in dem Eckcafé, das auf Crêpes spezialisiert ist, mich fragt, was ich bestellen will, kann ich nur raten, was sie gesagt hat. Liegt es daran, dass sie schwarz ist? Bei meinem Flirt mit Samantha beim Mexikaner gestern war die Verständigung kein Problem. Gestern Abend war das Café auch voller Leute und Musik, als ich auf dem Weg ins Hostel hier vorbeikam. Jetzt dudelt nur das Radio vor sich hin. Die Kellnerin gähnt ab und zu hinter ihrer Hand, und ich bin der einzige Gast.
Ein paar Stunden später schockt mich der Anblick des Seminarhotels. Mit einem solchen Betonklotz direkt in der Einflugschneise vom Flughafen habe ich nicht gerechnet. In der Lobby, wo ich darauf warte, dass ich mein Zimmer beziehen kann, beginnen zwei Frauen eine Unterhaltung miteinander. Nach ein paar einleitenden Sätzen darüber, wie sie heißen, wo sie leben und wodurch sie Linda Morgan kennen, kommen sie zur Sache. Sie ist hier, sagt die Frau, deren Fingernägel in einem grellen Orange lackiert sind, weil der Mann, den sie liebt, ebenfalls hier ist. Er weiß aber noch nichts von seinem Glück. Daraufhin brechen sie und ihre ihr völlig fremde Gesprächspartnerin in ein Gekicher aus, das mir die Lust nimmt, sie weiter zu belauschen.
Endlich werde ich in das Zimmer gelassen. Ein großer Raum, zwei Betten, mit Abstand zueinander aufgestellt, jedes mit einem rothölzernen Nachttisch. An der Wand zwei Schreibtische mit dazu passenden Stühlen aus demselben Holz. Die Stehlampen haben Messingfüße und weiße Schirme, genau wie die Lampen auf den Nachttischen. Ich lege mich auf eines der breiten Luxusbetten und wickele mich in die Damastüberdecke. Erst jetzt bemerke ich, wie sehr ich in dem klimatisierten Raum friere.
Viel Zeit hatte ich nicht mehr bis zum nächsten Patienten. Für ein Brötchen in der Küche und einen schnellen Kaffee reichte es aber noch. Ich holte Käse aus dem Kühlschrank und sah, dass keine Butter mehr da war.
Jean hatte morgens Kaffee in den Schrank geräumt und das Fach mit den Putzmitteln aufgefüllt. Das hatte sich so eingespielt bei uns. Jean kümmerte sich um das Verbrauchsmaterial, ich um die Lebensmittel. Meistens klappte das ganz gut. Bis auf im Moment. Scheiße, warum hatte ich schon wieder nicht an die Butter gedacht, seit einer Woche aßen wir die Brötchen ohne Butter, und keiner von uns sagte etwas.
Es war angenehm, sich mit Jean die Praxis zu teilen. Wir bezahlten gemeinsam eine Putzfrau, die wöchentlich kam. Jeder von uns hatte einen Behandlungsraum, das Wartezimmer benutzen wir zusammen und sprachen von Synergieeffekten, wenn wir hörten, wie unsere Patienten sich miteinander unterhielten und über Behandler und Therapien austauschten. Es kam vor, dass Jean mir einen Patienten schickte oder umgekehrt, aber das war nicht der Grund für unsere Gemeinschaftspraxis. Wir hatten uns vom ersten Tag an gemocht, es hatte sofort eine Sprache zwischen uns gegeben und das, obwohl Jean französischer Schweizer war, aus Lausanne.
Als wir uns vor über zehn Jahren in einer Berliner Kneipe kennenlernten, war Jean noch ziemlich neu in Berlin gewesen. Sein Deutsch hatte holprig geklungen, und der Akzent, der die letzte Silbe so sexy betonte, hatte mich amüsiert.
„Na, Pause?“ Jean ging zum Kühlschrank.
„Nur kurz. Und du?“
„Ich habe eine Stunde frei. Vielleicht gehe ich ins Ludwigs rüber.“
„Gute Idee. Tut mir leid, das mit der Butter.“
„Schon gut, kann jedem mal passieren.“
„Aber mir passiert es jeden Tag neu.“
Jean lachte. „Du hast halt Stress.“
„So viel auch wieder nicht.“
„Soll ich mit dir schimpfen?“
„Nein. Ich will mich nur ein bisschen bei dir darüber beklagen, dass ich so vergesslich bin.“
„Geschenkt. Kommst du heute Abend zum Essen rüber?
Claudia hat ihren Frauenabend, und die Kids sind bei Oma und Opa. Wir könnten uns Pizza bestellen.“
Wir hatten gegessen. Jean spendierte einen seiner guten französischen Rotweine. Mit gefüllten Gläsern gingen wir ins Wohnzimmer.
„Dir geht’s nicht gut im Moment“, sagte Jean.
„Nein.“
Jean redete nicht gern um die warme Suppe herum.
Jean kaufte den Hund oder wahlweise das Huhn im Sack, niemals die Katze, seine Patienten hatten einen Hexenblitz statt einen Hexenschuss, und er sagte ihnen, dass sie bald wieder munter wie ein Frosch im Wasser sein würden. Ein steter Quell der Freude für die Leute. Und genau das war die Absicht. Aber sicher konnte man sich nicht sein, denn Jean sagte dazu nur: „Sprichwörter in einer fremden Sprache sind das Schwerste.“
„Wie lange geht das jetzt schon so mit deiner miesen Stimmung?“ Jean setzte sich im Schneidersitz mir gegenüber auf das Sofa.
„Fast ein Jahr. Aber mach kein Drama draus. Es gibt auch schöne Momente. Seit ich von Marlies weg bin, hatte ich einige Frauen im Bett.“
„Ein Jahr?“
„Ist in letzter Zeit schlimmer geworden. Können wir von etwas anderem reden?“
Jean lachte. Er lachte oft.
„Leider nein. Ich habe schon viel zu lange nichts gesagt.
So geht’s nicht weiter.“
„Viele Menschen gehen durch Krisen. Ich eben auch.
Was ist so schlimm daran?“
„Dass du mein Freund bist.“
„Nett von dir. Ich erhole mich schon wieder.“
„Davon merke ich nichts.“
„Kommt noch.“
„Hoffentlich.“ Jean hob sein Glas. „Darauf stoßen wir jetzt an. Dass du dich erholst. Prost.“
„Prost. Du kannst lästig sein, aber dein Wein ist wirklich super.“
„Im Ernst“, fing Jean an, als die Gläser wieder auf dem Tisch standen und dort Ringe machten, die Claudia später zur Verzweiflung treiben würden. „Gibt es nichts, was dich aufheitern könnte? Wünschst du dir nicht irgendetwas?“
Ich starrte auf den Teppich unter dem Wohnzimmertisch.
Ein naturweißer Wollteppich. Sehr empfindlich. Der Tisch hatte unter der Platte ein Gitter, auf das man Zeitungen legen konnte. Davon wurde aber kein Gebrauch gemacht. Wahrscheinlich widersprach das Claudias Ordnungstick. Claudia arbeitete als Oberschwester auf der Intensivstation der Urbanklinik, und Hygiene und Ordnung waren ihr Hobby, das sie auch zu Hause leidenschaftlich praktizierte. Jean hatte mir oft erzählt, wie sie ihn damit zur Verzweiflung trieb.
„Wie geht es eigentlich Claudia?“, fragte ich.
„Na schön. Lenk ruhig vom Thema ab. Gut geht es ihr.“
„Was mich mal interessieren würde“, sagte ich, „wie macht ihr das jetzt eigentlich mit der Ordnung?“
Jean lachte. „Seit Maya und Christoph da sind, kann Claudia einfach nicht mehr so wie früher. In den Kindergarten bringen, vom Kindergarten abholen, kochen und so. Wir teilen uns natürlich die Arbeit, trotzdem, Claudias Ordnungstick hat sich ziemlich entspannt.“
„Du Glücklicher. Bei Marlies und mir war's eher umgekehrt. Ihre Schlamperei hat mich immer genervt.
Obwohl sie sich für eine tolle Hausfrau hielt.“
Jean zog die Augenbrauen hoch.
„Und jetzt, wette ich, vermisst du die Schlamperei manchmal.“
„Naja, nicht direkt die Schlamperei. Eher eine Frau im Haus.“
Wir schwiegen. Von Anfang an hatte ich mich nicht unbehaglich gefühlt, wenn wir zusammen waren und nichts sagten. Vielleicht lag das an Jeans Temperament, an seiner ruhigen Art, die mich auf die Idee gebracht hatte, ihn mit einem alten Mönch zu vergleichen, der abgeklärt in seinem Kloster saß und hinaus in die Welt der Menschen blickte. Das war das Bild, das mir immer wieder in den Sinn kam, wenn ich meinen Freund betrachtete, dessen kurzgeschorene schon graue Haare, das runde Gesicht, die vollen Lippen.
Jean wirkte klein, obwohl er es nicht wirklich war. Er war zäh und konnte stundenlang still sitzen und meditieren. Jean hatte Traditionelle Chinesische Medizin in Paris studiert und im Studium Laotses Taoteking im Original gelesen. Er sagte oft, er habe seither nichts gefunden, das an die Wahrheit des Taoteking herankam. Jean, der Mönch, der aus einem weisen Buch las. Ich grinste.
„Was ist?“, fragte Jean. „Bin ich lustig?“
„Nein, ich habe nur daran gedacht, wie du mir aus dem Taoteking vorgelesen hast.“
„Das Tao, das man benennen kann, ist nicht das wahre Tao“, zitierte Jean. „Der Name, den man nennen kann, ist nicht der wahre Name.“
„Was könnte das für mein Leben heißen?“
„Du sollst dich nicht mit Definitionen zupflastern.
Sondern ins Unnennbare eintauchen, ins Mysterium.“
„Mysterium?“
„Ja, Mysterium. Wenn ich dir etwas darüber sagen könnte, wäre es keins. Möchtest du noch Wein?“ Er schenkte mir nach.
„Ich verstehe das nicht“, sagte ich. „Du redest immer vom Mysterium. Aber was soll das sein? Das Leben?“
„Könnte man so sagen. Oder man könnte auch sagen, die Tatsachen. Das, was unzweifelhaft ist. Handlungen, Zustände.“
„Wie meinst du das?“
„Naja, es ist eine Tatsache, dass wir hier sitzen, wir trinken Wein, wir reden. Es ist auch eine Tatsache, dass wir heute Nachmittag in der Praxis waren, und gleichzeitig ist es ein Mysterium.“
„Wieso das denn?“
„Weil wir nicht wissen, wie wir hingekommen sind.“
Ich lachte. „Das stimmt doch überhaupt nicht. Ich bin durch die Tür gekommen.“
„Sehr gut. Durch die Tür. Muss ich mir merken.“
„Ich glaube, ich weiß, worauf du rauswillst.“
„Ja?“
„Du willst sagen, wir wissen nicht, was uns zu den Handlungen bringt. Wir denken, wir haben entschieden, dies zu tun und das zu lassen. Aber das macht nur Sinn, wenn es ein Vorher und ein Nachher gibt. Womit wir wieder mal beim freien Willen und bei der Zeit wären.“ Jean nickte. „Du bist gar nicht so dumm, wie du aussiehst.“
„Nur mit der Idee einer linearen Zeit“, spann ich den Faden weiter, „macht es Sinn, an freien Willen zu glauben.“
„Freier Wille, ist das nicht das, mit dem ihr Psychofritzen ständig herumlaboriert?“, fragte Jean scheinheilig. „Ist das nicht auch das, was die ganze Depression erst möglich macht? Ich hätte anders handeln sollen, ich hätte anders handeln können, ich habe einen furchtbaren Fehler gemacht, ich habe mich falsch entschieden, oh Gott, oh Gott, oh Gott.“
„Das ist wieder typisch für dich. Ich denke laut, und du ziehst mich nur auf. Ich meine es ernst. Gibt es einen freien Willen oder nicht?“
Jean schwieg.
„Hat's dir die Sprache verschlagen?“
„Nein, ich denke nur nach. Der freie Wille, in meiner
Welt ist er keine Kategorie.“
„In meiner Welt schon. Ich will frei sein.“
„Und ich glaube nicht, dass das Beharren auf der Existenz eines freien Willens uns frei macht. Ich glaube sogar, dass es uns versklavt. Weil“, Jean zeichnete mit der Handfläche einen Kreis in die Luft „dann alles dir, deinen Entscheidungen untergeordnet ist, und das ist es ja auch, was die moderne Esoterik behauptet. Da ist was dran, ganz falsch ist das sicher nicht. Aber ganz richtig eben auch nicht.“
„Ich kann mit Esoterik, Kartenlegen, Astrologie und sowas nichts anfangen. Mit dem freien Willen schon.“
„Und das, was ich gesagt habe? Was das alles nach sich zieht, dieses, oh Gott, ich habe das getan und hätte das tun können, beeindruckt dich das überhaupt nicht?“
„Doch.“
„Stell dir mal eine Minute lang vor, du würdest an Schicksal glauben oder an Gottes Allmacht. Du würdest alles in deinem Leben so hinnehmen, wie es ist, gut finden oder schlecht, in jedem Fall akzeptieren. Es ist eben so, und ich kann nichts ändern, würdest du denken. Wäre das nicht erleichternd?“
„Im Gegenteil. Es ist doch viel angenehmer, daran zu glauben, dass ich an meinem Schicksal etwas ändern kann. Sonst brauche ich ja nie mehr irgendwas zu tun.“
„Das ist der Punkt. Du glaubst, dass du etwas tust, weil du dich dazu entscheidest, aus freiem Willen also, und ich glaube, dass ich getan werde, dass es einfach geschieht, ganz ohne warum und weil.“
Ich runzelte die Stirn. „Vielleicht sollte ich mich wirklich mal damit beschäftigen, mit Taoismus oder Buddhismus. Was ist, wenn es wirklich so abläuft, einfach geschieht, wie du sagst. Andererseits habe ich es erlebt, ich habe Klienten geholfen, Entscheidungen zu treffen.“
„Klar, du bist ja auch gut.“
„Du auch. Du tust das nicht, oder?“
„Meinen Patienten helfen? Doch. Wenn ich denke, dass es das ist, was sie brauchen. Und wenn ich denke, dass sie lockerer werden sollten, dass sie weniger Wissen und mehr Gelassenheit brauchen, versuche ich, sie zu stören.“
„Wahrscheinlich gibt es eine mathematische Kurve, die direkt das Verhältnis von der Tiefe, mit der wir ins Glas sehen, zur Tiefsinnigkeit unserer Gedanken beschreibt“, sagte ich, und wir lachten.
„Klar, Rotwein ist sehr bewusstseinserweiternd. Noch ein Glas?“
„Gern.“
Ich konnte am nächsten Tag ausschlafen und würde mit dem Taxi nach Hause fahren. Niemand wartete auf mich, niemandem war ich Rechenschaft schuldig.
„Ich fühle mich so einsam in der letzten Zeit.“
„Seit du von Marlies weg bist?“
„Nein, vorher auch schon. Manchmal denke ich, mich holt etwas ein.“
Jean nickte.
Jeans Mutter war Alkoholikerin gewesen. Alle Geschwister flohen vor ihr, gingen zum Studium nach Grenoble oder Paris und ließen den armen, schwachen Vater mit der Säuferin allein. Jean hatte zwei jüngere Schwestern und einen älteren Bruder, sie alle plagte immer mal wieder das schlechte Gewissen. Sie hatten ihre Eltern im Stich gelassen. Mehr als einmal hatte ich Jean versichert, dass es sich genau umgekehrt verhielt.
„Das Gefühl der Einsamkeit geht nie weg“, hatte Jean gelallt, wenn er betrunken genug war, es zuzugeben. „Du kannst machen, was du willst, die Einsamkeit geht nicht weg.“
Es gab Tage, die schwer auf mir lasteten. Wie ein Stein, der auf der Brust lag und einem die Luft abdrückte. Heute war so ein Tag. Samstag.
Beim Aufwachen hatte ich einen schlechten Geschmack im Mund gehabt, den auch Zähneputzen nicht wegbrachte. Mein Frühstück machte ich mir mit schwerem Kopf, Brot mit Honig und Kaffee. Ich ging mit den Sachen ins Wohnzimmer und aß dort im Liegen auf der Couch.
Einer der Vorteile des Alleinlebens. Ich musste mich zu nichts zwingen. Ich musste keine festen Essenszeiten einhalten, vor allem musste ich keine Zeit in der kleinen Küche verbringen, die ich hasste. Nur wenn Gäste kamen, kochte ich. Es störte mich nicht, dazwischen tagelang von Brot und Kaffee zu leben.
Damit tilgte ich das Übermaß an liebevoll Gekochtem, das Marlies mir täglich neu zubereitet hatte. All ihre Forderungen hatten sich in den Mahlzeiten versteckt. Ihr Wunsch, endlich eine Familie zu gründen.
Abgesehen von der Küche mochte ich meine neue Wohnung. Sie hatte eine Dachterrasse und war nicht billig - ich konnte es mir jetzt leisten. Von den gemeinsam mit Marlies gekauften Möbeln hatte ich fast nichts mitgenommen. Stattdessen hatte ich mir den Luxus gestattet, in einem eleganten Einrichtungshaus all die Dinge zu kaufen, die ich mir schon immer gewünscht hatte. Eine Ledergarnitur für das Wohnzimmer, weiße Schlafzimmermöbel, einen futuristisch aussehenden, gläsernen Schreibtisch.
Nach dem Frühstück blieb ich auf der Couch liegen. Beim gelangweilten Durchblättern einer Fachzeitschrift fiel mir ein Autorinnenfoto auf, und ich las den dazu gehörenden Text. Es ging um Märchen. Linda Morgan, die Frau auf dem Foto, beschrieb ihre Methode, das innere Drehbuch zu entdecken.
Mein Schädel brummte nur noch ganz leicht. Das innere Drehbuch. Irgendetwas an der Frau war spannend. Sie genoss einen exzellenten Ruf in der psychologischen Fachwelt, hieß es in der Einführung, die von einem der Herausgeber geschrieben worden war. Morgans Ansatz galt als vielversprechend, besonders bei Depressionen.
„The inner script is a secret you do not discover until you see the pattern in life.“
Der Satz war fett gedruckt. Linda Morgan schrieb, jedes Menschenleben habe ein ganz bestimmtes Muster, dasselbe Muster, das einen Roman oder Film spannend mache: Zuerst müsse der Held sich beweisen und Abenteuer bestehen, dann dürfe er die Prinzessin heiraten. Laut Morgan kam es besonders in der Mitte des Lebens zu einer Krise, weil die Heldengeschichte nun keinen Aufschub mehr vertrug.
Ich zündete mir eine Zigarette an. Noch ein Luxus, den ich mir jetzt ab und zu gönnte, nachdem ich mich jahrelang für einen überzeugten Nichtraucher gehalten hatte. Was Morgan schrieb, erinnerte an das Mysterium, von dem Jean gesprochen hatte. Ich las weiter.
Linda Morgan war früher eine Hausfrau ohne berufliche Ambitionen mit drei Kindern und einem Ehemann in Philadelphia gewesen. Sie hatte schon seit Jahren unter Depressionen gelitten, als sie anfing, ihrem ersten Enkelkind Märchen vorzulesen. Völlig unerwartet begriff sie eines Tages, dass das Märchen, das sie gerade las, es war Schneewittchen, von ihr selbst handelte. Diese Erkenntnis veränderte sie grundlegend. Jedem, der sie gekannt hatte, fiel das auf, und die Leute fragten sie nach ihrem Geheimnis.
Das übliche amerikanische Erlösergeschichtchen, dachte ich enttäuscht. Erst ist sie eine arme, depressive Hausfrau, dann geschieht etwas mit ihr, und dann wird sie reich und berühmt, reist in der ganzen Welt herum, verdient haufenweise Kohle, sieht um Jahrzehnte jünger aus, wahrscheinlich dank Botox, und macht die Menschen glücklich. Und wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie noch heute.
Unter dem Artikel war eine kurze Notiz. Linda Morgans Seminar „Entdecke dein inneres Drehbuch“ fand in diesem Jahr in Los Angeles statt. Im August.
Und es waren noch Plätze frei.
Ich langte nach dem Telefon und tippte auf Jeans Nummerneintrag. Es meldete sich niemand. Als Therapeut hatte ich schon mit Märchen gearbeitet, aber nie so. Nie so intensiv, wie es diese Frau beschrieb, die ein zehntägiges Seminar aus ihrer Erfahrung gemacht hatte, das sie überall auf der Welt verkaufte.
Los Angeles.
In den USA war ich noch nie gewesen, die amerikanische Westküste, die Nationalparks, San Francisco mit der Golden Gate Bridge, die Strände. All das war bestimmt großartig. In einer Reisereportage im Radio, die ich vor einiger Zeit gehört hatte, war es um das Lebensgefühl der Kalifornier gegangen. Kalifornien galt als America Light, die Kalifornier legten Wert auf gesunde Ernährung, Organic Food nannten sie es. Sie interessierten sich für Esoterik und Yoga, waren kontaktfreudig wie alle Amerikaner, aber nicht so verbohrt. Was in Amerika erfunden wurde, kam meistens aus Kalifornien. Computer, Inlineskates, Elektroautos. Und natürlich Therapien, Selbsthilfebücher, spirituelle Ratgeber.
Im Internet fand ich Videos von Seminarausschnitten mit Linda Morgan, und sie hatte zwei Bücher geschrieben, die auch auf Deutsch erschienen waren. Eines hieß „Das innere Drehbuch“, das andere „Die Prinzessin erlösen“.
Quälend langsam schob sich die Schlange der Reisenden vorwärts, zentimeterweise, und alle meine Befürchtungen, was die Einreiseformalitäten in den USA anging, lebten wieder auf. Dann war ich endlich an der Reihe und reichte dem Grenzbeamten das im Flugzeug ausgefüllte Formular. Ich musste beide Hände auf eine Vorrichtung legen, die mir die Fingerabdrücke von allen zehn Fingern abnahm und fühlte mich sehr unwohl dabei. Der Beamte fragte mich, wie lange ich in Amerika bleiben wollte und warum, und ich sagte ihm, dass ich aus beruflichen Gründen gekommen war und in knapp zwei Wochen zurück nach Tel Aviv fliegen würde.
Als ich die Kontrolle endlich hinter mir hatte und draußen vor dem Flughafengebäude stand, sah ich, dass mein Handyakku leer war. Ich fragte einen Mann in Anzug und Krawatte nach dem Hotel. Der Mann hatte den gleichen Weg wie ich, jedenfalls behauptete er das. Zusammen stiegen wir in den Transferbus zum Hotel. Unterwegs hatte ich den Eindruck, dass sich Los Angeles nicht groß von anderen Städten in der Welt unterschied, in denen ich schon gewesen war. Hochhäuser, Zubringer für Schnellstraßen, Kreuzungen mit Überführungen.
Für die erste Nacht hatte ich eine Extraübernachtung im Einzelzimmer gebucht, erst morgen würde ich in das Doppelzimmer umziehen. Nach dem langen Flug fühlte ich mich erschlagen, aber ich wollte unbedingt bis zum Abend durchhalten.
In meinem Hotelzimmer schaltete ich gleich den Fernseher an und ging ins Bad. Nachdem ich geduscht hatte, zog ich ein anderes Kleid an und malte mir den Lidstrich neu. Im Spiegel sah ich mir dabei zu, wie ich mir die Haare bürstete. Ich schlüpfte in Sandalen und fuhr mit dem Lift hinunter in die Halle. An der Rezeption fragte ich nach einem nahegelegenen Supermarkt. Ein Schwarzer in der Uniform der Hotelangestellten - modisch geschnittener Anzug, hellblaues Hemd, dunkelblaue Krawatte - beschrieb mir den Weg.
Zu Fuß ging ich die Straße entlang und genoss es, die Luft an meinen Zehen zu spüren. Nach einer Weile kam ich zu einer Ampel, und eine Seitenstraße führte zu einem neuen, alt wirkenden Gebäude, einem mit gelben Ziegelsteinen verkleideten Prachtbau, der mich in seiner Wuchtigkeit an europäische Bahnhöfe erinnerte. Ich hatte den Supermarkt gefunden.
Eigentlich wollte ich mir nur eine Tube Zahnpasta kaufen, meine hatte ich zu Hause vergessen. Und etwas zu essen brauchte ich auch, am liebsten Sushi. Das Sushiessen hatte ich mir in der Filmschule angewöhnt, es war der Snack, wenn ich mittags mit den anderen ins immer gleiche Restaurant ging. Sushis wurden dort vor den Augen der Gäste gefertigt, kunstvoll zerlegte ein Japaner den rohen Fisch und schnitt Gemüse. Wir konnten uns nicht sattsehen an seiner Routiniertheit. Sein Messer tanzte bei der Arbeit.
Zurück im Hotelzimmer aß ich allein vor dem Fernseher. Für mich war das ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte. Wenn ich erst eine berühmte Filmemacherin war, wäre das Hotelleben ganz normal für mich, ich würde oft allein essen und mich dann abends mit Bekannten verabreden.
Ich war es gewohnt, dass Männer mich attraktiv fanden. Für Europäer und Amerikaner war ich ein exotischer Typ. Männer drehten öfter mal den Kopf nach mir oder riefen mir etwas nach, obwohl ich dort, wo ich herkam, nicht wirklich auffiel, es gab dort viele Frauen meines Typs.
Ich zog mich für den Abend um. Schwarze Hosen und ein schwarzweißes Top, damit war meine Garderobe erschöpft, was die eleganten Teile betraf. Für das Seminar hatte ich Bequemes mitgebracht. Ich hatte gezögert, nach Los Angeles zu fahren. Seit dem elften September waren arabisch aussehende Touristen nicht mehr gern gesehen in den USA, und den deutschen Vater vermutete man bei mir nicht, auch wenn ich seinen Namen trug.
Mein Handy piepte. Eine Nachricht von Orit. Sie fragte, ob alles okay war.
„Alles okay, gut gelandet”, tippte ich. „L.A. ist toll, gehe jetzt noch auf einen Drink. Küsse.”
Kurz darauf saß ich in der Hotelbar und hatte meinen Lieblingsschlummertrunk vor mir, Martini Rosso. Schmeckte wie Hustensaft, aber ich mochte Hustensaft. Als Kind bekam ich immer nur einen Löffel davon.
Der gepolsterte Barhocker passte zum Jazz, der mich umdudelte. Die wahren Global Player verkehrten hier. Businessleute, die nonstop unterwegs waren, morgen vielleicht schon auf der anderen Seite der Welt Verhandlungen führten, in Sydney oder Shanghai oder Singapur. Jetzt saßen sie hier, bahnten ihre Geschäfte an diesen unscheinbaren Tischchen an.
Plötzlich stand jemand neben mir und sprach mich an. Ich drehte den Kopf weg, aber es war nur der Mann vom Flughafen, der mir den richtigen Bus gezeigt hatte.
„Darf ich mich zu dir setzen?”
„Ja. Ich gehe sowieso gleich.”
Er bestellte ein Bier.
„Das ist aber ein schöner Zufall, dass ich dich hier treffe. Ich hatte schon gehofft, dass wir uns nochmal sehen. - Was machst du so? Beruflich, meine ich.“
„Ich bin Filmemacherin“, sagte ich automatisch, ohne es zu wollen. Ich konnte nicht lügen, wenn es um Kleinigkeiten ging. Mein Leben war so schon kompliziert genug.
„Was machst du für Filme?“
„Ich habe einen Kurzfilm gedreht.“
„Erzählst du mir, worum es in deinem Film geht?“
„Zu kompliziert.“
Das fehlte noch, dass ich mich für ihn anstrengte. Ich wollte mich einlullen lassen von dem eintönigen Plätschern seiner Stimme, sie mit der Musik verschmelzen lassen.
Der Mann hörte nicht auf zu reden.
„Ich bin in einer großen Werbeagentur. Heute Nachmittag habe ich unseren Partner hier in Los Angeles getroffen, und morgen geht es nach San Diego. Dort habe ich eine sehr wichtige Präsentation, wenn wir den Auftrag bekommen, wird das eine ganz große Sache. Die Firma ist Marktführer in der Produktion von Büroausstattung, kleine, feine Dinge für besondere Kunden, Kugelschreiber mit integrierten Präzisionsuhren, in Leder gebundene Tagesplaner...“
Der Mann sah wirklich nicht schlecht aus, hatte einen guten Körper und schöne Augen, nur war er eine Zumutung und merkte nicht, wie sehr er mich langweilte. Obwohl, auch wenn er interessanter gewesen wäre, hätte ihm das nichts genützt.
Es gab verschiedene Typen von Männern. Die einen reagierten auf eine Abfuhr mit ungläubigem Lachen und Insistieren, das waren die, die sich für unwiderstehlich hielten und um die es nicht schade war. Andere, nettere fielen in sich zusammen, ließen sich ihre Enttäuschung anmerken. Mit ihnen hatte ich Mitleid, doch was sollte ich machen? Es war klar, dass ich nicht jeden Kontakt mit Männern meiden konnte, Männer machten es mir leicht, warum sollte ich nicht mit ihnen zusammen sein, mich unterhalten, etwas trinken oder tanzen gehen? Die meisten wollten nur das Eine, und gerade das bekamen sie bei mir nicht.
Meine Freundin Orit hatte mich einmal gefragt, ob ich Männer absichtlich quälte.
„Nein“, hatte ich geantwortet. „Wie kommst du darauf?“
„Weil du sie erst anlockst und dann abblitzen lässt.“
„Aber doch nicht immer“, hatte ich gesagt.
„Wirklich nicht?“, hatte Orit gefragt, und damit war das Thema erledigt gewesen.
Niemand in Tel Aviv kannte mich so gut wie Orit. Wir waren zusammen auf der Filmschule gewesen, teilten uns eine Wohnung, natürlich machte sich Orit so ihre Gedanken über mich.
Nach dem Gespräch hatte ich einen Mann, den Orit noch nie gesehen hatte, mit nach Hause gebracht und war mit ihm in mein Zimmer gegangen. Am nächsten Morgen war ich mit dem Mann in der Küche erschienen, als Orit sich ihr Frühstück machte. Das Theater, das ich veranstalten musste, um meine Freundin zu täuschen, war mir zuwider, aber ich musste verhindern, dass Orit begriff.
Ich wollte kein Mitleid. Und noch viel weniger wollte ich der Gegenstand von Getuschel sein. Bevor ich mir das antat, spielte ich lieber ein bisschen Theater. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass ich es nicht ertrug, von einem Mann berührt zu werden, sexuell berührt, und ich konnte damit leben. Nur ein einziger Mensch teilte dieses Geheimnis mit mir, und so sollte es auch bleiben.
„Wer war das?”, hatte Orit gefragt, nachdem Zohar gegangen war. „Etwa dein neuer Freund?”
„Nicht direkt. Mehr eine Affäre.“
Orit schien das zu schlucken
Der Mann vom Flughafen sprach noch immer. Er wollte eine eigene Werbeagentur gründen, etwas Extravagantes, er fühlte sich unterfordert, sein kreatives Potential lag brach. Blablabla.
Ich sah auf die Uhr.
„Oh, schon so spät! Ich muss ins Bett.“
„Möchtest du nichts mehr trinken?“ Ich überlegte, ob er eher zur Kategorie eins oder zwei gehörte. Würde er versuchen, mich zurückzuhalten, wenn er merkte, dass ich verschwinden wollte - ohne ihn?
„Nein, ich trinke nichts mehr, ich spüre jetzt schon viel zu sehr den Alkohol. Bleib du ruhig noch hier. Es war nett. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder, irgendwo auf diesem kleinen Planeten.“
Jetzt wirkte er verblüfft.
„Dann lass mich dich wenigstens einladen.“
„Nein, danke.“
„Gut. Dann bringe ich dich aber zu deinem Zimmer. Das gehört sich so. Ich bin schließlich ein englischer Gentleman.“
„Nicht nötig. Ich finde den Weg schon allein.”
Nervös winkte ich dem Barmann, dass ich zahlen wollte, und als er nicht sofort kam, legte ich das Geld auf die Theke und stand auf.
Vor den Aufzügen in der Halle wartete eine Reisegruppe. Ich quetschte mich mit den Leuten zusammen in den Lift. In der verspiegelten Rückwand sah ich, dass der Mann mir nachkam und meinem Spiegelbild zulächelte. Mein Puls raste, und ich starrte nach oben auf die rot aufleuchtenden Nummern der Stockwerke.
Vierzehn, fünfzehn, sechzehn...
Der schummrige Gang zog sich in die Länge, der Teppich, über den ich ging, schluckte das Geräusch meiner Schritte. Konnte es sein, dass der Mann mir hier irgendwo auflauerte? Aber der war mit dem Aufzug weiter nach oben gefahren. Und wenn er zurückgekommen war? Mit zitternder Hand schob ich die Karte durch den Schlitz in dem Kästchen an der Tür.
Ich warf mich auf das Bett.
Schlafen, endlich schlafen. Morgen Nachmittag schon fing das Seminar an. Entdecke dein inneres Drehbuch. Als Filmemacherin war es wichtig, das Drehbuch des eigenen Lebens zu verstehen, falls es so etwas überhaupt gab.
Wenn Papa doch noch lebte.
Es klopft.
„Come in“, hastig springe ich vom Bett auf.
Die Tür öffnet sich, und ein sommersprossiges Gesicht lugt um die Ecke.
„Bist du Michael?“
„Ja. Hallo.“
„Hi, ich bin John.“
Das Gesicht verschwindet. Einen Moment später wuchtet der Mann, zu dem es gehört, seinen Rucksack ins Zimmer und wirft ihn auf das freie Bett. Dann deutet er wie bei einer Pantomime auf seine Armbanduhr und flüstert theatralisch: „Noch fünf Minuten bis zum Beginn des Seminars.“
Zusammen betreten wir kurz danach den Saal, in dem das Seminar stattfindet. Jemand hat John einen Platz freigehalten, und ich setze mich auf einen der hinteren Stühle. Die Morgan ist eine Erscheinung. Sie sitzt im Yogasitz in einem Ohrensessel auf der Bühne. Wie die meisten amerikanischen Frauen benutzt sie eine Menge Make-up, und bis auf den Omasessel deutet nichts darauf hin, dass sie mehrfache Großmutter ist. Auf zwei großen Leinwänden wird ihre Ansprache übertragen, sodass jeder im Raum in Ruhe ihr Gesicht studieren kann.
Nachdem sie alle Teilnehmer begrüßt hat und einige organisatorische Dinge erwähnt, macht sie eine Pause, um danach fortzufahren: „Ich hoffe, dass niemand diesen Workshop überlebt, und das meine ich nicht physisch.“
Das sitzt. Im Saal herrscht jetzt Totenstille. Die Leute verfolgen gespannt Morgans Gesicht auf der Leinwand, das ohne die kleinste Andeutung eines Lächelns ist.
Wir alle haben eine Unmenge von Papieren unterschreiben müssen, die die Veranstalter von jeglicher Verantwortung für die Folgen des Seminars entbindet. Ob wir einen psychischen Zusammenbruch erleiden oder auf einer Exkursion verloren gehen, in keinem Fall kann die Firma Morgan juristisch belangt werden. Sieben Seiten, die jede nur erdenkliche Möglichkeit abdecken, was uns hier zustoßen kann. Kreislaufversagen, Nervenzusammenbruch, Unfall. Ich habe unterschrieben, mich an die Weisungen meines Arztes zu halten und von diesem verschriebene Medikamente vorschriftsgemäß einzunehmen. Während ich mich durch den Papierstapel kämpfte, kam mir der Gedanke, dass sich Veranstalter von Workshops in den USA wahrscheinlich so absichern müssen. In Berlin habe ich eine Geschichte darüber gelesen. Eine Fastfoodkette ist von einem Kunden vor Gericht gezerrt worden, weil der Kunde sich an ihrem heißen Kaffee die Zunge verbrannt hat. Der Kunde hat eine gewaltige Summe erhalten, denn die Richter haben allen Ernstes argumentiert, die Fastfoodkette habe ihre Pflicht versäumt, den Kunden vor den Gefahren heißer Getränke zu warnen.
Jean, dem ich davon erzählte, hat vorgeschlagen, in Zukunft in allen Cafés Schilder aufzuhängen: Vorsicht Verletzungsgefahr! Frisch gekochter Kaffee ist sehr heiß! Vor mir sitzt eine Frau in einem eng anliegenden weißen T-Shirt, ihre langen, schwarzen Haare hängen über ihren Rücken. Ich würde sie gern von vorn sehen, aber sie dreht sich nicht um.
Jetzt erteilt Linda Morgan Anweisungen - jeder soll sich einen Partner suchen und mit ihm oder ihr zu einem geschützten Platz gehen. Dort sollen sich beide ihre Heldengeschichte bis jetzt erzählen. Die Betonung liegt auf bis jetzt. Keine Fantasien über das, was die Zukunft vielleicht noch bringen wird.
„Eine Heldengeschichte lässt sich in jedem Teil des Lebens finden, auch in dem Abschnitt bis jetzt.“ Mit diesen Worten schließt die Morgan ihren Vortrag. Die Leute klatschen.
Alle suchen nun nach einem Partner für die Übung. Die ersten Paare haben sich schon gefunden. Ich beuge mich vor und tippe der schwarzhaarigen Frau auf die Schulter.
Sie dreht sich um.
„Wollen wir?“, frage ich.
Sie nickt und lächelt.
Zusammen gehen wir nach draußen und setzen uns auf unsere Jacken auf den Rasen vor dem Hotel. Die Frau heißt Liat und kommt aus Tel Aviv. Eine orientalische Schönheit. Ich habe noch nie mit einer Israeli gesprochen. Ich bin Deutscher, vielleicht mag sie keine Deutschen.
Aber sie ist freundlich zu mir, und ich frage sie nach ihrem Militärdienst. Ich habe gehört, dass in Israel niemand etwas dabei findet, dass Frauen Wehrdienst leisten, die meisten gehen gern zur Armee, und ich will ihr zeigen, ich bin einer von euch, kein israelkritischer Deutscher, der mit den Palästinensern sympathisiert. Plötzlich bin ich nicht mehr nur Michael Langer aus Berlin, sondern Angehöriger eines Volkes von Tätern.
Die Frage nach dem Militär hat nicht den gewünschten Effekt.
„Mein Vater ist gestorben, während ich bei der Armee war, und ich habe deshalb nicht die volle Zeit abgeleistet.“
Es geht mich nichts an und ihr sehr nahe. Immer noch, denn ich schätze, dass ihre Militärzeit und der Tod ihres Vaters an die zehn Jahre zurückliegen müssten. Liat müsste so um die dreißig sein. Liat. Den Namen habe ich noch nie gehört. Ich wusste nicht, dass es in Israel so schöne Frauen gibt.
„Okay, ich fange an, wenn du nichts dagegen hast. Ich erzähle dir meine Heldengeschichte“, sage ich.
Sie legt sich auf den Bauch. So liegen wir, die Gesichter einander zugewandt in der kalifornischen Sonne. Ich habe Mühe, mich zu konzentrieren.
