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Eric ist von seiner Werbeagentur angestellt worden, weil er so gut Leute rausschmeißen kann. Er liebt diese Aufgabe. Er macht sie zur Kunst. Alle hassen ihn. Aber ein cooler Hund ist Eric doch. Bis zu der drogendicken Party, von der er die Praktikantin mitnimmt. Dumme Idee und sie haben noch nicht mal Sex. Die Kleine ist echt gestört, vielleicht auch von seinen Feinden auf ihn angesetzt. Aber Eric befällt ein unbekanntes Gefühl: Liebe. Am nächsten Tag heißt es, die Praktikantin sei im Krankenhaus. Hat Eric ihr wirklich mit der Faust ins Gesicht geschlagen? Wer lügt denn hier jetzt? Das Mädchen? Erics Chef? Eric selbst? Eins ist jedenfalls klar: Für den harten Sanierer gibt es nur noch eine Richtung: abwärts.
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2013
Peter Mattei
Roman
Eric ist von seiner Werbeagentur angestellt worden, weil er so gut Leute rausschmeißen kann. Er liebt diese Aufgabe. Er macht sie zur Kunst. Alle hassen ihn. Aber ein cooler Hund ist Eric doch. Bis zu der drogendicken Party, von der er die Praktikantin mitnimmt. Dumme Idee und sie haben noch nicht mal Sex. Die Kleine ist echt gestört, vielleicht auch von seinen Feinden auf ihn angesetzt. Aber Eric befällt ein unbekanntes Gefühl:
Liebe.
Am nächsten Tag heißt es, die Praktikantin sei im Krankenhaus. Hat Eric ihr wirklich mit der Faust ins Gesicht geschlagen? Wer lügt denn hier jetzt? Das Mädchen? Erics Chef? Eric selbst? Eins ist jedenfalls klar: Für den harten Sanierer gibt es nur noch eine Richtung:
abwärts.
Peter Mattei arbeitet als Autor und Regisseur für Theater, Film und Fernsehen. Er hat ein Theater gegründet, einen Spielfilm nach Schnitzlers «Reigen» gedreht und lebt in Brooklyn. «Der große Blowjob» ist sein Romandebüt.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Oktober 2013
Covergestaltung Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, Dominic Wilhelm
Coverabbildung plainpicture/Glasshouse
ISBN 978-3-644-49771-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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www.rowohlt.de
Erster Teil
1.1
1.2
1.3
1.4
1.5
1.6
1.7
1.8
1.9
1.10
Zweiter Teil
2.11
2.12
2.13
2.14
2.15
2.16
Dritter Teil
3.17
3.18
3.19
3.20
3.21
3.22
3.23
3.24
3.25
3.26
Die Praktikantin der Videoagentur ist so abgefüllt, dass sie versucht, ihre Haut auszuziehen. Zumindest sieht es so aus. Sie ist halbnackt und grabbelt mit beiden Händen an sich herum, um den Saum des Threadless-T-Shirts zu finden, das sie schon seit einer halben Stunde nicht mehr anhat. Ihr Name fällt mir nicht ein.
«Was machst du da?», frage ich, während sie an ihrem Körper herumzieht und -zupft, aber es ist zwecklos. Sie hört mich nicht, und selbst wenn, versteht sie nichts mehr.
Bei manchen Leuten ist das so: Wenn sie zu viel getrunken haben, setzt sich ein Gedanke in ihrem Kopf fest und wiederholt sich unentwegt in einer Art Endlosschleife, als würde ihr Gehirn verzweifelt nach irgendeinem Halt greifen, während die gesamte Realität im Nichts zu verschwinden droht. Megan? Morgan? Caitlin? Endlich spricht sie, und ihre Antwort lautet, dass sie ihr T-Shirt ausziehen will, weil sie gern nackt schläft, sie will nämlich jetzt schlafen. Das ist eins der angekreuzten Kästchen für ihre noch nicht voll ausgebildete Persönlichkeit – nackt schlafen, das gehört zu ihr, sogar im Winter schlüpft sie nackt in ihren Schlafsack, das erklärt sie mir immer und immer wieder aus dem Dunkel ihres Suffs, also sage ich einfach gute Nacht und schalte das Licht aus. Sie brabbelt immer noch weiter und sieht mich so freudig verwirrt an, dass ich am liebsten lachen möchte, und dann lache ich.
Ich gehe ins Schlafzimmer und hole ein Kissen, und dann gehe ich ins Bad und hole das kleine Abfalleimer-Ding. Ich schiebe ihr das Kissen unter den Kopf, stelle das Abfalleimer-Ding neben sie, tippe ihr auf die Schulter und schärfe ihr ein, dass sie, falls ihr übel wird, in diesen Behälter kotzen soll, möglichst nicht auf den Boden und vor allem nicht auf das Kissen, das ist aus isländischen Daunen.
Sie blickt zu mir hoch und lächelt, und dann verliert sie das Bewusstsein.
Die Praktikantin ist extrem süß, na ja, ihr Gesicht zumindest, ihr Lächeln ist wie das von Gott, wenn er was eingeworfen hat. Sie ist cool und sie «blickt durch», aber ich habe trotzdem nicht vor, sie nach dem gespielt verlegenen Abschied heute Morgen, der hoffentlich in ein paar Stunden stattfinden wird, jemals wiederzusehen. Augenblicklich allerdings liegt sie im Vollkoma, es ist gegen sechs Uhr früh, und ich bin nicht wirklich müde, was etwas mit den Stimulanzien zu tun haben könnte, die wir gestern in der Bar konsumiert haben, in der wir uns über den Weg gelaufen sind.
«Was geht?», sagte sie, als ich mich zu ihr umdrehte – keine Ahnung, warum, aber ich schnellte mit so viel Schwung zu ihr herum, dass der doppelte Rittenhouse auf Eis in meiner rechten Hand aus dem Glas schwappte. Eigentlich war ich mit einem Freund verabredet, Seth Krallman, erst Theaterautor, dann Potdealer, jetzt Yoga-Guru, aber er ließ mich hängen, was für eine Überraschung.
«Kenne ich dich nicht?», fragte sie.
«Nein», sagte ich, weil ich das Mädchen noch nie im Leben gesehen hatte.
«Doch, doch, ich kenne dich», sagte sie. «Du hast den Thunfisch bestellt.» Und dann erzählte sie mir, dass sie es war, die uns am Mittag die großen Teller mit Sashimi in den Besprechungsraum der Videoagentur gebracht hat, in der sie ein Praktikum macht. Wir hatten gerade den Werbespot für Viva-Küchenrollen in der Mache, und sie erinnerte sich an mich, weil ich den Blauflossenthunfisch bestellt hatte, sehr selten und wahnsinnig teuer, die Rolle um die neunzig Dollar, und ich das Ding kaum angerührt hatte.
«Hat nicht besonders geschmeckt, fand ich», sagte sie. «Für den Preis.»
«Das ist cool», erwiderte ich. «Isst du immer anderer Leute Reste?»
«Verschwendest du immer sauteure Lebensmittel, die a) auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten stehen und b) von modernen Sklaven gefangen werden?» Sie legte den Kopf schräg und sah mich betont streng an.
«Ähm, ich warte auf einen Freund», sagte ich.
«Nein, tust du nicht.»
«Nein?»
«Nein, du gibst mir einen Drink aus.»
Maggie Mallory Margot ist Praktikantin bei Unkindest Cuts, einem Laden, bei dem ich noch einiges guthabe, weil ich denen vor zwei Jahren eine größere Anzahl Werbespots für einen Finanzdienstleister zugeschanzt habe. Womit nicht gesagt sein soll, dass man sie aufgefordert hat, mit mir nach Hause zu gehen. Das hat sie, glaube ich, aus ihren eigenen Gründen getan und weil sie zu viel getrunken hatte – dank meiner Großzügigkeit in erster Linie. Während sie jetzt dort zusammengerollt auf dem Boden liegt und schläft, blass und regungslos, wirkt sie eine Spur fleischiger, als ich sie in Erinnerung habe. Trotzdem sieht sie ganz gut aus: Nach kurzem Nachdenken entscheide ich, dass sie, was die körperliche Attraktivität angeht, im oberen dritten Viertel der Mädchen rangiert, mit denen ich je quasisexuelle Beziehungen hatte. Bei einem bestimmten Lichteinfall oder von einem gewissen Blickwinkel aus betrachtet, hat sie etwas Ungezähmtes, & ihre Augen haben einen süßen Schmelz, den man beinahe schmecken kann. Was würde Howard Roark über sie sagen? Er war kein Schriftsteller, sondern musste immer irgendetwas tun, etwas Kühnes und Innovatives, und Schreiben wäre das Gegenteil davon. Ich tippe eine Notiz in mein Smartphone: «Idee für einen Kurzfilm, Howard Roark hält einen TED-Vortrag, wie würde das ablaufen?» Ich überlege, ob ich mir einen runterholen soll, lasse es aber.
Ich gehe auch nicht in mein Schlafzimmer zurück, weil ich sowieso nicht schlafen kann und außerdem aufpassen will, dass sie nicht zwischendurch aufwacht und irgendwas mitgehen lässt. Also setze ich mich an meinen Schreibtisch im Wohnbereich und werfe einen Blick auf die jüngste Fassung des Drehbuchs, an dem ich arbeite. Es heißt SPIELTHEORIE oder GAME OVER oder MAD DECENT, das habe ich noch nicht ganz entschieden. Seit drei Jahren schreibe ich jetzt daran und zerbreche mir noch immer den Kopf über das auslösende Ereignis, das ja das Wichtigste überhaupt ist, jedenfalls einem Buch zufolge, das ich in L. A. gekauft habe, als ich dort gewohnt habe. Alle Typen in der Werbebranche arbeiten nebenher an einem Drehbuch, das nie fertig wird, aber weil ich zielstrebiger und disziplinierter bin als die meisten, werde ich meins vielleicht sogar beenden, obwohl ich erst auf Seite zwei bin.
Für meine Hauptfigur habe ich meinen eigenen Namen gewählt, Eric Nye, und mein eigenes Alter, dreiunddreißig, und meine eigene Heimatstadt, Canfield, Ohio. Das ist ein guter Dreh, denke ich. Man nennt das, glaube ich, selbstreferenziell.
Ich schreibe den ersten Satz einige Male um & starre ansonsten den Bildschirm an und justiere meinen Ständer, den ich meiner Medikamente wegen dauernd habe, zumindest ist das meine Theorie dazu, bis ich bemerke, dass draußen über der Williamsburg Bridge, die durch mein dreifachverglastes Fenster zu sehen ist, gerade die Sonne aufgeht. Auf einmal nehme ich einen eigenartigen Geruch wahr. Ich gehe hinüber in den Wohnbereich, und Tatsache, sie hat sich übergeben – auf meinen edlen Vorleger, ich fasse es nicht, den sie irgendwie zu sich herübergezogen und als Kissenersatz zusammengeknäult hat, weil sie von dem St.-Geneve-Kissen für 1900 Dollar, das ich ihr zur Verfügung gestellt hatte, heruntergerollt war.
Ich rüttle sie wach, & sie ist etwas ansprechbarer als zuvor. Also bugsiere ich sie ins Badezimmer, wo ich ihren Kopf unter die aufgedrehte Dusche halte. Armes, trauriges kleines Mädchen, was soll nur aus dir werden. Nachdem ich sie abgetrocknet habe, reiche ich ihr das T-Shirt und gebe ihr eine Flasche Voss-Mineralwasser, damit sie sich den Mund ausspülen kann. Inzwischen habe ich ihre Schönheit Punkt für Punkt erfassen können, und leider muss ich berichten, so 50 % bekleidet sieht sie sogar noch heißer aus. Als sie sich schließlich angezogen und mit einem halbherzigen kleinen Winken verabschiedet hat, hole ich mir einen runter, nehme meine Pillen und bestelle einen Wagen vom Fahrservice.
Ich feuere Leute. Das ist mein Job.
Aber ich entlasse sie nicht einfach, ich helfe ihnen auch, oder sagen wir vielleicht: Ich rüttle sie wach. Oder sagen wir vielleicht: Ich nehme mir die Zeit, einen ehrenvollen, wenn nicht sogar dramatischen Tod für sie zu konzipieren, einen Tod, der bedeutsamer als der Abgang ist, auf den sie unter anderen Umständen Anspruch hätten.
Ich wurde ja schließlich extra eingestellt, um hier aufzuräumen bei Tate, der Werbeagentur in New York City, bei der ich jetzt Executive Creative Director Schrägstrich Chief Ideas Officer bin. Man hat mich geholt, um im Haus eine Kultur der Innovation und Kreativität zu etablieren. Heißt: Ich soll die tote Schlacke loswerden, alle in die Scheiße reiten, das heißt an die Luft setzen, die alt und lahm und schwach sind, und genau das tu ich, denn das ist mein Job.
Zuerst habe ich Schiss gehabt. Ich hasste mich. Ich wusste ja, ich kriege viel Geld dafür, dass ich die Schuld auf mich nehme, aber das fühlte sich entschieden nicht cool an. Dann kam ich zur Vernunft. Auf Seite 334 in Der ewige Quell von Ayn Rand stieß ich auf die Stelle, an der Howard Roark, keine Ahnung wieso, sich mit einer Gabel vor den Augen seines Cousins eigenhändig die Eier abreißt oder so was in der Art, ich weiß es nicht mehr genau, jedenfalls macht er irgendeine extrem kranke Scheiße, total lächerlich, aber am Ende zahlt es sich aus. Diese Stelle hat mich stark beeindruckt. Von da an – ich hatte vorher erst ein paar armselige Art Directors und Texter gefeuert, die über vierzig oder sogar schon über fünfzig waren – änderte sich meine Einstellung. Mir wurde klar, das Problem existiert nur in meinem Kopf, und wenn ich wirklich mal ehrlich zu mir war, musste ich mir eingestehen, dass Leutefeuern etwas Heroisches hat. Jagdfieber oder so. Ich hatte meine Beute in die Enge getrieben, ich hatte die Tante aus der Personalabteilung dabei (ich nenne sie Tante, aber sie ist nur wenig älter als ich, groß, anorektisch, lebt von Nüsschen, Kaffee und Wein), und ich hatte meinen Satz, den ich aufsagen musste. Sie hatte ihn mit mir zusammen formuliert und einstudiert: «Tut mir sehr leid, Ihnen das mitzuteilen, aber wir müssen Sie freistellen.» Der Satz war wie ein lautloses kleines Messer in meiner Hand, ein handbemaltes, maßangefertigtes Elefantengewehr, geladen und mit gespanntem Hahn. Ich brauchte nur den Mund zu öffnen, schon nahm das Schicksal seinen Lauf. Der Moment danach hing jedes Mal in der Luft wie ein Wölkchen Pulverdampf, und die Personaltante warf meiner zur Strecke gebrachten, mit kaltem Schweiß bedeckten Beute einen Blick voll falscher Anteilnahme zu, aber ich wusste, was sie tatsächlich dachte. Nämlich dass sie in der Gegenwart eines eiskalten Killers sein durfte, und das machte sie wahnsinnig an.
Sobald ich mich der schlichten Wahrheit über die menschliche Existenz ergeben hatte, begann ich die archaische Schönheit und offenkundige Freude des Tötungsaktes zu genießen und ging dazu über, ihn in ein kunstvolles Ritual zu verwandeln. Wobei der Vergleich mit einer Jagd eigentlich gar nicht passt, weil die Beute keine Chance hat, mir zu entkommen und zu überleben wie in der freien Wildbahn. Ein anderes Bild passt besser. Vergangenes Jahr habe ich eine Frau gedatet, ein Model, das in L. A. lebte, und wir sind ein langes Wochenende nach Barcelona geflogen. Am Sonntagnachmittag haben wir einen Stierkampf besucht. Sie hat heftig protestiert, weil PETA Stierkämpfe regelmäßig anprangert, und irgendwelchen Unsinn darüber abgespult, wie grausam dieser sogenannte Sport doch wäre. Ich habe ihr im Großen und Ganzen beigepflichtet, natürlich auch mit dem Hintergedanken, dass sie mir vor unserem Rückflug noch einmal einen bläst.
«Betrachte es anthropologisch», riet ich ihr, betrachte es als Fenster in eine andere Welt. Und es war wohl auch eine andere Welt, ein wenig wie – nun, wenn man an die Sorgfalt und Geduld denkt, mit der sich ein Serienmörder dem Körper seiner Opfer widmet, oder ein Pathologe der Obduktion eines Toten. Diese Vorgänge sind schrecklich und dabei zugleich ehrenvoll, wie eine Himmelsbestattung. Und der Stierkampf ist auch gar kein Sport, sondern ein Tanz, eine künstlerische Performance, die ihren Ursprung auf spanischen Rinderfarmen hat, habe ich mal im Internet gelesen, kann aber auch sein, dass ich mir das ausgedacht habe. Der Stier muss sowieso sterben, weil er Fleisch liefern soll, und so ehrt ihn der Matador im Grunde als Partner, indem er in der Arena sein Leben riskiert, bis er dem Tier schließlich den tödlichen Stoß versetzt, mit einem Sprung in die Luft, bei dem sein Unterleib den Hörnern des Stiers frontal ausgesetzt ist. Die Veranstaltung insgesamt war ziemlich schwul, aber irgendwie auch tiefgründig, fand ich.
So ähnlich begann ich auch über meinen Job zu denken. Klar, ich könnte einfach nur buchstabengetreu meinen Anweisungen folgen, sie in mein Büro rufen, bekümmert den Kopf schütteln, den Blick gesenkt halten, meinen Satz aufsagen, ihnen die Hand drücken, meine Hilfe dabei anbieten, für sie anderswo einen neuen Posten zu finden, eine völlig unsinnige Floskel, wie uns beiden nur zu bewusst wäre. Treffen wir uns bald mal auf einen Drink, Kumpel, Sie werden uns hier fehlen, die verfluchten Erbsenzähler haben mir die Hölle heißgemacht, uns bleibt leider keine andere Wahl, aber Sie sind ja nicht allein, und so weiter. Ich könnte sie so töten, wie Hühner in Schlachthöfen getötet werden, fabrikmäßig und unpersönlich, sodass sie gar nicht ahnen, was gespielt wird, bis zum Augenblick ihres Todes, wenn überhaupt, falls ein Huhn auch nur einen Begriff vom Tod hat, nicht wahr? Oder ich könnte sie mit der Kunstfertigkeit und Anmut und Würde einer wirklich guten commedia von der Bühne schicken, in einer grandiosen, langen, blutigen Szene voller Engel, Dämonen & Clowns. Sie können arg- und ahnungslose Verlierer sein oder Stars, das lag bei uns beiden, wir arbeiten hier zusammen als Team. Wobei ich allerdings das Ruder in der Hand hielt, mit meinem Zeitplan von Entlassungen, der sich über ein Jahr erstreckt. Outlook informierte mich, wenn wieder eine Einladung zum Gespräch fällig war. Outlook war meine faena, mein Schwert.
Ein Kennzeichen westlicher Industriegesellschaften ist die Segregation des Todes. Sterbende und Tote sind nicht länger Teil der normalen Lebenswirklichkeit, sondern werden in den Bereich der sogenannten Fachleute verbannt: Ärzte und Pflegekräfte, die Polizei, Bestatter, private Militärfirmen. Diese Abtrennung hat nach Auffassung mancher Philosophen zu Neurosen geführt, wenn nicht zu Psychosen. Die Untaten Nazi-Deutschlands kommen einem in den Sinn, wenn nicht sogar die gesamte Porno-Industrie. Worauf ich hinauswill? Ich hole den Tod aus den überbetäubten Randbereichen zurück ins Zentrum des Geschehens. Das ist meine Mission, meine Absicht, und sie geht weit über das bloße Zurechtstutzen der Kreativabteilung im Interesse der Shareholder der Holdinggesellschaft hinaus, der die Holdinggesellschaft gehört, der wiederum der Laden gehört, bei dem ich beschäftigt bin. Ich überzeichne und ritualisiere die Methoden, wie Unternehmen Leute entlassen. Für die gesamte Menschheit, für die Nachwelt: Ich habe eine neue Kunstform erschaffen.
In erster Linie aber will ich mir meinen Bonus verdienen.
Nachdem ich beim Concierge-Dienst angerufen habe, damit jemand die Kotze der Praktikantin aufwischt, und ich meinen tibetischen Teppich, Dalai-Lama-Edition, Kostenpunkt: achthundert Dollar, in den Müll geworfen habe, bringt mich der Fahrservice um kurz vor acht zur Agentur. Ich quittiere dem Fahrer den Beleg und betrete das Gebäude, halte kurz meinen Ausweis hoch, als ich an den Sicherheitskameras und Monitoren und dem Schild vorbeikomme, auf dem steht: SIE WERDEN VON 26 VIDEOKAMERAS GLEICHZEITIG GEFILMT. Ich habe nicht länger als eine halbe Stunde geschlafen, fühle mich aber nicht so. Ich fühle mich gut, ich fühle mich sogar glänzend, schließlich bin ich immer noch ziemlich high. Mir ist klar, dass es heute irgendwann später noch unangenehm wird, wenn ich den Leuten von der Videoagentur, bei der sie arbeitet, eröffne, dass wir unsere Aufträge künftig anderweitig vergeben werden, weil «ihre Arbeit unterdurchschnittlich ist», aber damit muss ich mich jetzt noch nicht auseinandersetzen. Ich gehe in mein Büro und schließe die Glastür, um mir ungestört auf iTunes diesen Girl-Talk-Remix eines Deadmau5-Tracks anzuhören, produziert von Pretty Lights und re-remixed von Devon Aoki. Das habe ich jetzt erfunden, aber irgendwie so ähnlich. Ich finde diese sogenannte Musik natürlich nur gut, weil es sich um Bootlegs handelt, die mir eine Musikfirma (namens Earwig) zugeschickt hat, die gern mit uns ins Geschäft kommen würde. Mit anderen Worten, ich gehöre zu einer Handvoll Auserwählter auf der ganzen Welt, die diese Tracks schon haben, und das schmeichelt natürlich meinem Ego, klar. Obwohl diese Geschichte, dass es sich um seltene Bootlegs handelt, vermutlich bloß ein Märchen der Musikfirma ist, damit ich mich unheimlich toll fühle und dann später für sie entsprechend mehr Geld herausspringt. Alles ist Verführung, alles ist Erotik letzten Endes, sogar der Passcode für einen Download von einer FTP-Website. Ich setze meine Beats-by-Dr.-Dre-Kopfhörer auf und höre mir den Track an. Er ist scheißlangweilig.
Alle Arten von Unterhaltungsprodukten haben einen sehr einfachen Daseinszweck, einen schlichten Nutzen für den Verbraucher. Bei genauer Betrachtung erkennt man, dass gewisse Dinge nur existieren, um einem zum Beispiel Angst einzujagen, sodass man indirekt Todesfurcht empfinden und sie in der (relativen) Sicherheit eines Kinosaals überleben kann, wobei der Endorphinschub ebenso Teil der Erfahrung ist wie das Popcorn. Millionen von Jahren lebte der Mensch in der Wildnis in beständiger Furcht, denn in der Dunkelheit lauerten wirkliche Ungeheuer, die einem den Kopf abrissen und ihn auffraßen, während die Augen noch funktionierten. Und auch heutzutage brauchen wir hin und wieder Nervenkitzel, damit diese Ur-Affekte nicht verkümmern. Nur dafür gibt es die Milliarden-Dollar-Industrie namens Filmgeschäft, nicht zu verwechseln mit jener anderen angstbasierten Industrie namens Politik. Oder nehmen wir die Musik, Gangsta Rap, der ultimative Gewinn hiervon ist, dass man sich beim Anhören sexuell aufgeladen fühlt, aber wenn man, wie ich, weiß ist und in der Vorstadt aufgewachsen, ist Angst wieder ein Faktor: Auch hier kann ich sie in der Sicherheit meiner vier Wände oder meines Autos erleben, ohne mich der rauen Wirklichkeit auf den Straßen aussetzen zu müssen. Diese Musik regt die Testosteronproduktion an, nicht anders als jene Pflaster, die sich Männer unter den Arm kleben sollen, die keine Eier mehr haben. Ein anderer Hauptnutzen von Unterhaltungsprodukten besteht in Wunscherfüllung und Stressabbau (bei Comedy zum Beispiel).
Mein Terminkalender ist heute nicht besonders voll. Ein paar langweilige Meetings, bei denen ich einigen der am wenigsten talentierten Kreativen unserer Branche zuhöre, während sie versuchen, mich mit ihren grauenhaften sogenannten Ideen zu beeindrucken, und ich werde nicken und so tun, als würde ich sie alle hassen, und Sätze äußern wie: «Denken Sie ernsthaft, dass das das Beste ist, das Sie hinbekommen?», oder: «Glauben Sie, solch eine Arbeit hilft Ihnen, Ihren Job zu behalten?» Und alle werden auf haargenau dieselbe Art reagieren, erst eine Weile herumdrucksen und dann schließlich zustimmen, dass es wohl noch eine bessere Idee gibt, irgendwo da draußen, und dann werde ich sie einfach nur anstarren, voll gespielter Verachtung für ihr vergebliches Ringen um Größe, die uns allen im Grunde ziemlich egal ist.
«Wenn das gar nicht Ihre allerbeste Arbeit ist, warum zeigen Sie sie mir dann?»
«Wenn Sie an meiner Stelle wären, was würden Sie zu sich sagen?»
Auf diese Frage bekam ich nie eine Antwort. Dass meine Verachtung nicht nur gespielt war, haben sie, glaube ich, gar nicht durchschaut. Und damit will ich nicht sagen, dass sie ganz echt war, das meiste davon war gespielt. Dabei verachte ich sie tatsächlich, was aber nichts mit ihren Fähigkeiten als Werber zu tun hat, denn das, was sie mir vorlegten, nahm ich kaum zur Kenntnis. Ihre Arbeit ist mir egal. Nein, ich verachte sie, weil ich diese gesamte Branche verachte, mich eingeschlossen. Manche Autoren von Wirtschaftsbüchern schreiben, dass man Leute nicht motiviert, indem man sie fertigmacht, aber ich wollte sie auch gar nicht motivieren, sondern, ganz im Gegenteil, demotivieren. Die Hälfte von ihnen müsste ich ohnehin feuern, warum also sollte ich Wert darauf legen, dass sie einen guten Job machen? Warum sollte ich ihre Kinder kennenlernen wollen? Andererseits, wenn ich sie motivieren würde und sie tatsächlich bessere Arbeit abliefern, um sie dann zu feuern, das wäre für sie noch verwirrender und würde den Absurditäts-Kick des Ganzen noch steigern, für mich & das Universum überhaupt. Vermutlich spare ich mir die Mühe, sie zu motivieren, weil ich einfach zu faul bin, mich darum zu kümmern, dass das Leiden oder der dramatische Bogen bei allen Akteuren voll ausgereizt wird. Schließlich geht es hier nicht um mich, ich bin nicht der Dreh- und Angelpunkt des Universums, ich bin bloß ein Rädchen im Getriebe.
Gegen dreizehn Uhr gehe ich zu Faco, einem mediterranen Fischrestaurant, dessen Spezialität Schalentiere aus der Ägäis sind, die in Holzöfen zubereitet werden. Es liegt gleich bei der Agentur. Ich setze mich an den Tresen, bestelle mir den kurz gebratenen Tintenfisch mit überbackenem Spinat und eine Flasche Sancerre zu 124 Dollar. Ich habe meinen Laptop dabei und überfliege wieder einmal den Anfang meines Drehbuchs. Er ist wirklich scheiße. Ich starre den Tintenfisch an, esse aber aus irgendeinem Grund keinen einzigen Bissen, vielleicht, weil mir das Gewusel der Kellner um mich herum so auf die Nerven geht, die eine schleimerische Phantasie verbreiten: Hey, mal hersehen, wir sind hier doch alle Milliardäre. Der Wein, der Schlafmangel, meine Gedanken, die sich immer wieder zu der vergangenen Nacht verirren, all das macht mich unkonzentriert, ich schreibe keine einzige Zeile. Ich stehe auf und lasse 44 % Trinkgeld zurück. Als ich fast schon draußen bin, summt mein iPhone, und ich sehe, dass ich eine SMS von einer unbekannten New Yorker Nummer habe.
hey
kann mich leider an kaum was erinnern
entschuldigung wegen der !@#$!
bist du mir böse?
Woher hat die meine Nummer? Ich lösche die SMS. Vielleicht hatte sie mein Telefon in der Hand, als sie bei mir war. Ich erinnere mich dunkel, es auf meinen Ligne-Roset-Esstisch gelegt zu haben, wo sie es gesehen haben könnte, aber sie wirkte viel zu betrunken, um sich eine Zehn-Ziffern-Nummer zu merken. Wieso pikst mich plötzlich diese Geilheit? Ich rufe meine Assistentin an, und sie stellt mich zum Chef aller Produktioner durch, Tom Bridge. Ich weise Tom an, er soll der Videoagentur dieser Praktikantin nach Abschluss der Viva-Sache den Stecker ziehen, und wenn sie nach dem Warum fragen, sag denen, wegen der gottverfluchten Scheiß-Wirtschaftslage.
Henry Grahams Name stand schon von meinem ersten Tag an auf der Abschussliste. Wegen seiner guten Beziehungen zu einem unserer mittelgroßen Kunden war die Sache heikel. Also einigten die Personaltante und ich uns darauf, ihn erst in sechs Monaten zu feuern, und wir trugen den Termin in das Arbeitsblatt bei Google Docs und in den Outlook-Kalender ein. Bis dahin konnten wir uns auch einen Grund einfallen lassen, abgesehen von der Tatsache, dass er achtundvierzig Jahre alt war, seit Jahren bei Tate arbeitete und sich dem Zeitpunkt näherte, ab dem er Anspruch auf eine kleine Pension hatte. Teil meines Auftrags war es, zu verhindern, dass weitere Mitarbeiter ihren Zuteilungsstichtag erreichten. Kurz nach meiner Einstellung hatte ich mich mit der Personaltante zusammengesetzt, um alles mit ihr durchzurechnen. Wir erstellten eine Tabelle mit allen Mitarbeitern der Abteilung – damals waren es 86, eine Zahl, die mir heute komisch vorkommt – und entschieden dann, wer bleiben und wer im kommenden Fiskaljahr rausfliegen sollte. Um meinen Bonus zu bekommen, musste ich die Abteilung um mindestens 50 % verkleinern. Das macht 43 Leute. Damals war ich froh, dass wir von einer geraden Zahl ausgingen, da es wohl schwierig geworden wäre, eine halbe Person zu feuern, obwohl im Grunde ja alle, die über längere Zeit in dieser Branche arbeiteten, ohnehin nur noch halbe Menschen waren. Dann erstellten wir einen Zeitplan, der vier Entlassungen pro Monat vorsah, damit müssten wir ungefähr hinkommen. Bei der Auswahl der Termine achteten wir darauf, es möglichst wahllos aussehen zu lassen. So konnten wir uns darauf berufen, dass es sich um eine Anweisung von ganz oben handelte, dass irgendein Kunde entschieden hatte, seinen Etat zu kürzen, und so weiter. Durch wiederholtes tiefes Seufzen machten wir uns vor, dass es eine schwierige Aufgabe war, die uns beiden echt nicht leichtfiel. Hinterher gingen wir aus, gönnten uns ein gutes Essen und ein gepflegtes Komabesäufnis und ließen uns vom Limousinenservice nach Hause bringen, alles auf Spesen natürlich, weil diese Arbeit uns ja so viel abverlangte.
Henry hatte eine ziemlich interessante Biographie, ein Mann mit neun Leben, könnte man sagen, bis er mir begegnete, und ich habe dem dann wohl ein Ende gesetzt. Er hat schon als Jugendlicher geschauspielert, Schultheater, Musicals und so weiter, und dann ging er nach Hollywood, wo es für ihn eine Zeitlang ganz gut lief. Er hat in einer ganzen Reihe Spielfilme und Fernsehserien mitgewirkt, hatte sogar die eine oder andere Szene an der Seite wirklich namhafter Größen. James Spader, zum Beispiel. Aber Henry stammte aus einem Trailerpark in Florida, und sobald er einen kleinen Fetzen Ruhm abgekriegt und ein bisschen Geld verdient hatte, hat er in seinen Zwanzigern alles durch die Nase gezogen. Klar, er hatte jede Menge Sex und wirklich viel Spaß, doch als er dann anfing, high am Drehort aufzutauchen, waren seine Tage gezählt. Er war ein zu kleines Licht, um damit über längere Zeit durchzukommen. Als er es dann auch noch wagte, einen Produzenten abzuweisen, der ihn nur für einen netten Zeitvertreib sexueller Natur engagiert hatte, war seine Karriere endgültig beendet. Henry zufolge hat sich so ziemlich jeder heterosexuelle männliche Star in Hollywood irgendwann in seiner Karriere einmal der schwulen Mafia unterwerfen müssen, um an Arbeit zu kommen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass derartige Behauptungen extrem homophob seien, möglicherweise sogar gegen die Verhaltensrichtlinien der Agentur verstießen, und dann lachten wir zusammen, und ich bestellte ihm einen Drink.
All das habe ich übrigens erfahren, als ich Henry einmal zum Abendessen einlud und ihn dazu brachte, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. Erst wollte er nichts trinken, aber ich nötigte ihn förmlich. Wir sollten Freunde sein, erklärte ich, was ihn ziemlich überrascht haben dürfte, da er wohl, völlig zutreffend, ahnte, dass auch er demnächst abgesägt würde.
Henry jedenfalls, um zu seiner Geschichte zurückzukehren, saß auf einmal in L. A. auf dem Trockenen, ohne Karriere, ohne Geld und ohne Freunde. Dann lernte er Victoria kennen. Victoria war ein ehemaliges Model und angehende Ernährungsberaterin. Sie hatte einen ähnlichen Weg wie Henry hinter sich und wusste, wo dieser Weg hinführte. Nachdem sie zum Junkie abgestiegen war, wohnte sie bei einem gewalttätigen Clubbesitzer in Miami, der sie regelmäßig verprügelte, bis sie endlich die Kraft fand abzuhauen. Sie ging dahin, wo alle misshandelten Möchtegernmodels, die an der Nadel hängen, hingehen: L. A. Dort stürzte sie sich in so eine Kohlsaft-und-Kabeljauöl-Diät-Sache, die ihr, davon ist sie überzeugt, das Leben gerettet hat. Als sie Henry kennenlernte, machte sie gerade an einem dieser Institute, die ihren Sitz im ersten Stock eines Gebäudes an der Melrose Avenue haben, ihre Ausbildung zur Diplom-Ernährungsberaterin und kellnerte in einer Saftbar, in die er eines Tages betrunken hineinspazierte, um das WC zu benutzen, weil er zu der Zeit in seinem Auto lebte. Er schlief auf der Toilette ein, und Victoria musste die Tür aufbrechen, weil ihre Kolleginnen befürchteten, dass da drinnen jemand gestorben sein könnte. Als sie Henry komatös vorfand, rief sie den Notarzt und begleitete ihn ins Krankenhaus. Alles Weitere ist leicht zu erraten. Henry zog bei Victoria ein, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen, und aus den beiden wurde ein Liebespaar. Es ist eine wunderschöne Geschichte, so schön, dass ich größte Lust bekam, ihn auf der Stelle zu feuern, als er sie mir erzählte.
Henrys viertes Leben fing an, als er und Victoria nach New York umzogen, damit er sich seiner wahren Leidenschaft widmen konnte: der Kunst. Die beiden hausten in Brooklyn, vierter Stock ohne Aufzug. Victoria arbeitete in einem Bioladen und versuchte gleichzeitig, ihre Praxis für Ernährungsberatung ans Laufen zu kriegen, nur um festzustellen, dass gesunde Ernährung den New Yorkern am Arsch vorbeiging. Und auch Henry hatte nicht den Hauch einer Chance in der Kunstwelt, da er leider nicht einer wohlhabenden Familie von der Ostküste oder aus Europa entstammte und folglich nicht über die entsprechenden Verbindungen zu Leuten mit bergeweise Schotter verfügte. Und so entdeckte Henry in sich eine edle Ader, von deren Existenz er wohl selbst nichts geahnt hatte, und er beschloss, noch einmal zu studieren. Weil er Sinn für Gestaltung hatte – seine Bilder sind übrigens gar nicht übel, wenn auch seltsam verschwommen, die auf seiner Website jedenfalls –, schrieb er sich für einen dieser Graphik-Design-Studiengänge an der School of Visual Arts ein. Zwei Jahre lang studierte er Werbung und fand es schrecklich, biss aber die Zähne zusammen und zog die Sache durch, weil es nun einmal sein musste.
Im für diese Branche wirklich schon verdammt vorgerückten Alter von vierunddreißig Jahren ergattert Henry also wie durch ein Wunder einen Job als Junior Art Director hier bei Tate, und das ermöglicht ihm und Victoria endlich ein halbwegs anständiges Leben. Vierzehn Jahre später hat er es bis zum Associate Creative Director gebracht und verdient nicht schlecht, tatsächlich trägt er zum Zeitpunkt seiner Entlassung 184000 Dollar im Jahr nach Hause. Der Allstate-Versicherungen-Account war sein Baby – keine aufregende Werbung, wirklich nicht, doch dem Kunden gefallen seine verschnarchten Testimonials nun mal. Die Kampagne schneidet auch am Markt gut ab, aber das ist ja nicht der Punkt. Der Punkt ist, Henry war alt und trug Dockers-Hosen mit Bügelfalte, was ich ihm verboten hatte – aber er tat’s trotzdem.
Eröffnet wurde der Tanz mit der Mitteilung, dass er Gefahr lief, gefeuert zu werden. Ein in Personalerkreisen ganz übliches Verfahren, das ich allerdings auf eine völlig andere Ebene hob. Man konnte schlecht zu jemandem hingehen und sagen: «Egal was Sie tun – Sie fliegen in drei Monaten raus», weil der Betreffende danach im Büro noch jede Menge Ärger machen könnte, womöglich sogar eine Klage gegen die Firma anstrengen, von der negativen Energie, die er in dieser Zeit verbreitet, ganz zu schweigen. Und gleichzeitig will man auch nicht zu jemandem sagen: «Sie leisten ausgezeichnete Arbeit, machen Sie sich keine Sorgen», weil der Betreffende dann wegen rechtswidriger Entlassung, aus Altersgründen oder was auch immer, klagen könnte. Nein, man sollte anders vorgehen, rücksichtsvoll. Dem Entlassungskandidaten zunächst einen Wink geben, dass sich ein Sturm zusammenbraut, damit er Gelegenheit hat, sich nach einer anderen Stelle umzusehen (wenig wahrscheinlich, aber hoffen darf man ja), und ihm schließlich aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung, zu einem schnellen, unerbittlichen Abgang aus der Scheiß-Show verhelfen.
Eines Tages also, als ich unweit vom Aquarium, dem Großraumbüro der Kreativen, gerade auf den Aufzug wartete, stellte Henry sich neben mich, nickte mir so halb Reagan-mäßig zu und lächelte ernst. Da wusste ich, dies war der Moment, um anzufangen. Er sagte, Morgen, Eric!, oder etwas ähnlich Sinnloses. Und an jedem anderen Tag hätte ich nun gefragt, wie es mit Allstate so lief, wann war noch mal diese Kundenpräsentation? Um Interesse zu heucheln und so zu tun, als wäre ich nüchtern, als wüsste ich Bescheid und würde Anteil an dem nehmen, was verdammt noch mal in meiner Abteilung so lief. Und dann würde der Aufzug kommen, und wenn dann einer von uns nach ein paar Etagen ausstieg, würde ich zum Abschied sagen, halt mich auf dem Laufenden oder so etwas in der Art. Henry würde mit dem Gedanken den Aufzug verlassen, gerade einige wertvolle Momente mit dem Chief Ideas Officer verbracht zu haben. Wahrscheinlich würde er es sogar im Kreis seiner dümmlichen Mitarbeiter erwähnen und eine Bemerkung machen wie, na ja, Eric und ich, wir haben uns heute Morgen unterhalten etc., das klingt ja so, als fände er immer ein offenes Ohr bei mir, als wären wir ganz dicke, er und ich.
Doch jetzt stand ich einfach nur da und ignorierte ihn. Sah ihn nicht an, hob lediglich kurz den Blick, zum Zeichen, dass ich seinen Gruß zwar gehört hatte, aber nicht beabsichtigte, ihn zu erwidern. «Morgen, Alter!», sagte er noch einmal, umsonst, ich blickte weiter stur geradeaus. Auch ohne ihn anzusehen, merkte ich, dass er kurz erschrocken war, sich aber dann sofort einredete, dass ich ihn eben nicht gehört hatte, obwohl ihm klar war, dass das nicht stimmte. Verdrängung nennt man das wohl. Schließlich kam der Aufzug, und wir stiegen ein und fuhren zusammen runter, schweigend, wie ehemalige Bekannte, die nicht mehr miteinander reden.
Und damit ging es los.
Nach diesem Vorfall war Henry im Umgang mit mir, wie nicht anders zu erwarten, etwas angespannt. Bei Meetings war er nun stets als Erster da. Ich tauchte in der Regel fünfzehn bis zwanzig Minuten zu spät auf, egal zu welchem Anlass. Teils, weil in der Werbung die Kreativen immer zu spät kamen, teils, weil ich eben der Chef war und Chefsein unter anderem bedeutet, dass die anderen auf einen warten müssen. Eines Nachmittags, als Henry sich verlegen vor meiner offenen Bürotür herumdrückte, fragte ich ihn, was er wolle.
«Haben wir jetzt nicht den Termin wegen Swiffer?», erwiderte er. Ohne den Blick vom Bildschirm zu heben, fragte ich: «Arbeitest du an der Sache?»
«Ja. Du hattest mich doch aufgefordert, etwas für die Kampagne beizusteuern, bis heute Morgen sollte ich ein paar Ideen vorbereiten, also habe ich das Wochenende über daran gearbeitet», quiekte er. Durch das Anheben der Stimme um eine halbe Oktave oder mehr soll ein überlegener Gegner davon abgehalten werden, anzugreifen.
«Tja, dürfte sich ja wohl kaum lohnen, noch mehr Mist auf diesen speziellen Misthaufen zu kippen», sagte ich mit einem kumpelhaften Lachen.
«Dann fällt die Besprechung also flach?», murmelte er. Ich sagte nichts, und sagte es, ohne ihn anzuschauen. Ich tat so, als schaute ich auf den Bildschirm, sah ihn aber aus dem Augenwinkel, draußen vor meinem Büro. Er war auf einmal wie erstarrt, und sein Gesichtsausdruck schwankte zwischen Verwirrung und Panik, während er zu Boden sah.
Ja, wollte ich zu ihm sagen, das passiert wirklich, und das passiert jetzt und hier. Aber das durfte ich nicht, aus rechtlichen Gründen. Und dann, als hätte er meine Gedanken gelesen, zog er wortlos ab.
Nach dem Vorfall ließ ich einige Wochen verstreichen, zum einen, um ihn eine Zeitlang seiner diffusen Angst zu überlassen, aber auch, um in ihm die falsche Hoffnung zu nähren, dass diese seltsame Atmosphäre vielleicht nun einfach vorbei war. Im Internet hatte ich gelesen, dass man die toros bewusst in einer ruhigen, friedlichen Umgebung aufwachsen lässt. Wenn ihnen dann in der Arena die erste banderilla in den Nacken gerammt wird, wenn sie zu bluten anfangen und ihnen das Blut in die Augen strömt, und ringsumher schreien und johlen Tausende Zuschauer, nachdem diese Stiere niemals mit mehr als zwei oder drei Menschen in Kontakt gekommen sind, sind sie unfähig, angemessen zu reagieren und für den Torero entsprechend weniger gefährlich. Ich ließ Henry von meiner Assistentin in mein Büro bestellen. Zehn Minuten vor unserer Besprechung verließ ich die Agentur, um spazieren zu gehen. Kann sein, dass ich irgendwo einen Happen essen war, das weiß ich nicht mehr. Als ich drei Stunden später zurückkam, sagte mir meine Assistentin, dass Henry gewartet hat, und ich sagte bloß: «Ja, ich weiß.» Am nächsten Tag bestellte ich Henry wieder in mein Büro, und diesmal ließ ich ihn nicht hängen. Ich schaute ihm in die Augen und eröffnete ihm, dass er nicht länger für den Allstate-Account zuständig sei. Er war wie betäubt. Damit hatte er nicht gerechnet. Mir ging es, offen gesagt, nicht anders, diese Ansage war mir ganz spontan eingefallen. Schließlich fragte er: «Wieso?», und ich erzählte ihm, der Kunde habe den Wunsch nach einem neuen, frischen Kopf geäußert, und dass ich diesen Schritt sogar begrüßte, weil Henry dadurch für andere Aufgaben zur Verfügung stünde.
«Was für Aufgaben?», fragte er. Das wüsste ich noch nicht, erwiderte ich, ich würde mir die Sache aber durch den Kopf gehen lassen und mich wieder bei ihm melden.
Ab da musste er wissen, dass er rausfliegen würde. Bis dahin aber waren es noch fast zwei Monate. Ein paar Wochen lang redete ich nicht mit ihm. Ich sah zu, wie er morgens in die Agentur kam, sich in seine Arbeitsnische setzte, im Internet surfte und beschäftigt tat. Hin und wieder bekam ich mit, wie er um die anderen Creative Directors herumschlich, sie fragte, ob sie vielleicht Hilfe brauchten, aber alle spürten, dass er demnächst entlassen würde, und gingen ihm aus dem Weg, wie das in Unternehmen eben üblich ist, wenn jemand in Ungnade gefallen ist. Wochenlang wurde ihm jeder Blickkontakt verweigert, niemand erwiderte seinen Gruß, nicht mal im Flur. Es war, als litte er im wahrsten Sinne des Wortes an einer tödlichen, ansteckenden Krankheit, und in der Hoffnung, ihn zu überleben, ächtete man ihn.
Eines Tages dann hatte ich einen neuen Geistesblitz. Ich zitierte Henry zu mir und fragte ihn, woran er gerade arbeitete. Er ließ sich seinen Schock nicht anmerken und erklärte, er bemühe sich gerade um einen demnächst anstehenden Pitch bei einem Neukunden, von dem er gehört hätte. «Mit anderen Worten, du arbeitest momentan an gar nichts?», fragte ich, eine Spur entgeistert. Ja, erwiderte er, er sei derzeit so ziemlich offen für alles und würde gerne alles machen, was ich ihm über den Tisch schob. Erst nach längerem, bedeutungsvollen Schweigen teilte ich ihm mit, dass ich sein Gehalt kaum rechtfertigen könnte, wenn er derzeit null Umsatz erwirtschaftete. Er saß da, mit einem vor Angst eingefrorenen Grinsen. Er sollte für die Agentur Neukunden akquirieren, sagte ich. Ob er nicht irgendwelche Beziehungen hätte? Er werde darüber nachdenken, sagte er. Bei dem Besäufnis vor einigen Wochen hatte er mir ein paar interessante Dinge verraten. Erstens, dass er und seine Frau getrennt waren, und zweitens, dass sie in einer Wohnung an der Upper West Side wohnte, die früher mal dem Schauspieler Harvey Keitel gehört hatte, den sie damals in L. A. kurz gedatet und dem sie über eine schwierige Phase hinweggeholfen hatte.
«Deine Frau macht doch in Gesundkost?» Vielleicht könnten wir ein paar Werbespots für sie drehen, mit ihrem Freund Harvey Keitel? Dem Prestige der Agentur würde das auf keinen Fall schaden. Henry pflichtete mir eifrig bei und sagte, er werde mit seiner Ex reden. Unser Totentanz ging weiter.
Henry rief seine Ex an und erklärte ihr, dass er gefeuert würde, wenn er nicht bald einen neuen Auftrag für die Agentur an Land zog. Sie war einverstanden, er sollte ihr ein offizielles Angebot über die Produktion einiger Online-Spots für ihre Ernährungsberatungsfirma Newtritionals LLC
